Hencze, Tamás, ungar. Maler, *6.3.1938 Szekszárd, tätig in Budapest, Sáska und Szentendre.
Hencze, Tamás
Ausb.: 1958-60 Schaufensterdekorateurschule, Budapest. Arbeitet anschl. bis 1970 als Dekorateur und Graphiker. Seit 1986 Mitgl. der Künstlerkolonie in Szentendre; Mitgl. der Széchenyi-Akad. für Lit. und Kunst. Ausz.: u.a. 1989 Verdienter Künstler; 1996 Stip. der Accad. d'Ungheria, Rom; 2004 Kossuth-Preis.– H. gehört zu den bestimmenden Persönlichkeiten der sog. IPARTERV-Generation, jener Neoavantgarde, die in den 1960er Jahren die ungar. Kunst-Lsch. betritt. Über das Beziehungsnetz dieser Gruppe knüpft er Kontakte zur älteren Generation, bes. zu Dezső Korniss, der für ihn menschlich wie künstlerisch vorbildhaft wird, pflegt Verbindungen zur aktuellen Kunstszene und beteiligt sich aktiv an den Veranstaltungen und Ausst. der „Neuen Welle” innerhalb der Avantgarde (u.a. IPARTERV-Ausst. 1968 und '69, Bewegung '70, Mod. Gal. Pécs; Ausst. "R", "R"-Klub der TU Budapest; 1971, '72 Ausst. in der Kap. in Balatonboglár). Darüber hinaus schließt er sich dem Zuglóer Kreis an, wo er Gelegenheit erhält, seine Kenntnisse über progressive europ. Kunst-Trad. zu vertiefen, und, vermittelt durch die Bekanntschaft mit Imre Bak, Pál Deim, Sándor Molnár und István Nádler, die frz. lyrisch-abstrakte Malerei kennenzulernen.Von der offiziellen Kulturpolitik zunächst auf die Schauplätze der „zweiten Öffentlichkeit” verdrängt, verfolgt H.s Generation nach der geistigen und geopolitischen Isolation der 1950er Jahre in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren ein Aufholprogramm zur gleichzeitigen Verarbeitung einheimischer Avantgarde-Trad. und internat. Einflüsse. Die Wellen der verspätet importierten und sich dadurch überlappenden progressiven Tendenzen führen in den einzelnen Œuvres zu schnellen Stilwechseln bzw. individuellen Stilmutationen mit unterschiedlichen Gewichtungen. Bei H. vollzieht sich dies im Schnittpunkt von geometrischer und gestischer Malerei, also auf Gebieten mit jeweils deutlicher Verbindung zu einer strukturalistischen Ästhetik.Neben dem Erbe eines Kazimir Malevič oder Lajos Kassák bieten somit auch die expressiv-abstrakte Malerei der Nachkriegsjahre, Tendenzen der Monochromie und des Minimalismus oder eben die Hard-Edge-Malerei wichtige Bezugsgrößen für die Einordnung seines Werkes. Die Vielfalt der Herangehensweisen ergibt sich aus der Komprimiertheit der malerischen Sprache und der malerischen Mittel, die beide in den entscheidenden Punkten reduziert werden, bzw. aus ihrer konsequenten und analytischen Anwendung. Dadurch ist H.s Arbeiten das Potential immanent, Beziehungen zw. den versch. Grundfragen aufzuzeigen, die sich auch in Gegensatzpaaren wie scharf-verschwommen, hell-dunkel, flach-räumlich, offen-geschlossen, symmetrisch-asymmetrisch, persönlich-unpersönlich oder lyrisch-dramatisch erfassen lassen.Dieser einmal nach harmonischem Ausgleich, ein andermal nach Synthese strebende Umgang mit Antonymien, die Konzentration auf das "Wirken" der Malerei, auf den zyklischen Nachvollzug von Bewegtsein und Bewegtwerden der Materie eröffnet eine ganze