Publicly available

Mies van der Rohe, Ludwig

Born
Aachen, 27 March 1886
Died
Chicago (Illinois), 17 August 1969
Country
Germany, United States of America, Czech Republic
Gender
male
GND-ID
Name Variations
Mies van der Rohe, Ludwig; Mies, Maria Ludwig Michael (Real name)
Occupations
Architect; Furniture Designer
Places of Activity
Tschechoslowakei, Berlin, Dessau, Stuttgart, Brno, Chicago (Illinois)
View Map
By
Last edited
29.02.2024
Published in
AKL LXXXIX, 2016, 394; ThB XXIV, 1930, 542

VITA

Mies van der Rohe (Mies), Ludwig (Maria Ludwig Michael), dt.-US-amer. Architekt, *27.3.1886 Aachen, †17.8.1969 Chicago/Ill.

LIFE AND WORK

1896-1901 Domschule und Gewerbeschule in Aachen, Prägung durch die karolingische und ma. Archit. der ehem. Kaiserstadt. Maurerlehre, fallweise Mitarb. im väterlichen Steinmetzbetrieb von Michael M.; Anstellung bei lokalen Architekten und beim Stuckateur Max Fischer. Bezug zur Handwerkstradition und zu hist. Stilen, Entwicklung des zeichnerischen Talents. 1905 Umzug nach Berlin; Ass. am Bauamt Rixdorf und Wehrdienst. Mitarb. und Unterricht beim Reformarchitekten, Möbelbauer und Hochschullehrer Bruno Paul. 1906 Auftrag für das Haus von Alois Riehl und seiner Frau Sofie in Potsdam-Neubabelsberg. Einf. in die Berliner Gesellschaft; Ermöglichung einer mehrwöchigen Studienreise nach Italien; auf Anregung des Neukantianers Riehl beginnendes Interesse für Philosophie. 1908 Wechsel in das Architekturbüro von Peter Behrens, wo auch Walter Gropius und kurzzeitig Le Corbusier tätig sind. Bei Behrens, wie Paul Mitbegr. des Dt. Werkbundes, wird M. mit Industriebau und dem Corporate Design für die Allg. Elektrizitätswerke/AEG konfrontiert. Kontakt mit dem Werk Karl Friedrich Schinkels wie auch Frank Lloyd Wrights in der Berliner Ausst. von 1910. M. arbeitet im Büro in leitender Position am Projekt für ein Wohnhaus des Sammlerehepaares Kröller-Müller; Zerwürfnis mit Behrens; 1912 eigener Hausentwurf und mehrmonatiger Aufenthalt in Wassenaar-Den Haag. Interesse an den Bauten und Schriften Hendrik Petrus Berlages. 1913 Heirat mit der Fabrikantentochter und Tänzerin Adele (Ada) Bruhn; drei Töchter, darunter Georgia van der Rohe; Kontakt zur Lebensreformbewegung. Freundschaft mit dem Bildhauer Wilhelm Lehmbruck. 1915-18 Kriegsdienst als Pionier in Deutschland und Rumänien. 1919 Bewerbung bei der Ausst. für Unbekannte Architekten mit dem Projekt Kröller-Müller; Ablehnung durch die Kuratoren Adolf Behne und Gropius; Neuorientierung. 1921 Trennung von Frau und Kindern. M. teilt ein Architekturbüro mit Hugo Häring, erweitert seinen Nachnamen um den Mädchennamen der Mutter Amalie Rohe zu M. van der Rohe. Kontakt zu den Kreisen der Berliner Avantgarde, v.a. Theo van Doesburg und den Künstlern der De Stijl-Gruppe, zu den Dadaisten durch Hans Richter und zu den Russ. Konstruktivisten durch El Lissitzky. M. wird vertraut mit der Repräsentation von künstlerischen Ideen in Ausst. und Publ.; erste Ankäufe von Kunstwerken (Kandinsky, Klee). In den Jahren 1921-24 stellt er fünf progressive Projekte in Berlin, Weimar und Paris aus; Beitr. in den Zss. Frühlicht (Hrsg. Bruno Taut) und G - Material für elementare Gestaltung (Hrsg. Hans Richter), Finanzierung des dritten Heftes. M. setzt zeitgleich den Bau trad. Villen fort; Zusammenarbeit mit dem Staudengärtner Karl Foerster. 1922 Beitritt zur Künstler-Vrg Novembergruppe. 1923 Beitritt zum Bund Dt. Architekten, Mitbegr. des Ring, 1926 Austritt nach internen Auseinandersetzungen. 1924 Beitritt zum Dt. Werkbund, 1926 dessen Vizepräsident. Berufliche und priv. Partnerschaft mit der Innenarchitektin Lilly Reich. Denkmal für die ermordeten Kommunisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht am Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde (1933 zerst. durch die Nationalsozialisten). Förderung durch den Industriellen und Kunstsammler Hermann Lange. 