Frei zugänglich

Scarpa, Carlo

Geboren
Venedig, 2. Juni 1906
Gestorben
Sendai, 28. November 1978
Land
Italien
Geschlecht
männlich
GND-ID
Weitere Namen
Scarpa, Carlo; Scarpa, Carlo Alberto
Berufe
Architekt*in; Designer*in; Maler*in; Zeichner*in; Architekturzeichner*in
Wirkungsorte
Venedig, Asolo, Vicenza
Zur Karte
Von
Zuletzt geändert
24.11.2025
Veröffentlicht in
AKL CI, 2018, 306; Vollmer VI, 1962, 395

VITAZEILE

Scarpa, Carlo, ital. Architekt, Zeichner, Designer, Maler, *2.6.1906 Venedig, †28.11.1978 Sendai; Vater des Architekten Tobia S.

LEBEN UND WIRKEN

Ausb.: Nach der Grundschule Besuch einer scuola technica in Vicenza; ab 1919 Architekturkurs an der KA Venedig; 1922-24 Mitarb. bei Vincenzo Rinaldo; 1926 Diplom im Fach Architekturzeichnung; Ass. bei Guido Cirilli am Ist. Univ. di Archit. di Venezia (IUAV). Beginn der Arbeiten für Cappellin & Co. in Murano, ab 1927 künstlerischer Berater; 1934 "diploma d'onore" der Mailand Trienn. für seine Glasarbeiten; im selben Jahr Heirat mit Onorina Lazzari; ab 1954 Lehrtätigkeit an der Fulbright-Stiftung in Rom; 1962 Umzug nach Asolo; 1966 Reisen in die USA und nach Japan; ab 1972 Ltg der IUAV, Verlegung des Ateliers nach Vicenza; 1973 Prof. an der Accad. Olimpica ebd. Ab 1942 regelmäßige Mitarb. an der Venedig Bienn.: versch. Ausstellungsgestaltungen (u.a. '60, '68, '72), Beratertätigkeit, Pavillonentwürfe und Umbauten (Eingangstrakt, Kartenverkaufsbereich, Hofpavillon; 1952 Umbau des Hauptpavillons der Giardini di Castello; 1962-68 Renovierung und Umbau des Ital. Pavillons, mit Tobia S., Sergio Los). Ausz. und Mitgl.: u.a. 1954 Mitgl. der Accad. delle Arti e del Disegno Florenz; 1970 Mitgl. des R. Brit. Inst. of Design; 1975 Ehren-Mitgl. Fond. Pierre Chareau, Paris; 1976 Mitgl. Accad. di S. Luca, Rom; 1977 Med. d'Oro ai Benemeriti della Cultura e dell'Arte; 1992 Cavaliere Ordine al Merito della Repubblica Ital. (posthum). - Geb. in Venedig, verbringt S. die Schulzeit in Vicenza, wo seine Fam. 1908-19 wohnt. Wieder in Venedig studiert er an der Accad. R. di BA und diplomiert 1926 im Fach Architekturzeichnung mit einem Projekt für ein Botschaftsgebäude; während der Studienzeit Mitarb. als ass. di studio bei Vincenzo Rinaldo (1922-24). 1926 wird sein Aufnahmeantrag ins Berufsregister der Architekten mit der Begründung abgelehnt, dass er nicht Archit. sondern Architekturzeichnung studiert habe. S.s akad. Laufbahn beginnt 1926 als Ass. bei Cirilli am IUAV; 1932-33 ist er ebd. Ass. bei Augusto Sezanne; 1933 erhält er einen Lehrauftrag für "decorazioni" an der IUAV wo er 1934-45 als Prof. unterrichtet; ab 1954 gibt er jährliche Kurse für die Fulbright-Stiftung in Rom; 1956-60 erneute Lehrbeauftragung an der IUAV, diesmal für "applicazioni di geometria descrittiva"; 1958 wird S. "Accad. residente per la classe degli architetti" an der ABA in Venedig; 1959-61 arbeitet er an Kursen für "archit. d'interni, arredamento e decorazione" an der IUAV mit; 1960-62 unterrichtet er erneut "decorazione" an der IUAV und hält den Kurs "addestramento alla visione" am Ist. Superiore di Disegno Industriale di Venezia; 1964-76 ist er Prof. ordinario di composizione an der IUAV und wird 1972 deren Leiter, nachdem er zwei Jahre lang die stellv. Ltg innehatte; 1973 wird S. zum Accad. efettivo residente per la classe delle lettere e delle arti an der Accad. Olimpica in Vicenza und 1976-77 zum Prof. ordinario fuori riolo an der IUAV. 1977 beendet er seine Arbeit an der IUAV (Nachf. Carlo Aymonino); im selben Jahr hält S. eine Konferenz zum Thema "Kann Archit. Poesie sein?" an der ABK in Wien. Nach dem Diplom widmet er sich zunächst der freien und angewandten Kunst: Er fertigt Objekte