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Guarini, Guarino

Born
Modena, 17 January 1624
Died
Mailand, 6 March 1683
Country
Italy
Gender
male
GND-ID
Name Variations
Guarini, Guarino; Guarinus, Guarinus; Guarini, Camillo Guarino; Guarinus Mutinensis; Guarini, Camillo
Occupations
Architect; Theatinerpriester; Philosoph; Schriftsteller; Mathematiker; Astronom
Places of Activity
Rom, Modena, Messina, Paris, Turin
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By
Last edited
02.03.2019
Published in
AKL LXIV, 2009, 195; ThB XV, 1922, 174 ss

VITA

Guarini, Guarino (Camillo), ital. Architekt, Theatinerpriester, Mathematiker, Philosoph, Astronom, Schriftsteller, *17.1.1624 Modena, †6.3.1683 Mailand.

LIFE AND WORK

Zus. mit seinen fünf Brüdern erhält G. seine Ausb. in Philosophie, Theologie, Archäologie und Mathematik durch die Theatiner. Wie zuvor sein Bruder Eugenio bittet G. im Sept. 1639 um die Aufnahme in diesen Orden, kurz darauf folgt auch der Bruder Giovanni Francesco. Am 22.10.1639 begibt sich G. nach Rom, wo er ein sechsjähriges Noviziat in S.Silvestro al Quirinale absolviert. Am 11.4.1641, ein Jahr nach dem Tod des Vaters, legt er sein Gelübde ab. Die strenge Regel der Theatiner prägt G.s Persönlichkeit und führt ihn zu einer rigorosen asketischen Lebensweise und der Ausb. jener Innerlichkeit, die sein ganzes Dasein und auch sein äußeres Erscheinungsbild bestimmt. Während des Noviziats lernt G. die bedeutendsten röm. Künstler der Zeit kennen, darunter Pietro da Cortona (Pietro Berrettini), Gianlorenzo Bernini und Francesco Borromini, die sein Werk entscheidend beeinflussen. Daneben führen ihn aber seine theol.-phil., astronomischen und mathematischen Studien zu einer ganz eig., höchst innovativen Formensprache: Neben Vorbilder der klassischen Antike treten auch solche der Gotik, des Islam sowie der Renaiss. und des Barock. Im Febr. 1645 begibt sich G. nach Venedig, wo er seine theol. Stud. vertieft und zum Subdiakon ernannt wird, 1647 kehrt er nach Modena zurück und wird am 17.1.1648 zum Priester geweiht. Im gleichen Jahr übernimmt er das Amt des Rechnungsprüfers des dortigen Theatinerklosters, am 13.10.1649 wird er zum Aufseher über den Bau von S.Vincenzo ernannt. Hierbei steht G. den Theatinerarchitekten Bernardo Castagnini und Bartolomeo Avanzino, dem Entwerfer eines umstrittenen Kuppelprojektes, zur Seite. Der Verdacht auf finanzielle Unregelmäßigkeiten, für die G. und sein Bruder Eugenio verantwortlich gemacht werden, führen 1650 zu seiner Entlassung als Rechnungsführer und zu einer etwa vierjährigen Unterbrechung der Bauarbeiten, während derer G. zum Doz. für Phil. an der Theatinerschule in Modena berufen wird. 1653 stellt er ein neues Projekt für den Bau der Kuppel vor, das eine Holzkonstruktion mit Bleiverkleidung nach venez. Vorbild vorsieht. Zw. dem 20.11. und dem 6.12.1655 wird G. zum Vorsteher des Theatinerklosters in Modena gewählt. Die Ernennung wird vom Hof der d'Este nicht gebilligt, bereits E. des Jahres wieder zurückgenommen und G. zum Verlassen der Stadt gezwungen. Am 9.9.1656 wird er von den Theatinern in Parma aufgenommen; am 3.12.1656 ist seine Anwesenheit in Guastalla bezeugt. Während eines erneuten kurzen Aufenthaltes in Modena wird G. zum Aufseher der Novizen ernannt, im gleichen Jahr erscheint seine Schrift Pietà trionfante. In den Jahren 1660/62 hält er sich in Messina auf, wo er die Fassade für die Theatinerkirche SS.Annunziata und den zugehörigen Konvent entwirft (Nach früheren Erdbebenschäden 1783, 1894 wird die Kirche 1908 durch ein Beben ebenso wie and. ihm zugeschr. Werke vollst. zerst., u.a. Altar des hl. Antonius von Padua ebd.; S.Filippo, eine Basilika mit zugehörigem Oratorium). Im Juni 1662 kehrt G. nach Modena zurück, um seine kranke Mutter zu besuchen. Auf den 3.7.1662 sind die Entwürfe für versch. Grabmäler in S.Vincenzo dat., die niemals ausgef. wurden und deren Auftragslage unklar ist. Im gleichen Jahr liefert G. ebenfalls für S.Vincenzo und den zugehörigen Konvent Fassadenentwürfe. Im Herbst 1662 reist er auf Einladung des Theatinergenerals nach Paris, wo er sich bis 1666 aufhält, um die Bauarbeiten der Theatinerkirche Ste-Anne-la-Royale zu leiten. Der Bau wird mit den Mitteln einer Stiftung des Kardinals J.Mazarin (100000 scudi) am linken Seine-Ufer errichtet. Schwerwiegende finanzielle Probleme des Theatinerordens führen 1666 zu gegenseitigen Schuldzuweisungen des Architekten und der Finanzverwalter des Bauunternehmens. Die Schwierigkeiten führen zur Abreise G.s im Okt. 1666, der Bau bleibt unvoll. zurück. Während seiner Pariser Zeit ist G. auch mit dem Entwurf eines großen Pal. beschäftigt, der von einigen Autoren mit dem Louvre identifiziert wird. In Paris vertieft G. das Stud. der Stereometrie und der gotischen Konstruktionstechniken, gleichzeitig widmet er sich der Theologie, Philosophie und Naturwissenschaften als Grundlagen der mon. Schrift Placita philosophica (1665). Fehlende Dok. für die Zeit zw. Nov. 1665 und April 1666 haben zu Mutmaßungen über einen Aufenthalt G.s in Nizza oder Lissabon geführt, im Zusammenhang mit versch. Kirchenentwürfen in diesen Städten und in Prag. Am 4.11.1666 trifft G. in Turin ein, wo er von den Theatinern mit der Ausf. der Kirche S.Lorenzo betraut wird. Bereits ein Jahr zuvor war er zur Übersiedelung dorthin gedrängt worden, wie der Schriftwechsel zw. Pater Maraviglia, dem Ordensgeneral der Theatiner in Venedig, und dem Herzog von Savoyen, Carlo Emanuele II., zeigt, der G. von seinen Verpflichtungen gegenüber dem frz. König zu lösen suchte. Dahinter steht die Absicht, G. in Turin zu halten, viell. um ihm den Bau der herzoglichen Kap. der SS. Sindone zu übertragen. Der Streit zw. Paris und Turin zieht sich bis zum Jan. 1667 hin, als G. bereits mit der Ausarbeitung eines Modells für die Kap. der Sindone beschäftigt ist. Im Mai 1668 übernimmt er die Bauleitung. Zwei Jahre später wird er auch als Architekt der Kirche S.Lorenzo an der Piazza Castello verpflichtet, die zugleich herzogliche Kap. und Titularkirche der Theatiner ist. Im Gebiet von Castello und in den neuen Vierteln im SO der Stadt, die von Ascanio Vitozzi, aber auch von Carlo und Amedeo di Castellamonte in strengen klassischen Formen errichtet werden, arbeitet G. an etwa zehn Projekten vorwiegend experimentellen Charakters. Innovativ und eklektisch zugleich, verbinden diese Entwürfe unterschiedlichste Einflüsse: röm., emilianische und sizilianische Elemente treffen auf Ableitungen gotisch-frz. Baukunst und span.