Publicly available

Ray, Man

Born
Philadelphia (Pennsylvania), 27 August 1890
Died
Paris, 18 November 1976
Country
France, United States of America
Gender
male
GND-ID
Name Variations
Ray, Man; Man Ray; Rudnitzky, Emmanuel; Radnitzky, Emmanuel (Real name); Radenski, Emmanuel; Radinski, Emmanuel; Rudniski, Emmnauel; Rudnitsky, Emmanuel
Occupations
Painter; Sculptor; Graphic Artist; Photographer; Object Artist; Filmmaker; Dichter
Places of Activity
Paris, Los Angeles, New York
View Map
By
Last edited
07.01.2026
Published in
AKL XCVIII, 2018, 28; ThB XXVIII, 1934, 57; Vollmer IV, 1958, 27

VITA

Ray, Man (eigtl. Radnitzky, Emmanuel), US-amer. Fotograf, Maler, Objektkünstler, Filmemacher, Sprachspieler und Dichter, *27.8.1890 Philadelphia, †18.11.1976 Paris (begr. auf dem Friedhof Montparnasse), tätig in New York, Paris und Los Angeles.

LIFE AND WORK

Sohn eines Schneiders und einer Näherin, beide russ.-jüdischer Herkunft. 1897 Umzug der Fam. von Philadelphia nach Brooklyn, New York. Noch in der Schulzeit besucht R. Kurse in Kunst und Technischem Zeichnen. Nach Beendigung der Highschool 1908 lehnt er ein Stip. für ein Archit.-Stud. ab und fasst den Entschluss, freischaffender Künstler zu werden. Er richtet sich in der elterlichen Wohnung ein Atelier ein. Ab 1910 Besuch der Nat. Acad. of Design sowie der Art Students League in Manhattan, ab 1911 des Ferrer Center. Hier wird Robert Henri sein Lehrer. Ab 1910 malt R. Auftragsporträts. Übernimmt zeitgleich diverse Jobs, u.a. 1912-18 als Zeichner von Landkarten und Atlanten bei der McGraw-Hill Book Company. Die Fam. ändert ihren Namen in Ray. Extensive Mus.- und Gal.-Besuche in New York, bei denen er 1913 die Bekanntschaft von Alfred Stieglitz macht. In dessen Gal. 291 sieht R. erstmals Werke von Paul Cézanne, Pablo Picasso, Auguste Rodin, Constantin Brancusi u.a. Künstler der europ. Avantgarde. R. publiziert darüber 1915 den Text Impressions of 291 in Stieglitz' Zs. Camera Work. Er besucht 1913 mehrfach die Armory Show, die seine Bewunderung für die europ. Avantgarde vertieft. 1913 zieht R. nach Ridgefield/N.J., wo er zus. mit and. Künstlern des Ferrer Center eine Künstler- und Schriftstellerkolonie bildet. Hier fertigt R. Lsch.-Gem. und -Aqu. in der Art von Cézanne und der Fauves an, wie er im Titel des Aqu. Landscape (Paysage fauve) (1913) explizit macht. Auch Porträts und Stillleben entstehen in Ridgefield, die R.s Prägung durch die europ. Avantgarde erkennen lassen. Er heiratet die belg. Lyrikerin Adon Lacroix. Sie führt ihn in die Dichtung u.a. von Lautréamont alias Isidore Ducasse ein. 1913 publiziert R. sein Gedicht Travail im Mod. School Mag. des Ferrer Center, 1914 im Selbstverlag den Gedicht-Bd Adonism. 1914, zum Ausbruch des 1. WK, entsteht das großformatige Gem. A. D. MCMXIV. Darauf marschieren archaisch-reduziert gestaltete Soldaten auf, zu Fuß und zu Pferd. Einflüsse von Paolo Uccello sowie der Futuristen und Kubisten sind unverkennbar. R. beginnt, seine Werke fotogr. zu dokumentieren. 1915 erhält er seine erste Einzel-Ausst. in der Daniel Gall., New York, und publiziert das Pamphlet The Ridgefield Gazook, in dem er sich absurd-ironisch mit Kunst und Lit. der Avantgarde auseinandersetzt. 1915 Begegnung mit Marcel Duchamp, der ihn nachhaltig beeindruckt und mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbindet. Sie teilen die Leidenschaft für Schach und arbeiten immer wieder künstlerisch zusammen. 1915 zieht R. zurück nach New York und trennt sich von Adon; die Ehe wird 1919 geschieden. Er ist häufiger Gast im Salon der Kunstsammler Louise und Walter Arensberg, wo er in Kontakt mit New Yorker Dada-Künstlern kommt. 