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Katsushika, Hokusai

Born
Honjo / Edo (Tokio), 23 September 1760
Died
Asakusa / Edo (Tokio), 18 April 1849
Country
Japan
Gender
male
GND-ID
Name Variations
Katsushika, Hokusai; Katsushika Hokusai; Hokusai; Nakajima Tamekazu; Katsukawa Shunrô; Hishikawa Sôri; Tokitarô; Tetsuzô; Shinsai; Taitô; Raitô; Raishin; Kintaisha; Gakyôjin; Kuku; Fusenkyo; Gyobutsu; Gumbatei; Kakô; Tatsumasa; Gakyō Rôjin; Iichi; Manji; Manjiô; Ryôsen; Shimpaku Sanjin; Sôshunrô
Occupations
Painter; Master Draughtsman; Woodcut Draughtsman; Dichter
Places of Activity
Ōsaka, Uraga (Yokosuka), Tokio
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By
Last edited
23.07.2025
Published in
AKL LXXIX, 2013, 411; ThB XVII, 1924, 322 ss

VITA

Katsushika Hokusai ([Nakajima] Tamekazu; Tokitarô; Tetsuzô; Miuraya Hachiemon; zahlr. Gô: u.a. [Katsukawa] Shunrô; Fusenkyô Iitsu; Gakyôjin; Gakyô Rôjin; Getchi Rôjin; Gumbatei; Gyôbutsu; Hokusai; Hokusai Sôri; Hyakurin Sôri; Iitsu; Kakô; Katsukawa Shunrô; Kintaisha; Kukushin; Manji; Manji Rôjin; Raishin; Raito; Ryôsen; Shimpaku Sanjin; Shinsai; [Tawaraya] Sôri; Taito; Tokimasa [Tatsumasa]; Zen Hokusai Iitsu), jap. Maler, Holzschnittzeichner, Zeichner, Dichter, *23.9.1760 Edo, †18.4.1849 ebd.