Reihe von komplex miteinander verbundenen ideellen und bildlichen Räumen. Die programmatische malerische Vielheit korrespondiert mit einer kontinuierlichen Befragung und Neuorganisation des eig. Werkes, wodurch H. neben I.Bak und I.Nadler zu einer generationenübergreifenden Neoavantgarde-Bewegung zu rechnen ist, die sich der von Loránd Hegyi kunsttheoretisch wesentlich begleiteten "Neuen Welle" der ungar. Malerei in den 1980er Jahren anschließt.Die ersten wichtigen Arbeiten der 1. H. der 1960er Jahre sind elementare kalligraphische Gesten, „Affektabdrücke”, die den Einfluß des frz. Tachismus (v.a. Georges Mathieu, Pierre Soulages, Hans Hartung) und in geringerem Maß den des abstrakten Expressionismus zeigen. Die 2. H. der 1960er Jahre ist von einer grundlegenden inhaltlichen Wende gekennzeichnet, die auch für das folgende Jahrzehnt bestimmend wird: H.s dynamische und atmosphärische Strukturen, seine kinetisch-illusionistisch-abstrakten Gem. befreien sich vom Aspekt des Emotionalen. Die Ausschnitte, meist hochformatige Rechtecke und manchmal Kreise, füllen jetzt strukturierte und sich wiederholende Streifen, ovale Flecke mit verschwommenen Rändern an den Knotenpunkten eines imaginären Rasternetzes. Das Aufeinandertreffen von scheinbar unbegrenzten Räumen und hermetischen Strukturen führt durch Abtönungen sowie rhythmisch variierte Farbflecke und Streifen zu dynamischen Raumwirkungen und Bewegungen (Pulsieren, Vibrieren, Verengung und Erweiterung, Schrumpfen und Wachsen). Die Illusion von Räumlichkeit verstärkt sich durch die atmosphärische Farbgebung, eine vorrangig monochrom-graue Tonigkeit, die jedoch von Grundfarben belebt wird. Entscheidend für die Wirkweise der Komp. sind die seither zum Einsatz kommenden technischen Mittel, z.T. Schablonen, meist jedoch Gummiwalzen, die für einen gleichmäßigen Farbauftrag sorgen, ein schnelles, gleichwohl raffiniertes Arbeiten an illusionistischen Details unterstützen und gleichzeitig etwas von der Unmittelbarkeit der handwerklichen Ausf. bewahren. Die geometrischen Ordnungsprinzipien der dynamischen Strukturen, ihre Gliederung, die rhythmischen Wechsel in Quantität und Qualität zeigen, gepaart mit seriell-analytischen Komp.-Verfahren, starke Anklänge an Bestrebungen in der experimentellen Filmkunst der Epoche, noch mehr aber der zeitgen. minimalistisch-repetitiven Musik.In der 2. H. der 1970er Jahre verlagert sich der kompositorische Schwerpunkt auf von den systemischen Strukturen abgelöste, vergrößerte Fragmente, die zu Collagen zusammengeführt werden. Die stabilen und harmonischen, Monumentalität ausstrahlenden Archit. der monochromen Atmosphären-Bilder mit komprimierter Stofflichkeit fügen sich in die geometrischen, strukturalistischen und seriellen (konzeptuell begründeten, sich auch mit dem Minimalismus berührenden) Tendenzen der 1970er Jahre. Diese Phase wird in den frühen 1980er Jahren abermals durch eine radikale Wende beendet. Sie ist gekennzeichnet durch den Verzicht auf Narrativität und das dramatische Potential kratfvoller Farben, an deren Stelle Verstümmelungen bzw. „Bild-Ereignisse” treten, die ihre Dramatik