1916 entsteht The Rope Dancer Accompanies Herself With Her Shadows, sein zweites großformatiges Gem., das seine Beeinflussung durch die zeitgen. Abstraktion verrät. Vom Motiv eines Seiltänzers ausgehend, arrangiert R. zugeschnittene Farbkartons auf der Lw., die er dann in Öl überträgt. Statt aber der urspr. vorgesehenen Kartonstücke verwendet R. schließlich die Schnittreste, sodass abstrakt, flächige Komp. entstehen. 1916 entsteht Self Portrait, eine durch Duchamps Readymades angeregte Assemblage aus Klingeln, einem Klingelknopf und Handabdruck. Erste Porträt-Fotogr. seiner Freunde und Kollegen. Ab 1917 Aerografien, in denen R. Fotopapier mithilfe einer Spritzpistole mit Chemikalien oder Farbe besprüht, wodurch Objekte und Schablonen auf dem Papier nach ihrer Entfernung schemenhaft als Negativform hervortreten. 1919 entsteht Lamp Shade, das Readymade eines Lampenschirms aus Papier, den R. nach seiner versehentlichen Vernichtung aus Metall nachformt und als Edition verlegt. 1920 gründen R. und Duchamp mit Katherine Sophie Dreier die Soc. Anonyme, Inc., unter deren Namen Ausst. organisiert, Bücher publiziert werden und Dreiers Slg mod. Kunst erweitert wird. Die Gruppe versteht sich als New Yorker Dada-Vrg, die durch Duchamp Kontakt zu André Breton und Dada-Künstlern in Europa hält. Die Objekte, die R. in dieser Zeit fertigt, fotografiert er und zerstört sie anschl. häufig, so auch L'énigme d'Isidore Ducasse (1920), eine in Stoff gehüllte und verschnürte Nähmaschine in Anspielung auf Lautréamonts Beschreibung der Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf dem Operationstisch in "Die Gesänge des Maldoror". R.s Fotogr. von L'énigme d'Isidore Ducasse erscheint 1924 auf dem Titel-Bl. der ersten surrealistischen Zs. La Révolution Surréaliste. Die Titel von R.s Werken sind oft absurd oder humorvoll. 1920 fotografiert R. auf Einladung von Duchamp den Staub auf dessen "The Large Glass" und nennt das Foto Élevage de poussière. Durch die bewusste Lichtführung und den Aufnahmewinkel entsteht der Eindruck einer aus dem Flugzeug fotogr. Landschaft. 1921 lässt sich Duchamp als Frau verkleidet unter dem Pseud. Rrose Sélavy von R. porträtieren. R. publiziert 1921 mit Duchamp das einzige H. der Zs. New York Dada. Auf deren Titel-Bl. ist Duchamps Readymade "Belle Haleine. Eau de Voilette" abgebildet, ein Parfumflakon mit R.s Bildnis von Duchamp als Rrose. R. wird, wie Duchamp, fortan Dada nahe stehen und sich als Dadaisten bezeichnen, ohne sich ihrer oder einer and. Künstlergruppe jedoch verbunden zu fühlen. Vielmehr erklärt er Dada zu einer Haltung, unabhängig von einzelnen Künstlern oder Epochen. Auch nach der Abspaltung der Surrealisten von den Dadaisten 1924 bleibt R. distanziert, wiewohl er an zahlr. Surrealismus- und Dada-Ausst. teilnimmt und von Breton stets als Mitgl. der Surrealisten angeführt wird. R.s wachsende Unzufriedenheit mit New York und seine Sehnsucht nach Paris lässt ihn 1921 Duchamp und Francis Picabia nach Paris folgen. Von Duchamp begleitet, findet R. rasch Anschluss an die Künstler des Montparnasse, trifft Breton, Tristan Tzara, Paul Éluard, Louis Aragon, Max Ernst, Pablo Picasso, Gertrude Stein, Salvador Dalí, Henri Matisse, Jean Cocteau u.a. Erstes Geld verdient er mit fotogr. Reproduktionen ihrer Werke. Im selben Jahr erhält R. in der Libr. Six seine erste Einzel-Ausst. in Paris. Spontan entsteht am Eröffnungsabend das Objekt Cadeau, ein an der Unterseite mit Nägeln beklebtes Bügeleisen, das noch am selben Abend gestohlen wird und nur noch als Fotogr. und als Objekt in einer Aufl. von 1963 existiert. R. reicht außerdem die Fotogr. eines Schneebesens (L'Homme, 1918) und von Fotografen-Requisiten (La Femme, 1918) für die Ausst. Salon dada: Expos. internat. de Paris ein. Da R. von der Malerei und seinen Objekten nicht leben kann, beschließt er, als kommerzieller Porträtfotograf sein Auskommen zu suchen. Er porträtiert