für die Glasbläserfirmen Cappellin und Venini in Murano sowie Zchngn und Gem. an. In seinen frühen kunsthandwerklichen wie künstlerischen Werken sind Einflüsse von Georges Braque, Pablo Picasso, Fernand Léger, Henri Matisse und Paul Klee erkennbar (z.B. Prospettiva del cinema Astra a San Donà di Piave, Aqu./Papier, 1949, Trevignano, ACS). Einflüsse der Darstellungsmethodik Otto Wagners, wie auch der Wiener Secession (v.a. Josef Hoffmann [1870]) finden sich bereits bei seinen Entwurfsübungen an der Accademia. In seinen ersten archit. Projekten für Venini und Cappellin geht es in erster Linie um die Konzeption von Ausst., Schauräumen und Innenraumgestaltungen, Aufgaben, die S.s gesamtes Œuvre hindurch begleiten. So gestaltet er etwa für die Ausst. in Monza 1930 und Mailand 1936 sowie 1936 und '39 für die Mailand Trienn. Ausstellungsstände für Venini. Hier werden auch seine eig. Glasarbeiten gezeigt, für die er 1934 das "diploma d'onore" erhält. Schon diese frühen Arbeiten demonstrieren S.s Gespür für internat. mod. Kunst und Architektur. In den 1930er Jahren realisiert S. mehrere Inneneinrichtungen in Venedig, u.a. für das Café Lavena, die Casa Ferruccio Asta (mit Mario Deluigi), das Silberwarengeschäft Sfriso, den Coiffeur Flavio sowie für die Casa Pelzel in Murano; in diesem Zeitraum projektiert S. ferner die Casa Bassani mit zwei Wohnungen in Cortina D'Ampezzo und nimmt am Wettb. für die neue Ponte dell'Accad. in Venedig teil. 1934 entstehen zudem ein städtebaulicher Entwurf für Mestre (mit Deluigi, Angelo und Benedetto Piamonte) und ein Entwurf für das Passagier-Terminal des Flughafens Nicelli am Lido von Venedig (mit Guido Pellizzari und Benedetto Piamonte). 1935-37 renoviert S. die Ca'Foscari (1954-56 Rest. der Aula Magna, mit Valeriano Pastor und D'Agaro), ein hist. Gebäude, in dem die Fak. für Wirtschaft und Handel der Univ. Venedig untergebracht ist. Im Unterschied zur zeitgen. Restaurierungspraxis den Altbestand mit einem neuen Anstrich zu verhüllen, stellt S. das originale Erscheinungsbild wieder her. Für seine reflektierte Annäherung an die hist. Substanz erntet er erstmals Aufmerksamkeit in Italien. S. entwickelt hier Lösungen, die er später wiederholt anwenden wird, wie etwa die Positionierung einer neuen Fensterebene hinter den hist. Fassadenöffnungen - ein Ansatz, der sich als Standardmaßnahme der venez. Pal.-Renovierung durchsetzt. 1940 wird S. vom Kriegsdienst befreit; um seinen Lehrauftrag nicht zu verlieren tritt er, trotz seiner Abneigung gegen den Faschismus, der Nat. Faschistischen Partei bei. A. der 1940er Jahre entstehen Grabmäler für Vettore Rizzo und für die Fam. Capovilla; zudem plant S. die Inneneinrichtung der Gal. Il Cavallino (alle Venedig). 1942 erfolgt die Gestaltung der Ausst. für seinen Freund Arturo Martini im Hauptpavillon der Giardini de Castello (mit Deluigi). In neutralem Raum positioniert S. schlichte kubische Podeste für die Skulpturen; der scheinbar freien Anordnung liegt eine ausgeklügelte Weginszenierung zugrunde. Diese Schau markiert den Beginn einer langen Reihe von Bienn.-Installationen im Werk S.s: Bes. hervorzuheben sind darin die 1948 gestaltete Paul Klee Retr. für den Ital. Pavillon sowie der 1950 im Auftrag des Besitzers der Gal. Il Cavallino gebaute Padiglione del Libro - ein Pavillon für das Kunstbuch, der in der Fachpresse als "frischer Wind" gelobt wird. 1945-59 renoviert S. die Gall. dell'Accad. in Venedig und gestaltet die Ausstellungsräume neu (mit Valeriano Pastor). 1946/47 fertigt er zahlr. unausgeführte Entwürfe an: ein Kino mit Café in Valdobbiadene, ein Hochhaus in Padua sowie einige Holzmöbel. 