Kapoor, Anish, brit. Bildhauer, Zeichner, Grafiker indischer Abstammung, *12.3.1954 Bombay, lebt seit 1973 in London.
Kapoor, Anish
Sohn eines hinduistischen Vaters und einer jüdischen Mutter mit Wurzeln in Bagdad. Schul-Ausb. im nordindischen Dehradun/Uttarakhand. Er gibt ein Stud. als Elektro-Ing. auf und lebt 1971-73 in einem Kibbutz in Israel, wo er ein Atelier unterhält. Stud. in London: 1973-77 Hornsey College of Art bei Paul Neagu, der ihn nachhaltig beeinflusst; 1977-78 Chelsea SchA. 1979 Lehrtätigkeit am Wolverhampton Polytechnic, 1982 Artist in Residence, Walker AG, Liverpool. 1999 Mitgl. der RA. Ehren-Mitgl.: 1997 London Inst. und Univ. of Leeds; 1999 Univ. of Wolverhampton; 2001 RIBA. Ausz.: 1990 Premio Duemila der Bienn. von Venedig; 1991 Turner Prize; 2003 Commander of the Order of the Brit. Empire; 2011 Commandeur, Ordre des Arts et des Lettres; 2011 Praemium Imperiale für Skulptur, Japan Art Assoc., Tokio; 2012 indischer Nat.-Preis Padma Bhushan. - K. ist einer der weltweit bestbekannten zeitgen. Künstler. In beeindruckender Weise vermag er sowohl bei Kunstkritikern als auch beim Laienpublikum Hochachtung zu genießen. Er arbeitet stets abstrakt, bezieht sich jedoch häufig symbolisch auf Aspekte des Lebens, des menschlichen Körpers (z.B. Rot als Farbe von Blut und damit des Körperinneren), Gemütszustände, Spiritualität und Urkräfte (z.B. die Erde als Mutter). Unter der Maxime "Künstler machen keine Objekte, Künstler schaffen Mythologien" sieht er seine Arbeiten nicht als interpretierend, sondern als Kreation von Bedeutung und Suche nach einem Inhalt, statt einem Sujet oder Motiv. Er greift hierbei auf zahlr. Strömungen abstrakter Kunst des 20.Jh. zurück. So finden sich in seinem Œuvre Elemente von Minimalismus, Arte Povera, Land und Op Art sowie Dadaismus, Aktionismus, Barnett Newman und Joseph Beuys. Anfänglich von hermetischer Lyrik und Nähe zur Alchemie geprägt, entwickelt er seine Kunst ins mon. Format, das dennoch nicht den Reiz faszinierender Wunderbarkeit verliert. Sich an die Farbenpracht und spirituelle Weltsicht des heimatlichen Indien erinnernd, findet K. seinen ersten höchst individuellen Ausdruck in der Ser. 1000 Names (ca. 1979-85). Hierbei platziert er Objekte auf dem Fußboden und auch an der Wand; er bestäubt sie mit kräftig farbigem Pigmentpulver, das auch auf den umgebenden Boden fällt und diesen als Tl des Werks definiert. Er wählt die Primärfarben Rot, Gelb und Blau sowie Schwarz und Weiß. Ausgehend von simplen Pyramiden und Kegeln gelangt er zu komplexen, dekorativen Formen, die an orientalische Archit.-Details, exotische Früchte (Six Secret Places, 1983; Kansas City/Mo., Nelson-Atkins MoA) oder Phantasie-Lsch. erinnern (As if to Celebrate I Discovered a Mountain Blooming with Red Flowers, 1981; London, Tate). Sexuelle Anspielungen offenbaren sich in Werken wie Mother as a Mountain (1985; Minneapolis). Im nächsten Werkkomplex befasst sich K. mit relativ roh bearbeitetem Stein (gelegentlich auch Erde), in den er äußerst präzise ausgef. Löcher und Mulden eintieft und teils als unergründlich dunkel, teils farbig charakterisiert, z.B. das einen Blutfluss suggerierende Wound (1988). Er beginnt, mit polaren Kontrasten zu operieren wie glatt und roh, glänzend und matt, Form und Nicht-Form, Oberfläche und Unergründlichkeit, um damit Dinge partiell zu enthüllen oder zu verstecken. Die Leere wird ein dominierendes Thema, einerseits als Gegenstück zu plastischem Volumen und Negierung des Raums (Void Field, 1989), andererseits psychologisierend auf Ängste wie die Sogwirkung eines Schwarzen Lochs anspielend (Descent into Limbo, 1992). K. spricht dabei auch von der Dunkelheit, die wir in uns tragen. Ähnliche Ansätze verfolgt er bis heute, z.B. Memory (2008; Berlin, Dt. Guggenheim). Parallel dazu gelangt er über makellos glatte, freistehende Skulpturen und Wandwerke mit Eintiefungen (My Body Your Body, 1993) oder Hervorwölbungen (When I am Pregnant, 1992) zur Ergründung von Reflektionsphänomenen. Arbeiten aus hochpoliertem Edelstahl wie Turning the World Upside Down (1995) und Turning the World Inside Out (1995; Bradford/Yorks., Cartwright Hall AG) kulminieren im komplexen, archit. Spiegelobjekt Cloud Gate (2004; Chicago, Millennium Park). De facto von enormer materieller Schwere, optisch aber dematerialisiert, zelebriert die konkav nach außen gerichtete Oberfläche die ikonische Umgebung, in die das Werk gesetzt ist. In der komplex gerundeten, im Durchschreiten erlebbaren Unterseite lässt K. kaleidoskopisch allen Arten von Verzerrungen, Umkehrungen, Dimensionssprüngen u.