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Weyden, Rogier van der (1399)

Born
Tournai, 1399 / 1400
Died
Brüssel, 18 June 1464
Country
Belgium, Netherlands, Italy
Gender
male
GND-ID
Name Variations
Weyden, Rogier van der (1); Rogier van der Weyden; Van der Weyden, Rogier; Weyden, Roger van der; Rogier de la Pasture; Rogelet de la Pasture?
Occupations
Painter
Places of Activity
Brüssel, Tournai
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By
Last edited
13.01.2025
Published in
AKL CXVI, 2022, 76

VITA

Weyden (Van der Weyden; de le Pasture), Rogier van der (Rogier) (I), niederl. Maler, *1399/1400 Tournai, †18.6.1464 Brüssel.

LIFE AND WORK

Die Eltern von Rogier van der W. (in Folge: Rogier) waren der Messerschmied Henry de le Pasture und seine Frau Agnès de Wattrelos, die in der rue Rocque Saint-Nicaise im Goldschmiedequartier von Tournai wohnten. Beim Kauf von Leibrenten am 21.10.1435 wird Rogiers Alter mit 35, das seiner Frau Elisabeth Goffaerts mit 30 angegeben; bei einem Rentenkauf am 15.3.1442 wird er als 43 Jahre alt bezeichnet. Der Malerberuf könnte in der Fam. etabliert gewesen sein, denn ein mutmaßlicher Verwandter, Coppin de le Pasture, wird 1409 in Tournai als Maler erw.; später ergriffen ein Sohn (Peter), ein Enkel (Goossen) und ein Urenkel (Rogier II) denselben Beruf. Die wahrsch. erste Nennung Rogiers erfolgte am 17.11.1426, als ein "maistre Rogier de le Pasture" von der Stadt Tournai ehrenhalber ein Weingeschenk erhielt. Weder der Grund der Ehrung noch die Profession des "Meisters" werden angegeben, doch da keine and. Person mit demselben Namen nachw. ist, liegt die Identifizierung nahe. In Widerspruch dazu stehen indes die Vermerke, Rogier habe am 5.3.1427 eine Lehre bei dem Tournaiser Maler Robert Campin begonnen und sei am 1.8.1432 als Freimeister von der Zunft angenommen worden. Allerdings finden sich diese Angaben nicht in zeitgen. Dok., sondern in Zunft-Reg. von ca. 1482. Dass Rogier im Alter von 28 Jahren eine Lehre anfing, scheint ausgeschlossen, zumal er seit spätestens 1426 verh. und vermutlich bereits Vater war. Wahrsch. wurde er als qualifizierter Mitarb. in die gut etablierte Wkst. von Campin aufgenommen, ebenso wie der etwa gleichaltrige Jacques Daret (1403), der bereits seit 1418 im Atelier arbeitete, aber lt. Reg. von 1482 erst am 12.4.1427 eine "Lehre" begann und am 18.10.1432 Freimeister wurde. Einen Tag nach Rogier erlangte zudem ein gewisser Willemet, der im Mai 1427 "Lehrling" geworden war, den Meisterstatus. Vermutlich wurden die drei an den zeitnahen Terminen offiziell als Mitarb. Campins verzeichnet, was im Reg. von 1482 als Beginn einer Lehre missverstanden wurde. Rogier besaß eventuell verwandtschaftliche Beziehungen zu Campin, denn dessen Frau, Isabelle de Stocquain, war möglicherweise die Tante von Rogiers Frau Elisabeth, deren Mutter van Stockem hieß. Entsprechend seinem Alter muss Rogier seine Ausb. um 1412-14 begonnen und um 1416-18 beendet haben; dies könnte in Campins Atelier oder woanders erfolgt sein. Wenn es Rogier war, der am 17.11.1426 in Tournai das Weingeschenk erhielt, dürfte er den Titel "maistre" außerhalb erworben haben; viell. war