1947-49 entsteht in Treviso die Banca Cattolica del Veneto sowie in Udine das Projekt für die Casa Giacomuzzi (1950 voll.); beide Bauten werden in Zusammenarbeit mit S.s Schüler Angelo Masieri realisiert. 1948-50 erfolgt neben einigen and. Studien und Entwürfen die Rest. des Café Pedrocci in Padua. 1950 ist S. in zahlr. Projekte in Venedig involviert: Neben mehreren Geschäfts- und Hoteleinrichtungen übernimmt er die medial vielbeachtete Inneneinrichtung des Telefonamtes der Telve. In Cervignano del Friuli baut S. mit Masieri die 1952 fertiggestellte Casa Bortolotto; gemeinsam verwirklichen sie bis 1955 auch die Casa Romanelli in Udine. A. der 1950er Jahre wird der Kreis zu einem zentralen Motiv in S.s Archit.: Sowohl das Grabmal Veritti in Udine (mit Masieri, 1951) als auch der Hofpavillon für die Bienn. 1952 sind durch kreisförmige Einschnitte in Wänden und Decken gekennzeichnet. Eine Variation dieses Gestaltungselements setzt S. bei der Ausst. "Giovanni Battista Tiepolo" für den Hauptpavillon der Bienn. 1951 ein - die Überlagerung zweier Kreise zu einem später wiederholt aufgegriffenen Doppelkreis. S.s frühe Werke sind außerdem durch die stark an Frank Lloyd Wright orientierte Komp., Plastizität und Materialsensibilität gekennzeichnet: "Ich habe Mies und Aalto immer bewundert, aber für mich wurde das Werk von Wright zum 'erhellenden Blitz' [...] In einigen meiner Bauten der ersten Jahre glaube ich, mich der Grenze der Unterwerfung genähert zu haben." (zit. nach Ada Francesca Marcianò, C.S., 1986, 35). Der 1952/53 entstandene Entwurf für die Casa Zoppas in Conegliano (mit Pietro Celotto) zeigt schon einen freieren Umgang mit Wrights Ideen und die sukzessive Entwicklung einer eig. Architektursprache. 1951 wird S. in die Auswahlkommission für eine Ausst. über Wright in Florenz berufen und trifft ihn in diesem Zusammenhang auch persönlich. Im Zuge seiner Italienreise wird Wright von der Fam. Masieri für den Neubau ihres Wohnhauses in Venedig beauftragt. Masieri reist hierfür 1952 in die USA, wo er bei einem Autounfall ums Leben kommt. Wrights Auftrag, in den über die IUAV nun auch S. involviert ist, ändert sich zum sog. Memorial Masieri, einem Wohn- und Arbeitsort für Architekturstudierende. Wright abstrahiert in seinem Entwurf typisch venez. Palazzi; vielen Kritikern ist sein Projekt zu wenig auf das hist. Stadtbild bezogen, es stößt internat. auf Gegenwind und scheitert schließlich. S. hingegen schätzt Wrights Ansatz und bewahrt seine Zchngn jahrelang auf. 1968 nimmt S. (mit Carlo Maschietto [1905] und Franca Semi) das Projekt wieder auf und es wird, nach zahlr. Änderungen, 1973-83 realisiert. 1953 übernimmt S. die Rest. und Restrukturierung des Mus. Correr in Venedig, der bed. Slg venez. Kunst (1957-60 folgt die Innenraumgestaltung der GG mit Pastor und Gilda D'Agaro). S.s schöpferische Ingenuität zeigt sich bes. beim Umbau des Pal. Abatellis zur Gall. Regionale della Sicilia in Palermo (1953/54, mit Roberto Calandra). Das Gebäude auf rechteckigem Grundriss ist auf einen mit Loggien umgebenen Innenhof hin ausgerichtet, dessen urspr. Pflasterung mit Flusskieseln S. beibehält. Die mod. Fenster setzt er hinter das vorhandene hist. Maßwerk, wodurch die versch. Ebenen des Alten und Neuen ablesbar bleiben. Bei der Auswahl der ausgestellten Werke, ihrer Platzierung wie auch ihrer baulichen Rahmung berücksichtigt S. Besonderheiten des Mat. sowie die Licht- und Wegführung. Walter Gropius beurteilt deswegen S.s Arbeit als die beste Mus.-Einrichtung, die er jemals gesehen habe; S. wurde für das Projekt auch mit dem Premio Naz. Olivetti (1956) und dem IN-ARCH Preis (1962) ausgezeichnet. Die Arbeit an prestigeträchtigen Mus.