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Piero della Francesca

Born
Borgo Sansepolcro / Sansepolcro, (um) 1412
Died
Borgo Sansepolcro / Sansepolcro, (vor) 1492.10.12
Country
Italy
Gender
male
GND-ID
Name Variations
Piero della Francesca; Francesca, Piero de la; Francesca, Piero della; Franceschi, Piero dei; Piero di Benedetto di Piero Franceschi da Sansepolcro; Piero di Benedetto di Pietro; Pietro di Benedetto dei Franceschi
Occupations
Painter; Kunstschriftsteller; Mathematiker; Theoretiker
Places of Activity
Florenz, Rimini, Arezzo, Borgo Sansepolcro, Perugia
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By
Last edited
02.05.2017
Published in
AKL XCV, 2017, 440; ThB XII, 1916, 289 ss

VITA

Piero della Francesca (P. Francesca; P. [di] Benedetto [di] Piero Franschi da Sansepolcro; P. [di] Benedetto [di] Pietro; Pietro [di] Benedetto [dei] Franceschi; P. dei Francesci), ital. Maler, Kunsttheoretiker, Mathematiker, *um 1412 Borgo S. Sepolcro, †vor 12.10.1492 ebd.

LIFE AND WORK

P. wurde um 1412 in der wohlhabenden Stadt Borgo S. Sepolcro (heute Sansepolcro) im oberen Tibertal geboren. Die della Francesca war eine Fam. von Kunsthandwerkern und Kaufleuten, deren Name sich von P.s Großmutter ableitet, die bis um 1415 Fam.-Oberhaupt war. P. war der älteste Sohn von Benedetto, der eine Wkst. für Lederwaren besaß; sein Großonkel Benedetto d'Antonio Cereo war Zimmermann. Diese Fam.-Bande trugen zu P.s Erfolg bei. Der Wohlstand der Stadt beruhte auf ihrer geogr. Lage entlang der wichtigen Handelsrouten und auf der Kultivierung von Färberwaid, das zu Indigoblau verarbeitet wurde. Lange Zeit im Herrschaftsgebiet der Malatesto von Rimini, wechselte Borgos polit. Zugehörigkeit zu P.s Lebzeiten zweimal, zunächst 1431, als es Teil des Vatikanstaats wurde, bis es schließlich zehn Jahre später an das Florentiner Territorium angegliedert wurde. Trotz der ausführlichen Dok. zu P. gibt es über seine Ausb. keine Information. In seiner frühen Jugend ging er vermutlich bei versch., weniger begabten Malern aus nahe gelegenen Orten in die Lehre, etwa Antonio di Giovanni da Anghiari, Simone di Domenico oder Ottaviano di Martino di Nello da Gubbio. P.s Tätigkeit ist erstmals 1431 in einer Zahlung der Bruderschaft S.Maria della Notte für bemalte Kerzen dokumentiert. Weitere Dok. der frühen 1430er Jahre verorten P. in und um Borgo S. Sepolcro, etwa als Mitarb. von Antonio d'Anghiari bei der Ausf. von Fresken und bei der Vorbereitung von Taf. für einen Hochaltar. Er bemalte auch ein Banner mit den päpstlichen Insignien Eugenius IV. für ein Stadttor. Von diesen Werken ist keines erhalten. P.s evtl. frühestes erh. Werk ist der Hochaltar für S. Giovanni Battista in Val d'Afra, wahrsch. durch den Pfarrer Nicoluccio Graziani in Auftrag gegeben, dessen Fam.-Wappen es auch trägt. Das Triptychon wurde von P.s Großonkel gezimmert. P. bemalte die mittlere Taf. mit der Taufe Christi (London, NG), beließ aber den Rest unvoll. (später voll. durch Matteo di Giovanni mit Darst. der Hll. Peter und Paul, einer Verkündigung und einer Predella mit Szenen des Lebens Christi). In der Forsch. besteht allerdings Uneinigkeit in Bezug auf die Entstehung: Während einige den Auftrag zw. 1436 und '39 dat., argumentieren andere, dass das Werk erst nach der ersten Florentiner Zeit enstanden sein kann, und dat. die Taf. um 1445. Einigkeit besteht darüber, dass die Taf. stilistisch und in der Darst. des Kolorits Domenico Veneziano rezipiert wie auch eine grundsätzliche Kenntnis Florentiner Beispiele voraussetzt. Angesichts der Tatsache, dass Veneziano schon im nahe gelegenen Perugia mit Aufträgen befasst war, bevor P. 1439 nach Florenz ging, und dass auch Antonio d'Anghiaris Werke Bezüge auf den florentinischen Stil erkennen lassen, zusammengenommen mit den zahlr. Dok., die P. in den späten 1430er Jahren in S. Giovanni Battista verorten, ist es wahrsch., dass er den Auftrag für die Taufe Christi auch in diesen Jahren annahm und ausführte. Das Gem. Jungfrau und Kind vor einer Lsch. (Alana Coll.) ist in schlechtem Zustand erh. und eine Zuschr. an P. wird diskutiert. Wäre sie ein Werk P.s, könnte sie noch vor der Taufe Christi entstanden sein. Stilistisch zeigen beide Gem. ein Interesse an subtilen Lichteffekten, regionalen Lsch. sowie konstruierten Figuren aus eiförmigen, geometrischen Formen, viell. in Anlehnung an die lokale Trad. romanischer Andachtsfiguren. Zw. 1439 und '51 war P. oft auf Reisen, was sowohl seine künstlerische Ausb. als auch seine Karriere beförderte: Ein Dok. verortet ihn 1439 im Umfeld (equipe) des Domenico Veneziano, dessen Wkst. zu dem Zeitpunkt den Hochaltar der Hospizkirche S.Egidio (nur fragm. in S.Apollonia erh.) freskierte. Die Reise nach Florenz machte ihn mit Werken Massacios, Fra Angelicos und Donatellos bekannt. Ein Jahr später ist P. in Modena dok., wo er für Michele da Firenze einen Vertrag für einen Terracotta-Altar in der Kathedrale bezeugte. In diesem wird er zum ersten Mal als "magistro" der Malerei beschrieben, ein Beiname, den er bis zu seinem Tode beibehielt. Da Modena Teil des Herzogtums der d'Este war, ist es gut möglich, dass P. an deren Hof in Ferrara weiter arbeitete, wie es in posthumen Quellen (u.a. bei Luca Pacioli und Giorgio Vasari) behauptet wird. Unbek. ist, wo er sich in den 1440er Jahren aufhielt; mit Ausnahme der temporären Rückkehr nach Borgo 1445, die durch einen Auftrag der Compagnia della Misericordia für einen Hochaltar (Polyptychon, u.a. Mitteltafel Madonna della Misericordia, 1444-64, heute Sansepolcro, Mus.Civ.; wesentlich durch die örtliche Kaufmanns-Fam. Pichi finanziert) dok. ist. Vermutlich führte P. die Arbeit nicht unmittelbar nach Vertragsabschluss aus. Im Laufe seines Schaffens wirkte P. für unterschiedliche Höfe und Fam. versch. ital. Stadtstaaten, darunter Ancona, Rimini, Rom, Urbino u.v.m. 1450 wird er als in Ancona wohnhaft aufgeführt, wo er wahrsch. für Girolamo Ferretti (aus dem wichtigsten Clan der Stadt) den Hl. Hieronymus als Büßer in der Lsch. (sign. und dat., Berlin, GG) ausführt. Für eine Provinienz des Gem. aus Arezzo spricht, dass ein örtlicher Maler, Nicola di Antonio, im Auftrag eines weiteren Fam.-Mitgl. der Ferretti die Komp. 1469 für eine Lünette eines Altarbilds für eine Kap. in S. Francesco delle Scale vergrößerte und adaptierte. Aufgrund der langen Herrschaft der Malatesta in Borgo war es naheliegend für P., in Rimini Aufträge zu suchen. Sigismondo Malatesta ließ S. Francesco in Rimini durch Leon Battista Alberti zu einem Mon. für sich und seine dritte Frau Isotta degli Atti umgestalten; 1449 bat er Giovanni de'Medici um eine Empfehlung für einen begabten Maler. P. erhielt daraufhin eine Einladung nach Rimini, möglicherweise auf Vermittlung des aus Borgo stammenden Jacopo deglie Anastagi, der mit P. verwandt war (Jacopos Verwandte Giovanna war mit P.s Bruder Marco verheiratet); zahlr. Werke bezeugen seinen Erfolg bei Hofe. 1451 sign. und dat. ein Votiv-Fresko in der Reliquien-Kap., das Sigismondo kniend vor seinem Namenspatron zeigt (Rimini, Tempio Malatestiano). Wahrsch. um dieselbe Zeit entstand auch das Porträt Sigismondos (Paris, Louvre). Das Gem. Hl Hieronymus und ein Stifter (sig., undat., Venedig, Gall. dell'Accad.) könnte ebenfalls in dieser Zeit entstanden sein. Es zeigt eine Lsch., die stark an das obere Tibertal angelehnt ist, weshalb vermutet wird, dass der Auftraggeber aus Borgo stammte und möglicherweise am Hof der Malatesta tätig war, wie z.B. Anastagi. Eine später hinzugefügte Inschr. legt allerdings nahe, dass das Gem. für ein Mitgl. der Fam. Amadi entstand, was eine Dat. E. der 1450er Jahre bedeuten würde. In den 1450er Jahren hielt sich P. abwechselnd in Rom und dem oberen Tibertal auf. Zweimal ist er in Rom dokumentiert. 