LIFE AND WORK

K. Hokusai wird in Edo im Honjo Warigesui-Bez. als Sohn der Kawamura-Fam. geb. (Auskunft gibt die Inschr. von K.s Grabstein). Bereits als 5jähriger beginnt K. nach eigenen Angaben mit dem Malen (Postskriptum Fugaku hyakkei, 1834; Vorw. Ehon saishiki tsû, 1848). Name in der Kindheit Tokitarô. Als Jugendlicher (ab ca. 1769) trägt er den Namen Tetsuzô, nachdem sein Onkel Nakajima Ise (ein Metallspiegelgießer im Dienste des Bakufu) ihn adoptiert hat (erw. in Kyokutei Bakins Briefe-Slg. Kyokutei raikan shû). Den Beruf des Spiegelmachers übt K. nicht aus; dies übernimmt später sein Sohn, der allerdings früh stirbt. Über die ersten Lebensjahre des K. ist wenig bekannt. Neben einer Tätigkeit als Angestellter in einem Buchladen (erw. in Katsushika Hokusai den, 1893), arbeitet er im Alter von 15 Jahren für mehrere Jahre als Schriftschneider von Holzdruckplatten. 1778 wird K. Schüler des führenden Ukiyoe-Malers Katsukawa Shunshô (1726-1792) und soll weiterhin bei Kanô Yûsen und Sumiyoshi Hiroyuki studiert haben. Sein künstlerisches Debüt hat K. 1779 unter dem Namen Katsukawa Shunrô mit Hschn. im Stil der Katsukawa-Schule (Porträts von Kabuki-Schauspielern) sowie mit Ill. für Lesehefte (kibyôshi). Daneben Drucke mit Darst. von Schönheiten (bijinga) und Malereien. Benutzt bis 1788 den Künstlernamen Gunbatei für Roman-Illustrationen. 1792 stirbt Katsukawa Shunsho. 1794 legt K. nach einem Streit mit der Katsukawa-Wkst. seinen Namen Shunrô ab und übernimmt das Gô des Rimpa-Malers Tawaraya Sôri (bis Herbst 1798). In dieser Zeit produziert K. äußerst erfolgreich Vorzeichnungen für ill. Bücher mit Scherzgedichten (kyôka ehon), Bildkalender (egoyomi) und luxuriöse Privatdrucke (surimono) sowie Malereien versch. Themen (u.a. Bijin). Ab 1798 nennt sich der Künstler Hokusai Tokimasa (Kame, 1798, surimono, K. Hokusai Mus.), Hokusai und Gakyôjin Hokusai ("der malverrückte Hokusai") und überträgt den Künstlernamen Sôri auf seinen Schüler Rinsai Sôji. Der neue Name kennzeichnet K.s Identität als von Schultraditionen unabhängiger Künstler. Gleichzeitig ist er ein spirituelles Bekenntnis des Künstlers zu seiner Verehrung der Gottheit des Polarsterns, dem Bodhisattva Myôken (Hokusai=Studio des Nordens; Abkürzung für Hokushinsai=Studio des Polarsterns). 1799 bemalt K. eine Laterne und eine Wandtafel für den Mimeguri Inari-Schrein (Sumida) anlässlich der jährlichen Ausst. der Tempelschätze. 1803 Teiln. an einer Malvorführung (sekiga) auf Einladung von Ôta Nanpo (1749-1823) u.a. 1804 malt K. das gigantische Porträt eines Daruma (ca. 21 x 9 m) in einer öff. Malvorführung im Gokokuji Tempel in Edo. K., der mit seinen Gedichtblättern und der Ill. von kyôka ehon zu Ruhm gelangt war, wird während der Bunka-Ära (1804-1818) einer der produktivsten Illustratoren für populäre Serien-Erzählungen (ca. 50 mehrbändige yomihon); v.a. Zus.-Arbeit mit dem befreundeten Schriftsteller Kyokutei (Takizawa) Bakin (1767-1848). Künstlernamen Kyûkyûshin, Gakyôjin und Hokusai. K. lebt von Frühjahr bis Sommer 1906 bei Bakin in Edo; im Juni Reise in die ehem. Kazusa Prov. (Bôsô Halbinsel). Aufgrund künstlerischer Differenzen beenden K. und Bakin 1807 auf Dauer ihre Kooperation. 1808 Teiln. an einem Treffen zur Beurteilung vom Malerei und Kalligrafie (shogakai) in Yanagibashi (Edo). A. 1810 Teiln. an einer Malvorführung in Ryôgoku, organisiert von Bakin. Die Produktion von Ill. für Serien-Erzählungen nimmt ab, als K. 50 Jahre alt wird. Im Herbst des Jahres gestaltet K. die Aushängeschilder des Kabuki-Theaters Ichimuraza. K. benutzt nun auch den Künstlernamen Taito ("Unter dem Schutz des Großen Wagens"). Beginn der Publ. zahlr. Bilder-Hbb. (edehon) in den nächsten 20 Jahren. Im Herbst 1812 unternimmt der Künstler eine Geschäftsreise nach Nagoya, wo er sechs Monate im Haus seines Schülers Maki Bokusen (1775-1824) lebt. In dieser Zeit produziert K. rund 300 detaillierte Zchngn. für Hschn.-Drucke. Weitere Reisen wohl auch in die Kansai-Gegend, nach Ôsaka, Yoshino, in die Prov. Kii und nach Ise. Zwei Jahre später werden die Zchngn im ersten Bd. von Das Wesen vermitteln und das Malen lernen - Allerlei Skizzen von Hokusai/Denshin kaishu Hokusai manga (zw. 1814-1878, 15 Bde., der letzte Bd. posthum, Mus. für Asiat. Kunst, Berlin) von dem Verleger Eirakuya Tôshirô veröffentlicht. Im Herbst 1817 malt K. bei einer öff. Veranstaltung in Nagoya erneut eine riesige Daruma-Figur (ca. 18 x 11 m), um Werbung für seine Hokusai manga zu machen. 1818 Reise in die Prov. Kii. 1819 Weitergabe des Künstlernamens Taito an seinen Schüler Toenrô Hokusen (tätig 1810-1853). 1820 ändert K. seinen Namen zu Iitsu ("[Wieder] ein Jahr alt"), in Anspielung an die Voll. des runden Lebenszyklus von 60 Jahren. Den Namen Hokusai behält er. Neben Entwürfen für Bilder-Hbb. viele surimono. K. führt die Rangliste von Illustratoren zus. mit Utagawa Toyokuni an. 1821 stirbt H.s vierte und jüngste Tochter O-Nao. 1822 trennt sich K.s älteste Tochter O-Miyo von ihrem Mann Yanagawa Shigenobu (1787-1832), Schüler und Adoptivsohn von K. Der Künstler trifft Jan Cock Blomhoff (1779-1853), Leiter der Dejima-Faktorei der VOC, in Nagasaki und nimmt Malaufträge an. Er interessiert sich für optische Geräte (Fernrohre, Mikroskope) und holl. Papier. 1825 Veröff. von eigenen Scherzgedichten unter dem Künstlernamen Manji (Haifu yanagidaru, Heft 85). 1826 Malvorführung in Yanagibashi. Im selben Jahr übergibt K. die beauftragten 40 Malereien auf holl. und jap. Papier an die Dejima-Delegation (u.a. von Siebold und der Maler Kawahara Seiga). 1827 erleidet K. einen Schlaganfall und heilt sich mit selbstgemachter Medizin. 1828 Tod seiner zweiten Frau Kotome. In der Rangliste (banzuke) berühmter Persönlichkeiten Edos hält K. eine Sonderstellung inne. 1829/30 löst K. die Schulden seines Enkels aus und schickt ihn nach Takasaki (heutige Gunma Präf.). 1831-35 malt K. im Farb-Hschn. seine berühmtesten Lsch.-Ser., Blumen- und Vogelmalerei, Gespensterbilder und narrative Themen. 1834 benutzt er erstmals das Gô Gakyô Rôjin Manji ("der malverrückte Alte Manji"). 1835 Reise nach Sagami und Izu (Präf. Kanagawa). 1839 wohnt K. in Honjo (Sumida), wo durch ein Feuer zahlr. Kopieskizzen (shukuzu) vernichtet werden. Bis dahin ist K. rund 60mal umgezogen. 1840 Reise nach Bôsô. In dieser Zeit hauptsächlich Malerei. 1842 beginnt K. mit den über 200 Zchngn der Shishi-Löwen, von denen er täglich eine anfertigt als magischen Schutz gegen Unglück (Nisshin jôma). Erh. ist ein Selbstporträt in einem Brief (Leiden). 1844 fertigt er das Deckengemälde des Festwagens für das Higashi-Festival in Obuse an (K. Hokusai Mus. of Art). 1846 kursieren Fälschungen von K.s Werken in Ôsaka. 1847 erhält der Samurai Miyamoto Shinsuke statt eines bestellten Bildes die Shishi-Zchngn (später als Album zus.-gefügt). Im Frühling 1849 erkrankt K. und stirbt im April in seiner Mietunterkunft auf dem Gelände des Henjôin in Asakusa. Seine dritte Tochter O-Ei, die mit ihm gelebt hat, schickt eine Todesanzeige an seinen Schüler Hokushin (1824-1876) (Slg K. Hokusai Mus.). Große Anzahl von Schülern (rund 200), von denen zahlr. bek. Ukiyoe-Künstler waren (z.B. Teisai Hokuba, Totoya Hokkei, Suzuki Hokusai (Hokusai II) und Tôenrô Tokusen (Taito II). Die engste Beziehung hat K. zeitlebens zu seiner Tochter K. O-Ei. Ihr wird heutzutage eine Mitwirkung an einigen Werken K.s. zugeschr. - Bedeutendster Maler und Zeichner des 19. Jh.s in Japan. K. ist im W. v.a. als Schöpfer von Farb-Hschn.-Bll. und -Ser. bek. In Japan galt er als Exzentriker mit einem unruhigen Lebenstil und unermüdlicher Energie bis ins hohe Alter. Sein Ziel war, mit 100 Jahren wahre Meisterschaft in der Kunst zu erreichen (Siegel "Hyaku/100"). Sein lebenslanges Streben nach Veränderung und Verbesserung zeigt sich u.a. in der Vielzahl seiner Künstlernamen. K. wechselte 93mal den Wohnsitz. Obgleich für seine Werke hochbezahlt, lebte er in Armut und legte keinen Wert auf materielle Besitztümer. Aufgrund der langen Lebenszeit des K. mit einer Zeitspanne von über 70 Jahren Tätigkeit als Künstler erscheint sein Wirken als eine Abfolge bzw. Kombination von zahlr. kreativen Identitäten als Maler, Hschn.