Nikolaus von Verdun (Nicolaus; Nicolas; Nicholas), Sign. des Meisters einer Goldschmiede-Wkst., 1181-1205 nachgewiesen.
Nikolaus von Verdun (1140)
N. stammte aus Verdun (Lothringen) und damit aus einem Gebiet, das im 12. Jh. wirtschaftlich und kult. sowohl mit den frz. Metropolen der Champagne und der Île-de-France sowie den Zentren der Metallkunst im Maasgebiet und den Rheinlanden eng verbunden war. Man kann davon ausgehen, dass er um 1150 geb. wurde; seine Schaffenszeit könnte bis gegen 1220 reichen. Zwei der erh. Werke sind sign. und datiert. Die emaillierte Metallverkleidung einer Kanzel (sog. Klosterneuburger Ambo) im Stift Klosterneuburg bei Wien ist 1181 fertiggestellt worden: QUOD NICOLAUS OPUS VIRDUNENSIS FABRICAVIT. Der Marienschrein in der Kathedrale von Tournai (Belgien) wurde laut Sign. 1205 voll.: HOC OPUS FECIT MAGISTER NICOLAUS DE VERDUM CONTINENS/ ARGENTI MARCAS C IX AURI VI MARCAS/ ANNO AB INCARNA(TI)ON(E) D(OMI)NI MCCV CONSUMMATUM EST/ HOC OPUS AURIFABRUM. In der Schreibweise des Namens weniger eindeutig ist die 1660 überlieferte Sign. eines verlorenen Reliquiars im Wormser Dom, das den Hl. Petrus und die Stifterin, Königin Konstanze, als silbervergoldete thronende Statuetten zeigte: HOC OPUS FECIT NICOLAUS DE VERDA IMPERIO REGINAE CONSTANTIAE. Bei der Stifterin könnte es sich entweder um die Gemahlin Heinrichs VI. (Heirat 1186, †1198) oder um die Frau Friedrichs II. (Heirat 1209, †1222) handeln. N.s Hw., die antikisierenden Emailtafeln heute am Klosterneuburger Altar, befanden sich zuerst an and. Stelle. Eine Inschr., die 1331 bei der Umwandlung des Emailwerks in den Flügelaltar angefügt wurde, nennt als urspr. Ort einen Ambo. Wahrsch. haben die 55 Emailplatten, die in ein System aus Dreipassarkaden auf Säulen gespannt sind, die drei Seiten einer vortretenden Kanzelbrüstung geschmückt. In drei Zonen sind korrespondierende Bibelszenen aus den drei christl. Weltzeitaltern nach Typus und Antitypus übereinander geordnet: Das Programm ist in der Beischrift und durch die Tituli genau erklärt, so dass die Wortverkündigung durch die Bildpredigt ergänzt wird. Nach Praxis der Zeit ist ein derart umfangreiches Werk nicht von einem Einzelnen geschaffen worden. Man hat durch Händescheidung fünf Künstler erkennen wollen, die sich allerdings alle einer antikennahen Formensprache bedienen. Welcher nun mit dem Personalstil des sign. Meisters zu identifizieren ist, bleibt offen. Der Klosterneuburger Ambo ist das umfangreichste und bed. Emailwerk des MA in der Technik des Grubenschmelzes. Seine künstlerische Gest. zielt auf Bewegung und Plastizität, was den Eindruck der Antikennähe evoziert. Es initiiert den antikisierenden Stil um 1200, welcher der Hochgotik unmittelbar vorausgeht. Die Voraussetzungen für die neue Figuren-Gest. finden sich in der maasländischen Goldschmiedekunst und nord-frz. Buchmalerei um 1170. Ein wichtiger Vorläufer, der fälschlich als Frühwerk von N. angesehen wurde, ist mit dem Leuchterfuß des Prager Veitsdoms und seinen Figuren nach antiken Kleinbronzen erhalten. Er wurde bei der Eroberung Mailands 1163 von den Böhmen erbeutet, muss also vorher entstanden sein. Figuren wie die Königin von Saba in Klosterneuburg sind inspiriert von einem Werk spätantiker Elfenbeinkunst, dem Diptychon der Symmacher (um 400, Paris, Mus. Cluny) und Nicomacher (London, V&A), das im MA in Montier-en-Der (Haute-Marne) nicht weit von Verdun aufbewahrt wurde. Um 1200 sind die Elfenbeintafeln dort von einer Wkst., die mit der des N. in Zusammenhang