1453-54 bemalte er dort die Gewölbe der Kap. Kardinal Guillaume d'Estoutevilles in S.Maria Maggiore. 1454 kehrte er nach Borgo zurück, da die Pichi Fam. den schleppenden Fortschritt des Misericordia-Polyptychons anmahnte. Während seines Aufenthaltes nahm er den Auftrag für ein weiteres Polyptychon an: 1454 unterschrieb er den Vertrag für den Hochaltar von S.Agostino in Borgo. 1458-59 war er wieder in Rom und empfing die Bezahlung für unbek. Gem. im Vatikanpalast, u.a. 150 Florin für eines der Werke. 1460-68 arbeitete P. intensiv an der Fertigstellung versch. Aufträge. Er vollendete den Freskenzyklus der Kreuzlegende für S.Francesco in Arezzo (in situ), ein Projekt, das von der Fam. Bacci finanziert wurde und bereits 1447 durch Bicci di Lorenzo beg. worden war. Nach dem Tod Biccis hatte P. 1452 den Auftrag übernommen, führte aber wahrsch. einen Großteil der Arbeiten erst in den frühen 1460er Jahren aus, in denen er immer wieder in Arezzo dok. ist. In der Darst. schöpft er das gesamte narrative Potential der Legende aus, die zwar kein seltenes Thema in den Hochaltarkapellen toskanischer Franziskanerkirchen ist, aber in P.s Ausf. bahnbrechend ist. Der Zyklus zeigt P.s Meisterschaft in der Freskenmalerei und seine Fähigkeit eine komplexe istoria zu entwerfen. So gliederte P. den Zyklus in zwei Teile, sodass die Episoden der Gläubigen denen der Ungläubigen gegenübergestellt sind. Die so entstandenen Episoden-Paare parallelisierte er auch formal (wie z.B. Die Verkündigung und Der Traum Konstantins). Ein Dok. von 1466 ist die früheste bek. Quelle, welche die Fresken als voll. bezeichnet. And. Auftraggeber im oberen Tibertal nutzten P.s längeren Aufenthalt in Arezzo, um bei ihm Fresken und Banner für Bruderschaften zu beauftragen. Von den mindestens sieben Fresken, die er für Auftraggeber in und um Arezzo schuf, ist allein die Hl. Maria Magdalena (undok., stilistisch und durch den Überlieferungskontext auf diese Zeit dat.) in der Kathedrale erhalten, alle and. Werke sind verloren. Auftraggeber aus Borgo zogen nach: Im Nov. oder Dez. 1460 malte P. eine Figur des Hl. Ludwig von Toulouse (Sansepolcro, Mus. Civ.) für Ludovico Acciaiuoli, den Florentiner Statthalter Borgos. Die Madonna del Parto, ein Fresko für die Friedhofskirche Monterchi, der Heimatstadt seiner Mutter, und eine Figur des Hl. Julian in Borgo, datieren wahrsch. auch aus dieser Zeit. Letzterer wurde für S.Agostino beauftragt, möglicherweise von Giglio di Bartolo di Cristoforo Cresci. Eines der berühmtesten Werke P.s ist das Fresko Die Auferstehung für das Rathaus, oder Residenza dei Conservato in Borgo (heute Mus. Civico Sansepolcro), das vermutlich im Zuge der Wiederherstellung des Gebäudes zw. Nov. 1459 und 1462 entstand. Vor einer an das obere Tibertal erinnernde Lsch. entsteigt ein triumphierender Christus dem Marmorgrab. Die groben Gesichtszüge Christi rezipieren ein populäres Bild lokaler Volksfrömmigkeit, den "Volto Santo" von Borgo, dessen Kopf der Legende nach von einem Engel geschnitzt wurde. Christus pflanzt sein Banner wie ein erobernder General auf, als würde er so seine Umgebung zum Gelobten Land machen. Nach einem zeitgen. Gründungsmythos gingen die Anfänge Borgos auf einen Reliquienhort zurück, der Fragm. des Hl. Grabes enthielt. P. zeigt in der Darst. für den Konservatorenpalast eine Episode aus dem Leben Christi, die emblematisch die Gründungslegende der Stadt aufgreift. Spätestens seit 1468 (viell. auch früher) zierte ein Bild des hl. Grabs das Stadtsiegel von Borgo. Nach dem Tod des Vaters Benedetto 1464, wurde P. das Fam.-Oberhaupt. Ein Jahr später trieb er die Erweiterung des Fam.-Pal. der Della Francesca voran, was teilw. der wachsenden Fam. geschuldet war, die dort lebte (darunter die Fam. zweier seiner Brüder). Das Fresko des Herkules (Boston, Isabella Stewart Gardner Mus.) für P.s eigene Räume entstand vermutlich nach der Erweiterung des Pal. um 1465 (dort erstmals 1886 dok.). Der Hintergrund zeigt archit. Besonderheiten des Fam.-Pal., die die Provenienz plausibel machen. Das Werk ist eines der ersten Kunstwerke, das ein Künstler für sich selbst schuf, neben Albertis Selbstporträt-Med. (1434-36). Durch Abwesenheiten lange verzögert, voll. P. in diesem Jahrzehnt schließlich zwei Altarbilder und nahm die Arbeit an einem dritten auf. A. der 1460er Jahre führte er einen Großteil der Arbeiten an den Altarbildern der Misericordia und des Hl. Augustinus aus (beauftragt 1445 bzw. 1454). P. beendete die Haupt-Taf. des Misericordia-Polyptychons vermutlich 1461, die Predella und Seitentafeln vollendete Giuliano Amadei 1462. Im selben Jahrzehnt beendete er das S.Agostino-Altarbild, das 1469 als "gemalt" bez. wird. 1467-68 fertigte er einen neuen Hochaltar für die Franziskaner-Terziarinnen in der Klosterkirche S.Antonio in Perugia. Die modulare Konstruktion des Polyptychons deutet darauf hin, dass es an anderer Stelle, viell. in Borgo, gemalt wurde und nach Fertigstellung nach Perugia transportiert und vor Ort zusammengestzt wurde. Zw. 1467 und '68 könnte P. den Auftrag durch die "Ministra" der Terziarinnen erh. haben, Illaria di Braccio Baglioni, ein Mitgl. der herrschenden Fam. Perugias. Darüber hinaus malte P. in Borgo die Jungfrau und Kind mit vier Engeln (Williamstown, Clark Art Inst.). Anders als die spätere Brera-Madonna (s.u.), in der der Maler bereits die Tempera- und Öltechnik beherrschte, trägt diese Arbeit die Spuren einer gemischten Technik, deren Einsatz nicht ganz gelungen ist. Die viel kleinere Williamstown-Madonna zeigt auch einen neuen Ansatz für die Gestaltung eines einheitlichen Taf.-Altars, in dem die Komp. durch die Darst. eines archit. Interieurs eine Binnenrahmung erhält. Sein urspr. Aufbewahrungsort ist unbek., aber das Gem. gehörte der Gherardi-Fam., Nachbarn der della Francesca, und kann möglicherweise mit einem Werk in deren Fam.