Lenbach, Franz von, dt. Maler, *13.12.1836 Schrobenhausen, †6.5.1904 München.
Lenbach, Franz von
L., einer der berühmtesten Porträtmaler seiner Zeit, faszinierte nicht nur durch seine Kunst, sondern auch durch seinen sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg vom Maurersohn aus einer bayerischen Kleinstadt zum internat. gefragten und agierenden Porträtisten. Als "Malerfürst" mit repräsentativ eingerichtetem Atelier und Wohnhaus dominierte er die Kunststadt München im späten 19.Jh. und prägte ihren Ruf entscheidend. L., 13. Kind des Schrobenhausener Stadtbaumeisters Franz Joseph L., sollte, wie alle Söhne der Fam., für das Bauhandwerk ausgebildet werden. 1842-48 Besuch der Werktagsschule Schrobenhausen, 1848-51 Unterricht an der Kgl. Landwirtschafts- und Gewerbeschule in Landshut, 1851-52 Lehrzeit als Maurer im Fam.-Betrieb und bei dem Bildhauer Anselm Sickinger in München, Besuch der Polytechnischen HS in Augsburg mit Zeichenkursen 1852-53. Erste künstlerische Anregungen erhielt L. durch seinen 1847 verstorbenen Bruder Karl August L. und dessen Freund, den Aresinger Maurersohn und späteren Tiermaler Johann Baptist Hofner. In den 1850er Jahren nutzte er seine Freizeit, v.a. die Sommermonate, um in der Umgebung von Schrobenhausen und Aresing zu zeichnen und zu malen, wo ihn J.Hofner in die Freilichtmalerei einführte. L. musste 1853 wegen seiner Sehschwäche (Kurzsichtigkeit, die zu Schwierigkeiten beim Zeichnen von Bauplänen führte und weswegen er 1858 als untauglich für den Militärdienst befunden wurde) und seiner wenig robusten Gesundheit den Maurerberuf aufgeben und bewarb sich an der ABK in München. Wohl davor Besuch der priv. Schule des Münchner Porträtmalers Albert Gräfle. 1854 Immatrikulation, Unterricht bei Georg Hiltensperger und Hermann Anschütz. Schon 1855 versuchte L., mit Kunst Geld zu verdienen. Es entstanden im Auftrag Bildnisse, Fahnen- und Glasmalereien, Schützenscheiben und Votivtafeln. Mit J.Hofner gab er ab 1856 Unterricht an der Handwerkerzeichenschule des Schrobenhausener Gesellenvereins. 1857 Aufn. in die "Mal- und Componierklasse" des Historienmalers Karl Theodor von Piloty. Während seiner Zeit bei K.T. v.Piloty voll. L. zwei Gem.: Hagar in der Wüste (Preisaufgabe der Akad., bronzene Ehrenmünze, verschollen) und Landleute vor einem Gewitter flüchtend (verschollen), das er im KV verkaufte. Dieser erste finanzielle Erfolg und ein Staats-Stip. ermöglichten es L., K.T. v.Piloty im Herbst 1858 auf eine Reise nach Italien zu begleiten, zus. mit dessen Bruder und Schüler Ferdinand von K.T. v.Piloty (1828), Carl Ebert und Theodor Christoph Schüz. Während des zweimonatigen Aufenthalts in Rom hielt K.T. v.Piloty seine Schüler zum Stud. der röm. Ruinen an. L. und T.Schüz malten den sog. Vestatempel (1858, Berlin, Alte NG). Erst 1860 vollendet L., unter Einbeziehung seiner ital. Skizzen und weiterer Studien aus Schrobenhausen und Umgebung, das große Gem. Titusbogen (Budapest, SzM) mit einer Gruppe heimkehrender Campagnolen. Aus ders. Zeit stammt das wohl berühmteste und am meisten reproduzierte Gem. L.s, Der Hirtenknabe (München, Schack-Gal.). L.s damals revolutionär wirkende Freilichtmalerei und seine Genrebilder erfreuten sich wachsender Anerkennung; 1859 verkaufte er ein Bauernbild (nicht identifiziert) für 250 Gulden im KV, was