Piranesi (Piranese), Giovanni Battista (Giambattista), ital. Architekt, Zeichner, Radierer, Kupferstecher, Buchkünstler, Antiquar, Archäologe, Verleger, *4.10.1720 Mogliano b. Venedig, †9.11.1778 Rom, Sohn des Steinmetzen Angelo P. und der Laura Lucchesi, Vater der Kupferstecher Laura P. und Francesco P.
Piranesi, Giovanni Battista
Nach Angaben seiner frühen Biografen Giovanni Ludovico Bianconi, der im "Elogio Storico" (1779) neben vielen verifizierbaren Details auch verleumderische Unwahrheiten verbreitete, gegen die Francesco P. eine Unterlassungsklage anstrebte (Bevilacqua 2006, 40-41), und Jacques-Guillaume Legrand ("Notice historique sur la vie et les ouvrages de J.B. Piranesi", 1799) begann P., der von der Fam. zum Architekten bestimmt worden war, seine Ausb. um 1735 bei dem Wasserbau-Ing. und Onkel mütterlicherseits Matteo Lucchesi. P.s nächster Lehrmeister, der auch bereits Lucchesi unterrichtet hatte, war Giovanni Antonio Scalfarotto, Architekt der ersten neoklassizistischen Kirche Venedigs, S.Simeon Piccolo. Der Kreis um Scalfarotto mit Tommaso Temanza, der wie Lucchesi Schüler Giovanni Polenis in Padova war, eröffneten P. die archit.-theoretische Gedankenwelt der Wissenschaftler Scipione Maffei, Anton Francesco Gori, Giovanni Poleni und Carlo Lodoli und führten P. in die Diskussion über die Rolle der etruskischen Kunst ein. Stud. antiker Autoren und Gesch., wohl mit Unterstützung seines Bruders Angelo P., vervollkommneten seine Ausb.; Carlo Zucchi soll P. in der Theorie der Perspektive und in der Radierkunst unterwiesen haben. - Graf. Werk: Im Sept. 1740 reiste P. als Zeichner im Gefolge Francesco Veniers, des neu ernannten Botschafters der Republik Venedig am Hl. Stuhl, erstmals nach Rom. Dort pflegte er Kontakte mit Stipendiaten der frz. Akad. und deren Lehrer für Perspektive, Giovanni Paolo Pannini. 1741erschienen seine ersten kleinformatigen Veduten im Führer Roma Moderna Distinta per Rione (1742-44 datiert). Die Mitarb. an Giovanni Battista Nollis bahnbrechendem Romplan, der durch seine Genauigkeit ein Meilenstein für die Kartografie darstellt, prägte P. entscheidend und er bildete ihn auch mehrfach in Ausschnitten in seinen Antichità Romane ab. P. radierte die dekorativen Veduten und Ornamente am Rand des Kartenwerks. 1743 war er an der Entstehung der Pianta piccola di Roma mod. (1748 publ.) beteiligt und widmet sich den Fragmenten der Forma Urbis Severiana. Während seiner kurzen Lehrzeit A. der 1740er Jahre bei Giuseppe Vasi perfektionierte P. die Radiertechnik und die Kunst der Vedute, eine Beteiligung an den Vedute di Roma sul Tevere ist anzunehmen. Mit dem Bildhauer Antonio Corradini reiste P. nach Neapel, zum Stud. der Malerei (im Skizzenbuch ist namentlich u.a. Salvatore Rosa erw.) und zu den Ausgrabungen von Herculaneum. 1743 veröff. P. sein erstes eigenständiges Werk, seinem Gönner Nicola Giobbe gewidmet, die Prima parte di architetture, e prospettive inventate, ed incise da Gio. Batta. Piranesi Architetto Veneziano, das er bis 1750 fünfmal auflegte und immer wieder durch neue Bll. ergänzte. Aus Geldmangel kehrte P. 1744 nach Venedig zurück und versuchte in Florenz zu reüssieren. Ein erneuter Romaufenthalt (Jan.-Jul. 1745) führte P. über Ravenna und Spoleto zurück nach Venedig. Dort Kontakte zur Kupferstecher- und Verlegerszene, zum Bildhauer Giovanni Maria Morlaiter und zu, oft als äußerst prägende Begegnung geschildert, Giambattista Tiepolo. Als Agent des dt. Kupferstechers Joseph Wagner gelang P. 1747 die Rückkehr nach Rom. P. installierte seine erste eigene Wkst. gegenüber der Accad. di Francia in der via del Corso in Rom, dort entstanden die ersten 12 von 135 großformatigen Rad. der Vedute di Roma. 1748 verlorener Wettb. zur Umsetzung in Rad. einer von Vincenzo Re gezeichneter Fest-Darst., ausgelobt vom Neapolitanischen Hof (Hyde Minor, 2001). Im Okt. 1748 brachte P. die Antichità Romane de' Tempi della Repubblica mit Widmung an Giovanni Gaetano Bottari heraus, die 1765 unter dem Titel Alcune vedute di Archi Trionfali ed altri monumenti wieder aufgelegt wurden. Mit der Tafel Pianta di ampio magnifico Collegio beteiligte sich P. am Concorso Clementino, der Archit.-Aufgabe der Accad. di S.Luca. 1750 veröff. P. bei Giovanni Bouchard die Opere varie di archit., prospettiva, grotteschi, antichita, einen Sammel-Bd, der das gesamte Œuvre als Werkschau enthält und als Seconda Parte interpretiert wird (Höper, 2002, 61). Teil der versch. Werke sind die 14 Tafeln der Invenzioni Capric di Carceri, auch Carceri genannt, eine Ser. düster-fantastischer Erfindungen von Kerker-Architekturen. Die kontinuierliche Beschäftigung mit dem Thema während der 1750er Jahre mündet 1761 in eine wesentlich veränderte 2. Auflage. 1753 Hochzeit mit Angela Pasquini. Einen beträchtlichen Teil seiner Zeit verbrachte P. mit Bauaufnahmen und dem Stud. antiker Stätten in wechselnder Ges.: 1756 mit Charles-Louis Clérisseau und Robert Adam, in den 1760er Jahren mit frz. Kollegen und Mitarb. in der Villa Hadriana. Die Antichità Romane, P.s archäol. Hw. (1756), vier Bde mit 252 Tafeln, in die auch die Studien zu den antiken Grabkammern übernommen werden, lieferte langjährig erarbeitete, profunde Analysen antik-röm. Bauwerke, die P. 1757 auf Empfehlung Thomas Hollis die Aufnahme in die Soc. of Antiquarians erbrachte. Nach der Wahl des Venezianers Carlo della Torre Rezzonico 1758 zum Papst betraute Clemens XIII. P. mit den langersehnten Bauaufträgen und verlieh ihm 1767 den päpstl. Orden Cavaliere dello Sperone d'oro. Im März 1761 Umzug in den Pal. Tomati (Strada Felice, heute Via Sistina 48). Wohnung, Wkst. und Raum für den Verkauf seiner Werke, die er ab jetzt auf eigene Rechnung edierte und mit Hilfe eines stetig aktualisierten Kat. (30 Fassungen bek.) und Agenten in europ. Städten vertrieb. P. firmierte mit "presso l'autore nel palazzo Tomati". 1762 publizierte P. Il Campo Marzio dell'Antica Roma, mit dem akribischen, Robert Adam gewidmeten, Plan der Ichnographia Campi Martii Antiquae Urbis, die Lapides Capitolini und die Descrizione e disegno dell'Emissario del Lago Albano (1764 unter dem Titel Antichità d'Albano e di Castel Gandolfo wiederaufgelegt). 