Jonas (Edwards), Joan (Joan Amerman), US-amer. Performance-, Video- und Multimediakünstlerin, Bildhauerin, Zeichnerin, Fotografin, Tänzerin. *13.7.1936 New York, lebt und arbeitet dort.
Jonas, Joan
Stud.: 1954-58 Kunstgesch. Mount Holyoke College South Hadley/Mass.; 1958-61 Bildhauerei School of the MFA, Boston, Massachusetts. 1961-64 Stud. der Malerei, Columbia Univ. New York; 1965 Master of Fine Art. 1967-69 Tanz bei Trisha Brown, Deborah Hay, Steve Paxton und Yvonne Rainer. Reisen zu den Hopi-Indianern im Südwesten der USA und nach Japan, wo J. das Noh- und Kabuki-Theater kennenlernt, beeinflussen nachhaltig ihr Werk und prägen ihren Sinn für Rituale und Mythen. Gastdozentin und Workshops an mehreren Colleges und Univ., u.a. in Berlin, Düsseldorf, Amsterdam und Los Angeles. 1995-99 Prof. an der ABK Stuttgart, Schwerpunkt Performance und Video. 2000-06(?) Prof. für Visual Arts Massachusetts Inst. of Technology (MIT). - J. arbeitet zunächst in New York als Bildhauerin, wendet sich dann aber and. Medien zu. Früh experimentiert sie mit der Kombination aus Performance und Film, baut Kameras und Monitore als Mittel der Transformation in ihre Bühnenarbeit ein. Zentrales Thema ist die Erfahrung und Wahrnehmung des realen und illusionären Raumes. Häufig setzt sie sich in ihren Arbeiten mit der eig. Person und ihrer Rolle als Frau und Künstlerin auseinander. J. gilt als Pionierin der Performance-, Video-, Installations- und Multimediakunst und als Vorreiterin der Body-Art. Maßgeblich prägte und entwickelte sie diese Medien weiter und zählt internat. zu den wichtigsten Künstlerinnen auf diesem Gebiet. In ihrem Werk sind die unterschiedlichen Gattungen (Performance, Installation, Film und Video, später auch Fotos und Zchngn.) sehr eng miteinander verflochten. Häufig werden alte Arbeiten wieder verwertet, mit neuen ergänzt oder überlagert. Performances werden zu Videos, die wiederum in Installationen eingefügt werden, in die auch benutzte Requisiten und Relikte aus zurückliegenden Performances integriert sind. – A. der 1960er Jahre wird J.s überwiegend bildhauerische Arbeit durch Künstler wie Claes Oldenburg und John Cage beeinflusst. M. der 60er Jahre kommt sie in New York mit den Happenings der Judson Dance Group in Berührung und beginnt, mit Bewegung, Tanz, Sprache, Ton, Geräuschen, Raum und Zeit zu arbeiten und den Körper als skulpturales Material einzusetzen. Ab 1968 realisiert sie erste öff. Aktionen und Performances für mehrere Personen in der freien Natur oder in Industriegebieten. Im gleichen Jahr entsteht, zus. mit Peter Campus, ihr erster Schwarz-Weiß-Film Wind, der auf einer Live-Performance basiert. In ihm untersucht sie das Verhältnis ritueller Bewegungen des menschlichen Körpers im räumlichen Umfeld. An einem verschneiten, windgepeitschten Strand Long Islands kämpft eine Gruppe von Menschen in flatternden Mänteln steif gegen die Böen an, wiederholt in einer Choreografie ruckartig bestimmte Handlungen, während sich gleichzeitig ein Paar in spiegelbesetzter Kleidung auf das aufgewühlte Meer zubewegt. Spiegel sind auch in den folgenden Arbeiten zentrale Requisiten zur Transformierung: 1969 und '70 in Mirror Pieces 1 & 2, '70 in Mirror Check. Hier erzeugen die Spiegel versch., sich vermischende Realitätsebenen, und fragmentieren Körper, Raum und Zeit. 1970 erwirbt J. auf einer Japanreise das erste transportable Videogerät, 1971 entstehen die ersten Videoarbeiten und Filme mit Richard Serra. Ab 1972 baut sie Kameras und Monitore in ihre Performances ein, experimentiert mit Videos, die zeitgleich aufgenommen und in Echtzeit gezeigt werden. Mit den Videos fügt sie ihren Aufführungen eine zusätzliche Realitätsebene hinzu. Organic Honey’s Visual Telepathy von 1972 ist die erste Videoperformance dieser Art. J. greift dabei auf Elemente der Volkskunst, des Schamanentums und auf Märchenmotive zurück. In dieser wichtigen Arbeit, die Narzissmus und weibliche Erotik thematisiert, schlüpft die Künstlerin in wechselnden Maskeraden in die Rolle der Organic Honey. Diese verführerische, sich selbst beobachtende Frau, vollzieht bestimmte, rituell anmutende, assoziationsreiche Handlungen, denen jedoch kein erzählerisches Handlungsmuster zugrunde liegt. J. will nicht offenlegen, was sich hinter der Maske verbirgt, sondern vielmehr zeigen, wie diese ihren Träger verwandelt. Das Video übernimmt gewissermaßen die Funktion des Spiegels, wobei es das sog. Closed Circuit-Verfahren