aus der Dimensionierung und Formgebung des Malgrundes beziehen. H. postmodernisiert seine eig. Malerei und reagiert damit auch auf die "Neue Welle" der zeitgen. ungar. Kunst. Einerseits weisen die nunmehr trapez- und dreieckformatigen Bilder auf die geformten Lw. der 1960er Jahre zurück, andererseits interpretiert H. die eig. Motive neu, indem er sie zu Zeichen erhebt. Der Farbstreifen, der Gestus tritt, indem er selbst zum schablonierten bzw. gewalzten Transkript und quasi dok. versachlicht wird, in ergänzende, zitierende oder kontrastierende Beziehungen zu den farbigen, monochromen oder in tonalen Übergängen gestalteten Streifen früherer Arbeiten: Die in geregelte, schablonierte Formen gebrachten Gesten der späten 1980er und frühen 1990er Jahre setzen die ehemals kalligraphischen Zeichen als Embleme, später auch als asiatisierende Pseudo-Schriftzeichen fort. Auch die Arbeiten um die Jahrtausendwende rekurrieren auf dieses Beziehungssystem zw. leerem Raum, kompakten Farbflächen mit Lichtübergängen und Streifen, einfassenden oder abgrenzenden geometrischen Formen sowie schabloniertem Gestus und/oder Pseudo-Schriftzeichen. Alte und neue Motive begleiten und ergänzen einander bzw. treten in „archit.” Strukturen, säulenartigen Bahnen, Pfeilern, Triptychen oder verstreut und fragmentiert nebeneinander.Ein weiteres Mal ordnet H. damit die Elemente seines Schaffens neu, gleichsam als Neuinterpretation und Resümee des Lebenswerkes. Die jüngste Periode dieser ständigen malerischen Selbstreflexion führt zu einer gleichermaßen strukturellen wie ikonogr. Vereinfachung. An die Stelle der Pseudo-Schriftzeichen treten schablonisierte Farbkleckse und eine nahezu industrielle, den Zufall als endgültig fixierende Formgebung, kontextualisiert durch eine auf Schwarz, Weiß und Rot reduzierte Farbpalette sowie verstümmelten Farbflächen und Streifen.
Solo exhibitions:
Budapest: 1968 TU P.Vásárhelyi Studentenheim; 1969 KFKI KISZ Klub; 1974 Fiatal Művészek Klubja; 1977 Józsefvárosi Gal.; 1979 Inst. Franç.; 1980 Magyar NG; 1981 Dorottya utcai Kiállítóterem; 1984 (K: P.Fitz), '87, '90 Fészek Gal.; 1987 Ernst Múz. (K: Cs.Sík/L.Hegyi); 1994 Körmendi Gal.; 1996 Rátz Stúdió Gal.; 1997 Műcsarnok (K); 2001 Vadnai Gal.; 2004 KOGART Ház (K: I.Hajdu); 2008 Kiscelli Múz. (K: P.Fitz); 2010 Prestige Gal.; 2011 Neon Gal. (K: I.Hajdu) / 1970 Veszprém, Megyei Könyvtár / 1977 Székesfehérvár, István Király Múz. (K: P.Kovács) / Berlin: 1988 Gal. Eremitage; 1993 Haus Ungarn; 2002 Ungar. Botschaft / 1990 Wien, Bawag Found. / 1992 Lienz, Gal. Synthese / 1993 Innsbruck, Gal. Gaudens Pedit / 1993, '94 Tokio, Gall. MM / 1998 Kaposfüred, Kaposfüredi Gal. és Szoborpark; Köln, Gal. Ucher / 2002 Pápa, Somogyi J. Gal.; Stuttgart, Ungar. Kultur- Inst. –
Group exhibitions:
