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Hrdlicka, Alfred

Born
Wien, 27 February 1928
Died
Wien, 5 December 2009
Country
Austria, Germany
Gender
male
GND-ID
Name Variations
Hrdlicka, Alfred
Occupations
Sculptor; Master Draughtsman; Painter; Graphic Artist
Places of Activity
Stuttgart, Wien
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Last edited
21.10.2025
Published in
AKL LXXV, 2012, 168

VITA

Hrdlicka, Alfred, österr. Bildhauer, Zeichner, Maler, Grafiker, *27.2.1928 Wien, †5.12.2009 ebd.

LIFE AND WORK

Als Sohn eines Gewerkschaftsfunktionärs und Kommunisten wächst H. im "roten" Wien, im klerikal-faschistischen Ständestaat und im "Dritten Reich" auf. Er überlebt meist im Untergrund als sog. "U-Boot". Absolviert eine Zahntechnikerlehre, die ihn, wie er später feststellt, in Feinmotorik schult und ihm bei der Bildhauerei helfen wird. Stud.: 1946-57 ABK Wien, bis 1952 bei Albert Paris Gütersloh und Josef Dobrowsky (Malerei); 1953-57 bei Fritz Wotruba (Bildhauerei). Daneben intensive Anatomiestudien in Wiener Fleischhallen. Außerdem sammelt er lebenslang unmittelbare Erfahrungen aus der Welt psychisch Kranker. Beides führt nicht zuletzt zu einer körperbetonten, beinahe anatomischen, in jedem Fall einer anthropologischen Grundeinstellung gegenüber der Wirklichkeit und der Kunst mit einem Menschenbild, das in erster Linie von der Leiblichkeit, der Inkarnation, also der Verbindlichkeit und dem Primat des Körpers für alle psychischen und sozialen Prozesse, gekennzeichnet ist ("Alle Macht in der Kunst geht vom Fleisch aus"). Dass im Begriff der Inkarnation auch noch ein christlicher Grundgedanke mitschwingt, ist dem Atheisten H. bewusst und trifft sich mit seiner Einstellung, dass sich auch das Christentum, mehr noch als auf Religiosität, Glaube, Magie und Ideologie, auf solchen konkreten Konstanten des Lebens gründet. Lebenslang bleibt H. politisch engagiert (1947-56 Mitgl. der kommunistischen Partei Österreichs, aus der er zwar 1956 aus Protest gegen die Niederschlagung des Ungarnaufstandes austritt, aber für die er noch bei der Nationalratswahl 1999 als Spitzenkandidat kandidiert) und bezieht drastisch öff. Stellung, wenn es um politische Ereignisse oder Entscheidungen geht: z.B. (zus. mit Manfred Deix) 1986 mit einem Holzpferd in der Auseinandersetzung um die von Kurt Weilheim verschwiegene Nazivergangenheit bei seiner Wahl zum österr. Bundespräsidenten. 1962 Mitgl. der Wiener Secession. Internat. bek. ist H. seit der Teiln. 1964 an der Bienn. in Venedig als Vertreter Österreichs (gemeinsam mit Herbert Boeckl). Prof. für Bildhauerei an den KHS in Stuttgart (1971-73,'75-86), Hamburg (1973-75) und Berlin (1986-89) und 1989-96 an der HS/Akad. für angew. Kunst in Wien. Abgesehen vom österr. Staatspreis für Bildhauerei (1968) verweigert H. zeitlebens grundsätzlich alle Ehrungen. - H. zählt zu den bedeutendsten europ. Bildhauern des 20.Jh. Anregen lässt sich H. in der Wahl seiner Sujets durch Figuren der klassischen Lit. (u.a. Faust, Woyzeck, Lenz, Penthesilea, Hamlet) oder Künstlerpersönlichkeiten (Schubert, Wagner, Hölderlin, Stifter, Tolstoi, Rodin, Mondrian, Hogarth und Géricault), aber auch von Gewalttätern (wie dem Massenmörder der 1920er Jahre in Hannover, Friedrich Haarmann, der Giftmörderin Martha Beck in New York), von röm. Gladiatoren, türk. Sultanen, legendären Schachspielern und Sportlern (Hommage à Sonny Liston, zwei Bronze-Skulpt., 1979, Wien, Österr. Nat.-Bank, Foyer). H. entwirft Bühnenbilder für Faust I/II (Bonn 1982), König Lear (Köln 1994), für die Opern Intolleranza von Luigi Nono (Stuttgart 1992) und Ring des Nibelungen (Meiningen 2001). V.a. aber hat er sich immer wieder mit den unterschiedlichsten politischen Faktoren wie Machtstreben, Dominanz, Krieg und hist. Ereignissen wie den Bauern- und Türkenkriegen, der frz. und russ. Revolution, dem Hitler-Attentat am 20.Juli 1944, dem Marxismus, dem 2. WK und der dt. Wiedervereinigung auseinandergesetzt. H. erarbeitet sich ein Thema zumeist in Zyklen aus Skulpturen, Zchngn und Grafiken. Als Bildhauer stellt er eine Ausnahme dar, weil er den Stein noch selbst, ohne maschinelle oder personelle Unterstützung bearbeitet. H. lässt sich als naturalistisch-empirischer Künstler beschreiben, der entgegen aller abstrakten Tendenzen zeitlebens an einer expressiv behandelten Figürlichkeit festhält. Sein Thema ist der Mensch in den Wirren der Abläufe zw. den seelischen und den politischen Zwängen. Ästhetisch provozierend zeigt H. den Menschen als integralen Bestandteil einer animalischen Natur, in seiner Veranlagung, seinem Empfinden, Verhalten und Handeln bestimmt v.a. durch seine Körperlichkeit, Triebhaftigkeit und Sexualität sowie eine angeborene Tendenz zur Aggression im Kontext mit seiner jeweiligen Sozialisation. H. registriert das Leben und den Menschen tatsächlich konkret. So zeigt er etwa an der Figur des für normale Menschen unfassbar abnormalen Massenmörders Friedrich Haarmann, wie selbst hinter unerklärlich abseitigen Taten letztlich ein gewöhnlicher kleinbürgerlicher Mensch mit ganz banalen alltäglichen Trieben, Bedürfnissen und Wünschen stecken kann. Durch solche psychologisch-empirische Ästhetik entgeht H. den Fallstricken einer nur ideologisch geleiteten, abstrahierten Kunstauffassung. Er schafft eine nachvollziehbare Anschaulichkeit und Unmittelbarkeit von künstlerisch umgesetzten Fakten und Ereignissen, die über die Gesch. hinweg - als nachvollziehbare Einschreibungen an den Körpern von Beteiligten - weitgehend gleich bleiben. Beeinflusst ist H. im Menschenbild, außer von politischen Theorien, Kunst und Gesch., nachdrücklich auch durch die Lehre der Psychoanalyse, nicht zuletzt durch persönliche Beziehungen seiner Fam. zu Sigmund Freud. H. zeigt anhand einer körperlich plausiblen und fassbaren Gestalt, was sich hinter deren Oberfläche in ihrem Inneren an Heimlichem und Unheimlichem abspielen kann. So zeigt er etwa an den Ereignissen rund um den 20.Juli 1944, wie sich Konstellationen in Männerbünden ergeben können, als Folge von Eitelkeit, Konkurrenz, Machtstreben, aber auch Zufall, sogar im Zusammenhang mit banalen Kleidungsstücken, Örtlichkeiten u.a. alltäglichen Vorkommnissen. Dadurch kann H. selbst noch höchst abstrakte, ideale, komplexe und unbegreifliche Abläufe sinnlich konkret anschaulich und nachvollziehbar in Kunst umsetzen.