-Zeichner, Buch-Illustrator, Dichter und Romanautor. Unermüdliches Stud. versch. künstlerischer Techniken und Stile (u.a. chin. Ming-Dynastie, Kanô-und Sumiyoshi-Schulen, Rimpa-Malerei, zeitgen. Ukiyoe, westliche Mal-Trad.). Sein gesamtes Schaffen ist geprägt von großer Experimentierfreudigkeit (so soll er erstmals Preußischblau im Farb-Hschn. verwendet haben). Der Korpus seines Werkes umfasst u.a. mehrere hundert Gem., mehr als 1000 Entwürfe für Hschn.-Einzel-Bll., über 250 ill. Bücher. Allein die Entwürfe in den 15 Bdn. der Hokusai mangabetragen fast 4000 Zchngn. Vielfältiges Spektrum an Gattungen: Malerei auf Papier/Seide (nikuhitsuga), Privatdrucke (surimono), kommerzielle Farb-Hschn. (nishikie), Ill. für Bilderbücher (ehon), Gedichtbücher (kyôka eho), Erzählungen (yomihon). Weiterhin einer der zentralen Shunga-Künstler (erotische Zchngn) des 19. Jh.s. Schuf nicht nur Gem. im Hängerollenformat, sondern auch Querrollenformate und Stellschirme. Häufig Ausgestaltung von materiellen Objekten wie Banner, Laternen, Textilien und Wagen für jahreszeitliche Festivals. K.s Wirken wird in sechs große künstlerische Phasen eingeteilt. Die Shunrô-Periode (1779-94) umfasst seine Ausb. und später recht lange Tätigkeit als Entwerfer von Hschn.-Bll. mit Darst. von Kabuki-Schauspielern im Stil der Katsukawa-Schule. Sie ist bis 1783 von stilistischer Schultreue geprägt (Der Schauspieler Segawa Kikunojô III. in der Rolle von Masamunes Tochter Oren, 1779). Von 1787-92 produktivste Phase des K. in der Katsukawa-Wkst. mit deutlicher Individualität im Stil und breiter Themenvielfalt. Unter dem Einfluss von Torii Kiyonaga (1752-1815) werden K.s Frauengestalten voller, mit gerundeten Konturen. Einziges Gem. mit Shunrô-Sign. ist Shôkizu um 1793, Hokusai Mus.). Die poetische Schönheit seiner Figuren-Darst. in Buch-Ill. (Fukagawa haiken, sharebon), in Gedichtbüchern (Yanagi no ito, 1797) sowie die luxuriöse Ausgestaltung seiner Privatdrucke (Grasshoper, Morning Glories and Taro Plant, um 1798, langes surimono, BM) stehen für die nachfolgende Sôri-Periode (1795-98). Künstlerische Innovationskraft und Eigenständigkeit mit Hinwendung zu Landschaftsentwürfen und Figuren-Darst. in Gedichtbüchern und Alben (von Hillier 1980 als "poetic topography" bez.). Wenig kommerzielle Vielfarbendrucke, die aber äußerst qualitätvoll sind (Ser. Fûryû nakute nanakuse, c. 1800, urspr. sieben Bll., erh. sind zwei, Kôbe City Mus.). Malerisches Hw. der Periode ist The Chinese Immortal Yuzhi; Dragon with Qin (1798, Hängerollen-Paar, Privat-Slg.), eine kühn-dramatische Adaption einer Buch-Ill. im Kanô-Stil mit einer beeindruckenden expressiven Vielfalt von Pinseltechniken, Tuschelavierungen und leuchtender Farbigkeit. Das seltene Siegel "Shizôka" (übers. von Keyes in Carpenter 2005 als "My master is creation") auf den Bildern wird als paradigmatische Eigenaussage des Künstlers verstanden. Aus dieser Zeit ebenfalls einige sehr individuelle Gem. eleganter schöner Frauen (bijinga) im Hängerollenformat erh., bei denen K. in einem neuartigen Tuschestil mit kräftigen nassen Lavierungen und leichten Farben arbeitet ("Sôri-Schönheiten", Musumezu, zw. 1795-1798, K. Hokusai Mus.). In der Hokusai-Periode (1798-1809) deutlich weniger Ill. von Gedichtbüchern (Todo meisho ichiran, 1800, Obuse) und Privatdrucken, dafür Konzentration auf Ill. von Erzählbüchern (yomihon). K. gelingt es perfekt, die moral-didaktische Narration der Textvorlagen mit teilw. brutalem und fantastischem Gehalt sowie mysteriöser Stimmung visuell kraftvoll zu transponieren (Shinpen Suikogaden1805, Autor Kyokutei Bakin, K. Hokusai Mus.). K. ist sicherlich der bedeutendste Zeichner von Schwarz-Weiß-Ill. der Tokugawa-Zeit. Die malerischen Werke besitzen sowohl thematische als auch stilistische Vielfalt, von Kano-Malerei inspirierten Gem. (Chinese Lions, c. 1801-1804, Stellschirm, Tokio NM) über naturalistische Tierdarst., die K.s Interesse an Form und Bewegung widerspiegeln (Carp, ca. 1801-1810, Hängerolle, MMA Gunma) bis zu lyrischen Landschafts-Darst., v.a. Gathering Shellfish at Ebb Tide (ca. 1806-1811, Hängerolle, Ôsaka City Mus. of Art), das eine brillante Amalgamation versch. Maltraditionen ist, u.a. chin. Tuschestil und europ. Chiaroscuro. Daneben konzentriert sich K. auf die Trad. des Ukiyoe, die von ihm durch einen kraft- und humorvollen Stil mit einer Kombination aus jap., chin. und westl. Maltechniken erweitert und belebt wird (Tôkaidô gojûsan tsugi, zw. 1809-1813). Intensive Kontakte mit künstlerischen Strömungen außerhalb des Ukiyoe, (z.B. zum Rangaku-Gelehrten Shiba Kôkan). Verarbeitung westlicher Perspektivmethoden und Beschäftigung mit Wellenmotiven (Kanagawa oki honmokunozu, zw. 1804-1807, Sumida City). Experimente mit kleinformatigen Landschaftsdrucken als Zitat der Trad. westlicher Kupferstiche, u.a. Imitation der Schraffierung von Radierungen und Perspektivwirkung in der Ser. (Orandae kagami Edo hakkei, zw. 1804-1816, Rijksmus.). Die Taito-Periode (1810-1819) sieht eine Vielzahl an gedruckten, populären Bilder-Hbb. (edehon), die für Amateurmaler und Schüler gedacht sind und den Katsushika-Stil dokumentieren und verbreiten (Santai gafu, 1816). Weltberühmt die sog. Hokusai manga, die das Bild des Künstlers und seinen Stil nachhaltig seit dem 19. Jh. im W. prägen und als Quelle der visuellen Inspiration für zahlr. Künstler dienten (z.B. van Gogh, Whistler). Populäre Entwürfe für Vorlagenbücher für Kunsthandwerker (u.a. Lack, Textilien) (Imayô sekkin hinagata, 3 Bde., 1823). Daneben kommerzielle Farb-Hschn., z.B. topografische Ansichten aus der Vogelperspektive (Tôkaidô meisho ichiran (1818), kyôka ehon und qualitätvolle surimono. K. produziert Gem. mit zunehmend breitem Themensprektrum, v.a. chin. und jap. hist. Legenden und Figuren (Tametomo and the Inhabitants of Onoshima, 1811, BM), aber auch zeitgen. Genre-Themen und Tusche-Landschaften (Fukeizu, 1813, K. Hokusai Mus.). In der Iitsu-Phase (1820-1833) etabliert K. Lsch. als neues vitales Thema im Ukiyoe-Hschn. Die wichtigsten Werke der Zeit sind die berühmten, schnell aufeinander publizierten Hschn.-Serien in den 1830er Jahren. K. gestaltet häufig ein zentrales Ser.-Motiv (Berg Fuji, Wasserfälle, Meer) in immer wieder überraschenden Variationen (Fugaku sanjûrokkei, um 1831; Shokoku takemeguri, um 1833; Chieno umi, zw. 1830-1834). Neben Utagawa Hiroshige wird er zum führenden Landschaftsdarsteller im Holzschnitt. Daneben elegante, von der chin. Hschn.-Bildtrad. inspirierte Darst. von Blumen-und-Vogel-Serien (z.B. Botanni kochô, zw. 1833-1835) mit naturgetreuer Darst. in Komp., die an fotogr. Großaufnahmen erinnern. Weitere bed. Folge sind die Gespensterdarstellungen (Hyaku monogatari, 1831/32). Die Fig.-Malereien der Iitsu-Phase zeigen K.s Experimente mit der menschlichen Gestalt. Starke Hell-Dunkel-Kontraste betonen unnatürliche Muskulaturen und Körpervolumen, Gewänder weisen zunehmend manierierte Konturierungen mit unruhigen "Knitter-Falten" auf (Shôkizu, 1826, Kumamoto). In den letzten 15 Lebensjahren des K. (sog. Manji-Phase, 1834-1849) Konzentration auf Malerei mit Themen aus Gesch., Lit. und Legenden aus China und Japan. Neben buddh. und daoistischen Figuren erkundet K. fantastische und übernatürliche Welten (Bunshôsei, 1843, K. Hokusai Mus.), v.a. exotische und mystische Tiere wie Tiger, Adler, Phönix-Vögel und Drachen (Unryûzu, 1841, K. Hokusai Mus.), aber auch grandiose Naturgewalten, die durch eine Atmosphäre inwärts gewandter Vornehmheit char. werden. Sie sind Ausdruck des Künstlers im hohen Alter von Sehnsucht nach einer spirituellen Verbindung mit dem Göttlichen. Wichtige Hschn.-Ser. der Zeit sind Fugaku hyakkei (1834/35, 1989, ehon, 3 vols.), Hyakunin isshu uba ga etoki (1836).