1927 Ltg der Werkbund-Ausst. "Die Wohnung" in Stuttgart; von der konservativen Stuttgarter Schule kritisiertes, städtebauliches Gesamtkonzept und Wohnbau für die internat. Mustersiedlung Am Weißenhof, Ausstellungsraum für die Glasindustrie. Teiln. am sozialen Wohnungsbau der Weimarer Republik mit den Mietshäusern Afrikanische Straße, Berlin-Wedding. Kritische Beitr. in der Werkbund-Zs. Die Form, einem wichtigen Organ zur Vermittlung des Neuen Bauens; Präzisierung der archit. Haltung; Einfluss des Religionsphilosophen Romano Guardini, der in M.s Texten um 1928 deutlich wird. Auftrag für die dt. Beitr. zur WA in Barcelona. Neben dem Barcelona Pavillon entsteht mit dem Haus Tugendhat in Brünn das zweite europ. Hauptwerk. Auf Anregung Le Corbusiers wird M. Mitgl. der Congrès Internationaux d'Archit. Mod./CIAM. 1930 Berufung als dritter Dir. ans Bauhaus Dessau nach Entlassung des Marxisten Hannes Meyer durch zunehmenden politischen Druck. Bekanntschaft mit Philip C. Johnson, Auftrag für dessen Wohnung in New York. 1931 Ltg der Abt. Die Wohnung unserer Zeit auf der Dt. Bau-Ausst. in Berlin; Serienproduktion der Möbelentwürfe. Mitgl. der Preußischen Akad. der Künste. 1932 Teiln. an Johnsons und Henry-Russell Hitchcocks Ausst. Mod. Archit. - Internat. Exhib. am MoMA, New York; M. wird auch in den USA als ein Protagonist der Moderne bekannt. Auflösung des Bauhauses als staatliche Institution; Weiterführung durch M. als Privatschule in Berlin; 1933 Machtübernahme der Nationalsozialisten und endgültige Schließung. Einladung zum Wettb. für die Reichsbank in Berlin; Beitritt zur Reichskulturkammer; 1934 Unterzeichnung des Aufrufs der Kulturschaffenden zur Unterstützung Adolf Hitlers; Beitr. zur Berliner Ausst. Dt. Volk - Dt. Arbeit; Wettb. für den Dt. Pavillon der WA in Brüssel; 1936 folgenloser Entwurf für die Textil-Ausst. in Berlin. Berufliche Angebote des Armour Inst. of Technology/AIT, Chicago, und der Harvard Univ., Boston. 1937 erzwungener Austritt aus der AK. Mehrmonatige Reise in die USA; Sommerhausprojekt der Familie Resor in Jackson Hole-Wyoming; Verhandlungen am AIT und Begegnung mit Frank Lloyd Wright, Aufenthalt in Taliesin. Aug. 1938 Emigration in die USA. Ltg der Architekturabteilung des AIT, ab 1940 Illinois Inst. of Technology/IIT. 1939 Bürogründung; Arbeit am Masterplan des IIT-Campus. 1940 Begegnung mit der späteren Lebensgefährtin Lora Marx. 1944 amer. Staatsbürgerschaft. 1946 Kontakt mit Herbert Greenwald, wichtigster Auftraggeber und Projektentwickler von Apartmenthäusern; Hochhäuser u.a. in Chicago, New York, Detroit, Montreal und Toronto. 1947 Einzelausstellung am MoMA, kuratiert von Johnson. 1953 erste Deutschlandreise; Ehrenmitglied der Düsseldorfer Akad. der Künste. 1954 Bekanntschaft mit Phyllis Lambert durch Vermittlung von Johnson. M. wird Chefarchitekt des Seagram Building, New York. 1957 Mitgl. der AK Berlin-West; Verleihung des Ordens Pour le Mérite. 1958 Niederlegung der Professur am IIT; M.s Büro zählt rund 30 Mitarb. (u. a. Joseph Fujikawa, Myron Goldsmith, Gene Summers, Peter Carter). Zusammenarbeit mit dem Stadtplaner Ludwig Hilberseimer und dem Landschaftsarchitekten Alfred Caldwell, u.a. beim Lafayette Park Detroit. 1959 Reise nach Deutschland und Griechenland; Besichtigung antiker Tempelanlagen; Goldmedaille des R. Inst. of British Architects/RIBA und Aufnahme in die Pariser Acad. d'Architecture. 1963 Verleihung der Presidental Medal of Freedom. 1966 Erkrankung an Speiseröhrenkrebs, Aufenthalt in der Schweiz. 