-Pal. identifiziert werden, das 1583 neu gerahmt wurde. Am E. dieses geschäftigen Jahrzehnts liegt der einzige dok. Besuch P.s in Urbino: Am 8. Apr. 1469 besichtigte er ("venuto a vedere") die unbemalte Taf. eines Altarbildes, das von der Bruderschaft des Corpus Domini beauftragt wurde (der Auftrag war 1456 von Fra Carnevale abgelehnt worden und wurde um 1470 von Joos van Gent geschaffen). In Urbino war er Gast von Giovanni Santi, Raffaels Vater. Obwohl es Aufzeichnungen gibt, die P. 1460-68 in Arezzo und 1472-75 in Borgo verorten, ist es gut möglich, dass P. auch in diesen Jahren erneut nach Urbino reiste: Arezzo und Borgo waren nur durch einen Bergpass voneinander getrennt, sodass P. dazwischen nach Urbino gereist sein könnte, um ebd. Werke zu schaffen. Die Geißelung Christi, erstmals 1744 in der Alten Sakristei der Kathedrale von Urbino bezeugt, ist mehr als jedes andere Werk P.s Gegenstand ikonogr. und chronologischer Diskussionen. Die Dat. in der Forsch. reichen von den 1450er bis in die 1460er Jahre; die jüngsten Theorien gehen von einer Entstehung M. der 1460er Jahre aus. Auftraggeber und Funktion des Gem. sind nach wie vor unbekannt. Ein plausibler Vorschlag ist, dass P. es als Demonstration seiner techn. Fähigkeiten, v.a. in der perspektivischen Konstruktion, angefertigt hat. Zwei and. der erh. Gem. für Urbino werden oft in die späten 1460er oder frühen '70er Jahre dat.: Die Dat. des prächtigen Doppelporträts des Federico da Montefeltro und der Battista Sforza (Florenz, Uffizien) reichen von der Hochzeit 1460 bis kurz nach Battistas Tod im Juli 1472. Ebenfalls für Federico führte P. ein mon. Altarbild der Jungfrau mit Kind und Hll. aus, das den Auftraggeber als knieende Stifterfigur in Rüstung zeigt. Wahrsch. entstand es zw. dem Tod von Battista Sforza im Juli 1472 und Federicos Erhebung in den Hermelinorden im Sommer 1474, da Federico noch ohne Ordenszeichen dargestellt ist. Die char. Fertigung der Taf. ist mit der and. lokaler Altarbilder vergleichbar, was auf eine Ausf. der Taf. in Urbino deutet. Die Taf. war wahrsch. für Federicos Grabkapelle in S.Bernardino vorgesehen, die erst nach seinem Tod 1482 erbaut wurde. Ob die Pläne für diese Kirche zum Zeitpunkt von P.s Auftrag bereits abgeschlossen waren, ist unbek., aber die Archit. im Gem. und die des Baus sind sehr ähnlich. Das Altarbild wurde 1811 in S.Bernardino beschrieben. M. der 1470er Jahre entstanden verschiedene Werke für Borgo (verloren) und Urbino. Die Fam. Carsidoni von Borgo, die mit den della Francesca durch eine Eheschließung von P.s Bruder Francesco 1473 verbunden war, beauftragte P. 1474 mit der Ausmalung der Kap. der Madonna della Badia. Im Jahre 1477 erhielt P. eine Teilzahlung für ein Fresko für die Misericordia Bruderschaft. Die Senigallia Madonna (Urbino, GN delle Marche) entstand zw. diesen beiden Aufträgen. 1822 in einer Kirche in der Nähe der ehemaligen Hafenstadt des Herzogtums Urbino entdeckt, war sie wahrsch. für ein Mitgl. der herzoglichen Fam. anlässlich der Heirat von Federicos Tochter Giovanna mit Giovanni della Rovere sowie der Übergabe der Stadt Senigallia an den Schwiegersohn entstanden. Obwohl Federico 1474 die Ehe arrangierte, wurde sie erst 1478 gefeiert, als Giovanna 18 Jahre alt wurde. Das letzte Jahrzehnt von P.s Lebens ist weniger durch Malerei geprägt als durch seine Wahl in wichtige öff. Ämter in Borgo und die aufwendige Verwaltung der Fam.-Angelegenheiten. Am 25. Juni 1480 wurde er zum "Gonfaloniere della Giustizia" (das höchste wählbare Amt der Stadt) ernannt. Im selben Jahr wurde er Prior der Confraternita di S. Bartolomeo, der bedeutendsten örtlichen Bruderschaft. Er arrangierte auch die Ehe eines Verwandten mit einem Mitgl. der reichsten Fam. Borgos, der Pichi, Finanzier des Misericordia-Altarbildes. Über Aktivitäten außerhalb des oberen Tibertals während dieses Jahrzehnts ist wenig bek. (nur ein Dok., 22. Apr. 1482 für die einjährige Miete eines Hauses in Rimini verortet ihn außerhalb). Die Geburt Christi (London, NG), sein letztes erh. Gem., stammt auch aus dieser Zeit. Die urspr. Bestimmung des Gem. ist zwar unbek., da es jedoch erstmals in einem posthumen Inv. des Fam.-Sitzes erwähnt wird, könnte es für diesen bestimmt gewesen sein. Wie schon in der Taufe Christi verortet P. die Gesch. in der unmittelbaren Umgebung: zw. detaillierten Ansichten von Borgo und dem oberen Tibertal. Sein Tod am 12. Okt. 1492 ist in Borgo dok.: "Maestro Pietro di Benedetto de Francesschi pictore famoso". - Im Gegensatz zu vielen and. erfolgreichen Malern seiner Generation findet P.s Œuvre keine breite Nachfolge, die Identität seiner Mitarb. ist mit der Ausnahme des Giovanni da Piamonte unbekannt. Mehrere Darst. der Jungfrau mit Kind (Oxford, Christ Church; Venedig, Fond. Giorgio Cini; Boston, MFA) weisen Merkmale seines Stils auf, erreichen aber nicht P.s Qualität in der Erzeugung subtiler Lichteffekte und der komplexen Konstruktion des Bildraums. Dies mag teilw. P.s schwierigen Komp.-Strategien und Techniken geschuldet sein. Im Allgemeinen sind seine Figuren eher durch wenige Gesten und wenig Bewegung charakterisiert, dafür aber durch eine präzise Verortung jedes einzelnen Körpers im Raum und die sorgfältige Bezugnahme auf and. Figuren durch eine einheitliche Lichtquelle. Die Vereinheitlichung der gesamten Komp. durch die Lichtführung bedurfte einer bis dahin unerreichten Präzision, die auch durch techn. Untersuchungen belegt wird. Die Infrarot-Reflektografie seiner Fresken und Taf.-Malereien einschließlich der Kreuzlegende und des Hl. Joh.Ev. zeigen Spuren sorgfältig ausgeführter und übertragener Unter-Zchngn sowie Punktierungen für so feine Details wie die der Fingernägel. Dass P. zur Abgrenzung der Goldhintergründe, z.B. in der hl. Apollonia in Washington oder der Misericordia in S. Bernardino, keine Umrisslinien einritzte, sind ein weiteres Zeugnis seiner Genauigkeit, da er dadurch eine Kontinuität in der Lichtführung in den vergoldeten und den bemalten Flächen erzeugen konnte. P. verstärkte auch die Dreidimensionalität seiner Figuren mit techn. Mitteln. Er beließ einen Rest der untersten Malschicht in seinen Taf.-Gem. (etwa in der Londoner TaufeChristi und dem Hl. Hieronymus in Venedig), was die Wirkung einer dreidimensionalen Darst. auf der flachen Oberfläche verstärkte. - P. war nicht nur Maler, sondern auch Theoretiker und Mathematiker. Wie Leonardo da Vinci schrieb er wiss. Abhandlungen, von denen drei erh. sind. Die früheste, Trattato d'abaco, verbindet die einfachen mathematischen Probleme des Kaufmanns mit Geometrie. Der zweite Traktat De prospetiva pingendi ist eine der frühesten bek. Abhandlungen, die der Perspektive gewidmet ist. Darin legte P. dar, dass Malerei auf Entwurf, Farbe und "commensurazione" (Proportion) beruht, wobei er nur den letzten Punkt behandelte. Die Geometrie beruht stark auf Euklid, dessen Lehre er in den 1450er Jahren in Rom kennengelernt haben könnte, wo P.s Cousin Francesco (Sohn des Borgeser Tischlers Benedetto del Cera) Mitgl. der Kurie und erfolgreicher Architekt war. Nach 1482 verfasste P. seine letzte Schrift, Libellus de quinque corporibus regularibus, die Herzog Federicos Sohn und Erben, Guidobaldo da Montefeltro, gewidmet ist. P. vergleicht darin sein Schaffen für die Fam. der Montefeltro mit dem Wirken antiker Künstler. Auf Ital. verfasst und ins Lat. übersetzt, bezeugt die Schrift P.s Kenntnis der Sätze des Archimedes, dessen Geometrie er eigenhändig transkribiert hatte, und weist ihn damit als einen der "leading geometricians in Italy" aus (Banker, 2014, S. 205). Sowohl die Texte als auch die Abbildungen (in den beiden letzten Traktaten) zeigen P.s Beschäftigung mit den Grundbausteinen von Formen und Körpern und die gleiche konzeptionelle Präzision wie die Komp. seiner Malerei.

