Revell (bis 1961 Rewell), Viljo (Viljo Gabriel), finnischer Architekt, *25.1.1910 Vaasa, †8.11.1964 Helsinki.
Revell, Viljo
Sohn eines Juristen; 1928 Schulabschluss in Vaasa. Anschl. Archit.-Stud. TH Helsinki, u.a. bei Johan Sigfrid Sirén, Hilding Ekelund, Jussi Paatela. Für den neuen Fernbus-Bahnhof Helsinki, errichtet auf der Brachfläche einer ehem. Kaserne, konzipiert R. ab 1933 zus. mit den Kommilitonen Niilo Kokko und Heimo Riihimäki einen zweigeschossigen dreiflügligen Gebäudekomplex, vorgesehen für Geschäfte, Restaurants, Büros und ein Kino. Der als temporär geplante Glaspalast (Lasipalatsi, voll. 1936, Mannerheimintie 22-24), der eine Verlagerung der City hin zum Kamppi-Areal einleitet, ist neben dem Olympiastadion der erste funktionalistische Bau in Helsinki. Durch Gliederung der Baukörper, Leichtbauweise, großflächige Verglasung und Verwendung neuer Mat. (Heraklith-Platten im Kinosaal) unterscheidet sich der Gebäudekomplex, entworfen von 25jährigen Studenten, grundlegend von der mon. Formensprache finnischer Archit. der 1930er Jahre. 1936-37 Mitarb. (u.a. mit Aarne Ervi) im Archit.-Büro von Alvar Aalto. R. ist am Entwurf Aaltos für den finnischen Pavillon zur WA Paris 1937 beteiligt und leitet die Bauarbeiten in der frz. Hauptstadt. 1937 Dipl.-Abschluss (Industrie-Archit.) und Wechsel nach Vaasa. Im Auftrag der Immobilien-Fa. Halli Oy, an der R.s Vater als Mitbegr. beteiligt ist, projektiert R. das sechsgeschossige Wohn- und Geschäftshaus Asko (1939, Ecke Vaasanpuistikko/Kauppapuistikko), das erste Beispiel funktionalistischer Archit. in Vaasa. Heiratet 1941 die Tochter eines Bauunternehmers; gründet in Vaasa mit der Bau-Fa. Myntti eine Filiale (1941-51 Geschäftsführer) der finnischen Sozialwohnungsbau-Ges. SATO. Ab Frühjahr 1942 Ltg des staatlichen Büros für Wiederaufbau, initiiert von Aalto als Präs. des Architekten-Verb. (SAFA). Zugeordnet ist das Inst. für Standardisierung, geleitet von A.Ervi. Als Folge des Winterkriegs konzentriert sich die Arbeit auf den Wohnungs- und Industriebau. Zur Beschleunigung von Planung und Herstellung werden Vereinheitlichung und Normierung der Bauteile angestrebt. Mit Aalto und Ervi im Juni 1943 Berlin-Reise; Besuch bei Ernst Neufert, Reichsbeauftragter für Baunormung. 1944-45 bildet R. mit Aalto und Yrjö Lindegren ein eig. Archit.-Büro, das mit Wiederaufbau und Stadtplanung in N-Finnland befasst ist (Oulu, Rovaniemi). Daneben auch Aufträge in and. Landesteilen, u.a. für die Kommunen Säynätsalo (Jyväskylä) und Kanavasaari (Varkaus). Für Vaasa entwirft das Archit.-Büro 13 Zweifamilien-Holzhäuser in Typenbauweise (1944, Mannerheimintie). Ein erstes größeres Projekt R.s nach Kriegs-E. ist die Berufsschule für Kriegsversehrte in Liperi bei Joensuu (1946-49). Der idyllisch gelegene Komplex umfasst u.a. Wkstn, Schul- und Wohngebäude, Klinikambulanz, Kantine und Verwaltungsbüros, meist eingeschossige kompakte Bungalows. R. gibt nach dem 2.WK die Ltg des Wiederaufbau-Büros ab und gründet ein eig. Archit.-Büro, das in den Folgejahren viele junge Architekten anzieht. Ähnlich wie bei Aalto konkurrieren bei öff. Wettb. die Mitarb. mit versch. Entwürfen. 1948 1.Wettb.