Martini (Memmi), Simone, ital. Wand-, Tafel- und Buchmaler, *um 1290(?) wahrsch. Siena(?), †wahrsch. Juli 1344 Avignon, tätig v.a. Siena (zw. 1315 und '33 dok.) sowie zuletzt Avignon (dort 1336, '40, '44 dok.), aber vermutlich auch in San Gimignano, Assisi, Neapel, Pisa, Orvieto sowie (lt. Giorgio Vasari) in Florenz.
Martini, Simone
Das genaue Geburtsjahr ist nicht bek.; Vasari hat es im Rückschluss aus dem Todesjahr, das er auf seinem Grabstein in S.Francesco in Siena gelesen haben will, berechnet, indem er ihm 60 Lebensjahre zuschreibt. Dabei verwechselt er allerdings das Patronym mit dem des Schwagers Lippo Memmi. Das trad. mit Vasari für Simone Memmi angenommene Jahr 1284 ist aber insofern plausibel, als M., als er 1315 von der Sieneser Kommune den bed. Auftrag für die Maestà im Pal. Pubbl. erhielt, bereits ein anerkannter Maler gewesen sein muss (so auch Pierini, 2000; Leone de Castris, 2003; alle erh. Dok. ebd.). Der Überlieferung nach Sohn eines gewissen Martino, der entweder in Siena oder in San Gimignano (Carli, 1962) ansässig war; Schwager Memmis (Heirat mit dessen Schwester Giovanna erfolgte 1324, vgl. Schenkung von 220 Goldflorinen "an seine zukünftige Frau" vom 2.1.-9.2.1324). Memmi zählte wie M.s Bruder Donato di Martino (1339) zu seinen Mitarbeitern. Wahrsch. führten M. und Memmi spätestens seit 1324 eine gemeinsame Werkstatt. Über M.s Ausb. ist nichts bek.; die Bezüge in seinem Werk zu Duccio di Buoninsegna lassen eine Ausb. in dessen Umkreis vermuten. Eine Lehrzeit in Siena bei Memmo di Filippuccio, dem Vater Memmis, gilt als wahrsch. (vgl. Dok. über Hauskauf von Filipuccio im Stadtteil S.Egidio vom 2.1.-4.2.1324). 1336 übersiedelte M. unter Benedikt XII. ins päpstliche Exil nach Avignon, als offizieller Maler am päpstlichen Hof (laut Dok. vom 8.2.1340 wurden M. und Martino zu den Prokuratoren des Rektors von S.Angelo in Montone in Siena bei der päpstlichen Kurie in Avignon ernannt; von 1344 sind Zahlungs-Dok. für päpstliche Privilegien an die Kurie in Avignon erh.). M. war gut befreundet mit dem Dichter Francesco Petrarca, der ihm 1336 zwei Sonette widmete und ihn zum Zeichner und Maler eines fiktionalen Porträts der unsterblichen Laura erhob, die Petrarcas Imagination entstammt und die von ihm geliebt wurde. Das berühmte, wohl auf Papier ("in carte"; Petrarca) von M. ausgef. Porträt von Laura, von dem schon Vasari lobend berichtet, ist nicht erhalten. Vasari kommt zu dem Urteil, Petrarcas Sonette hätten M. weitaus mehr Ruhm eingebracht als er jemals durch seine Kunstwerke hätte erlangen können. Das genaue Todesdatum M.s ist nicht bek.; vom 30.6.1344 ist ein Zahlungs-Dok. zur Einrichtung seines Test. erhalten. Vom 9.7.1344 datiert ein Rückzahlungs-Dok. an das Ospedale di S.Maria della Scala in Siena. Am 4.8.1344 dokumentiert der Orden von S.Domenico in Siena die Begräbnisfeierlichkeiten für den "in der Kurie", d.h. in Avignon, "verstorbenen Maler". - Quellen lassen M. erst 1315 nachweisen, als er die mon. Maestà in der Sala del Mappamondo im Sieneser Pal. Pubbl. freskierte, signierte (fragm. Terzine im Sockel "S[…] A MAN DI SYMONE") und datierte (Inschr. uneindeutig, vgl. aber Zahlungs-Dok. vom 7.6.1315 und 20.10.-12.12.1315). - Bereits das erste bek. Werk des Künstlers zeugt von großer Originalität, obwohl klare Bezüge zu Duccio und Giotto erkennbar sind, die das trad. Thema der Maestà wenige Jahre zuvor auf Altar-Taf. dargestellt hatten. Duccios "Maestà" für den Sieneser Dom (1308-11, Siena, Mus. dell'Opera del Duomo) und Giottos "Ognissanti-Madonna" (1306-10, Florenz, Uffizien) haben mit M.s Fresko das zentrale Motiv der auf einem Stufenthron sitzenden Maria mit dem segnenden Christuskind, umgeben von Engeln, Hll. und Aposteln gemein. Neu an M.s Maestà sind die Monumentalität, das Fresko nimmt beinahe die ganze Ostwand des riesigen Saals ein, die Darst. einer realistischen Szenerie im Unterschied zur Zeitlosigkeit des himmlischen Hofstaats sowie die Autonomie der Wirkung als gerahmtes Bild. Die große Szene wird von einem stuckierten Rahmen umgeben, der wiederum von einem gemalten Band eingefasst ist. Dessen Medaillons enthalten die vier Evangelisten, Hll., Propheten im Wechsel mit den Wappenzeichen der Stadt und des Capitano del Popolo, unten eine janusköpfige Personifikation des "lex vetus" und "lex novus", in der fingierten Marmorausstattung darunter das plastisch ausgef. Siegel von Siena. Äußerst kostbare Mat., der großflächige, ehemals goldene Grund hat sich blau verfärbt, aufwendige dekorative Elemente und die außergewöhnliche Eleganz der Figuren zeugen davon, dass sich die Malerei der höfischen Gotik in Siena damals auf ihrem Höhepunkt befand. M. setzte der symmetrischen, isokephalen Reihung Duccios und der statischen Feierlichkeit Giottos ein lockeres Figurengefüge entgegen. Durch das Gestänge und die perspektivische Verkürzung des seidenen Tragebaldachins, der über der Versammlung schwebt, wird die zentralperspektivische Raumansicht betont, die ohne Kenntnis der wirklichkeitsnahen Raumansichten Giottos nicht denkbar wäre. Die Richtung der Beleuchtung orientiert sich an der Fensterseite des Raums. Im Unterschied zu Duccios "Maestà"-Taf., die die Jungfrau Maria als Schutzpatronin von Siena verherrlichen, unter deren Schutz sich die Stadt seit der berühmten Schlacht von Montaperti 1260 gegen Florenz begeben hatte, hat das Fresko eine dezidiert politische Aussage: Die Verse auf den Thronstufen über eine gute Reg. und Frieden, die als Worte Marias an ihren Hofstaat zu verstehen sind, stellen eine Verbindung von himmlischer und weltlicher Herrschaft her. Der Eingangsvers des Buchs der Weisheit im Spruchband des Christuskindes richtete sich an die Regierenden der Stadt - im großen Saal tagte der Consiglio Generale - und ermahnte sie: "Beachtet die Gerechtigkeit, die Ihr auf Erden richtet." Darauf bezieht sich Ambrogio Lorenzetti 1338/39 in seiner mon. "Allegorie der guten und der schlechten Regierung" im angrenzenden Sitzungssaal der Nove, wo die Sapientia über dem Haupt der Iustitia mit demselben Vers an die Gerechtigkeit appelliert. Zwei Jahre später, 1317, schuf Memmi im Rathaus von San Gimignano eine "Maestà", die stark an die seines Schwagers angelehnt, jedoch auf die lokalen politischen Verhältnisse umgemünzt ist. So erscheint in vorderster Reihe der Podestà von San Gimignano. Um 1315-17 malte M. das von Historiografen erw. Polyptychon für S.Agostino in San Gimignano, das heute verteilt ist auf die Mus. in Köln (Wallraf-Richartz-Mus.: Madonna mit Kind), Cambridge (Fitzwilliam Mus.: Hll.Geminiano, Erzengel Michael, Augustinus) und eine Priv.