WORKS

Arezzo, Kathedrale: Maria Magdalena, Fresko, um 1460. - S. Francesco, Hauptchor-Kap.: Die Legende vom Hl. Kreuz, Fresko, 1452-68. Berlin, GG: Lsch. mit dem hl. Hieronymus als Büßer, 1450. Boston, Isabella Stewart Gardner Mus.: Herkules, Fresko, 1470-75. Florenz, Uffizien: Montefeltro-Diptychon, Tempera/Holz, c. 1472/73. Lissabon, MN de Arte Antiga: Polyptychon von S.Agostino, Öl und Tempera/Holz, 1454-69. London, NG: Hl. Michael, Öl und Tempera mit Gold/Holz, 1454-69; Taufe Christi, Tempera/Holz, c. 1436-39; Geburt Christi, Öl/Holz, späte 1470 Jahre. Mailand, Mus. Poldi Pezzoli: Hl. Nikolaus von Tolentino, Öl und Tempera mit Gold/Holz, 1454-69. - Pin. di Brera: Pala Montefeltro, Öl/Holz, frühe 1470er Jahre. Monterchi, Mus. della Madonna del Parto: Schwangere Madonna (Madonna del Parto), Fresko, um 1460. New York, Frick Coll.: Hl. Joh.Ev., Öl und Tempera mit Gold/Holz, 1454-69; Eine augustinische Nonne (S. Monica), Öl und Tempera mit Gold/Holz, 1454-69; Hl. oder Mönch in Augustiner Ordenstracht, Öl und Tempera mit Gold/Holz, 1454-69; Kreuzigung, Öl und Tempera mit Gold/Holz, 1454-69. Newark/Del., Alana Coll.: Madonna mit Kind vor Lsch., Tempera/Holz, späte 1430 Jahre. Paris, Louvre: Portr. von Sigismondo Pandolfo Malatesta, Tempera und Öl/Holz, um 1450. Perugia, GN: Polyptychon des Hl. Antonius, Öl/Holz, 1460-68. Rimini, Tempio Malatestiano: Sigismondo Pandolfo Malatesta kniend vor dem Hl. Sigismund Fresko, 1451. Rom, S. Maria Maggiore, Fragment mit den vier Evangelisten, dem Schmerzensmann und dem hl. Michael, Fresko, 1453-54. Sansepolcro, MCiv.: Altar der Confraternitá della Misericordia (Polyptychon der Schutzmantelmadonna), Öl und Tempera/Holz, 1445-62; Hl. Julianus, Fresko, um 1460; Hl. Ludwig von Toulouse, Fresko, 1460 (Zuschr. umstritten); Auferstehung Christi, Fresko, 1460-64. Urbino, GN delle Marche: Die Geißelung Christi, Öl/Holz, späte 1450er oder 1460er Jahre; Madonna mit Kind und zwei Engeln (Madonna di Senigallia), Öl und Tempera/Holz, um 1474. Venedig, Gall. dell'Accad.: Hl. Hieronymus mit einem Stifter, Öl und Tempera/Holz, etwa 1450. Washington/D.C., NG of Art: Hl. Apollonia, Öl und Tempera mit Gold/Holz, 1454-69 (zugeschr.). Williamstown, Clark Art Inst.: Madonna mit Kind und vier Engeln, Öl/Holz, späte 1470er Jahre.

EXHIBITIONS

Solo exhibitions:

1992 Urbino, Pal. Ducale (K) / 1993 Perugia, Rocca Paolina (K) / 1996 Mailand, Mus. Poldi Pezzoli (K) / 2007 Arezzo, Mus. Statale d'Arte Medievale e Mod. (K) / 2011 Senigallia, Rocca Roveresca (K) / New York: 2013 Frick Coll.; 2014 Metrop. Mus. (K) / 2015 Reggio Emilia, Pal. Magnani (K) / 2016 Forlì, Mus. San Domenico (K). -

 

Group exhibitions:

Florenz: 1990 Casa Buonarroti: Pittura di luce (K); 1992 Uffizien: Una scuola per P. (K) / New York: 2005 Metrop. Mus.: From Filippo Lippi to P. (K)

 

SOURCES

Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:

ThB12, 1916

 

Other encyclopedias:

DEB IX, 1975; Bauer, GEM VI, 1978; PittItalQuattroc II, 1986; DA XXIV, 1996 (Lit.; online); DBI XLIX, 1997 (Lit.)

 

Printed sources:

M.Betti u.a. (Ed.), Ripensando P. Il Polittico della Misericordia a Sansepolcro, Fi. 2011; N.Silver (Ed.), P. in America: From Borgo San Sepolcro to the East Coast (K Frick Coll.), N.Y. 2013 (Lit.; Ausst.); K.Christiansen (Ed.) P.: Personal Encounters (K Metrop. Museum), N.Y. 2014; J.R. Banker, P.: Artist and Man, Ox. 2014; id., Doc. fondamentali per la conoscenza della vita e dell'arte di P., Selci-Lama 2014; A.Angelini, P., Mi. 2014; P.: Il disegno tra arte e scienza (K Reggio Emilia), Mi. 2015; P.: Indagine su un mito (K Forlí), Mi. 2016.

 

Online sources:

F.Dabell/J.V. Field, Grove Art Online, 2010 (Lit.); C.Gizzi (Ed.), De prospectiva pingendi, Juli 2016 (Lit.)