1763 Exkursion mit Hubert Robert nach Cori, worauf ein Jahr später die Publ. Antichità di Cora folgte. Kauf der Kupferplatten Francesco Bartolozzis nach Zchngn Guercinos, die er erweitert unter dem Titel Raccolta di alcuni disegni del Barberi da Cento detto il Guercino wieder auflegte. (Bevilacqua, 2008, 282). 1767/68 erste Antikenverkäufe (Charles Townley). Die für ein internat. Publikum bestimmte, der Innendekoration gewidmete Publ. Diverse Maniere d'adornare i Cammini ed ogni altra parte degli edifizj desunte dall'Archit. Egizia, etrusca e greca (1769, dreisprachig: ital., frz. und engl.) greift auf sämtliche Stile der Vergangenheit zurück, mischt diese und bildet etruskisches und ägypt. Ornament ab. P. setzte in Zusammenarbeit mit Künstlern und Handwerkern antike Fragm., die in eigenen und fremden Grabungskampagnen gehoben wurden, neu und um mod. Stücke ergänzt zusammen. Bis zu 30 Personen arbeiteten in seinem Auftrag in benachbarten Wkstn an den in und um Rom ergrabenen antiken Fundstücken (V.Brenna an C.Townley, 10.2.1770 London, Brit. Mus., Townly arch., 7/1038). Neuschöpfungen größtmöglicher Vielfalt sind das Ziel. Seine großartige Slg. in dem von Zeitgen. "museo" gen. Wohnhaus, bestehend aus neun Räumen (Bevilacqua, 2008, S. 287), erregte größtes Aufsehen und zog ein internat. zahlungskräftiges sowie erlesenes Publikum an. Erste Bll. der Vasi, candelabri, cippi, sarkcofagi, tripodi, lucerne ed ornamenti antichi (1778, zwei Bde) erschienen 1768, in denen P. Stücke fremder und eigener Slgn vorstellte. Die einzelnen Rad. widmete er bed. Kunstliebhabern, überwiegend reisenden Engländer, die zu seinem Sammler- und Freundeskreis gehören. 1774 (1775 erweitert) erschien der Bd. über die Ehrensäulen Trofeo o sia magnifica Colonna Coclide, nach Zchngn von Vincenzo Dolcibene, die Trajanssäule und die Antoniussäule darstellend. Während seiner gesamten Schaffenszeit unternahm P. intensive Antiken-Stud. in und um Rom sowie in Süditalien. Zwei lange Zeichenexkursionen mit aufwändigen Bauaufnahmen führten P. im Sommer 1775 nach Pompeji und 1777 nach Paestum. Die entstandenen, sehr detaillierten Zchngn wurden posthum von seinem Sohn Francesco (s. Artikel Francesco P.) veröffentlicht. Zu P.s Tod war sein Tafelwerk auf 18 Bde angewachsen. Zunächst in der Pfarrk. S. Andrea della Valle, in der bis auf die Erstgeborene Laura alle weiteren sieben Kinder getauft worden waren, beigesetzt, wurde er dann nach S. Maria del Priorato überführt. P.s Druckplatten wurden erst von seinen Söhnen nach Paris gebracht und ebd. mehrfach für Nachdrucke genutzt. Sie befinden sich seit 1839 in der Calcografia Naz. (heute Ist. Naz. per la grafica) in Rom. - Archit.: P. bezeichnete sich immer als Architekt und verfügte über eine solide Ausb., doch seine Archit.-Zchngn wurden erst spät bek. und der Ruhm der Stichwerke verdrängte P.s Rolle als Architekt, so dass dies erst seit Körte (1933) größere Beachtung erfuhr. Über den Bauunternehmer und seinen Mäzen Giobbe hatte P. 1740 in Rom Kontakt zu den führenden Architekten Luigi Vanvitelli und Nicola Salvi erhalten; er erhoffte sich in Rom eine archit. Karriere, aber in seinem Prima parte di architetture e prospettive (1743) beklagte er das Los der jungen auftragslosen Architekten, die nur auf dem Papier bauen könnten und publizierte eine F. von mon. Ideal-Archit. all'antica, deren szenografische Raumstrukturen sich an den Bühnenentwürfen Filippo Juvarras und der Bibbiena orientierten, aber stilistisch auch die Auseinandersetzung mit Großbauten des röm. Spätbarock dokumentieren. Ein rokokoartiger Kanzelentwurf, evtl. Teil eines Frontispizes, und Entwürfe für eine Gondel, einen Spiegel und Wanddekorationen (Pierpont Morgan Libr.) dürften um 1744-47 in Venedig entstanden sein, ohne dass Aufträge oder Auftraggeber bek. sind. 1750 publ. er in Rom erneut in den Opere varie fantastische Idealbauten, die jetzt aber, geprägt von seinem jahrelangen intensiven Stud. der antiken röm. Archit. wie auch Johann Bernhard Fischer von Erlachs "Entwurf einer hist. Archit." ein völlig neues, antikisch geprägtes Formen-Repert. mit Zitaten u.a. etruskischer und ägypt. Baudetails aufweisen. Ein Entwurf für die Neugestaltung der oberen Wandzone des Pantheon (Rom, Bibl. Apost. Vat.) im Sinne eines etruskisch geprägten "Urzustands" entstand evtl. während der Debatte 1756/57 um den Umbau, die v.a. im Ausland geführt wurde. Der frz. Kunstkritiker Pierre Jean Mariette forderte von P. eine Stellungnahme gegen die Modernisierung, doch P. reagierte nicht. Damit begann die Entfremdung zw. P. und Mariette, die zur großen Griech.-röm. Kontroverse führte, die sich kurz nach 1758 zw. den beiden entwickelte (Kantor-Kazovsky, 2006; Pasquali, 2008). P.s archit. Karriere begann erst 1758 mit der Wahl Clemens XIII. zum Papst. Von 1758-69 waren er und seine drei Neffen, denen er Zeichenunterricht gegeben hatte, die einzigen Förderer und Auftraggeber für P.s kurze, aber wirkungsvolle Architektenkarriere. 1761 wurde P. als Architekt Mitgl. der röm. Accad. di San Luca, deren Protektor Kardinal Carlo Rezzonico war, und hatte dort versch. Ämter inne (Salmon, 2016). Giovanni Battista Rezzonico, Großprior des Malteserordens, vermittelte 1763 P. den päpstlichen Auftrag für eine Neugestaltung des Chors von S.Giovanni in Laterano; diese größte archit. Planung P.s ist in einer Ser. von 26 großformatigen Zchngn erhalten geblieben (Avery Libr./Ermitage). 1764 übertrug er ihm die Durchführung der Neugestaltung der Malteserkirche S.Maria del Priorato auf dem Aventin. Für den Senator Abbondio Rezzonico gestaltete P. ab 1765 dessen Appartement im Senatoren-Pal. auf dem Kapitol (zerst.); Dok. belegen Entwürfe für Deckendekorationen, Kamine und ungewöhnliche Möbel; einige wurden 1769 in Stichen der Diverse maniere publ.; zwei Konsoltische sind erh. (Minneapolis, Inst. of Art/Amsterdam, Rijks-Mus.). Ein Raum war mit den Lateranentwürfen dekoriert, die P. 1767 G.B. Rezzonico geschenkt hatte (Contardi, 1998). P.s Raumausstattungen für Cardinal Carlo Rezzonico im Quirinals-Pal. (ein Kpst. in Diverse maniere) und in Castel Gandolfo sind verloren. 