WORKS

Amsterdam, RM. Atami, MOA MoA. Berlin, Mus. für Asiatische Kunst. Boston/Mass., MFA. Chiba, City AM. Honolulu, Acad. of Arts. Kamakura, Kamakura Kokuhôkan. Kumamoto, Prefectural MoA. Kyôto, Hosomi AM. Leiden. Mus. voor Volkenkunde. London, BM. Matsumoto, The Japan Ukiyo-e Mus. Minneapolis, AM. Obuse, Katsushika Hokusai Mus. of Art. Ôsaka, City AM. Saitama, Pref. Mus. of Hist. and Folklore. Seattle, AM. Takayama, Hikaru Kinenkan. Tokio, Hokusai Mus. of Art. - Idemitsu AM. - Jôsai Univ. AM. - Mus. of the Imperial Coll. - NM. - New Otani AM. - Sumida City. - Ukiyoe Ôita Mem. AM. Washington, Freer Gal.

EXHIBITIONS

Solo exhibitions:

1991 London, RA (K); Nagoya, Nagoya City Mus. (K) / 1998 Shinano, Nagano Pref. Shinano AM (K) / Tokio: 1993 Tôbu AM (K); 1995 Edo-Tokyo Mus. (K); 2005 NM (K) / 2006 Washington, Arthur M. Sackler Gal. (K) / 2010 Berlin, Martin-Gropius-Bau (K).

 

Group exhibitions:

1973 Washington, Freer Gall. of Art: Ukiyo-e Paint. (K) / Paris: 1980 Centre culturel de Marais: Le Fou de peinture: Hokusai et sons temps (K); 2008 Mus. Guimet: Hokusai 1760-1849: "l'affolé des son art", d'Edmond de Gouncourt à Norbert Lagane (K) / 1982 Amsterdam, RM: Hokusai and his school: jap. prints c. 1800-1840 (K); Harlem, Frans Hals Mus.: Hokusai and his School: Paintings, Drawings and Illustrated Books (K) / 1998 San Francisco, Asian AM: Hokusai and Hiroshige. Great Jap. Prints from The James A. Michener Coll., Honolulu Acad. of Arts (K) / 2006 Boston, MFA: Drama and desire: Jap. paint. from the floating world (K) / Tokio: 2006 NM: Edo no yûwaku Bosuton bijutsukan shozô nikuhitsu ukiyo-e ten (K); 2007 Edo-Tokyo Mus.: Hokusai - Siebold. Hokusai and his Trad. (K) / 2008 Zürich, Mus. Rietberg: Reading surimono (K).

 

SOURCES

Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:

ThB17, 1924

 

Other encyclopedias:

Bauer, GEM IV, 1977; Kindler, ML III, 1966; EWA VII, 1971, 582 ss; , DA XVII, 1996; Roberts, DJA, 1976; Genshoku ukiyo-e daihyakka jiten, 11 Bde., To. 1980-82.

