Lipchitz (Lipschitz; Lipšic), Jacques (Chaïm Jacob; Jakoff; Žak), russ.-frz.-amer. Bildhauer, *22.8.1891 Druskininkai, †27.5.1973 Capri.
Lipchitz, Jacques
Besuch der Handelsschule in Białystok, anschl. der KSch in Vilna. 1909 Ankunft in Paris. Unterricht an der ÉcBA bei Antoine Injalbert, danach an der Acad. Julian bei Raoul Charles Verlet. L. besucht Zeichenkurse an der Acad. Calorossi, studiert Kunstwerke im Louvre u.a. Pariser Museen. Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Pierre Reverdy und künstlerische Zusammenkünfte im Bateau-Lavoir und in der Künstlerkolonie La Ruche. In dieser Zeit beginnt er Stammeskunst und außereuropäische Kunst zu sammeln. 1911 lässt sich L. auf dem Montparnasse nieder. 1912 wird er in Russland zum Militärdienst eingezogen, aus gesundheitlichen Gründen aber wieder entlassen. Besuch der Ermitage in St. Petersburg, er zeigt sich beeindruckt von der Kunst der Skythen. Rückkehr nach Paris, wo er in direkter Nachbarschaft zu Constantin Brancusi ein Atelier bezieht. 1913 Freundschaft mit Diego Rivera, der ihn mit Pablo Picasso u.a. Künstlern des Kubismus bek. macht. 1914 Spanienreise mit D.Rivera und Besuch des Prado, wo er Werke von Jacopo Tintoretto, Peter Paul Rubens, El Greco, Francisco de Goya und Diego Velázquez bewundert. Der Ausbruch des 1.WK führt ihn nach Paris zurück. Dort trifft er 1915 die Dichterin Berthe Kitrosser, seine spätere Frau, und lernt Leo und Gertrude Stein kennen. 1916 enge Freundschaft mit Juan Gris, Zusammenarbeit mit dem Galeristen Léonce Rosenberg, die er 1920 beendet. 1921 Begegnung mit dem Architekten Robert Mallet-Stevens, 1922 mit Albert Barnes, der zu einem wichtigen Förderer L.s wird. 1924 erhält er die frz. Staatsbürgerschaft. 1925 bezieht er ein von Le Corbusier entworfenes Haus in Boulogne-Billancourt. 1927 Kontakt mit dem Kunsthistoriker Carl Einstein. 1930 erste große Retr. in der Gal. Jeanne Bucher. 1935 erste bed. Ausst. in den USA, in der Brummer Gall., New York. 1938 erneuert er seine Bekanntschaft mit Gertrude Stein. Als Jude der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt, flieht er 1940 mit seiner Frau zunächst nach Toulouse, 1941 in die USA. In diesem Jahr macht er Bekanntschaft mit Curt Valentin von der Buchholz Gall., der sein New Yorker Galerist wird. 1942 hat L. seine erste große Ausst. in dieser Gal., weitere folgen. 1946 Rückkehr nach Paris, wo er in der Gal. Maeght ausstellt. Er wird zum Chevalier de la Légion d'Honneur geschlagen. L. entschließt sich, Paris den Rücken zu kehren und in den USA zu leben. Trennung von B.Kitrosser. 1948 Heirat mit der Bildhauerin Yulla Halberstadt, Geburt der Tochter Lolya Rachel. Bei einem Feuer in seinem Atelier 1952 wird ein Großteil seiner Werke zerstört. L. wird 1954 eine umfassende Retr. im MMA, New York, gewidmet. 1958 erhält er die amer. Staatsbürgerschaft. Ab 1961-62 regelmäßige Italienaufenthalte, wo er in der Fonderia Luigi Tommasi in Pietrasanta arbeitet. 1963 reist er zum ersten Mal nach Israel. 1970-72 wird L. in umfangreichen Retr. in Deutschland, Österreich und Israel gewürdigt. Sein Bruder Rubin schenkt dem Israel Mus. in Jerusalem über 100 Werke L.s. 1972 wird seine Autobiogr. My life in Sculpture veröffentlicht, zeitgleich mit einer Ausst. im Metrop. Mus. in New York. 1973 stirbt der Künstler auf Capri und wird in Jerusalem beigesetzt. - L.s Frühwerk zeugt von einer Auseinandersetzung mit Umberto Boccioni, P.Picasso und J.Gris sowie dem synthetischen Kubismus, wobei bes. die Freundschaft mit J.Gris wesentlich für die kubistische Werkphase ist. Zugleich finden sich Arbeiten, die auf afrikanische Kunst referieren, etwa die Werkgruppe