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Liotard, Jean-Étienne

Born
Genf, 22 December 1702
Died
Genf, 12 June 1789
Country
Switzerland, France, Great Britain, Netherlands
Gender
male
GND-ID
Name Variations
Liotard, Jean Etienne; Liotard, Jean-Etienne; Liotard, Jean-Étienne; Liotard, Giovanni Stefano; Liotard, Stefanus; Liotard, John Stephen
Occupations
Pastellist; Enamel Painter; Master Draughtsman; Copper Engraver; Miniature Painter; Etcher; Portrait Painter; Painter
Places of Activity
Rom, Konstantinopel, Wien, Darmstadt, Paris, London, Genf
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By
Last edited
22.03.2024
Published in
AKL LXXXV, 2015, 7; ThB XXIII, 1929, 263 s

VITA

Liotard, Jean-Étienne, Schweizer Maler, Zeichner, Druckgrafiker, Email-, Miniaturmaler, *22.12.1702 Genf, †12.6.1789 ebd.

LIFE AND WORK

In den ersten Schaffensjahren in Paris ohne größeren Erfolg, wurde L. nach seinem mehrjährigen Aufenthalt in Konstantinopel und Jassy (1738-43) zu einem der angesagtesten Porträtmaler an den wichtigsten Höfen in ganz Europa. Zu seiner Klientel zählten genauso die höchstrangigsten Mitgl. der osmanischen und europ. Herrscherhäuser (Constantinos Mavrocordados; Maria Theresia; Madame de Pompadour) wie gefeierte Schauspieler (David Garrick, Madame Favart), aufgeklärte Literaten (Voltaire, Madame d'Épinay) oder das Genfer Patriziat (Tronchin, Thellusson). Seit Konstantinopel in Gewänder aus der Levante gekleidet und eine detailgenaue Malerei mit hohem "fini" verfolgend, war L. seinen Zeitgenossen als "Le peintre turc" und "Le peintre de la vérité" bekannt. Obwohl nie in die Acad. R. aufgenommen, nannte er sich nach seinen Aufträgen für das frz. Königshaus ab 1749 "Peintre du Roi". L. hat ein Œuvre von ca. 700 Werken hinterlassen, neben zahlr. Pastellen und einigen Gem. in Öl auch Zchngn "aux deux crayons", Druckgrafiken in versch. Techniken, Min. in Email oder Gouache, Malerei auf Glas. Zudem liegt eine Autobiogr. des Künstlers vor (erweitert vom ältesten Sohn J.-É., 1774) und ein spät verfasster Traktat (publ. 1781), in dem L. seine eig. Regeln und Prinzipien von Malerei gegen die vorherrschenden Kunstideale seiner Zeit verteidigt. - L. entstammte einer hugenottischen Fam., die nach der Revokation des Edikts von Nantes (1685) von Montélimart in die calvinistische Hochburg Genf geflohen war. Gem. mit seinem Zwillingsbruder Jean-Michel wurde er vorerst als Min.- und Emailmaler bei Daniel Gardelle und ab 1723 in Paris beim protestantischen Min.-Maler und Kupferstecher, Mitgl. der Acad. R., Jean-Baptiste Massé ausgebildet. Seiner frühen selbstständigen Tätigkeit ab 1726 entstammen das in breiten "touches" vor dunklem Grund gemalte Selbstporträt in eleganter Mode Louis XV (Priv.-Bes.), verschiedene Rad. (Le chat malade nach Antoine Watteau, 1731) sowie sein einziges Historienbild, David und Ahimelech (Werkstandort unbek.), mit dem L. 1735 vergeblich versuchte, den Wettb. (Prix de Rome?) der Pariser Acad. R. zu gewinnen. Über den frz. Botschafter Marquis de Puysieux gelangte L. im selben Jahr dennoch nach Italien (Rom, Neapel, Florenz), wo er laut Biogr. sogar Papst Clemens XII. zu seiner Klientel zählte. In Rom traf L. auf brit. Grand-Tour-Reisende (Lord Ponsonby, Earl of Sandwich), die seine Kopien nach Antiken bewunderten und ihn 1738 einluden, sie als dokumentierender Maler in die Levante zu begleiten. Auf dieser Reise entstanden die ersten der detaillierten Zchngn "aux deux crayons" der verschiedenen Inselbewohnerinnen in ihrer kulturspezifischen Tracht. Anders als seine Auftraggeber blieb L. vier Jahre in Konstantinopel, wo er in zahlr. Grafiken, Pastellen und Öl-Gem. politische Würdenträger des osmanischen Reiches in ihrem Ornat, griech. und europ. Einwohnerinnen in lokalspezifischer Kleidung beim Tanzen, Spielen, Kaffeetrinken oder Sticken und europ. Reisende in osmanischer Gewandung porträtierte(zahlr. Werke in Paris, Louvre und BN). Wie die Biogr. berichtet, legte L. in jener Zeit selbst osmanische Kleidung an, die er allerdings - wie von Ausländern in Konstantinopel gefordert - noch mit Perücke und Hut kombinierte. 