1765 dekorierte P. die Wände des Caffè degli Inglesi an der Piazza di Spagna mit großformatigen ägypt. Motiven (zerst.; Kpst.-Darst. in Diverse maniere). Um 1760 war er evtl. mit Carlo Marchionni an Portalentwürfen für die Villa Albani beteiligt. Ein von Körte P. zugeschr. Pal. in der Via dei Prefetti stammt von Giovanni Stern (1734). Mit dem Tod Clemens XIII. endete P.s Architektentätigkeit 1769. - Theorie: P.s Publ. der Magnificenza ed Archit. De' Romani (1761), des Parere sull'Archit. (1765) und der Diverse maniere (1769) sind, wie die zeitgleichen Bauplanungen, nur vor dem Hintergrund der Griech.-röm. Kontroverse ca. 1761-69 zu verstehen. Ausgangspunkt dieses Streits war die 1758 von Mariette angeregte Publ. Les Ruines des plus beaux Monuments de la Grèce des frz. Architekten Julien-David Le Roy, in der zum ersten Mal vor Ort entstandene Aufnahmen der antiken Bauten Athens erschienen. Le Roy pries im Sinne Mariettes die griech. Archit. und ließ die röm. nur noch als in weiten Teilen dekadente Kopie gelten. P. stellte sich der Herausforderung einer europ. Griechenlandbegeisterung 1761, als er in seiner aufwendigen Publ. Della Magnificenza ed Archit. de'Romani die Vorbildlichkeit der röm. Archit. hervorhob, sie mit den großen techn. Leistungen begründete und vor allem die etruskische Kunst, auf der die röm. fuße, als älter, vollkommener und damit vorrangig gegenüber der griech. ausgab. 1764 antwortete Mariette darauf mit einem offenen Brief in der Gaz. Littéraire de l'Europe, in dem er P.s Position angriff und die Etrusker als griech. Kolonisten sah; alle röm. Kunst stamme daher aus Griechenland und sei mehrheitlich von griech. Sklaven ausgeführt worden. Die "belle et noble simplicité" der griech. Archit. sei durch den Hang der Römer zu Luxus und überflüssigen Ornamenten korrumpiert und barbarisch geworden. P.s Entwürfe für die Neugestaltung des Chors der Lateransbasilika wie für die Modernisierung der 1568 erbauten Kirche S.Maria del Priorato sind im Grunde archit. Gegenargumente, deren Planung parallel zu den Publ. verlief. Für den Chor der Lateransbasilika hatte der Papst zunächst eine Ausführung der noch erhaltenen Pläne Francesco Borrominis favorisiert, ließ sich aber im Sept. 1763 erste Pläne des "celebre notissimo Architetto, ed Incisore Sig. P." vorlegen. P. entwickelte bis 1764 (Einstellung des Projekts) in insgesamt drei Projektphasen mit fünf Varianten ausgehend von einer ersten Chorerweiterung durch die Einfügung eines Chorvorjochs über die Anfügung eines inneren Chorumgangs bis zum Bau einer Art Säulenhalle mit umlaufenden Ambulatorium den Chor zu einem mon., eigenständigen Bauteil gegenüber dem Langhaus (Fischer, 1969; Wilton Ely, 1988). Zugleich schuf er in seinem Entwurf ein Gesch.-Kompendium der röm. Archit. von "etruskischen" Säulen und der Verwendung der "italischen" kompositen Kolossalordnung mit Zitaten nach Donato Bramante und Giovanni Lorenzo Bernini bis hin zur Referenz an Borrominis Langhausgliederung, die allen Entwurfsvarianten zugrunde liegt, zog P. in seinen außergewöhnlichen Zchngn die Summe der Entwicklung der röm. Archit. durch die Jh. von der Antike bis in die Gegenwart als triumphales Bsp. der röm. Überlegenheit. Die dok. Bauarbeiten für S.Maria del Priorato auf dem Aventin, den einzigen realisierten Bau P.s, begannen E. 1764 und waren im Okt. 1766 abgeschlossen. P. widmete sich während der notwendigen Sanierung der Fundamente gründlich der archäol. Erkundung des Terrains. Dieses Interesse war nicht nur antiquarisch; P. ging es mit der Anlage des Vorplatzes und der Neugestaltung von Fassade und Innenraum der Kirche um ein Sichtbarmachen der langen Gesch. des Ortes und des Ordens, die er in einer kunstvollen Zitatenfolge miteinander verknüpfte. An der Stelle des antiken "Vicus Armilustri" gestaltete P. einen Vorplatz, dessen Mauer mit auf röm. Gabmonumenten basierenden "stelae" und Obelisken mit etruskischer Ikonogr. geschmückt wurde. Die Reliefs voller militärischer Symbole verweisen auf das "Armilustrum"; die einst auf dem Aventin durchgeführte Zeremonie der rituellen Waffenreinigung der antiken röm. Armee. Malteserkreuz und Halbmond spielen auf die heroischen Taten der Malteserritter im Mittelmeerraum an, heraldische Motive auf die Rezzonico, und verbinden sich mit Lyra und Syrinx, für P. etruskische Erfindungen, zu einer symbolischen wie dekorativen Einheit, ebenso wie die Fassadengliederung der Kirche. Die Ornamente verbinden Vergangenheit und Gegenwart. P. erweiterte den Innenraum mit Hilfe gezielter Lichtregie und reicher Stuckdekoration in der Nachfolge Borrominis. Der ungewöhnliche, frei stehende Hochaltar, eine hypertrophe Verschneidung von zwei übereinandergestellten Sarkophagen und der auf einer Kugel thronenden Figurengruppe des Hl. Basiläus von Kappadokien (von Tommaso Righi) setzt einen dramatischen szenografischen Akzent, in dem venez. Anregungen aufscheinen. Aus der Vielfalt fragmentierter Bruchstücke der Vergangenheit wird eine neue, übergeordnete kompositorische Einheit geschaffen, die das hist. Erbe als unveräußerlichen Besitz und Dok. der Größe der röm. Kunst propagiert. P. verfocht den Primat der röm. Kunst nicht nur in Bezug auf die Antike, sondern konstruierte eine kontinuierliche hist. Abfolge der röm. Kunst von der Antike bis in die Gegenwart. 1765 antwortete er Mariette mit dem Pamphlet Osservazioni di Gio.Battista P. sopra la Lettre de M.Mariette, in dem sein Parere erschien, ein fiktiver Dialog zw. dem Rigoristen Protopiro und P.s alter ego Didascalo. Kernpunkt seiner Argumentation ist die Bedeutung des Ornaments als nicht nur schmückendes, flächenauflösendes und lichtreflektierendes, sondern auch sinngebendes Element der Archit.