-Slg in Florenz (Hl.Katharina von Alexandrien). Die robust modellierten Figuren verweisen auf Giotto. Wohl 1315 begann M. mit der Freskierung der Martins-Kap. in der Unterkirche von S.Francesco in Assisi, zu der sich keine Dok. erh. haben, die aber inzwischen einhellig als ein Hw. des Künstlers gilt. Auf der Eingangswand ist mit individuellen, porträthaften Zügen der Stifter der Kap. dargestellt, der Franziskaner Gentile Partino da Montefiore, Titelkardinal von SS.Silvestro e Martino ai Monti in Rom. Die zehn Szenen mit Gesch. aus dem Leben des Hl.Martin, deren Darst. im Wesentlichen auf der Legenda aurea basiert, beziehen sich in ihrer Bild-Archit. und raumperspektivischen Darst. auf die reale Archit.: Die M. der Kap. ist als idealer Betrachterstandort konzipiert. Der Zyklus ist ein bis dahin einmaliges Beispiel einer Gesamtkonzeption von Archit. und Malerei. Die lebhafte, realistische Inszenierung der Figuren zeugt von einer außergewöhnlichen neuen Form der Expressivität mit breitem Spektrum physiognomischer Charakterisierung, ausgeprägter Mimik und Gestik. Unter den ganzfigurigen Hll. im Eingangsbogen, die restauratorischen Befunden zufolge zuletzt hinzufügt wurden, findet sich Ludwig von Toulouse, der am 7.4.1317 kanonisiert wurde. Vermutlich also wurden die Fresken in dem Jahr vollendet. Im selben Jahr führte M. die mon. Altar-Taf. des Hl.Ludwig von Toulouse - sign. und dat. - für die Kirche S.Lorenzo Maggiore in Neapel aus (ebd., MN di Capodimonte), im Auftrag Roberts von Anjou, des Königs von Neapel, anlässlich der Kanonisierung des Bruders. Eine Verfügung König Roberts von 1317, "an den Ritter Simone M." ein Jahresgehalt von 50 Unzen Gold auszuzahlen (nicht erh., aber publ. von Schulz, 1860, IV), lässt einen längeren Aufenthalt M.s am Hof von Neapel vermuten. Das zweifache Krönungsbild ist zugleich politische Machtdemonstration und Heiligenbild. Die himmlische Szenerie der Bekrönung Ludwigs, der zugunsten des jüngeren Bruders auf das weltliche Amt des Königs verzichtet und durch zwei Engel bekrönt wird, dominiert aufgrund des mon. Throns vor goldenem Grund. Der irdische Handlungsraum beschränkt sich auf eine schmale Vordergrundbühne mit der seitlich knienden Porträtfigur Roberts kleineren Maßstabs, der von seinem Bruder die Königskrone empfängt. Die Predellaszenen erzählen ausführlich die Vita des Hl.; sie sind formal deutlich von der zentralen Taf. abgesetzt, wird diese doch durch einen Rahmen eingefasst, der streng geometrisch mit dem Wappenzeichen der Anjou, den goldenen Lilien auf blauem Grund, verziert ist. Die Archit.-Darst. zeugen von der Auseinandersetzung mit der Raum-Gest. Giottos. Wahrsch. zw. 1317 und '19 entstanden im nördlichen Querschiff der Unterkirche von S.Francesco in Assisi zwei Fresken mit je einer Reihe halbfiguriger Hll., die Vasari zufolge mit einem heute verlorenen Altar korrespondierten, der der Hl.Elisabeth von Ungarn gewidmet war: Madonna mit Kind zw. Hll.Stefan, Ladislaus von Ungarn(?) vor aufwendig verziertem, punziertem Goldgrund und den Hll.Franziskus, Ludwig von Toulouse, Elisabeth von Ungarn, Agnes von Böhmen, Heinrich von Ungarn in einer Loggia vor blauem Hintergrund, durch Pose, Gesten und Blicke einander zugewandt. Die Wandmalereien befinden sich unterhalb der Giotto-Fresken im Gewölbe mit Darst. der Kindheit Christi, die, wie restauratorische Befunde belegen, vorher entstanden sein müssen und um 1315 dat. werden. Um 1319/20 war M. in Pisa, wo er das mon., ganz mit Goldgrund gestaltete Polyptychon von S.Caterina (heute Pisa, MN di S.Matteo, sign.) ausführte, das einer Chron. des Konvents aus dem 16. Jh. zufolge 1320 auf dem Hochaltar der Kirche angebracht wurde. Eine Madonna mit Kind wird flankiert von Hll. jeweils in Halbfigur unter einem Dreipassbogen: Maria Magdalena, Domenikus, Joh.Ev., Joh.Bapt., Petrus Martyr, Katherina von Alexandrien, darüber die Apostel und Propheten, im Giebel der Mittel-Taf. zwei Erzengel, darüber der segnende Christus. Im Zentrum der Predella sieht man Christus im Grab als Schmerzensmann, Symbol der Eucharistie, die vom Gen.-Kapitel der Dominikaner 1318 approbiert wurde, flankiert von der trauernden Maria und den Hll.Markus, Thomas von Aquin nebst weiteren Kirchenvätern, Evangelisten und Heiligen. Die stilistische Nähe zum Schwager Memmi wird bes. deutlich in der Figur des Joh.Bapt., dessen ungewöhnliche Ikonogr. mit Zeigegestus und rotem Gewand, das er über dem sonst üblichen Fellumhang trägt, Memmi in einem heute zerlegten Polyptychon für S.Paolo a Ripa d'Arno in Pisa (um 1325/30, Johannes-Taf. heute Altenburg, Lindenau-Mus.) aufgreift (vgl. Wartenberg in K Hamburg 2011). Zw. 1320 und '24 arbeitete M. an drei Polyptychen in Orvieto. Nur fragm. erh. sind jenes für S.Maria dei Servi (Madonna mit Kind sowie vier Taf. mit den Hll.Paulus, Lucia, Joh.Bapt. und Katharina, Boston, Isabella Stewart Gardner Mus.) und für S.Francesco (Madonna, Orvieto, Mus. dell'Opera del Duomo; Hl.Katherina von Alexandrien, Ottawa, NG of Canada). Zur Rekonstr. des Polyptychons für S.Domenico existieren in der Lit. versch. Vorschläge (vgl. Pierini, 2000): Maria und Kind (sign. und dat. MDCCCXX[…]) flankiert von den Hll.Domenikus, Petrus, Maria Magdalena links sowie dem Hl.Paulus rechts (alle Orvieto, Mus. dell'Opera del Duomo). In der Taf. der Magdalena findet sich die kleine Stifterfigur, wahrsch. der Domenikaner Trasmondo Monaldeschi, seit 1312 Bischof von Sovana, der einer Chron. des Konvents zufolge die Magdalena kultisch verehrte. Aufgrund der fragm. Inschr. wird die Taf. 1320 oder A. der 1320er Jahre datiert. Die Figuren sind äußerst naturnah dargestellt; die Ausformulierung von Gesichtern und Händen erreicht eine starke Ausdruckskraft. M. war offenbar auch in Florenz tätig; Vasari sah eine von ihm sign. Altar-Taf. in S.Maria Novella, doch seine Haupttätigkeit konzentrierte sich in den 1320er und 30er Jahren auf Siena, wo er immer wieder Aufträge im Pal. Pubbl. übernahm. 1321 beauftragte die Kommune von Siena M. und seine Gehilfen ("suoi gignori") mit der Rest. der Maestà, v.a. der Gesichter der Madonna, des Kindes und einiger Hll. (Dok. 30.12.1321). Im selben Jahr erhielt M. Zahlungen für ein Crocifisso, das er über dem Altar der Kap. der Nove malte (Dok. 31.12.1321 und 9.1.1322), für den er später zwei Engelsstatuetten fertigte (Zahlungs-Dok. 11.8.1329). 