1742 vom Moldawischen Prinzen Constantinos Mavrocordatos nach Jassy engagiert (Catherine Mavrocordatos, Berlin, Kpst.-Kab.), ließ sich L. - wie es bei griech.-orthodoxen Herren Brauch war - auch einen langen Vollbart wachsen. Als C.Mavrocordatos' Regentschaft 1743 endete, reiste L. über Ungarn nach Wien weiter, wo er mit seinem osmanischen Erscheinungsbild bei einem Empfang am Habsburger Hof die Aufmerksamkeit Franz Stephans erregte und in F. zum Porträtisten Maria Theresias wurde. Damit war der eigtl. Durchbruch geschafft. Sowohl seine Bildnisse des Habsburger Herrscherhauses wie sein Selbstporträt mit moldawischer Mütze für die Toskanische Gal. der Selbstporträts berühmter Künstler (1744, Florenz, Uffizien) und die zahlr. Stich-Reprod. seiner Zchngn aus der Levante (von Giuseppe Camerata und Johann Christoph von Reinsperger), in die er häufig die Gesichter seiner aktuellen Auftraggeber einsetzte, bewirkten L.s Bekanntheit in ganz Europa (Kpst. einer osmanisch gekleideten Dame, die Besuch empfängt mit eingefügtem Porträt von Maria Theresia und ihrer Tochter, Wien, Albertina; gelobt im Pariser Mercure de France, 1750). In Wien entstand 1744 auch sein heute bekanntestes Bild, das Schokoladenmädchen, das Francesco Algarotti während L.s kurzem Aufenthalt in Venedig 1745 nach Dresden vermittelte (GG Alte Meister). Im Sept. 1745 begleitete L. den Wiener Hof zur Kaiserkrönung nach Frankfurt am Main, wo er die junge Prinzessin Caroline Luise von Hessen-Darmstadt im Malen unterrichtete (Porträt der Caroline Luise an der Staffelei, 1745/46, Karlsruhe, Staatliche KH; Mitschriften von L.s Anweisungen zur Malerei im Karlsruher Arch., siehe J.Lauts, 1977). Nach kurzen Aufenthalten in Genf 1746 (Selbstporträt, Dresden, SKS; Marie Charlotte Boissier, Priv.-Bes.) und Lyon (La belle liseuse, Amsterdam, RM, später variiert mit eingesetzten Porträts) übersiedelte L. erneut nach Paris (1747/48-53), wo er in der Rue de la Corderie ein Atelier eröffnete, sich Wagen und Mätresse hielt und mit seinem osmanischen Erscheinungsbild bei öff. Spektakeln die Aufmerksamkeit des maskenverliebten Publikums auf sich zog (Bericht von P.Clément, 1748, Cinq années littéraires). Vermittelt durch den Maréchal de Saxe erhielt L. 1749 Zugang zum Hof von Versailles und konnte - trotz seines kritisierten "strengen Stils" jenseits der Bravour der angesagten "touches"-Malerei - die kgl. Fam. porträtieren (Porträt von Marie Josèphe von Sachsen, Dauphine von Frankreich, 1749, Amsterdam, RM; Bildnisse der Kinder von Louis XV, auch als Min.-Album, ca. 1751, Priv.-Bes.; teils eingefügt in Bildfindungen aus der Levante, Marie-Adelaïde de France, 1753, Florenz, Uffizien). Die Aufnahme in die Acad. R. blieb ihm allerdings verwehrt, sodass L. 1751-53 in der weniger prestigeträchtigen Acad. de Saint-Luc ausstellte (Selbstporträt mit langem Bart an der Staffelei, heute Genf, MAH, umgeben von den Porträts der Mitgl. des kgl. Hofes). 