-Preis (mit Keijo Petäjän, Eero Eerikäinen, Osmo Sipari) für den Bau des Büro- und Hotelgebäudes Teollisuuskeskus (Helsinki, Eteläranta 10/Makasiinikatu). Das Gebäude, künftig Sitz finnischer Industrie-Verb., wird auf H-förmigem Grundriss errichtet, den Mittelteil bilden Treppenhaus, Aufzüge und Technikzentrale. Die Konstruktion erfolgt in Stahlbeton-Skelettbauweise, die beiden unteren Geschosse bilden Freigeschosse mit Stützen. Von den insgesamt 11 Geschossen sind die oberen drei (Restaurant, Hotel mit 60 Zimmern, Sauna) gestaffelt zurückversetzt. Vom Meer aus gleicht die Silhouette des Gebäudes, direkt an der Südhafen-Promenade gelegen, einem mod. mehrstöckigen Kreuzfahrtschiff. Durchlaufende Fensterbänder gliedern horizontal die Schauseiten; die vorgefertigten Fassaden-Platten sind eine Pionierleistung finnischer Betonelementtechnik. Ferner werden mod. Heizungs- und Lüftungssysteme (Carrier, Frenger) eingebaut. Für die Ausstattung verpflichtet R., ebenfalls ein Novum, ausgebildete Innenarchitekten (u.a. Olli Borg, Antti Nurmesniemi). Durch fortschrittliche Bautechnik, Verwendung hochwertiger Mat. und elegante Einrichtung bildet das Teollisuuskeskus zugleich ein Gesamtkunstwerk. Der Bau wird anlässlich der Olympischen Sommerspiele in Helsinki 1952 voll., im selben Jahr wie Le Corbusiers Cité radieuse in Marseille. Beide Gebäude zählen zu den Hw. des Funktionalismus in Europa. 1949 1.Wettb.-Preis (mit O.Sipari) für den Bau der Volksschule in Helsinki-Meilahti (voll. 1953, Jalavatie 6). R. setzt auch im Schulbau Maßstäbe und berücksichtigt, ähnlich wie Jorma Järvi, neue pädagogische Konzepte. Aufgrund der beschränkten Baufläche konzipiert er einen zentralen Längsbau (Verwaltung, Lehrerzimmer, Speisesaal), von dem aus zwei langgestreckte, zweigeschossige Baukörper bogenförmig abzweigen. Der gekurvte Südflügel umfasst einen geschützten und lichten Pausenhof. Die Konstruktion besteht aus tragenden Ziegelsteinwänden mit Geschossplatten aus Stahlbeton. Das Ziegel-Mat. ist sowohl an der Fassade wie im Inneren als kräftiges Sichtmauerwerk verarbeitet. Weitere mod. Schulbauten realisiert R. u.a. in Hyrylä (1953, 1.Wettb.-Preis; mit O.Sipari) und Hämeenlinna (Kauriala-Schule, 1955, 1.Wettb.-Preis; mit Heikki Castrén, *8.8.1929 Helsinki, †24.1.1980). In den Nachkriegsjahren liefert R. auch maßgebliche Beitr. im Bereich Wohnungsbau. In Helsinki realisieren R. und K.Petäjä u.a. ein Neubauviertel in Maunula (1949-53), das sich wesentlich z.B. von dem durch H.Ekelund konzipierten Neubau-V. Sahanmäki (1950-56) unterscheidet. Gruppierungsprinzipien als auch die Formensprache zeigen eine rationale Konstruktion. Die geraden, parallel angeordneten Lamellenhäuser sind in eine großräumig abgestufte Komp. eingebunden. Die maximal viergeschossigen Wohnblöcke sind durch Fensterbänder gegliedert. Ein zentrales Gebäude beherbergt Kindergarten, Sauna, Wäscherei. 1953 1.Wettb.-Preis, Tampere, Neubau-V. Kalevankartano (aus Zeitmangel nicht realisiert). 1952 wird R. u.a. mit Aulis Blomstedt und A.Ervi vom Bauträger Väestöliitto eingeladen, in Kooperation mit Otto-Iivari Meurman den O-Teil der geplanten Gartenstadt Tapiola im SO von Espoo zu planen. Neben der Reihenhaus-Siedlung Koulukallio (1954) sind v.a. die markanten Punkthochhäuser Mäntyviita und Sufika (1954-55, gen. "Feldflaschen-Häuser") hervorzuheben, bei denen erstmals im finnischen Wohnungsbau die Elementbauweise zur Anwendung kommt. 1954 2.Preis im Wettb. für Reform-Wohnungsbau, ein Ideen-Wettb. für effiziente Methoden industriellen Bauens. Ähnliche Beispiele rationeller Bauweise wie in Espoo-Tapiola realisiert R. auch in seiner Heimatstadt. In Vaasa entstehen südlich des Stadtzentrums viergeschossige Punkthäuser und Wohnblöcke in SATO-Förderung (erb. zw. 1954-60 im V. zw. Malmönkatu, Asemakatu, Hietalahdenkatu). An dem Projekt beteiligt sind die Architekten Airi Seikkala-Viertokangas und Aili Elina Pulkka (*20.1.1915, †9.9.1987). Die in weitgehend serieller Produktion erstellten Gebäude unterscheiden sich von früheren Wohnungsbauten R.s in Vaasa (s.u.). 