seine Rückkehr in die Heimatstadt der Grund der Ehrung. Zwei Monate zuvor, am 18.9.1426, war in Gent der angesehene Maler Hubert van Eyck gestorben; möglicherweise war Rogier bei ihm Geselle gewesen und dadurch in Kontakt zu den Brüdern Van Eyck gekommen (cf. Dhanens, 1995, 46; Kemperdick, 1997, 161). Rogier blieb sein Leben lang Mitgl. der Tournaiser Malergilde, denn diese feierte 1464 eine Totenmesse für ihn. Ob und gegebenfalls wie lange Rogier eine eig. Wkst. in der Stadt betrieben hat, ist jedoch unklar. Umstritten bleibt zudem, ob es sich bei dem 1426-37 in Tournai mit Farbfassungen und Malereien betrauten "(maistre) Rogier le pointre", der 1428 in der rue Saint Martin wohnte (cf. Dumoulin/Pycke, 1993, 298), um Rogier handelt. Einige der Aufträge waren klein und gering bezahlt, was einen Ausführenden vor Ort nahelegt. Viell. beziehen sich die Dok. auf den Maler Rogier Wanebacq, der 1427 Freimeister in Tournai geworden war.Als Rogier im Okt. 1435 Tournaiser Renten kaufte, lebte er mit seiner Fam. bereits in Brüssel. Verbindungen zur Brabanter Metropole bestanden zumindest durch seine Frau, eine Tochter des Brüsseler Schuhmachers Jan Goffaerts. Zwei ihrer Kinder waren in Tournai geb. worden, Corneille (um 1426-1473), der studierte und Kartäuser wurde, und Marguerite (1432-1450). Zwei weitere Söhne, Peter (1437-1514/16), Maler, und Jan (1438-1468), Goldschmied, kamen in Brüssel zur Welt. Rogier muss dort bald nach seiner Übersiedlung das Amt des Stadtmalers erhalten haben, denn am 2.5.1436 wurde beschlossen, es zwecks Einsparungen nach seinem Ableben nicht neu zu besetzen. Wahrsch. schuf er in dieser Funktion eine F. von vier mon. Gerechtigkeitsbildern für das Rathaus, deren erste beiden 1439 voll. waren. Die auf ca. 4 x 4 Meter großen Taf. ausgeführten Gem. mit Exempla gerechter Urteile durch Kaiser Trajan und Graf Herkinbald wurden schnell berühmt; bereits 1441 fand eine Besichtigung durch Edelleute statt. Eine Inschr. mit der Zeile "Rogerius Sweidenus civis pinxit" wurde zwar erst später hinzugefügt (cf. Reynolds, 2012), doch waren die Bilder von A. an fest mit seinem Namen verbunden: 1453 erwähnt Nikolaus von Kues in seiner Schrift De visione Dei die "höchst kostbare Tafel" im Rathaus, auf der sich ein Selbstbildnis Rogiers, "des größten aller Maler", befände; Albrecht Dürer nennt sie 1520 als Werke des "groß meister Rudier". 1695 verbrannten die Taf. beim Bombardement der Stadt durch frz. Truppen. Lediglich eine vor 1461 für Georges de Saluces, Bischof von Lausanne, angefertigte Tapisserie (Bern, HM) gibt alle vier Szenen in verkürzter und redigierter Form wieder; eine Trajan-Szene ist in der freien Nachzeichnung eines dt. Künstlers von ca. 1480 erhalten (Paris, BN); zudem liegen Beschr. vor (cf. Bullart, 1682; Dhanens, 1995). Als Stadtmaler dürfte Rogier um 1445 auch die figürlichen Kapitelle des neuen Brüsseler Rathauses entworfen haben, für die eine Präsentationszeichnung, der Scupstoel (New York, Metrop. Mus., Lehman Coll.), erhalten blieb. Dok. sind mehrere Aufträge für Fassmalereien und Tafelbilder. 