Künstler und Intellektuelle, aber auch die frz. und amer. High Society und macht sich als Fotograf einen Namen. Seine mehrfach oder zu lang belichtete Aufnahme der Marquise Casati (1922) wird von der Porträtierten trotz des "Fehlers" der drei Augenpaare begeistert angenommen und zu einem der bekanntesten seiner Fotos. Bei seiner Arbeit in der Dunkelkammer stößt R. im Nov. 1921 auf die Technik der kameralosen Fotogr., die er in der F. als Rayografien oder Rayogramme bezeichnet. Von den Fotogrammen Christian Schads (seit 1919) will er zu diesem Zeitpunkt nichts gewusst haben. Als Pendant zum automatischen Schreiben der Surrealisten erkennt R. im Fotogramm die Möglichkeit, mit Fotogr. Kunst zu schaffen. Es findet bei den Dada-Künstlern und Surrealisten großen Anklang. Mit einem Vorwort von Tzara publiziert R. 1922 zwölf Rayografien in der Mappe Les Champs délicieux - ein Titel, der auf das zwei Jahre zuvor ersch. Werk "Les Champs magnétiques" von Breton und Philippe Soupault anspielt. Mit Tzara verbindet R. eine lebenslange Freundschaft. Im Dez. 1921 lernt R. Künstlermodell und Sängerin Kiki de Montparnasse alias Alice Prin kennen, während der nächsten sechs Jahre sein Modell und seine Partnerin. Bek. Fotogr. von ihr sind Violon d'Ingres (Kiki), 1924, noch 1924 in der Surrealisten-Zs. Littérature publ., oder die Aufnahme ihres hell geschminkten Gesichts neben einer dunklen afrikanischen Maske Noire et blanche, 1926, im selben Jahr in der frz. Vogue veröffentlicht. Violon d'Ingres ist eines der meist reprod. Werke R.s. Es zeigt eine sitzende Frau mit Turban in Rückenansicht. Auf ihrem nackten Rücken sind die Schalllöcher eines Streichinstruments zu erkennen. Der Titel spielt nicht nur auf das formalästhetische Vorbild von Jean-Auguste-Dominique Ingres' "La Beigneuse de Valpinçon" an, sondern ist das frz. Idiom für Steckenpferd, da Ingres leidenschaftlicher Geiger war. R. schließt an die Lesart von Ingres' Körpern als verformt und erotisch aufgeladen an, wie zahlr. Dada-Künstler es taten, v.a. Francis Picabia. R. manipuliert den Rückenakt so, dass er eine surreale Dimension annimmt und eine erotische Anspielung auf die Frau als Instrument und Steckenpferd des Künstlers formuliert. Überhaupt ist Erotik ein Thema vieler Arbeiten R.s (z.B. Érotique voilée, 1933 oder Mr and Mrs Woodman, 1947). 1926 Trennung von Kiki de Montparnasse. Durch seine Bekanntschaft mit dem Modemacher Paul Poiret beginnt R. ab 1922 Mode-Fotogr. für die frz., brit. und amer. Vogue aufzunehmen, ab 1928 für VU, 1934-42 regelmäßig für Harper's Bazaar, außerdem für Life, Variétés, Jazz, Vanity Fair. In seine Modeaufnahmen fließen surrealistische Effekte wie Spiegelungen oder Doppelbelichtungen ein. Um der wachsenden Nachfrage nach seinen Fotogr. standhalten zu können, richtet R. ein Fotoatelier ein und stellt Ass. an, darunter Berenice Abbott, Jacques-André Boiffard, Bill Brandt und Lee Miller. Bei R. entdeckt Abbott Fotogr. von Eugène Atget, den R. kennt und verehrt. R. behält trotz seines Erfolgs sein Leben lang ein ambivalentes Verhältnis zur Fotografie. So distanziert er sich immer wieder von der Fotogr. als künstlerischem Ausdrucksmittel und reagiert gekränkt auf seine größere Anerkennung als Fotograf denn als Maler oder Objektkünstler. Experimente unternimmt R. auch im Film. Schon in New York dreht er mit Duchamp einige Kurzfilme, so den heute verschollenen Film einer Schamhaarrasur der New Yorker Dada-Künstlerin Elsa Baronin von Freytag-Loringhoven. In Paris folgen diverse Filmprojekte: u.a. Le Retour à la Raison (1923), Emak Bakia (1926), Anemic Cinema (1926) mit Duchamp, L'Étoile de Mer (1928), Les Mystères du Château du Dé (1929). Die Filme zeichnen sich durch eine Aneinanderreihung experimenteller, teils abstrakter oder surrealer Szenen aus. Trotz des (auch) finanziellen Erfolgs gibt R. 1929 das Filmemachen mit Einf. des Tonfilms auf, um sich der Fotogr. zu widmen. 