1751 posierte der Schauspieler David Garrick für ihn (Chatsworth, Slg Duc of Devonshire; minutiöse Dok. aller Sitzungen in D.Garricks J.). Mit der gewährten Anerkennung unzufrieden, begab sich L. im März 1753 nach London, wo er, von seinen ehem. brit. Auftraggebern protegiert, 1754/55 die Prinzen von Wales malen konnte. Von der engl. Ges. nicht nur freundlich aufgenommen - Horace Walpole und Joshua Reynolds kritisierten L.s detailgenaue Malerei und die Sensationsheischerei, als die sein Auftreten in osmanischen Gewändern und mit bis zum Gürtel reichendem Bart empfunden wurde (Selbstporträt im Profil, 1753, Min., London, R. Coll.) - reiste L. im Aug. 1755 in die Niederlande weiter, wo er in Den Haag das Königshaus Oranien-Nassau porträtierte. Nach Amsterdam übersiedelt, erwarb L. den größten Teil seiner Slg niederl. Kunst des 17. Jh. und heiratete im Aug. 1756 Marie Fargues, die Tochter eines hugenottischen Kaufmanns, mit der er sich - nicht zuletzt aufgrund der Wirren des Siebenjährigen Krieges - 1757 in Genf niederließ (großformatiges Pastell nach seiner Türkisch gekleidete[n] Dame im Sofa sitzend mit eingefügtem Porträt seiner Braut, Amsterdam, RM). Wie verschiedene Zeitgen. berichten, soll L. anlässlich der Hochzeit seinen langen Bart der Braut "geopfert", das Türkengewand aber beibehalten haben (Selbstporträts nach 1756 ohne Bart). Die Übersiedlung nach Genf erfolgte über Paris, wo L. den Theater-Dir. Charles Simon Favart und seine berühmte Schauspielergattin Madame Favart porträtierte (Porträt von Marie-Justine-Benoit Favart, 1757, Winterthur, Mus. Oskar Reinhart am Stadtgarten). In Genf bezog L. in der Rue Saint-Antoine ein prächtiges Haus und wurde zum ersten Porträtmaler des alteingesessenen Genfer Patriziats, wie etwa des Kunstsammlers und Rats-Mitgl. François Tronchin (François Tronchin mit einem Rembrandt auf der Staffelei,, 1757, Cleveland, Mus. of Art), des Ehepaars Isaac und Julie de Thellusson (1760, Winterthur, Mus. Oskar Reinhart am Stadtgarten) oder des Mediziners Théodore Tronchin, dem Verfasser des Artikels über die Pockenimpfung in Denis Diderot und Jean le Rond d'Alemberts "Encyclopédie", der mit seinen erfolgreichen Kuren die Pariser Aristokratie und aufgeklärte Literaten wie Voltaire in die kleine Republik am Genfer See lockte (Bildnis der Madame d'Épinay, 1759?, Genf, MAH; Bildnisse der Madame de Vermenoux). 1762 war L. erneut in Wien tätig (Grafiken der elf Kinder der Kaiserin mit flächigen Farbhöhungen auf der Rückseite, Genf, MAH). In den folgenden Jahren in Genf entstanden neben Porträts von Reisenden (Lord Mountstuart, 1763, Los Angeles, Getty Mus.) v.a. programmatische Selbstporträts (Blick aus dem Atelier mit Selbstporträt als Sign., 1768-70, Amsterdam, RM; Selbstporträts mit roter Mütze, 1767-68, Genf, Bibl. de Genève; Selbstporträt lachend und weisend vor einem Vorhang, 1769-70, Genf, MAH). Von Kaiserin Maria Theresia beauftragt, ein "wahres Bildnis" ihrer an den frz. Hof verheirateten Tochter Marie Antoinette anzufertigen, reiste L. E. 1770 erneut nach Paris, wo er jedoch kaum weitere Auftraggeber fand, sodass er sich auf das Malen von Trompe l'Œil-Gem. (New York, Frick Coll.; Wien, KHM), "peinture en transparence" sowie auf den Verkauf seiner Gem.-Slg in selbst organisierten Ausst. verlegte (1771, Rue Montmatre, 1773/74 in London, Great Marlborough St. und bei Christie's). In London stellte L. - neben J.Reynolds, Angelika Kauffmann und Johann Heinrich Füssli - erstmals auch in der RA aus, wo H.Walpole sein Selbstporträt mit Hand am Kinn (1771?, Genf, MAH) sah und als "very bold" kommentierte. Über die Niederlande kehrte L. 1774 nach Genf zurück, um 1777/78 über Zürich (Besuch von Johann Caspar Lavater, Georg Gessner) ein drittes Mal nach Wien zu reisen (reiche Korr. in der Bibl. de Genève). Ohne den erwarteten Erfolg aus Wien zurückgekehrt, redigierte L. seinen Traité des principes et des règles de la peinture (1781; beg. in London 1774), für den er - zur Ill. des Gesagten - auch Drucke in Mezzotintotechnik nach eig. Werken fertigte. Nach dem Tod seiner Ehefrau Marie Fargues entstand 1783 das letzte ganzfigurige Selbstporträt, in dem sich der Künstler erneut mit original osmanischem Gewand und Vollbart präsentiert (Grafik des verlorenen Gem. im Genfer MAH). L.s letzte Werke sind stolz mit seinem hohen Alter