1953 1.Wettb.-Preis (mit Osmo Lappo) für den Neubau einer Trikotagenfabrik der Fa. Kudeneule in Hanko (voll. 1956, Lähteentie 13-15). Industrie-Archit. steht im Werk R.s nicht im Vordergrund. Die Fabrik (Werk- und Lagerhallen, Bürogebäude) in Hanko ist indes ein exemplarisches Beispiel für effektive Raumnutzung und Klarheit in der Gliederung industrieller Fertigungsprozesse. Der weiträumige, langgestreckte Baukörper der Fabrikhalle besteht aus Stahlbeton; für Dach und Fassade werden eloxierte Aluminiumplatten verwendet. Durchlaufende Glaswände (2-3faches Thermopanglas) in Holzrahmen bieten Tageslicht. Ein hervorragendes Beispiel funktionalistischer Ästhetik im Bereich Sakral-Archit. ist die Einsegnungshalle Vatiala (1957-60, bei Kangasala). R. nutzt hier konsequent die Möglichkeiten neuer Stahlbetontechnik. Das längsrechteckige, horizontal betonte Hallengebäude kontrastiert er mit dem sphärischen Betongewölbe der Begräbnis-Kap. (Innenverkleidung Kiefernholz; Inneneinrichtung O.Borg). R.s Vorbild in der gelungenen Verbindung von Archit., Natur und Spiritualität wirkt noch nach in Entwürfen u.a. von Matti Sanaksenaho (Ökumenische Henrik-Kap. Turku, 2005) und Mikko Summanen (Kamppi-Kap. Helsinki, 2012). Als Hauptvertreter eines streng rationalen Funktionalismus gilt R. seit E.1940er Jahre als "the second most influential architect in Finland" (M.-L. Bell, Amer.-scand. rev. 57:1969, 246). Seinen internat. Triumph feiert er im Sept. 1958 mit dem Wettb.-Sieg (520 Entwürfe aus 42 Ländern) für den Bau des neuen Rathauses in Toronto (City Hall, erb. 1961-65, mit H.Castrén, Bengt Lundsten, Seppo Valjus). Das Wahrzeichen der kanad. Großstadt setzt sich aus zwei unterschiedlich hohen, konvex gekrümmten Scheibenhochhäusern zus., die eine dreigeschossige, kuppelüberwölbte Rundhalle (mit Plenarsaal) umschließen. Die herkömmliche Hochhaus-Form ist erstmals in zwei unabhängige Elemente zerlegt. Die fensterlosen Außenfassaden beider Hochhaus-Hälften sind mit einem durchgehenden Betonrippen-Profil gegliedert. Unorthodox für amer. Verhältnisse ist auch R.s Lösung, einen großen freien Platz vor der City Hall zu schaffen, den er mit einem großen Wasserbassin und Grünanlagen ausstattet. Eine breite, allmählich ansteigende Rampe führt zur City Hall hinauf. Vergleichbare Bauaufgaben sind in Finnland das sog. Rewell Center im Zentrum von Vaasa (1954-58, voll. 1963, Raastuvankatu 17-19), ein ca. 27000 qm umfassender Wohnungs-, Büro- und Geschäftskomplex (1980er Jahre Erweiterung durch Annikki Nurminen) und das Einkaufszentrum Makkaratalo in Helsinki-Kluuvi (1958-60, Keskuskatu 6/Kaivokatu 6-8), nach R.s Tod teilw. von H.Castrén 1967 fertiggestellt. - Eine Stärke R.s ist die klare funktionale Gliederung großer Baumassen. Kennzeichnend sind ferner die systematische Planung, der Sinn für Proportionen und hohe Standards in der technischen Ausführung. R.s Schaffen reflektiert die Vorstellung von Archit. als einem formenden Bestandteil einer natürlichen Umgebung. Ausz.: 1959 Mitgl. R. Archit. Inst. of Canada; 1963 Ehren-Mitgl. RIBA und Amer. Inst. of Architects; über 20 Wettb.-Preise. 1956-59 Gründungs-Dir., Mus. of Finnish Archit. Helsinki.