-arabisches Formengut. G.s revolutionäres Architekturverständnis wird bes. im Entwurf der Kirche S.Lorenzo deutlich, deren langwierige Baugeschichte 1634 mit einem Gebäude über dem Grundriß eines lat. Kreuzes beginnt (Vitozzi, Carlo Morello oder Carlo di Castellamonte zugeschr.) und am 27.10.1679 mit der Aufrichtung des Kreuzes auf der Kuppel ihr Ende findet. Am 12.5.1680 feiert G. hier die erste Messe. Etwa ein Jahrzehnt zuvor, am 19.5.1668, hatte Herzog Carlo Emanuele II G. das Patent eines "Ing. des Baus des Heiligsten Leichentuchs mit allen Ehren (...)" mit einem Gehalt von 1000 Silberlire und 20 Soldi pro Jahr verliehen. Der Bau der Kap., des kostbaren Schreins für die Sacra Sindone, das Leichentuch Christi, war bereits ein Jh. zuvor beschlossen worden. Nach Projekten von Pellegrino Pellegrini und Carlo di Castellamonte entwirft der aus dem Tessin stammende Bernardino Quadri eine Kap. im W-Flügel des herzoglichen Pal., im Anschluß an den Dom S.Giovanni. Di Castellamontes Scheitern an baukonstruktiven Problemen und die Weigerung des Auftraggebers, bereits ausgef. Bauteile abreißen zu lassen, führen schließlich zur Übergabe des Auftrags an G. Innerhalb weniger Monate arbeitet dieser ein neues Projekt aus und fertigt ein Holzmodell an. 1670 bittet G. den Hof der d'Este um eine Reiseerlaubnis nach Modena, die ihm nach anfänglicher Ablehnung im März 1671 gewährt wird, allerdings unter der Bedingung, nach Turin zurückzukehren. Dort läßt G. ein Ms. u.d.T. Euclides adauctus et methodicus mathematicaque universalis zurück, dessen Erst-Ausg. noch im selben Jahr erscheint. 1672 setzt ein umfangreicher Schriftwechsel zw. Francesco II d'Este aus Modena und dem savoyischen Herzog ein, der die Bemühungen beider Souveräne um die Bindung des talentierten Theatiners an ihre jeweiligen Höfe dokumentiert. 1674 publiziert G. die Schrift Il modo di misurare le fabriche und verfaßt die Coelestis mathematica, die postum veröff. wird. Zw. 1673 und '74 betraut ihn Carlo Emanuele II auch mit dem Entwurf der Kirche der Immacolata Concezione (beg. 1675) für die Missionare von S.Vincenzo de' Paoli, die sich 1658 in Turin angesiedelt hatten. Ebenfalls 1675 erfolgt der Baubeginn für das Haus der Theatiner von S.Vincenzo in Modena nach einem Entwurf G.s, der zu diesem Zeitpunkt möglicherweise auch mit der Ausf. des Theatrum Sabaudiae beschäftigt war. Zw. dem 15.10. und dem 17.11.1675 ist G.s Anwesenheit in Vicenza bezeugt, wo er sich schon E. Dez. 1672 aufgehalten hatte. Auf diesen ersten Aufenthalt gehen viell. die Entwürfe für die Kirche der Stadtpatrone S.Vincenzo e Gaetano da Thiene sowie für die Klarissenkirche S.Maria d'Aracoeli zurück. Das Thema des Zentralbaus greift G. in den Entwürfen für S.Filippo Neri in Casale Monferrato und für das Sanktuarium von Oropa (1679-1680) nochmals auf. Ein entsprechendes Schema liegt auch dem Projekt für die nicht ausgef. Kirche S.Gaetano in Nizza zugrunde. Während einer seiner Reisen ins Veneto wird G. mit dem Entwurf für den Hauptaltar der Theatinerkirche S.Niccolò in Verona beauftragt, der als Taf. in den Dissegni (1686) abgebildet und dessen Dat. bis heute problematisch ist. 1676 beginnt der Umbau des Kastells von Emanuele Filiberto von Savoyen-Carignano in Racconigi, für dessen Entwurf G. 1677 entlohnt wird. Der Bau schreitet jedoch wegen des ebenfalls im Bau befindlichen Pal. di Carignano nur langsam voran. Keiner der Entwürfe G.s für den riesigen Komplex gelangt schließlich zur Ausführung. Daneben befaßt sich G. auch mit dem Festungsbau, obwohl er auf diesem Gebiet keine praktischen Erfahrungen vorweisen kann. Von April 1677 dat. sein Trattato di fortificazione che hora si usa in Fiandra, Francia et Italia .... Wiederholte Meinungsverschiedenheiten mit dem Turiner Theatinerprior Carlo Emanuele Romagnano di Virle veranlassen G. bereits im April 1677 zur Rückkehr nach Modena. Der Hof der Savoyer fordert jedoch im Namen der Madama Reale (Maria Giovanna Battista von Savoyen-Nemours, Witwe von Carlo Emanuele II) die Voll. aller beg. Bauten in Turin. Mit diplomatischen Mitteln gelingt es, Padre Virle zu entfernen und G. am 14.2.1678 zur Rückkehr nach Turin zu bewegen. Im gleichen Jahr reist er jedoch abermals kurz nach Modena, wo der Theatiner Giovanni Fontana den Bau des Konvents von S.Vincenzo leitet. Durch die Ernennung zum Vorsteher des Theatinerhauses von Turin (20.5.1679) auf Wunsch der Madama Reale gelingt es, G. stärker an die Stadt zu binden. 1678 entsteht das Projekt für die Chiesa della Consolata, die den romanischen Vorgängerbau S.Andrea ersetzt. Das Jahr 1679 erweist sich für G. als künstlerisch bes. fruchtbar. Er ist u.a. mit der Ausarbeitung der Entwürfe für die Pal. Carignano und Madama, für die Kirche S.Filippo Neri und für das Jesuitenkolleg dei Nobili an der Piazza S.Carlo in Turin beschäftigt. Zw. 1679 und '80 befaßt er sich auch mit dem Thema der Privatresidenz: Es entstehen Entwürfe für den Pal. des Abtes Marc'Antonio Graneri d'Entremont in Turin (voll. 1699), das Kastell des Conte Franceso Ottavio Solaro (Erster Stallmeister der Madama Reale) in Govone und die Villa in Grugliasco für Valeriano Napione, Majordomus des Emanuele Filiberto di Carignano. Der Entwurf für die Kirche S.Filippo Neri (1679) bezeichnet den idealen Höhepunkt in G.s Auseinandersetzung mit dem Thema des sakralen Longitudinalbaus, das vom gleichzeitigen Projekt für die Kirche der Bruderschaft S.Caterina in Ceva bis zu dem stärker durchgeformten Plan für die Theatinerkirche S.Maria Ettinga in Prag reicht (1679 dat., vermutlich von Turin nach Prag gesandt). Am 9.6.1680 ernennt Emanuele Filiberto G. in Anerkennung seiner über ein Jahrzehnt dauernden Dienste zum Hoftheologen. Aus dieser Zeit stammen die zahlr. Entwürfe für Häuser des Theatinerordens in versch. Städten Europas, etwa S.Maria della Divina Provvidenza in Lissabon. Von April 1681 bis April 1682 ist G. in Mailand dok., wohin er im Febr. 1683 zurückkehrt, um die Ed. der Bde Coelestis mathematicae, die auf frühere astronomische Stud. zurückgehen, des Compendio della sfera celeste (1675) und