ihm eine Parisreise ermöglichte. E. 1859 erhielt Piloty das Angebot, Dir. der neuen Weimarer KSch zu werden, schlug es jedoch aus. Wohl auf Empfehlung K.T. v.Pilotys wurde L. als "Lehrer der hist. Malerei" eingestellt; er nahm seine Lehrtätigkeit 1861 auf. Ebenfalls als Lehrer kamen Arthur von Ramberg, Georg Conräder, Arnold Böcklin und Reinhold Begas nach Weimar. Wichtig für L. war der theoretische und praktische Austausch mit den Kollegen, zu dem gemeinsame Korrekturen und das Porträtmalen gehörten. L. begann sich auf Bildnisse zu spezialisieren (Angela Böcklin, um 1860, Berlin, Alte NG), es entstanden weiterhin Lsch.- und Tierstudien. Wohl aufgrund dieser Lehrtätigkeit führte L. später den Professorentitel. 1862, nach nur einem Jahr, kehrte L. nach München zurück: "Die Erkenntnis, daß ich selber erst lernen statt lehren müsse, trieb mich fort, dazu die Sehnsucht nach Italien." (Wyl 1904, 45) Der Verkauf der bis dahin entstandenen Arbeiten und Studien markiert einen Bruch in L.s künstlerischer Entwicklung. In München entstanden Kopien nach Alten Meistern (Peter Paul Rubens) in der AP; 1863 kopierte L. mit Eduard von Schleich d.Ä. in Pommersfelden. Von 1863 bis 1880 war L. Adolf Friedrich Baron von Schacks (ab 1880 Graf) Kunstberater: er überwachte dessen Stipendiaten in Rom (u.a. Hans von Marées und Anselm Feuerbach), kopierte Alte Meister wie Tizian, P.P. Rubens, Bartolomé Esteban Murillo und Diego Velázquez (München, Schack-Gal. und Lenbachhaus) und gestaltete A.F. v. Schacks Slg.-Programm und seine Präsentation mit. Mit A.Böcklin und Ludwig von Hagn bezog L. 1863 ein Atelier in Rom; sie erhielten ein knappes Stip. mit der Verpflichtung, alle künstlerischen Arbeiten an A.F. v. Schack zu liefern. 1865 schickte A.F. v. Schack L. nach Florenz, wo er den Kunsthistoriker Karl Eduard Baron von Liphart und dessen Sohn, den Maler Ernst Friedrich von Liphart kennenlernte. Im Mai 1866 kehrte L. nach München zurück und versuchte, als Porträtmaler ins Gespräch zu kommen. 1867 Teiln. in der Abt. des Königreichs Bayern am Kunstsalon der WA in Paris mit einer Gruppe von Bildnissen, für die er mit einer Med. IIIe classe ausgezeichnet wurde (darunter das von Rembrandt beeinflusste Bildnis seiner Schwester Josefine L., 1867, München, Lenbachhaus). Im Herbst 1867 reiste L. zus. mit E.F. Liphart via Basel (Besuch bei A.Böcklin) und Paris (Besuch der WA) nach Madrid. Von dort aus unternahmen sie mit A.F. v. Schack eine Reise durch Südspanien bis nach Tanger. Aus Spanien berichtete L. von einem "künstlerischen Neubeginn" (Baranow 1986, 15). Zurück in München konzentrierte er sich ab 1868 auf die Porträtmalerei. Auf der im Sommer 1869 erstmals veranstalteten Internat. Kunst-Ausst. im Münchner Glas-Pal. erhielt er eine Gold-Med.; 1870 bezog er Arbeitsräume im Haus des Bildhauers Anton Heß in der Luisenstraße. Er freundete sich mit Moritz von Schwind an, dem er einen größeren Ankauf durch A.F. v. Schack vermittelte. Die schon vor der Spanienreise bestehende Bekanntschaft mit Cosima von Bülow intensivierte sich E. der 1860er Jahre und schuf Verbindungen zu Richard Wagner und dessen Kreis. Ab 1871 porträtierte er R. Wagner wiederholt (Bayreuth, Richard-Wagner-Mus.). 