Rodčenko (Rodtschenko; Rodchenko; Rodschenko; Rodcenko), Aleksandr Michajlovič (Alexander Michailowitsch), russ. Maler, Bildhauer, Gebrauchsgrafiker, Typograf, Buchkünstler, Bühnenbildner, Fotograf, *23.11.(5.12.)1891 St. Petersburg, †3.12.1956 Moskau. Verh. mit der Künstlerin Varvara Fedorovna Stepanova.
Rodčenko, Aleksandr Michajlovič
R. wuchs als Sohn eines Theaterrequisiteurs in St. Petersburg auf. 1910-14 studierte er an der KSch in Kazan', an der er Zchngn im Stil von Aubrey Beardsley, Skizzen nach jap. Hschn. und beeinflusst von Michail Aleksandrovič Vrubel und den frz. Impressionisten und Postimpressionisten Porträts und Stillleben schuf. Der Auftritt der russ. Futuristen - David Davidovič Burljuk, Vasilij Vasil'evič Kamenskij und Vladimir Vladimirovič Majakovskij - A. 1914 in Kazan' verstärkte seine Hinwendung zum Futurismus. Auf karnevaleske und theatralische Szenen in Temperamalerei folgten 1914 Kostümentwürfe für Oscar Wildes Bühnenstück "Die Herzogin von Padua" in Form von kubofuturistischen Kompositionen. In Kazan' lernte R. im Herbst 1914 auch seine künftige Frau, die Künstlerin Varvara Fedorovna Stepanova, kennen, mit der er zeitlebens zusammenarbeitete. Parallel zu seinen kubistischen und kubofuturistischen Gem. wie Weiblicher Akt, Tanz und Zwei Figuren entstand 1915 eine Grafik-Ser. mit gegenstandslosen Linie-Zirkel-Komp., in der durch sich überschneidende gerade und kreisförmige Linien in einem alternierenden Rhythmus gefasste Flächen eine räumliche Wirkung erzeugen. E. 1915 zog R. nach Moskau, wo er A. 1916 ein Stud. an der Stroganov-KSch begann. Über Stepanova lernte er Vladimir Evgrafovič Tatlin und andere Avantgardekünstler kennen und nahm im März 1916 an der von Tatlin organisierten Futuristischen Ausst. "Magazin" teil. Im Rahmen dieser Ausst. machte er die Bekanntschaft von Kazimir Malevič. 1917 war er Mitbegr. der Moskauer Künstlergewerkschaft und Sekretär der Jungen bzw. Linken Föderation. Unter der Ltg von Georgij Bogdanovič Jakulov beteiligte er sich im Herbst 1917 zus. mit Tatlin, Sof'ja Isaakovna Dymšic-Tolstaja, Nadežda Andreevna Udal'cova und anderen Künstlern an der Gest. des Cafés Pittoresque, für das er auch Lampen aus geometrischen Formen entwarf, die variable Reflexionen des Lichts ermöglichten. In Auseinandersetzung mit den Werken von Tatlin und Malevič entstanden Gem. wie Komp. (Öl/Lw.), Gegenstandslose Komp. (Öl/Lw.) und Konstruktion (Öl/Sperrholz, alle 1917). In Letzteren dominieren um eine Vertikale angeordnete, sich überschneidende geometrische Farbflächen, die durch in die Tiefe weisende Linien geschnitten werden und einen Eindruck von Räumlichkeit evozieren. Diesen "Dynamischen Flächen", die in Architekturentwürfe überführt wurden, folgten 1918 Komp. mit dem Titelzusatz Auflösung der Flächen wie Komp. Nr. 55 (Öl/Lw., 1918) und Komp. Nr. 56 (Öl/Lw., 1918), die sich mit dem Verhältnis von Figur und Grund befassten. Das Material und die Verfahren der Malerei analysierend, entwarf R. 1918-21 Ser. wie "Farbkonzentration", "Schwarz auf Schwarz" und "Lineismus". Erstere wurde vermutlich durch Schriften zur Astronomie und Physik angeregt und bestand vornehmlich aus sphärischen Kreisformen, die wie in Weißer Kreis (Öl/Lw., 1918) und Komp. Kreis im Kreis (Öl/Lw., 1918) die Analyse von Figur und Grund um den Aspekt des Lichts und der Farbe erweiterten. Vor dem Hintergrund dieser und als Antwort auf Malevičs Gem. "Weiß auf Weiß" entstand 