1323 wurde er bezahlt für ein heute verlorenes Fresko in der Loggia (Dok. 28.4.1323) sowie für einen Hl.Christophorus und ein Podestà-Wappen in der Sala della Biccherna (Dok. 30.6.1323). 1326 erhielt M. Zahlungen von der Sieneser Kommune für eine Altar-Taf., die "für den Pal. del Capitano del Popolo" bestimmt war (Dok. 28.2.-8.8.1326). Das Werk könnte identifiziert werden mit einem Polyptychon, das heute auf die Mus. in Madrid (Mus. Thyssen-Bornemisza: Hll.Petrus und Ansanus), New York (Metrop. Mus., Slg Lehmann: Madonna mit Kind, Hl.Andreas) und Los Angeles (J.Paul Getty Mus.: Hl.Lukas) verteilt ist und von Vasari im Pal. Pubbl. gesehen wurde. 1327 wurde M. bezahlt für Standartenmalereien, die als Geschenk der Kommune Siena für den Herzog Karl von Kalabrien (Dok. 31.12.1327) dienten. Ein Dok. vom 20.2.1330 belegt eine nicht erh. Figur des Marcus Attilius Regulus in der Sala del Concistoro. In der Sala del Mappamondo schuf M. an der Wand gegenüber der Maestà das Fresko des Guidoriccio da Fogliano und der Belagerung von Montemassi. Die Zuschr. ist strittig; die Forsch. bringt damit überwiegend ein Zahlungs-Dok. vom 2.5.1330 in Verbindung, für "maestro Simone dipentore per la dipentura che fece di Montemassi e Sassoforte". Die inschriftliche Dat. 1328 bezieht sich wohl auf das Jahr der Eroberung von Montemassi. Der Bildaufbau ist ungewöhnlich: Vor einem Nachthimmel und menschenleerem Prospekt mit ummauerter Stadt, Kastell und Zeltlagern reitet der Feldherr mit erhobenem Kommandostab, denkmalhaft in überdimensioniertem Maßstab. Es besteht eine formale Spannung zw. dok. Realismus einer hist. Begebenheit und stark reduzierter, symbolischer Demonstration der Macht. Im selben Saal führte M. 1331 zwei weitere heute verlorene Wandmalereien aus mit der Eroberung von Arcidosso und Castel del Piano (Zahlungs-Dok. 14.12.1331). Für die Kirche S.Agostino in Siena malte M. um 1324-25 die Taf. des Seligen Agostino Novello (Siena, Pin. Naz.). Im zentralen Bildfeld ist der 1309 verstorbene Augustinereremit dargestellt, aufrecht stehend, ein Buch in Händen und von einem Engel inspiriert, der ihm ins Ohr flüstert. Der Jurist, Priester und päpstliche Gesandte in Siena hatte dort 1305 das Ospedale von S.Maria della Scala neu organisiert. Wie in den Viten-Taf. des 13. Jh. schließen sich an den Seiten vier Bildfelder seiner Wundertaten an, die mit anekdotischer Detailliebe erzählt sind: Links unten sieht man ein Kind von einem Balkon in die Tiefe stürzen, das gerade noch von dem herabschwebenden Augustinus gerettet werden kann, nachdem er zuerst die herausgebrochene Holzlatte aufgefangen hat. Die engen Gassen und Häuser tragen die für Siena char. Züge, ebenso wie die schroffe Fels-Lsch. in der Szene oben rechts. Das ungewöhnlich breite Format und die seitliche Beschneidung lassen sich durch die ehem. Anbringung erklären: Den Quellen zufolge war über der Altarmensa eine mit vier weiteren Episoden aus der Vita bemalte cassa aus Holz angebracht (nicht erh.), auf der die Taf. wie über einer Predella montiert war (Butzek, 1985). 1333 vollendete M. gemeinsam mit Memmi eines seiner Hw., das Triptychon der Verkündigung mit den Hll.Ansanus und Massima (auch als Margarethe identifiziert), für den Altar des Stadtpatrons Ansanus im Sieneser Dom (heute Florenz, Uffizien), sign. und dat. 1333 ("SYMON MARTINI ET LIPPUS MEMMI DE SENIS ME PINXERUNT ANNO DOMINI MCCCXXXIII", vgl. auch Zahlungs-Dok. von 1330-33). Die Sign. eines gemeinschaftlichen Werks birgt das Problem der Händescheidung und Zuschreibung. Die vergleichsweise hohe Bezahlung an Memmi und die gemeinsame Sign. legen die Vermutung einer gleichberechtigten Arbeitsteilung nahe (Partsch in AKL, s.v. Memmi). Erstmals wird eine narrative Szene im zentralen Feld einer Altar-Taf. gezeigt. Über Marias Pose, die sich erschrocken vom Verkündigungsengel abwendet und schützend ihren Mantel zusammenhält, wird Bernhardin von Siena 1427 in einer seiner Predigten sagen, es sei die schönste, ehrwürdigste und bescheidenste Madonna, die in einer Verkündigung dargestellt werden könne. Trotz präziser Ausformulierung der Körper wirken die Figuren schwerelos. 1335 führte M. Wandmalereien mit Gesch. aus dem Leben der Jungfrau an der Fassade des Ospedale di S.Maria della Scala in Siena aus. An dem heute verlorenen Zyklus waren auch Pietro und Ambrogio Lorenzetti beteiligt. Im Nov. 1336 ist M. in Avignon dok. durch eine Notiz Petrarcas in demselben Ms., in dem sich die beiden M. gewidmeten Sonette finden (Rom, Bibl. Apostolica Vaticana, Vat. Lat. 3196). Unmittelbar nach seiner Ankunft in der Provençe führte M. wahrsch. den kleinen Passionsaltar, ein tragbares Polyptychon für den Kardinal Napoleone Orsini, aus, das heute auf die Mus. in Antwerpen (Koninkl. MSK: Verkündigung, Kreuzigung und Kreuzesabnahme), Berlin (GG: Grablegung Christi), und Paris (Louvre: Aufstieg zum Kalvarienberg), verteilt ist. Das Polyptychon ist der "Maestà" Duccios verpflichtet und zeigt in der Dramatik der Figuren und plastischen Modellierung des Raums Einflüsse Giottos. Die Berliner Grablegung ist ungewöhnlich figurenreich dargestellt und mit seltenen Episoden angereichert, etwa durch die Frau links vorn in der Menge der Trauernden, die sich aus Schmerz die Haare ausreißt, während eine ältere Begleiterin sie zu beruhigen sucht. Der enorme Einfluss des Altars reicht von den Fresken Giovanni da Sienas im Papst-Pal. in Avignon bis zu den Min. der Gebrüder Limburg und allg. zur Malerei des Burgunds. Zw. 1338 und '43, wahrsch. um 1342, gestaltete M. eines seiner Hw., das Frontispiz eines Vergil-Kodex, der sich im Besitz Petrarcas befand (Mailand, Bibl. Ambrosiana, Ms. Ambrosiano A 79 inf., fol. 1 verso) und einer Notiz Petrarcas zufolge ihm zwischenzeitlich gestohlen worden war. Sein Wiederauffinden im April 1338 und die Rückkehr von der Dichterkrönung in Rom 1341/42 nahm der Dichter wohl zum Anlass, den mit ihm befreundeten Maler M. mit dem Frontispiz zu beauftragen (dazu und zur Dat.: Löhr, 2011). Die sog. Allegoria virgiliana ist hinsichtlich Anlage, Format und inhaltlicher Komplexität ungewöhnlich für eine Miniatur. Mit ihren großformatigen Figuren nimmt sie nahezu das gesamte Blatt ein. Der lorbeerbekrönte Dichter Vergil sitzt rechts an einen Baum gelehnt