1929 erscheint die erste Monogr. über ihn, verfasst von Georges Ribemont-Dessaignes. Auch in den USA wird R. wahrgenommen, so zeigt der Arts Club of Chicago 1929 R.s Fotografien. Ab 1929 Beziehung zu Lee Miller, mit der ihn nach der Trennung 1932 eine lebenslange Freundschaft verbindet. Während ihrer gemeinsamen Arbeit in der Dunkelkammer entdeckt Miller 1929 das Solarisationsverfahren, das R. fortan bes. in der Porträt-Fotogr. perfektioniert und einsetzt. Zus. verlegen sie 1931 die Mappe L'éléctrictité, ein großzügig bebildertes Werbe-H. für die Compagnie Parisienne de Distribution d'Éléctricité. Ein Gem., das durch die Begegnung mit Miller angeregt wird, ist A l'Heure de l'Observatoire - The Lovers, 1932-34. Die Lsch. mit riesigen, im Himmel schwebenden roten Lippen hängt in wichtigen Surrealismus- und Dada-Ausst. an prominenter Stelle, so im Eingang der Schau Fantastic Art, Dada, Surrealism 1936 im New Yorker MoMA. Auch hier ist das erotische Moment ausgeprägt, wenn R. die beiden Lippen mit aneinandergeschmiegten Körpern vergleicht und das Gem. für ein Foto zus. mit einem liegenden Akt inszeniert. 1932 entsteht die zweite Version seines Object to Be Destroyed (später auch unter den Titeln Object of Destruction, Lost Object, Perpetual Motif ausgestellt oder publiziert). Es handelt sich um ein Metronom, an dessen Zeiger das vergrößerte, fotogr. Auge Millers befestigt ist. In der ersten Fassung wird es mit einem Hammer zerstört. Augen in Nahaufnahme zeigt auch die Fotogr. Les Larmes, 1932. Die Augen der Cancan-Tänzerin Lydia sind, stark geschminkt, in Nahaufnahme fotografiert. Unter Lydias Augen legt R. Glasperlen als künstliche Tränen, wodurch das Gesicht puppenhaft wirkt. Auch auf Porträts von Miller bringt R. Requisiten zum Einsatz. In der Reihe Hommage à D. A. F. de Sade (1930-31) weisen sie auf R.s Bewunderung für den Autor erotischer Literatur hin. 1933 folgt die Fotogr. Monument à D. A. F. de Sade, die Aufnahme eines nackten Gesäßes, über dem der Umriss eines Kreuzes liegt. 1938 Entst. des fiktiven Bildnis-Gem. Portrait imaginaire de D. A. F. de Sade. Ein weiteres Aktmodell wird ihm 1933 Meret Oppenheim, die er an einer Druckerpresse stehend mit schwarz eingefärbten Handflächen vieldeutig in Szene setzt. Die dabei entstandene Ser. trägt den Titel Érotique voilée. 1933 arbeitet R. außerdem an der Surrealisten-Zs. Minotaure mit. 1935 erscheint die in Zusammenarbeit mit Paul Éluard entstandene Mappe Facile mit zahlr. experimentellen Aktaufnahmen. Mit der Mappe La photographie n'est pas l'art wendet sich R. 1937 gegen die Auffassung, Fotogr. sei in der Lage, Kunst hervorzubringen und setzt seine Arbeit als kommerzieller Fotograf herab. Zwölf Fotogr., fast alle aus dem Bereich der angew. Fotogr., werden in der Mappe von einem Kurztext von Breton begleitet. In einem Brief an seine Schwester Elsie schreibt R. schon 1936, dass er die Fotogr. hasse. In seinen Lebenserinnerungen beschreibt er die positiven Reaktionen von Malern auf seine Fotogr., ohne dass sie die Fotogr. so ernst nähmen wie die Malerei. Nach wiederholten Aufenthalten in Südfrankreich mietet R. 1937 eine Wohnung in Antibes. 1938 nimmt er an der Expos. Internat. du Surréalisme teil und fotografiert dort die von versch. Künstlern gestalteten Schaufensterpuppen. 1938 entsteht das Gem. La Fortune. Es zeigt einen in den bunt bewölkten Himmel reichenden, überdimensionierten Billardtisch in perspektivischer Verzerrung und karger Landschaft. 