1918 R.s monochrome Malerei-Ser. "Schwarz auf Schwarz", die das Ergebnis seiner Beschäftigung mit den Bildmitteln Farbe und Fläche sowie Faktur und Form ist. In Komp. Nr. 64. Schwarz auf Schwarz (Öl/Lw., 1918) wurden sich überschneidende Kreisformen auf schwarzem Grund nur durch Fakturdifferenzen und Farbnuancen voneinander unterschieden und in Gegenstandslose Malerei Nr. 80. Schwarz auf Schwarz (Öl/Lw., 1918) durch Licht und Schatten konturiert. Parallel zu seinem malerischen Werk entwickelte R. 1918 eine Ser. räumlicher Konstruktionen (Gegenstandslose Skulptur). Diese nach dem Steckprinzip aufgebauten Konstruktionen waren zerlegbar und wieder zusammensetzbar wie Weiße gegenstandslose Skulptur Nr. 6 aus der Ser. "Raumkonstruktionen. Montiert und demontiert" (Weißer Karton, 1918, Rekonstr. aus Aluminium, 1973). Eine zweite Ser. bildeten die 1920/21 entstandenen Hängenden Raumkonstruktionen, in denen das Verfahren "von der Fläche in den Raum" in der Konstruktion selbst gelöst wurde. Von ihnen bestanden fünf Varianten ( Kreis, Quadrat, Dreieck, Sechseck und Ellipse), die nach dem Prinzip gleicher Formen aufgebaut waren, wie Hängende Raumkonstruktion Nr. 12. Oval im Oval aus der Ser. "Lichtreflektierende Flächen" (Sperrholz, 1920/21). Ausgangspunkt bildete eine Fläche, die aus analogen, konzentrischen geometrischen Formen besteht, die in ein dreidimensionales Objekt entfaltbar und in die Zweidimensionalität rückführbar ist. Nicht nur der prozesshafte, in der Zeit sich entfaltende Aspekt wurde zum Kriterium plastischen Arbeitens erhoben, sondern auch die Dialektik der Präsentation, Aufstellung und Lagerung in die Konzeption einbezogen. Eine parallel dazu experimentell entwickelte dritte Ser. bestand aus Modellen räumlicher Konstruktionen aus standardisierten Vierkanthölzern. Im Mai 1918 hatte R. eine Einzelausstellung im Klub der Linken Föderation in Moskau. Zudem veröffentlichte er Artikel in der Ztg Anarchija und unterrichtete Theorie der Malerei im Moskauer Proletkul't. 1918-21 arbeitete er in der Abt. für Bildende Künste (IZO) des Volkskommissariats für Bildungswesen (Narkompros), in der er u.a. als Stellvertreter von Ol'ga Vladimirovna Rozanova in der Unterabteilung für Kunstgewerbe tätig war. 1919 wurde er Mitgl. des Moskauer Kunstkollegiums und der Museumskommission und war auf der 10. Staatlichen Ausst. "Gegenstandslose Kunst und Suprematismus" mit Werken aus den zuvor entstandenen Ser. vertreten. In Auseinandersetzung mit Wassily Kandinsky entwickelte R. 1919/20 eine Ser. von Linolschnitten, bei der Lineal und Zirkel in die Grafik eingeführt wurden, und eine Ser. von Gem., bei der die Linie als Konstruktionselement und als eigenständige Form in der Malerei diente. Als Lineismus bezeichnet, wurde diese Ser. zus. mit anderen Werken und dem Text "Alles ist Experiment" auf der 19. Staatlichen Ausst. in Moskau präsentiert. 1919 nahm R. zudem an einem Wettb. für einen Kiosk zur Verbreitung von Druckerzeugnissen teil und trat der Komm. für die Synthese von Malerei, Bildhauerei und Architektur (Živskul'ptarch) um Nikolaj Aleksandrovič Ladovskij bei. Architektonische Skizzen entstanden. Im Frühjahr 1920 wurde R. Mitgl. des kollegialen Präsidiums des INChUK/Inst. für Künstlerische Kultur, E. 1920 Mitbegr. der Arbeitsgruppe "Objektive Analyse" und 1921 Mitinitiator der Arbeitsgruppe der Konstruktivisten des INChUK. 