-Gestaltungen wird mit den Uffizien in Florenz fortgesetzt: 1953-56 nimmt er die Neueinrichtung mehrerer Säle (mit Ignazio Gardella [1905] und Giovanni Michelucci), 1957-60 die Rest. des Gab. dei disegni e delle stampe (mit Edoardo Detti) vor. Ferner beginnt S. 1955 die Arbeit an der Erweiterung der Gipsoteca Canoviana in Possagno (mit Pastor, 1957 voll.); das bestehende Mus. mit basilikalem Grundriss (Giuseppe Segusini, 1831-36) erweitert er mit einem Anbau an der Westseite und schafft durch auf die Exponate zugeschnittene natürliche Belichtung facettenreiche Raumeindrücke. 1955 beginnt in Udine die Arbeit am Haus für den Advokaten Luigi Veritti, einen Verwandten von Masieri (1961 voll.). Der Grundriss der Casa Veritti basiert auf einem Kreis; dreieckige Pfeiler mit ornamentaler Verkleidung nehmen die Installationen auf und durchstoßen das Dach - ein für S. char. Motiv. Die plastische Gestaltung, die Einbeziehung von Wasser, das Fassadenbild und die Materialwahl erinnern an Wrights "Fallingwater". Parallel erfolgen mehrere Inneneinrichtungen, darunter öff. Aufträge wie der Ratsversammlungssaal der Provinzverwaltung in Parma (mit Pastor und D'Agaro) und der Saal "Manlio Capitolo" am Zivilgericht in Venedig. In Rom übernimmt S. 1956 die Gestaltung der Ausst. "Piet Mondrian" in der GNAM, zudem arbeitet er mit Detti an einer Pfarrk. in Fiorenzuola. 1954-56 erfolgt der Bau des Venezuela Pavillons für die Bienn. (mit Maschietto, Pastor, D'Agaro und Marchesin) Die Zs. L'Architettura. Cronache e storia würdigt S.s rege Bautätigkeit und widmet ihm 1955 eine Ausgabe. Da S. nach wie vor kein im Berufsregister eingetragener Architekt ist, wird er wiederholt der eigenmächtigen Berufsausübung beschuldigt. Schließlich wird 1956 eine Anzeige gegen ihn bei der Staatsanwaltschaft eingebracht, eine zweite Anzeige, die vom Vorstand der Architektengilde in Venedig unterzeichnet ist, folgt 1960. 1963 werden die Anzeigen gegen S. fortgesetzt, es erscheinen verleumderische Presseartikel, bis S. 1965 von allen Anklagen freigesprochen wird und den Architektentitel erhält. Bei der Umgestaltung, Rest. und Einrichtung des Mus. di Castelvecchio in Verona (1956-64, mit Maschietto und Arrigo Rudi), einer Festung aus dem 14.Jh., gelingt S. eine enge Verflechtung von ma. Kunst und Archit. mit dem Formenvokabular des 20.Jahrhunderts. Um die hist. Ebenen zu trennen. setzt S. Wechsel in Komp. und Mat. bewusst ein: Neue asymmetrische Fenster aus einer Stahl-Glas-Konstruktion positioniert er leicht versetzt hinter der urspr. Südfassade mit ihren dreibogigen Blendarkaden, die Decken in den Skulpturensälen sind von unverkleideten Eisenträgern unterfangen. Der heutige Haupteingang setzt das formale Konzept aus Flächen, Einfassungen und Linien durch eine im rechten Winkel zur Fassadenebene stehende Wandscheibe fort, während die Flächenaufteilung und der Farbeinsatz die Einflüsse von De Stijls erkennen lassen. In diesem Hw. schafft S. ein char. Nebeneinander von alter Substanz und mod. Formensprache. Für die Gestaltung erhält er 1965 den IN-ARCH Preis. 1957-58 übernimmt S. die Innenraumgestaltung des Olivetti-Verkaufsraums in Venedig (mit D'Agoro und Maschietto). Auf dem schmalen Grundstück erschließt eine skulpturale Treppe aus eingehängten Marmorplatten zwei balkonartige Gal.; er erzielt eine offene Raumkomposition, deren Wirkung durch die Materialwahl und Lichtführung unterstützt wird. Wie in vielen Projekten bezieht er das Element Wasser in den Entwurf mit ein; so positioniert er in der Schaufensterzone ein kleines Wasserbassin mit einer Skulptur von Alberto Viani. 