-Entwürfe. Als größtes Qualitätsmerkmal wird die unerschöpfliche Erfindungskraft der antiken röm. Archit. im Ornament herausgehoben. Während die zeitgen. europ. Kunstszene das Ornament nur noch als Verunklärung der Form, als unsinnig und dekadent empfand, verkehrte P. die Argumentation in ihr Gegenteil. Protopiro klagt die "pazza libertà di lavorare a capriccio" an; Didascalo beklagt hingegen den Verlust der Kreativität, die sklavische Befolgung von Regeln führe zur Monotonie und ende bei "edifizi senza pareti, senza colonne, senza cornici, senza volta, senza tetti" - eine Anspielung auf Marc-Antoine Laugiers 1755 publ. Theorie der Urhütte. Nicht kopieren, sondern "imitare", schöpferisches Nachempfinden halte Kunst am Leben, Dekor sei essenziell und die Römer groß gewesen, weil sie erfindungsreich waren. In den begleitenden Tafeln der Parere bricht P. in furiosen Archit.-Capricci mit der gesamten Trad. des auf den Säulenordnungen beruhenden Regelwerks der Archit. und erfindet eine neue Archit. ohne Ordnung, die sich wie eine Collage aus ornamentalen Versatzteilen aufbaut, in der keine Zuordnung zu einer hist. Epoche mehr möglich ist, sondern sich ein proportioniertes freies Spiel von Assoziationen bis zum Exzess steigert. Milizia nahm den "verrückten" P. nicht in seine "Memorie" auf. P.s früher Kontakt zur frz. Akad. in Rom hatte, v.a. über die Vermittlung Jean-Louis Legeays, prägenden Einfluss auf die frz. Revolutions-Archit. und die Archit.-Zchng. P.s enge Kontakte zu Robert Adam und brit. Reisenden führten zur europaweiten Verbreitung des etruskischen Stils in der Innendekoration. - Wiss. und archäol. Werk: Die vier Bde der Antichità Romane, der röm. Altertümer, brachten P. für ihre wiss. Akribie in der gesamten damaligen Wiss.-Welt Anerkennung. Durch präzise Bauaufnahmen und Grabungen gelangt P. zu exakten Grundrissen, Schnitten und Aufrissen. Ebenso fließen seine Stud. der Inschr. der Steinreliefs und seine Überlegungen zur Konstruktionsweise in das Tafelwerk ein. P.s in jungen Jahren erworbenes techn. Wissen, die Auseinandersetzung mit Wasserbau, detaillierte Höhenmessungen und die Studien von Frontinus' Traktat "De aquaeductu urbis Romae" lassen erstaunliche, bis heute gültige Rekonstr. der röm. Wasserleitungen in den 1761 erschienenen Rovine del Castello dell'Acqua Giulia gelingen. Die Lapides Capitolini (1762), die alt-philologische Studie der Inschr.-Steine auf dem Kapitol, bei denen es sich um Abschriften antiker Verz. aller röm. Konsuln und ihrer Taten handelt, ergänzt durch das Verz. aller Konsuln, ist mit beträchtlicher Gelehrsamkeit auf Latein verfasst. Der Plan des röm. Marsfeldes, die Ichnographia Campi Martii Antiquae Urbis, legt ebenso Zeugnis von einer profunden, durch Grabungskampagnen und intensives Quellen-Stud. fundierten archäol. Kenntnis ab. Wesentliche Teile der abgebildeten archit. Strukturen beruhen auf Daten, die nach wiss. Kriterien erhoben sind, zwar nicht alle von P. selbst, jedoch unter seiner Anleitung; nach M.Baumgartner (2002) sei P. der Status als Wissenschaftler zurückzuerstatten. Versch. Namen werden bezüglich des Austauschs, der Red. und Übersetzung der Texte P.s benannt. Antonio Baldani und Contuccio Contucci sowie Orazio Orlandi und Abate Piermei, die bereits von den frühen Biografen genannt werden, unterstützten P.s Textproduktion bes. im philologischen Bereich (Bevilacqua, 2008, 56-67; Hyde Minor, 2015, 64). - Technik: P. maß seinen Kupferplatten den Wert von Originalen bei, da die flüchtige Gedankenskizze nur Notat des bereits fertigen Bildes im Kopf sei, um während des Radiervorgangs ausgearbeitet zu werden oder als vollst. neues Kunstwerk zu entstehen. Das schnelle Einritzen in den weichen Ätzgrund macht das Radieren dem Zeichnen ähnlich. Neben dem sehr sicheren und spontanen Zeichenduktus führte die außergewöhnliche Akribie in den zahlr. Ätzvorgängen zu einer unverwechselbaren Radiertechnik. Mit den Grotteschi, Erst-Ausg. 1747/49, angeregt durch Tiepolos Rad., setzt ein das Bl. freier überziehendes Liniengefüge ein und bereitet Ps. techn. Entwicklung vor (Nevola, 2009). Laut Legrand bedeckte P. zunächst die gesamte Platte mit überlegt angeordneten Linien, deren Stärke und Dichte entsprechend der beabsichtigten Tonwerten gestaltet hätte, ohne dabei die hellsten Lichter auszusparen, um dann die Lichter durch einen Pinsel mit Deckfirnis, so wie man eine Zchng mit Weiß höht (1978, 144). Malerische Effekte in den Rad. brachten in frühen Jahren der P.-Forsch. häufig den Vergleich zu den Gem. Rembrandts auf. Rosa, dessen Arbeiten P. in frühen Jahren in Neapel studierte und von dem er Gem. besaß, war ebenso wie der Maler Domenico Corvi eine Bezugsgröße für P. Sind die frühen Veduten von einem hellen gleichmäßigen Licht überzogen, lässt sich nach und nach eine Verdichtung und Verstärkung der Lichteffekte beobachten. An den während der gesamten Schaffenszeit entstandenen Veduten zeigt sich außerdem ein veränderter Umgang mit der Archit.: So rücken die vorgestellten Gebäude, in den frühen Jahren zunächst im Mittelgrund angesiedelt, nahe an den Vordergrund und sind häufig aus der Diagonale gesehen. Die Gebäude scheinen an Eigenleben zu gewinnen und die vermehrt eingesetzten wild gestikulierenden kleinen Figuren verstärken den Eindruck von Theatralität und Monumentalität der röm. Bauten. Bes. gut lässt sich der eklatante Wandel der Radiertechnik und Raumauffassung in den versch. Ausg. der Carceri von 1750 und der zweiten Ausg. von 1761 festmachen. In der Erst-Ausg. dominiert die Lust am Spiel mit den Räumen und die Hintergründe sind offen und hell durchleuchtet. In der zweiten Aufl. (Vergleich b. Höper, 2002, 61-76), verdunkelt P. das ganze Bl. mit zahlr. Linien und Strichgefügen, setzt starke Helldunkelkontraste und steigert den malerischen Effekt hin zu albtraumhaften Szenerien. Auch wenn die Carceri übermächtig in der P.-Rezeption sind, so war P. s erklärtes Lebensziel der Nachwelt die Werke der Antike in Bild und Wort zu überliefern und sie in seinen Bauten wiederzubeleben. Dabei schuf er mit geradezu wiss. und dok. Akribie bei gleichzeitiger Forderung der unbedingten Freiheit der Erfindung ein spannungsvolles, zuweilen auch widersprüchliches Formen-Rep. und Darst.-Weisen, die bis heute Literaten und Architekten beschäftigen.