WORKS

Skulpturale HW: Hamburg, Stefansplatz: Gegendenkmal Feuersturm-Cap Arcona, Bronze/Stein, 1983-86. New York, King's Art Center: Golgatha, Stein-Skulpt., 1963. Salzburg, Kleines Festspielhaus: Orpheus II, Stein-Skulpt., 1963. - Univ: Kreuzigungsgruppe, Bronze. - MdM. Schwäbisch Hall, KH Würth. Stuttgart, Königsplatz: Sterbender, Bronze, 1955-59. Wien, Albertinaplatz: Mahnmal gegen Krieg und Faschismus, Skulpt.-Gruppe, Bronze, 1988-91. - Renner-Ring: Karl Renner, Bronze, 1966. - W.-Alterlaa, Wohnpark: 2 Fresken, 1976-77. - UNO-City: Homo Erectus; Kain und Abel, Bronzereliefs, 1982. - MMK: Gekreuzigter, Skulpt., 1959. - Großfeldsiedlung: Gladiator, Stein-Skulpt., 1965. - Kokoschkaplatz (Univ. für angew. Kunst): Kokoschka II, Bronze, 1990. - P.A.Hanson-Siedlung: Sonny Liston, Stein-Skulpt., 1965. Wuppertal, Engelsplatz: Engelsdenkmal, Stein-Skulpt., 1977-81. - Zchngn, Graphik, Malerei: Berlin, Ev. Gemeindezentrum Plötzensee: Plötzenseer Totentanz, Zchngn, 1970. Linz, Lentos. Münster, Univ.: Wiedertäufer, Zchngn, 1999.