u.a. Budapest: 1966 Ady E. Művelődési Otthon: Zuglói Kör; 1968 TU: Die ältere und die jüngere Generation; 1968, '69, '80 IPARTERV; Műcsarnok: 1971 Neue Werke (K); 2000 Dialog. Malerei an der Jh.-Wende; 1971 TIT: Mat. und Form in der Kunst; 1980 Óbuda Gal.: Tendenzen (1., 3., 5. Ausst.); Magyar NG: 1986 Eklektika '85 (K); 1991 Hatvanas évek. Új törekvések a magyar képzőművészetben (K); 1993 Kiscelli Múz.: Ungarn damals und jetzt (K); 1994 Ernst Múz.: 80-as évek. Képzőművészet (K); 1995 Budapest Gal.: Zeitgen. ungar. Kunst in der GrS Albertina; 2001 MEO Kortárs Művészeti Gyűjtemény: Neuer Mechanismus. Arbeiten aus den 60er bis 70er Jahren (K); 2003 Dorottya Gal.: Portable Intelligence Increase Mus. Pop art, conceptual art and actionism in Hungary in the 1960s; 2005 Ludwig Múz.: Works on the edge; 2006 SzM, Vasarely Múz.: Reale und virtuelle Räume II (K); 2008 Centrális Gal.: Secession and magnetism. The effects of 1968 on contemp. Hungarian art; 2009 Várfok Gal.: Hommage à El Kazovszkij; 2010 MissionArt Gal.: Die Epoche der Zuversicht /Székesfehérvár: 1968 Szt. István Király Múz.: Hommage à Kassák (K); Csók I. Képtár: 1976 Serial works; 1987 Early and new avantgarde 1967-1975; 1989 The end of the avant-garde, 1975-1980 (alle K) /1969 Murska Sobota: Bienn. Pannónia (1. Preis) /1970 Pécs, Mod. Magyar Képtár: Bewegung '70 / Bonn: 1975 KM: Neue ungar. Konstruktivisten (K); 1994 Kunst- und Ausst.-Halle der Bundesrepublik Deutschland: Europa, Europa (K) / 1979 Düsseldorf, Kunst-Pal.: Ungar. konstruktive Kunst (K) / 1980 Venedig: Bienn. / 1981 Duisburg, Wilhelm Lehmbruck Mus., und Hannover, KM mit Slg Sprengel: Allegro Barbaro. B.Bartók und die bild. Kunst. (Doppel-Ausst.; K); Stockholm, Liljevalchs KH, und Göteborg, KM: Ungersk konst 1905-1980 (Doppel-Ausst.; K) / 1982 u.a. Marseille, Mus. Cantini: Art hongrois contemp. (Wander-Ausst.) / 1985 Graz, Neue Gal. am LM Joanneum: Drei Generationen ungar. Künstler (K) / 1986 Caracas, MBA: Cinco pintores húngaros contemp. / 1987 u.a. Esslingen, Gal. der Stadt, Villa Merkel: Neue Sensibilität. Ungar. Malerei der 80er Jahre (Wander-Ausst.; K) / 1991 Seoul, AC: Hungarian mod. art / 1993 Wien, Pal. Liechtenstein und Mus. des 20. Jh.: Konfrontationen. Neuerwerbungen 1990-1993 (K) / 1992 Bozen, Museion: Hungarica. Arte ungherese degli anni 80 e sue origini (K) / 1993 Washington, IMF Visitors' Center, und New York, Ungar. Konsulat: Hungary. Before and After (Doppel-Ausst.; K) / 1998 Szombathely, Képtár: Die erste Generation der ungar. Neoavantgarde 1965-1972 (K); Linz, Neue Gal. (Lentos): Ungarn. Avantgarde im 20. Jh. (K) / Paris: 2000 Jeu de Paume: L'autre moitié de l'Europe; 2010 Inst. Hongrois, Gal. Vasarely: Groupe IPARTERV. Le progrès de l’illusion (K) / 2001 Passau, MMK Wörlen: Időhíd. Zeitbrücke. Ungar. Kunst des 20. Jh. aus der Slg der Hauptstädtischen GG Budapest (K) / 2002 Kaposvár, Rippl-Rónai Múz.: Die Merics-Slg (K) / 2003 Olomouc, Muz. umění: Ferne Nähe. Ungar. Kunst der Nachkriegszeit aus dem Szt. István Király Múz. Székesfehérvár (K) / 2004 Saint-Etienne, MAM: Passage d'Europe (K); Plzeň, StG: Geometria Magyar (K) / 2005 Tapolca-Díszel, Első Magyar Látványtár: Lob des Sammelns (K) / 2007 Debrecen, MODEM: The northern shore (K); Paks, Képtár: Artinact (K) / 2008 Stuttgart, Dengler und Dengler: Rendez-vous der Freunde. Sieben ungar. Künstler.
Other encyclopedias:
MagyFestAdat, 1988; KMML II, 2000.
Printed sources:
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