mit Feder und aufgeschlagenem Buch auf den Knien. Ihm treten zwei Gestalten gegenüber, der Kommentator Servius, der einen Vorhang lüftet, dadurch erst den Blick auf ihn frei gibt und auf diese Weise seinem Begleiter, Aeneas in Rüstung mit Lanze, die Anwesenheit des Dichters demonstriert. Im Bildvordergrund gehen ein Bauer und ein Hirte ihrer Arbeit nach, blicken dabei jedoch wie Aeneas zu "ihrem" Dichter: Die drei Figuren spielen auf die im Kodex enthaltenen Werke Aeneis, Georgica und Bucolica an. Spruchbänder mit Distichen Petrarcas, die von geflügelten Händen gehalten werden, scheinen vor der Szenerie zu schweben. Ein weiterer Vers unterhalb des Bildes ist dem Ganzen wie eine Legende beigegeben und rühmt in beispielloser Form neben dem Dichter Vergil den Maler "Simone aus Siena, der mit dem Finger Solches gemalt hat". Damit verlassen M. und Petrarca die Trad. des Autorbildes und schaffen einen eig. Typus des selbstbewussten Dichterbildes, das nicht nur die künstlerische Autorschaft Vergils und Petrarcas zum Ausdruck bringt, sondern der Dichtung darüber hinaus die Malerei als autonome Kunst an die Seite stellt. Das letzte bek. Werk M.s ist ein kleines priv. Andachtsbild mit der seltenen Darst. der Rückkehr des zwölfjährigen Jesus vom Tempel (Hl.Fam.), sign. und dat. 1342 (Liverpool, Walker AG). Maria, die links am Bildrand mit einem Buch auf den Knien sitzt, empfängt mit vorwurfsvoller Geste den ihr von Joseph präsentierten zurückkehrenden Sohn, der die Arme verschränkt und den Mund zugekniffen hat. Auf kleinem Format ist hier mit scharfen Konturen, starken Farben, differenzierter Mimik und Gestik höchste Ausdrucksstärke erreicht, die die frz. Malerei bis ins 15.Jh. beeinflusst. - Die Malerei M.s, eines der bedeutendsten Künstler des 14. Jh., vereint poetische Vision mit scharfer Naturbeobachtung und elegant-raffinierter Linienführung im Geschmack der höfischen Gotik. Die psychologische Sensibilität seiner Erzählkunst verbindet sich mit komp. Neuerungen von großem Fantasiereichtum, die für Generationen von Malern vorbildlich wurden. M. setzte die byz.-sienesische Mal-Trad. Duccios fort und kombinierte sie mit den räumlich-perspektivischen Neuerungen des Florentiners Giotto. Sein Aufenthalt in Avignon als Mitbegr. der sog. Schule von Avignon war maßgeblich für die Verbreitung der Sieneser Malerei in Europa an der Schwelle zur Renaissance. M.s mimetische Malerei beeinflusste die realistische Kunst des Nordens bis ins 15. Jahrhundert.
Solo exhibitions:
1982 Siena, Pal. Pubbl.: S.M. e "chompagni" (K) / 2009 Avignon, Mus. du Petit Pal.: L'Héritage artistique de S.M. (K). -
Group exhibitions:
2014-15 Brüssel, Pal. des BA: Pitt. senese (K Wander-Ausst.).
Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:
ThB31, 1937
Other encyclopedias:
Bradley II, 1888; Gnoli, 1923; DEB X, 1975; Bauer, GEM V, 1977; PittItalDuec II, 1986; DA XX, 1996; Enc. dell'arte medievale, VIII, R. 1997; DBI LXXI, 2008 (Lit.)
Printed sources:
I.Ugurgieri , Le pompe Sanesi [...], II, Pistoia 1649; Milanesi, Doc. I, 1854; H.W. Schulz, Denkmaeler der Kunst des MA in Unteritalien, 4 Bde, D. 1860; Vasari, ed. Milanesi, I, 1878; L.Ghiberti, I commentarii (um 1450), ed. J.von Schlosser, I, B. 1912; M.Bloch, Speculum 2:1927, 470-472; P.Bacci (Ed.), Fonti e commenti per la storia dell'arte senese, Siena 1944; G.Paccagnini, S.M., Mi. 1955; C.Gnudi, Grandezza di Simone, I, R. 1956; E.Carli, in: G.Cecchini, San Gimignano, Mi. 1962; G.Contini/M.C. Gozzoli, L'opera completa di S.M., Mi. 1970 (WV); C.de Benedictis, La pitt. senese 1330-1370, Fi. 1979; J.Cannon, JWarburg 45:1982, 69-93; Il gotico a Siena (K Siena), Fi. 1982; M.Butzek, in: P.A. Riedel/M.Seidel (Ed.), Die Kirchen von Siena, I, M. 1985; J.Poeschke/S.Diller, Die Kirche S.Francesco in Assisi und ihre Wandmalereien, M. 1985; Frühe ital. Malerei (K GG), B. 1987; A.Martindale, S.M., Ox. 1988 (Lit., WV); H.Maginnis, Riv. d'arte 41:1989, 3-23; P.Leone de Castris, S.M. (WV), Fi. 1989; Gli Uffizi - 268 capolavori dell'arte (K), Fi. 1999; A.Bagnoli, La Maestà di S.M., Cinisello Balsamo 1999; M.Pierini, S.M., Cinisello Balsamo 2000 (Lit.); K.Krüger, in: T.Michalsky (Ed.), Medien der Macht, B. 2001; H.B.J. Maginnis, The world of the early Sienese painter, Univ. Park, Pa. 2001; L.Ross, Artists of the MA, Westport, Conn./Lo. 2003; L.Cateni u.a., Duccio, Simone, Pietro, Ambrogio e la grande stagione della pitt. senese, Siena 2003; J.Poeschke, Wandmalerei der Giottozeit in Italien, 1280-1400, M. 2003; P.Leone de Castris, S.M., Mi. 2003 (Lit., WV); A.Dunlop, Word and Image 24:2008(1)77-91; A.Labriola, S.M. e la pitt. gotica a Siena, Fi. 2008; M.Lonjon, Arte cristiana 97:2009(853)241-256; H.van Os, Kunstchronik 63:2010(4)156-165; D.Norman, ZKg 73:2010(3)297-334; W.-D.Löhr, Lesezeichen, B. 2011; Die Erfindung des Bildes (K Hamburg), M. 2011; M.Castrichini, Studi di storia dell'arte 23:2012, 33-52; D.Norman, in: K.W. Woods (Ed.), Art & Visual Culture, 1100-1600, Lo. 2012; J.Polzer, Arte cristiana 100:2012(870/872)177-192; D.Parker, Source 32:2013(3)1-4; F.Aceto, Prospettiva 147/148:2012/2014, 2-61; P.Caella, in: U.Musarra-Schrøder u.a. (Ed.), Faber in Fabula, Fi. 2014; D.Norman, Gesta 53:2014(1), 25-45; J.Polzer, Studi di storia dell'arte 24:2014, 27-46
Simone di Martino (Simone Martini), Maler, * Siena, vermutlich zwischen 1280 u. 1285, † Avignon 1344. Beruf des Vaters Martino unbekannt; ein Bruder, Donato, war ebenfalls Maler. Das genaue Geburtsjahr Simones urkundl. nicht überliefert, aber mit großer Wahrscheinlichkeit zwischen 1280 u. 1285 anzusetzen. Die früheste Urkunde über seine künstler. Tätigkeit gehört dem Jahre 1315 an: eigenhändige Signatur des großen Freskos der "Majestas" in der Sala del Consiglio des Pal. Pubblico in Siena. Unterm 23.7. 