 

Printed sources:

K.Ijima, Katsushika Hokusai den, 2 Bde., To. 1893 (Reprint To. 1999); M.Narazaki, Hokusai ron, To. 1944 (Reprint 1988); H.P.Stern, Hokusai Paint. and Drawings in the Freer Gal. of Art, Wa. 1965; J.R.Hillier, Hokusai Drawings, Lo. 1966; J.R.Hillier, The Art of Hokusai in Book Illustration, Lo. u.a. 1980; N. Tsuji, Hokusai, Nihon no bijutsu: Bukku obu bukkusu 31, To. 1982; M.Narazaki, Hokusai, Nikuhitsu ukiyo-e 7, To. 1982; S.Nagata, Katsushika Hokusai nenpu, To. 1985; ders., Hokusai no etehon, 5 Bde., To. 1986; ders., Hokusai no ehon sashie, 3 Bde., To. 1986-87; ders., Hokusai manga, 3 Bde., To. 1986-87; ders., Hokusai no kyôka ehon, To. 1988; M.Narazaki (ed.), Hizô ukiyo-e taikan, 16 Bde., To. 1987-2001; M.Forrer/E.de Goncourt, Hokusai, Lo./Pa. 1988; Y.Hayashi, Hokusai manga to shunga, To. 1989; P.Morse, Hokusai. One hundred poets, N.Y. 1989; R.Lane, Hokusai, Life and Work, Lo. 1989; S.Nagata, Hokusai Bijutsukan, 5 vols., To. 1990; M.Kôno, Hokusai to Katsushika-ha, Nihon no bijutsu 367, To. 1996; S.Inaga, Nouvelles de l'estampe 159(1998):6-21; J.M. Rosenfield/F.E. Cranston, Extraordinary persons (K Slg Kimiko und John Powers), I/III, C., Mass. 1999; S.Nagata, Hokusai nikuhitsuga taisei, To. 2000; A.Yonemura, Masterful illusions. Jap. prints in the Anne van Biema coll. (K), Wa. u.a. 2002; G.C.Calza, Hokusai, Lo. 2005; J.Carpenter, Hokusai and his Age: Ukiyo-e Paint., Printmaking and Book Illustration in Late Edo Japan, Amsterdam 2005; W.Kemp, Von Gestalt gesteigert zu Gestalt: Hokusais 100 Ansichten des Fuji, Berlin 2006; J.Bouquillard, Hokusai. 36 Ansichten des Berges Fuji, M. 2007; S.Brakensiek/A.Wandschneider (Ed.), Szenen aus der fließenden Welt (Paderborn/Neuss), Bönen 2007; E.Machotka, Visual genesis of Jap. nat. identity, Brüssel u.a. 2009; M.Forrer, Hokusai, M. u.a. 2010; S.Asano, Bessatsu Taiyô Hokusai ketteiban, To. 2010.

 


THIEME-BECKER

Article by: Otto Kümmel.