der Leges temporum et planetarum (1678) zu beaufsichtigen. Unpubliziert bleibt hingegen zunächst die Schrift L'Archit. civile, von der 1686 eine erste Slg von 44 Taf. u.d.T. Dissegni d'archit. civile et ecclesiastica ... erscheint. Der mit einer Widmung an Carlo Emanuele III versehene und mit 35 neuen Taf. ausgestattete Traktat wurde 1737 erstmals vollst. von Bernardo Antonio Vittone hrsg. und mit Ergänzungen versehen, die durch ihre Redundanz und Rhetorik leicht zu erkennen sind. Der Text illustriert die Grundlagen der Archit., Ichnographie, Aufriß, Entwurf und Geodäsie und zeichnet sich durch die breite Einbeziehung internat., v.a. span. und frz. Quellen, das Interesse für die Archit. der Gotik und die Vermittlung baupraktischen Wissens aus. - G.s früher Fassadenentwurf für die Chiesa dell' Annunziata (zerst.) in Messina entsteht ab 1660. Durch Superposition von drei Säulenordnungen gegliedert, sucht die Fassade zw. dem Kontur des Platzes und dem Kirchenbau zu vermitteln und dessen abweichende diagonale Ausrichtung zu kaschieren. Durch den gedrängten Rhythmus der Säulen und Lisenen entsteht der Eindruck eines in die Fläche projizierten, dreidimensionalen, gleichsam teleskopartigen Raumes mit einer weichen konkaven Schwingung. Dieser Bewegung ist das konvex gebildete Portal entgegengesetzt, nach dem Vorbild des röm. Hauptsitzes der Oratorianer von F.Borromini. Die plastische Durchbildung wird durch die Marmorbearbeitung und den exakten Steinschnitt in ihrer Wirkung gesteigert und zusätzlich durch die dorische Portalädikula betont, die auf unkonventionelle Weise in die korinthische Ordnung eingestellt ist. Der zugehörige Konvent entsteht ab 1662. Er ist nach dem Vorbild des Jesuitenkollegs von Messina (1630) in fünf Doppeljoche mit dem Eingang in der Mittelachse des zentralen Joches geteilt. Die zweigeschossige Hauptfassade ist durch Pilaster aus Sichtmauerwerk und ein mon. Gebälk gegliedert. Nach G.s urspr. Entwurf sollten die Fenster der beiden Geschosse nicht in derselben Achse sitzen, um so die bereits durch Rundbogenöffnungen reduzierte Wandfläche des Erdgeschosses weiter zu entmaterialisieren. Stattdessen entschied er sich jedoch für eine dem lokalen Kontext angemessenere, axiale Anordnung. Nicht voll. (viell. nicht einmal beg.) wurde die Kirche der Padri Somaschi in Messina (1662-66). Bei dem Entwurf handelt es sich um einen Zentralbau auf der Grundlage eines Sechsecks, das von dreieckigen Pfeilern markiert wird und dem ein Kreis eingeschrieben ist. Im Umgang alternieren longitudinale, mit Rippengewölben geschlossene Joche mit dreieckigen Raumkompartimenten, die mit kleinen Laternen bekrönt sind. Der obere Teil des zentralen Baukörpers ist Tambour und Kuppel zugleich und ruht über den Ecken des Hexagons auf Trompen. Bekrönt wird der Zentralraum durch eine große durchfensterte Laterne mit einer abschließenden, gelängten Kuppel mit Doppelrippen. Der Außenbau verbindet die sechs identischen Seiten mit ihren Rundbogenportalen über die Kurvenlinie der Piedestale und Akroterien. Der Fassadenentwurf für S.Vincenzo in Modena (1662) umfaßt vier Register, die durch Voluten und Sprenggiebel miteinander verbunden sind. Der gedrängte Rhythmus der Säulenstellung wird beruhigt durch zwei Attiken von unterschiedlicher Höhe. Nach oben schließt die Fassade mit einem gedrückten Bogen ab. Bekrönt wird sie vom Emblem des Theatinerordens. Der Verzicht auf das Element eines abschließenden Tympanons nach dem Vorbild von Palladio wird zu einem immer wiederkehrenden Motiv in G.s Entwürfen. Das Dach des Kirchenschiffs wird durch eine erhöhte Mauer verdeckt, die durch gestaffelte Säulenstellungen und Kartuschen gegliedert ist und sich dominant über die angrenzenden Gebäude erhebt. Der Grundriß der Kirche Ste-Anne-la-Royale (Entwurf 1662-66, 1720 voll., 1823 zerst.) in Paris basiert auf einem griech. Kreuz, das im Osten um ein Presbyterium erweitert ist. Die Vierungspfeiler sind nach dem Vorbild der frz. Gotik um 45o gedreht und nehmen die Orientierung der Kreuzgewölbe in den Querhausarmen auf. Dank des skelettartigen Tragwerks strömt das Licht ins Innere des Baus, der einen überraschenden Höhenzug aufweist. Char. für G. ist das Motiv der verschränkten Gewölbegeschosse. Das erste Register erscheint auf dramatische Weise räumlich komprimiert, um sich auf der Höhe des Tambours plötzlich zu erweitern und schließlich in der Kuppellaterne erneut zu verengen. Die transparente Gerüstkonstruktion, die die anschließenden Bauelemente durch die durchbrochenen Gewölbe sichtbar werden läßt, findet in den gekreuzten Doppelrippen der Kuppel ihre Fortsetzung. Sie geht auf Borromini, aber auch auf islamische und gotische Vorbilder zurück. Die pyramidale Kraftableitung wird durch die bes. Betonung der tragenden Elemente (Rippen, Lisenen und Säulen) funktional evident, zugleich aber auch als dekoratives Motiv eingesetzt. Durch die Anordnung autonomer Volumina übereinander entsteht eine Art fünfstöckige Pagode mit einem oktogonalen Tambour und einer Zwergkuppel, die außen wie ein zweiter Tambour behandelt wird und als Präludium für die Kurvatur der oberen Kalotte und der spiralförmig endenden Laterne fungiert. G.s Entwurf für einen nicht identifizierten Pal. aus den Jahren 1662-66 zeigt ein Gebäude auf quadratischem Grundriß mit seitlich überstehenden Fassadenteilen, die sich als selbständige Bauglieder artikulieren. In den Ecken des Hofs sind vier Treppen angeordnet, zwei über ovalem und zwei über mandelförmigem Grundriß. Aufgrund der außergewöhnlichen Größe des Gebäudes hat man in dem Plan einen Entwurf für den Louvre erkennen wollen. Zum Beitrag G.s für die Kap. der SS. Sindone in Turin gehört zunächst der Neuentwurf der beiden kreisrunden Eingangsvestibüle am Ende der beiden Zugangstreppen mit einer Gliederung aus Lisenen und halbkreisförmigen Nischen. Hinzu kommt ein drittes Vestibül, das die Verbindung zu den Räumen des Pal. herstellt. Die runden Vorräume ragen zu etwa einem Drittel in den Hauptraum hinein, wobei ihre Säulenstellungen den Blick auf die Kap. und den Kuppelraum zunächst gleichsam verschleiern und so zur Steigerung des Überraschungseffektes beitragen. Die Einschränkungen durch die bereits bestehenden Gebäudeteile führen G. zu einer ungewöhnlichen Anhebung des Tambours auf drei flache