1315 verfügt ein von König Robert von Neapel in Casasana bei Castellamare di Stabia erlassener Befehl die Auszahlung eines Jahresgehaltes von 50 Unzen Gold an den Ritter Simone Martini, der wohl identisch mit S. ist. Evidenz hat die Annahme eines zeitweiligen Aufenthaltes S.s am Hofe von Neapel. Sicher ist, daß er 1320 oder kurz vordem nach Mittelitalien zurückkehrte, da er in diesem Jahr ein für die Kirche S. Domenico in Orvieto bestimmtes Altarbild signierte. In dems. Jahre oder kurz danach vollendete er ein großes Polyptychon für den Hochaltar von S. Gaterina in Pisa. Erhielt Dez. 1321 Bezahlung für die Erneuerung der erwähnten "Majestas" im Pal. Pubblico in Siena und für ein Kruzifix in der Cappella dei Nove des gleichen Palastes, dessen Vollendung er Jan. 1322 dem Mino di Cino Ughi überließ. April 1322 Bezahlung für einige Fresken in der Loggia des Pal. Pubblico; desgl. Juni dess. Jahres für Vollendung eines Bildes "in domo dominorum Novem", für einen Hl. Christophorus im Amtssitz der Biccherna und für Bemalung eines Wappens des Podestä. Jan. 1324 Verheiratung mit Giovanna, Tochter des Malers Memmo di Filippuccio, Schwester des Lippo Memmi, mit dem zeitweise in mehr oder weniger enger Arbeitsgemeinschaft verbunden gewesen zu sein scheint. April 1326 Bezahlung für ein für den Pal. del Capitano del Popolo ausgeführtes Tafelbild; August dess. Jahres desgl. für nicht näher bezeichnete Arbeiten. Sept. 1326 erhielt S. Reisekosten zurückvergütet für im Auftrage der Komune von Siena unternommene Reisen nach Arcidosso, Castel del Piano und Scansano. 1327 Bezahlung für mehrere Arbeiten heraldischen u. dekorativen Charakters, Aug. 1328 desgl. für das Freskobild des Guidoriccio Guidoricci im Pal. Pubblico in Siena. Aug. 1329 Bezahlung für Bemalung zweier für die Capp. dei Nove im Pal. Pubblico bestimmter Engelstatuen. Wurde Okt. dess Jahres, zusammen mit Neri Mancini, für einen 14 täg. Aufenthalt in Ansedonia "in servizio del Comune" entschädigt. Juli 1330 Bezahlung für eine von S. im Consistoro dei Nove ausgeführte Figur des Marcus Regulus, 1331 desgl. für mehrere Bilder, deren Gegenstände nicht genannt werden, und die S. auf eigenes Risiko für den Pal. Pubblico in Siena, für Arcidosso und Castel del Piano übernomrnen hatte. 1332 Bezahlung für Ornamentmalereien in Verbindung mit dem Altar der Nove. 1333 Bezahlung, zus. nut Lippo Memmi, für das von S. für die Ansanus-Kapelle im Dom zu Siena gemalte Altarbild der Verkündigung Mariä, jetzt in den Uffizien Florenz. Die nächste Nachricht über S. überspringt einen Zeitraum von 6 Jahren: am 8. 2. 1339 wurden er und sein Bruder Dona to zu Vertretern (procuratores) des Ser Andrea di Marcovaldo, Rektors der Kirche S. Maria degli Angeli in Siena, "in Romana Curia", d. i. am päpstl. Hofe in Avignon ernannt, mit Vollmachten, für den gen. Ser Andrea bei der Beratung über gewisse der päpstl. Entscheidung unterliegende Rechtsangelegenheiten zu fungieren. Möglich, ja wahrscheinlich, daß S. u. Donato damals bereits in Avignon waren. Das genaue Datum ihrer Abreise ist jedenfalls (ebenso wie die Gründe für diese Reise) unbekannt, doch darf man annehmen, daß sie spätestens zu Beginn des Jahres 1339 erfolgte. S.s Aufenthalt in Avignon blieb ein dauernder. Die erhaltenen Urkunden über diesen Zeitabschnitt sind sehr spärlich und verbreiten wenig oder gar kein Licht über seine künstler.Tätigkeit am päpstl. Hofe. Von 1340 datiert eine Urkunde über eine von S. geleistete Zahlung auf ein Haus, das er im Castelvecchio-Viertel in Siena erworben hatte. Mai 1342 signierte und datierte er ein Tafelbild: Jesusknabe, mit seinen Eltern aus dem Tempel zurückkehrend, jetzt in der Walker Art Gall. in Liverpool (Engl.). Mai 1344 wurden ihm Zahlungen vergütet, die er für Briefe über zwischen dem Spital S. Maria della Scala in Siena und der päpstl. Kurie schwebende Streitsachen geleistet hatte. Vom 30. 6. dess. J. datiert eine im Archiv zu Siena bewahrte Abschrift seines Testaments, in dem er zu seinen Erben seine Ehefrau Giovanna, seinen Bruder Donato und dessen Kinder einsetzt. Ein vom 4. 8. 1344 dat. Eintrag im Totenbuch des Klosters S. Domenico in Siena meldet ihn als bereits verstorben: "Magister Simon pictor mortuus kst in Curia [d. i. in Avignon): cuius exequies fecerimus Conventu die IV mensis Augusti". Am 7. 8. dess. J. erhielt Lippo Memmi die Kosten zurückerstattet, die er für das Seelgerät S.s ausgelegt hatte. Ohne Zusammenhang mit seinem künstler. Schaffen steht ein in die Zeit des Aufenthaltes S.s in Avignon fallendes Geschehnis, das von beträchtlicher Wirkung auf seinen Nachruhm werden sollte, nämlich sein Freundschaftsbund mit Petrarca. über diese Freundschaft und die hohe Wertschätzung Petrarcas für S. bietet uns der berühmte Humanist Zeugnisse in 2 Sonetten, in denen er S. als den Schöpfer eines Bildnisses der Laura del Sade rühmt, und in einem seiner Briefe, worin es heißt: "duos ego novi pictores egregios nec formosos - Jottum Florentinum civem... et Simonem Senensem". Mit mehr Recht als von irgendeinem anderen seiner Zeitgenossen oder Nachfolger kann von S. gesagt werden, daß er die reinste Inkarnation des sienes. Künstlertums darstellt. Schönheit der Farbe und Zeichnung, Anmut der Bewegung u. des mimischen Ausdrucks, Sorgfalt der Ausführung und Pracht der ornamentalen Details waren die Hauptziele seines Strebens. Der Verwirklichung dieser Ideale war er alles andere unterzuordnen und sogar zu opfern stets bereit. Für jene halbwissenschaftlichen Probleme 'der Form, Komposition und Naturwiedergabe, die Giottos u. Arnbrogio Lorenzettis Aufmerksamkeit so sehr in Anspruch nahmen, zeigt S. nur sekundäres Interesse. Obgleich er keineswegs des Sinnes für realistische Wiedergabe ermangelt, läßt er es selten zu, daß dieser die stille Heiterkeit seiner schönen dekorativen Kompositionen verwirre, die häufig mehr den Eindruck von Traumgemälden als von Wiedergaben wirklicher Dinge u. Geschehnisse erwecken. Seine Figuren zeigen trotz der ungewöhnlich feinfühligen Modellierung ihrer Köpfe u. Gliedmaßen wenig oder nichts von der Plastizität und der starken Vitalität der Figuren Giottos u. Ambr. Lorenzettis, wenig auch von dem Pathos und dem leidenschaftlichen Ausdruck der Gestalten Pietro Lorenzettis, besitzen aber dafür eine Anmut u. seelische Durcharingung, deren Wirkung nicht geringer ist. Seine außerordentliche Begabung für die lineare Zeichnung ist vielleicht der höchste Ruhmestitel S.s. In dieser Hinsicht ist er unter den Künstlern des Abendlandes eine ganz einzigartige Erscheinung, die nur den Vergleich mit den Zeichnern Chinas u. Japans duldet. Neben ihrer sublimen Feinheit besitzt S.s Linie eine merkwürdige u. scharf ausgeprägte persönliche Note. Diese kommt mit gleicher Kraft in den übrigen Elementen seiner Kunst und besonders in seinen Typen zum Ausdruck, die trotz ihrer teilweisen Ableitung von Duccesken Vorbildern einen völlig eigenen Charakter u. Ausdruck tragen. In seiner Technik und Farbe offenbart S. einen Zauber und Schmelz, worin ihm auchdie tüchtigsten seiner