SELF-TESTIMONIES

A.H., M./Gräfelfing 1969; Einleitung, in: Skulpt. und große Zchngn, ed. M.Chobot, W./M. 1973; Schaustellungen. Bekenntnisse in Wort und Bild, ed. W.Schurian, M. 1984; B.Secker, Neolithikum, M. 1984; Das Gesamtwerk, ed. von M.Lewin, W./Z., I: Bildhauerei [1987]; IV: Schriften, 1987; III.1-2: Druckgraphik, 1989; Von Robespierre zu Hitler. Die Pervertierung der Revolution seit 1789, ed. W.Schurian, H. 1989; Die Ästhetik des automatischen Faschismus. Essays und neue Schr., ed. M.Lewin, W./Z. 1988; Kunstgespräch Oswald Oberhuber-A.H., in: E.Hilger (Ed.), Oswald Oberhuber. Klassik (K Gal. Hilger), W./Ffm. 1993; Das Gesamtwerk, ed. B.Hrdlicka, Dortmund 1994, I: Bildhauerei; II: Schriften; IV: Druckgrafik; Anthropocomic, ed. M.Lewin; Chines. Original-Ausg. Chengdu/China, ed. W.Schurian, 1995; O du mein Österreich, in: M.Jochum (Ed.), Reden über Österreich, Sg./W. 1995; A.H.s kleine Weltgeschichte, 110 Tusch-Zchngn, ed. W.Schurian, Dortmund, 1996; H.-D. Schütt, Stein des Anstosses. Gespräche mit A.H., B. 1997; Ein Kerl muß eine Meinung haben, in: J.Reinert (Ed.), Was kommt von links, W. 1998.

EXHIBITIONS

Solo exhibitions:

1964 Venedig: Bienn. / 1965 Rom, Penelope Gall. d'Arte (K); München, Neue Gal. (K) / 1968 London, Marlborough Gall.; Nürnberg, Albrecht-Dürer-Ges. (K: E.Rücker) / 1969 Klagenfurt, Gal. 61 Josefin Nitsch (K: J.Muschik) / Wien: 1969 Albertina (K); 1981 Pal. Auersperg (K); 1983 MMK (K); 1983 Gal. in der Staatsoper (K); 1981, '82, '83, '86 Gal. Hilger (K); 1989 Albertina; 1990, 2010 (K) Österr. Gal. Belvedere; 1997 Künstlerhaus / 1971 Freiburg im Breisgau, KV (K: R.Hartmann); Ulm, Mus. (K); 1973, '83, 2005 (K) Stuttgart, Gal. Valentien / 1974 Hannover, Kestner-Ges. (K: W.Schmied) / Frankfurt am Main: 1976 Städel (K: K.Gallwitz); 1983 Gal. Gierig (K: P.Gorsen); 1987 Gal. Hilger (K); 1997 KV (K: K.Klemp/P.Weiermair) / 1978 Dresden, Kpst.-Kab. (K) / 1978 Düren, Leopold-Hoesch-Mus. (K) / 1980 Lübeck, Mus. am Dom (K) / 1981 Bonn, Gal. Pudelko (K) / 1985 Berlin, NG (K); Osnabrück, KV (K) / 1987 Paris, Mus. Ixelles; Berlin, Gal. im Körnerpark (K) / 1988 Braunschweig, KV (K) / 1989 Dortmund, Mus. am Ostwall; Wesel, Niederrheinischer KV (K) / 1993, '98 Künzelsau, Mus. Würth (K: C.S. Weber) / 1994 Tegernsee, Olaf-Gulbransson-Mus. (K: C.Lenz) / 1995 Oldenburg, Kulturspeicher (K: J.Steinfeld) / 1997 Salzburg, Gal. Welz (K) / 1998 Chengdu Upriver Gall.; Beijing, Art Acad. / 2001 Bayreuth, KM (K) / 2002 Leverkusen, Mus. Morsbroich / 2003 Dortmund, Gal. Friedrich (K) / 2008 Schwäbisch Hall, KH Würth (K: C.S. Weber) / 2009 Passau, MMK. -

 

Group exhibitions:

2020 Wien, Albertina Modern: The Beginning. Kunst in Wien 1945 bis 1980 (K) / 2024 Dortmund, Dt. Fußball-Mus.: In Motion - Kunst und Fußball (K).