Detachable Figures, die ab 1915 entsteht und zu der die Holzfigur Detachable Figure: Dancer, 1915, (Holz, Israel Mus., Jerusalem) zählt, bei der er einzelne Partien farbig hervorhebt und eine kubistische Formensprache mit einer Figurenkonzeption, wie er sie auch in der afrikanischen Kunst vorfindet, verbindet. Er verdichtet seine Komp. zu archit. Gebilden, in denen die menschliche Figur im Erscheinungsbild stark zurücktritt, etwa in Sculpture, 1915 (Stein, Kunsthaus Zürich). In den folgenden Werken, etwa Bather III, 1917 (Stein, AG of Ont., Toronto), bedient sich L. gezielt einer Licht- und Schattenregie zur Belebung der Skulptur und zur Erhöhung der räumlichen Wirkung. Dies erreicht er durch die Gliederung der Fläche in kristalline Einheiten sowie durch die entsprechende Rhythmisierung der einzelnen Elemente. L. zählt 1922 zum Kreis der von Le Corbusier und Amédée Ozenfant gegr. Zs. L'Esprit-Nouveau. Die in diesem Umfeld propagierten puristischen Gestaltungsrichtlinien, d.h. die Komp. nach einfachen geometrischen Grundformen, finden sich auch in seinen Arbeiten wieder, z.B. in Seated Man, 1922 (Granit, Virginia Mus. of FA, Richmond). M. der 1920er Jahre gesteht L. seinen Figuren eine große Raumdurchlässigkeit zu, Wellenlinien werden zu bestimmenden Komp.-Elementen und seinen Werken liegt ein barockes Formgefühl zu Grunde. Diese Entwicklung äußert sich u.a. bei Seated Man, 1925 (Bronze, MMA, New York) und erreicht in der Werkgruppe der Transparents einen Höhepunkt. So wird Acrobat on a ball, 1926 (Bronze, Verbleib unbek.) von ineinanderfließenden Linien im Raum gebildet, das Volumen ist vollst. aufgelöst, und die Figur entfaltet eine große Dynamik. Ausgehend von diesen Komp. entsteht u.a. Song of the Vowels, 1932 (Bronze, Kunsthaus Zürich). Ab den 1930er Jahren gewinnt das narrative Element eine entscheidende Bedeutung für L.s Schaffen. Er wendet sich biblischen und mythologischen Themen zu und konzipiert Arbeiten wie Return of the Prodigal Son, 1931 (Bronze, Nelson-Atkins Mus. of Art, Kansas City, Mo.), Jacob and the Angel, 1932 (Bronze, Middelheim-Mus., Antwerpen) und David and Goliath, 1933 (Bronze). Das Moment des Kämpfens wird ein zentraler Aspekt in L.s Skulpturen, denen eine tiefere, biogr. und politische Bedeutung zu Grunde liegt. So ist etwa auf Goliaths Brust ein Hakenkreuz zu erkennen. Das wohl bekannteste mon. Werk in diesem Kontext ist Prometheus strangling the Vulture, 1936-37 (Gips, zerst.), das L. für die WA in Paris geschaffen hat. Die Skulptur ist als Sinnbild und als Aufforderung zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu verstehen. Stilbestimmend für seine Werke der amer. Schaffensphase ist eine biomorphe, organische Formensprache, bei der einzelne, bereits in Paris verwendete Elemente eine konsequente Ausformulierung erfahren. Als eine der ersten Arbeiten in seiner neuen Heimat entsteht Return of the Child, 1941-43 (Granit, ehem. Guggenheim, New York), in der sich nach Aussage des Künstlers Erleichterung über seine gelungene Flucht vor den Nationalsozialisten und Hoffnung auf einen Neuanfang spiegeln. Metamorphose und Verwandlung sowie surrealistische Aspekte gewinnen für einzelne Werke an Bedeutung, etwa für Mother and Child II, 1941(Bronze, Israel Mus., Jerusalem). Durch den Aufbau der Figur, die Torsierung der Frauenfigur, ihre erhobenen Arme, ergibt sich in der Betrachtung zugleich ein Stierkopf; L. hat somit ein doppeltes Bildnis angelegt. M. der 1950er Jahre entstehen die Semi-Automatics, eine Werkgruppe, für die L. heißes Wachs in kaltes Wasser tropfen lässt und die entstehenden Formen als Inspirationsquelle für Figuren nutzt. Ebenfalls in