1439/40 fasste Rogier ein steinernes Memorialbild in der Brüsseler Minoritenkirche, 1441 eine Drachenfigur, die in Nivelles bei Prozessionen mitgeführt wurde, sowie 1458/59 die von Jan de le Mer (um 1400-um 1459) geschnitzten Skulpturen für das Grab der Johanna von Brabant in der Brüsseler Karmeliterkirche. 24 kleine Figuren von Vorfahren am 1455 voll. Grab für Louis de Male in Lille, denen auch diejenigen von 1458/59 folgten, gingen wahrsch. auf Entwürfe von Rogier zurück, denn Bronze-Kopien für das Grab der Isabella von Bourbon von 1476 (Amsterdam, RM) zeigen dessen Figurenstil. 1462/63 begutachtete Rogier die vom Hofmaler Pierre Coustain ausgeführte Farbfassung von Steinskulpturen. 1455 bestellte der Abt von St-Aubert in Cambrai für 80 Gold-Ridder (Dukaten) ein Triptychon ungenannter Ikonogr., dessen Mittel-Taf. 5 x 5 Fuß messen sollte; bei Fertigstellung 1459 hatte Rogier sie "zum Wohl des Werks" 1 Fuß höher gemacht. 1440/41 lieferte er der Korporation der Brüsseler Zimmerleute einen nicht näher beschriebenen Entwurf für 28 Stuiver. 1456/57 bezahlte die Marienbruderschaft in 's-Hertogenbosch vier Gulden für den Entwurf eines Madonnenbildes. 1450 erhielt er im Namen von Herzog Lionello d'Este aus Ferrara Bezahlungen für mehrere Gem.; in Lionellos Pal. hatte der Humanist Cyriacus d'Ancona 1449 eine Rogier zugeschr. Kreuzabnahme wegen ihrer ungeheuren Naturtreue bewundert. 1452 wird eine Taf. über dem Grab von Willem de Masenzele an einem Pfeiler in Ste-Gudule in Brüssel erwähnt. In den Inv. der Margarete von Österreich von 1516 sind vier Gem. mit Rogiers Namen verbunden, von denen möglicherweise das Bildnis Karls des Kühnen (Berlin, GG) erh. ist. Die Zuweisungen von gut 25 weiteren Werken in Inv. und Beschr. des 16. und 17. Jh. an Rogier sind zumeist wenig wahrsch., oft falsch.- Seit 1443 besaß Rogier zwei benachbarte, zuvor von Patriziern bewohnte Häuser am Cantersteen in Brüssel, in denen Wohnung und Wkst. untergebracht waren. Wahrsch. beschäftigte er im Laufe der Jahre zahlr. Gesellen und Lehrlinge, die später als Nachf. seine Stilsprache bis um 1500 weiterleben ließen. 1459 ist in Cambrai von mehreren Mitarb. die Rede, die mit seiner Ehefrau ein Werk ablieferten; Elisabeth Goffaerts war also im Geschäft ihres Mannes aktiv und mag auch nach dessen Tod die Wkst. betreut haben, bis diese spätestens A. 1465 vom Sohn Pieter bei dessen Heirat übernommen und bis um 1510 weitergeführt wurde. Ob Pieter beim Vater gelernt hatte, ist unbekannt. Vermutlich aber bildete Rogier seinen Neffen Louis Le Duc aus Tournai aus, den 1504 von Jean Lemaire als feinsinnigen Maler gepriesenen Sohn seiner Schwester Agnès, der 1453 Freimeister in Tournai wurde, aber 1461 nach Brügge übersiedelte. Hans Memling dürfte in den Jahren bis 1464 in Rogiers Atelier gearbeitet haben; belegt ist dort auch der Mailänder Hofmaler Zanetto Bugatto, der auf Wunsch der Mailänder Herzogin Bianca Maria Visconti 1461-63 bei Rogier weilte, jedoch mit ihm in einen Streit geriet, bei dem kein Geringerer als der Dauphin von Frankreich schlichten half. Finanziell muss Rogier sehr gut dagestanden haben, was ihm nicht allein ermöglichte, seinen ältesten Sohn in Löwen studieren zu lassen und Häuser in Brüssel zu erwerben, sondern sich auch in frommen und karitativen Zuwendungen niederschlug: Der Kartause Herne, wo Sohn Corneille 1449 die Profess ablegte, stifteten Rogier und seine Frau Kunstwerke sowie insgesamt über 400 Kronen. 