Kantor, Tadeusz, poln. Maler, Szenograph, Regisseur, Happening-Künstler, Kunsttheoretiker, *6.4.1915 Wielopole Skrzyńskie b. Rzeszów, †8.12.1990 Krakau.
Kantor, Tadeusz
Stud.: 1934-39 ABK, Krakau, bei Karol Frycz und Zbigniew Pronaszko. Lehrtätigkeit ebd.: 1948-49 Höhere KSch; 1967-69 ABK. 1942-44 betrieb er das konspirative Theater der Unabhängigen, in dem Prominente aus dem Bereich der Kultur wie M.Porębski, T.Brzozowski und J.Kraupe auftraten. Nach dem Krieg Wortführer der Grupa Młodych Plastyków (Gruppe junger Künstler). Mitbegr. (mit Maria Jarema) des Theaters Cricot 2 (1955) und der Gal. Krzysztofory. 1957 erster Vors. der II Grupa Krakowska. In den 1950er Jahren zahlr. Bühnen- und Kostümentwürfe für professionelle Theater. Ausz.: 1967 2. Preis, Bienn., São Paulo; 1968 Premio Marzotto, Rom; 1978 Rembrandt-Preis, Goethe-Stiftung, Basel; 1979, '82, '86 Village Voice Off-Broadway Award (OBIE), New York; 1981 Preis des Ministers für Kultur und Kunst; 1982 Kommandeurskreuz des Ordens der Wiedergeburt Polens; 1985 Légion d'honneur; 1988 Staatspreis 1. Kl.; 1990 Prix Pirandello; Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. - K. ist ein überaus vielseitiger Künstler, herausragender Vertreter der poln. Avantgarde und wichtigste Persönlichkeit der Krakauer Kunstszene nach dem 2. WK. Als charismatischer Kulturvermittler inspiriert er zahlr. Ausst. (u.a. 1948 die berühmte Ausst. Mod. Kunst) und Initiativen der poln. Avantgardeszene. In der sozialistischen Ära sorgt er für Verbindungen von poln. zu westlichen Kunst- und Kulturzentren sowie für die Verbreitung der neuesten internat. Kunstströmungen in Polen, die er auf Reisen und durch zahlr. Kontakte kennengelernt hat und von denen auch seine Malerei geprägt ist: Die Metaphorischen Bilder (1947-52), Informel (1955-60), Emballagen (1960er Jahre) sowie der Zyklus Alles hängt an einem Faden (1973) orientieren sich an Tachismus, Konzeptualismus, Pop-Art bzw. Materialkunst. Neben der parallel verlaufenden Theaterarbeit behandelt er die Malerei als "Erprobungsgelände" und Gedankenlabor. Wie auch die Environments oder Happenings (bez. als "cricotages") tragen die Gem. seinen unverkennbar individuellen Stil. Seine künstlerische Haltung und die Prinzipien der einzelnen Theaterperioden legt er in suggestiven, poetischen Manifesten und Kommentaren dar. Eine der grundlegenden Ideen in den Bereichen Malerei und Theater ist die Vorstellung von der "armseligen Materie" oder der "Realität des niedrigsten Ranges". K. integriert gewöhnliche, schadhafte Gegenstände oder Abfälle wie alte Säcke, Lumpen, Kuverts, abgenutzte Kleidung in die Bilder, die er mit einem Farbüberzug und malerischen Kommentaren versieht. Wie auch bei den Theaterinszenierungen herrscht ein eingeschränktes Spektrum natürlicher Töne (Grau, Beige, Bronze) vor, verblichene Farben wie auf alten Fotografien. Vermoderte, zerfetzte Stoffe, morsche Tafeln, alles wie mit Schimmel bedeckt und aschgrau, die dem Verfall preisgegebene Materie sind künstlerische Ausdrucksmittel für die Vergegenwärtigung des Todeszustandes. Zu K.s künstlerischen Inventionen gehört auch die Emballage: eine umfassende Metapher, die bis hin zum Verborgenen reicht. "Der Vorgang des Verpackens selbst birgt in sich das sehr menschliche Bedürfnis und den Trieb zum Aufbewahren, Isolieren, Überdauern, wie auch den Hauch des Unbekannten und des Geheimnisses" (K., in: Emballages [K MSZ], Łódź 