dieser Zeit schafft er die Ser. To the Limit of the Possible, bei der er u.a. echte Blumen und Blätter in seine Plastiken einarbeitet, sodass fantastische Gebilde entstehen. Damit einher geht ein verstärktes Interesse an Magie, Transformationsprozessen und Mystik, ein Gebiet, mit dem sich L. bereits in seinen Pariser Jahren befasst hat. In den 1960er Jahren führt er mehrere Arbeiten für den öff. Raum aus, etwa Bellerophon taming Pegasus, 1964-77 (Bronze) für die Columbia Law School, New York. 1967 erhält er den Auftrag, ein Denkmal für den Mount Scopus in Jerusalem zu schaffen. Als Ergebnis entsteht Our Tree of Life, 1973-78 (Bronze, Hadassah Univ. Hospital, Mount Scopus, Jerusalem), eine Plastik, in der er sich mit den eig. jüdischen Wurzeln und der Gesch. Israels auseinandersetzt, ein Thema, das ihn bereits zuvor beschäftigt hat. Der Arbeit an diesem Denkmal widmet er sich bis zu seinem Tod, die Fertigstellung und Aufstellung erlebt er nicht mehr. - L. zählt mit seinen kubistischen Komp. und seinen späteren biomorphen Werken zu den bedeutendsten Künstlern des 20. Jh. und gilt für viele Künstlergenerationen als wichtiger Impulsgeber. In seinem Schaffen versteht er sich als jüdischer Künstler, so dass seine Werke auch vor diesem Hintergrund gelesen werden müssen.
Solo exhibitions:
Paris: 1920 Gal. de l'Effort Mod.; 1930 Gal. de la Renaiss. / 1950-51 Portland, AM (Wander-Ausst.) / New York: 1951 MMA; 2004 Marlborough Gall. / 1958-59 Amsterdam, Sted. Mus. (Wander-Ausst.) / 1959 Paris, MNAM / 1963-64 San Francisco, Mus. of Art (Wander-Ausst.) / 1970-71 Berlin, Neue NG (Wander-Ausst.) / 1986 London, Tate Gall. / 1991-92 Tel Aviv, Mus. of Art / 2005 Nancy, MBA. -
Group exhibitions:
1952 Venedig: Bienn. / 1959, '64 Kassel: documenta / 2000 Paris, MAMVP: L'école de Paris 1904-1929 / 2010 Wien, MUMOK: The Moderns. Revolutions in Art and Sc. 1890-1935 / 2013 Mannheim, KH: Nur Skulptur / 2023 Berlin, Jüdisches Mus.: Paris Magnétique 1905-1940 (K).
Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:
ThB23, 1929; Vo3, 1956
Other encyclopedias:
DA XIX, 1996; Bénézit VIII, 2006
Printed sources:
A.M.Hammacher, L., N.Y. 1960; C.Lichtenstern, Metamorphose in der Kunst des 19. und 20. Jh., II, Vom Mythos zum Prozessdenken, Weinheim 1992; ead., in: "Canto d'Amore". Klassizistische Moderne in Musik und bild. Kunst 1914-1935, Basel 1996; A.G. Wilkinson, The sculpture of J.L., I, The Paris Years 1910-40, Lo. 1996; II, The Amer. Years 1941-74, N.Y. 2000 (WV, Lit.); C.Pütz, J.L.: the first cubist sculptor, Lo. 2002; K.Barañano Letamendía, J.L.: the plasters 1911-1973, Bilbao 2009 (Lit., WV); C.Lichtenstern, in: SkulpturenStreit, B. 2014.
Lipschitz (Lipchitz), Jacques, Bildhauer in Paris, *22. 8. (alt. St.) 1891 Druskeniki (Gouv. Grodno). Seit 1909 in Paris (naturalisiert). Schüler von Raoul Verlet. Beschickt die Salons (Indépend. u. Tuileries). Mitgl. d. Künstlergruppe "L'esprit nouveau". Kubist im Sinne Picassos. Arbeiten im Mus. Grenoble u. i. d. Barnes Foundation Philadelphia. M. Raynal, Lipchitz (Coll. L'Art d'aujourdhui, Bd. I), Paris 1920. - L'Esprit nouveau. Nr 2 (P. Dermé). - L'Amour de l'art, 1921 Aug.-Heft p. 255/258 (Wald. George); 1928 Sept.-Heft p. 299/302 (ders.), mit 10 Abb. - Das Kstblatt, VI (1922) 58/64 (ders.), m. 4Abbn. - Ozenfant u. Jeanneret, La peinture mod., p. 116, 129, 136 (m. 6 Abbn.). - L'Art d' aujourd' hui, 1926 (m. 4 Abb.). - C. Einstein, Die Kat d. 20. Jh. (Propyläen-Kstgesch. XVI), 1926 p. 547 ff. - Cahiers d'art, 1928 Heft 4 (V. Hidobro), m. 4 Abb. - Petschatj i Revoljuzija, 1927 Heft 3 p. 22126, 37. - B. Ternowez, Die zeitgenöss. franz. Plastik (russ.), o. J. (m. 3 Abb.).