1958/59 folgen erneut Ausstellungsgestaltungen, darunter "Die Gläser von Murano" in Venedig (mit Rudi); für einen Wettb. der Firma Reed&Barton in Boston entwirft S. gemeinsam mit seinem Sohn Tobia eine Silberbesteck-Ser. und erzielt den dritten Platz. Für das Ferienzentrum Snam in Borca di Cadore errichtet S. eine Kirche (mit Edoardo Gellner, 1959). Die intensive Schaffenszeit setzt sich in den 1960er Jahren fort: S. übernimmt weiterhin Ausstellungsgestaltungen (1960 Mailand Trienn.: "Frank Lloyd Wright"; Venedig Bienn: "Erich Mendelsohn"; 1961 Turin, Italia '61: Padiglione del Veneto), Innenraumgestaltungen und beschäftigt sich mit Projekten im hist. Bestand. So verwirklicht S. 1961-63 den Verkaufsraum des Möbelgeschäfts Gavina in Bologna: Vor die alte Fassade setzt er eine differenziert bearbeitete Betonwand, die den Firmenschriftzug trägt und durch vergoldete Bänder gegliedert ist. Char. sind S.s Einsatz kreisförmiger Fensteröffnungen sowie die fein abgestimmte Detaillierung aller Elemente. 1961-63 erfolgt die Umgestaltung von Erdgeschoss und Garten der Fond. Querini Stampalia in Venedig (mit Maschietto; zuletzt 1993-2003 von Mario Botta rest.). Zentrales Thema des Entwurfs ist das Wasser: Für den Zugang des Renaiss.-Pal. entwirft S. eine neue Brücke aus Stahl, Marmor und Holz nach venez. Vorbild. Er hebt den Boden des Erdgeschosses an, um die dortige Flutproblematik zu lösen. Von dieser neu konzipierten Anlegestelle gelangt man über eine Treppe in die plastisch durchgestaltete Vorhalle der neuen Ausstellungs- und Vortragsräume. Dieser skulpturale Ansatz setzt sich in der Formensprache des Brunnens und Wasserlaufs im Garten fort, wo S. das Thema Wasser erneut aufgreift. Wieder geht es S. darum, sich dem orig. Zustand durch einen hist. reflektierten Entwurf anzunähern. Für die Fond. gestaltet S. später die Ausst. "Le Corbusier" (1973) und übernimmt die Planungen für ein Gästehaus und ein Büchermagazin (1973, unausgeführt). 1962-63 plant er in Venedig die Wohnung und Kanzlei des Anwalts Scatturin, der S. beim Prozess gegen Titelmissbrauch vertreten hatte. Hierfür wird auch der 1955 entstandene Entwurf für den Scatturin-Tisch ("Signori prego si accomodino") ausgeführt. 1963 beginnt die Planung für den Wiederaufbau des Teatro Carlo Felice in Genua in Zusammenarbeit mit den Ing. Luigi Croce und Marcello Zavelani-Rossi, die wegen Differenzen scheitert und erst später verändert ausgeführt wird (1972 Instandsetzung der Konstruktion, 1976 erb.). 1964 ist S. mit zahlr., z.T. nicht realisierten, Wohnbau-Projekten beschäftigt (Entwurf Casa Cassina, Ronco di Carimate; Umbau Casa Balboni, Umbau Casa Scarpa, beide Venedig; Entwurf Casa Secco, Treviso; Umbau Casa Gallo, Vicenza). 1964-68 folgt die Neugestaltung der Casa Zentner in Zürich (mit Los): Durch differenzierte Verwendung unterschiedlicher Mat. wie Holz, Putz und Sichtbeton erzielt S. eine lebhaft gegliederte Fassade. Vielfältige Sichtbeziehungen innerhalb des komplexen Raumgefüges, aber auch in den Außenraum, zeichnen den Bau aus. Die für S. char. Motive (z.B. kreisförmige Fenster und Friesbänder) verdeutlichen seine zunehmende Lösung vom Wrightschen Kompositionssystem. Es folgen viele unrealisierte Projekte, darunter die Neugestaltung der Piazza Duomo in Modena 1966, die Casa De Benedetti in Rom 1965-72 (scheitert aufgrund von Meinungsverschiedenheiten), die Erweiterung des Friedhofs San Cataldo in Modena 1967-69 (zehn Jahre später nach einem Entwurf von Aldo Rossi umgesetzt) und der Wettbewerbsentwurf für das Stadttheater von Vicenza 1968-69. Der von S. 1966-78 entworfene neue Eingang der IUAV wird erst 1984 von Los fertiggestellt. Die 1960er Jahre sind geprägt von einer internat. Tätigkeit: S. reist in die USA und nach Japan, studiert die Werke Wrights und trifft Louis Kahn; 1966 wird er zum Wettb. für den Wiederaufbau der NP München eingeladen und nimmt an der Ausst. "Archit. of Mus." im MoMA in New York teil. Daneben ist er kontinuierlich im In- und Ausland an Ausstellungsgestaltungen beteiligt (1967 Montreal, EXPO, Italien-Pavillon: La Poesia, mit Los; Treviso, Convento di S. Caterina: Arturo Martini, mit Luciano Gemin und Giuseppe Davanzo; 1969 Berkeley, Univ. of Calif.: Mendelsohn; London, Hayward Gall.: Frescoes from Florence; 1970 RA: Giorgio Morandi). 