1920-22 war er Leiter des Moskauer Museumsbüros und 1921-22 als Nachfolger von Kandinsky Leiter des Mus. für Malerische Kultur (MŽK), der Institution für Avantgardekunst in Moskau, der die Gründung von mehr als 30 Museen für Moderne Kunst folgte. Im Herbst 1920 wurde er zum Prof. an der Malerei-Fak. der VChUTEMAS und im Frühjahr 1922 ebd. zum Dekan der Fak. für Metallbearbeitung (Metfak) ernannt. 1921 war R. mit seinen Hängenden Raumkonstruktionen auf der Zweiten Frühjahrsausstellung der OBMOChU/Ges. Junger Künstler vertreten. Für einen Vortrag im INChUK verfasste er den programmatischen Text "Die Linie", in dem er den Übergang von der Faktur zum Bild als Gegenstand deklarierte und die Linie als neues Element des Aufbaus in die Fläche einführte. Im Herbst 1921 stellte er zus. mit Aleksandra Aleksandrovna Ėkster, Ljubov' Sergeevna Popova, Stepanova und Aleksandr Aleksandrovič Vesnin auf der Ausst. 5 x 5 = 25 in Moskau aus. Neben Linie (1920) und Gitter (1921) zeigte R. drei monochrome Gem. Reines Rot, Reines Gelb und Reines Blau (alle Öl/Lw., 1921), die auch als Ende der Malerei und künstlerische Deklaration des Konstruktivismus interpretiert wurden. Reines Rot wurde neben and. Werken auch auf der bek. "Ersten Russ. Kunstausstellung Berlin 1922" ausgestellt. Die Forderung der Konstruktivisten "in die Industrie zu gehen", führte in den frühen 1920er Jahren zur Produktionskunst. 1922 entwarf R. einen Arbeitsanzug und im Auftrag der Keramik-Fak. der VChUTEMAS ein Teeservice. Für die Zs. "Kino-fot" gestaltete er u.a. das Cover der Ausgabe über Majakovskij und Filmtitel für Dziga Vertovs "Kino-Pravda". Ab 1923 folgten typografische Entwürfe für versch. Zss. wie "LEF" und "Novyj LEF" sowie konstruktivistische Plakate und Buchumschläge für diverse Verlage und Autoren. Zu der Zeit begann auch seine Zusammenarbeit mit Majakovskij, dessen Poem "Pro ėto" er 1923 mit Fotomontagen illustrierte. Unter dem Firmenzeichen "Reklam-konstruktor Majakovskij-R." entstanden 1923-25 rund 150 Werbegrafiken wie das Plakat Bücher mit dem Porträt von Lilja Jur'evna Brik für den Leningrader Staatsverlag (Lengiz) und die Wandgestaltung für das Mossel'prom-Gebäude in Moskau. Parallel dazu entwarf R. Stoffmuster und Filmplakate, darunter Kino-Auge für Vertov und Panzerkreuzer Potemkin für Sergej Ėizenštejn. Arbeiten auf dem Gebiet der Fotomontage führten ihn 1924 zur Fotografie. Erste Aufnahmen wie das Porträt der Mutter und die Konterfeis befreundeter Künstler entstanden, darunter eine Ser. von sechs Porträtaufnahmen Majakovskijs. 1925 entwarf R. für die WA in Paris den Prototyp einer Inneneinrichtung für einen Arbeiterklub, der den künstlerischen Prinzipien der konstruktivistischen Produktionskunst entsprechend, sich durch Zweckmäßigkeit, Variabilität und Multifunktionalität auszeichnete. Im Herbst entstand eine Ser. von Fotogr. des Hauses an der Mjasnickaja-Straße, die mit dem Blickwinkel "von oben nach unten" und "von unten nach oben" eine neue Sichtweise in Verwerfung der trad. Bauchnabelperspektive einführte. 1926-32 arbeitete er für den Film und das Theater, u.a. für Lev Kulešov und Boris Barnet. 1928 nahm R. an der Ausst. "10 Jahre sowjetische Fotogr." in Moskau teil und war Mitbegr. der Gruppe "Oktober". 1928/29 entwarf er u.a. das Bühnenbild und die Kostüme für das Theaterstück "Inga" von Anatolij Glebov am Theater der Revolution und "Die Wanze" von Majakovskij am Mejerchol'd-Theater. 