 

SOURCES

Other encyclopedias:

DA XIV, 1996

 

Printed sources:

Druckgrafik und Steinskulpturen. Mit Werk-Kat. von 1949-1963 (K Gal. Welz), Sg. 1963; O.Breicha (Mitarb.), A.H. Das graph. Werk, M. 1965; J.Muschik, Österr. Plastik seit 1945, Baden/W. 1966; id., A.H. Drei Zyklen, Winckelmann, Haamann, Roll over Mondrian, W./M. 1968; K.Diemer, Figur. Wiener Naturalisten, W. 1969; K.Sotriffer, H. Randolectil, Werk-Kat. mit sämtlichen Rad. 1947-1968, W./M. 1969; E.Canetti (Mitarb.), A.H. Graphik, B. 1973; M.Chobot, H. und die Öffentlichkeit. Reibflächenmultiple, W. [1977]; D.Eimert (Red.), A.H. Der verletzbare, der verletzte, der verletzende Mensch (K), Düren 1978; Die starke Linke des A.H. Der Streit um das Wuppertaler Engels-Denkmal, Dok., Wuppertal 1981; B.Buderath, A.H. Anatomien des Leids, St. 1984; H.-J. Ludwig (Bearb.), A.H. Plastik, Zchng, Graphik (K AK der Künste der DDR), B. 1985; W.Schurian, in: A.H. Stifter-Wagner (K Gal. Hilger), W. 1985; id., in: A.H. Skulpt. Bilder Zchngn (K Kulturgeschichtliches Mus.), Osnabrück 1985; id., Familiendynamik 11:1986(1); U.Jenni, in: I.Barta Fliedl (Ed.), Frauen, Bilder, Männer, Mythen. Kunsthist. Beitr., B. 1987, 261-278; F.Mennekes, Kein schlechtes Opium. Das Religiöse im Werk von A.H., St. 1987; U.Jenni/T.Scheufele (Ed.), A.H. Texte und Bilder zum 60. Geburtstag des Bildhauers, Gräfelfing 1988; W.Schurian, Kunst und Therapie 14:1988/89; id., Psychologie und Gesch. 2:1989; id., in: A.H. Die große frz. Revolution, W. 1989; id., in: A.H. Georg Büchner für das Landessozialgericht in Darmstadt, Wb. 1989; id., Kunstpsychologie heute. Akzente von Künstlern und Wissenschaftlern, Göttingen 1992; id., in: U.Jenni (Ed.), A.H. Mahnmal gegen Krieg und Faschismus in Wien, Graz 1993; T.Scheufele (Ed.), A.H. Arbeiten 1942-1992 (K Dorotheum), W. 1993; W.Schurian, in: B.Hrdlicka/T.Scheufele (Ed.), A.H. Zchngn, Dortmund 1994; W.Schurian, in: A.H. Skulpt., Zchngn, Druckgraphik, Sg. 1997; id., Kunst als Erfahrung. Das Besondere im Alltäglichen, Münster/H. 1998; id., Erkennen über Gestaltung von Erfahrung. Eine Anm. zu A.H. (K Beijing/Chengdu), 1998; F.Mennekes/J.Röhrig (Ed.), A.H. Glaubenskriege (K Wander-Ausst.), W. 1998; W.Schurian, Traum, Bild, Deutung, Wien 1900-2000 (K Schloß Cappenberg), Unna 1999; M.Puhle (Ed.), A.H. Der Tod und das Mädchen. Werke 1944-1997 (K KM Kloster Unser Lieb Frauen), Magdeburg 2000; T.Wurzel (Ed.), A.H. in der Slg Hilger (K StG), Meiningen 2001; W.Schurian, Kunst in der Univ. Münster. Einsatz und Evaluation von bild. Kunst in öff. Lernräumen, Münster 2002; J.Meyer zur Capellen u.a. (Ed.), Ästhetik des Grauens. A.H. Die Wiedertäufer, Münster 2003; D.Schubert, A.H. Beiträge zu seinem Werk, Worms 2007; C.Walda, Der gekreuzigte Mensch im Werk von A.H., Diss. Univ. Heidelberg, W. u.a. 2007; P.Bogner, H., der Titan und die Bühne des Lebens (K Künstlerhaus), W. 2008; T.Brandstaller/B.Sternthal (Ed.), A.H. Eine Hommage, St. Pölten/Sg. 2008; W.Kermer, Wiener Blut am Weissenhof. Die Stuttgarter Jahre A.H.s, St. 2008; H.-D. Schütt, A.H. Stein-Zeit-Mensch, B. 2008; A.Weidinger, A.H. Parallelwelten (K Österr. Gal. Belvedere), W. 2010.