Meister der Grandes Heures de Rohan (Maître des Grandes Heures de Rohan), frz. Buchmaler in der 1.H. des 15. Jh. in Angers, Paris und Troyes aktiv.
Meister der Grandes Heures de Rohan
M. ist benannt nach latin 9471 der Pariser BN (zugehörig der Meister der Hll.-Bilder der Grandes Heures de Rohan und der Giac-Meister; die Hll.-Bilder geben einem Nachf. den Namen; vom Giac-Stundenbuch in Toronto aus wird eine ältere Stilstufe bestimmt). - Jenseits allen Kennerstreits steht die Kunst M.s für eine bizarre Spätblüte des Weichen Stils oder der Internat. Gotik: Aus einer grundsätzlich kalligrafisch angelegten Zchng, die keine Naturnähe anstrebt, entstehen Bilder von unerhört ergreifender Ausdruckskraft; aus Schönlinigkeit entwickelt sich Expressivität, die anrührende, schmerzerfüllte Figuren in raumlosen Komp. zeigt, in denen zuweilen kleinere Gestalten im unteren Reg. reliefartig unter größeren im Mittelgrund aufgetürmter Min. erscheinen. Licht dient nur der Modellierung, nie der Erschließung von Raum. Statt Himmel zu evozieren, sind die Fonds starkfarbig: gemustert bzw. einheitlich blau oder auch schrill rot. Goldene Wölkchen ziehen über blauem Grund, roter Fond ist zuweilen mit goldenen Sonnenstrahlen durchwirkt, wie das auch beim Boucicaut-Meister und beim Meister des Guy de Laval vorkommt. - Für die allg. Gesch. des frz. Stundenbuchs ist die Werkgruppe von vielfältiger Bedeutung: Im Isabella-Stundenbuch begleiten Bilder aus Guillaume de Digullevilles Pélerinage alle Textseiten; im Rohan-Stundenbuch stehen sich in den Textbordüren Erzählung und Kommentar aus der Bible moralisée gegenüber, die nach der Anjou-Bibel (fr. 9561) gestaltet sind. Ein gerade aufgetauchtes Bl. bei Getty beweist, dass ein drittes großes Stundenbuch mit je zwei Bildern aus dem AT nach ders. Vorlage ausgestattet werden sollte. Diese Randbilder, die ins Stundenbuch einen zweiten Bildtext einbringen, blieben bis zu Colombes Stundenbücher der 1470er Jahre einzigartig; sie sind zugleich Vorstufen für die Bebilderung von Drucken aus der Zeit um 1500. Der Kalender für Rohan zeigt, dass auch ein nicht auf Naturnachahmung ausgerichteter Stil das Leben im Jahresverlauf unter den Tierkreiszeichen packend schildern kann. Motive v.a. der Limburgs werden expressiv übersteigert; Archit. aus der ober-ital. Malerei werden ihrer Plastizität beraubt und zu filigranen Gebilden überhöht, die den Rand der Min. sprengen. Der Sinn für schiere Größe sorgt dafür, dass auch sonst auf unterschiedlichste Weise mit Konventionen der Buchmalerei gebrochen wird: Manche Min. bewahren die Breite des Textspiegels, steigen aber fast in voller Höhe der Buchseite auf; die Tendenz geht zum Vollbild, das jedoch in der frz. Buchkunst nicht vorgesehen war. Im Vorgriff auf Jean Fouquets neue Gest.-Formen, aber anders als dort in Absprache mit dem Schreiber, werden Incipits in den unteren Rand verdrängt. Die so erzielte Wirkung zweitrangiger Min. macht die Konflikte der Kennerschaft verständlich, rechtfertigt aber auch die ungezählten Bildchen, die rasch, zuweilen lieblos, aber offenbar von M. oder dem Meister der Hll.