Kalotten und kassettierte Pendentifs, die die Spannweite des Tambours um ein Viertel reduzieren. Der Tambour mit umlaufender Galerie wird von sechs großen Rundbogenfenstern durchbrochen. Das Innere der Kuppelschale vermittelt mit seiner geflechtartigen Struktur den Eindruck bes. räumlicher Tiefe. Zwölf nur auf der Außenseite wahrnehmbare Rippen laufen in einem zwölfstrahligen Stern zusammen, über dem die Laterne mit einer von S.Ivo von Borromini inspirierten Spitze folgt. Die gekrümmten Rippen werden von einem doppelten Ring aus Metallprofilen fixiert, um so ein Netzwerk aus steinernem Mauerwerk und Eisen zu bilden, das durch unzählige kleine Fenster durchbrochen wird und von Horizontalschüben fast gänzlich befreit ist. Der Effekt der Schwerelosigkeit wird durch die perfekte Profilierung der vor Ort gefertigten Marmorelemente (Bigio di Frabosa) gesteigert, die sich durch ihre Oberflächenpolitur auch farblich von dem unteren Register absetzen. Antonio Bertoia führt den Bau nach G.s Tod 1694 zu Ende (Die Restaurierungsarbeiten an der 1997 durch einen Brand beschädigten Kap. dauern wohl noch bis 2011 an). Der Grundriß von S.Lorenzo in Turin (ab 1670) entsteht durch die eigentümliche elastische Deformierung eines griech. Kreuzes mit sehr kurzen Armen. Der Entwurf stellt sich als bes. originelle Interpretation des Zentralraumgedankens dar und wird durch eine Sequenz von konzentrischen Figuren bestimmt. Das Oktogon mit gekurvten Seiten, dem der Hauptraum eingeschrieben zu sein scheint, wird nach außen von einer quadratischen Hülle mit einer Seitenläge von etwa 24 m umschlossen. Daran fügt sich ein querrechteckiges Presbyterium an, das seinerseits im Inneren die Form einer Doppelellipse aufweist. Der zentrale Raum erscheint komprimiert und zugleich durch die acht konvexen Seitenflächen dynamisiert, die als Serlianen mit roten Marmorsäulen ausgebildet sind und in den Diagonalen vier Altäre mit wertvollen Inkrustationen kapellenartig fassen. Der überwölbte Altarraum suggeriert einen ringförmig umschlossenen Chorbereich. Nach oben hin durchdringen sich konvexe Kurven und die konkaven Kehlungen der Pendentifs, über denen die Doppelkuppel sitzt. Eine Konstruktion aus Ketten, Zugankern und einem Holzgerüst, das sich in den Bögen verbirgt, sorgt für statische Sicherheit. Um ein Durchbiegen zu verhindern, sind die Träger in Bogensegmente von geringem Durchmesser aufgeteilt. Sich überkreuzend, bilden sie einen achtstrahligen Stern, über dem das Oktogon der großen, zweischaligen und begehbaren Laterne folgt. Das statische Wagnis der Kuppel von S.Lorenzo verdankt sich zunächst G.s außergewöhnlicher räumlicher Vorstellungskraft, es wäre ohne die technischen Fertigkeiten der beteiligten Handwerker (Steinmetze aus Frankreich und dem Tessin, Maurer aus Piemont und der Lombardei) jedoch nicht realisierbar gewesen. G.s nicht ausgef. Entwurf für die Kirche SS. Giovanni e Gaetano da Thiene in Vicenza (vor 1675) ist eine Variation des Quincunx. Der Plan besteht aus einer trapezförmigen Hülle, der ein griech. Kreuz eingeschrieben ist, das wiederum aus einer Kombination von elliptischen und kreisrunden Räumen gebildet wird. Der zentrale Kuppelraum wird von vier Pfeilern begrenzt, die um 45o zur Mitte hin gedreht sind. Hieran schließen sich die elliptischen Räume der Hauptarme an, die von vier kleineren Zentralräumen flankiert werden. Im Chorbereich, der mit seiner ausgeprägten Kurvatur das Oval des angrenzenden Gebäudearms wieder aufnimmt, sorgt eine geschwungene Serliana für die Illusion eines fiktiven Umgangs. Der formalen Komplexität des Grundrisses entspricht der über dem Gebälk des unteren Geschosses folgende Aufbau. Pilaster und Wandflächen, denen freistehende Säulen zugeordnet sind, tragen ein Geflecht aus kleinen Kuppeln und Rippengewölben, die sich an die doppelte Kalotte der zentralen Kuppel anlehnen und deren Schub ableiten. Im Inneren wird der eindrucksvolle Höhenzug durch die Durchbrechung der Mauerflächen zw. den Bögen zusätzlich gesteigert. Über der Öffnung der ersten Kalotte setzt sich die Dekoration in der zweiten Kuppelschale fort. Letztere artikuliert sich auf der Außenseite als stufenartige Konstruktion, die in einer bizarren Spitze endet und an S.Ivo in Rom von Borromini erinnert. Die Fassade, gleichsam ein mehrfach gekurvter Schirm mit rhythmischer Doppelsäulenordnung, läßt die räumliche, auf Kreisbögen und Ellipsen beruhende Matrix des Innenraums erahnen. Im Falle des Theatinerkonvents von Modena (Entwurf 1662; Ausf. ab 1675) ist G. gezwungen, von dem früheren Entwurf von Castagnini auszugehen. Er modifiziert einige der bereits ausgef. Fassadenabschnitte und entwirft den Dekor. Die Fassade aus feinem Ziegelmauerwerk umfaßt zwei Geschosse mit Mezzanin, die durch ein modulares Netz aus mehreren Schichten gegliedert werden. Das erste Geschoß und das Mezzanin überspannt ein Gebälk, das auch als Basis für die mon. ionischen Pilaster des Obergeschosses dient. Die so entstehenden rhythmischen Joche enthalten leicht zurückgesetzte Rundfenster. Ein plastisches Gesims schließt den Aufbau nach oben hin ab. Das Schwanken zw. demütiger Zurückhaltung und demonstrativer Prachtentfaltung im dekorativen Apparat aus Stuck und Terrakotta führt die ambivalente Haltung des Ordens in der Frage des Dekors deutlich vor Augen. Das Innere bestimmen zwei gewaltige Korridore von doppelter Geschoßhöhe, von denen der obere urspr. durch Serlianen mit den für G. typischen Volten belichtet wurde. Bereits G.s erster Entwurf für einen Pal.-Bau, das nicht ausgef. Projekt für das Kastell von Racconigi (1676-77), stellt unter expliziter Berufung auf frz. Vorbilder die sichere Beherrschung der Bautypologie einer großangelegten Residenz unter Beweis. Der Entwurf besteht aus einem Hauptblock, der sich zu einem großen Atrium öffnet, und dem in Erweiterung der mittelalterlichen Türme vier Eckpavillons angegliedert sind. Den Eingang zum Atrium flankieren auf der N-Seite zwei Ovaltreppen, die das Motiv der rautenförmigen, gekurvten Zugangstreppe im Inneren des Gebäudes nochmals variieren. Auf der Gartenseite antwortet eine geschwungene zweiläufige Freitreppe, die ein unregelmäßig geformtes, großes Brunnenbecken umschließt. Eine offene Loggia sorgt für die Belichtung des dahinterliegenden Eingangsvestibüls. Unterschiedlichste, teilw. niedrige Gewölbeformen bestimmen die Innenräume, während sich der zentrale Saal des Obergeschosses überraschend zu einem lichten Gewölbe öffnet. Die steilen Gewölbesegmente ruhen auf Pendentifs über korinthischen Säulen und sind von kreisförmigen Öffnungen durchbrochen, um einen Lichteinfall von oben zu ermöglichen. Für den Außenbau aus Ziegelmauerwerk ist eine gitterartige Gliederung durch Bänder vorgesehen, die die Gebäudeecken bes. akzentuiert. Die Fenster des Piano nobile sind zusätzlich durch elegante Sprenggiebel ausgezeichnet. Der Chiesa della Consolata (1678) in Turin liegt ein ovaler Grundriß mit Kap.