Lipschitz (Lipchitz), Jakoff (Jacques), poln.-franz. Bildhauer, *30.8.1891 Druskeniki (poln. Litauen), ansässig in Paris. Naturalisierter Franzose, Stud. 1909 ff. an d. Ec. d. B.-Arts u. d. Acad. Julian in Paris; Schüler von Raoul Verlet. Stellt seit. 1920 regelmaßig bei den Indépendants, seit 1924 auch im Salon d. Tuileries aus. Seit 1922 Mitgl. der Gruppe "L'Esprit Nouveau". 1924 naturalisiert. Flüchtete 1941 nach Besetzung von Paris durch die Deutschen nach New Yörk, von wo er 1946 nach Frankreich zurückkehrte. Gehört der extremen Richtung des Kubismus an u. stilisiert seine Figuren nach Art von abstrakt.Arabesken,die of in kuhnsten Verschlingungen verlaufen. Vertreten in allen bedeutenderen Museen der USA, besonders reich im Art Inst. in Baltimore (reich bebilderter Kat.) u. im Mus. of Mod. Art iu New York. Koll.-Ausst.: 1920 bei 1... Rosenberg, Paris; 1930 in d. Gal. La Renaissance ebda; 1931 in d. Gal. Jeanne Bucher ebda; wiederholt in d. Gal. Buchholz (C. Valentin), New York, u. in der Gal. Brummer ebda; Okt. 1950 im Portland Mus.; Febr. 1951 im Mus. in Cincinnati; Mai/Juni 1954 im Mus. of Stod. Art in New York; Febr. 1955 im Cleveland Mus., Cleveland, Ohio. - Mappenwerke: The Drawings of J. L. ('20 Tal.); Twelve Bronzes by J. L. (16 Tal.); J. L. Einleitg von M. Raynal (64 Taf.), sämtl. ersch. bei C. Valentin, New York. Lit.: Th-B.. 23 (1929) 279 f. - H. R. Hope. J. L., 1954. - R. Vitrac, J. L., Paris 1929 (m. 29 Abbn). - Bénezit, 5. - Joseph, 2. - Giedion-Welcker. - Barr,rn.Abb. - Einstein. - M.Raynal, J. L., 1947. - E. Trier, Mod. Plastik, Frankf.M. 1955. - L'Amour de l'Art, 1924 P. 377 ff. passim. - L'Art d'aujourd'hui, 1926 p. 21/23, m. 5 Taf. - Beaux-Arts, 1935 Nr 156, p. 8, m. Abb. - Cahiers d'Art, 1926 p.163 f in. 10 Abbn;1930 p. 259163, m. 11 Abbn. - Cahiers de Belg., 1931 p. 130 ff. passim. - college art journal, 10 (1950/51) 66,169. -Documents.1930 p.17122, m. 6 Abbn. - Formes, 1 (1930) Nr 7, Abb. geg. p. 19. - Konstrevy, 1937 p. 167 (Abb.). - D. Kstblatt, 5 (1921) 352 (Abb.); 6 (1922) 49f., 58 (Abb.), 59/62, m. 2 Abbn, 63 (Abb.), 64 (Abb.); 14 (1930) 67; 15 (1931) 124, Taf. geg. p. 323, 330 f., m. 3 Abbn. - D. Katwerk, 2 (1948/49) H. 1/2, p. 42; 4 (1950) H. 8/9 p. 93. - Magaz. of Art (New York), 39 (1946) 354/59, m. A bb. - Osteuropa (Königsbg/Pr.),10 (1934135) 9.- Pennsylv. Mus. Bull., 31 (1935/36) Nr 170p. 2 (Abb.). - La Renaissance, 13 (1930) 149/54 [recte 191/96], m. 7. Abbn. - The Studio, 123 (1942) 138 (Abb.). - D. Werk (Zürich), 38 (1951) p. 136; 41 (1954) Beil. p. 227 (Abb.). - Kat. d. Ausst. J. L., Buchholz Gall. (C. Valentin) New York, Mai 1951. - The Art Index (New York). 1929 ff. passim. - Sculpture a. Sculptors, Drawings, 22. 12. 1953,24. 1. 1954 Ausst. in d. C. Valentin Gall. New York, Kat. m. 5 Abbn.