erlaubt, die ausgeführten Bewegungen am Monitor unmittelbar zu überprüfen. Gleichzeitig können die Zuschauer verfolgen, wie Bilder entstehen, wenn sich versch. Zeitebenen überlagern. Rituale, Masken und Selbst-Maskeraden, sowie theatralische Aspekte gewinnen in späteren Arbeiten zunehmend an Bedeutung. Das in die 19-stündige Performance Vertical Roll (1973) integrierte Videoband greift das Bild der Organic Honey wieder auf. Wie in einer Bildstörung laufen Einzelbilder von J.s maskiertem Gesicht in schneller Abfolge vertikal von oben nach unten über den Monitor. Das unterlegte, fast schmerzhafte, rhythmische Schlaggeräusch führt die Künstlerin selbst aus. Eindrücke des jap. No-Theaters verarbeitet J. 1973 in dem Performance-basierten Film Song Delay, der mit Tele- und Weitwinkel-Objektiven aufgenommen ist. Aus großer Distanz sehen die Zuschauer, wie die Akteure Holzblöcke über dem Kopf aneinanderschlagen, hören das Geräusch jedoch zeitverzögert. 1976 nutzt J. mit Juniper Tree das mündlich überlieferte Gebrüder-Grimm-Märchen "Von dem Machandelbaum" als vermittelndes Medium der Performance. Auch in dieser Gesch. der bösen Stiefmutter und ihrer Fam., geht es um die Rolle der Frau und um Selbsterforschung. J. stellt von der Gesch. mehrere unterschiedliche Fassungen her. Dem 1985-89/94 entstandenen, vielschichtigen und mit zahlr. digitalen Effekten angereicherten Video Volcano Saga liegt ebenfalls ein märchen- und mythenhafter Stoff zugrunde. Vor archaischer Lsch.-Kulisse wird die ma., isländische Laxdeala Sage erzählt, in der die Träume einer jungen Frau (gespielt von Tilda Swinton) die Zukunft voraussagen. Für die documenta 11 entsteht 2002 die Installation und Performance Lines in the Sand, inspiriert durch das Gedicht "Helen in Egypt" von Hilda Doolittle, das die griech. Sagenheldin, die sog. schöne Helena zu einer Ägypterin macht. Mit The Shape, the Scent, the Feel of Things (2004-07) bezieht sich J. auf den dt. Kunsthistoriker Aby Warburg, der im ausgehenden 19.Jh. die Indianerkultur im SW Nordamerikas erforscht hatte. Die Video-Installation entführt den Zuschauer in eine geheimnisvolle, märchenhafte Welt, in der kultische Handlungen mit der mod. Zivilisation verschmelzen. Mit der mehrteiligen Sound-Video-Installation Reanimation, ihrem Beitrag zur documenta 13 (2012), verwandelt J. eine Holzhütte in der Karlsaue in ein Miniaturtheater und greift dabei Elemente ihrer Ser. My New Theater von 1997 wieder auf. Die Fenster der Hütte, bestehend aus trichterförmigen, nach innen gerichteten Kästen, sind mit versch. Requisiten ausgestattet, und dienen der Projektion und Vorführung von Filmen. Diese kann der Betrachter nur von außen sehen, das Haus selbst bleibt ihm verschlossen. Somit gleicht das Ganze einem umgekehrten Panoptikum. Im Film-Mittelpunkt steht eine Figur (Albrecht Dürers Melancholia I nachempfunden), die sich zus. mit einem Hund, durch den amer. SW bewegt, wodurch erneut ein Bezug zu Warburg hergestellt wird. In ihren späteren Arbeiten ist J. immer weniger selbst in ihre Werke involviert, Schauspieler und andere Akteure übernehmen ihre Rollen. - J.s Werk beeinflusste entscheidend die Entwicklung versch. Genres der zeitgen. Kunst, von Performance und Video über die konzeptuelle Kunst bis hin zum Theater und Tanz, und nahm Einfluss auf Künstler wie Laurie Anderson, Dan Graham, Richard Serra und Robert Smithson. Ihre Arbeiten und Performances waren weltweit in zahlr. bedeutenden Einzel- und Gruppenausstellungen zu sehen. Ihr Œuvre wurde mit zahlr. bedeutenden Auszeichnungen gewürdigt.
Solo exhibitions:
1994 Amsterdam, Sted. Mus. (Retr. K) / 2000 Stuttgart, KM (Retr. K) / New York: 2003-04 Queens Mus. of Art (Retr. K); 2009-10 MMA (K); 2024 Guggenheim / 2007 Barcelona, MAC / 2011 San Diego, MCA. / 2022 München, Haus der Kunst. -
Group exhibitions:
1972, '77, '82, '87, 2002, '12 (K) Kassel: documenta / 1980, 2009 Venedig: Bienn. / 1980 Amsterdam, Sted. Mus.: Etchings from Crown (K) / 2006 Turin, Castello di Rivoli: Concetto Corpo e Sogno (K) / 2014 Taipei: Bienn. / 2017 Reykjavík: Bienn. (Sequences) / 2025-26 Melbourne, NG of Victoria: Women Photographers 1900-1975: A Legacy of Light (K).
Other encyclopedias:
ContempArtists, 1983; WWAA, 1991/92; id., 1993/94; DA XVII, 1996; Bénézit VII, 2006
Printed sources:
M.Blättner, Kunstforum Internat. 285:2022(Okt.-Dez.)268-270
Online sources:
Yvon Lambert Gall.; Gal. Reinhard Hauff; Dict. universel des Créatrices, 2023