1462 gab Rogier der Brüsseler Kartause Scheut ein Darlehen für Grunderwerb; dort wurde nach seinem Tod schriftlich festgehalten, dass er dem Haus Geld und Bilder im Wert von ca. 20 Pfund Grote (1 Groot = Silbergrundmünze) geschenkt habe. 1455-57 fungierte Rogier als einer der Vorsteher des Hospitals und der karitativen Stiftung Ter Kisten im Beginenhof. 1462 war er Mitgl. der Heilig-Kreuz-Bruderschaft der Brüsseler Sint-Jacob-op-Koudenbergkerk (1731 zerst.), einer Kirche, der seine Witwe im Jahr 1464 20 Gulden Peters (=Goldmünze) für ihr und Rogiers Jahrgedächtnis stiftete. Testamentarische Schenkungen von je zwei Peters gingen an die Armen der Pfarre von Ste-Gudule und der Kapellekerk. Zeugnis von seiner Frömmigkeit gibt zudem eine Wallfahrt nach Rom im Jubeljahr 1450, bei der er lt. Bartholomeus Facius (1456, cf. Dhanens, 1995) die Wandmalereien von Gentile da Fabriano im Vatikan bewundert haben soll. Im Juni 1464 starb Rogier und wurde in Ste-Gudule im Chorumgang unter einem bläulichen Stein (mit Figur eines Toten) begraben; 1477 wurde seine Witwe neben ihm beigesetzt. Das Grab verschwand 1533 bei Umbauarbeiten. - Bereits zu Lebzeiten erfreute sich Rogier ungewöhnlichen Ruhms, der in dem Zeugnis des Cusanus, den Worten der ital. Humanisten Cyriacus und Facius oder dem Interesse des Mailänder Hofs, wo er 1461 der "edelste aller Maler" gen. wird, zum Ausdruck kommt. Aufträge aus Italien, Spanien und Deutschland sprechen von internat. Nachfrage. Kardinal Jean Jouffroy, Bischof von Arras, erwähnte ihn 1468 als seinen Freund, dessen Werke die Höfe der Könige zierten (cf. Campbell, 2005, 45). 1473 wurde er in der Kartause Herne als "pictor egregius" bezeichnet; Dürer lobte ihn 1520/21 mehrfach; Giovanni Santi führte ihn um 1490 in einem Gedicht auf die Malerei neben Jan van Eyck als einzigen Niederländer auf und für den Venezianer Marcantonio Michiel war er um 1530 ein "berühmter alter Maler". Rogiers Enkel Goossen berief sich 1535 als Siebzigjähriger in einer Gemäldeinschrift auf seinen Großvater, den "Apelles seiner Zeit", dem er nacheifere. Eine um 1565 gefertigte, mit "Maistre Rogier painctre de grand Renom" beschriftete Zchng im Recueil d'Arras (Bibl. mun. Arras) gibt vermutlich ein verschollenes Selbstbildnis wieder; dieselbe Darst. liegt auch dem Kpst. im Bild-Text-Buch Pictorum aliquot celebrium Germaniae inferioris effigie (Ant. 1572) zugrunde, in dem 23 Künstlerbildnisse mit Lobgedichten von Dominicus Lampsonius veröffentlicht sind. In Vasaris Viten von 1550 und 1568 wurde Rogier als Schüler von Jan van Eyck bezeichnet. Van Mander (1604) unterschied einen "R. von Brügge", Schüler von Van Eyck, und einen 1529 gest. Brüsseler Maler "R. van der Weyde" und schrieb Letzterem die Gerechtigkeitstafeln und die Kreuzabnahme in Löwen zu. Diese Zweiteilung blieb bis M. des 19. Jh. bestehen und wurde erst durch die mod. kunsthist. Forsch. aufgelöst. - Da keine sign. oder zeitgen. dokumentierten Werke von Rogier erh. sind, wurde sein Œuvre stilkritisch auf der Basis hist. Zuschr. zusammengestellt. Diese datieren jedoch allesamt 80-130 Jahre nach den fraglichen Werken. Zentral ist die Kreuzabnahme (Madrid, Prado), die vor 1443 für die Kap. der Löwener Armbrustschützen geschaffen wurde. Angefangen mit einem Reprod.