sign. und dat. Stillleben (Genf, MAH; Winterthur, Mus. Oskar Reinhart am Stadtgarten), die in ihrer Poesie Jean Siméon Chardin kaum nachstehen und in ihrer beachtlichen Kargheit und Reflexion des flächigen Grundes als Bedingung von Malerei weit in die Moderne vorausweisen. - Heute zumeist nur Spezialisten zur Kunst des 18. Jh. ein Begriff, war L. zu Lebzeiten ein internat. bek. und 'modischer' Maler. Zahlr. Kenner, Kritiker, Vitenschreiber und Reisende berichten über ihn (gesammelte Rezeption im WV von Roethlisberger/Loche, 2008). In diesen Quellen steht L.s spektakuläres 'türkisches' Erscheinungsbild stets im Vordergrund, das ihm viel Aufmerksamkeit bescherte, von den Zeitgen. allerdings auch heftig als Scharlatanerie und unlautere Werbestrategie kritisiert wurde. Ungeschmälertes Lob wurde L. für seine Min. und die detailgenauen Grafiken aus der Levante zuteil, die L. in unterschiedliche Techniken übersetzte (Kpst., farbiges Pastell, Öl) und die zahlr. Künstler in Paris, London oder Wien in ihre Werke übernahmen (François Boucher, Francis Cotes, Peter Kobler, Martin van Meytens, George Willison). Umstritten waren indes seine Pastelle, zumal L., entgegen der vorherrschenden Mode der offenen "touches"-Malerei, auch dort das Ideal des hohen "fini" verfolgte - mit den niederl. "Fijnschilders" als seine eigtl. Malerhelden. In seinem spät verfassten Traktat verteidigt L. seine künstlerischen Ideale. Zentrales Thema ist die Verurteilung der "touches hardies", die er als Hässlichkeit und Falschheit diskreditiert und mit Pockenspuren, Narben und Brandwunden metaphorisiert. Stattdessen plädiert L. für eine Malerei des zugespitzten Clair-obscur und der geschlossenen, sauberen und makellosen Oberflächen, die er in ihrer materialen Sensibilität dem Berührungsverbot unterlegt ("point de touches"). Entgegen aller Trad. sind seine Autoritäten nicht die Künstler oder Kenner von Malerei, sondern die unbedarften Betrachter - die von ihm so gen. "ignorart" -, weil diese nach der Natur urteilten und also am schwierigsten zu täuschen seien (Umkehrung der von Plinius überlieferten Legende von Zeuxis und Parrhasios). - Mit seinem osmanischen Erscheinungsbild, aber auch seiner technischen Experimentierfreudigkeit und materialen Sensibilität, die in einer Konzeption des Bildes als gleichsam organisches, zartes und verletzliches Lebewesen kulminiert, war L. zweifellos ein zu seiner Zeit hoch origineller und qualitativ ausgezeichneter Künstler. Nicht nur seine Grafiken aus der Levante, sondern auch seine Stillleben und Trompe l'Œil-Gem. sowie zahlr. Selbstporträts sind in ihrer minutiösen Detailgenauigkeit und geordneten Strenge bei bemerkenswerter Sinnlichkeit der materialen Oberflächen hoch bed. und programmatische Werke. In der für Kunstbelange marginalen Republik Genf geb., ist L. dennoch durch die Raster einer Kunstgeschichtsschreibung gefallen, die nach nat. Schulbildung klassifizierte und kleinformatige Arbeiten in (experimentellen) Techniken als "low art" aus dem Kanon ausgrenzte; Arbeiten, die tatsächlich aber die privilegierten Objekte kult. Austauschprozesse darstellten. Lange Jahre nur von Nachlassbesitzern in Genf und den Niederlanden unter kennerschaftlichen Vorzeichen untersucht, hat sich in den letzten Jahren v.a. jene Forschung L. zugewandt, die sich für Fragen der Transkulturalität interessiert. Dies trifft allerdings nur einen Teil von L.s breitem Werk, das sich durch eine bes. Intensität in der Beobachtung, Sensibilität für materiale Oberflächen und große Originalität wie Eigenwilligkeit in Hinblick auf damals aktuelle Ideale von Malerei auszeichnet. Insofern ist L. bis heute ein Künstler geblieben, der den Fokus von den Zentren verlagern und einen neuen Blick auf die Vielfalt der Konzepte von Bildlichkeit im 18. Jh. eröffnen kann.