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Solo exhibitions:
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Group exhibitions:
1993 Stuttgart, SG: Von Bernini bis P. Röm. Archit.-Zchngn des Barock (K, Lit.).
Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:
ThB27, 1933
Other encyclopedias:
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Piranesi, Giov. Batt., Kupferstecher, Radierer u. Architekt, *4. 10. 1720 wahrscheinlich in Mogliano bei Mestre (nach der Inschrift unter der Büste P.s im Konservato ren-Palast in Rom, die Canova 1810 im Pantheon hatte aufstellen lassen), get. B. 11. 1720 in S. Moisé in Venedig, als Sohn des Steinmetzen Angelo Piranesi u. der Laura Lucchesi, †9. 11. 1778 Rom, Vater des vor. Über den ersten beiden Jahrzehnten von P.s Leben liegt Dunkel. Die Nachricht, daß er das Entwerfen von Theaterprospekten bei Ferd. Galli Bibiena in Bologna gelernt habe, ist unglaubhaft; vielleicht liegt eine Verwechselung mit einem Sohne oder Neffen des zu jener Zeit greisen u. erblindeten Hauptes dieser Familie von Theaterarchitekten vor. Glaubhafter ist die Überlieferung, er habe in der Werkstatt der venez. Theatermaler Gebrüder Valeriani in Rom (oder Venedig?) gearbeitet. Erster Unterricht bei seinem Onkel; dem Architekten Matteo Lucchesi, mit dem sich aber der leicht reizbare u. von Natur heftige P. bald überwarf. Suchte dann seine Ausbildung bei dem Archit. Scalfurotto und erlernte die Perspektive bei dem Kupferstecher Carlo Zucchi. Ein Bruder, Mönch im Kartäuserkloster, scheint P. in die Lektüre der latein. Schriftsteller über röm. Geschichte eingeführt zu haben, die die stärkste Sehnsucht nach Rom in ihm erweckte. Als Zeichner der Gesandtschaft des Marco Foscarini an Papst Benedikt XIV. beigegeben, kam P. 1740 nach Rom, nahm Quartier im Pal. Venezia u. begann das Studium der röm. Baukunst, gefördert von Giov. Bottari u. d. Bauunternehmer Nicola Giobbe, dem er 1743 sein Erstlingswerk, die "Prima Parte di Architetture e Prospektive", widmete. Von Gius. Vasi, dem ersten Vedutenstecher Roms, in die Anfangsgründe der Stecherkunst eingeführt, aber bald aus dessen Werkstatt verwiesen (er soll ihn bedroht haben, weil der hitzige, mißtrauische junge P. meinte, der Lehrer habe dem Schüler seine Kenntnisse vorenthalten). Nachdem 1743 sein Stipendium abgelaufen war u. da der Vater ihm keine weiteren Unterstützungen gewähren konnte, P. überdies dauernde Beschäftigung in Rom nicht finden konnte, mußte er an Heimkehr denken. Nach einem Abstecher nach Neapel und einem Besuch der eben eröffneten Ausgrabungen von Herkulanum u. Pompeji, deren Leiter ihn auf die Darstellung der röm. Altertümer durch Kupferstich nachdrücklich hinwies, kehrte P. gegen Ende 1743 nach Venedig zurück, wo er in der Werkstatt Tiepolos tätig gewesen sein soll. Er wird aber vor allem seine Fertigkeit im Atzen u. in der Handhabung der Radiernadel ausgebildet haben. Wahrscheinlich ist schon damals die Folge der "Carceri", kühn hingeworfener, grotesker Einfälle, entstanden. Durch den deutschen Kupferstecher u. Verleger Joseph Wagner gelang P. 1745 die Rückkehr nach Rom, zunächst als Wagners Agent u. Verkäufer der von ihm verlegten Stiche. In Rom schlug er seine Werkstatt gegenüber der französ. Akademie am Corso auf und stach hier zunächst für den Verleger Fausto Amidei eine Folge kleiner, röm. Veduten (ca. 50 B11., die mit andern in verschiedenen Führern der Stadt Rom wiederholt veröffentlicht worden sind). Iu einer Folge von,,Archi Trionfali", die 1748 erschienen u. Bottari gewidmet sind und die auf Grund von Reisestudien in Pola, Verona, Rimini, Ancona, Spoleto i. J. 1745 entstanden waren, erweist P. sich als geübter Radierer. Seine "Careeri" und die ersten röm. Veduten u. and. Folgen erscheinen seit 1750 im Verlag von Jean Bouchard (seit 1756 im Verlag von Bouchard & Gravier). 1752 Heirat mit Angelica Pasquini; ihre Mitgift wurde in Kupfertafeln angelegt, und so konnte endlich der alte Plan durchgeführt werden, eine Folge von Darstellungen röm. Grabmäler, für die P. schon vor 1 Jahrzehnt Zeichnungen angefertigt hatte, unter dem Titel "Monumenta Sepulcralia Antiqua", zu bearbeiten. Papst Benedikt XIV. förderte das Unternehmen durch Stiftung beträchtlicher Papiermen8o Piranesi gen, und P. fand einen Gönner, dem er das Werk widmen konnte, in dem irischen Lord Charlemont. Das ursprünglich auf 2 starke Foliobände berechnete, während der Arbeit aber auf deren 4 angewachsene Werk konnte 1756 unter dem Titel "Antichità Romane" erscheinen, doch kam es wegen der Widmung dieser 2 Bände zu einem Streit zwischen P. u. dem Agenten des Lord. P., der sich in seiner Ehre gekränkt fühlte, weil er bei der Annahme derWidmung Schwierigkeiten fand, löschte die Widmung, die in die 4 Frontispize bereits eingestochen war, und wandte sich mit Rechtfertigungsbriefen an die Öffentlichkeit, doch mußte er einem Druck der päpstl. Regierung nachgeben. Seine großartige Sammlung erregte überall das größte Aufsehen; dafür durch die Mitgliedschaft der Londoner Soc. of Antiquaries geehrt. Unter dem neuen, 1758 gewählten Papst Clemens XIII., einem Venezianer, gelangte P. auf den Gipfel seines Ruhmes. Der Förderung dieses Gönners ist es wohl zuzuschreiben, daß P. von 1761 ab seine Werke im eigenen Verlage herausgeben und von seinen Stichen unter eigener Aufsicht, in' der geräumigen Wohnung des Pal. Tomati in der Via Sistina, Abdrucke vornehmen lassen konnte. Nun erhielt er auch