sienesischen Landsleute selten gleichkommen, geschweige denn ihn übertreffen. Die außerordentliche Zartheit, die seinen Temperabildern eignet, kehrt wieder in den Fresken, die eine unübertreffliche Delikatesse der Behandlung auszeichnet. Alles in allem kann S.s Kunst am treffendsten durch das Schlagwort: aristokratisch, gekennzeichnet werden. In der Vornehmheit ihrer Entwürfe, der erdentrückten Hoheit ihrer Typen, in der noblen Haltung und den prachtvollen Kostümen ihrer Figuren, in der sicheren Wahl und dem unfehlbaren Geschmack ihrer dekorativen Details spiegelt sie den Genius eines Malers wider, der als einer der bezauberndsten Künstler des Abendlandes angesprochen werden darf. Die Wirkung von S.s Kunst auf die Maler seiner eigenen u. der folgenden Generationen war außerordentlich und in mancher Hinsicht noch stärker u. dauernder als derjenige Ambr. Lorenzettis. Vollauf deutlich uro die Mitte u. während der 2. Hälfte des Trecento, ist sein Einfluß auf die sienesische Malerei bis tief in das 15. Jh. hinein spürbar, um eine letzte u. höchste Blüte in der anmutigen Kunst Neroccios u. Francescos di Giorgio zu zeitigen. Auch beschränkte sich S.s Einfluß nicht auf Toskana u. Umbrien, sondern drang auch in andere Teile Italiens; ja selbst die französ. Malerei der 2. Hälfte des 14. u. des beginnenden 15. Jh.s weist vielfach deutliche Spuren einer Beeinflussung durch die von S. und seinen unmittelbaren Nachfolgern in Avignon ausgeführten Werke auf. Aus der Lehr- oder Frühzeit S.s ist uns kein. einziges mit Sicherheit ihm zuzuschreibendes Gemälde bekannt. Das früheste genau datierbare Werk ist das große Fresko der "Majestas" im Pal. Pubblico in Siena, das, wie eine erhaltene Inschrift bezeugt, 1315 ausgeführt wurde, aber schon 1321 von S. selbst erneuert und vielleicht teilweise übermalt wurde. Die Ursachen, die eine so baldige Restaurierung notwendig machten, sind unbekannt; auch is i es unmöglich, die Grenzen der von S. vorgenommenen Ausbesserungen genau zu bestimmen. Wahrscheinlich sind diese viel weniger beträchtlich, als man bisher annahm; es besteht jedenfalls kein triftiger Grund für die Annahme, daß das Fresko damals in seinem Gesamtcharakter wesentlich verändert worden sei. In seinem jetzigen Zustande zeigt es S. bereits im Besitze eines völlig ausgebildeten u. ganz persönlichen Stiles und läßt keinen Zweifel darüber, daß ihm eine nicht unbeträchtliche Anzahl älterer Arbeiten kaum weniger entwickelten Charakters vorangegangen sein muß. Die hohe Qualität des Werkes beweist, daß S. zu der Zeit, als er diesen Auftrag erhielt, bereits einen hohen u.sicher gegründeten Ruf unter den sienes. Malern seiner Zeit besessen haben muß. Obgleich einzelne Partien an Duccio erinnern, zeigt es S. doch schon fast völlig frei von der "maniera bizantina" Duccios und, wenn auch nicht dem Stile, so doch dem Geiste nach, bereits wesentlich "gotisch". Konzipiert in deutlicher Nachahmung eines großen Wandteppichs, stellt es hinsichtlich der Pracht seiner Gesamtwirkung wie hinsichtlich der Schönheit seiner Einzelheiten das großartigste und in dekorativer Hinsicht wirkungsvollste Wandgemälde dar, das man überhaupt kennt. In die Zeit zwischen der Entstehung der 1. Fassung der "Majestas" und S.s nächsten sicher datierbaren Werken in Orvieto u. Pisa gehört wahrscheinlich das Altarbild mit dem Hl. Ludwig von Toulouse u. seinem Bruder Robert von Anjou, früher in S. Lorenzo Maggiore, jetzt im Museo Naz. in Neapel. Das Bild ist signiert, aber nicht datiert. Da der berühmte Franziskanerbischof hier mit dem Heiligennimbus geschmückt erscheint, wird das Bild wohl entweder im Jahre der Heiligsprechung Ludwigs, 1317, oder kurz danach entstanden sein, zum Andenken an ein Ereignis, das von den Mitgliedern des Hauses Anjou seiner ganzen Bedeutung nach gewürdigt worden sein wird. Das Bild zeigt in seiner Gesamthaltung eine gewisse Zurückhaltung u. Strenge, wie sie in diesem Maße kein anderes seiner Werke besitzt. Bemerkenswert ist der Gegensatz zwischen der idealisierten Gestalt des thronenden Heiligen und der ungewöhnlich realistischen Bildufng seines königl. Bruders Robert, dessen Kopf wie ein direkt nach dem Leben studiertes Bildnis wirkt und wohl als überzeugender Beweis für die Entstehung des Bildes in Neapel angesehen werden darf. In scharfem Gegensatz zu der hieratisch aufgefaßten Haupttafel stehen die Predellenbilder mit den Geschichten des Hl. Ludwig. Obgleich sehr schlicht komponiert und in gewissen Partien merklich mangelhaft in der räumlichen Anordnung der Figuren, entwickeln diese Bildchen doch eine erstaunliche Vitalität in Bewegung u. Ausdruck und sind Beweis für die instinktmäßige Erzählergabe S.s. - Zeitlich schließen sich an die Altarbilder von S. Domenico in Orvieto und vou S. Caterina in Pisa, deren Entstehungszeit sich ziemlich genau bestimmen läßt. Das Bild in Orvieto, jetzt im dort. Mus. dell'Opera, ist signiert und 1320 datiert; es wird überdies in den Urkunden des Dominikanerklosters ha Orvieto erwähnt als im Auftrage des, Trasmundo dei Monaldeschi, Bischofs von Sovana, gemalt. Das Altarbild in Pisa, dessen Teile neuerdings wieder in der Kirche, für die es ursprünglich gemalt war, vereinigt wurden, ist zwar weder signiert noch datiert; aber die in der handschriftl. Chronik des Klosters S. Caterina gemachte Angabe, daß es auf Veranlassung eines Fra Pietro 1320 gemalt wurde, darf als wenigstens annähernd richtig angenommen werden. Von den beiden Werken ist das Pisaner das weitaus imposantere. Verglichen mit dem Bild in Orvieto zeigt es in der Behandlung der Figuren größere Kraft der Zeichnung u. Modellierung und ein höheres Maß von Ausdrucksenergie. Die bereits in der "Majestas" unverkennbaren gotischen Elemente treten hier noch viel deutlicher hervor und kommen besonders in den Draperien, Kostümen u. Bewegungsmotiven einiger weibl. Heiligen zum Ausdruck. Das Altarbild in Orvieto steht trotz seiner bescheidneren Proportionen dem Pisaner Polyptychon an Reiz nicht nach. Die Zeichnung, obgleich weniger kräftig als dort, ist freier u. breiter, dabei nicht weniger durchempfunden. Der vorzügliche Erhaltungszustand zeigt die hohe Qualität der Farbe u. Technik. In die gleiche Periode sind zwei weitere gleichfalls von S. für Orvietaner Kirchen ausgeführte Altarbilder zu setzen; das eine, dessen Mittelfeld im Museo dell'Opera bewahrt wird, während die eine der Seitentafeln in der Liechtensteingal. in