-Kranz zugrunde. Wie bei der Chiesa dell'Annunziata in Parma oder S. Andrea al Quirinale in Rom von Bernini befindet sich auch hier der Eingang auf der kurzen Achse des Ovals. Erweitert wird der Bau durch ein großes sechseckiges Presbyterium, das einen strukturell unabhängigen Sakralraum mit eigener Pendentifkuppel darstellt. Dieser Raum wird 1729 durch Filippo Juvarra tiefgreifend verändert und um einen großen Chorraum erweitert. Den Pal. Carignano in Turin (ab 1679) hat G. urspr. als Vierflügelanlage um einen großen zentralen Hof konzipiert, später konzentriert er sich auf den Entwurf des zur Stadt hin ausgerichteten Flügels mit dem Corps de logis, von dem nur die NFassade und der zentrale Saal ausgef. wurden. Er zeichnet sich durch eine symmetrische Raumfolge zu beiden Seiten eines großen Atriums aus, das urspr. dreischiffig angelegt war und später oval ausgebildet wurde. Im vierten Entwurf für den Mittelbau erfolgt der Zugang von der Piazza aus über ein sechseckiges Vestibül, das in das Atrium führt und durch acht ionische Doppelsäulen rhythmisch gegliedert ist. Das flache Gewölbe ruht auf Pendentifs. Die Hoffassade läßt mit der betonten konvexen Ausformung des stark durchfensterten zentralen Baukörpers die innere Organisation auch nach außen deutlich werden. Durch eigentümliche Sternbänder ist das Ziegelmauerwerk hier zusätzlich dekoriert. Die Erschließung der Räumlichkeiten des Pal. erfolgt nicht axial vom Eingang der Piazza aus, sondern über einen geschwungenen, zweiläufigen Treppenaufgang. Diese geniale Lösung bildet einen Höhepunkt ital. Barock-Archit. und greift zahlr. ähnlichen Formulierungen europ. Bauten des 18. Jh. vor. Die Fassade stellt sich gleichsam als plastisch durchgeformter Schirm aus Ziegelmauerwerk dar. Ein mittlerer Abschnitt mit einer konkav-konvex geschwungenen Sequenz wird von zwei rechteckigen Pavillons eingefaßt und erinnert mit der Kolossalordnung korinthischer Doppelpilaster an das erste Bernini-Projekt für die Louvrefassade. Im zentralen Saal des Piano nobile dominiert eine korinthische Kolossalordnung mit dazwischenliegenden Balkons und Rechteckfenstern. Für zusätzliche Beleuchtung sorgt der ovale Oculus im Gewölbe, durch den das Licht der Rundfenster des darüberliegenden Geschosses einfällt (später verändert). Im Aug. 1679 beg., war der Bau beim Tod G.s bis zum Gewölbe des großen Saales gediehen, 1685 mußten die Arbeiten wegen des Exils des Prinzen von Carignano unterbrochen werden, erst 1693 war der Pal. bezugsfertig. Die Kirche S. Filippo Neri (Entwurf 1679) in Casale Monferrato darf als Höhepunkt von G.s Überlegungen zum sakralen Longitudinalbau gelten. Der Entwurf besteht aus drei oktogonalen Jochen von nur scheinbarer Autonomie, deren Muldengewölbe über gefalzten Gurtbögen auf einer Pilastersäulenstellung ruhen. Durch das Vordringen der Ordnung in den Kirchenraum entsteht eine spannungsvolle Sequenz räumlicher Zäsuren. Dem Langhaus fügen sich spiegelbildlich ein Vestibül und ein Presbyterium von gleichen Dimensionen an. Diese außergewöhnliche Symmetrie findet im Kleinen in der Gestalt der Langhauskapellen mit den gerundeten Seitenwänden ihre Entsprechung. Große herzförmige Fenster sorgen für die Belichtung. Die Kirche, die nach dem Tod G.s vermutlich nach einem Entwurf von Michelangelo Garove ausgef. wurde, stürzte 1714 möglicherweise wegen des Gewichts der übergroßen Kuppel ein. Der Wiederaufbau erfolgte einige Jahrzehnte später durch Filippo Juvarra. Das Santuario di Nostra Signora in Oropa (1679-80) folgt in seinem Aufbau der klassischen Form eines Martyriums. Es besteht aus einem großen Zentralraum, der sich aus der konzentrischen Folge von Oktogonen und Polygonen zusammensetzt und um einen Kranz von acht Kap. erweitert ist. Diesem ist ein kreisrundes Presbyterium mit Umgang angefügt. Der nicht ausgef. Entwurf G.s für die Kirche S. Maria della Divina Provvidenza in Lissabon (1680) basiert auf der Grundform eines lat. Kreuzes mit Lateral-Kap., die sich in weicher Wellenbewegung nach außen manifestieren. Der Baukörper entsteht aus der Überschneidung zweier kreisfo¨rmiger Joche mit je eig. Kuppel und Laterne, hinzu kommen ein überkuppeltes Presbyterium und Querarme. Letztere bestehen aus elliptischen Räumen, die das Motiv der vier Seiten-Kap. des Langhauses in größerem Maßstab wiederholen. Eine angemessene Beleuchtung des Innenraums wird durch die mon. Kuppel mit oktogonaler Laterne sowie durch die zahlr. Fenster mit der char. violinenförmig geschwungenen Form erreicht. Die eigentümliche Wellenform der Säulen findet auch in den übrigen archit. Elementen ihren Widerhall. G. selbst bezeichnet diese spezielle Ordnung als "corintio supremo". - G.s archit. Sprache entzieht sich in ihrer bewußten Eigenständigkeit mit ihren originellen, phantastischen und bisweilen bizarren Details jedem Versuch einer Klassifizierung. Sie gründet auf einer teilw. Entfremdung von der klassischen Trad., der eine meisterhafte Beherrschung der baukonstruktiven Techniken gegenübersteht. Diese ermöglicht eine bis an die Grenzen gehende Ausreizung der konstruktiven Möglichkeiten der verwendeten trad. Baumaterialien und eine Formbildung, wie sie erst die gewagtesten Bauten des 20. Jh. wieder erreichen. In G.s Baukunst verbindet sich eine bes. Intuition für statische und strukturelle Lösungen mit der profunden Kenntnis geometrischer und mathematischer Gesetze. In idealer Weise sind empirische Konstruktion und theoretische Konzeption in Einklang gebracht. Die Bauten betonen den Kontrast und die spannungsvolle Dissonanz einzelner Bauglieder und verblüffen durch statisch gewagte Experimente ähnlich wie die gotische Architektur.