-Bilder gemalt sind. Auch zahlr. profane Hss. gehören zur Werkgruppe. Rasch gemalte, meist gesichtslose Exemplare von Jean Froissart sind für die Text-Gesch. wichtiger als für die Kunstgeschichte. Sie sind offenbar im Wesentlichen vom Pariser "libraire", Pierre de Liffol, einem Vorläufer der Buchverleger, konzipiert worden (art de l'enluminure 31, 2009). - Zur kunsthist. Bestimmung M.s und der Werkgruppe stehen mehrere nur schwer vereinbare Konzepte nebeneinander: Die Bezeichnung des namengebenden Pariser Stundenbuchs mit Wappen der bretonischen Fam. Rohan hat bereits Porcher in Zweifel gezogen. Weil Hss. im Bes. der Herzogin von Anjou Yolande d'Aragon, die neapolitanische Bible moralisée (BN fr. 9561) und die Belles Heures der Limburg (New York, Cloisters), als Vorlagen gedient haben, sei das Hw. für die Anjou in Angers entstanden und auf ungeklärtem Weg an die Rohan gelangt; entsprechend wurde die Herkunft des 2. Hw., des Stundenbuchs der bretonischen Herzogin Isabella Stuart, auf die Anjou umgeschrieben. Zu einer Neubenennung M.s kam es zwar nicht, aber in der Lit. ist die Vorstellung von den Anjou als Auftraggebern inzwischen fast unbestritten. Von den ungezählten Verweisen auf die Rohan im Pariser Hw. ist jedoch keiner nachträglich; Isabella Stuart war zwar nicht die Erstbesitzerin ihres Stundenbuchs, für den Auftrag kommt aber ihr Ehemann, François Ier de Bretagne, eher als dessen erste Schwiegermutter, Yolande, infrage. Da somit nur das Pariser Stundenbuch des René d'Anjou für den Herzogshof bestimmt war, wird der bretonische Aspekt der wichtigsten Werke gestärkt. Angers, wohin sich die Klientel aus der benachbarten Bretagne gewendet haben mag, spielte schon bei Durrieu (1912) eine Rolle; er versuchte den Widerspruch zu dem in stilverwandten Hss. häufig auftretenden Gebrauch des weit entfernten Troyes mit der im Buchwesen von Angers und Troyes tätigen Fam. Lescuier aus Paris zu erklären. Was Durrieu als stilistische Einheit sah, hat Heimann 1932 auseinander gebrochen: Die erheblichen Qualitätsunterschiede führten zur Aussonderung eines extrem kleinen Œuvres, das nicht einmal aus zehn mon. Min. besteht. Es folgten Panofsky (1953), Meiss (1973 und 1974) und auch Thomas (1973), der jedoch alle Vollbilder im Hw. als eigenhändig ansah und M. für einen Teppichentwerfer hielt. Regionale Aspekte kümmerten diese Autoren wenig; der Metropole Paris gaben sie neues Gewicht; denn der Stil findet sich in den Froissart-Ausg. des Pierre de Liffol und in einem Boccace für Jean de Berry. Meiss brachte Bourges ins Spiel, weil Yolande d'Aragon als Schwiegermutter Karls VII. häufig im nahen Mehun-sur-Yèvre residierte. Dem durch Heimann auf wenige Min. großen Formats reduzierten M. hatte Meiss schon 1935 eine Bethesda-Zchng in Braunschweig zugeschr.; später kamen Altarflügel in Laon hinzu; doch schieden beide Werke wieder aus. Neuere Versuche, das Gesamtwerk aufzubrechen, führten nur zu der Gewissheit, dass ein in Angers fassbarer Illuminator abzugrenzen ist, der die Hll.-Bilder in den Grandes Heures de Rohan und alle Min. bis auf eine im Martin Le Roy-Stundenbuch geschaffen hat (König, 1982). Das erkennt auch Villela-Petit (2003) an, die in einer wiederum nur kurzlebigen Konjektur diesen Meister der Hll.