Ä. freien Lauf. In Parabolspiegeln wie Sky Mirror (2001, vor dem Nottingham Playhouse) vermag er es, den Blick des Betrachters zu konzentrieren und das Alltägliche auf das Niveau eines Erlebnisses zu erheben. Auch bei Werken dieser Art verzichtet er nicht auf eine mystische Dimension, z.B. Turning Water Into Mirror Blood Into Sky (2003). Später bricht er die Oberfläche auch in Prismen auf, z.B. Islamic Mirror (2008; Murcia, Mus. de Santa Clara) oder arrangiert einen Turm aus Spiegelbällen in Tall Tree and the Eye (2009). Mit Projekten wie Melancholia II (Cube to Sphere) (1996) legt K. den Keim für mon. Werke des nächsten Jahrzehnts, in denen er Leere, Hülle, Innen und Außen, Dunkelheit, Perspektive, aber auch Transformationen geometrischer Grundformen ergründet. Zunächst errichtet er 1999 in der Ruine der Baltic Flour Mill in Gateshead (erneut 2000 in Neapel, Piazza del Plebescito) Taratantara, eine sich im Zentrum verengende Röhre aus strahlend rotem Plastik, dann 2003 das die gesamte Turbinenhalle der Londoner Tate Mod. ausfüllende Marsyas. Allein mit dem Titel auf die Schindung des Fauns durch Apollo, den Gott der Künste, verweisend, ruft das Blutrot der PVC-Haut und die nun als gespreizte Beine interpretierbare Gesamtform Assoziationen und Verbindungen zur mythologischen Erzählung hervor. Ist das Innere dieser Arbeiten nur einsehbar, so realisiert K. mit Dirty Corner (2011) eine begehbare Röhre und kombiniert dies mit der psychologisch einschüchternden Erfahrung zunehmender Dunkelheit, während die Höhlenwirkung von Leviathan (Paris, Grand Pal., Monumenta 2011) eine Wechselbeziehung mit der Transluzenz der Membrane eingeht. In durchsichtigen Würfeln, die einen Leerraum umhüllen, wie Space as an Object (2001) macht K. paradoxerweise eine materielle Leere sichtbar. Bei Ascension (erstmals 2003) arbeitet er mit der Immaterialität einer Rauchsäule, die er 2011 unter der Vierungskuppel von S. Giorgio Maggiore in Venedig spektakulär in Szene setzt. In einer Reihe mon., tiefroter Wachsarbeiten erhebt K. den Formungsprozess selbst zum Kunstwerk. Dem Betrachter wird eine geometrische Form gezeigt und gleichzeitig deren Entstehung durch eine Holz- oder Stahlschablone und deren Bewegungsspuren suggeriert, z.B. Up Down Shadow (2005) und Push Pull II (2009). Die klare Linie kontrastiert mit dem Chaos der zahlr. Wachsspritzer. Für Svayambh (2007) durchfährt ein Wachsblock wie ein Zug die Galerieräume des MBA in Nantes (2007) oder der RA in London (2009) und nimmt die Umrissform der Türbögen an. Bald dominiert alleine das Wachschaos in Dismemberment of Jeanne d'Arc (2009), das wie ein begehbarer Körper arrangiert ist, und Shooting Into the Corner (2008-09), wo eine betont phallische Kanone Blöcke violent in eine Ecke des Galerieraums schießt und das Werk durch ein selektives Zufallsprinzip entstehen lässt. Mit jüngsten Arbeiten wie Between Shit and Archit. (2011) operiert K. mit Taktilität, aber auch einem Unbehaglichkeitsgefühl angesichts der Zementtürme, die Würmern oder Eingeweiden ähneln. Gleichzeitig beweist er seine gestalterische Vielfalt durch Ausst. wie Almost Nothing (2011; Paris, Kamel Mennour), bei der er den Minimalismus zum Extrem treibt und fast raumlos erscheinende Werke präsentiert. Für das Olympiagelände in London entwirft er die auch als Aussichtsturm fungierende Skulptur Orbit (2012 voll.). Diese Möglichkeit der Transformation zu Archit. ist ein wesentliches Merkmal von K.s Kunst, die stets von inkommensurablen Dimensionen gekennzeichnet ist, die nur im Kontext zu ergründen sind. Dies manifestiert sich etwa in den Entwürfen für die U-Bahn-Stationen Monte Sant'Angelo und Triano in Neapel (2002-04). K.s zumeist unbetitelte Zchngn stehen formal oft den Skulpturen nahe oder sind von der Farbfeldmalerei in der Art von Mark Rothko beeinflusst.