steht, einem Reliquiar eingefügt worden, das in der Revolution zerst. wurde. And. Motive in Klosterneuburg weisen auf die Kenntnis des antiken Jovinus-Sarkophages in Reims hin. Das zweite erh. und sign. Werk, der Marienschrein in der Kathedrale von Tournai (1205), bedient sich der Technik getriebener Silberreliefs. Unter spitzbogigen Dreipassarkaden ist an den Seiten des Schreins in sieben Szenen die Menschwerdung Christi von der Verkündigung bis zur Flucht nach Ägypten gereiht. Die wichtigste Position an der einen Schmalseite nimmt dabei die Anbetung der Könige ein. Die and. Stirnseite füllt die Figur eines thronenden Christus zwischen Engeln. Auf den Dachschrägen sind sechs getriebene Reliefmedaillons mit dem Christusleben und der Passion angebracht. Die Reliefs sind z.T. rest. und in ihrer Qualität uneinheitlich. In seiner Antikennähe unübertroffen ist der an die griech. Klassik erinnernde thronende Christus an der Stirnseite. Die Kopf- und Gewandbildung antizipiert die des (zerst.) Trumeau-Christus am Nordquerhaus der Kathedrale von Reims. Fast alle Köpfe des Schreines sind original. Deutlich sind zwei unterschiedliche Gest.-Weisen erkennbar. Gegenüber den großartigen Köpfen sind die Körper- und Gewandpartien der meisten Figuren kraftlos und inkongruent. In der Szene der Heimsuchung wirkt die Figur der Elisabeth mit strengen Alterszügen wie das Vorbild der entsprechenden Figur am mittleren Westportal der Kathedrale von Reims. Von den Werken, die N. bzw. seiner Wkst. zugeschr. werden, ist nur der Dreikönigenschrein im Kölner Dom gesichert. Er birgt u.a. die Reliquien der Hll. Drei Könige, die 1164 von Erzbischof Reinhard von Dassel aus Mailand (S. Eustorgio) nach Köln überführt wurden. Die Entstehungszeit um 1200 wird durch das Fälldatum des Eichenholzes (ca. 1190) für den tragenden Kasten bestätigt. Die Nachricht, dass Erzbischof Philipp von Heinsberg die Reliquien 1191 in den Schrein gelegt haben soll, wird sich auf ein Provisorium beziehen und könnte zugleich den Beginn der Arbeiten festhalten. Die Kronenstiftung König Ottos IV. (1198) für die Schädel der Drei Könige ist ein Hinweis darauf, dass um 1200 am Schrein gearbeitet wurde. Man nimmt an, dass die ganz aus Goldblech gefertigte und mit großen antiken Kameen geschmückte Frontseite auf die mit der Krönung verbundene Schenkung von Gold zurückzuführen ist. Der Herrscher ist als vierter König in der Anbetungsszene an der Frontseite am Geschehen beteiligt. Den faktischen Beweis für den Zusammenhang der Wkstn in Klosterneuburg und Tournai liefern die Ornamentstempel, die an allen drei Werken vorkommen. Schon die Gliederung der Seiten mit Dreipassarkaden auf Säulen spricht für die Wkst.-Identität, wobei die Proportionen und die Rundbögen in Köln dem Konzept von Klosterneuburg näher sind als dem von Tournai. Viele Details der Ornamentik und der gravierten Teile des Kölner Schreins sind mit denen der beiden sign. Werken nahezu identisch. Der thronende Christus an der Frontseite des Dreikönigenschreins verrät die gleiche künstlerische Konzeption wie sein Gegenstück am Schrein in Tournai. Der Kopf des Josef in der Flucht nach Ägypten dort ist eine wörtliche Wiederholung des antikisierenden Altmännerkopfes des Kölner Propheten Amos. Der Kölner Schrein, der größte und prächtigste, der aus dem MA erh. ist, hat die Form einer Basilika. An den Langseiten sind unten zwölf Propheten und im Obergeschoss Apostel als vergoldete Silberreliefs angebracht. Den unteren Teil der Frontseite nehmen die