WORKS

Weitere Werke: Ceva: Chiesa della Confraternita di S.Maria e S.Caterina, Entwurf um 1680. Govone: Kastell des Conte Franceso Ottavio Solaro, Entwurf 1679-80. Grugliasco: Villa des Valeriano Napione, Entwurf 1679-80. Nizza: S.Gaetano, Entwurf 1679-80. Prag: S.Maria Ettinga, Entwurf 1679. Turin: Chiesa dell'Immacolata Concezione für die Missionare von S.Vincenzo de' Paoli, Entwurf 1673-74. - Pal. Madama, Entwurf 1679. - Jesuitenkolleg dei Nobili, Entwurf 1679. - Pal. des Abtes Marc'Antonio Graneri d'Entremont, Entwurf 1679-80. Vicenza: S.Maria d'Araceli, Entwurf 1675.

SELF-TESTIMONIES

La Pietà trionfante. Tragicomedia morale ..., Messina 1660; Placita philosophica physicis rationibus, experientiis, matemathicisque figuris ostensa, P. 1665; Euclides adauctus et methodicus mathematicaque universalis ... quae ne dum propositionum dependentiam, sed & rerum ordinem obseruat, T. 1671; Modo di misurare le fabriche ..., T. 1674; Compendio della sfera celeste ..., T. 1675; Trattato di fortificazione, che hora si usa in Fiandra, Francia, et Italia ..., T. 1676; Leges temporum et planetarum quibus civilis, et astronomici temporis lapsus primi mobilis, et errantium decursus ordinantur, T. 1678; Caelestis mathematicae ..., in qua leges antiquae, et novae temporum, ac planetarum digeruntur, 2 Bde, Mi. 1683; Dissegni d'archit. civile et ecclesiastica ..., T. 1686; Archit. Civile ..., ed. B. A. Vittone, T. 1737.

SOURCES

Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:

ThB15, 1922

 

Other encyclopedias:

DA XIII, 1996; DBI LX, 2003

 

Printed sources:

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Capp. della Sindone, Pinerolo 1956; Wittkower 1958; E.Battisti, Atti del X Congr. di storia dell'archit. (Turin 1957), R. 1959, 359-367; H.A. Millon, Baroque & Rococo archit., N.Y. 1961, 15-23; M.Passanti, La capp. della S. Sindone in Torino, T. 1961; G.L. Marini, Epoche 3:1962; G.M. Crepaldi, La real chiesa di S.Lorenzo in Torino, T. 1963; M.Passanti, Nel mondo magico di G.G., T. 1963; N.Carboneri, Boll. della Soc. Piemontese di Archeologia e BA, N.S. 18:1964, 95-109; H.A. Millon, G. and the Pal. Carignano in Turin, Diss., Harvard Univ. 1964; D. De Bernardi Ferrero, I "Disegni d'archit. civile et ecclesiastica" di G.G. e l'arte del maestro, T. 1966-68; A.Lange, G. e la sua arte, T. 1966; R.Pommer, Eighteenth c. archit. in Piedmont, N.Y./Lo. 1967; V.Viale (Ed.), G.G. e l'internazionalità del Barocco (Kongreß 1968), T. 1970; R.Wittkower, Gothic versus classic. Architectural projects in seventeenth c. Italy, Lo. 1974; S.Boscarino, Sicilia barocca. 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(Ed.), G.G., T. u.a. 2006 (Lit.); W.Müller, Von G.G. bis Balthasar Neumann. Zum Verständnis barocker Raumkunst, Petersberg 2006; M.Centini, La capp. della Sindone. Simbolo e mistero nel linguaggio esoterico di G.G., T. 2007; G.M. Girgenti, in: B.Villa (Ed.), Eksédra 2007. Dissegno, rilievo, progetto, comunicazione visiva, Palermo 2007, 145-154; G.Trotta, La Capp. guariniana della Sindone a Torino. Un' icona architettonica del Volto Santo, Signa 2007; C.Bianchini, La sc. della rappresentazione nella concezione di G.G., R. 2008; G.Dardanello/R.Tamborrino (Ed.), G., Juvarra e Antonelli. Segni e simboli per Torino, Cinisello Balsamo 2008