1870 reiste L. nach Wien, wo sein Freund Hans Makart ein prunkvoll ausgestattetes Atelier führte, das Treffpunkt der Wiener Ges. war. Dort führte ihn M.v. Schwind in den Salon von Josephine Wertheimstein und ihrer Tochter Franziska ein, woraus sich eine lebenslange Freundschaft entwickelte. Marie Gräfin Dönhoff (ab 1886 von Bülow) wurde L.s Gönnerin in Wien und später in Rom. Die regen ges. Kontakte zu nahezu allen tonangebenden Fam. Wiens führten zu zahlr. Aufträgen für den Porträtmaler, weshalb L. in der ersten H. der 1870er Jahre zw. München und Wien pendelte und in Wien u.a. in einem Atelier im Haus des Grafen Hoyos und H.Makarts arbeitete. Als Abschluss seines Wienaufenthalts unternahm er E. 1875 mit H.Makart u.a. Wiener Freunden eine Reise nach Ägypten, von der er rund ein halbes Jahr später über Griechenland und Italien nach München zurückkehrte. Es entstanden nur wenige Werke (Bildnis eines Arabers, 1876, München, Lenbachhaus). L.s Kunden nahmen an Zahl und Rang zu. Im Berliner Salon der Marie Gräfin Schleinitz, die zum Wagner-Kreis gehörte, lernte L. u. a. das Kronprinzenpaar Friedrich Wilhelm und Victoria von Preußen kennen. Seit 1871 konnte er regierende Fürsten zu seiner Klientel zählen. Im Herbst 1872 saß ihm Kaiser Wilhelm I. in Berlin zum ersten Mal. Das österr. Kaiserhaus gab für die WA 1873 ein repräsentatives Porträt von Kaiser Franz Joseph I. in Auftrag (Wien, KHM). Um 1875 gewann er Generalfeldmarschall Helmuth Graf Moltke als Klient. Eine erste Begegnung mit Otto v. Bismarck fand 1874 statt, eine zweite 1878, 1879 schuf er sein erstes offizielles Bildnis für die NG in Berlin. Es entwickelte sich eine Freundschaft: Von nun an fuhr L. zweimal im Jahr nach Friedrichsruh oder einen der Landsitze des Fürsten, zum Geburtstag O.v. Bismarcks im April und zu Weihnachten. Er porträtierte ihn rund hundertmal und prägte als einziger von ihm geduldeter Künstler das öff. Bild des Reichskanzlers. Mit O.v. Bismarck gelang L. der endgültige Durchbruch zum allseits anerkannten Porträtisten. So wurde er gewissermaßen zum Chronisten seiner Epoche. Neben Regierenden, Adel und Großbürgertum gehörten Persönlichkeiten aus Kunst und Wiss. dazu, viele von ihnen porträtierte er immer wieder (z.B. Paul Heyse, Ignaz von Döllinger, Wilhelm Busch, Franz Liszt, Rudolf Virchow, Theodor Mommsen). Ab 1887 erschienen mehrere Reproduktionswerke mit jeweils etwa 40 "zeitgenöss. Bildnissen" (u. a. bei Bruckmann und Hanfstaengl). Eine in den 1880er Jahren diskutierte Ausst.-Tournee einer "Gal. berühmter Zeitgen." kam jedoch nicht zustande. L. reiste viel innerhalb Europas, um Porträtaufträge zu erledigen, zudem mit Künstlern: seit 1873 mehrere Hollandreisen mit W.Busch, 1877 Besuch des Rubensfests in Antwerpen mit H.Makart, Lorenz Gedon, Friedrich August von Kaulbach und Wilhelm Hecht. Die weitgestreuten Kontakte verliehen L. ein weltmännisches Auftreten, zielbewusst baute er seine ges. Stellung aus. In München stattete L.Gedon 1874 L.s Atelier prunkvoll aus, L. ergänzte es mit orig. Antiquitäten und Kunstwerken (z.B. erwarb er 1881 in Padua zwei Tizian-Porträts). Das Atelier war ein ges. Treffpunkt, in dem prunkvolle Feste stattfanden (1880 für R.Wagner). Die zahlr. Freundschaften und die Achtung L.s in Künstlerkreisen führten dazu, dass ihm die 1873 gegr. Künstler-Ges. Allotria (eine Abspaltung der Münchner Künstlergenossenschaft) 1876 die Ehrenmitgliedschaft antrug. 