WORKS

L. Werk ist heute in der ganzen Welt verstreut. Die größten Konvolute befinden sich nachlassbedingt in GENF, MAH sowie Amsterdam, RM. Zudem in Paris, Louvre. - BN. - Fond. Custodia, Slg F.Lugt. London, V&A. - The Royal Coll. - BM - Nat. Gall. Wien, Albertina. - KHM. - Schloss Schönbrunn. - Österr. Präsidentschaftskanzlei. Winterthur, Mus. Oskar Reinhart am Stadtgarten. Desweiteren in Berlin, Kpst.-Kab. Bern, KM. Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Mus. Cambridge, Fitzwilliam Mus. Dresden, SKS. Florenz, Uffizien. Istanbul, Pera Müz. Los Angeles, J. Paul Getty Mus. Stansted Park, Stansted Park Found. Stupinigi/Turin, Fond. Ordine Mauriziano. Weimar, Schloss-Mus. u.a.; zahlr. Werke sind weiterhin in internat. Privatbesitz.

SELF-TESTIMONIES

Autobiogr. 1760; Autobiogr. 1774; Explication des différents jugements sur la peinture, Mercure de France 1762; Traité des principes et des regles de la peinture. Par M. J. E. L., Peintre, Citoyen de Genève, a Genève [Lyon] 1781; Korr. Alle in: M.Roethlisberger/R.Loche, L. Cat., Sources et Correspondance, 2 Bde, Doornspijk 2008.

EXHIBITIONS

Solo exhibitions:

1885 Amsterdam, Felix Maritis Soc. / Genf: 1886 Soc. des Arts; 1948, '90, 2002 MAH / Paris: 1948 Mus. de l'Orangerie / 1985 Utrecht, Centraal Mus. (K) / 2006 New York, Frick Coll. (K). -

 

Group exhibitions:

1751-53 Paris: Jahres-Ausst., Acad. de Saint-Luc / 1774 London: RA / 1978 Zürich, Kunsthaus: Slg des MAH Genf (K) / 1980 Wien, Schloss Schönbrunn: Maria Theresia und ihre Zeit (K) / 1997 Stuttgart, Kunstgebäude am Schlossplatz: Exotische Welten (K) / 1998-99 Düsseldorf, KM: Angelika Kauffmann (K).