Anbetung der Könige und die Taufe Christi ein. Darüber erscheint der endzeitliche Christus zwischen Engeln mit den Leidenswerkzeugen. An der Rückseite sieht man Darst. der Passion und im Obergeschoß zwei Märtyrer, die zum Reliquieninventar des Schreins gehören: Felix und Nabor. Den Schöpfer der Prophetenporträts, der mit N. identifiziert wird, hat man, um seinen künstlerischen Rang deutlich zu machen, immer wieder mit Donatello, Michelangelo oder Auguste Rodin verglichen. Immer ist das Unzeitgemäße seiner Kunst empfunden worden, die in der Wirklichkeitsnähe des Menschenbildes neuzeitlich erscheint. Die Reihe der Prophetenköpfe ist wohl die eindrucksvollste "Porträt-Gal." des MA. Ein unerhört waches Interesse am Menschen ist zu spüren, das nicht dadurch geschmälert wird, dass man als Prototypen für die meisten dieser Patriarchenköpfe antike Porträts nachweisen kann. Neu ist die psychologische Ausdruckskraft, die man nur als physiognomische Erfahrung nach der Natur erklären kann. Das kühne Profil des Propheten Habakuk mit den weit zurückliegenden, spähenden Augen scheint alle vorwärtsdeutenden Kräfte der Zeit um 1200 in sich zu sammeln. Die stilistisch spätesten Teile finden sich an der Rückseite. Sie entfernen sich z.T. von dem hohen Qualitätsstandard der Wkst. N.s und mögen um 1220 ergänzt worden sein. Von allen weiteren Zuschr.-Versuchen verdient nur der Siegburger Anno-Schrein eine Stellungnahme. Wahrsch. in den 1180er Jahren entstanden, darf er als Parallele oder unmittelbare Vorstufe zum Dreikönigenschrein angesehen werden. Er ist aller getriebenen Silberreliefs, einem Zyklus der Kölner Erzbischöfe, beraubt, so dass die Vergleichsmöglichkeiten sehr eingeschränkt sind. Auffällig ist jedenfalls, dass die Gliederung mit Dreipassarkaden auf Säulen in den Grundzügen mit dem Klosterneuburger Ambo und dem Dreikönigenschrein übereinstimmt. Die Archit. ist aber, bes. in den aufschwingenden Arkaden der Schmalseiten, dynamischer. Wo es geht, sind gegossene figürliche Teile eingefügt (Zwickelpropheten, Firstkamm und Kapitelle), eine Technik, die in den gesicherten Werken N.s sonst keine Rolle spielt. Zugeschr. wurde auch das Mailänder Nachfolgewerk des Prager Leuchterfußes: der Trivulzio-Kandelaber im Mailänder Dom dürfte seinem Stil nach im 1. V. des 13. Jh. entstanden sein. Es handelt sich um eine Parallele zum Œuvre N.s, aber mit and., der Gotik aufgeschlosseneren Zügen. Die Bezüge zur Kunst an der Maas und in der Champagne sind zwar deutlich, doch wurde auch England ins Spiel gebracht. Fast alle Kölner Schreine des späten 12. Jh. wurden mit N. in Verbindung gebracht. Nichts davon hält einer genauen Überprüfung stand. Eine eigentliche Schule des großen Goldschmieds hat es offenbar kaum gegeben. Der antikisierende Stil in der Goldschmiedekunst ist aber noch bis um die M. des 13. Jh. zu belegen. Die Werke des Hugo d'Oignies gehören dazu und die gravierten Darst. der Tafelreliquiare in Trier und Mettlach. Deutlicher ist die Wirkung N.s in der Steinskulptur der Kathedralen des frühen 13. Jh., bes. an der Kathedrale von Reims zw. 1211 und 1230. Doch wird die Antikenmode vom Pariser Zentrum ausgehend bald von schlichten hochgotischen Formen überlagert und an den Rand (in die Provinz) getrieben. Das Œuvre N.s ist eine ästhetische Entdeckung des 20. Jahrhunderts. Die Wertschätzung beruht nicht zuletzt auf der Wirkung der Detail-Fotogr., wobei der Schein des Vorzeitigen einen besonderen hist. Reiz ausübt.
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