Wien ist, stand ursprünglich in der Kirche S. Francesco; das andere, dessen genaue Provenienz unbekannt ist, war lange Jahre im gleichen Museum in Orvieto als Leihgabe der Familie Mazzocchi ausgestellt und befindet sich jetzt in der Slg Gardner in Boston, U. S. A. Beide Werke sind weder signiert noch datiert; sie zeigen deutlich den Stilzusammenhang mit dem Altarbild von S. Domenico, trotz gewisser Abwandlungen in den Typen und einer vergleichsweise geringeren Qualität in den Details, was besonders auf das Bostoner Bild zutrifft, das wohl teilweise von Gehilfen ausgeführt ist. Aus dem auf S.s Heimkehr von Neapel folgenden Jahrzehnt, kurz vor oder - wahrscheinlicher - kurz nach Ausführung der Altarbilder von Pisa u. Orvieto, muß das bedeutendste aller erhaltenen Werke S.s, die prächtige Dekoration der Martinskapelle in der Unterkirche von S. Francesco in Assisi entstanden sein. Leider ist das großartige Werk nicht signiert, auch liegen keinerlei zeitgenössische Urkunden vor, die das genaue Datum seiner Entstehung böten. Stilistische u. sonstige Überlegungen lassen ziemlich deutlich erkennen, daß es sich um ein Werk aus der Frühzeit S.s, also der eben genannten Periode, handelt. Fest steht, daß die Ausschmückung der Kapelle wie der Bau der Kapelle selbst aus dem Vermächtnis des 1312 † Kardinals Gentile da Montefiore bestritten wurden. Vielleicht verdankte S. den Auftrag dem Neapler Herrscherhause, das für die Kosten mitbeigesteuert haben mag. Die Darstellungen aus der Legende des Hl. Martin, die die Wände schmücken, zeigen die Grenzen der Begabung S.s als Maler vielfiguriger Kompositionen. Die Bilder ermangeln der rechten Einheitlichkeit u. Klarheit in der Anordnung, sind aber nichtsdestoweniger äußerst reizvoll in der frien Natürlichkeit ihrer Gruppierung und geben überall den sachlichen Inhalt der betreffenden Szene klar wieder. Durch die fast völlige Unterdrückung stärkerer Bewegungsmotive breitet S. über die einzelnen Szenen die Stimmung einer seltsam ergreifenden, fast überirdischen Stille. Der idealistische Gehalt dieser Geschichten wird durch die außerordentliche Schönheit und die Pracht ihrer Farbe und ihrer ornamentalen Details noch erhöht. Als Dekoration im höchsten Sinne des Wortes steht diese Freskenfolge außerhalb jeden Vergleiches. Kaum weniger reizvoll als diese Szenen aus der Legende des Hl. Martin sind die Heiligenfiguren in der Laibung des Portals der Kapelle und die Brustbilder von Heiligen an den Fensterpfosten. Die Dekoration der Martinskapelle war nicht das einzige Werk, das S. während seines Aufenthaltes in Assisi, der gewiß ein ziemlich langer war, ausführte. Sicher gleichfalls von seiner und nicht von Donatos Hand oder der eines Schülers, wie man behauptet hat, sind die wundervoll durchgeistigten Halbfiguren von Heiligen im rechten Querschiff ders. Unterkirche. Im Entwurf völlig, in der Ausführung wenigstens teilweise, gehört S. ferner das Fresko der Madonna snit dem Kinde zwischen 2 königl. Heiligen an der angrenzenden Wand desselben Querschiffes. Die glaubwürdige Überlieferung, daß S. auch die jetzt verschwundene Dekoration der Ludwigskapelle, gegenüber der Martinskapelle, gemalt habe, erhält eine Stütze darin, daß der Entwurf des schönen Fensters dieser Kapelle sicherlich auf S. zurückgeht. Wahrscheinlich gehört ihm auch der Entwurf des Fensters der Martins-Kapelle, wenn dieses auch den S.schen Stilcharakter weniger klar erkennen läßt. Von 1328 datiert das großartige Reiterbildnis des Guidoriccio da Fogliano, des gefeierten Generals der Republik Siena, das im Pal. Pubblico die Wand gegenüber der "Majestas" schmückt - ein kühner Wurf von stärkster dekorativer Wirkung. - Das nächstdatierte Werk ist das berühmte, 1333 für die Ansanus-Kapelle im Dom zu Siena ausgeführte Altarbild der Verkündigung Mariä mit Heiligen, jetzt in den Uffizien in Florenz. Die Signatur dieses Werkes, die neben dem Namen S.s den seines Schwagers Lippo Memmi enthält, hat lange Kontroversen über den jeweiligen Anteil der beiden Meister an dem Bilde entstehen lassen. So gut wie sicher ist, daß der Entwurf von S. herrührt. Lippos Anteil wird hauptsächl in den ornamentalen Teilen zu suchen sein, aber auch vielleicht in den Köpfen u. Gestalten der beiden Heil. Ansanus u. Julitta, die tatsächlich vielfach mehr den Stilcharakter Lippus als den S.s zeigen. Eine genauere Abgrenzung des Anteils beider im einzelnen ist nicht möglich. Das Bild ruft wie kein anderes der Werke S.s Reminiszenzen aus der orientalischen und besonders der chinesischen u. japanischen Malerei wach. Daß die Komposition durch ältere Vorbilder beeinflußt sei, ist möglich, doch erleidet das Bild als ursprüngliche Erfindung S.s dadurch keine Beeinträchtigung. Für den tiefen u. dauernden Eindruck, den es auf die Künstler seiner eigenen u. der Folgezeit machte, sind Zeugnis die in Toskana u. Mittelitalien mehr als ein Jahrhundert hindurch zahlreich anzutreffenden, mehr oder weniger freien Kopien. Das Motiv der erschreckten Maria kommt in 2 weiteren Fassungen des Themas vor, der lieblichen, leider sehr ruinösen kleinen Madonna der ehemal. Slg Stroganoff in Rom, jetzt in der Ermitage in Leningrad, und einer wesentlich geringeren Wiederholung in Brüssel. Leider ist das Florentiner Altarbild nicht im ursprünglichen Zustande erhalten, indem sein Rahmenwerk moderne Zutat ist und seine einzelnen Bestandteile unrichtig vereinigt wurden. Diese Verkündigung der Uffizien ist die spätest beurkundete Arbeit S.s aus dem Abschnitt seines Schaffens vor dem Verlassen Italiens. Von den vermutlich zahlreichen Bildern, die er während seines langen Aufenthaltes in Avignon ausgeführt haben wird, werden dort heute nur 2 allgemein anerkannte Stücke bewahrt: das stark zerstörte Fresko der Mad. m. d. Kinde u. einem Engel nebst kniender Stifterfigur (Kardinal Jacopo Stefaneschi?) und das gleichfalls beschädigte Bild des segnenden Erlösers zwischen Engeln in der Giebelfeldlünette der Vorhalle der Kathedr. Notre-Dame-des-Doms. Einige stark verblaßte, z. T. fast verschwundene Fragmente von Engelsköpfen auf den angrenzenden Wandflächen sind gleichfalls mit großer Wahrscheinlichkeit S. zuzuschreiben. Nichts ist dagegen mehr zu erkennen von dem einst gefeierten Fresko eines Drachenkampfes des Hl. Georg im Atrium d. gleich. Kirche Notre-Dame. - Von den zahlreichen Wandbildern im päpstl. Palaste, wovon einige S. zugeschrieben werden, kann kein