 


THIEME-BECKER

Article by: G. Gronau

Franceschi, Piero dei, traditionell genannt Piero della Francesca (so auch mehrfach in zeitgenössischen Dokumenten), ital. Maler, Geburtsjahr unbekannt, wahrscheinlich nicht vor 1416, eher etwas später anzusetzen, begraben 12. 10. 1492 in der Badia zu Borgo San Sepolcro. Sein erster Lehrer ist unbekannt; er mag ein Meister der Sieneser Schule gewesen sein, die während des Quattrocento in F.s Heimat wiederholt bedeutende Aufträge erhielt. Entscheidend für F.s Entwicklung wurden seine Beziehungen zu Domenico Veneziano, die während dessen für 1438 bezeugten Aufenthalt in Perugia sich angeknüpft haben mögen. Die erste erhaltene Urkunde zeigt F. als Gehilfen dieses Meisters bei dessen (untergegangenen) Fresken im Chor von S. Maria Nuova in Florenz; nach dem Wortlaut der Zahlung vom 12. 9. 1439 erscheint er als Gehilfe. Domenico hat auf ihn besonders als Kolorist entscheidend eingewirkt, während F. zugleich durch Paolo Uccello auf die Probleme der Perspektive gelenkt worden sein wird. Die Dauer seines Aufenthalts in Domenicos Werkstatt ist unbekannt; eine neuerdings veröffentlichte Notiz (s. Literat. Evelyn) scheint seine Anwesenheit in der Heimat für 1442 zu bezeugen. Hier empfängt er am 11. 6. 1445 seitens der Compagnia della Misericordia Auftrag auf ein binnen drei Jahren zu vollendendes Altarwerk. Dieses, jetzt im Stadthaus von Borgo, zeigt im Mittelbild die Madonna, unter dem Schutz ihres Mantels kniend je vier Männer und Frauen, zu beiden Seiten je zwei Tafeln mit einem männlichen Heiligen; ferner je vier Heilige in den Seitenpilastern, zwei in den Fialen, in den Fialen neben dem Mittelbild die Verkündigung, als Krönung des Ganzen den Gekreuzigten zwischen Maria und Johannes, endlich in der Predella fünf Szenen der Passion. F.s Stil ist hier bereits völlig ausgebildet; er zeigt sich in der etwas gedrungenen Wucht der Gestalten, ihrem gehaltenen Gebaren, in dem leicht mürrischen Ernst der breiten Köpfe. In dem vorwiegend dunkeln Kolorit stellten Crowe und Cavalcaselle die gleiche gemischte Öltechnik fest, die Domenico Veneziano verwandte; nur die Predella sei in Tempera ausgeführt. In die der Vollendung dieses Altarwerks folgende Zeit wird man vermutlich den Aufenthalt F.s in Ferrara ansetzen dürfen, der, Pacioli und Vasari bekannt, durch den wesentlichen Einfluß F.s auf Franc. del Cossa bezeugt ist. Von seinen Malereien daselbst, im Kastell und in San Francesco, ist aber nichts erhalten geblieben. 1451 folgt als nächste sichere Arbeit das Fresko über der Tür der Reliquienkapelle in San Francesco zu Rimini, das den Besteller Sigismondo Malatesta vor seinem Namensheiligen kniend in einem mit Festons geschmückten Raum darstellt; bezeichnet "Petri de Burgo opus 1451". In die jetzt folgende Lücke von drei bis vier Jahren schiebt man meist die Tätigkeit F.s in Rom für Papst Nikolaus V. (1447-1455) ein. Vasari berichtet von Fresken im Vatikan, die unter Julius II. heruntergeschlagen seien; doch sind seine Angaben um so mehr mit Vorsicht aufzunehmen, als ein dokumentarischer Beweis bisher nicht erbracht worden ist. Am 4. 10. 1454 übernimmt F. die Herstellung eines Bildes, dessen Gegenstand in der Bestellungsurkunde nicht genannt ist, für den Hochaltar von S. Agostino in seiner Heimatstadt, das in acht Jahren fertiggestellt werden sollte, aber erst viel später fertig wurde; die Restzahlung erfolgte am 14. 11. 1469. F.s Bild ist nicht erhalten (vgl. unten, Absatz über die F. irrig zugeschriebenen Werke). Daraus, daß sich F. damals für einen gut bezahlten Auftrag so lange Frist ausbedang, muß man auf starke Inanspruchnahme durch andere Arbeiten schließen. Wahrscheinlich beschäftigte ihn bereits der Freskenzyklus in der Chorkapelle von S. Francesco zu Arezzo. Hier hatte der Florentiner Bicci di Lorenzo für Luigi Bacci bereits die Decke gemalt; sein Tod 1452 zwang den Besteller, sich nach einem anderen Meister umzusehen. Als vorhanden bezeugt ist dieses Hauptwerk F.s durch einen Auftrag vom Ende des Jahres 1466 (Banner für Arezzo, s. u.). F. stellte hier an den beiden Haupt-, sowie den Schmalwänden der Fensterseite in zehn Bildern die Legende des heiligen Kreuzes dar: wie der Baum, aus dem es gefertigt ist, auf Adams Grab gepflanzt wird, dann als Brücke vor Salomos Palast dient und von der Königin von Saba erkannt wird, über die Ereignisse, die zur Wiederauffindung des Kreuzes führen, die Kämpfe, die den Sieg des Kreuzes bedeuten, bis zu seiner Rückführung nach Jerusalem durch Heraclius. Die Darstellungsreihe beginnt im oberen (Bogen-) Feld zur Rechten und endet im entsprechenden Feld zur Linken (vom Eingang); die Hauptereignisse werden in den vier langen Streifen darunter erzählt; die Erzählung aber greift hinüber auf die schmalen Felder neben dem Fenster, wo z. B. der Traum des Konstantin sich findet, der dessen Sieg über Maxentius (Hauptwand rechts, untere Reihe) vorhergeht. F. hat endlich rechts und links neben dem Fenster in den obersten Feldern zwei jugendliche stehende Propheten, sowie in der Laibung des Eingangsbogens einzelne Figuren gemalt. von denen das Fragment eines Heiligen, ein hl. Ludwig, und die Figur eines Amor mit verbundenen Augen erhalten sind (anderes zerstört; Crowe und Cavalcaselle, ital. Ausg. p. 213 ausführlich über diese Figuren). In diesem Werk zeigt sich F.s Kunst auf der vollen Höhe ihrer Entwicklung. Daher liegt der Gedanke nahe, dieses Werk möglichst in die spätere Laufbahn des Meisters zu rücken; Witting, der ihm eine sehr eingehende Analyse widmet, läßt es "in den sechsziger Jahren bis gegen 1466" entstanden sein, während Crowe-Cavalcaselle deutsche Ausg. p. 304, wie Venturi sich für die erste Hälfte der 50er Jahre aussprechen. Das nächste, durch ein (jetzt verlorenes) Datum gesicherte Werk ist das nur teilweis erhaltene Fresko mit dem hl. Ludwig von 1460 im Stadthaus von Borgo San Sepolcro. Zwei Jahre später beweist eine Zahlung seitens der Compagnia della Misericordia, die an seinen Bruder Benedetto geleistet wird, die Abwesenheit F.s von der Heimat. Vor 1466, wahrscheinlich um 1465, läßt sich durch ein Sonett des Dichters Ferrabó das Doppelbildnis des Federigo von Urbino und seiner Gemahlin Battista Sforza (Florenz, Uffizien) datieren, dessen Tafeln auf der Rückseite die beiden Dargestellten auf Triumphwagen, von allegorischen Gestalten umgeben, zeigen. Ein zweiter Aufenthalt des Malers in Urbino ist für eine etwas spätere Zeit - vor dem B. 4. 