Suomen teollisuuden arkkitehtuuria, Helsinki 1952.
Solo exhibitions:
Helsinki: 1968 KH; 1998 Mus. of Finnish Archit. (K) / 2010 Vaasa, Kuntsi KM. -
Group exhibitions:
1957 London, RIBA: Archit. in Finland / 1958 Zürich, KGM: Archit. in Finnland / 1961 São Paulo: Bienn. (K) / 1990 München, Villa Stuck: Archit., Kunsthandwerk, Malerei. Finnland (K) / 2000-2001 Wien, Ringturm: Finnland. Archit. im 20. Jh. (K) / 2012 Helsinki, Design-Mus.: Tulevaisuuden rakentajat (K).
Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:
Vo4, 1958; Vo6, 1962
Other encyclopedias:
Oudin, 1970; DA XXVI, 1996; Dict. de l'archit. du XXe s., P. 1996; J.Stevens Curl/S.Wilson, Oxford dict. of archit., Ox. 32015
Printed sources:
K.Ålander (Ed.), V.R. Works and projects, St. 1966; Funkis. Der Durchbruch der Moderne in Finnland (K Helsinki/Berlin), Helsinki 31985; M.Quantrill, Finnish archit. and the modernist trad., Lo. 1995; H.Högström (Ed.), Lasipalatsi, Helsinki 1999; S.Sartti u.a., Eteläranta 10, Helsinki 2002; Sacral space. Mod. Finnish churches (K Wander-Ausst.), Helsinki 2003; T.Tuomi, Tapiola, Helsinki 2003; T.Mikkonen, Arkkitehti 2005(2)22-35; C.E. Mejía, Rev. DPA 2006(22)40-47; T.Revell, Välähdyksiä V.R. elämästä, Helsinki 2010; V.R. "It was teamwork, you see" (K Didrichsen KM), Helsinki 2010; J.J. Ferrer Forés, in: P.J. Sousa Cruz (Ed.), Structures and archit., Boca Raton 2013, 2044-2051; R.Lahtinen, KOP-kolmio. Maamerkki Turun sydämessä, Turku 2014; C.Armstrong, Civic symbol. Creating Toronto's new City Hall, Tor. 2015
Rewell, Viljo, finn. Architekt, *1910, ansässig in Helsinki. Wichtigste Bauten: Mit Keijo Petäjä: Palace Hotel in Helsinki, Siedlung in Maunula (Helsinki); mit Osmo Sipari: Volksschule in Meilahti (Helsinki), Volksschule in Tuusula. Selbständig: Wohnhäuser in d. Gartenstadt Tapiola bei Helsinki. Textilfabrik "Kudeneule" in Manko. Wohnhäuser in Vaasa. Zahlr. Preise in öff. Wettbewerben. Lit.: Mittlgn. d. Suomen Rakennustaiteen Museo, Helsinki.
Rewell, Viljo Gabriel, finn. Architekt, *25.11.1910 Vaasa, wohnhaft in Helsinki u. Toronto (Kanada). Hauptvertreter der sog. neokonstruktivist. Richtung, die die plast. Eigenschaften der neuzeitl. Baumaterialien betont. Hauptbauten (in Ergänzung zu Vollmer): Glaspalast in Helsinki, 1935, in Zusammenarbeit mit Kokko u. Riihimäki; Volksschule in Meilahti (Helsinki), 1953, u. Volksschule in Tuusula, 1954, beide in Zusammenarbeit mit Osmo Sipari; Reihenhäuser Kärjensivu in Jonas (Helsinki), 1955. Wettbewerbsentw. für die Stadthalle in Toronto (Kanada), 1958 (1. Preis). Lit.: Vollmer, 4. - Casabella, Nr 211, p. 44/46. - Vem och Vad?, 1957. - L'Architect. d'aujourd'hui, Nr 53, p. 65, 77, 90. - Nordisk Arkitektur 1950-55, p. 140/44, 146, 180. - Neuer Wohnbau in Finnland, Stuttgt 1958, p. 92/96. - Mitteilgn d. Finn. Architekturmus., Helsinki.