 

SOURCES

Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:

ThB23, 1929

 

Other encyclopedias:

F.Basan, Dict. des graveurs anciens et mod., I, P. 1767; J.R. Füssli, Allg. Künstler-Lex., Z. 1810-16; A.Firmin-Didot, Les Graveurs de Portr. en France, II, 1875-1877; A.Graves, The RA, Lo. 1906; Brun, SKL II, 1908; Darmon, 1927; Waller, 1938; Schidlof I, 1964; Schede Vesme II, 1966; Scheen I, 1969; Foskett I, 1972; Bauer, GEM V, 1977; Bellier/Auvray, 1979; Waterhouse, Dict., 1981; DA XIX, 1996; Stewart/Cutten, 1997; N.Jeffares, Dict. of Pastellists before 1800, Lo. 2006; Dumas II, 2007; Lemoine-Bouchard, 2008

 

Printed sources:

E.Humbert u.a., La Vie et les Œuvres de J.É.L. 1702-1789, Am. 1897; D.Baud-Bovy, Peintres Genevois du XVIIIe et du XIXe siècle 1702-1817, I, Genf 1903; F.Fosca, La Vie, les Voyages et les Œuvres de J.É.L., Lausanne/P. 1956; J.Lauts, Jb. der SKS in Baden-Württemberg 14:1977, 43-70; Dessins de L. (K MAH; Wander-Ausst.), Genf 1992; Inv. gén. des autographes (K Louvre/Mus. d'Orsay), P. 1997; Unter einer Krone (K Dresden/Warschau), L. 1997; C.Denk, Artiste, Citoyen & Philosophe, M. 1998; R.Keil, Die Portr.-Min. des Hauses Habsburg (K), W. 1999; Gli Uffizi. 268 capolavori dell'arte (K), Fi. 1999; J.É.L. (K RM), Am. u.a. 2002; A.Holleczek, J.-É.L., Ffm. u.a. 2002; Aargauer Kunsthaus Aarau (K), Z./Genf 2003; E.Lajer-Burcharth, in: J.Ryan/A.Thomas (Ed.), Cultures of forgery, N.Y. u.a. 2003; V.Schmidt-Linsenhoff, in: M.Fend (Ed.), Männlichkeit im Blick, Köln u.a. 2004; M.Koos, Zs. für Kunstgesch. 70:2007(4)545-572; D.Bull, BurlMag 150:2008(1266)592-602; N.Trauth, Maske und Person, B./M. 2009; M.D. Sheriff, in: ead. (Ed.), Cult. contact and the making of Europ. art since the age of exploration, Chapel Hill, N.C. 2010; K.Smentek, Ars Orientalis 39:2010, 84-112; M.Koos, Haut, Farbe und Medialität, Paderborn 2014

 

Archives:

Genf, Bibl. de Genève; Arch. MAH: N.S.Trivas, J.-É.L., unveröff. Typoskript, Am. 1936-38 / Den Haag, Arch. Liotard

 

Online sources:

R.Loche, SIKART Lex. zur Kunst in der Schweiz; H.Williams, RIHA J. 34

 