1876 wurde L. in den Kgl. Bayerischen Maximiliansorden aufgenommen, 1878 erhielt er das Ritterkreuz des Verdienstordens der Bayerischen Krone und 1882 den bayerischen Personaladel. 1894 verlieh die Univ. Halle L. als "Maler des Deutschen Reiches" die Ehrendoktorwürde. Trotz seiner von München aus verfolgten Erfolge richtete sich L. 1883-87 in Rom ein Filialatelier im Palazzo Borghese ein, das zum Anziehungspunkt der ges. Kreise der Stadt wurde. 1883 erhielt er den Auftrag, Papst Leo XIII. zu malen (Krefeld, KM und München, Lenbachhaus). In Rom lernte L. Magdalena Gräfin von Moltke kennen, die er 1887 heiratete; sie hatten zwei Kinder, Marion (*1892) und Erika (*1895). Zus. mit seinem Freund, dem Architekten Gabriel von Seidl, baute L. 1887-90 in der Luisenstraße 16 (heute 33) ein repräsentatives Atelier und Wohnhaus. Die historisierende Ausstattung im Stil der Renaiss. und des Barock und die mod. Haustechnik verschlangen beträchtliche Gelder und stellten L. unter Produktionszwang. Großes Aufsehen erregten die 1894 und '95 geführten Prozesse wegen der L. widerfahrenen Bilderdiebstähle und -fälschungen. Der Münchner Kunstmarkt war von Gem. geringerer Qualität überschwemmt worden, die von L.s Hand stammen sollten. Offensichtlich hatten Hausangestellte unvoll. Werke entwendet, die sie fertigstellen ließen und - meist ohne Sign. - als Orig. verkauften. Der Skandal gab Einblick in die mit Hilfe der Fotogr. ermöglichte Serienproduktion, bei der eine beträchtliche Menge von Ausschuss anfiel. 1896 ließ sich L. von seiner ersten Ehefrau scheiden und heiratete seine ehem. Schülerin Charlotte (Lolo) Freiin von Hornstein. 1899 kam seine dritte Tochter Gabriele zur Welt. Die Fam., insbes. Lolo und die Töchter Marion und Gabriele, wurden zu beliebten Modellen; sie posierten oft in hist. Kostümen (Marion in Ritterrüstung, 1902, München, Lenbachhaus) und wurden durch zahlr. Reproduktionen zu Personen des öff. Lebens. Seit sich 1892 der Ver. bild. Künstler in München - Secession von der Münchner Künstlergenossenschaft abgespalten hatte, engagierte sich L. vermehrt in kunstpolitischen Fragen und stand dabei auf der Seite der als konservativ angefeindeten Mehrheit der Künstler in München. 1892 wurde er zum ersten Vors. der "Ges. zur Beförderung rationeller Malverfahren" gewählt, 1893 war er Präs. des ersten Kongresses des Ver. und eröffnete im Glas-Pal. die "Ausst. für Maltechnik", für die er ein Musteratelier eingerichtet hatte. Das Amt des ersten Vors. der Münchner Künstlergenossenschaft übernahm er 1896, ein Jahr später veranstaltete er die Internat. Kunst-Ausst. mit Emanuel von Seidl. Er engagierte sich für den Neubau des Bayerischen NM, des Künstlerhauses und des Ratssaals in Schrobenhausen, alle mit prunkvoller historisierender Dekoration nach Entwürfen G.v. Seidls ausgeführt. Seit 1902 verschlechterte sich L.s Gesundheitszustand, er starb 1904. Maueranschläge und Extrablätter verkündeten seinen Tod. Künstler aller Münchner Gruppierungen überführten den Leichnam am 7. Mai unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zum Westfriedhof. Dort wurde er in einem Ehrengrab der Stadt München beigesetzt. - L.s Frühwerk bis etwa 1862 - Freilichtstudien mit pastosem Farbauftrag und starken Farbakzenten - unterscheidet sich deutlich von seiner späteren Malerei. L. gelang es auch während des Stud. der Historienmalerei bei K.T. v.Piloty, seine Lsch.