Hokusai, bekanntester Name eines Japan. Malers, Zeichners für den Holzschnitt u. Schriftstellers, geb. 21. 10. 1760 in Honjo, einem Stadtteile von Edo (Tōkyō), †10. 5. 1849 in Asakusa, einem anderen Stadtteile. Seine Naniensführung ist selbst für japan. Verhältnisse verwickelt. Als Stammesnamen gibt er gelegentlich Fujiwara, sein ursprünglicher Familienname scheint Kawamura zu sein (so auf dem Grabstein), sein späterer (wohl durch Adoption) ist Nakajima. Als Schüler des Shunshō nimmt er dessen Familiennamen Katsukawa, abgekürzt Katsu, an (um 1780-85), nach seiner Trennung von Shunshō Mugura (um 1785-93). 1787-93 nennt er sich Hishikawa. Außerdem verbirgt er sich gelegentlich unter den kleinbürgerlichen Namen Miura oder Hyakushō (Bauer) Hachiëmon und Tsuchimochi Ninsaburō. Am häufigsten aber führt er als Familiennamen Katsushika, den Namen des Bezirks, in dem sein Geburtsort liegt. Sein eigentlicher Name scheint Tamekazu - zu sein, als Gō Iitsu gelesen (um 1819-34), sein persönlicher Name ist zuerst Tokitarō (mit Kakō zusammen in Büchern um 1794-1804), später Tetsuzō. An Künstlernamen führt er Shunrō (um 1780-94), verbunden mit Katsukawa und Katsu, später mit Mugura, Sōri (um 1795-98) mit Stempel Kwanchi (Sadanori), Hokusai (bis etwa 1818, zuerst 1796, mit Sōri verbunden), Shinsai, Shinsei (um 1798), Taitō (um 1812-20), Raitō, Raishin), - die letzten 6 Namen angeblich nach der von H. besonders verehrten Gottheit Hokushin Myōken (kleiner Bär, Sternbild) in Yanagishima, - Kintaisha zu Ehren des von ihm gemalten großen Hotei (1804), Gwakyōjin (Malnarr, um 1800-18), Manō oder Manrōjin (Man, der Alte, 1834ff.), außerdem Hakusanjin, Kukushin (1806), Fuzenkyo (1822), als Schriftsteller Korewasei (um 1780), Gyobutsu (zuerst 1782), Gumbatei (auch als Buchillustrator, zuerst 1785), Kakō (Tokitarō, um 1793-1811, auch als Illustrator), Sankei (mit Hokusai). Diese Liste ist von Vollständigkeit weit entfernt. Besonders zugkräftige Namen, vor allem Hokusai; führt er auch nach ihrer Aufgabe in der Form "früher ..., verändert in. ... weiter. Ob H., wie behauptet wird, seine Namen an seine Schüler verkauft habe, steht nicht fest. Tatsache ist aber, daß die Namen: Mugura Shunró von Utagawa Toyomaru, Sōri von Sōji (1798), Shinsai von Ryūryūkyo, Raitō von Yanagawa Shigenobu, Taitō von Kameya Kisaburō (1819), Iichi von Kondō Iichi in Nagoya, Hakusanjin von Hokui, Kukushin von Hokumei, Gwakyōjin von Hokkō in Ōsaka, Shinsei und Raishin von unbekannten Schülern übernommen worden sind. Außerdem wurde der Name H. von Kameya Kisaburō nach seiner Übersiedlung nach Ōsaka usurpiert. - H.s (Adoptiv-?) Vater war Nakajima Ise, ein Spiegelmacher für den Hof des Shōgun, offenbar ein angesehener Mann; die Beziehungen zur Familie Nakajima scheinen indessen später irgendwie gelöst worden zu sein. Mit dem 6. Jahre beginnt H. zu malen, tritt etwa 1772 bei einem der damals besonders beliebten fliegenden Leihbibliothekare, dann bei einem Holzschneider, 1777 bei dem Ukiyoë-Meister Shunshō in die Lehre, der ihm den Namen Shunrö u. seinen Familiennamen Katsukawa (Katsu) zu führen gestattet. 1780 erschien sein erstes illustriertes Buch, 1781 das erste selbstverfaßte, aber nicht selbstillustrierte, 1782 das erste selbstverfaßte u. selbstillustrierte Buch. 1785 wird H. aus nicht ganz geklärten Gründen aus der Werkstatt des Shunshō verwiesen und tritt bei Kano Yūsen Hironobu ein, behält aber den Namen Shunrō bei und setzt nur Mugura an Stelle von Katsukawa. Das Verhältnis zu dem Kanomeister scheint indessen ebenfalls sehr bald gelöst worden zu sein (1787), angeblich wegen einer zu offenherzigen Kritik an Yūsens Werken, und H. nimmt die Namen Hishikawa Sōri an (nach Hishikawa Moronobu und Tawaraya Sōri, einem Nachahmer des Sōtatsu, Mitte 18. Jahrh.). In den nächsten Jahren studiert er bei den sehr verschieden gerichteten Malern Tsusumi Tōrin, einem Nachahmer des Sesshū, und Sumiyoshi Hiroyuki, einem späten Tosameister, außerdem europäische Malerei bei Kōkan und chines. Malerei. Sein steigender Ruf trug ihm seit 1789 zahlreiche Illustrationsaufträge ein, selbst für Werke so berühmter Autoren wie Bakin, Kyōden usw., außerdem schmückt er viele von ihm selbst verfaßte Bücher mit eigenen Bildern. Ein holländ. "Kapitän", d. h. der Leiter der holländ. Faktorei in Nagasaki, bestellte bei ihm zwei Makimono mit dem Leben eines Japaners u. einer Japanerin von der Geburt bis zum Tode, für die er die verhältnismäßig hohe Summe von 150 Ryō, etwa ebensoviel £, erhielt. Das Schicksal dieses Werkes, sowie einer von demselben Kapitän erworbenen Wiederholung ist unbekannt, auch von den anderen malerischen Arbeiten für holländ. Auftraggeber, deren Zahl nicht gering gewesen sein soll, ist jede Spur verloren. Schließlich verbot die Regierung, die dem Auslande keinen zu genauen Einblick in japan. Verhältnisse gönnte, weitere Arbeit für die Holländer. 1800 erschien H.s erstes Bilderbuch ohne Text. Am 22. 5. 1804 gibt H. die erste öffentliche Vorstellung, indem er vor der Haupthalle des Gokokuji einen Daruma von nahezu 200 qm, später an anderer Stelle ein riesenhaftes Pferd und einen kolossalen Hotei improvisierte, Virtuosenstücke, zu denen immerhin ein sehr starkes Raumgefühl gehört, da die riesigen Flächen nicht senkrecht, also übersehbar, vor dem japan. Maler hängen, sondern stark verkürzt vor ihm auf dem Boden liegen. Gleichzeitig versucht er sich an Kolossalwerken der Miniatur, einem Reiskorn mit dem Bilde fliegender Sperlinge, einem Panorama von 6 Provinzen in kleinstem Maßstabe, mit denen er die Panoramen des Kuwagata Keisai übertrumpft, und produziert sich mit dem ungeeignetsten Malgerät, den Fingern, Flaschen, Eiern u. dgl. Diese Zirkuskünste trugen dem kleinbürgerlichen Meister sogar die Ehre ein, zu einem Improvisationswettstreite mit dem sehr viel vornehmeren Maler Tani Bunchō vor die allerhöchste Person des Shōgun Iyenari befohlen zu werden. H. machte durch allerhand Malerscherze seinem Rufe Ehre. Die erhoffte hohe Protektion blieb aber aus. Trotz märchenhaften Fleißes und unablässig strömender Aufträge kam H., in materiellen Dingen zeitlebens ein Kind, niemals aus drückender Armut heraus, die ihn nicht selten zu den niedrigsten Geschäften zwang. In künstlerischen Dingen blieb er indessen immer unnachgiebig. Ein Streit wegen der Illustrationen zu einem 1807 begonnenen, von Bakin übersetzten chines. Riesenroman führte zu einem Sieg H.s über diesen einflußreichen Schriftsteller, der allerdings bald mit H. zusammenzuarbeiten ablehnte. Ein etwa halbjähriger Besuch bei seinem Schüler Bokusen in Nagoya gab H. am 13. 