 


THIEME-BECKER

Guarini, Guarino (eigentl. Camillo), Architekt, aus angesehener ferraresischer Familie stammend, geb. 17. 1. 1624 in Modena, †6. 3. 1683 in Mailand; neben Bernini u. Borromini der bedeutendste Architekt des ital. Barock, 25 Jahre jünger als die beiden anderen führenden Meister, an beide sich anschließend in der souveränen Unabhängigkeit gegenüber den Einzelformen der Tradition; Borromini näherstehend, aber durchweg mit einer völlig eigenen Note: zähflüssig und schwer in den Einzelformen, reich in der Komposition des Ganzen im Sinne einer kühnen mathematischen Phantasie. - In seiner Vaterstadt in den Theatinerorden 22. 10. 1639 aufgenommen, reiste er sofort nach Rom, wo sein architektonisches Talent die erste Anregung fand. Ende 1647 soll er wieder in Modena gewesen sein und dort im nächsten Jahre die Priesterweihe empfangen haben. 1648 wurde er zum Rechnungsführer u. Leiter der Bauarbeiten der 1617 angefangenen Kirche S. Vincenzo ernannt. So ist diese noch bestehende Theatinerkirche gewiß nicht sein Werk, einige Dekorationsteile höchstens ausgenommen. Eine von ihm damals vorgeschlagene, aus Holz u. Blei zu errichtende Kuppel kam nicht zur Ausführung. Das sind die ersten Arbeiten G.s, der, wenn nicht Autodidakt, wohl von seinem älteren Ordensbruder Bernardo Castagnini (s. d.) in die Baupraxis eingeführt wurde. 1650 Professor der Philosophie in seinem Ordenshaus zu Modena, 1655 zum Präpositus gewählt, verließ er Modena wegen Schwierigkeiten mit dem Hofe, reiste nach Parma, Guastalla (1656) u. Messina (1660), wo er Philosophie u. Mathematik vortrug, und wo auch damals oder später 3 Kirchen nach seinen Zeichnungen entstanden (s.u.). 1662 war G. vorübergehend in Modena am Sterbebett seiner Mutter und ging von dort nach Paris. Einem Rufe der Bayr. Kurfürstin Adelaide (von Savoyen) nach München, anläßlich der Errichtung der Theatinerkirche (Kajetans-Hofkirche), konnte er nicht mehr Folge leisten. In Paris wurde ein Werk von ihm, Placita philosopltica, Mai 1664 von den Revisoren seines Ordens approbiert und Mai 1665 daselbst herausgegeben. Wahrscheinlich ist es auch, daß er für die Errichtung einer Kirche mit Kloster, welche der Kardinal Mazarin den Theatinern schenken wollte, nach Paris gerufen wurde. So entstand die großartig angelegte Kuppelkirche Ste Anne Royale, deren Bau wegen Gelllmangels nach Mazarins Tode eingestellt, erst 1747 vollendet wurde (1800 zum Theatersaal umgewandelt, 1823 zerstört). Von Paris kam G. vielleicht schon 1666 nach Turin; freilich ist er erst 1668 dort nachweisbar als Ingenieur des Herzogs von Savoyen, Carl Emanuel II. (Patent vom 19. 5. 1668, Staatsarchiv Turin). Nimmt man an, daß er in Spanien und Portugal (s. unten) war, so sind die Jahre 1666-68 ein möglicher Termin, was für die Chronologie der von ihm selbst publizierten Bauten wichtig ist. Seit 1668 arbeitete er in Turin mit jährlichem Gehalt von 1000 Lire. Hier hielt er sich fortan gewöhnlich auf; 1679 praepositus seines Ordenshauses. Ein öfters wiederholter Ruf des Herzogs von Modena war umsonst, da ihn seine großen Arbeiten in Turin festhielten. Als er endlich 1683 die erbetene Erlaubnis erhalten hatte, starb G. auf der Reise in Mailand. In Turin waren und sind noch heute seine Hauptwerke erhalten, d. h. außer der Kapelle del S. Sudario (S. Sindone, 1668) die Theatinerjetzt Collegiatskirche S. Lorenzo (ca 1668-87); die Kirche S. Filippo (1675ff., 1714 eingestürzt und von Juvara nach neuem Plan wiederhergestellt); die oval angelegte Kirche S. Andrea mit der anstoßenden hexagonalen Kuppelkirche la Consolata (1679 bis 1705); angeblich la Concezione (Lazaristen-, jetzt erzbischöfliche Kirche); das Jesuiten-Colleg dei Nobili (heute Accademia delle Scienze) 1678; der Palast für den Prinzen Philibert von Savoyen (Pal. Carignano: viele eigenhändige Skizzen u. Zeichnungen im Staatsarchiv Turin); der Palast der Grafen Provana di Collegno (Via S. Teresa), nach seinen Plänen 1698 errichtet. G.s Werk ist ferner das königl. Schloß zu Racconigi, später erweitert (Skizzen u. Zeichnungen im Staatsarchiv Turin); die in seiner Architettura Civile abgebildete Kirche S. Gaetano zu Nizza wurde nicht ausgeführt, sondern nach eigenem Plan von Vittone errichtet; in Messina die drei Kirchen SS. Annunziata der Theatiner, die der Somasker, u. S. Filippo sind alle vom Erdbeben 1908 zerstört; das Tabernakel in der Theatinerkirche S. Niccolö zu Verona; S. Maria da Divina Providencia (Convento dos Caecanos) in Lissabon, woher man schließt, daß G. auch nach Spanien gereist sei (s. oben). Einen urkundlichen Beweis dafür gibt es jedoch bis heute nicht, er könnte ja auch für Lissabon die Pläne geschickt haben. Andererseits aber ergibt sich ein zwingender Beweis für seine spanische Reise aus dem Vergleich seiner Zentralbauten, namentlich S. Lorenzo in Turin, mit spanischen Bauten. In S. Lorenzo sieht man in einem solid gemauerten Quadrat ein durch vorspringende Marmorsäulen stark eingezogenes Oktogon, welches mittels 4 ge waltiger Bögen u. 4 großer Pendentifs in dit runde Basis der Kuppel übergeht. Aber die Wölbung derselben wird hier ersetzt durch ein netzförmig verflochtenes System von Bögen, die ein sternförmiges Oktogon bilden, mit kleinen Wölbungen u. zahlreichen lichten Intervallen, die in ihrer Gesamtheit einen zauberhaften Lichteffekt