-Bilder in den Grandes Heures de Rohan aus der Nachf. M.s mit der von ihr richtig isolierten ältesten Stiltendenz innerhalb der ganzen Werkgruppe gleichgesetzt hatte. Gültig blieb ihr Vorschlag, die auf den Gebrauch von Troyes konzentrierte Werkgruppe um das Giac-Stundenbuch in Toronto zu gruppieren. - Einen and. Weg beschritt Panayotova (2014), die durch Ermittlung von Unter-Zchngn im Cambridger Stundenbuch auf versch. Arbeitsweisen stieß, die Hände scheiden lassen; doch konnten keine weitere Hss. entsprechend untersucht werden. Sie kannte jedoch den Vorschlag, die gesamte Stilgruppe gleichsam in ihrem Kern zu spalten, nicht: Schon 2006 hatte König grundsätzliche Unterschiede zw. den beiden berühmtesten, thematisch sogar verwandten Min. in den Grandes Heures de Rohan (dem Toten auf dem Friedhof und dem toten Christus unter dem Kreuz) für die Aufteilung des stilistischen Kernbestands auf zwei Char. nutzen wollen. Dem Hauptmeister, der den Toten auf dem Friedhof gemalt hat, steht der Maler der Klage über Christi Tod gegenüber. M. hätte stärker zeichnerisch und flächig gemalt, Schr. in die Botschaft seiner Bilder integriert, während der Maler der Klage über Christi Tod, der auch die stehende Madonna im Stundenbuch der Isabella Stuart gemalt hat, die Farbe malerischer behandelt, Körper und Falten aus runden Schwüngen begreift, Farben durch Modellierung stärker variiert, Anatomie vernachlässigt, dafür aber ergreifende Darst. von Schmerz wie Zärtlichkeit (Madonna im Rohan-Stundenbuch) erzeugt. - Strittig sind zudem Herkunft wie Zeitstellung: An Katalonien (Porcher, 1945), Nordfrankreich (Châtelet) und die Bretagne (König. 2006) wurde gedacht. Gegen Durrieu, der das Hw. um 1430 ansetzte, hatte Meiss die Grandes Heures an die Berry-Zeit anbinden wollen und um 1418 datiert. Allg. ist man zu Durrieus Ansatz zurückgekehrt. Die Spät-Dat. rückt die wichtigsten Werke M.s oder der beiden M.s zw. die Frühphase, die Villela-Petit mit Troyes verbindet, und den in Angers noch eine Weile später tätigen Meister der Hll.-Bilder, dessen Stil mit dem Meister der Jeanne de France verwandt ist. Eine Zusammenarbeit mit Pariser Malern wie dem Boucicaut-Meister in einem Stundenbuch bei Getty müsste dann zw. Troyes und Angers erfolgt sein. Problematisch bleibt, wie weit das Bild des Toten auf dem Friedhof im Rohan-Stundenbuch nicht doch von der Hand stammt, die ihre Anfänge mit dem Giac-Stundenbuch gemacht hat; dann würde sich in der Scheidung dieses Meisters vom Maler der Klage über Christus unter dem Kreuz ein Generationenwandel ausdrücken. - Das allg. kunsthist. Problem, das Hw. der Stilgruppe zu bestimmen, wird am anschaulichsten durch Kemperdicks (2012) Versuch, van Eycks Berliner Madonna in der Kirche mit der entsprechenden Madonna im Stundenbuch der Isabella Stuart zu verbinden, die ihrerseits zw. dem Hieronymus der Limburg und der Rotterdamer Zchng Antonio Pisanellos steht: Sobald man M. und die Hw. aus der Berry-Zeit in die Jahre um 1430 versetzt, wirkt der Rohan-Stil bizarr anachronistisch und widersetzt sich jedem fachmännischem Urteil.
Group exhibitions:
Paris, BN: 1955 Les mss. à peint. du XIIIe au XVIe s. (K: J.Porcher). - 1993 Mss. à peint. en France. 1440-1520 (K: F.Avril/N.Reynaud).
Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:
ThB37, 1950
Other encyclopedias:
DA XX, 1996
Printed sources:
P.Durrieu, Les Heures à l'usage d'Angers de la coll. Martin Le Roy, P. 1912; id., Rev. de l'art ancienne et mod. 32:1912, 73-81, 161-183; A.Heimann, Städel-Jb. 7-8:1932, 1-61; M.Meiss, Gaz. d. B.-A. 77:1935, 65-75; J.Porcher, J. of the Warburg 8:1945, 1-6; E.Panofsky, Early Netherlandish Paint., C., Mass. 1953; J.Porcher, Hours of Rohan, N.Y. 1959; M.Meiss/M.Thomas, Les Heures de Rohan, P. 1973; id., French paint. in the time of Jean de Berry III, Lo. 1974; E.König, Frz. Buchmalerei um 1450, B. 1982; I.Villela-Petit, Mon. Piot 92:2003, 173-212; id./P.Stirnemann, Les Très Riches Heures du duc de Berry et l'enluminure en France au début du XVe s., P. 2004; A.Dominguez Rodriguez u.a., Grandes Horas de Rohan, Ma. 2006; E.König, Die Grandes Heures de Rohan, Simbach 2006; I.Villela-Petit, art de l'enluminure 34:2010, 2–63; S.Kemperdick, in: id./F.Lammerste (Ed.), The Road to Van Eyck (K), Rotterdam 2012; E.König, in: S.Hindman u.a. (Ed.), Books of Hours Reconsidered, Lo./Turnhout 2013; S.Panayotova, in: C.Hourihan (Ed.), Ms. Illuminata, Pr. 2014; E.König, Illumination, 1:2014, 17-27; E.Morrison, art de l'enluminure 52:2015, 70-75.
Meister der Grandes Heures de Rohan, franz. Buchmaler, tätig um 1420/40. Benannt nach seiner Hauptarbeit, den wohl im 2. Viertel des 15. Jh.s entstandenen Grandes Heures de Roban in der Pariser Nat.-Bibl. (ms. lat. 9471), einer der bedeutendsten illuminierten franz. Handschriften des 15. Jh.s. Von außergewöhnlich großem Format (290 X 200 mm) u. höchstem Reichtum der Illustrierung - jede Seite ist mit einem Bild geschmückt -, enthält der (übrigens nicht mehr ganz vollständige) Band nicht weniger als 65 große bildmäßige Miniaturen, von denen 11 eine ganze Seite füllen. Sämtliche übrigen Seiten weisen außerdem kleinere Bilder in Rechteckform auf, die auf diereich ornamentierten Randbordüren verteilt sind. Die ikonographisch sehr bemerkenswerten Darstellungen sind von Ém. Màle (L'Art religieux à la fin du moyen âge) gedeutet worden. Durrieu unterscheidet zwei an den Illustrationen beteiligte Hauptmeister: den eigentlichen M. d. G. H. d. R. als den Chef des Ateliers u. maßgebenden Typenbildner, dem er die 11 gr. Miniaturen (nach Heimann nur 4: Der Tote vor dem richtenden Gott [fol. 159], Maria u. Joh. vor dem toten Christus [f. 153], Jüngstes Gericht [f. 154] u. Madonna [f. 33 v]), die Gruppe der bannerhaltenden Engel, ein gr. Brustbild der stillenden Madonna u. den hl. Andreas in der Folge der Heiligenfig. gibt, und einen 2. Meister, der zwar in der Tradition des Ateliers arbeitet, aber ein von dem Hauptmeister doch recht unterschiedliches Temperament zeigt. Daneben waren einige untergeordnete Gehilfen tätig, die sich aber der Art der beiden Hauptmeister nichtsdestoweniger gut anzupassen verstanden. Der Anonymus ist in technischer Hinsicht etwas grob, weshalb seine Miniaturen nicht gerade zu den besten seiner Zeit gezählt werden können, auch ist er ziemlich skrupellos in der Übernahme fremder Erfindungen (Paul von Limburg; Meister der Heures du Maréchal de Boucicaut), aber er ist originell und verfügt über außerordentliche Wucht der Darstellung. Eine großartig