11. 1817 den Anlaß zu einer neuen Riesenimprovisation in einem Zweigtempel des Nishi Hongwanji. Das Motiv des wieder etwa 200 qm großen Bildes war Daruma, der Malgrund eine vierfache Lage dicksten Kleiderpapiers, das Malgerät bestand aus Besen, Strohbündeln, zusammengebundenen Reissäcken u. dgl. Eine Reise nach den Westprovinzen, Kii, Settsu, Yamashiro, soll sich nach den japan. Quellen angeschlossen haben. Das ist möglich, dann muß aber ein erster Besuch von Nagoya und den Provinzen um Kyōto früher liegen, da er in dem 1812 datierten Vorwort zum Mangwa erwähnt wird. Sämtliche japan. Bibliographien lassen allerdings Mangwa I trotz des Datums erst 1817 erscheinen, obwohl es nach dem Nachwort 1814 herausgekommen ist u. 1816 schon erwähnt wird. Um 1831/32 lebte H. aus finanziellen Gründen bei seinem Schüler Takai Sankurō, dem Sohne eines reichen Bauern, in Kobuse, Prov. Shinano, und besuchte wohl auch die Provinzen Kozuke, Shimotsuke, Hitachi, Shimōsa, Kazusa, Izu. Die nächsten Jahre brachten dem Meister Unglück über Unglück. Die Streiche eines völlig verkommenen Enkels, für die H. wahrscheinlich nach japan. Rechte einstehen sollte, zwangen ihn Ende 1834 bis Mitte 1836 in Uraga, Prov. Sagarni, unter angenommenem Namen eine Zuflucht zu suchen. Das Jahr seiner Rückkehr nach Edo war infolge einer schweren Mißernte ein Hungerjahr, wie Japan wenige erlebt hat, und alle Buchhändleraufträge blieben aus. H. sah sich, um nicht Hungers zu sterben, zu einer geradezu industriellen Bilderproduktion gezwungen. Es ist bezeichnend, daß er selbst dieser Sklavenarbeit die Form eines gesellschaftlichen Scherzspieles (Enaoshi) zu geben wußte, bei dem der Besteller selbst auf dem Blatte Seide oder Papier mit einem Punkte oder Striche dem Maler den Anfang des zu improvisierenden Bildes bezeichnete. Das übliche Honorar soll ein Shō (1,9 1) Reis, der Tagesverdienst des H. oft 30 Shō gewesen sein. 1839 machte endlich durch einen Brand, der H.s gesamte Bildervorräte u. den größten Teil seines Malgeräts vernichtete, sonst allerdings nichts zu zerstören fand, das Maß voll. Die Arbeitskraft des unverwüstlichen Achtzigers scheint indessen durch alle diese Schicksalsschläge sehr wenig gelitten zu haben. 1848 bezog H. seine 93. u. letzte Wohnung im Henjōin (Asakusa), in der er 1849 nach kurzem Krankenlager starb. Freunde und Schüler bestritten die Kosten seiner Bestattung u. seines Grabmals im Seikyōji (Asakusa). Von seinen Kindern war die jüngste Tochter Ei (Oei), die geschiedene Frau des Malers Tömei, des seit 1828 verwitweten H. beste Stütze und als ausgezeichnete Malerin seine treue Hilfe auch bei künstlerischen Arbeiten. Von den mehr als 40 Schülern des H. verdienen Hokkei, Hokuba, Shinsai u. Yanagawa Shigenobu besonders hervorgehoben zu werden. In mehr als 70 Jahren bienenhaften Fleißes hat H. ein Werk von riesenhaftem Umfange geschaffen, das in der Kunstgeschichte aller Völker nicht seinesgleichen hat. Selten allerdings ist ein Künstler so langsam gereift. Der Meister Shunrō (um 1780/94) erhebt sich kaum über das sehr bescheidene Durchschnittmaß der Katsukawa-Schule. Sōri (1795/98) macht sich langsam von der Schnittmustereleganz der gleichzeitigen Kurtisanenmalerei los und erreicht eine vulgäre, aber echte Anmut, die dem reiferen Meister nicht mehr gegeben ist (Schlange u. Bambus, Samml. K. Homma, Tōkyō, Sel. Rel. of Jap. Art, Tōkyō 1900ff., 12, Ukiyoëha Gwashū 5; träumendes Bauernmädchen, Samml. Kuwabara, Tōkyō, Kokka 238), verrät aber nicht das geringste von einer starken künstler. Persönlichkeit. Selbst der Vierziger, Hokusai, hat die westlichen und chines. Vorbilder, die sich in seinen zahlreichen Landschaftsfolgen kreuzen, noch nicht innerlich verarbeitet, seine glänzenden Gelegenheitsblätter (Surimono) lassen dem Drucker ein größeres Verdienst als dem Zeichner. Erst das Ende der Hokusaiperiode zeigt den Meister in dem 15 bändigen Mangwa (1812ff.), das allerdings auch einige Schülerarbeiten enthält, u. dessen letzte Bände posthum sind, und den mehr oder weniger scherzhaften Malbüchern auf der Höhe seiner Kunst. Die Arbeit für den Holzschnitt nimmt in seinem Schaffen jetzt offenbar die erste Stelle ein, von Gemälden sind fast nur unverhohlene und verhohlene Kurtisanenbilder bekannt, die sich nicht eben durch Feinheit auszeichnen (Kokka 190, 246, Bijutsu Shūei 17, Ukiyoëha Gwashū 4; Falke, Sel. Rel. 17). In die 60er Jahre (Iitsu-Zeit) fallen die großen Landschaftsfolgen, vor allem die 36 (in Wahrheit 46) Ansichten des Fuji (1823ff.), dann die Gespensterfolge (Hyaku Monogatari, 1830), die bei aller Brutalität u. Theaterspielerei doch den Höhepunkt von H.s Schaffen bezeichnen und auch die besonderen Eigenschaften des Holzschnittes mit künstlerischer Weisheit und unter kluger Vermeidung technischer Überfeinerung ausbeuten. In seinen Gemälden wendet sich H. ebenfalls mehr der Landschaft zu (2 Schirme mit den 6 Flüssen Tamagawa und entsprechenden Figuren, 1833, Samml. K. Homma, Tōkyō, Hist. de l'art du Japon, Paris 1900, Tf. 57); die Kurtisanenbilder, die H. überhaupt durchaus nicht liegen, und andere Figuren wirken durch ihre affektierte Gemeinheit beinahe abstoßend (Ukiyoëha Gwashū 4; ferner K. 259). Das graphische Werk der Greisenzeit H.s, die 100 Ansichten des Fuji (3 Bände 1834 f.), die Folge der 100 Lieder (Hyakunin Isshū, 27 Blatt, 1839) läßt eine gewisse Ermüdung der Phantasie erkennen, seine heroischen Bilder (der Held Susanoo, Ushijima Jinja, Tōkyō, 1845, Sel. Rel. 17, Kokka 240, Kōbōdaishi u. Dämonen, Daishidō, Nishiarai, Musashi, Ukiyoëha Gwashū 5, Text) wirken durch ihre gewaltsame Pose beinahe komisch, während schlichtere Motive häufig durch ihre feine malerische Haltung u. sehr eigenartige Pinselführung, z. T. eine Folge des hohen Alters, gefallen (Landschaft, 1846, Slg. Sumitomo, Ōsaka, Ukiyoëha Gwashū 4; Dachs in Priestertracht, 1848, Samml. H. Hatta, Tōkyō Kokka 284; Fischer u. Holzhauer, 1849, Samml. K. Homma, Kokka 126, ferner Kokka 354, Shōki, 1844). Von der Zeichenkunst des Meisters, die er sich bis ins höchste Alter ungeschwächt bewahrt hat, gibt das von der Kokka veröffentlichte Album der Samml. Ch. Miyamoto, Tōkyō, Nisshin Joma Jō (Tōkyō 1906) aus der Zeit vom 30. 