- und Lichtmalerei zu pflegen, indem er sie mit figürlichen und erzählerischen Elementen verband. Später gestand er, dass er selbst in Rom mit seinen Kunstdenkmälern und -Slgn "in eine Art Sonnenfanatismus hineingeriet. […] Es war das Wort Natur, das bei meinem Einzuge in Rom auf meiner Fahne stand. Ich war damals nur Bewunderer der Natur." (Wyl, 1904) Als junger Prof. in Weimar erkannte L., dass ihm die vielfigurige Historienmalerei nicht lag, und er entschied sich für einen Richtungswechsel zum Porträtfach. Er erkundete eine Vielzahl stilistischer Möglichkeiten, wobei das gemeinsame Porträtmalen mit A.Böcklin, der auf hist. Vorbildern aufbaute, von Einfluss war. Die langjährige Tätigkeit als Kopist Alter Meister ging auf L.s eig. Initiative zurück. Danach kam 1868 ein bewusster Neubeginn und die Konzentration auf die Porträtmalerei. Der Entschluss zur Spezialisierung hing zus. mit einem expliziten Willen zu finanzieller Unabhängigkeit und zu wirtschaftlichem wie sozialem Aufstieg. Die Auseinandersetzung mit Alten Meistern hatte L.s Porträtstil geprägt und ein lebenslanges Interesse an Maltechnik begründet. Er baute seine Bilder fortan sorgfältig auf mit versch. Schichten in Tempera- und Ölmalerei und zahlr. Lasuren. Zunehmend entwickelte er seinen char. breiten, schnell und virtuos wirkenden Pinselstrich. Mit Hilfe des Lichts konzentrierte er die Aussage auf das Gesicht und hob bes. die Augen hervor, deutete dagegen Körper, Kleidung und Hände oft nur an oder ließ sie im Dunkel versinken. Der Rückgriff auf Bildformeln und Malweisen Alter Meister verbunden mit einer zur Schau gestellten Virtuosität gab L.s Porträtkunst ein Alleinstellungsmerkmal in der zeitgen. Kunst, das zunehmend geschätzt und gesucht wurde. Hinzu kam seine oft gelobte Fähigkeit, den Char. des Dargestellten zu erfassen und insbes. Frauenbildnissen eine modische Eleganz zu geben. Die Gem. basierten auf Farbskizzen, es entstanden auch eigenständige Pastelle auf Pappe. Die Effizienz und Schnelligkeit in L.s Schaffen wurde gesteigert durch den Einsatz der Fotogr., der spätestens in den frühen 1870er Jahren dok. ist. Die Fotogr. diente seit den 80er Jahren zunehmend als Vorstudie, und Modellsitzungen wurden immer häufiger durch Fotoaufnahmen begleitet (im Nachlass haben sich mehrere tausend Glasnegative erh., München, Lenbachhaus und Priv.-Bes.). 1883 war die durch die Kamera ermöglichte Serienproduktion L.s bereits Gegenstand des Allotria-Spottes. Die rastlose Produktion in den 1890er Jahren sowie die Herstellung ganzer Porträtserien in versch. Graden der Ausf. in Pastell und Öl führte zu einem Nachlassen der Qualität, oft ignoriert von Auftraggebern, von der Kunstkritik jedoch zunehmend bemängelt. Die Fam.-Bilder der letzten Jahre orientierten sich in Kolorit und Bildanlage an hist. Vorbildern wie P.P. Rubens und D.Velázquez, aber auch an engl. Porträtmalern des 18.Jh., insbesondere Thomas Gainsborough. In einigen dieser Gem. gelangte L. gerade durch die Verwendung der Fotogr. zu einer neuen Bildauffassung, indem sich der Bildraum nicht mehr als Fenster gestaltet, sondern nach vorne, auf den Betrachter hin öffnet (Selbstbildnis mit Frau und Töchtern, 1903, und Selbstbildnis, um 1903, beide München, Lenbachhaus). Die ebenfalls in