1968 Reisen zur Grundsteinlegung und Dachgleiche der Neuen NG Berlin, seinem letzten zu Lebzeiten ausgeführten Bauwerk. Vorlass von Zchngn und Dokumenten an das MoMA. 1969 stirbt M. an Lungenentzündung, Beisetzung auf dem Graceland Memorial Cemetery in Chicago. Weiterführung des Büros durch den Enkel Dirk Lohan bis 1975. - Aus dem mittelständischen Handwerk stammend, ohne akad. Ausb., erlebt M. in Berlin eine Zeit politischer und ges. Umbrüche. In der Archit. orientiert man sich nach Jugendstil und Expressionismus zunächst an einem reduzierten Klassizismus. Einfluss der reformatorischen Ideen von Hermann Muthesius und Gründung des Werkbundes. Mithilfe neuer Techniken und Mat. sucht man nach archit. Lösungen für das Bauen im Industriezeitalter. M. selbst steht bei seinen Berliner Aufträgen ab 1907 noch in der Trad. des bürgerlichen Villentypus, der von formalen Gartenanlagen umgeben wird. 1910 ermöglicht der symbolisch stark aufgeladene Wettb. für das Denkmal Otto von Bismarcks bei Bingen/Rhein sein erstes freies Projekt, das er mit dem älteren Bruder Ewald entwirft; Einfluss von Schinkels Klassizität und Behrens' Monumentalform, klare Konstruktion und reduzierte Materialität. Großformatige Kohle-Zchngn/Collagen beeindrucken die Jury und verweisen auf spätere Entwürfe. 1912 thematisiert M. beim klassizistischen Hausprojekt Kröller-Müller erstmals die Verschmelzung von Wohnräumen mit Räumen für Kunst, ein Generalthema späterer Entwürfe. Als Attrappe im Maßstab 1:1 errichtet, unterliegt es dem Konkurrenzprojekt Berlages und findet 1914 beim eig. Wohnhausprojekt in Werder eine prononciertere Weiterführung. Parallel zur fortgesetzten Realisierung von Villenbauten, die ihn gesellschaftlich und finanziell verankern, erhält M. wichtige Impulse aus der internat. Kunst-Avantgarde und wird durch seine sog. Fünf Projekte schlagartig zu einem Schrittmacher der Moderne: 1921 beteiligt er sich beim prestigeträchtigen Wettb. für ein Hochhaus an der Friedrichstraße mit einer visionären Studie; mit sensorischer Kraft entwickelt er eine spiegelnde "Haut- und Knochenarchitektur", die technisch noch nicht realisierbar ist und die M. erst in seinen amer. Hochhäusern der 1940er Jahre umsetzt. Zunächst weniger geschätzt, zählen die Fotomontagen des Projekts zu den herausragenden Archit.-Darst. des 20. Jahrhunderts. 1922 folgt eine weitere Variante, die M. auf dem Titelblatt der Zs. G platziert. 1923 äußert er darin zum Entwurf für das Bürohaus in Eisenbeton programmatisch: "Baukunst ist raumgefasster Zeitwille. Lebendig. Wechselnd. Neu." Es folgen überdimensionale Darst. für das Landhaus in Eisenbeton und das Landhaus in Backstein. Bei beispielhafter Verwendung der Grundmaterialien Backstein, Beton, Glas forciert er die Klarheit der Konstruktion auf der Suche nach einer neuen Ausdrucksweise. Wenn beim Landhaus in Backstein der kompositorische Einfluss von De Stijl bemerkt wird und von einem fließenden Raumkontinuum gesprochen wird, zeigt M. bereits hier seine vom Funktionalismus und der später als Internat. Style kodifizierten Sprache abweichende Haltung, die auch nicht die gängige Maschinenästhetik des Ingenieurbaus kopiert. Erkenntnisse aus diesen Studien und aus seinen trad. Villen überführt er in der Folge in versch. Einfamilienhausentwürfe: einerseits entstehen1923 mit dem Entwurf für das Haus Lessing in Berlin-Babelsberg und 1925 mit dem Haus Wolf in Guben oder den Krefelder Villen Lange und Esters von 1927 moderne Backsteinbauten; andererseits liefert M. 1923 mit dem Haus Ryder in Wiesbaden einen Beitr. zur Weissen Moderne. 1927 drückt sich zudem seine zentrale Stellung innerhalb der europäischen Archit.