THIEME-BECKER

Article by: H. Vollmer

Liotard, Jean Etienne, Pastell- u. Emailmaler, *22. 12. 1702 Genf, †12. 6. 1789 ebda, Zwillingsbruder des folg. Sohn eines aus Montélimar stammenden, seines protestant. Bekenntnisses wegen nach Genf geflüchteten Juweliers Antoine L. Zuerst Schüler von Daniel Gardelle in Genf, seit 1723 von J.-B. Massé in Paris. Mißerfolg im Wettbewerb um den Akademiepreis ("David im Tempel"). Ging auf Anraten Fr. Le Moine's zum Porträtfach über, erhielt bald Aufträge auf Pastell- u. Miniaturbildnisse und fand einen Gönner in dem Marquis de Puysieux, französ. Gesandten in Neapel, der ihn 1736 mit nach Rom nahm. Erhielt hier vornehme Kundschaft, zu der sogar Papst Clemens XII. zählte, u. wurde von Sir William Ponsonby, späterem Lord Bessborough, dessen Bekanntschaft er in Florenz gemacht hatte, eingeladen, ihn auf einer Reise nach dem Orient zu begleiten. Die im Frühjahr 1738 begonnene Fahrt ging von Neapel über Messina, Syrakus, Malta, Paros, Delos, Chios nach Smyrna und weiter nach Konstantinopel, wo L. 5 Jahre blieb, als Türke sich kleidend u. lebend. Unterwegs u. in Konstantinopel entstand eine Unmasse von höchst geistvollen Zeichnungen (schwarze Kreide mit Rötel), die sich heute zum größten Teil im Louvre u. in der Pariser Biblioth. Nat. befinden. Rückkehr auf dem Landweg über Jassy durch die Moldau u. Ungarn nach Wien, wo er am 2. 9. 1743 eintrifft und die gesamte Hofgesellschaft, an ihrer Spitze die Kaiserin Maria Theresia, porträtiert. Hier entsteht auch 1745 das bekannte Schokoladenmädchen der Dresdner Galerie. Der "peintre turc" mit dem Turban und dem lang herabwallenden Bart (Selbstbildnisse in Dresden [mit Pelzmütze], Genf u. Florenz) war auf dem Wege, eine europäische Berühmtheit zu werden. Von Wien aus 1745 Abstecher nach Venedig (Bildnis des Grafen Algarotti [i. Bes. Kaiser Wilhelms II.; Wiederhol. im Amsterd. Reichsmus.]), 1746/47 nach Darmstadt (Bildn. d. Landgräfin v. Hessen), Lyon, wo die reizende "Liseuse" (2 Exempl.: Gal. Dresden u. Reichsmus. Amsterdam) entstand, u. Genf. 1748/53 in Paris, vom Hof u. Adel mit Aufträgen überhäuft, wenngleich bei weitem nicht die Preise erzielend, die man seinem Rivalen La Tour bewilligte. Ja man scheint ihm sogar - wenn man Mariettes Bericht trauen darf - von gewisser Seite recht kritisch begegnet zu sein und hat ihm die jedenfalls nachgesuchte Aufnahme in die Acad. Roy. verweigert. Der gefeierte peintre du Roi mußte sich mit der Mitgliedschaft der Lukas-Akad. begnügen. Offenbar verstimmt wendet sich L. 1753 nach Aufenthalt in Lyon, wo u. a. das "Déjeuner des demoiselles Lavergne" entstand, nach London, von hier, da sich ihm auch in London nicht alle Hoffnungen erfüllt zu haben scheinen (vgl. Walpole), nach Holland, wo er u. a. den Prinzen v. Oranien u. die Prinzessin Karoline porträtiert und Mlle Fargues, Tochter eines in Amsterdam ansässigen französ. Kaufmanns, heiratet, womit die türkische Verkleidung ihren plötzlichen Abschluß fand (bartloses Selbstbildnis in Genf). 1757 in Paris (Pastellbilder des Ehepaares Favart in d. Slg G. u. H. Pannier; Abb. in Les Arts 1907 Nr 63 p. 11/13; ebda ein Miniaturbildn. d. Mme Favart). 1758 lieg L. sich in Genf nieder und gab damit sein bisheriges Wanderleben auf, wenngleich der Reisedämon ihn auch jetzt nicht ganz verließ: Reisen nach Wien (1762), wo außer zahlreichen Emailminiaturen (z. T. Wiederholungen eigener älterer Pastellbildn.) das Halbfigurbildnis der Maria Theresia in Genf (2. Exempl. im Reichsmus. Amsterdam) entstand, u. nach Paris u. London unterbrechen für kurze Zeit diese noch 30 Jahre umspannende Genfer Ruhezeit, während derer er bis zuletzt tätig war; übrigens werden die Arbeiten dieser Spätzeit von Vaillat am höchsten gestellt. Dahin gehören vor allem die verschiedenen