1929 war er auf der Internat. Ausst. des Deutschen Werkbunds Film und Foto in Stuttgart vertreten. In der 2. Hälfte der 1920er und zu Beginn der 1930er Jahre entstanden zahlr. Fotoreportagen für diverse Zss. sowie Fotogr. des neuen Moskau. 1933 erhielt er den Auftrag, den Bau des Belomorkanals für die Zs. "UdSSR im Bau" zu dokumentieren. Er schoss über 2.000 Fotogr. eines der größten Zwangsarbeiterlager der UdSSR. Zus. mit Stepanova gestaltete er 1933-56 Zeitschriftensonderausgaben, u.a. über den Fallschirmsport (1935) und über Majakovskij (1940), sowie Prachtbände wie 10 Jahre Usbekistan (1934), Erste Reiterarmee (1937) und Moskau wird umgestaltet (1938). 1935 nahm er an der Ausst. "Meister der sowjetischen Fotogr." mit Treppe (1929), Pionierin (1930), Mädchen mit einer Leica (1934) sowie Auszügen aus seinen Belomorkanal- und Sportserien teil. Neben Gem. und Fotogr. zum Thema Zirkus entstanden in den 1940er Jahren freie Kompositionen. - R. war einer der Hauptvertreter des russ. Konstruktivismus innerhalb der internat. Avantgarden der 1920er Jahre, der von der Malerei und Bildhauerei ausgehend, die "Kunst ins Leben" überführte. Als Grafiker entwickelte er ein radikal neues, funktionales Design und als Fotograf eine neue formal-experimentelle Ästhetik. Des Formalismus beschuldigt, wandte er sich ab den 1930er Jahren der Gest. von offiziellen Propagandamedien zu.
Stat'i. Vospominanija. Avtobiografičeskie zapiski. Pis'ma. Mo. 1982 (dt. Übersetzung D. 1993); A.N. Lavrent'ev (Ed.), Opyty dlja buduščego, Mo. 1996 (engl. Übersetzung N.Y. 2005); S.Schahadat/B.Stiegler (Ed.), A.R. Schwarz und Weiß, M. 2011.
Solo exhibitions:
1978 Köln, Mus. Ludwig (K) / 1982 (K Wander-Ausst., mit V.Stepanova), 2002 (K) Duisburg, Lehmbruck Mus. / 1991 Wien, MAK (K Wander-Ausst., mit V.Stepanova) / 1998 Hannover, Sprengel Mus. (K Wander-Ausst.) / 2007 Paris, MAMVP (K) / 2008 Berlin, Martin-Gropius-Bau (K Wander-Ausst.) / 2009 London, Tate (K Wander-Ausst., mit L.Popova) / 2009-10 Amsterdam, Foam Fotogr.-Mus. (K Wander-Ausst.) / 2013 Bucerius Kunst Forum (K Wander-Ausst.) / 2014 Moskau, Puškin-MBK (K) / 2016 Lugano, Mus. d'Arte al Lac (K). -
Group exhibitions:
1936 New York, MoMA: Cubism and Abstract Art / 2019 Baku, Heydər Əliyev-Zentrum: Do vostrebovanija / 2024 Dortmund, Dt. Fußball-Mus.: In Motion - Kunst und Fußball (K) / 2025-26 Emden, KH und Bietigheim-Bissingen, StG: Dem Himmel so Nah - Wolken in der Kunst.
Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:
Vo6, 1962 (s.v. Rodschenko, Alexander Michailowitsch).
Other encyclopedias:
VSII Sprav. I, 1965; ContempArtists, 1983; Milner, 1993; DA XXVI, 1996; Bown, 1998; Delarge, 2001; V.I. Rakitin/A.D. Sarab'janov (Ed.), Ėnc. russ. avangarda, II, Mo. 2013.
Printed sources:
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Rodschenko, Alexander Michailowitsch, sowjet. Maier, Bildh., Typogr., Bühnenbildner u. Möbelzeichner, *1891 Petersburg (Leningrad), ansässig in Moskau. Stud. an d. Kstschule in Kasan. Abstrakter Künstler (Konstruktivist). Führer der Non-Objektivisten-Gruppe in Rußland. Stellte 1917/22 zusammen mit Malewitsch u. Tatlin aus. Beschäftigt sich seitdem hauptsächl. mit angew. Kunst (Gebrauchsgraphik). Koll.-Ausst. 1957 im Zentralen Haus d. Journalisten in Moskau. Lit.: Seuphor. - Giedion-Welcker, Mod. Plastik, Zürich 1937. - Haftmann. - Encycl. of Painting, New York 1955 p. 420. - Arts, 35 (1960) Okt. p. 40 (Abb.). - The Burlington Magaz., 102 (1960) 208. - Osteuropa, 4 (1928/29) 496, 499.