-Avantgarde durch die Beauftragung zur Koordination der Werkbund-Ausst. aus, bei der er zus. mit Peter Behrens, Le Corbusier, Gropius oder Mart Stam baut. M. setzt beim eigenen Wohnblock erstmals in seinem Werk ein Stahlskeletttragwerk und flexible Wohnungsgrundrisse ein; mit Reich entstehen nun Innenraumkonzepte und Möbelentwürfe als Instrumentarium für das zeitgemäße Wohnen, darunter Stahlrohrmöbel, die bis heute produziert werden. Die Lektüre phil. Schriften und Bekanntschaft mit Guardini unterstützen die Ausformulierung einer eigenständigen Position; M. erweitert vorherrschende Debatten über Typisierung und Rationalisierung, wenn er 1928 schreibt: "Baukunst ist immer der räumliche Ausdruck geistiger Entscheidung." Im Barcelona Pavillon und im Haus Tugendhat findet M.s Denken baulichen Ausdruck in zwei Inkunabeln der Architekturgeschichte: Die Sonderaufgabe des Repräsentationspavillons für die WA ermöglicht eine Demonstration seiner Raumideen durch die Dualität der Dynamik eines Durchgangsraums und der Stasis eines Hofhauses. M. trennt Raum bildende Scheiben und tragende Stützen, kombiniert hist. und zeitgen. Materialien (Travertin, Marmor, Onyx versus Chrom und großformatige Glastafeln unterschiedlicher Farbe und Transparenz) und positioniert den Stahlskelettbau auf einem steinernen Sockel. Gezielt lenkt er die Publikumswahrnehmung durch eine Auswahl von S/W-Fotogr. auf das ikonogr. Abbild. Der 1930 abgebrochene und 1986 durch Ignasi de Solà-Morales rekonstr. Pavillon wird so zum deutungsoffenen Manifest, das die ursprüngliche Bauaufgabe überstrahlt. Beim Wohnhaus für die junge Industriellenfamilie Grete und Fritz Tugendhat in Brünn verwendet M. die konstruktiven und gestalterischen Prinzipien für eine Neuinterpretation des Villentypus weiter. Im Kern des zweigeschossigen Stahlbaus mit avancierter Gebäudetechnik liegt ein offener, zentraler Raum, wie schon in früheren Bauten angelegt; seinen Kanon entwerferischer Elemente erweitert er durch eine gebogene Wandscheibe aus Edelholz. Die öff. geführte Diskussion, ob man in diesem Haus wohnen könne, wird von den Bauherren bejaht, M.s Stellung bestätigt. Das auf dem Titelblatt Der Form publizierte Musterhaus der Dt. Bau-Ausst. von 1931 vereint diese Entwicklungsschritte. Zur Zeit des aufkeimenden Nationalsozialismus setzt er sich in Studien, in der Lehre am Bauhaus und in nicht ausgef. Projekten mit dem Typus Hofhaus auseinander; dazu zählen u.a. das Haus Gericke, Berlin-Wannsee, 1932, und das Haus Hubbe, Magdeburg, 1934. Den Zentralraumgedanken führt M. in seinem ersten amer. Projekt für die Fam. Resor 1937 fort. Als Dir. der Architekturabteilung des AIT formuliert M. eine explizite Baulehre: Die Ausb. beginnt mit der grundlegenden Kenntnis archit. Mittel (Holz, Stein, Ziegel, Stahl, Beton), geht über zur Vermittlung von Gebäudetypologien, um, begleitet vom Unterricht in Theorie, Zeichen- und Darstellungstechnik, zum Entwurf fortzuschreiten. Neben der beginnenden Lehrtätigkeit an der HS entwickelt er den Masterplan für den AIT-Campus im Süden Chicagos; ab 1941 folgen erste Realisierungen von Pavillons für das nunmehrige IIT. Der locker gefüllte, durchgrünte städtebauliche Raster basiert auf einem dreidimensional-modularen System, dessen kleinste Raumeinheit das Klassenzimmer ist. M. etabliert unterschiedlich dimensionierte Stahl-Gliederbauten mit Ziegel- und Glasausfachung. Ein herausragendes Leitdetail stellt die aus Stahlträgern zusammengesetzte und zurückgefaltete Ecke dar, die so visuell entlastet wird. Am konstruktiven Element Stütze lässt sich M.s evoltives Entwurfsprinzip nachvollziehen. Schon in den späten 1920er Jahren löst er die Massivität der Stützen in die Kreuzform ihres Querschnitts auf. Nun wandern sie bei kontinuierlicher Weiterentwicklung des tektonischen Gefüges in die Fassadenebene, schließlich vor den Baukörper. Die Crown-Hall der Architekturfakultät soll M. in ihrer "edlen Einfachheit" als sein wichtigstes Bauwerk geschätzt haben. Mit seinen amer. Mitarb. realisiert er 1956 erstmals einen stützenfreien, multifunktionalen Einraum, dessen Umhüllung auf ein mit Glastafeln ausgefachtes Stahlskelett reduziert ist. Beim Projekt für eine Convention Hall für 50 000 Personen von 1953/54 konzipiert er den größten