1469, an welchem Tage Giovanni Santi seine Auslagen anläßlich dieses Besuchs vergütet werden (Pungileoni, Elogio storico di Gio. Santi p. 75) - bezeugt; es handelte sich dabei um die Übernahme eines Gemäldes für die Corpus Domini-Brüderschaft, doch lehnte F., scheint es, ab. Er war aber noch vielfach für Urbino tätig, zu dessen Herzog er in engen Beziehungen - als assiduo famigliare des herzoglichen Hauses bezeichnet ihn sein Schüler Pacioli 1494 - gestanden haben muß; dies wird durch die Dedikation von F.s Schrift "De quinque corporibus regularibus" an Federigos Sohn und Nachfolger Guidobaldo ausdrücklich bekundet. Das Hauptdenkmal dieser Beziehungen ist das Altarbild, das für den Hochaltar von S. Bernardino bei Urbino bestimmt war (jetzt Mailand, Brera), und das Federigo vor der Madonna kniend darstellt, die, von sechs Heiligen und vier Engeln umgeben, in der Apsis eines Kirchenraumes thront. Hat eine von Pungileoni (1. c. p. 53) mitgeteilte Notiz recht, so wäre dieses Bild etwa 1472 zu datieren, was der Stil, der schon die Spätzeit F.s erkennen läßt, wahrscheinlich macht; aber die gleiche Quelle nennt als Urheber des Bildes Fra Carnevale, während die neuere Forschung, mit Ausnahme Venturi's, es als Werk F.s anerkennt (vgl. Künstlerlexikon VI, 20). In Urbino selbst (Dom) ist von F. noch die voll bezeichnete Tafel mit der Geißelung Christi erhalten, die unter einem Portikus vor sich geht, während vorn rechts am Eingang einer Palaststraße drei Männer (davon zwei im Zeitkostüm) zusammenstehen, angeblich Oddantonio von Urbino und seine Räte, nach andrer (ebensowenig begründeter) Annahme drei Mitglieder der urbinatischen Fürstenfamilie. Endlich wurde früher F. allgemein eine Längstafel zugeschrieben, auf der perspektivisch eine Straßenansicht zu sehen ist (Urbino, Galerie; früher im Kloster Sta Chiara). Eine zweite, ganz verwandte Vedute, jetzt im Kaiser Friedrich-Mus. in Berlin, ist sicher von derselben Hand; eine dritte (früher in Samml. Massarenti, Rom) soll sich jetzt in Amerika befinden. Das erste der drei Bilder (womit dann das zweite eng verbunden ist) ist mehrfach, schon früh von Reber (Sitz.-Ber. d. Münchner Akad. 1889 II), neuerdings von Budinich (Un quadro di Luc. Dellauranna, Triest 1902), welch letzterer darauf eine Signatur hat finden wollen, für den Architekten Luciano Laurana in Anspruch genommen worden, wogegen zu bemerken ist, daß sie in der Farbengebung durchaus dem Spätstil F.s sich anpassen. Die urbinatischen Bilder sind die spätesten, mit einiger Gewißheit datierbaren, da die Arbeiten aus der Zeit nach 1469, die dokumentarisch beglaubigt sind, sämtlich nicht mehr erhalten sind, während andrerseits für die aus stilistischen Gründen der Spätzeit zuzuweisenden Werke jede dokumentarische Beglaubigung fehlt. Die wenigen Nachrichten aus den letzten fünfundzwanzig Jahren von F.s Leben sind die folgenden. Am 7. 11. 1468 empfing er in Bastia bei Borgo die Restzahlung für das Banner mit der "Verkündigung", für das er am 20. 12. 1466 seitens der Compagnia della Nunziata in Arezzo den Auftrag erhalten hatte.; am 14. 11. 1469 quittierte er über die Restzahlung für das Bild in S. Agostino zu Borgo (s. oben). Durch eine Aufforderung zur Steuerzahlung aus dem März 1471 ist seine Anwesenheit in Borgo zu dieser Zeit bezeugt; ebenso durch eine im Mai 1473 gemeinsam mit seinem Bruder Marco einem dritten Bruder Antonio erteilte Prokura (unpubl. Dokum. bei den Erben des Prof. Gius. Bardelli). Er muß daselbst in der Folgezeit im Auftrag der Compagnia della Madonna eine Kapelle neben dem Chor der Badia (des heutigen Doms) ausgemalt haben, worüber nur eine auf die Restzahlung des Geldes bezügliche Notiz vom 9. 4. 1474 vorliegt. Ein jüngst im Archiv von Borgo aufgefundener Registerband von 1474-1476 zeigt, daß F. damals das Amt des Prioren bekleidete (L'Arte XVII [1914] 224). Am 25. 6. 1477 wird er in den Stadtrat auf 4 Monate gewählt. Vom Mai bis Ende Dezember 1478 liegen in den Rechnungsbüchern der Confraternita della Misericordia, für die F. einst sein Erstlingswerk gemalt hatte, Zahlungen über ein (zugrunde gegangenes) Fresko vor. - Völlig unbekannt ist uns die Ursache, weshalb F. am 22. 4. 1482 in Rimini für ein Jahr vom 1. 5. ab ein Haus mietete (Grigioni in: Rass. bibl. d. arte ital. XII [1909] 118); keine Spur seines Wirkens aus dieser Zeit hat sich bisher dort nachweisen lassen. Die allgemeine Ansicht geht dahin, daß F. sich in seinem Alter der Abfassung seiner kunsttheoretischen Schriften gewidmet habe; dürfte man Vasari Glauben schenken, so wäre der Maler im Alter von sechzig Jahren erblindet und habe in diesem Zustand noch sechsundzwanzig Jahre gelebt. In dieser Form ist Vasaris Angabe, wie die Zahlungen von 1478 für ein Fresko beweisen, gewiß unrichtig. Zweifel, ob F. in seiner letzten Lebenszeit blind gewesen sei, erweckt auch der einleitende Passus seines Testaments vom 5. 7. 1487, in dem er auch als "sanus corpore" bezeichnet wird (worin Venturi allerdings nur die Bestätigung seiner Testierfähigkeit finden will). Außer den dokumentarisch beglaubigten oder chronologisch einigermaßen festgelegten Arbeiten besitzen wir noch eine gewisse Zahl sicherer Werke F.s. Es sind besonders die folgenden: In Borgo San Sepolcro im Municipalpalast das Fresko der Auferstehung Christi, in düsterer Gebirgslandschaft, ein großartiges Werk der höchsten künstlerischen Reife. - In der Friedhofskapelle zu Monterchi bei Borgo ein Fresko: die Madonna (?) unter einem Zelt, dessen Vorhänge zwei Engel zurückschlagen; in F.s etwas müdem Spätstil und mit Hilfe von Schülern ausgeführt (Berenson und Venturi geben es dem Lorentino d'Agnolo). - In Arezzo im Dom neben der Sakristeitür die Einzelgestalt der Magdalena in Fresko, in ihrer hoheitsvollen Haltung den Propheten der Kapelle in S. Francesco nahe verwandt. Bei S. Maria delle Grazie daselbst Reste der Fresken mit Szenen aus dem Leben des hl. Donatus, die erst 1906 aufgedeckt worden sind. - An Tafelbildern in Italien: Venedig, Akademie, der hl. Hieronymus, im Vordergrund weiter Landschaft sitzend, von einem neben ihm knienden Manne, der (nicht unzweifelhaften) Inschrift nach ein Girolamo Amadi, verehrt; durch volle Bezeichnung gesichert. - Perugia, Pinakothek (aus dem Nonnenkloster Sant' Antonio), ein mehrteiliges Altarwerk: neben der im Mittelbild thronenden Madonna 1. Antonius und Johannes d. T., r. Elisabeth und Franciscus; in der Predella drei Szenen aus dem Leben der Heil. Franciscus, Antonius und Elisabeth sowie Rundbilder mit den Heil. Agata und Rosa; darüber als Aufsatz, oben treppenartig zugeschnitten, die Verkündigung, mit prachtvoll verkürztem Säulengang. Witting vertritt, Schmarsow folgend, die Ansicht, daß hier zwei nicht zusammengehörige Werke später vereinigt worden sind: der dreiteilige Altar mit den 3 Predellenbildern gehöre der früheren, die Verkündigung der Spätzeit an; zu letzterer als Predellenrest gehörig die beiden heiligen Frauen. Dagegen ist einzuwenden, daß schon Vasari das Werk im gegenwärtigen Zustand gesehen hat, und daß, wie von Weisbach (Rep. f. Kunstw. XXII [1899] 74) und Aubert, der das Altarwerk als einheitliche Schöpfung behandelt (Zeitschr. f. bild. Kunst N. F. X [1898/9] 263-266), beobachtet wurde, die beiden Frauengestalten auf einer Holztafel mit den Heiligen des Triptychons gemalt sind. Andere Forscher (so Crowe u. Cavalcaselle, Berenson, Ad. Venturi) nehmen eine weitgehende Mithilfe von Schülern hier an. - Sinigaglia, S. Maria delle Grazie: Altarbild der Madonna und zweier verehrender Engel, Halbfiguren, vor Architekturhintergrund, charakteristisches Spätwerk (von Venturi einem Schüler zugeschrieben; nach Crowe u. Cavalcaselle Werkstattarbeit). - Mailand, Museo Poldi (No 598): St. Thomas von Aquino, Flügel eines Altars (vgl. London, St. Michael); aus der Zeit des Brera-Altars (Venturi: Fra Carnevale). Außerhalb Italiens befinden sich folgende Werke: London, National Gallery: Taufe Christi, in weiter Gebirgslandschaft, Mittelstück eines Triptychons, dessen übrige Teile, sicher von der Hand eines sienesischen Meisters (nach M. Logan, Rass. d'arte V [1905] 49ff. von Matteo di Giovanni), sich jetzt im Dom zu Borgo befinden; aus S. Giovanni Evangelista dieser Stadt. Von Venturi als frühestes bekanntes Werk F.s angesprochen (wogegen die sichere Reife und die vollendete Technik sprechen), sonst meist in die sechziger Jahre datiert. - Geburt Christi, früher im Besitz der Familie Franceschi-Marini in Borgo, der Nachkommen des Meisters; nicht ganz vollendet. Werk der Spätzeit; Crowe u. Cavalcaselle sahen sich an Signorelli erinnert (Venturi: Fra Carnevale). - St. Michael, Flügel desselben Altars, wie St. Thomas des Museo Poldi in Mailand (s. oben). - Boston, Samml. Mrs Gardner: Herkules, Fresko, Halbfigur (der untere Teil zerstört), aus Palazzo Collacchioni in Borgo. - Über sonstige Zuschreibungen vgl. Crowe u. Cavalcaselle und Berenson. Aus der großen Zahl der Bilder, die F. irrtümlich, jedoch mit einer gewissen Begründung zugeschrieben werden, nennen wir: Borgo San Sepolcro, Museo Civico, Himmelfahrt Mariä mit 4 Heiligen (aus S. Chiara). Gewöhnlich in Zusammenhang gebracht mit dem Bild, das F. zwischen 1454 und 1469 für die Mönche von S. Agostino gemalt hat (s. o.). Die Identifizierung beider Bilder geschieht auf Grund der Tatsaçhe, daß die Nonnen von Sta Chiara nach Übersiedlung der Agostinianer in die Pieve di S. Maria die Kirche S. Agostino in Besitz nahmen. Gegen diese spricht 1) der Stil des Bildes, der mit F. nichts gemein hat, vielmehr rein perugineske Züge aufweist (dahe'r Venturi Storia d. arte ital. VII pte II p. 460 es als frühestes Jugendwerk Peruginos auf Grund von F.s Entwurf erklärt); 2) die gewählten Heiligen, mit S. Chiara in der vordersten Reihe, die die Bestellung des Bildes durch die Nonnen erweisen. Das Bild hat demnach weder historisch noch stilistisch mit F. etwas zu tun; es gehört einem späteren Nachahmer Peruginos an. (nach Crowc u. Cavalcaselle, Schmarsow und Bombe dem Francesco da Castello). - Oxford, Christ Church: Madonna und Kind, von drei Engeln verehrt. Anmutiges Werk eines unmittelbaren Nachfolgers (Fra Carnevale nach A. Venturi). - Rom, Marchesa di Villamarina (früher March. d'Azeglio): Madonna mit Kind, von der gleichen Hand, wie das eben genannte (vgl. L. Venturi, L'Arte VIII [1905] 127). Über die in der älteren Literatur meist F. zugeschriebenen, sicherlich florentinischen weiblichen Profilbildnisse vgl. den Artikel Domenico Veneziano (IX 409), über das Madonnenbild im Louvre s. unter Baldovinetti (II 399). Neben seiner Tätigkeit als Maler hat sich F. auch theoretisch mit der Kunst beschäftigt und hat, wahrscheinlich am Abend seines Lebens, in zwei Abhandlungen seine Erfahrungen niedergelegt. 1) Sein Hauptwerk führt den Titel "de prospectiva pingendi" (das Widmungsexemplar an Herzog Guidobaldo verschollen; Handschriften in der Bibl. Palatina zu Parma - italienisch -, in der Ambrosiana in Mailand - in lateinischer Übersetzung -, sowie in der Bibl. nat. in Paris und in Bordeaux [s. Literat. Müntz]; Ausgabe von Winterberg s. Literat.). F. hat den Stoff in drei Bücher geteilt: das erste handelt von Punkten, Linien und Flächen, das zweite von den stereometrischen Körpern (Kuben, viereckigen Pfeilern, runden und mehrseitigen Säulen), das dritte von Köpfen, Kapitellen, Basen, Schaften und anderen Körpern in verschiedener Fassung, deren perspektivischer Aufriß hier erläutert wird. Vom Einfachen zu immer komplizierteren Aufgaben fortschreitend, ist F. bestrebt, diese rein praktisch den Künstlern klarzumachen, nicht aber deren theoretische Seite zu erläutern. Hierin, daß er "die strenge Konstruktionsmethode als Erziehungsund Bildungsmittel für das Auge des Lehrlings in praxi richtig erkannt und anzuwenden sucht" (Winterberg), besteht sein Verdienst gegenüber dem älteren L. B. Alberti, der "vor der vermeintlichen Aussichtslosigkeit dieser Aufgabe noch zurückgeschreckt war". F.s Traktat bildet die Grundlage für die folgenden Meister, die sich theoretisch mit der Malerei befaßt haben: sowohl für Leonardo, der nach Paciolis Zeugnis davon abstand, ein Lehrbuch der Perspektive zu verfassen, als er von F.s Arbeit hörte, als für Dürer ist die Kenntnis der "prospectiva pingendi" erwiesen. Ferner beruht das Werk von Daniele Barbaro, das 1569 in Venedig erschien, inhaltlich so gut wie ganz auf F.s Werk. - 2) Libellus de V corporibus regularibus, Guidobaldo von Urbino gewidmet (Handschrift in der Vatikanischen Bibliothek, aus Urbino stammend), nach der Vorrede ein Alterswerk. Der gleichfalls in drei Teile geschiedene Traktat ist (nach Winterberg) "nichts weiter als eine Reihe praktischer Anwendungen Euklidischer Sätze". Der von Luca Pacioli herausgegebene, denselben Titel führende Traktat in italienischer Sprache (Venedig 1507) ist tatsächlich nichts als' eine nur in unwesentlichen Teilen abweichende Übersetzung der Abhandlung von F., so daß die zuerst von Vasari aufgestellte Behauptung eines Plagiats, dessen Pacioli sich schuldig gemacht habe, wenigstens für diese Schrift zu Recht besteht: es sei denn, daß man mit Winterberg annimmt, der libellus sei eine durch Zusammenarbeiten beider Männer, des Malers und des Mathematikers, entstandene Arbeit. Von unmittelbaren Schülern des F. nennt Vasari den Aretiner Lorentino d'Agnolo (richtig: d'Andrea), was durch dessen in Arezzo erhaltene Werke, die F.s Formen in provinzielle Manier abgewandelt zeigen, bestätigt wird, den Perugino, was wenig wahrscheinlich und sonst in keiner Weise beglaubigt ist, sowie Luca Signorelli, der, auch von Pacioli als F.s "würdiger Schüler" bezeichnet, diese bedeutende Einwirkung nirgends verleugnet. Aus inneren Gründen gilt ferner Melozzo da Forli allgemein als Schüler F.s; doch wird man, da Pacioli ihn nicht als solchen bezeichnet, eher an einen Einfluß durch die