hervorbringen. Niemandem, welcher den Mihrab der Moschee zu Cordova oder auch die "Cimborios" einiger spanischer Kathedralen kennt (welche selbst von arabischen Motiven abgeleitet sind), kann die auffallende Ähnlichkeit derselben mit der Kuppel von S. Lorenzo entgehen; aber auch Anregungen durch die arabische Baukunst in Sizilien hat man bei G. vermutet. Die spanische Reise G.s dürfte also angesetzt werden vor der Anlage all seiner Kirchen, in denen das Motiv der gekreuzten Gurtbögen angewendet ist, darunter als erste sicher datierte die obenerwähnte Ste Anne in Paris (ca 1662); doch da diese nicht vollendet wurde, ist es sehr wohl denkbar, daß G. den Entwurf später für seine Publikation nach seinem späteren Geschmack korrigierte. Die Kapelle del S. Sudario in Turin, auf engem Raum, zwischen der Apsis des Domes u. dem Königl. Palast hoch angelegt, stellt eine schlanke Rotunde dar, welche aus einer unteren dreieckigen Symmetrie in eine obere sechseckige übergeht. Auf der unteren Wand erhebt sich zuerst eine reich gegliederte sphärische Wölbung, und darüber der Tambour mit 6 grossen Fenstern, aus dem die bizarre Kuppel aufwächst, gebildet aus 6 Lagen von sich verengenden Sechsecken aus Steinbalken; und endlich durch einen zwölfstrahligen offenen Stern leuchtet das vergoldete Gewölbe der Laterne herab, über den ganz in schwarzem Marmor und Bronze ausgeführten Raum. - In seinen Palastbauten zeichnet sich G. aus durch großartige Gliederung der Baumassen, während es ihm mittels seiner Vorliebe für Kurven gelingt, seinen für die Turiner Paläste bestimmend gebliebenen Vestibülen u. Treppenhäusern bei großer Einfachheit ein monumentales Ansehen zu geben. Seine seltene Findigkeit im überwinden selbstgesuchter Schwierigkeiten, seine stets monumentale Auffassung heben den früher mit Unrecht verrufenen G. auf eine der ersten Stellen unter den Baumeistern des 17. Jahrh., nicht nur Italiens, sondern der modernen Kunst überhaupt. (Sein Einfluß auf die deutsche Baukunst, bes. auf Balthasar Neumann u. Dientzenhofer, ist noch nicht geklärt; der Entwurf der heutigen Kajetanskirche, ehemals St Maria von Altötting in Prag-Kleinseite laut Nachweis von Schmerber [s. Lit.] nicht von G.) Daß G. in der Baukunst kein Dilettant war, sondern Architekt u. Mathematiker von Fach, zeigt sein Hauptwerk "Architettura Civile", dessen Text ihn geradezu als einen Vorläufer Monge's für die Darstellende Geometrie erweist (vgl. Chasles, Aperçu historique sur l'origine et le développement des méthodes en géométrie, 1837 p. 121, 345). Schriften über Architektur, Mathematik und Astronomie: 1. Modo di misurare le fabbriche, 1674. 2. Compendio della Sfera Celeste, 1675. 3. Euclides adauctus et methodicus, 1671-76. 4. Trattato di fortificazione, 1676. 5. Leges Temporum et Planetarum ..., 1678. 6. Coelestis Mathematicae Pars I et II, 1683. 7. Disegni di architettura civile ed ecclesiastica, 1686. 8. Architettura civile. . . opera postuma, 1737 (vom Architekten Bernardo Vittone besorgt). Eine vollständig erschöpfende Monographie fehlt noch. - Guarino Guarini, Architettura civile, 1737. - Tommaso Sand o nn i ni, Del Padre G. G., Modena 1890 (Atti e Mern. d. Dep. di storia patria p. Mod. e Parm. Ser. III vol. V p. Il); cf. Rez. N. Baldoriain Arch. st. dell' arte, III (1890) 121-3. - Tiraboschi, Bibliot. Modenese, 1783 1I 136ff. - Milizia, Mem. degli architetti, ` 1785 II 198. - Paroletti, Turin à la portée de l'étranger, 1834. - Cibrario, Storia di Torino, 1846 II 296, 394, 471, 582, 696, 700ff. - A. Ricci, Storia dell' archit. in Italia, III (1859). - Moroni, Dizionario di erud. stor: eccles., 1840-56 LXVI p. 192-77, p. 142-94, p. 161. - Atti della Soc. di archeol. etc. per la Prov. di Torino, 1890 p.268ff. - Cyrillo Volkmar Machado, Colleçç. de memorias etc., 1823. - H. v. Geymül Ier, Die Baukunst der Ren. in Frankreich (Handb. d. Archit., I1 6, 1. 2.) 1898 p. 509. - C. Gurlitt, Gesch. des Barockstiles usw. (Burckhardt, Gesch, der neuer. Baukst, V 1, 2) 1887-89 I - III. - O. Schubert, Gesch. des Barock in Spanien (Burckhardt, Gesch. usw. VIII), 1908. - Durm, Die Baukst der Ren. in Italien (Handb. der Archit. II, 5), ' 1914 p. 219, 251, 334, 902ff. - R. Dohmeim Jahrb. der preuß. Kstsamml. III (1882) 128ff. - L. Schiedermair, Kstler. Bestrebungen am Hofe des Kurf. Ferdinand Maria v. Bayern, Erlanger Diss. (S. A. aus Forsch. z. Gesch. Bayerns, X, H. 1 u. 2), 1902 p. 108 ("Quarino"). - Rich. A. L. Paulus, Der Baumeister Henrico Zuccalli, Münch. Diss. 1912 (ersch. gleichzeitig in Stud. z. dtsch. Kstgesch. H. 156). - Munchn. Jahrb. d. Bild. Kst, XI (1914-15) 252 f. (P. Frankl u. a.). - H. Schmerber in Monatsber. f. Kstwiss.u. Ksthandel, II (1902) 286ff. - A. E. Brinckmann, Die Baukst des 17. u. 18. Jahrh. in den roman. Ländern (Burger, Handb. d. Kstwiss. o. J. [1917]). - Marcel R eymond, De Michelangelo àTiepolo, 1912 p. 168ff. - Guida per Messina, 1826. - Messina e dintorni, Guida, 1902. - P. Toesca, Torino (Italia artistica No 62), 1911. - La real chiesa di S. Lorenzo in Torino, Rilievo dell' Arch. L. Deninae A. Proto (L'Archit. ital., Turin, XV, 1920, Nr. 5), genaue u. neueste Aufnahme. - G. Chevalley, Il palazzo Carignano a Torino (Bollett. d. Soc. Piemont. di Archeol. e belle arti, Turin, V 1921 Nr 1-2). - Mit Notizen von P. Frankl. Carlo Bricarelli.