seiner Einräume mit einer freien Spannweite von ca. 220 Metern. M.s Auseinandersetzung mit der Dialektik von Struktur und Raum wird in seinem Museumsbau für die 1968 fertiggestellte NG in Berlin ihren Höhepunkt finden: er behandelt die sich nach oben verjüngenden, kreuzförmigen Stahlstützen wie die Säulen eines griech. Tempels, die hier eine mon. Stahl-Kassettendecke tragen. Das Prinzip regelhafter Verfeinerung einmal gefundener Entwurfsideen liegt auch M.s Stahl-Glashochhäusern zugrunde; die Primärkonstruktion tritt hier ins Gebäudeinnere und wird aus Gründen des Brandschutzes verkleidet; die Fassade ist erstmals als Curtain wall vorgehängt und durch vertikal applizierte Doppel-T-Träger tektonisch strukturiert: Konstruieren bedeutet für M. Strukturfindung. Die Bauaufgabe Hochhaus stellt sich ihm stets als städtebauliche Maßnahme, die öff. Raum schafft: 1951 bei den zum Michigansee gewandten Lake Shore Drive Apartments durch Kolonnaden und großzügige, transparente Foyers in der Sockelzone; 1958 durch das prominente Zurücktreten aus der Straßenflucht beim Seagram Building oder 1964 durch die Gruppierung dreier Baukörper um eine Plaza beim Chicago Federal Center. In einem Interview erklärt M., Archit. müsse zum neutralen Rahmen werden: "Wir sollten uns bemühen, Natur, Häuser und Menschen zu einer höheren Einheit zusammenzubringen." Beim gläsernen Pavillon von Farnsworth House, von 1951, hinterfragt er erneut die Konventionen des Wohnens und setzt dieses dem Wechselspiel einer scheinbar unberührt-idyllischen Natur mit dem technischen Artefakt Haus aus. Motivisch übersetzt er die archit. Elemente Sockel, Stütze und Dach in zwei über Grund erhabene Plattformen und eine Dachplatte, die von acht aus den Ecken gerückten Stahlstützen gehalten wird. M. schafft hier das Modell einer modernen Urhütte, eines Tempels, dessen Cella sich zu einem möbelartigen Funktionskern wandelt. Der visuell offene, entmaterialisierte Wohnraum ruht in sich und findet seine Korrespondenz in der umliegenden, sich wandelnden Natur. - Als einer der wichtigsten Architekten der Moderne hält M. bereits 1927 programmatisch fest: "Nur Lebensintensität hat Formintensität." Implizit stellt er somit die Frage nach der Gest. des mod. Lebens und löst viele konfligierende Interpretationen seines Werks aus. Glaubt er selbst an die Objektivität und zwingende Logik seiner Konstruktionen, mit denen er vor allem im Stahlskelettbau Neuland beschreitet, werden M.s typenhafte Bauten nach seinem Tod wie ein neuer Stil kopiert und auf Formalismen reduziert. "Less is more", den wohl bekanntesten, ihm zugeschriebenen Aphorismus, münzt Robert Venturi für die Postmoderne daher in ein "Less is a bore" um. Kohärenz in M.s Werk zeigt sich indes weniger durch die Erstarrung zu "klassischen" Formen als in der kontinuierlichen Weiterentwicklung konstruktiver und räumlicher Motive, die er auf unterschiedliche Bauaufgaben und Maßstäbe bezieht. Besondere Bedeutung kommt dabei dem mod. Wohnen im Wechselspiel mit Werken der Kunst und der Lsch. zu. Ein tieferes Verständnis seiner Entwurfshaltung, die Kontakt und zugleich Distanz zu gestalterischen Ideologien der Moderne sucht, eröffnet sich erst durch Beachtung seiner lapidaren theoretischen Äußerungen. Vor dem Hintergrund von M.s intellektueller Biogr., die v.a. von der Gegensatzlehre des Dt. Idealismus und der Auseinandersetzung mit Guardini geprägt ist, versteht er Form als geistigen Ausdruck der Zeit. Der von der Lebenserfahrung zweier WK geprägte Emigrant erkennt die elementare Aufgabe seiner Disziplin darin, Ordnung ins Chaos der Zeit zu bringen: Mit den technischen Mitteln seiner Zeit sucht er zeitlos gültige Ideen ins Werk zu setzten. Nirgendwo drückt sich dieses Streben deutlicher aus als im von M. adaptierten Augustinus-Zitat: "Schönheit ist der Glanz des Wahren".