pathetische Stimmung u. stürmischer Schwung der Empfindung erfüllen seine Kompositionen. Seine Art hat mehr von der eines Tafelmalers als von der eines Illuminators. Dagegen besitzt der 2. Atelierchef weniger schöpferische Originalität, aber erweist sich doch durch seine ernsten u. groß gesehenen Gestalten als hervorragender, wenngleich von dem Hauptmeister stark abhängiger Künstler. Über die Arbeitsteilung im einzelnen vgl. Durrieu a. a. O. (1912) p. 90f. Ders. Werkstatt, deren Sitz Durrieu nach Angers u. Troyes, Heimann nach Paris verlegt, weist Durrieu ein kostbar verziertes Stundenbuch (Heures à l'usage d'Angers) in der Smlg Martin Le Roy in Paris, die Heures des ducs d'Anjou in der Pariser Bibl. Nat. (ms. lat. 1156) u. das Stundenbuch der Isabella Stuart, Herzogin der Bretagne, in der Bibl. des Fitzwilliam Mus. in Cambridge (62) zu. Von geringerer Wichtigkeit, aber doch in unmittelbare Nähe dieser 4 Handschriften gehörig sind 2 Stundenbücher in der Pariser Bibl. Nat. (ms. lat. 13262) u. in der Pariser Bibl. de l'Arsenal (647), sowie eine Handschr. mit franz. Text in der Bibl. Nat. (ms. franc. 22531). Die Heures à l'usage d'Angers der Smlg Le Roy (veröff. von Durrieu in d. Soc. franç. de reprod. de manuscr. à peintures, Paris 1912, m. 21 Taf.) weisen eine ähnliche Reihe großfiguriger, die ganze Seitenhöhe füllender Standfiguren von Heiligen auf, wie man sich am Schluß der Grandes Heures de Rohan findet, darunter die großartige Gestalt des Petrus (fol. 160), die eine eigenhändige Arbeit des M.s d. G. H. d. R. ist. Die 23 übrigen großen Bilder ebenso wie die 24 Rechteckbilder im Kalender stammen von Gehilfenhand, über deren Ausführung aber offensichtlich das Auge des Meisters gewacht hat. Die Miniaturen der Heures des ducs d'Anjou stellen vielfach freie Reduktionen derjenigen der Grandes Heures de Roban dar; die noch etwas unbeholfene Art ihrer Kompositionen veranlaßte Durrieu, sie zeitlich vor diese u. an den Anfang der Tätigkeit des Meisters zu setzen. Besteller der Handschr. war wahrscheinlich Herzog Louis III (†1434) oder dessen Vater Louis II (†1417), doch wurde sie erst für König René ausgemalt. Sie enthält 20 große Bilder, davon nach Durrieu eigenhändig sind: Halbfig. einer Madonna auf dem Halbmond, Flucht nach Ägypten, Schmerzensmann (nur dieses hl. [f. 82) läßt Heimann als eigenhändige Arbeit gelten), Pfingstfest u. das dem hl. René als dem Namenspatron des Königs gewidmete Blatt mit dem Brustbild des Herzogs Louis II, des Vaters des Königs. Durrieu datiert die Bilder oder doch die Hauptmasse derselben zwischen 1434 u. 1438. Nichts zu tun haben mit der Werkstatt unseres Meisters die erst nach Bindung des Bandes nachträglich hinzugefügten kleinen Bilder. Die Heures d'Isabelle Stuart in Cambridge schließlich, die es bezüglich des Formats u. der reichen Bebilderung (528 Bilder) zwar mit den Grandes Heures de Roban aufnehmen können, aber nur 23 Bilder größeren Formats, dar. 2 ganzseitige, enthalten, sind hauptsächlich von dem 2. Atelierchef bzw. von geringeren Gehilfen illustriert. Von dem Hauptmeister. stammen nach Durrieu nur die beiden ganzseitigen Miniaturen fol. 141 verso mit der unter reichem Arkadenschmuck stehenden Madonna in der Mitte, Tempelgang u. Vermählung der Jungfrau zu