den letzten Lebensjahren entstandenen Frauenakte haben dagegen eher den Char. sentimentaler Alterswerke. Die eig. Gem. wurden im Schauatalier und den repräsentativen Räumen des Wohnhauses zum Teil eines sorgfältig inszenierten Gesamtkunstwerks. Archit. und Ausstattung orientierten sich an L.s Atelier im Pal. Borghese und toskanischen Villenanlagen. Vorbildhaft war auch das Rubenshaus in Antwerpen. Schon die Lage des Anwesens unterstrich den repräsentativen Anspruch: unmittelbar vor dem symbolischen Stadttor der Propyläen, direkt an der Straße, die von der kgl. Residenz nach Schloss Nymphenburg führte. An so prominenter Stelle errichtet, befand es sich zudem in nächster Nähe zu den großen staatlichen KS, insbesondere der Glyptothek und dem kgl. Ausst.-Gebäude am Königsplatz, aber auch zur AP und NP und zu den Wohnsitzen P.Heyses, R.Wagners und A.F. v. Schacks. Im Inneren herrschte eine üppige Dekorationskunst mit hist. Versatzstücken. Die urspr. Einrichtung umfasste antike Skulpturen, spätmittelalterliche Kunst, Renaiss.- und Barock-Gem., Teppiche und Gobelins, aber auch Kopien, wenn Orig. nicht erhältlich waren. Das Haus war gleichzeitig eines der modernsten Münchens: vollständig elektrifiziert mit Dampfheizung, Bad und Fotoatelier. Lolo von L. verkaufte das Gebäude 1924 mit Schenkung von Inv. und künstlerischem Nachlass an die Stadt München, die darin 1929 die StG eröffnete. L.s steiler Aufstieg zum internat. gefeierten Maler bildete den Grund für zahlr. Geschichten (verbreitet v.a. in Ztgn und Zss.), welche den Gegensatz zw. Landkind und "Malerfürst" (ein zeitgen. verwendeter Begriff) rhetorisch verstärkten und die Legende einer künstlerischen Sendung schufen, indem sie den barfuß nach München in die AP zu den geliebten Meistern pilgernden Jungen schilderten, der sich mit Genie und Energie seine spätere Stellung erarbeitete. Zu L.s Bedeutung in seiner Zeit gehört deshalb nicht nur sein Werk, sondern auch seine Verkörperung eines Künstlerbildes, zu dem Können, Arbeitswut, zielbewusste Spezialisierung, eine charaktervolle Kraftnatur sowie Souveränität und Leutseligkeit im Umgang mit Auftraggebern gehörten. Die Berühmtheit L.s machten die Nekrologe im In- und Ausland, die Trauerfeierlichkeiten und die Gedächtnis-Ausst. 1905 deutlich. Den Nachrufschreibern galt L. als einer der größten Maler der Zeit; das von ihm verkörperte Künstlertum und seine Kunst erschienen um 1900 allerdings auch abgeschlossen bzw. überholt. Kritische Stimmen zu Lebzeiten waren Signal eines bald nach seinem Tod einsetzenden Vergessens. Zum 100. Geburtstag im Jahr 1936 erfuhr L. im Nationalsozialismus eine erneute Würdigung mit einer Ausst. in Schrobenhausen und zahlr. Ztg- und Zss.-Artikeln. - Die wiss. Aufarbeitung seines Werks begann um 1970 mit Bestands-Kat. und Biogr., einem Interesse am Zusammenwirken von Fotogr. und Malerei sowie an der Sozial- und Kultur-Gesch. des Künstlers, insbes. seines Ateliers. L.s künstlerisches Werk wird auf weit über 5000 Arbeiten geschätzt (Mehl 1972). Gem. und Studien finden sich weit verstreut in öff. Slgn Europas (bes. dt.-sprachige Länder) und Amerikas und zahlr. in Privatsammlungen. Den größten Bestand besitzt das Lenbachhaus München, zahlr. Werke im Lenbach-Mus. Schrobenhausen, in der Slg Schack München und in der Niedersächsischen LG Hannover.