1. 1843 bis März 1844 die beste Vorstellung. Es sind Skizzen von Löwen u. Löwenmotiven (Löwentänzern u. dgl.), die H. täglich zur Abwehr böser Einflüsse aufs Papier zu werfen und meist wieder zu zerstören pflegte, hier aus einer kurzen Periode durch Zufall erhalten. Die größeren europäischen und amerik. Sammlungen japan. Holzschnitte sind sämtlich reich an Büchern u. Einzelblättern H.s. Der europäisch-amerikanische Bestand an Gemälden kann nicht gering sein, bedarf aber einer gründlichen Sichtung durch einen Kenner des Meisters, der zu den häufig gefälschten gehört. Von den Zeichnungen gilt dasselbe; die angeblichen Vorzeichnungen zu Buchillustrationen sind wohl durchweg nichts anderes als Kopien nach H. Die von H. illustrierten Bücher enthalten in über 500 Bänden schwerlich weniger als 10000 Holzschnittseiten, die Zahl der Holzschnitte in Folgen u. Einzelblättern wird nicht geringer sein. Seine Zeichnungen u. Skizzen müssen in die Hunderttausende gegangen sein, sind aber zum größten Teile vernichtet. Das Erhaltene ist heute noch völlig unübersehbar. Auch die Zahl der ausgeführten Gemälde läßt sich nicht annähernd schätzen, da alle Vorarbeiten fehlen. Indessen enthält jede der vielen hundert japan. Sammlungen eins oder mehrere Werke H.s, so daß eine Schätzung auf etwa 1000 sicherlich nicht übertrieben ist. Dem äußeren Umfange entspricht die Vielseitigkeit des Werkes. Es spiegelt die ganze Vorstellungswelt Ostasiens wieder und muß als schlechthin universal bezeichnet werden. H. behandelt alle nur denkbaren Themen, vom Bordelleben bis zum buddhistischen Andachtsbild, vom zierlichsten Pflanzenwesen bis zur heroischen Landschaft, von burlesker Karikatur bis zur grauenhaften Spukgestalt, entwirft Tabakspfeifen u. Tempelarchitekturen, Miniaturlandschaften u. Panoramen, alles mit der gleichen verblüffenden Pinselfertigkeit, mit fast unheimlicher Zeichenkunst, feinem Gefühl für Bewegung u. lebendiger Phantasie. Diese allumfassende Begabung mit den Zeichnern insipider Modebilder u. brutaler Schauspielerplakate zu vergleichen, die den Stolz der Ukiyoë-Schule ausmachen, H. gar unter diese vorstellungslosen Handwerker zu stellen, ist eine der merkwürdigsten Verirrungen westlichen Urteiles. H. ist aus der Ukiyoë-Schule hervorgegangen, aber so weit über sie hinausgewachsen, daß er beinahe neben Moronobu, den ältesten u. einzigen Künstler des Ukiyoë, gestellt zu werden verdient. Ein Künstler freilich ist H. im Grunde nie gewesen. Er war ein genialer Kuli, mit vielen Eigenschaften eines Künstlers, aber ohne die wesentliche, die eigentlich gestaltende Vorstellungskraft. Er ist nichts weniger als eine der in Japan besonders häufigen großen Formbegabungen, die sich durch geschickte und geschmackvolle Variationen der Vorstellungen anderer in ihrer Heimat eine gewisse Berühmtheit geschaffen haben. Wenn H. auch sehr reichlich aus den altüberlieferten Schätzen der ostasiatischen Kunst schöpft - gerade seine originellsten Einfälle sind nichts weiter als Ausmünzungen alten chines. u. japan. Gutes - ist er doch so reich an eigenem Besitze wie nur ein japan. Maler der letzten beiden Jahrhunderte. Aber sein ganzes Werk ist mit einer Wendung zum Beschauer geschaffen, alles fühlt sich in einer Pose, nicht nur die Menschen und noch mehr die Helden, auch seine Tiere u. Pflanzen, seine Landschaften, selbst die Kämme u. Pfeifen, die er zeichnet, und alles posiert vor einem Publikum von Kulis. Seine Frauen haben zwar nicht die blutlose Wachs puppenschönheit der in Europa berühmten Japan. Damenmaler, dafür aber die plunderhafte Eleganz der Schießbude, seine Helden die Kraft des Jahrmarktsathleten, seine Weisen die Würde des Heldenvaters auf Winkelbühnen, seinen Pflanzen, Tieren u. Landschaften selbst ist der Stempel einer auf die Dauer fast unerträglichen Gemeinheit aufgeprägt. Nur die breite Komik des H.schen Pöbels ist unverfälscht und daher sympathisch. Für die mit Bewunderung gemischte Verachtung des Japaners H. gegenüber hat es denn auch sehr wenig zu sagen, daß er ein Mann des Volkes war, für das Volk arbeitete und das Volk darzustellen liebte. Es ist auch durchaus nicht in vollem Sinne wahr. Denn viele höchst angesehene Künstler stammen aus wesentlich niedrigeren Schichten als H., er wurde von allen Ständen betrachtet und gekauft und ist nicht der erste, sondern einer der spätesten Darsteller des Volkslebens. Die Verachtung gilt nicht dem Manne des Volkes, sondern dem Manne und ist vollauf berechtigt. Der Japaner steht vor einem Rätsel, wenn er H. als einen der ersten, sogar als den ersten japanischen Maler rühmen hört. Noch weniger freilich würde er es wagen, ihn mit Harunobu, Utamaro, Kiyonaga und ähnlichen Klassikern des Ukiyoë in einem Atem zu nennen. Vorarbeiten zu einer Biographie H.s sind: Iijima, Katsushika Hokusai Den, 2 Bde, Tōkyō 1893, auf dem die bisherigen Versuche im wesentlichen beruhen; E. de Goncourt, H., Paris 1896. - M. Revon. Étude sur H., Paris 1898; ders., H. (Soc. franç. d'Imprim. et de Librairie), Paris 1899. - C. J. Holmes, H., London 1900. - F. Perzyński, H., (Knackfuß, Kstlermonogr. No 68), Bielefeld u. Leipzig 1908 (viele Abb.). - E. F. Strange, H., London 1906. - H. Focillon, H., Paris 1914. - Ukiyoëha Gwashū, Tōkyō 1906, V (engl. Ausgabe IV). - Höchst ungenügende Verzeichnisse von H.s Werken geben Goncourt und Revon, eine, ebenfalls ganz unvollständige Liste von H.s Büchern Ukiyoëha Gwashū (jap. Ausgabe). - Ferner: Catal. of the Exhib. of Paintings of H., Tōkyō 1901, 50 Taf. - Vignier et Inada, Yeishi, Choki, H. Paris 1913 (Abb. von Holzschn.). - S. Bing, The 36 views of the Fuji-yama,Trans. and Proceed. Japan Soc. London, IV. - Dickins, dass., 4 Bde, London 1880. - Dickins, The Mangwa of H., Trans. and Proc. Japan Soc. London, VI. - J. Brinckmann, Kunst u. Handwerk in Japan, Berlin 1890, p. 243ff. - Tei San in Mercure de France, série mod., XVI, Tome LVII (1905) p. 364ff., 524ff. - J. Lebel, H., in Art et Décoration, XXXIII (1913 I) 37-52. - P. A. Lemoisne, Yeishi, Choki, H., in Gaz. d. B: Arts, 1913 I 219/35. - The Burlington Magaz., X (1906/7) 239f.; XI (1907) 28. - Will H. Edmunds ebenda. XL (1922) 34ff., 125ff., erster Versuch einer Feststellung der Zustande von H.s graph. Werk. - Binyon, Cat. des Brit. Mus., London 1916, p. 299ff.