1939 entsteht kurz vor dem Ausbruch des 2. WK das Gem. Le Beau Temps. Der ironische Titel, von R. wohl fälschlicherweise als "gute Zeit" statt als "schönes Wetter" aufgefasst, kontrastiert mit dem düsteren Himmel und Treiben. Zwei ineinander verbissene oder sich liebende Bestien evozieren Picassos Guernica. Gesichtslose Figurinen und der aus La Fortune bek. Billardtisch schaffen eine gespenstische Atmosphäre, die im Kontrast steht zum warm-gelben Fenster im Hintergrund, hinter dem eine Staffelei und ein sich umarmendes Paar erkennbar sind. R. bleibt dem politischen Geschehen gegenüber distanziert und entscheidet sich erst zur Flucht, als ihm, als ausländischem Juden, kein Leben und Arbeiten in Paris mehr möglich ist. Über Portugal gelingt ihm im Aug. 1940 die Überfahrt nach New York. Fremd in New York, reist er im Nov. nach Los Angeles weiter. Seine Arbeiten lässt er bei Freunden in Frankreich und seiner Schwester Elsie zurück. Noch 1940 lernt er in Los Angeles die Tänzerin Juliet Browner kennen, die er 1946 in einer Doppelhochzeit mit Max Ernst und Dorothea Tanning heiratet. In Kalifornien hofft er, wieder Filme drehen zu können, scheitert aber mit seinem künstlerischen Ansatz an der kommerziellen Filmindustrie. Einzig sein Drehbuch-Kapitel Ruth, Roses and Revolvers (1945) wird von Hans Richter in dem Film "Dreams That Money Can Buy" verwendet, zu dem auch Duchamp, M.Ernst, Alexander Calder u.a. beitragen. In Kalifornien beginnt R. nach Fotogr. seine zurückgelassenen Werke neu zu malen. 1944 erhält er im Pasadena Art Inst. seine erste Retr. und hört fast gänzlich auf zu fotografieren. Ausnahmen sind Porträts von Juliet und seinen Freunden. 1947 unternehmen R. und Juliet eine erste gemeinsame Reise nach Paris, wo sie R.s verbliebene Arbeiten sichten und nach Hollywood verschiffen. 1948 entsteht eine Ser. von Gem. nach der Foto-Ser. Mathematic Objects, 1934-36. Sie zeigt geometrische Körper, die R. am Pariser Inst. Henri Poincaré auf Anregung Duchamps aufgenommen hat. Als Gem. erhalten sie den Ser.-Titel Shakespearean Equations. Auch die 1916/17 entstandene Ser. von zehn abstrakt-geometrischen Collagen u.d.T. Revolving Doors, überträgt R. 1942 auf Leinwand. Zus. mit and. zeigt er sie 1948 in der William Copley Gall., Los Angeles, in der Ausst. Paintings Repatriated from Paris. R. wendet sich verstärkt Objekten zu, die er nun Objects of My Affection nennt. Silent Harp (1944) besteht aus Hals und Wirbel einer Geige, auf die statt Saiten Haare aufgezogen sind, die lose herabhängen. Ungeachtet seiner Erfolge in den USA, ziehen R. und Juliet im Mai 1951 nach Paris und beziehen ein Studio in der 2 bis, rue Férou, das Atelier, in dem R. bis zu seinem Tod arbeitet. 1952 entsteht das Gem. La rue Férou, das in neusachlichem Stil die leere Str. zeigt, auf der allein ein Handkarren steht. Neben der Malerei sind es v.a. Objekte, denen R. sich widmet, die er auch fotografiert. Gelegentlich experimentiert R. mit Farbfotografie. Ab 1957 entstehen seine abstrakten Peintures naturelles, die wie die Aerografien ohne Pinsel entstehen. Farbe wird aus der Tube direkt auf einen Träger (Karton oder Holz) gepresst, darauf legt R. einen zweiten Träger und setzt sich auf die beiden Platten. 1961 erhält R. auf der Foto-Bienn. Venedig die Gold-Med. für Fotografie. 1963 erscheint seine Autobiografie u.d.T. Self-Portrait. 1966 richtet das Los Angeles County Mus. of Art eine umfassende Retr. aus, für die R. und Juliet nach Amerika reisen. 1966 erhält R. den Kulturpreis der Dt. Ges. für Photogr. (DGPh). Zu den späten Arbeiten zählt die 1971 entstandene Fantasiebüste des Marquis de Sade, Portrait imaginaire du Marquis de Sade. 1974 publiziert R. die Mappe Les voies lactées, eine Ser. von elf Cliché-verre-Fotogr. von am Glas geronnener Milch. Im Bild nicht als solche zu identifizieren, ist es auch hier der Titel, der im Zusammenspiel mit dem Bild das Werk ausmacht. R. erhält v.a. als Fotograf internat. Anerkennung.