einziges als von ihm selbst ausgeführt gelten, obgleich viele derselben den direkten Einfluß seiner Kunst klar widerspiegeln. Aus dieser abschließenden Avignoneser Periode des Schaffens S.s besitzen wir schließlich noch eine Anzahl kleinerer, jetzt in verschiedenen europäischen Slgn verstreuter Bilder; eines davon, der Jesusknabe mit seinen Eltern, in d. Gal. in Liverpool, ist S.s letztes bekanntes sign. u. dat. (1342) Werk. Die Figuren desselben fallen auf durch das Gedrungene ihrer Statur und eine gewisse Schwere ihrer Form. Die Behandlung ist noch flüssig u. anmutig, aber merklich weniger frei u. kraftvoll als die der älteren Werke. Die Farbe ist trotz Überrnalung charakteristisch. Der gleichen Zeit gehört eine wahrscheinlich nach dem Liveipooler Bild entstandene Folge von Tafeln an, die ursprünglich einen Teil eines kleinen Polyptychons bildeten, davon 4, Verkündigung, Kreuzigung u. Kreuzabnahme, in die Galerie zu Antwerpen, 2 weitere, Kreuztragung u. Grablegung, in den Pariser Louvre bzw. in das Berliner Kaiser-Friedr.-Mus. gelangten. Sie zeigen den gleichen Mangel an tektonischer Gruppierung wie die Predellenbilder in Neapel und einige der Martinsfresken in Assisi, fallen außerdem auf durch eine dramatische Bewegung, die den älteren Arbeiten S.s völlig fremd ist. Diese Passionsdarstellungen sind mit Figuren überfüllt, deren Heftigkeit ihrer Gebärden u. Bewegungen sich hier u. dort fast bis zur Raserei steigert. Was die Figuren anbelangt, so zeigen diese, wenn auch weniger ausgesprochen, die gleichen gedrungenen Proportionen u. relativ schweren Formen wie die des Liverpooler Bildes. Die Zeichnung ist unruhig, die Farbe bunt. - Dem Stil u. der Behandlung nach ganz in die Nähe des Antwerpener Polyptychons und zweifellos in die gleiche Spätphase seines Schaffens gehört ein Täfelchen: Christus am Kreuz, früher in der Slg Bonnat, Bayonne, jetzt im Fogg Mus. in Cambridge, U.S.A. In die Zeit seines Aufenthaltes in Avignon muß auch das farbige Titelbild zum Vergil in der Arnbrosiana in Mailand gesetzt werden: obgleich in der Qualität geringer, trägt diese Miniatur doch so deutlich den Stempel der Kunst S.s, daß ein Zweifel an seiner Autorschaft nicht aufkommen kann. Der Codex, den sie schmückt, befand sich einst im Besitze Petrarcas. Von den unsignierten u. undatierten auf uns gekommenen Werken S.s verdienen 2 besondere Beachtung: ein Triptychon, die Hll. Michael, Augustinus U. Ambrosius darstellend, im Fitzwilliam Mus. id Cambridge (Engl.), und ein Polyptychon, den seligen Agostino Novelo und 4 Szenen aus seiner Legende darstellend, in S. Agostino zu Siena. Ersteres gehört der Frühzeit S.s an und steht zeitlich nicht weit entfernt von den Altarbildern in Orvieto u. Pisa. Das 2., übrigens bedeutendere Bild, unterscheidet sich zwar in mancher Hinsicht merklich von S.s übrigen Werken, aber der Stilbefund lehrt, daß es sich doch um eine originale Arbeit S.s handelt. Der Stil der Erzählung ist von einer Kraft, die den Fresken in Assisi fehlt, sich aber andererseits von den Übertreibungen des Antwerpener Polyptychons frei hält. Wie in den Predellen in Neapel u. in den Fresken in Assisi sind die architektonischen Details abgekürzt, aber wirksam wiedergegeben und überraschen vielfach durch die kühne Behandlung der Perspektive. Die Farbe ist weich und duichsichtig, die Technik von großer Feinheit. Obgleich eine genaue Datierung nicht möglich ist, darf das Bild doch wohl in die mittlere Periode seines Schaffens gesetzt werden. Werkverzeichnis: Antwerpen, Gal.: Verkündigung, Kreuzigung, Kreuzabnahme. - A ssisi, S. Francesco, Unterkirche, Martinskap.: Szenen aus der Martinslegende, Kardinal Montefiore vor dem Hl. Martin, Figuren von Heiligen, Entwürfe für Fenster (?); r. Querschiff: Figuren von Heiligen, Mad. m. Kind u. Heiligen (Ausführung des letzteren z. T. durch Gehilfen); Ludwigskap.: Entwurf für 1 Fenster. - Avignon, Kathedrale (N.-D.-des-Dorns), Vorhalle: Segnender Christus mit Engeln, Mad. m. Kind, Engeln u. Stifter, Fragmente von Engelsköpfen. - Berlin, K.-F.-M.: Grableg-ung (Teilstück des Antwerpener Polyptychons). - Boston (U. S. A.), Gardner. Coll.: Mad. m. Kind, Engeln u. Heiligen, Christus mit Engeln. - Cambridge (Engl.), Fitzwilliam Mus.: H11. Michael, Augustinus und Ambrosius mit Engeln. - Cambridge (U. S. A.), Fogg Mus.: Christus am Kreuz (früher Slg Bonnat, Bayonne). - Florenz, Uffizien: Verkündigung mit Heiligen (1333, in Zusammenarbeit mit Lippo Memmi). - Leningrad, Ermitage: Verkündigung (früher Sig Stroganoff, Rom). - Liverpool, Gal.: Der Jesusknabe mit s. Eltern (1342). - Mailand, Ambrosiana: Vergil, Servius und Aeneas nebst Hirtenfiguren: Titelbl. zu einem Vergil-Kodex. - Neapel, Gall. Naz.: Hl. Ludwig v. Toulouse, thronend und von s. Bruder Robert, König v. Neapel, verehrt. - New York, Griggs Coll.: Joh. Ev. (früher Sig Sterbini, Rom); Lehman Coll.: HU. Matthäus, Jakobus d. Ä., Thaddäus, Simon u. Philippus (Ausführung großenteils durch Gehilfen). Weitere zu der gleichen Folge gehörige Tafeln, sämtl. nach S.s Entwürfen, aber ganz von Schülern ausgef., früher im Wallraf-Richartz Mus., Köln, jetzt in den Sige Stoclet, Brüssel, u. Griggs, New York. - Orvieto, Museo dell'Opera del Duomo: Mad. m. Kind, Engeln u. Stifter, 1320 (aus der Kirche S. Domenico), Mad. m. Kind, Segnender Christus mit Engeln (Mitteltafel des aus der Kirche S. Francesco abgängigen Polyptychons). - Paris, Louvre: Kreuztragung (Teilstück des Antwerpener Polyptychons). - Pisa, S. Caterina: Mad. m. Kind, Heiligen u. Engeln, Christus im Grabe (Polyptychon). - Portchester (U. S. A.), Meinhard Coll.: Apostel, Brustbild(?). - Rom, Pinac. Vaticana - Christus, Brustbild (stark restauriert). - San Casciano (Val di Pesa), Chiesa della Misericordia: Kruzifix (Ausführung z. T. durch Gehilfen). - Settignano (Florenz), Sig Berenson: HU. Magdalena u. Lucia (restauriert). - Siena, Pal. Pubblico, Sala del Consiglio: Mad. mit Kind, Heiligen u. Engeln (1315, 1321), Reiterbildnis des Guidoriccio da Foligno (1328); S. Agostino: Sel. Agostino Novello mit Szenen aus seiner Legende. - Wien, Liechtenstein-Gal.: Weibl. Heilige (Teilstück des für S. Francesco zu Orvieto gem. Polyptychons). 67 5* Simone Lit.: P. D'Ancona, Les Primitifs ital., 1935. - G. Angeluzzi, Lettere s. chiesa dell'Incoronata, 1846. - Anonimo Fiorentino, ri Cod. Magliabechiano, cl. XVII. 17, ed. C. 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