-Stich (1565) von Cornelis Cort nennen ihn drei Zeugnisse der 2. H. des 16. Jh. als Autor der Komposition. Der Miraflores-Altar (Berlin, GG) wurde 1445 vom kastilischen König der Kartause Miraflores bei Burgos geschenkt; ein um 1520 verfasstes, wohl auf älteren Zeugnissen beruhendes Buch des Klosters nennt den berühmten Flamen "Magistro Rogel" als Maler. Die Zuweisung dieser beiden auch künstlerisch herausragenden Werke an Rogier dürfte verlässlich sein. Eine dritte als "beglaubigt" geltende Taf. (3,24 x 1,92 Meter) ist die nach 1460 entstandene Kreuzigung (San Lorenzo De El Escorial), die als Stiftung von Rogier an die Kartause Scheut belegt ist. Das beweist indes nicht die eigenhändige Ausf., die aufgrund stilistischer Abweichungen angezweifelt werden kann (cf. Kemperdick, 2016). - Die Frage der Zuschr. an Rogier selbst bleibt generell problematisch, da sie meist auf schwer objektivierbaren Qualitätsurteilen beruht: Die aus hist. Gründen plausibel mit ihm zu verbindende Zchng des Scupstoel wird als Wkst.-Arbeit betrachtet, ein gezeichnetes Frauenbildnis (London, BM), wahrsch. die Kopie eines Gem. (cf. Buck, 2009), hingegen wegen seiner hohen Qualität als eigenhändig. Zwei Taf. mit Szenen aus den Legenden der Hll. Sergius und Hubertus (Los Angeles; London) galten am urspr. Bestimmungsort in Ste-Gudule in Brüssel als Werke von ihm (cf. Dhanens, 1995), doch wird dieses Zeugnis nicht als verlässlich erachtet; die Taf. rangieren in der heutigen Lit. meist als Wkst.-Arbeiten. Beide verraten, ebenso wie die meisten mit Rogier in Verbindung gebrachten Gem., die Beteiligung mehrerer Hände, also des Ateliers, was bei einem internat. stark gefragten Maler der Zeit nicht erstaunlich ist. Unter Rogiers Namen werden in jüngerer Zeit etwa 45 Werke diskutiert, die durch enge stilistische Gemeinsamkeiten und eine künstlerisch hervorragende Ausf. gekennzeichnet sind. In der Lit. werden sie uneinheitlich als eigenhändig, teilw. eigenhändig oder aber unter der Rubrik Wkst. bzw. Nachf. geführt. Nur etwa zehn der fraglichen Stücke sind weitgehend unstrittig. Doch selbst sein berühmtestes Gem., die Kreuzabnahme (Madrid), wurde vereinzelt Campin zugeschr. (cf. Frinta, 1966, 82-102; Thürlemann, 1993), und eine als Spätwerk viel bewunderte zweiteilige Kreuzigung (Philadelphia) hat sich jüngst als Nachfolgearbeit erwiesen (cf. Steyaert, 2013). Insbes. seine künstlerischen Anfänge lassen sich nur unzureichend rekonstruieren. Als ein die Epoche prägender, seit ca. 1435 weithin gefragter Maler muss er sich in den 1420er Jahren zum herausragenden Künstler entwickelt haben. Keines seiner mutmaßlichen Werke wird in diesen Zeitraum datiert; zwei Täfelchen mit Madonna und hl. Katharina (Wien, KHM), die gewöhnlich schon um 1430-32 angesetzt wurden, haben sich als (Wkst.?)-Arbeiten von ca. 1450 erwiesen (K Frankfurt/Berlin 2008/09, Kat.