WORKS

Amsterdam, Rijksmus. - Sted. Mus. Baltimore, Mus. of Art. Barcelona, MACBA. Berlin, NG. Boston, MFA. Canberra, NG. Chicago, Art Inst. Cleveland, Mus. of Art. Denver, AM. Essen, Folkwang Mus. Houston, MFA. Jerusalem, The Israel Mus. Köln, Mus. Ludwig. London, Nat. Portr. Gall. - Tate. Los Angeles, County Mus. of Art. - MOCA. Madrid, CARS. New York, Guggenheim. - Jewish Mus. - Metrop. Mus. Paris, BN. - MAMVP. - MNAM. - Orsay. Rochester, George Eastman House. San Francisco, MMA. Stuttgart, SG. Washington/D.C., Hirshhorn Mus. - NG. - Phillips Coll. Winterthur, Fotostiftung Schweiz.

SELF-TESTIMONIES

The Ridgefield Gazook, Ridgefield 1915; New York Dada, zus. mit Marcel Duchamp, N.Y 1921; Rayographs. A New Method of Realizing the Artistic Possibilities of Photography. Experiments in Abstract Form. Made Without a Camera Lens, Vanity Fair 19:1922(3-6)50; L'âge de la lumière, Minotaure 1:1933(3-4)1-5; Sur le réalisme photographique, Cahiers d'Art 10:1935(5-6)120-121; Ruth, Roses and Revolvers, View 5:1944(4)120-123; Dadamade, Dada (K) Dd. 1958; Self-Portrait, Boston 1963. - Interviews: J.Gallotti, L'Art Vivant 6:1929(103)282-283; A.Schwarz, Arts 51:1977(9)116-121.

EXHIBITIONS

Solo exhibitions:

New York: 1915 Daniel Gall.; 1932 Julien Levy Gall.; 1936 Valentine Gall. (K); 1974 Cultural Center (K Wander-Ausst.); 1976 MMA; 1990 Internat. Center of Photogr. (K); 2009 Jewish Mus. (K) / Paris: 1921 Librairie Six (K); 1926 Gal. Surréaliste (K); 1962 BN (K); 1972 MNAM (K); 1981 (K), '98 (K Wander-Ausst.) Centre Pompidou; 1998 Grand Pal. (K Wander-Ausst.) / 1929 Chicago, Arts Club / London: 1935 Lund Humphries (K); 1959 Inst. of Contemp. Art (K); 1995 Serpentine Gall. (K); 2013 Nat. Portr. Gall. (K Wander-Ausst.) / 1941 San Francisco, de Young / 1944 Pasadena, Art Inst. / 1945, '66 (K) Los Angeles, County Mus. of Art / 1971 Rotterdam, BvB (K Wander-Ausst.) / 1979 Frankfurt a.M., KV (K) / 1980 Basel, KH / 1986, 2013 (K) Köln, Mus. Ludwig / 1988 Zürich, Kunsthaus (K) / Washington (D.C.), 1988 Smithsonian Amer. AM. (K Wander-Ausst.); 2004, '15 Phillips Coll. (K) / 1990 Arles, Les Rencontres d'Arles (K) / 1994, '95 Wolfsburg, KM (K) / 1994 Antwerpen, Gal. Ronny van de Velde (K Wander-Ausst.) / 1996 Wien, KunstHaus (K) / 1996, '97 Stuttgart, Gal. der Stadt (K Wander-Ausst.) / 1997 Nizza, MAM et d'Art contemp. (K) / 2004 Stockholm, Mod. Mus (K); Sydney, AG of New South Wales (K Wander-Ausst.) / 2013 Brühl, Max Ernst Mus. (K). -

 

Group exhibitions:

Paris: 1916 Anderson Galleries: The Forum Exhib. of Mod. Amer. Painters (K); 1921 Gal. Montaigne: Salon dada (K); 1928 Gal. Le Sacre du Printemps: Expos. Surréaliste; Théâtre de la Comédie des Champs-Élysées: Premier salon indépendant de la photogr. mod.; 1938 Gal. BA: Expos. Internat. du Surréalisme (K); Centre Pompidou: 2005 Dada (K Wander-Ausst.); 2009 La subversion des images (K Wander-Ausst.) / New York: 1926 Brooklyn Mus.: Internat. Exhib. of Mod. Art Assembled by Soc. Anonyme (K); MoMA: 1936 Fantastic Art, Dada, Surrealism (K); Cubism and Abstract Art (K); 1968 Dada, Surrealism, and Their Heritage (K) / 1929 Stuttgart, Neue Ausstellungshallen: Internat. Ausst. des Dt. Werkbunds Film und Foto (K Wander-Ausst.) / 1934 Brüssel, Pal. des BA: Minotaure (K) / London: 1934 New Burlington Galleries: Internat. Surrealist Exhib. (K); Tate: 2001 Surrealism (K Wander-Ausst.); 2008 Duchamp, M., Picabia (K Wander-Ausst.) / 1947 Chicago, Art Inst.: Abstract and Surrealist Amer. Art (K) / 1951 Saarbrücken, HS für Kunst und Handwerk: subjektive fotogr. (K Wander-Ausst.) / 1958 Houston, Contemp. Arts Mus.: The Disquieting Muse (K) / 1966 Stockholm, Mod. Mus.: Dada (K) / 1985 Washington (D.C.), Corcoran Gall. of Art: L'Amour fou (K) / 1997 Darmstadt, KH: Meret Oppenheim meets Man Ray (K Wander-Ausst.) / 2005 Hamburg, KH: Begierde im Blick (K) / 2011 Salem, Peabody Essex Mus.: M. Lee Miller (K) / 2014 Cleveland, Mus. of Art: Forbidden Games (K) / 2024-25 Rolandseck, Arp Mus: der die DADA (K).

 

SOURCES

Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:

ThB28, 1934; Vo4, 1958

 

Other encyclopedias:

Kindler 10, 1976; DA XX, 1996; Lex. der Kunst 9, 1998

 

Printed sources:

G.Ribemont-Dessaignes, M.R., P. 1929; J.Thrall Soby, M.R. Photographs 1920-1934, N.Y./P. 1934; C.Belz, The Role of M.R. in the Dada and Surrealist Movements, Diss. Princeton Univ., Ann Arbor 1963; A.Schwarz, M.R. 60 years of liberties, Mi. 1971; A.Jouffroy, M.R., P. 1972; Janus (Ed.), M.R., M. 1973; R.Penrose, M.R., Boston/Tor. 1975; A.Schwarz, M.R. The Rigour of Imagination, Lo. 1977; J.-H. Martin, M.R. Photographe, P. 1981; J.Livingston, in: R. Krauss/id., L'Amour fou (K Corcoran Gall.), N.Y. 1985; F.Naumann, in: R.E. Kuenzli (Ed.), New York Dada, N.Y. 1986; N.Baldwin, M.R. Amer. Artist, N.Y. 1988; M. Foresta u.a., Perpetual Motif, N.Y. 1988; T.Baum, M.R.s Paris Portraits 1921-39, Wa. 1989; J.Esten (Ed.), M.R. in Harper's Bazaar 1934-1942, M. 1989; M.R. (K Getty Mus.), L.A. 1998; A.Sayag/E.de l'Ecotais (Ed.), M.R. La Photogr. à l'envers, P. 1998; K.Hoving Powell, Art Hist. 23:2000(5)772-799; M.Heyd, in: M.Baigell/ead. (Ed.), Complex Identities, New Brunswick 2001; F.M. Naumann (Ed.), Conversion to Modernism (K AM), Montclair 2003; M.Heiting (Ed.), M.R. 1890-1976, Köln 2004; K.Knowles, A Cinematic Artist, Ox. u.a. 2009; C.Chéroux (Ed.), M.R. Portraits, M. 2011; W.A. Grossman, M.R., African Art, and the Modernist Lense (K Phillips Coll.), Wa. 2011; J.Restorff, Kunstforum Internat. 298:2024(Sept./Okt.)226-227.

 

Archives:

Paris, Centre Pompidou; Washington, Arch. of Amer. Art, Smithsonian Institution; Los Angeles, Getty Res. Inst.

 

Online sources:

M.R. Trust; M.Sundell, From Fine Art to Fashion, Diss. Columbia Univ. 2009

 


THIEME-BECKER

Ray, Man, Maler, Bildhauer u. Schriftsteller in Paris, * Philadelphia 27. 8. 1890. Studierte in New York, ging 1921 nach Paris. Erfinder des Photogramms (abstraktes Photo ohne Kamera). Enge Beziehungen zu den Konstruktivisten, Dadaisten u. Surrealisten. Lü.: Katherine Dreier, Mod. Art, New York 1925, p. 96. - M. Fielding, Dict. of Amer. Painters etc., 1926. - Ame. Art Annual, 18 (1921) 540. - Ararat, 2 (1921) 279f. - Das Kunstblatt, 8 (1924) 144/48; 10 (1926) 227/31; 14 (1930) 68f. - Der Cicerone, 17 (1925) 1008; 18 (1926) 74. - Ed. Joseph, Dict. biogr. d. Art. contemp., 3 (1934). Grobtann.

 

VOLLMER

Ray, Man, amer. Maler, Graph., Bildhauer u. Photograph, *27.8.1890 Philadelphia, Pa., ansässig in Hollywood. Stud. an d. Nat. Acad. of Design in New York. Kam 1921 nach Paris. Schloß sich der Dada-Gruppe u. den Surrealisten an. Beschickte die Ausst. beider Gruppen. Widmete sich hauptsächl. der Photographie u. dem Kunstfilm. 1940 zurück in die USA. Nahm dort die abstrakte Malerei wieder auf. überträgt seine Kompositionen ohne Benutzung einer Kamera direkt auf das photogr. Papier. Vertreten im Mus. of Mod. Art in New York, im Mus. Los Angeles u. in d. Gall. of Living Art der Univ. New York (Kat. 1930, m. Abb.). Sonderausst.: 1949 Copley Gall. in Beverly Hills, 1953 Kantor Gall. in Los Angeles, 1954 Gal. Fürstenberg in London. Lit.: Th.-B., 28 (1934). - Haftmann. - Monro. - Encycl. of Painting, New York 1955. - Barr, m. Abb. - L'Amour de l'Art, 1934, p. 336ff. passim. - Cahiers d'Art, 1935, p. 127f., m. 5 Abbn. - D. Kstwerk (Baden-Baden), 7 (1953) H. 3/4, p. 18 (Abbn). - Ill. London News, 228, Nr v. 14. 1. 1956, p. 59 (Abb.). - The Studio, 148 (1954) 90, m. Abb. - Der Sturm, 1954, p.192 (Abb.). - The Art Index (N. York), 1942ff. - Kat. d. Ausst.: Amerika schildert, Stedel. Mus. Amsterdam 1950, Abb. p.8.