Solo exhibitions:
Schrobenhausen:1986 Waaghaus (K); 1994 Lenbachmus. (K)/ 1986 München, Lenbachhaus (K) / / 2004 München, NP (K). -
Group exhibitions:
1969 Essen, Mus. Folkwang: Fotogr. Bildnisstudien zu Gem. von L. und Stuck (K) / München: 1970 SM: Malerei nach der Fotogr. von der Camera Obscura bis zur Pop Art (K); 2004 KH Hypo-Kulturstiftung: Eine neue Kunst? Eine andere Natur! (K) / 1977 Zürich, Kunsthaus: Malerei und Photogr. im Dialog von 1840 bis heute (K) / 2003 Leverkusen, Mus. Morsbroich: F.v.L. und die Kunst heute (K) / 2009 Berlin, Max Liebermann Haus: Künstlerfürsten: Liebermann - L. - Stuck (K)
Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:
ThB23, 1929
Other encyclopedias:
Boetticher II.1, 1898;Rump, 1912; Kindler, ML IV, 1967; Bauer, GEM V, 1977; Münchner Maler III, 1982; NDB XIV, 1985; PittItalOttoc II, 1991; Ries, 1992; Flemig, 1993; DA XIX, 1996; Schurr/Cabanne II, 1996
Printed sources:
A.Rosenberg, L., Bielefeld/L. 1898 [1899, 1903, 1905, 1911]; E.Berger, Münchner Kunsttechnische Bll. 11:1915, 87–114; E.Hanfstaengl, L.-Gal., M. 1929; W.Scheidig, Die Weimarer Malerschule, Erfurt 1950; G.A. Reischl, L. und seine Heimat, Schrobenhausen 1954; M.v.Wangenheim, Städtische L.-Gal., M. 1954; E.Hanfstaengl, Meisterwerke der Kunst in der Städtischen Gal. im L.-Haus, M. 1965; E.Ruhmer u.a., Schack-Gal., Vollst. Kat., M. 1967; S.Mehl, F.v.L. 1836–1904. Leben und Werk, M. 1972; S.Wichmann, F.v.L. und seine Zeit, Köln 1973; R.Schoch, Das Herrscherbild in der Malerei des 19.Jh., M. 1975; S.Mehl, in: Mus. Kat. NP München, VI, M. 1977, 158–207; ead., F.v.L. in der StG im Lenbachhaus, M. 1980; S.v.Baranow, F.v.L. Leben und Werk, Köln 1986; ead., Das Lenbach-Mus. Schrobenhausen, Schrobenhausen 1986; W.Ranke, F.v.L. Der Münchner Malerfürst, Köln 1986; D.Distl/K.Englert (Ed.), F.v.L., Unbek. und Unveröff., Pfaffenhofen 1986; G.M. Blochmann, Zeitgeist und Künstlermythos, Münster [u.a. ] 1991; A.Pophanken, Graf Schack als Kunstsammler, M. 1995; W.Ruppert, Der mod. Künstler, Ffm. 1998; B.Eschenburg, L.s Villa, M. 1999; B.Gedon, F.v.L. Die Suche nach dem Spiegel, M. 1999; C.Muysers, Das bürgerliche Porträt im Wandel, Hildesheim [u. a.] 2001; A.Aschoff (Ed.), F.v.L., Zchngn, Skizzen, Notizen von 1852 bis 1859, Köln 2004; K.Kinseher, in: The object in context 2006, 41–48; D.Heißerer, F.v.L., die Fam. Pringsheim und Thomas Mann, Göttingen 2009; WV in Vorbereitung v. S.v.Baranow
Personal correspondence:
S.v.Baranow, München