WORKS

Wohnhäuser: Potsdam-Neubabelsberg: Haus Riehl, 1907. Berlin-Zehlendorf: Haus Perls (später: Haus Fuchs; Erweiterung 1928), 1911/12. Berlin-Zehlendorf: Haus Werner, 1912/13. Potsdam-Neubabelsberg: Haus Urbig, 1915-17. Berlin-Nikolassee: Haus Eichstädt, 1921-23. Wiesbaden: Haus Ryder, 1923. Guben: Haus Wolf, 1925-27 (zerst.). Potsdam-Babelsberg: Haus Mosler, 1926. Krefeld: Haus Hermann Lange und Haus Esters, 1927-1930. Brünn: Haus Tugendhat, 1928-30. Berlin-Hohenschönhausen: Haus Lemke, 1932/33. Plano-Illinois: Haus Farnsworth, 1945-51. Elmhurst-Illinois: McCormick House, 1952. Westport-Connecticut: Morris Greenwald House, 1953. Wohnhausprojekte: Wassenaar-Den Haag: Haus Kröller-Müller, 1912. Unbekannt: Landhaus in Eisenbeton, 1923. Vermutlich Potsdam-Neubabelsberg: Landhaus in Backstein, 1923/24. Werder: Haus des Architekten, 1914. Jena: Haus Dexel, 1925. Potsdam-Nedlitz: Haus Eliat, 1925. Berlin-Dahlem: Haus Nolde, 1929. Unbekannt: Hofhausentwürfe, 1930er-Jahre. Berlin-Wannsee: Haus Gericke, 1932. Magdeburg: Haus Hubbe, 1934/35. Südtirol: Studien für ein Haus in den Bergen, 1934. Krefeld: Haus Ulrich Lange, 1935. Jackson Hole-Wyoming: Haus Resor, 1937-41. Indianapolis: Cantor House, 1946/47. Winneteka-Illinois: Caine-House, 1950. Unbekannt: 50 by 50 House, 1950/51. Mehrfamilienhäuser/Wohnhochhäuser: Berlin-Wedding: Wohnhäuser an der Afrikanischen Straße, 1925-27. Stuttgart: Wohnbau in der Weißenhofsiedlung, 1926/27. Chicago: Promontory Apartments, 1946-49. Chicago: 860-880 Lake Shore Drive Apartments, 1948-51. Chicago: 900 Esplanade Apartments (900-910 Lake Shore Drive), 1953-56. Chicago: Commonwealth Promenade Apartments, 1953-56. Newark-New Jersey: Pavilion and Colonnade Apartments, 1958-60. Montreal: Île-des-Soeurs Apartment Building, 1962-69. Chicago: 2400 Lakeview, 1960-63. Bürobauten, öff. Bauten, Städtebau: Berlin-M.: Bürogebäude an der Friedrichstraße Wa-be (Projekt), 1922. Berlin-M.: Glashochhaus (Projekt), 1923. Berlin-M.: Bürohaus in Eisenbeton (Projekt), 1923. Stuttgart: Masterplan Weißenhofsiedlung, 1925-27. Berlin-M.: Umgestaltung des Alexanderplatz (Projekt), 1928. Berlin-M.: Bürogebäude an der Friedrichstraße (Projekt), 1929. Chicago: Masterplan Campus AIT, 1939-41 (bis 1958 rund 20 Universitätsbauten; Crown Hall, 1950-56). New York: Seagram Building, 1954-58. Detroit: Lafayette Park, 1955-63 (Städtebau, versch. Wohnhaustypologien). Santiago de Cuba: Bürogebäude für Bacardi (Projekt), 1957-59. Chicago: Federal Center, 1959-64. Toronto: Toronto-Dominion Centre, 1963-69. Montreal: Westmount Square, 1964-68. Chicago: IBM Regional Office Building, 1966-73. Kulturbauten, Sonderbauten: Bingen: Bismarck-Denkmal (Projekt), 1910. Berlin: Denkmal für Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg (1933 zerst.), 1926. Barcelona: Dt. Pavillon (1986 rekonstr.), Ausst.-Räume für die Industrie, Pavillon der Elektroindustrie, 1928/29. Berlin-M.: Kaufhaus Adam (Projekt), 1928/29. Krefeld: Golfklub (Projekt), 1930. Berlin-M.: Kriegerdenkmal in der Neuen Wache (Projekt), 1930. Dessau: Trinkhalle am Bauhaus, 1932 (1970 abgerissen, 2014 teils rekonstr.). Krefeld: Fabrikationsgebäude der Verseidag, 1931-35. Berlin-M.: Reichsbank (Projekt), 1933. Krefeld: Verwaltungsgebäude der Verseidag (Projekt), 1937/38. Mus. for a Small City (Projekt), 1942. Indianapolis: Cantor Drive-In Restaurant (Projekt) 1945-50. Concert Hall (Projekt), 1943. Chicago: St. Savior Chapel am IIT, 1949-52. Mannheim: Nationaltheater (Projekt), 1952/53. Chicago: Convention Hall (Projekt), 1953/54. Houston: Erweiterungen für das MFA, 1954-58. Schweinfurt: Georg-Schäfer-Mus. (Projekt), 1960/61. Berlin-M.: Neue NG, 1962-68. Montreal: Filling Station, 1969. Montréal, Canad. Center for Archit.: Zchngn, Fotogr.

SELF-TESTIMONIES

H.Eifler/U.Conrads, Gespräch mit M., Okt. 1964 (Tonträger); F.Neumeyer, M. - das kunstlose Wort, Gedanken zur Baukunst, B. 1986 (Lit. von M.); M.Puente (Ed.), Conversations with M., N.Y. 2008 (gesammelte Interviews).

EXHIBITIONS

Solo exhibitions:

1927: Stuttgart, Glasraum (mit L. Reich); Berlin, Café Samt und Seide (mit L. Reich) / 1930 Köln, Dt. Seide (mit L. Reich) / 1932, '59 New York, MoMA / 2001 Montreal, Canadian Center for Archit. -

 

Group exhibitions:

Berlin: 1931 Berliner Bau-Ausst. (Haus für ein kinderloses Ehepaar und Junggesellenwohnung, mit L. Reich); 1934 Abt. Glas und Bergbau: Dt. Volk - Dt. Arbeit / 1947 New York, MoMA: Mod. Archit. / 1959 São Paulo: Bien.