1968 ist S. umfänglich für die Bienn. tätig: Neben kleineren Einrichtungen, übernimmt er die Renovierung des Padiglione Centrale (mit P. Leone) und v.a. den zweiten Umbau des Ital. Pavillons. Hier setzt er seine Einbauten durch ihre expressive keilförmige Gestaltung klar vom urspr. Erscheinungsbild ab. Zudem gestaltet S. die Basis für das Denkmal "La Partigiana" von Augusto Murer, das in den Giardini di Castello aufgestellt wird. 1969 erhält S. von der Industriellenfrau Onorina Brion den Auftrag für den Entwurf ihrer mon. Familiengrabstätte in S. Vito d'Altivole (mit Guido Pietropoli, Maschietto; bis 1978). S. geht es darum, auf dem L-förmigen, 2200 Quadratmeter großen Grundstück "städtebauliche" Situationen und "Straßenräume" zu erzeugen - was ihm durch vielfältige Sichtbeziehungen und die gezielte Anordnung von Wasserflächen in einem Ensemble aus fünf Gebäuden gelingt. Er ist weder funktionalen noch ökonomischen Zwängen ausgesetzt, weshalb seine skulpturalen und formal-ästhetischen Gestaltungsprinzipien (u.a. Spiel mit der Blick- und Lichtführung, Materialwechsel, Mehrfachrahmung und plastische Durcharbeitung der Bauteile sowie das Motiv des Doppelkreises als Wandöffnung) hier außergewöhnlich klar ablesbar sind. 1971 beginnen die Planungen für die Casa Roth in Asolo sowie das Projekt zur Restrukturierung des Schlosses in Brescia und dessen Einrichtung zu einem Waffen-Mus. (1973 voll., mit Francesco Rovetta). 1972 fertigt er für die Fa. Simon (ehem. Gavina, heute Cassina) die Tischentwürfe Orseolo, Quatuor und Valmarana, welche teilw. bis heute im Sortiment sind. Bereits 1968 wurde der Tisch Doge produziert, Sarpi folgte 1974. 1973 erhält S. den Auftrag zur Umgestaltung und Erweiterung des Hauptsitzes des Banca Popolare di Verona (nach seinem Tod von Rudi 1981 voll.). Zentraler Gedanke dieses Entwurfs ist die stimmige Integration in die hist. Umgebung und die mehrfache Rahmung des Baus in den archit. Elementen. S. interpretiert hier den klassischen dreiteiligen Fassadenaufbau neu: Der Sockel aus Marmor wird durch einen Fries, der durch das Motiv einer mehrfachen Abstufung gestaltet ist, begrenzt, darüber schließt eine Wand aus verputztem Beton mit runden und rechteckigen Fensteröffnungen an, den Abschluss bildet ein aus Stahl und Glas gebildetes durchlaufendes Fensterband mit schmalen Rundstützen und Architrav mit Gebälk. Die plastisch-ornamentale Gestaltung von Fries und Gebälk wird bei den Fensteröffnungen im Mittelteil erneut aufgegriffen. Obwohl sich das neue Erscheinungsbild formal klar von den Nebengebäuden unterscheidet, fügt S. die neue Front durch die auf die Fassadenzonen abgestimmte Materialwahl sensibel in in das städtebauliche Ensemble ein. 1974 gestaltet S. die aufgrund seiner "räumlichen Erfindungskraft in der Auseinandersetzung mit Kunstwerken" (Giuseppe Mazzariol nach Marcianò 1986, 174) vielbeachtete Ausst. "Venezia e Bisanzio" im Pal. Ducale in Venedig und jene zu Giuseppe Samoná im Pal. Grassi in Venedig. Darüber hinaus wird S. vom RIBA eingeladen, eine Werk-Ausst. in der Heinz Gall. in London zu zeigen; ferner richtet er eine eigene Werkschau in der Accad. Olimpica in Vicenza