Gelegenheit zur praktischen Betätigung als Architekt für den Papst selbst im papstl. Palast in Castel Gandolfo, wie für dessen-Nipoten. Erhalten ist freilich nur die Umgestaltung der Kirche S. Maria del Priorato auf dem Aventin, die P. im Auftrag des Kard. G. B. Rezzonico 1765 in dem ihm eigentümlichen Dekorationsstildurchführte(s.u.).Proben dieses seines neuen Stils veröffentlichte er 1769 in seinem Kamin-Werke, in dem er sich als begeisterter Verehrer der ägyptischen u. etruskischen Kunst zeigt. Inzwischen hatte er Gelegenheit gehabt, in Rom u. außerhalb Roms weitere Studien auf dem Gebiete der alten röm. Baukunst zu machen. Als deren Frucht erschienen Werke wie die "Magnificenza ed Architettura de' Romani" und der "Campus Martius" (1761/2), hauptsächl. auf Grund gemeinsamer Forschungen u. topograph. Untersuchungen mit G. B. Nolli u. dem schott. Archit. Robert Adam, ferner wurden die "Antichità d' Albano e di Castel Gandolfo" u. a. im Auftrage des Papstes unternommen. Neben dieser Tätigkeit ging eine solche als Sammler antiker Kleinkunst, als deren Frucht P. 1768 eine neue Folge größerer Stiche unter dem Titel "Vasi, Candelabri, Cippi, Sarcofagi, Tripodi etc." herauszugeben begann, die bei seinem Tode 110 Tafeln umfaßte. In ihr findet man auch Wiedergaben von Stükken aus P.s eigenem Besitz, der damals in seinem Hause eine Werkstatt zur Ergänzung solcher Antikenfunde eingerichtet hatte. Mehrere Reisen unterbrachen die Tätigkeit P.s in Rom. 1763 u. 1764 machte er Studien in etruskischen Grabkammern bei Chiusi u. Corneto, 1764 gab er einen Band über die Altertümer in Cori heraus, 1765 nahm er den Emissar des Fuciner Sees auf. Von 1761 ab war er häufig in Tivoli u. in der Villa Hadriana. Im Wetteifer mit Gavin Hamilton u. Thomas Jenkins ließ er hier nach Altertümern graben, zeichnete die Baureste u. stellte den Gesamtplan der Villa fest, der aber erst nach s. Tode veröffentlicht wurde. Mehrfach hat P. Reisen nach Herculanum u. Pompeji unternommen. Die erste muß spätestens 1770 erfolgt sein, weitere 1771, 177G, 1777 u. 1778. Eine Fülle von Zeichnungen nach den Funden in Pompeji hat er unveröffentlicht hinterlassen. Sein Sohn Francesco (s. d.) hat sie für seine"Antiquités de la Grande Grèce" (1804/07) benutzt. 1777 fertigte P. Zeichnungen von den dorischen Tempeln in Paestum und maßstäbliche Aufnahmen mit Hilfe des befreundeten Archit. Benedetto Mori. Die Folge von 20 Veduten nach diesen Tempeln in Paestum hinterließ er unvollendet; sein Sohn Francesco hat sie zu Ende gefuhrt, aber die maßstäblichen Aufnahmen der Tempel sind niemals veröffentlicht worden und offenbar mit vielen anderen Handschriften u. Zeichnungen verlorengegangen. In den letzten Jahren seines Lebens unternahm er mit Mori das umfangreiche Werk der Aufnahme der beiden Ehrensäulen für die Kaiser Trajan u. Antoninus in Rom, die er in seinem Verlage veröffentlichte. 30 Jahre hindurch - 1745 bis 1775 - arbeitete er an seinem großen Vedutenwerk, das Blatt für Blatt die fortschreitende Kunst der Darstellung und der sich immer kraftvoller steigernden Technik des Ätzens zeigt. P.s Lebensarbeit war, so vielseitig sie uns erscheinen mag, dennoch etwas durchaus Einheitliches. Sein Leitmotiv war die Verherrlichung der Größe röm. Baukunst, die Maßstab u. Richtschnur für sein eigenes Schaffen bildete. Daher ist denn auch sein Bemühen um die röm. Topographie nicht zu trennen von seiner Tätigkeit als Vedutenstecher u. Architekturforscher. Auf allen Gebieten seines Schaffens, als, Radierer und Schöpfer malerischer Veduten des alten und neuen Rom, als Erfinder und Gestalter wie Verbreiter architekton. u. dekorat. Werke, als Verfasser u. Verbreiter theoretischer, archäolog. u. histor. Schriften war seine Wirksamkeit wie für die Zeitgenossen so auch für die Nachwelt von Bedeutung. Der Typus seiner Vedute ist für sein Spezialfach, das Gebiet der Ruinenwelt, bis heute unübertroffen geblieben. Er bereitete - nicht nur in Italien - einen Stilwandel in Baukunst u. Kunstgewerbe vor. Ohne ihn ist der Style Empire nicht zu denken. Durch seine Hinweise auf manche antike Kunstformen der Römer, Etrusker u. Ägypter und auf die technischen Leistungen der Römer hat P. für manche archäolog. Forschungen erst den Grund gelegt. Freilich hat ihn seine Phantasie, seine übersteigerte Vorstellung von der Großartigkeit des röm. Lebens, zu allerlei Übertreibungen verleitet, und wenn ihn auch nationale Vorurteile davon abgehalten haben, das wahre Verhältnis der etruskischen zur griech. Kunst zu erkennen, so hat er doch nicht wenig zur Erweiterung der Kenntnis italischer Baukunst u. Dekoration beigetragen. Der Malerradierer. Der Typus der Vedute P.s ist nicht in Rom entstanden. In vielen Punkten berührt P. in seinen Anfängen den Stil der venezian. Künstler seiner Zeit und der Zeit vor ihm wie Marco Ricci, Ant. Visentini, Ant. Canal, Jacopo u. Michele Marieschi, Gaspare Diziani u. and. Aus seinen Federzeichnungen läßt sich erkennen, wie stark seine Art zu sehen von der venezian. Maler wie etwa der des Franc. Guardi bestimmt ist. In ihrer geistreichen Skizzierung sind sie tiepolesk, nur die Hinneigung zu starken Schatten, wie sie in den seit 1750 entstandenen sichtbar ist, möchte römisch heißen, und hierin ist P. ein Fortsetzer des Landschaftsstiles des Salv. Rosa. Eine ähnliche Art von Ruinenmalerei mit Verwendung dunkler Schatten war schon vor P. von Viviano Codagora gepflegt worden. P. nun steigerte alle malerischen