Werke und Beziehungen in den Jahren der Reife, als ein direktes Schülerverhältnis zu denken haben. Die Persönlichkeit des Fra Carnevale von Urbino, den man gleichfalls gemeinhin als Schüler F.s bezeichnet, ist bei dem Mangel an gesicherten Werken vorläufig nicht faßbar; alle Zuschreibungen, besonders Ad. Venturi's, von schwächeren Arbeiten der Werkstatt F.s an ihn schweben daher in der Luft (vgl. Künstler-Lexikon VI 20). Bedeutend ist der Einfluß, den F.s Werke in Ferrara auf die Entwicklung Cossas gewonnen haben. Endlich ist jüngst die Bedeutung F.s für einige Meister der Marken durch L. Venturi aufgezeigt (L'Arte XVIII [1915] 176ff.), sein Einfluß auf die venezianische Malerei behauptet, jedoch nicht erwiesen worden (Longhi, in: L'Arte XVII [1914] 198ff. u. 241ff.). Die künstlerische Bedeutung F.s wird nicht hoch genug veranschlagt werden können. Man darf ihn ohne Einschränkung als die größte künstlerische Persönlichkeit bezeichnen, die Mittelitalien im 15. Jahrh. hervorgebracht hat; auch in der Folgezeit hat ihn nur Raffael in Schatten zu stellen vermocht. Auf der Basis seiner in der wichtigsten Epoche florentinischer Quattrocentokunst erfolgten Ausbildung, die sich in seinen zwar strengen, doch mit hohem, plastischem Verständnis gestalteten Figuren bekundet, entwickelt sich seine nicht nur in jener Epoche außerordentliche malerische Begabung. In der Beobachtung der Licht- u. Luftprobleme geht er seiner Zeit durchgehends weit voraus. Er wagt hier Kühnheiten, die ihn als einen der interessantesten Vorläufer der neueren Freilichtmalerei erscheinen lassen. Sein Interesse an solchen Beobachtungen veranlaßt ihn, sich in bedeutsamer Weise mit der umgebenden Natur auseinanderzusetzen; so primitiv vielfach seine Landschaften in ihren Einzelheiten sind, so richtig erfaßt ist das Verhältnis der Figuren zur Landschaft und die farbige Abstufung seiner Hintergründe. Seine dauernden perspektivischen Studien, die ihn gegen das Ende seines Lebens veranlaßten, für die Jüngeren seine Erfahrungen aufzuzeichnen, ermöglichen es ihm, mit vollkommener Richtigkeit die Räume zu konstruieren und in diese seine Figuren zu stellen. Aber seine Gründlichkeit ist andrerseits ein Hemmnis seiner schöpferischen Kraft; daß er aus Einzelbeobachtungen seine Kompositionen zusammensetzte, eine unmittelbare Folge jener Eigenschaft, nimmt4diesen die Freiheit: die Aktion läßt daher bei ihm leicht den Eindruck pulsierenden Lebens vermissen (besonders bei den Schlachtenszenen zu beobachten). Allem, was er geschaffen hat, wohnt aber eine außerordentliche Größe inne, die des monumentalen Formats zu ihrer Wirkung nicht bedarf; seine kleinen Tafelbilder wirken, als wären sie in einem viel größeren Maßstab konzipiert. Seine Kunst, innerhalb der sinnlich sichtbaren Welt beschlossen, hat zu deren malerischem Verstehen aufs bedeutsamste beigetragen. Zusammenfassende Literatur: Vasari-Milanesi II487; deutsche Ausg. IV 1. - Crowe-Cavalcaselle, Ital. Malerei III 294 (ital. Ausg. VIII 188; englische Ausg. V [T. Borenius, 1914] 1ff.). - Schmarsow, Melozzo da Forli, 1886, passim (bes. p. 312ff.). - G. F. Pietri, La vita e le opere di P. d. F., Borgo S. Sepolcro, 1892 (vgl. dazu Arte e Storia XII [1893] No 8). - F. Witting, P. dei Franceschi, Straßburg 1898. - W. G. Waters, P. della Francesca, London 1901 (2. Aufl. 1908; The great masters). - E v. Franceschi-Marini, P. d. Fr. e la sua opera, in: Riv. d'Italia, V, Jan. 1902. - Berenson, The central Italian painters of the ren., 1909, p. 69ff. und 225-227 (Bilderliste). - C. Ricci, P. d. Fr. (L'opera dei grandi artisti italiani I), Rom 1910 (Monumentalwerk m. großen Abb.). - Ad. Venturi, Storia dell' arte ital. VII, parte I p. 432-486; parte II u. III passim. - Evelyn, P. d. Fr., Città di Castello 1912. Dokumente: Milanesi in: Giornale stor. d. archivi toscani VI (1862) 11; II Buonarroti III. ser., t. II (1885) 116, 141 u. 218; Nuovi doc. p. 1. storia d. arte toscana, 1893 p. 91, 97, 122. - Pini-Milanesi, La stritt. d. artisti ital. I, T. 63. - Corazzini, Appunti stor. Mol. su la Valle Tiberina, Borgo S. Sepolcro, 1879 p. 62ff. - Repert. f. Kunstw. XXIII (1900) 392-394 (Gronau). - L'Arte XVI (1913) 471/2 (Evelyn). Einzelforschungen: G. F. Pietri, L'assunzione. . nella chiesa di S. Chiara di S. Sepolcro è opera di P. d. F., Bologna 1888. - E. Müntz, Andrea Mantegna e P. d. F., in Arch. stor. d. arte II (1889) 273ff. - Rep. f. Kunstw. XXIII (1900) 388 (Weisbachübereinverschollenes Selbstbildnis); XXXII (1909) 331 (Bombe, Zur Genesis des Auferstehungsfreskos). - L'Arte IX (1906) 56 (Cinquin P. d. Fr. a Urbino e i ritratti d. Uffizi), 305 (Tavanti, Scoperta di affreschi di P. d. F. ad Arezzo), XIV (1912) 110ff., 417ff. (Serafini über den Einfluß F.s auf umbrische Miniaturmalerei). - Arte e Storia VI (1887), passim (L. Giunti, P. d. Fr.), XXIII (1904) 125 (M elani, Nuovi affreschi di P. d. F. in Arezzo). - Le Marche VII, N. S. II (1907) 127 (C. Posti über ein verlorenes Fresko des P. d. F. in Ancona). - Staryje Gody 1909 p. 109, 1912 Jan. p. 15, 17, 19, 1913 Oktob. p. 55 (über F. zugeschr. Bilder in russ. Samml.). - Monatsheftef. Kunstw. V (1912) 469/70 (Bombe zu den Bildern für Urbino). Die theoretischen Schriften: C. Winterberg, Petrus Pictor Burgensis, De prospectiva pingendi, 2 Bde, Straßburg 1899. - Kunstchronik XIII (1878) 670-674 (Janitschek, Des P. d. F. 3 Bücher von der Perspektive). - Mitt. d. österr. Mus. f. Kunst u. Industrie VII (1879) 164ff. (C. Sitte, Die Perspektivlehre des P. d. F.). - G. Pittarelli, Intorno al libro, De prospectiva pingendi di P. d. F. (Atti d. congresso internaz. di scienze stor. 1905, Vol. XII, sez. 8, seduta 5a). - Chronique des arts 1884 p. 424; Archives des arts, I. ser. (1890) 23ff. (Müntz, Handschriften der "prosp. ping." in Paris und Bordeaux). - Sitzungsber. d. kais. Akad. d. Wissensch. in Wien, Philos. histor. Kl., 179. Bd 3. Abh. Wien 1915 p. 50ff. (J. von Schlosser, Materialien z. Kunstgesch. II. Heft Frührenaissance). - Jahrh. d. preuß. Kunstsamml. I (1880) 112ff. (Jordan, Der vermißte Traktat des P. d. F. über die 5 regelmäßigen Körper u. L. Pacioli), XXXVI (1915) 33ff. (G. J. Kern). - Repert. f. Kunstwiss. V (1882) 33ff. (Winterberg, Der Traktat des P. d. F. über die 5 regelm. Körper u. L. Pacioli). - J. H. Fiorillo, Kl. Schriften artist. Inhalts, I (1803) 318ff. - Naumann's Arch. f. d. zeichn. Künste II (1856) 231-244 (Harzen, über den Maler P. d. F. und s. vermeintlichen Plagiarius L. Pacioli). - Solmi, Le fonti dei manoscr. di L. da Vinci. Contributi (in Giorn. stor. d. letterat. ital., 1908, Suppl. No 10/11 p. 344ff.; vgl. Rass. d'arte IX [1909] No 4 p. V). - E. Panofsky, Dürers Kunsttheorie, vornehmlich in ihrem Verhältnis zur Kunsttheorie der Italiener, Berlin 1915.