ein. Zeitgleich beginnt er die Arbeit am Mahnmal für die Opfer des Attentats auf der Piazza della Loggia in Brescia. Von seinem Freund Aldo Businaro beauftragt, projektiert S. die Rest. und Ergänzung der Villa Il Palazzetto in Monselice (1974-75, mit Maschietto). Das Projekt umfasst u.a. einen trad. gepflasterten Hof, den S. aus leicht geneigten dreieckigen Flächen bildet, was an ein unregelmäßiges flaches Walmdach denken lässt. S. orientiert sich in seinen Entwürfen zunehmend am Lokalkolorit der Städte und Villen des Veneto; so auch bei der 1974 geplanten Casa Ottolenghi in Mure di Bardolo (1979 voll., mit Giuseppe Tommasi, Maschietto und Pietropoli): Neun mächtige Stützen definieren den zentralen Bereich des frei geformten Grundrisses und durchdringen das einem "holprigen Gelände" (S.) ähnelnde Dach; der Bau unterscheidet sich in seinem zurückhaltenden, klaren und nahezu ornamentlosen Char. von S.s and. Bauten und zählt zu seinen letzten bed. Werken. 1974-78 projektiert er außerdem den Umbau und die Erweiterung des Klosters S. Sebastiano in Venedig zu einem Univ.-Inst. für Lit. und Philosophie (mit Pietropoli). S.s Entwurf wird nicht umgesetzt, er erhält 1976 jedoch den Auftrag, das Haupteingangsportal der Fakultät neu zu konzipieren (1979 voll., mit Pietropoli). Das Motiv der mehrfachen Rahmung zieht sich bis in S.s Spätwerk: Bei dieser rein plastischen Gestaltung handelt es sich um ein Relief aus Sandsteinplatten und grob behauenem Marmor, das vor den Sockelbereich des bestehenden Klosters gesetzt wird. 1975 beschäftigt sich S. mit der Renovierung des Auditorium Maximum der IUAV. 1977 wird ihm von der Republik Italien die Medaglia d'Oro ai Benemeriti della Cultura e dell'Arte verliehen. Bis zu seinem Tod entstehen unrealisierte Entwürfe für Villen, Banken und Läden sowie der Entwurf für ein Picasso-Mus. in Paris. S. stirbt am 28.Nov. 1978 in Sendai an den Folgen eines Sturzes. Er wird auf testamentarischen Wunsch hin im Grabmal Brion beigesetzt. Mehrere Projekte werden nach S.s Tod von seinen Mitarb. umgesetzt bzw. fertiggestellt. - S.s Œuvre umfasst Archit., Architekturzeichnung, Möbel- und Produktdesign. Er hinterlässt kein theoretisches Werk, prägt jedoch nicht zuletzt durch seine Lehrtätigkeit an der IUAV, an deren Gestaltung er wiederholt beteiligt ist, mehrere Architektengenerationen. Sowohl für seinen Umgang mit hist. Bausubstanz als auch für seine Innenraum- und Ausstellungsgestaltungen erhält er internat. Aufmerksamkeit und wird mehrfach ausgezeichnet. S.s Architektursprache zeigt hinsichtlich Plastizität, Flächenaufteilung, Orthogonalität und Farbeinsatz bereits früh Bezüge zum Neoplastizismus, Jugendstil und zu De Stijl; sein ausdrückliches Vorbild ist Wright. Zunehmend gelingt es S. sich von dessen Kompositionssystem loszulösen und eine eig. Entwurfsgrammatik samt Vokabular zu entwickeln. In späteren Entwürfen orientiert er sich zunehmend am jeweiligen Lokalkolorit und variiert es architektonisch. Wie Kahn verwendet S. wiederholt geometrische Primärformen, stimmt ausgewählte Mat. nebst Oberflächenbehandlungen aufeinander ab und inszeniert mit natürlichem Licht. Außen wie innen, vom skulptural überformten Ornament bis zu den Fensterbeschlägen, ist S. stets bemüht, das aufs große Ganze abgestimmte Detail zu entwerfen. Dafür legt er besonderen Wert auf die Architekturzeichnung, das für ihn entscheidende Entwurfsmedium. In seinem Werk steht in einer Zeit des bedingungslosen Fortschrittsglaubens nicht die Innovation im Zentrum, sondern die Wertschätzung der Vergangenheit. Sein konzeptioneller Ansatz stellt eine Grundlage für spätere namhafte Architekten, wie etwa Mario Botta und Hans Hollein, dar.