Effekte, vor allem die perspektivischen Künste: Vorliebe für Diagonalstellungen von Säulen oder Arkaturen, Verlegung des Fluchtpunktes bis an die Außenkante der Bildfläche. Im Zusammenhang damit Bestreben, den Verfallszustand antiker Bauten festzuhalten und durch Einfügung grotesker Tier-, Menschen- u. Pflanzenfiguren, durch reich ausgestattete Himmel u. Wolken, durch bewegte Gestaltung des Bodens, durch scharfe Gegeneinanderstellung beleuchteter u. beschatteter Bildpartien die malerischen Reize aufs höchste zu steigern. Schon sein erster Biograph, Bianconi, hatte P. den "Reinbrandt der antiken Ruinen" genannt. A. M. Hind meint, P. verdiene mit Recht den Namen eines"Rembrandt der Architektur". So nahe solche Vergleiche liegen, so hinken sie doch. Die Fuhrung von Licht u. Schatten ist bei beiden Künstlern eine durchaus verschiedene. Bei Rembrandt treten die Figuren fast immer hell aus dein Dunkel hervor, während sie bei P. dunkel vor hellem Grunde stehen. Und das, was P. Künstlerlexikon. Bd. XXVII. 81 6 Piranesi durch Schatteneffekte erzielt, wird bei Rembrandt durch Lichteffekte erreicht. Andererseits aber wird man verwandte Züge in der Landschaftsauffassung der Niederländer des 17. Jahrh. und vor allem der des Claude Gellée feststellen, dem sich P. in seinen späten u. reifsten Werken in der Weiträumigkeit seiner Komposition u. im Reichtum seiner graph. Palette nähert, ohne daß der von der ernsten Größe der röm. Ruinenlandschaft erfüllte Venezianer von der stillen Heiterkeit der Landschaften des Lothringers sich hätte beeinflussen lassen. Die Linearperspektive behandelt er sehr kühn, ja er leugnet mitunter ihre Gesetze, wenn er z. B. in einer Ansicht des Kolosseums die Krümmung der Wandfläche verzerrt, doch setzt er alle Gebäude klar und fest, die Ruinen mit düsterer Großartigkeit, in den Bildraum; hierin sind bes. die Veduten der Jahre 1760/78 unübertrefflich, während die Stadtansichten mit Kirchen u. Platzen aus den Jahren 1748/60 mehr in der Art der hellen, heiteren, sachlichen Auffassung der Ant.da Canal u. G. P. Pannini gehalten sind. Bei Ausführung seiner Veduten kamen ihm sein ausgezeichnetes Gedächtnis u. seine architekton. Kenntnisse zunutze. Nach den erhaltenen Entwürfen zu urteilen, pflegte er seine Eindrücke vor der Natur nur in wenigen Feder- u. Rötelstrichen festzuhalten, bei Ausführung der Platte alles Weitere aus dem Gedächtnis zu ergänzen. Der Graphiker. Die ersten, im Sommer 1743 erschienenen Ätzungen lassen - wenigstens wenn man den Urzustand der später reichlich überarbeiteten Platten der Beurteilung zugrunde legt - deutlich den Anfänger erkennen, der noch keine Erfahrungen in der Verwendung des Ätzwassers hat und noch nicht die Möglichkeit kennt, durch wiederholtes Abdecken eine reiche Tonskala zu schaffen, auch die Nadel noch unsicher führt. Aber schon in der Darstellung des Tempio di Vesta, ebenfalls 1743 ersch., zeigt er starke Fortschritte; offenbar hat ihn ein Landsmann, der seit 1742 in Rom ansässige Stecher Felice Polanzani, darin unterwiesen, wie durch gleichmäßig beschwingte Lage von Strichen im offenen Kontur Flächen zu beleben und Formen zu runden sind - Hinweise, die für seine Architekturvedute von großer Bedeutung werden sollten. Die Fühlungnahme mit den Radierern in Venedig 1744/45 scheint ihn von aller Ängstlichkeit befreit zu haben, wie einige Capricci in der Art Tiepolos u. des Genuesen Castiglione und die Carceri der 1. Fassung (aber auch noch den unerfahrenen Ätzer!) offenbaren. Nun entwickelt er seine Ätztechnik in Richtung auf einen stetig zunehmenden Reichtum an Tönen, indem er die Platten bis zu 10 und 12 Malen ins Ätzbad bringt und bei jedem Male andere Partien mit Lack abdeckt; dazu verwendet er noch für die einzelnen Gründe Nadeln mit verschieden breiten Spitzen. P. verstand es vor allem ausgezeichnet, abgenutzte Platten durch Nacharbeiten unmerklich wieder aufzufrischen, zu ergänzen u. zu bereichern. Ein Meisterwerk dieser umgestaltenden Überarbeitung ist die 2. Fassung der Carceri von 1761: die ziemlich flach gehaltenen, flott skizzierten Blätter der 1. Fassung von 1745 sind nun zu reichen, tiefräumigen, starkfarbigen Gebilden umgeformt worden. Nur seine sehr rasche Arbeitsweise u. eine leidenschaftlich-rastlose Tätigkeit erklären das umfangreiche Werk von annähernd 1000 Platten, das er nach 35jähriger Arbeit hinterließ. Wenig davon dürfte von Gehilfen ausgeführt sein. Besondere Sorgfalt legte er auf die Güte des Papiers u. des Druckes, so daß alle unter seiner Aufsicht hergestellten Abzüge die vor 1760 u. nach 1778 hergestellten Abzüge an Qualität übertreffen. Der Baukünstler. In seinem schon erwähnten Erstlingswerke stellt sich P. 1743 bereits als Klassizist palladianischer Richtung vor, aber nicht als Klassizist von der frostigen Art, wie sie im 18. Jahrh. aufkam; seine Entwürfe atmen mehr die Theaterluft der Zeit, als die kühle Atmosphäre des Palast- u. Kirchenbaus; einige davon sind wohl ohne engere Fühlung mit den Bühnenarchitekturen der Zeit nicht voll zu würdigen. Eben aber durch ihre Hinneigung zu einer strengeren, antik gerichteten Kunst, erscheinen sie dem Stil der datnal. Theaterarchitekten, etwa dem des fuhrenden Gius. Bibiena, dessen Entwürfe 1740 in Augsburg bei Pfeffel erschienen waren, und der noch ganz im ital. Barock schwelgt, durchaus entgegengesetzt. Nur durch die Ungunst der Zeiten ist es zu erklären, daß P.s Architektenbegabung nicht zur Entfaltung gelangen