Bildnisse der Mitglieder der Familie Tronchin (meist in d. Slg Henry Tronchin in Bessinges bei Genf) u. das Halbfigurbildn. der Mme d'Épinay im Genfer Mus. Eine letzte Reise nach Wien, die er 1774 unternahm in dem leidenschaftl. Begehren, den alten Ruhm zu erneuern, brachte ihm nur Enttäuschungen, denn gegen Roslin war für ihn kein Aufkommen. L. ist am reichsten vertreten im Musée Rath in Genf (außer zahlr. Pastellen ein Selbstbildnis in Öl [um 1765] u. ein Emailbildn. Maria Theresias) u. im Reichsmus. Amsterdam (23 Pastelle u. ein Emailbildn. Maria Theresias auf Kupfer); mit mehreren Pastellarbeiten ferner im Mus. in Weimar (8), in Dresden (4) u. auf Schloß Hvedholm, Dänemark (4); mit je 1 Pastell in den Museen Braunschweig (Bildn. Franz' I.), Bern (Schultheiß Fr. v. Steiger), Gotha (Erbprinz Friedr. v. Sachs.-Gotha-Altenburg), auf d. Schwarzenbergschen Schloß in Wien-Neuwaldegg (Kaiser Joseph II.) u. im Ossolineum in Lemberg (Maria Theresia). Im Bayer. Nat.-Mus. München ein Miniaturbildnis Maria Theresias, in d. Gal. Wien ein Miniaturbildnis der Maria Theresia, ein Porzellangem. (alte Frau, 1760) u. 1 Pastell (2 Trauben, an einem Brett aufgehängt), im Musée d. Arts décoras. Genf eine Emailminiatur: Diana u. Endymion, in d. Ermitage Leningrad Miniaturbildnis einer als Türkin kostümierten Dame. Ölbildnisse (sehr selten) außer in Genf (s. o.) in Nottingham (Eleanor Francis Dixie) u. in d. Slg Edmond de Rothschild, Paris. Zeichn. im Brit. Mus. London, im Mus. Brüssel (Colt. de Grez), in d. Wiener Albertina u. a. a. O. über L.s gelegentliche Versuche als Kupferstecher (Le chat malade nach Watteau, Selbstbildnis in Clair-obscur, u. a.) vgl. Portalis et Béraldi, Les Graveurs du 18e s., II (1881) 722 f. Schriftstellerisch ist L. mit der lehrhaften Abhandlung: Traité des principes et des règles de la peinture (Genf 1781), hervorgetreten. Lit.: (außer der im Text zit.) : D. Baud-Bovyin Bruns Schweiz. Kstlerlex., II (1908), mit ält. Lit. - Ergänzungen: Mariette, Abecedario, III. - Walpole's Anecdotes of Painting, Ausg. 1862. - Jabrb. d. kgl. preuß. Kstsamml., XV (1894) 122 ff. (P. Seidel, Pastellbildn. d. Grafen Algarotti), m. farb. Taf. - H. de Chennevières in L'Art, XLV (1888) 225 ff. - A. Dayotin L'Artetles Artistes, IX (1909) 250/60. - Beilage d. Frimmel'schen "Blätter für Gemäldekunde", 2. Lief. (Mai 1907) p. 78 ff. (Abdruck einer L.-Biogr. aus Fantis Katal. d. Liechtenstein-Gal. v. 1768). - L. Vaillat in Les Arts, 1911 Nr 118 (mit 33 Abb.). - Al. Benois in russ. Zeitschr. Apollon, 1912 Heft 9 p. 4/27 (m. 22 Abb. u. 1 farb. Taf.). - Nos Anciens et leurs oeuvres (Genf), 1901 p. 20, 40; 1902 p. 4; 1904 p. 75, 134; 1908 p. 59; 1909 p. 97; 1910 p. 30 u. 122 ff., 1913 p. 127 ff. (Baud-Bovy); 1917 p. 64, m. Taf. - F. Lugt, Le Portrait-Miniat. ill. par la Coll. de S. M. la reine d. Pays-Bas, Amsterd. 1917, p.43ff. - Renaiss. de l'art franç. etc., III (1920) 163 ff. (H. Clouzot). - Revue de l'art anc. et mod., L (1926) 257 ff. (L. Gielly). - Fr. Fosca, L., Paris 1927 (Petits Maîtres Franç.), mit Werkverz. - Jabrb. d. ksthist. Inst. d. k. k. Zentralkomm. f. Denkmalpflege, X (1916) Beibl. Sp. 117 (m. Abb.). - M. Krohn, Frankrigs og Danmarks Kunstner. Forbindelse i det 18 Aarh., Kopenh. 1922, p. 200. - österr. Ksttopogr., II (Wien 1908) 256 (mit Taf.) u. 322. - The Connoisseur, Bd 61 (1921) p. 135 (Tafelabb.: Bildnis d. Prinzessin Louisa Anne i. d. Batsford Coll.). - Guiffrey u. Marcel, Inv. gén. des dessins du musée du Louvre, IX (1921). - Mireur, Dict. d. Ventes d'art, IV (1911). - A. Graves, Cent. of Loan Exhib" II (1913) u. IV (1914). - Kat. d. Miniat.-Ausst. Wien 1905, Nr 72/77, 86 f., 91, 96, 98 f., 564. - L. Binyon, Catal. of Drawings by Brit. 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