WERKE

Düsseldorf, Mus. Kunst Pal. New York, MoMA: 4 Glasobjekte. Wien, MAK: über 350 Entwurfszeichnungen, Modelle, Plakate, Objekte.

AUSSTELLUNGEN

Einzelausstellungen:

1974 London, Heinz Gall. (K) / Vicenza: 1974 Domus Conestabilis (mit Francesco Motterle und Guido Pietropoli); 2000 Pal. Barbaran da Porto / 1975 Paris, Inst. de l’Environnement (K) / Madrid: 1978 Gal. I.D.; 1985 Sala de Expos. MOPU (beide K) / Venedig: 1984 Gall. dell'Accad. und Fondazione Querini Stampalia; 2012 Le Stanze del Vetro (beide K) / 1988 Tokio, GA Gall. / 1989, 2003, '06 (mit Josef Hoffmann) Wien, MAK (alle K) / 2000 Verona, Mus. di Castelvecchio (K). -

 

Gruppenausstellungen:

New York, MoMA: 1938 Useful Household Objects Under $5.00; 1958-59 20th Century Design from the Mus. Coll.; 1979 Transformations in Mod. Archit. (K); 2009 Shaping Modernity: Design 1880-1980 / 1968 Venedig: Bienn.

 

QUELLEN

Thieme-Becker, Vollmer und AKL:

Vo6, 1962

 

Weitere Lexika:

M.Emanuel (Ed.), Contemp. architects, N.Y. u.a. 31994; DA XXVIII, 1996; Dict. de l'archit. du XXe s., P. 1996; Dict. internat. des arts appliqués et du design, P. 1996; ContempDesigners, 31997; V.M.Lampugnani (Ed.), Hatje-Lex. der Archit. des 20. Jh., Ostfildern-Ruit 1998; C.Olmo (Ed.), Diz. dell'archit. del XX sec., VI, T./L. 2000; S.Polano/M.Mulazzani, Guida all'archit. ital. del Novecento, Mi. 2005; R.De Fusco, Made in Italy, Fi. 32014

 

Gedruckte Nachweise:

P.Fossati, Il design in Italia 1945-1972, T. 1972; F.Dal Co/G.Mazzariol (Ed.), C.S. Opera completa, Mi. 1984 (Lit., WV); T.Güller und V.M. Lampugnani, C.S. Archit., St. 1986; A.F. Marcianò, C.S., Z./M. 1986; C.Hoh-Slodczyk, C.S. und das Mus., B. 1987; F.Fonatti, Elemente des Bauens bei C.S., W. 1993 (WV); S.Los, Architekturführer C.S., Ve. 1995 (Lit., WV); N.Wohllaib, Art aurea 4:1996, 93; E.Heathcote, Mon. builders, Chichester 1999; G.Conti, L' archit. del Novecento in Romagna, Forlì 2012; R.McCarter, C.S., Lo. 2013 (Lit., WV); A.-C. Schultz, C.S. Layers, St./Lo. 2014 (Lit.)

 


VOLLMER

Scarpa, Carlo, ital. Architekt, *1906. ansässig in Venedig. Lehrer am Istituto Univ. di Architettura in Venedig. Erhielt 1956 den Nationalen Olivetti-Preis für Architektur. Architekt der Biennale Venedig 1958, für die er u. a. den Venezuela-Pavillon u. die Sale di Viani u. Mastroianni entwarf. Schuf die Innenausstattung des Museo di Castelvecchio in Verona. Lit.: Architettura, 5 (1959) Mai p. 18/27. - Casabella, Nr 232 (1959) Okt. p. 46f. - Domus (Mailand), Nr 362 (1960) Jan. p. 9/14; Nr 369 (1960) Aug. p. 39 bis 53. - Magnum (Frankf. a. M.),1958 H. 19 p. 36, m. Fotobildn., 37. - Werk (Zürich), 44 (1957) Beil. p. 44, m. Abbn. - Zodiac, Nr 4 (1959)128/47,199/202, 206/08; Nr 6 (1960) 140/87.