-Nr 28). Die Versuche, Rogier das Œuvre des Meisters von Flémalle, der heute meist mit Campin identifiziert wird, als Frühwerk zuzuschreiben (cf. Renders, 1931; Friedländer, 1931), konnten sich nicht durchsetzen. Denkbar wäre indes, dass Rogier einzelne Werke aus der heterogenen Flémalle-Gruppe geschaffen bzw. daran mitgewirkt hat, als er in Campins Atelier arbeitete (cf. Frinta, 1966, 46-53; K Frankfurt/Berlin 2008/09, 17-22); infrage käme etwa die Hl. Veronika der namengebenden Flémaller Taf. (Frankfurt, Städel). Ansonsten bleibt als ältestes der weithin akzeptierten Gem. sein Hw., die um 1435-40 entstandene Kreuzabnahme (Madrid, Prado).- Weitgehend konsensfähig ist folgende Vorstellung von Rogiers Schaffen: Ebenfalls um 1435/40 entstand die Taf. Lukas, die Madonna zeichnend (Boston, MFA), deren direktes Vorbild Jan van Eycks nur wenig ältere Rolin-Madonna (Paris) war. Deutliche Anregungen Van Eycks zeigt ferner eine Verkündigung (Paris, Louvre), die ehemalige Mittel-Taf. eines für einen Herrn de Villa in Chieri geschaffenen Triptychons. Ein Mitgl. derselben Piemonteser Fam. ließ um 1441-45 zudem ein Kreuzigungstriptychon (Riggisberg) anfertigen. Beide Triptychen wurden ohne Zweifel bei Rogier in Auftrag gegeben, doch ist strittig, ob er selbst an ihrer Anfertigung beteiligt war. Gleiches gilt für die erw. Taf. mit Sergius und Hubertus, die gegen 1440 wohl von Brüsseler Bürgern für die Hubertus-Kap. in Ste-Gudule gestiftet wurden. Vor 1445 malte Rogier den Miraflores-Altar (Berlin, GG) für Juan II. von Kastilien, ein wenig früher die Durán-Madonna (Madrid, Prado), die ebenfalls nach Spanien ging. Gegen 1450 schloss sich ein Triptychon der Geburt Christi an (Middelburger-Altar, Berlin, GG), wenig später ein großes Polyptychon mit dem Weltgericht (Beaune, Hôtel Dieu), eine Stiftung des burgundischen Kanzlers Nicolas Rolin und seiner Frau für das Hospital in Beaune; seine Außenseite orientiert sich am Vorbild des Genter Altars der Brüder Van Eyck. Stilistisch steht dem Polyptychon das Braque-Triptychon (Paris, Louvre) nahe, das aus hist. Gründen auf 1450-52 datiert werden kann. Etwas später entstand eines seiner einflussreichsten Werke, der Columba-Altar (München, AP), der um 1460 in der gleichnamigen Kölner Kirche aufgestellt wurde. Seine zentrale Anbetung der Hl. Drei Könige wurde für Jahrzehnte das wichtigste Vorbild für derartige Darst. in den Niederlanden und Deutschland. Um 1455-60 dürfte auch der Johannes-Altar (Berlin, GG) anzusetzen sein, dessen Eigenhändigkeit in jüngerer Zeit angezweifelt wurde (cf. Campbell, 2009); gleiches gilt für die Medici-Madonna (Frankfurt). Sie war ebenso für ein Mitgl. jener Florentiner Fam. bestimmt wie eine Grablegung (Florenz, Uffizien) aus der Villa Careggi, die als großartiges spätes Werk galt, jedoch auch als Arbeit der Wkst. oder des jungen Hans Memling erwogen wurde (cf. Dhanens, 1989; K Brüssel 2013, Kat.