1975). Er verpackt sowohl Gegenstände auf den Gem. als auch Schauspieler auf der Bühne. So entstehen "konzeptuelle" und "museale Emballagen", mit denen - wie bei der Infantin von Velázquez (1966-70) oder in der Emballage des Preußischen Lehnseides (1975) - K. "das museale Prestige kompromittiert". Hervorgehoben wurden vielfach die Integrität von K.s Werk, die ständige Überschreitung von Konventionen und eine ganz eig. Austauschbarkeit von Wirklichkeiten, der auf der Lw. gemalten, auf der Bühne gespielten und der realen, in Bildern des Gedächtnisses heraufbeschworenen. Gem. der Spätphase (Zyklus Weiter kommt nichts mehr, 1987, mit an der Lw. befestigten Attrappen von Kleiderpuppen; Ser. von Selbstbildnissen Ich stürze verflucht hinab!, 1989) offenbaren die Vieldeutigkeit seines Werkes: den Dialog mit der europ. Malerei (Velázquez, Goya, Chagall), Reflexionen über die Durchdringung von Kunst und Leben sowie über die unmögliche Trennung von Realität und Vorstellung. In diesen lyrischen, sentimentalen und autobiografschen Bildern kehrt er nach Jahren avantgardistischen Experimentierens zu den symbolischen, emotionalen Funktionen der Malerei zurück. Weltruhm erlangt K. als Theaterkünstler mit dem avantgardistischen Theater Cricot 2. Die Stücke entsprechen den Perioden der Malerei und seinen jeweiligen Neigungen (Theater Informel, Nullpunkt-Theater, Happening-Theater, Unmögliches Theater). Die ersten Aufführungen im Cricot sind frei interpretierte Stücke von S.I. Witkiewicz (u.a. W małym dworku, 1961; Wariat i zakonnica, 1963). Beginnend mit der Toten Klasse (1975), die die Periode des Theaters des Todes einleitet, werden fortan Eigenschöpfungen von K. aufgeführt. Mit der Toten Klasse hat sich K. entschlossen, "die Schnellstraße der Avantgarde zu verlassen, um den Friedhofspfad einzuschlagen" (nach K., in: "Teatr Śmierci" ..., Wr./Kraków 2004, 16), spricht nicht mehr von Experiment, sondern nur noch vom "armseligen Kämmerchen der Vorstellungen". Er löst sich von aktuellen Kunsttendenzen und kehrt "nach Hause" zurück, zu sich, Kindheitserinnerungen, zur Atmosphäre der Vorkriegszeit und der galizischen Kleinstadt, wobei er sich immer deutlicher auf die poln.-romantische Trad. bezieht und auch auf der Bühne die emotionale, anrührende Seite der Kunst hervorhebt: "Ich möchte, dass sie schauen und weinen" wiederholte K. mehrfach. Die außergewöhnliche Konzeption des "Theater des Todes" beruht darauf, Mechanismen des Gedächtnisses künstlerisch durch Sequenzen irrealer Bilder, Erinnerungsbruchstücke, wiederkehrende obsessive Szenen, absurde Situationen zu illustrieren. Das Gewirr schmerzlicher Erschütterungen und vermessener Sehnsüchte, merkwürdige Bruchteile von Erinnerungen, die physische Existenz von Gedächtnis und Vorstellungen, das Denken und Fühlen in Bildern - all das vermag K. auf der Bühne zu veranschaulichen. Er kreiert einen ungewöhnlich expressiven, suggestiven Raum, in dem sich Lebende und Tote mischen, wo die verschämtesten Wünsche und grausamsten Erlebnisse zu Tage treten: Krieg, Liebe, Verbrechen, Angst, Hass. Die wie in verblichenen Aufnahmen aus einem Familienalbum aufscheinende eig. Biogr. ist verwoben mit der Gesch.; Volksmythen, priv. Obsessionen kehren als quälender Widerhall wie in einem Vexierspiegel wieder. Die weiteren Aufführungen des Theaters des Todes orientieren sich an klass. Theater-Trad.: der antiken griech. Bühne, des archaischen