konnte, und nur durch das Übermaß der Teilnahme an der die † ührenden Geister der Zeit erfullenden Beschäftigung mit der Kunst der Römer, die auch P. ergriffen hatte, ist es zu verstehen, wenn der schöpferische Architekt in ihm mehr und mehr von der hohen auf die niedere, die schmukkende Baukunst, abgedrängt wurde, wo sich nun sein großer Schatz an Wissen oft nachteilig bemerkbar macht und vielfach zu Überladungen in seinen Entwürfen führt. Ausdrücklich bekämpft er die Armut u. Monotonie; wie in. seinen baukünstlerischen Plänen das Kolossale, ja das Unendliche vorherrscht, so in seinen Schmuckentwürfen das Reiche; er fordert es, aber es musse mit Geschmack vorgebracht werden. In seinen im ägyptischen Stil gehaltenen Entwürfen, mit Ausnahme vielleicht derjenigen zur Ausschmückung des Caffe Inglese (Greco) in der Via Condotti in Rom, vermißt man nun diesen, die hier verwandten Motive sind unbiegsam u. spröde und wirken leicht plump. Höchst gefällig, lebendig u. zierlich sind dagegen seine Vorschläge zu Kaminschmuck im pompejan. Stil. Schon 1753 hatte er mit seinen "Trofei di Ottaviano Augusto" - dem gleichen Zweck sollten die Vasi, Candelabri dienen - Vorbilder zur Schaffung eines neurömischen Kunststils geben wollen. Diesen ins Leben zu rufen, sah er als seine höchste Aufgabe an. Das einzige einheitlich von P. gestaltete Bauwerk ist, wie gesagt, der Umbau der Prioratskirche auf dem Aventin, bei dem freilich der vorhandene Bau benutzt werden mußte. Vorplatz, Schauseite und Inneres zeigen, bis auf den bizarren Altar in Stuck, eine gemäßigte u. geschmackvolle Verwirklichung seiner künstler. Grundsätze, die gleichwohl heftiger Kritik seitens der Zeitgenossen nicht entging. Als Denkmal des Übergangs vom Barock zum Klassizismus ist dieses Werk immerhin beachtenswert. - Körte (s. Lit.) schreibt P. noch ein Haus in der Via de' Prefetti in Rom (Nr 6/9) zu, das bisher als Werk Palladios galt. Der Schriftsteller. Unmittelbar nach seinem Tode hatte P.s erster Biograph, Bianconi, behauptet, P. habe die von Freunden zu seinen Tafeln beigesteuerten Texte als die seinen herausgegeben, er habe gar nicht die Bildung besessen, solche selbst zu verfassen. Auf solche Beschuldigungen erfolgte zwar kein Protest, aber der Sohn Francesco beabsichtigte, 1799 im Vorwort einer geplanten Neuausgabe der gesammelten Werke P.s dieser Behauptung entgegenzutreten, wie aus einem Entwurf dazu hervorgeht. Bianconis Vorwurf ist insofern ungerecht, als nur einige Werke P.s, die "Antichità Romane" und die "Fasti Consulares", von dem Jesuitenpater Contuccio Contucci, von Orlandi u. Bottari mit Texten versehen wurden. Dagegen sind seine theoretischen u. polemischen Schriften und auch die Berichte zu den "Antichità d'Albano etc.", den "Antichità di Cora", zum "Castello dell' Acqua Giulia" und zum Kamin-Werk von ihm selbst verfaßt worden. Er pflegte sie einem Abt Pirmei, den auch. Winckelmann als Gehilfen in Anspruch nahm, zu diktieren, und dieser überarbeitete sie stilistisch. Wie weit im einzelnen seine archäologischen Verdienste reichen, wird sich eben wegen der Mitarbeit so zahlreicher Gelehrter und des regen Gedankenaustausches mit Kennern nie feststellen lassen. P.s Bildnisse, unter denen das von seinem Freund Fel. Polanzani gestochene wohl das beste ist, zeigen ihn als einen Mann von herkulischer Statur mit kräftigem, quadratischem Schädel, lebhaften dunklen Augen u. energischem Mund u. Kinn. Marmorstandbild P.s von Gius. Angelini in S. Maria del Priorato, Rom (1786). Das chalkograph. Werk P.s ist (bis auf eine Folge von 50 kleinen, für Amidei gefertigten Veduten) in der R. Calcografia in Rom gut erhalten. Seit 1778 sind mehrfach Neudrucke in Gesamtauflagen veranstaltet worden. Von den Zeichnungen P.s, die erst die rechte Vorstellung von seiner Künstlerschaft geben, sind verhältnismäßig nur wenige auf uns gekommen; eine größere Anzahl bewahrt das Brit. Mus. in London u. das Kab. der Zeichn. u. Drucke der Uff iz.in Florenz, einige wenige das Louvre, einige französ. Provinzmuseen, das Kupferst.-Kab. u. die Staatl. Kunstbibliothek in Berlin, die Hamburger Kunsthalle, das Städel in Frankfurt u. das Mus. in Leipzig. Die Echtheit der Zeichnungen zu den Veduten von Paestum im Soane-Mus. in London ist zweifelhaft. Briefe u. sonstige Handschriften P.s sind bisher nur wenige veröffentlicht worden (von Morazzoni) und auch wohl nur spärlich erhalten. Eine Aufstellung des Gesamtwerkes hat H. FocilIon (s. Lit.) gegeben, Ergänzungen dazu, vor allem Beschreibungen der Plattenzustände der Vedute di Roma, A. M. Hind (s. Lit.), freilich nicht fehlerfrei. Zusammenstellung in chronolog. Ubersicht auch bei Giesecke (s. Lit.). Lit.: Gio. Lod. Bianconi, Elogio stor. d. Cav. Giambatt. P. etc., in Antologia Romana, 6 (1779) 265ff.; wieder abgedruckt in B.s Opere varie, Mail. 1802, II 125/40, u. im Album di Roma, 1840. - Pietro Biagi, Sull' incisione e sui P., Discorso etc., Ven. 1820. - J. G. Legrand, Notice hist. etc., Paris, Bibl. nat. Ms. Fr. Nouv. Acq. 9568 fol. 129/151; abgedruckt mit Hunderten von Lesefehlern in Morazzoni (s. u.), p. 47/73. - Arthur Samuel, P., Lo. 1910. - Alb. Giesecke, G. B. P. (Meister der Graphik VI. Bd.), Lpzg o. J. [1911]; Besprecb. v. A[rpad] W[eixlgärtner] in Mitt. d. Ges. f. vervielf. Kste, Beil. d. "Graph. Kste", 1913 p. 22f., u. v. A. Grisebach in Monatsh. f. Kstwiss., 5 (1912) 436f. - Fed. Hermanin, G. B. 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