-Nr 4). - Neben relig. Taf. werden Rogier auch eine R. von Porträts zugeschr., beginnend mit dem bes. schönen Bildnis einer jungen Frau (um 1440, Berlin, GG). Es verrät die Kenntnis der Porträts von Jan van Eyck, während spätere Arbeiten wie der um 1460 geschaffene Anton von Burgund (Brüssel, MRBAB) stilisierter wirken. Rogier schuf einige der herausragenden Bildnisse der Epoche, deren idealisierende, den Eindruck von Ernst und Würde vermittelnde Formsprache ihn zum bevorzugten Porträtisten der Oberschicht machte. Etliche seiner Schöpfungen liegen nur noch in Kopien vor, so die gleichsam offiziellen Bildnisse von Herzog Philipp dem Guten und Herzogin Isabella. Den Herzog und seine Höflinge zeigt zudem die einzige ihm zugeschr. Min., das um 1448 entstandene Widmungsbild der Chroniques de Hainaut (Brüssel, Bibl. Royal). Das sicher nach 1460 anzusetzende Bildnis einer Dame (Washington, NG) gilt als spätes Hw., allerdings weichen Gest. und Malweise markant von den meisten der ihm zugeschr. Gem. ab. - Rogier war der große "Erfinder" der alt-niederl. Malerei (cf. Friedländer, 1916, 8), der einprägsame Figuren und Komp. schuf, die sich unabhängig vom persönlichen Stil aufgreifen ließen. Seine Formulierungen von Sujets wie Verkündigung, Geburt oder Beweinung Christi setzten in der 2. H. des 15. Jh. den Standard für fromme und zugleich künstlerisch hervorragende Darstellungen. Aus genau diesen Gründen erwarb Maria von Ungarn M. des 16. Jh. das Orig. der Kreuzabnahme, um es in ihrer Schloss-Kap. aufzustellen, wo es von einem Reisenden als das "beste Bild der ganzen Welt" bezeichnet wurde (Alvarez, 1549, cf. Dhanens, 1995). Schon Facius (1456) beschrieb die emotionale Kraft von Rogiers Werken. Feinmalerische Ausf. und plastische Modellierung lassen seine Figuren präsent erscheinen, doch obgleich er sich vielfach von den Werken der Van Eycks anregen ließ, übernahm er nicht deren hohe mimetische Qualitäten. Dass bei aller detaillierten Durcharbeitung stets eine deutliche Stilisierung gewahrt wird, das Kolorit mehr lokalfarbig als atmosphärisch wirkt, trägt wesentlich zur Einprägsamkeit der Gem. bei. Rogiers Wirkung auf die Kunst der Zeit ist kaum zu überschätzen. Er wurde das Vorbild für zwei Gen. von Künstlern in den Ländern nördlich der Alpen, ebenso in Spanien. Seine Erfindungen wurden in der Malerei variiert, doch auch in and. Medien übersetzt, in Zchngn wie in Skulpturen. Die nachfolgenden Großen der niederl. Malerei, Hans Memling, Dirk Bouts oder Hugo van der Goes, griffen wesentlich auf ihn zurück, und gleiches gilt für Hans Pleydenwurff oder Martin Schongauer in Deutschland und Jean Fouquet (1420) in Frankreich.

WORKS

Antwerpen, Koninkl. MSK. Beaune, Hôtel Dieu. Berlin, GG. - Kpst.-Kab. Boston/Mass., MFA. Brüssel, MRBAB. Caen, MBA. Chicago, Art Inst. Den Haag, Mauritshuis. Florenz, Uffizien. Frankfurt am Main, Städel. Houston/Tex., MFA. Leipzig, MBK. Lissabon, Mus. C.Gulbenkian. London, BM. - Courtauld Inst. of AG. - NG. Leuven, M-Mus. Los Angeles/Cal., Getty Mus. Madrid, Mus. Thyssen-Bornemisza. - Prado. München, AP. New York, Metrop. Mus. Paris, Louvre. Philadelphia/Pa., MoA. Riggisberg, Abegg-Stiftung. San Lorenzo De El Escorial, El Escorial. San Marino/Cal., The Huntington Libr. Washington/D.C., NG of Art. Wien, KHM.

SOURCES

Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:

ThB35, 1942

 

Other encyclopedias:

DPB II, 1995; DA XXXIII, 1996.

 

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