seiten, u. fol. 136 verso mit der Halbfig. der Mad. auf dem Halbmond zwischen den hll. Petrus u. Paulus, nach Heimann nur fol. 199 mit dem die Toten auferweckenden Christus. Geschrieben wurde der Kodex wahrscheinlich nicht für Isabella Stuart, Tochter König Jacobs I. v. Schottland, seit 1441 Herzogin der Bretagne, deren Bildnis hier 2mal erscheint, und die die Besitzerin der Handschr. war, sondern für deren nahe Anverwandte Marie de Bretagne, Tochter des Richard de Bretagne, Grafen von Etampes, die seit 1457 Äbtissin von Fontevrault war, und die 2mal auf dem Rand von fol. 139 u. von fol. 140 in klein porträtiert ist. Von untergeordneten Kräften des Ateliers sind illuminiert die 3 Pariser Stundenbücher Bibl. Ste-Geneviéve 1278, Bibl. l'Arsenal 647 u. Bibl. Nat. ms. lat. 13262, sowie einige Handschr. mit franz. Texten; doch stammt in letzteren immer nur ein Teil des Bilderschmucks aus dem Atelier des M.s d. G. H. d. R., während das Übrige von Künstlern aus völlig anderen Gruppen herrührt. Dahin gehören einige Handschr. der Pariser Bibl. Nat.: Cas des nobles hommes, von Boccaccio (ms. franç. 226), von Heimann als die älteste Arbeit des Ateliers angesehen u. zwischen 1409 u. 1416 datiert; Valère Maxime (ms. fr. 20320); Chroniques de Froissart (ms. fr. 2664); Propriétaire des choses (ms. fr. 22531). Eigenhändige Arbeiten des Meisters enthält davon nur der Boccaccio, u. zwar auf fol. 14 eine Gesch. des Ödipus u. auf fol. 20 eine Gesch. des Herkules. Zugeschrieben wird dem Anonymus von M. Meiss mit überzeugenden Gründen eine von dramatischem Leben erfüllte lavierte Tuschzeichnung auf Pergament im Herzog-Anton-illrich-Mus. in Braunschweig, das Wunder vom Teich Bethesda darstellend. Zu dem Versuch G. Rings, den M. d. G. H. d. R. gleichzusetzen mit dem Meister vom Heiligenkreuz, hat die Spezialforschung bisher nicht Stellung genommen. Durrieu hat die Vermutung ausgesprochen, daß man in dem Unbekannten vielleicht den 1457/71 urkundlich in Angers nachweisbaren Adenot Lescuyer, Illuminator der Jeanne de Laval, Königin v. Sizilien, erkennen dürfe, der nach der Höhe der ihm ausgezahlten Entlohnungen ein sehr geschätzter Künstler gewesen sein muß. Lescuyer hatte einen wesentlich geringer bezahlten Mitarbeiter, Gervaise Godelin, der somit die Rolle des 2. Atelierchefs oder eines der Gehilfen zu übernehmen geeignet wäre. Zu letzteren könnte auch der in Angers 1459 nachweisbare Jean Miffaut (Meffault) zählen, der gleichfalls für Jeanne de Laval tätig war. Lit.: Cu' P. Durrieu in: A. Michel, Hist. de l'art, IV/2 (1911) p. 769, m. Abb.; ders. in: Revuedel'art ane. et mod., 32 (1912). 81/98 u. 161/83. - Adelheid Heimann, Der M. d. G. H. d. R. u. s. Werkstatt, Diss. Univ. Berlin 1930, Hamburg 1932; dasselbe in: Städel-Jahrb., 7/8 (1932) 1/61.-M. Meiss, Un dessin par le maltre d. G. H. de R., in : Gaz. d. b.-arts, 1935/I65/75. - Grete Ring ebda, 1938/I162/68. - A. Heimann, The Giac Book of Hours, in: The Burl. Magaz., 71 (1937) 83f. - E. Aeschlimann, Dict. d. miniaturistes etc., Mailand 1940.
Adenot, Illuminator in Angers, arbeitete um 1457 für die Königin Jeanne de Laval, die Gemahlin des Königs René d'Anjou. Delisle, Le Cabinet des Manuscrits I 56, III 338. - Jahrb. der Kstsammlgn. des österr. Kaiserhauses XI. 1. Teil 135.