 

SOURCES

Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:

ThB24, 1930; Vo3, 1956

 

Other encyclopedias:

Oudin, 1970; Kjellberg, 1994; M.Emanuel (Ed.), Contemp. architects, N.Y. u.a. 31994; Davidson III.1, 1995; DA XXI, 1996; Dict. de l'archit. du XXe s., P. 1996; ContempDesigners, 31997; R.Kostelanetz, A dict. of the Avant-Gardes, N. Y. 22000

 

Printed sources:

P.Johnson, M., N.Y. 1947; W.Blaser, M., Die Kunst der Struktur, Z. 1965; W.Tegethoff, M. Die Villen und Landhausprojekte, Essen 1981; J.Bonta, M., B. 1983; F.Neumeyer, M. - das kunstlose Wort, Gedanken zur Baukunst, B. 1986; F.Schulze (Ed.), M. Critical Essays, N.Y. 1989; M.Mertins (Ed.), The Presence of M., N.Y. 1994; C.Kruse, Garten, Natur und Landschaftsprospekt, Diss., B. 1994; W.Blaser, M., Basel 1997; J.Quetglas, Der gläserne Schrecken. M.s Pavillon in Barcelona, Basel 2001; P.Lambert (Ed.): M. in America, Ostfildern 2001; T.Riley/B.Bergdoll (Ed.), M. in Berlin, M. 2001; J.Cramer/D.Sack (Ed.): M. Frühe Bauten, Petersberg 2004; U.Müller, Raum, Bewegung und Zeit im Werk von Walter Gropius und M., B. 2004; J. L.Cohen, M., Basel 2007; C.Lange, M. und Lilly Reich. Möbel und Räume, Ostfildern 2007; C.Krohn, M. Das gebaute Werk, Basel 2014. F.Schulze/E.Windhorst, M. A Critical Biogr., Chicago 2014; M.Mertins, M., Lo. 2014 (1985); W.Nerdinger, Archit. in Deutschland im 20.Jh., M. 2023

 

Archives:

Chicago, Art Inst. - Newberry Libr. - Univ. of Illinois: Priv.-Bibl.; New York, MoMA, M.-Arch.: Großteil projektbezogener Dok. (Pläne, Modelle, Fotogr. etc.); Washington/D.C., Libr. of Congress: Schriftverkehr

 

Online sources:

Dt.-sprachige Architekten im Exil 1933-1945

 


THIEME-BECKER

Mies van der Rohe, Ludwig, Architekt, *27. 3. 1886 Aachen, Schüler von Peter Behrens. Tätig in Berlin, seit 1930 Leiter des Staatl. Bauhauses in Dessau. Knüpft zunächst an dieSchinkelsche Tradition an u. wird sehr bald einer der stärksten Anreger in der Richtung auf eine zweckmäßige, logisch klare, von Formalismen freie Architektur. Bildet Typen u. Normen, um ein Höchstmaß von Variationen zu schaffen. Hauptwerke: 1912 Haus Eduard Fuchs, Berlin-Zehlendorf; 1919 Entwurf zu einem Herrenhaus im Haag; 1921 Entwurf zu einem Hochhaus in Eisen u. Glas; 1922 Haus Petermann in BerlinNeubabelsberg; Entwurf zu einem Bürohaus in Eisenbeton u. Glas; 1925 Haus in Nedlitz bei Potsdam; 1926 Mietshäuser Askanische Straße; 1927 Weißenhof-Siedlung in Stuttgart (Gesamtplanung u.24fachesMietwobnhaus); 1929 Deutscher Staatspavillon auf der Weltausstell. in Barcelona. Lit.: W. Gropius, Int. Architektur (Bauhausbücher I), 1925 p. 26, 63. - G. A. Platz, Baukst d. neuesten Zeit, 1927. - Innendekoration, 21 (1910). - Mod. Bauformen, 9 (1910) 42ff. - Bygmesteren, 16 (1923) 203105. - Das Kstblatt, 9 (1925) 110; 10 p. 106; 11 p. 55/62, 333 f.; 13 p. 190f.; 14 p. 111/13. - Kst u. Kstler, 24 (1926) 486; 25 p. 279; 28 p.122. - Der Cicerone, 19 (1927) 768. - Cahiers d'Art, 1927 p. 287192; 1928 p. 35138; 1929 p. 408/11. - Die Kst, 58 (Dekor. Kst 31), 1927/28. - Österr. Bau- u. Werkkst, 4 (1927(28) 89 ff. - Kst der Zeit, 3 (1928129) 26. - Form, 1929 p. 423/30. - Der Baumeister, 1929 p. 362, 423/27. W. Grohmann.