jap. Nô, an liturgischen und zeremoniellen Formen, aber auch an Spektakeln wie Zirkus, Boulevardtheater, Comedia dell’arte, wo immer dieselben, durch Konvention kanonisierten Figuren typische dramatische Situationen darstellen, die Abläufe und Gefühle der realen Welt illustrieren. Die emotional dichten Aufführungen von K. arbeiten mit Pantomime, der eindrücklichen Wirkung von Musik, Puppen und absurden Maschinerien. In den 1980er Jahren ist Cricot 2 auf einer großen weltweiten Tournee unterwegs und realisiert mehrere Premieren, die teilw. auch im Ausland (Florenz und Nürnberg) vorbereitet werden: Wielopole, Wielopole (1980); Die Künstler sollen krepieren (1985); Ich kehre hierher nie mehr zurück (1988); das letzte Stück, Heute ist mein Geburtstag, mit einer symbolischen Szene vom Begräbnis des Künstlers, hat nach K.s Tod im Jan. 1991 in Frankreich Premiere. - Das auf K.s Initiative in Krakau 1980 gegr. Ośrodek Dokumentacji Sztuki Tadeusza Kantora Cricoteka (urspr. Ośrodek Teatru Cricot 2) widmet sich der Dokumentation und Rezeption von K.s Schaffen und beaufsichtigt seit 2009 den Bau des Tadeusz-Kantor-Mus. und des neuen Sitzes der Cricoteka (ausführliche Website, u.a. mit Verz. der Filme, die K.s Schaffen dokumentieren).
Le théâtre de la mort, Lausanne 1977, 1985; Wielopole - Wielopole, Mi. 1981; Metamorphoses, P. 1982; Ein Reisender - seine Texte und Manifeste, Nü. 1988; Lezioni milanesi, Mi. 1988; La mia opera. Il mio viaggio. Commento intimo, Mi. 1991; A journey through other spaces. Essays and manifestos 1944-1990, L.A./Lo. 1993; Pisma; I-III, Kraków/Wr. 2004-05.
Solo exhibitions:
alle mit Kat.: 1958 Stockholm, Gal. Samlaren / Paris: 1959 Gal. H. Legendre; 1989 Gal. de France / 1959 Düsseldorf, KH / 1960 New York, Saidenberg Gall. / 1960 Göteborg, Gall. 54 / 1964 Lausanne, Gal. Alice Pauli / 1966 Baden-Baden, Staatliche KH / 1971 Oslo, Henie-Onstad Kunstsenter / 1972 Edinburgh, Richard Demarco Gall. / 1973, '76 Warschau, Gal. Foksal / 1976 London, Whitechapel AG / 1986 Berlin, Gal. Eva Poll / 1987 Palermo, Mus. Internaz. delle Marionette / Wrocław: 1990 BWA; 2010 MN / 1990 Orléans, Centre d'Arts Contemp., Grande Gal., Petite Gal. / 1991 Nîmes, MAC / Krakau: 1991-92, 2000 MN; 1995 Arsenał / 1994 Tokio, Sezon Mus. of Art / 1995 Hyogo, Itami City Mus. of Art / 1996 Nürnberg, KH / 1999 Kopenhagen, Rundetårn / 2002 Florenz, Pal. Pitti, Gall. d'arte Mod. / 2003 Prag, České Muz. Výtvarných Umění / 2005 Ljubljana, Slovenski Gledališki Muz.; Mestna gal.; Warschau, Zachęta Narodowa Gal. Sztuki / 2006 Lyon, Valence / 2008 Zürich; Migros Mus. für Gegenwartskunst. -
Group exhibitions:
Krakau: 1948-49 Pałac Sztuki: I Wystawa Sztuki Nowoczesnej; 1998 Starmach Gall.: I Wystawa Sztuki Nowoczesnej. Pięćdziesiąt lat później / 1959, '65, '77 Kassel: documenta / 1979 Mailand, Pal. Reale: Le opere di T.K. i pittori di Cricot 2 ... / 1983 Paris, Centre Georges Pompidou: La Troupe Cricot 2 et son Avant-garde / 1994 Warschau, GSW Zachęta: Grupa Krakowska 1932-1994 / 2001 Künzelsau; Mus. Würth: Verteidigung der Moderne ... / 2004 Toulon, Hôtel des Arts: "Fin des temps! L'hist. n'est plus" / 2005 Wien, KH: The Impossible Theatre. Performativity in the Works of Paweł Althamer, T.K., Katarzyna Kozyra, Robert Kuśmirowski and Artur Żmijewski / 2006 London, Barbican Centre / München: 2016-17 Haus der Kunst: Postwar - Kunst zw. Pazifik und Atlantik 1945-1965 (K) 2019-20 PM: Feelings.
Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:
Vo3, 1956
Other encyclopedias:
DA XVII, 1996
Printed sources:
W.Borowski, T.K., War. 1982; T.K. Theater des Todes, Zirndorf 1983; K.Pleśniarowicz, Teatr Śmierci T.K., Chotomów 1990; J.Kłossowicz, T.K. Teatr, War. 1991 (dt.: T.K.s Theater, Tb. 1995); K.Pleśniarowicz, The dead memory machine ..., Kraków 1994, Aberystwyth 2004; A.Skiba-Lickel, Aktor według K., Wr. 1995; M.Porębski, Deska, War. 1997; J.Kott, Kadysz. Strony o T.K., Gdańsk 1997, 2005; K.Pleśniarowicz, K. Artysta końca wieku, Wr. 1997; T.Gryglewicz (Red.), W cieniu krzesła. Malarstwo i sztuka przedmiotu T.K., Kraków 1997; M.Jurkiewicz u.a. (Bearb.), T.K. Z arch. Gal. Foksal, War. 1998; D.Wiewiora, Materie, kollektive Erinnerung und individuelle Existenz im Theater von T.K. (1938-1991), Kraków 1998; K.Pleśniarowicz (Red.), Hommage à T.K., Kraków 1999; J.Chrobak u.a. (Red.), T.K. Wędrówka, Kraków 2000; K.Czerni, T.K. i Grupa Krakowska, in: Wielcy Malarze 2001(125); J.Chrobak (Red.), Il viaggio di T.K.; L.Arpini (Red.), L’illusione vissuta. Viaggi e teatro con T.K.; V.Valoriani (Red.), Kantor a Firenze, alle ed. Corazzano 2002 (Mem. del teatro 1-3); K.Czerni, T.K. Malarstwo i teatr, Bydgoszcz/Kraków 2002; A.Halczak (Red.), T.K. Zbiory publiczne, Kraków 2003; U.Schorlemmer, T.K. Er war sein Theater, Nü. 2005; T.K. Interior imaginacji (K), War. 2005; M.Paluch-Cybulska, T.K. Scenografie dla "teatrów oficjalnych", Kraków 2006; L.Stangret, T.K. Malarski ambalaż totalnego dzieła, Kraków 2006; M.Kobialka, Further on, nothing. T.K.s theatre, Minneapolis/Lo. 2009; K.Czerni, T.K. Spacer po linie, Kraków 2015 (engl. Ed.: T.K. Walking a tightrope)
Kantor, Tadeusz, poln. Maler u. Bühnenbildner, *6. 4. 1915 Wielopolc (Dębica), ansässig in Krakau. Stud. an d. Krakauer Akad. 1934/39 bei I. Pieńkowski u. K. Frycz. Abstrakter Kstler. Bilder im Nat.-Mus. Warschau. Seit 1945 als Bühnenbildner in Krakau. Opole u. Stalinogród. Studienaufenthalte in d. Schweiz 1947, in Frankreich 1947 u. 1955. Lit.: Odrodzenie, 1946, H. 35, p. 8, m. 6 Abbn. - Przegl. Artyst., 1946, H. 11/12, p. 15f., m. Abb. - Tyg. Powszechny, 1949, H. 2, p. 8. - Ausst.-Kat.: Wystawa bietaca, Krakau TPSP, April 1946. - Wystawa mlodych plastyk6w, ebda 1946. - Wystawa sztuki nowoczesnej, ebda 1948/49, m. Abb. - Wystawa obrazów (grupy plast. nowoczesnych), Krakau CBWA, 1955, m. Abb.