Solo exhibitions:
(zumeist mit Kat.) Paris: 1980 Patrice Alexandre; 1998 Chap. de la Salpetrière; 2011 Grand Pal. (Monumenta), Gal. Kamel Mennour und Chap. des Petits Augustins der ENSBA / London: 1981 Coracle Press; 1983-2012 mehrfach Lisson Gall.; 1990, 2002 Tate; 1998 Hayward Gall.; 2008 RIBA; 2009 RA (Retr.); 2010 Kensington Gardens / 1983 Liverpool, Walker AG (Wander-Ausst.) / New York: 1984-2012 mehrfach Barbara Gladstone Gall.; 2006 Rockefeller Center / 1985 Basel, KH (Wander-Ausst.) / 1993 Tel Aviv, Tel Aviv MoA / 1995 (Wander-Ausst.), 2012 Tilburg, De Pont Stichting / 1996 Köln, Kunststation St. Peter / 2003 Neapel, Mus. Archeol. Naz.; Bregenz, Kunsthaus / 2004 Hornu (Belgien), MAC Grand-Hornu / 2006 Rio de Janeiro, Centro Cultural Banco Do Brasil (Wander-Ausst.); Malaga, CAC / 2007 Nantes, MBA; München, Haus der Kunst / 2008 Boston, Inst. of Contemp. Art (Retr.) / Berlin: 2008 Dt. Guggenheim (Wander-Ausst.); 2013 Martin-Gropius-Bau / 2009 Wien, MAK / 2010 New Delhi, NG of Mod. Art, und Mumbai, Mehboob Studios; Middlesbrough, Middlesbrough Inst. of Mod. Art; Bilbao, Guggenheim / 2011 Mailand, Rotonda della Besana und Fabbrica del Vapore; Manchester, Manchester AG (Wander-Ausst.) / 2012 Kyjiv, Pinchuk AC; Seoul, Leeum, Samsung MA; Sydney, MCA / 2013 Berlin, Martin-Gropius-Bau / 2022-23 Wuppertal, Skulpturenpark Waldfrieden (K). -
Group exhibitions:
1982 Paris: Bienn. / 1990 Venedig: Bienn. / 1992 Kassel: documenta / 1996 São Paulo: Bien. / 2001 Shanghai: Bienn. / 2004 Gwangju: Bienn. / 2009 Moskau: Bienn. / 2016 Yinchuan: Bienn. / 2024 Bangkok: Art Bienn.
Other encyclopedias:
DA XVII, 1996; Windsor, Sculptors, 2003
Printed sources:
M.Kunz (Ed.), Engl. Plastik heute (K), Luzern 1982; A.K., 1984 (Fernsehfilm des Arts Council of Great Britain und Channel 4); Five sculptors. A.K., 1988 (Fernsehfilm der BBC-Ser. A week of Brit. art); M.Livingstone (Ed.), A.K., Kyoto 1990; G.Celant, A.K., Lo. 1996; M.Bragg, A.K., 1999 (Fernsehfilm der ITV-Ser. South Bank Show); N.Kosoi, Nothingness in art. Mark Rothko, Yves Klein, Robert Ryman, A.K. and Eva Hesse, Diss. Univ. of Essex 2001; M.H. Hayden, Out of minimalism. The referential cube. Contextualising sculptures by Antony Gormley, A.K. and Rachel Whiteread, Diss. Uppsala Univ. 2003; R.Crone/A.v.Stosch, A.K. Svayambh, M./Lo. 2008; A.K. Islamic mirror, Murcia 2009; D.Anfam, A.K., Lo./N.Y. 2009; A.Lowe u.a., A.K. Unconformity and entropy, Ma. 2009; A.Yentob, The year of A.K., 2009 (Fernsehfilm der BBC-Ser. Imagine); A.K. Turning the world upside down (K London), Köln 2010; A.K., Archit. projects, Göttingen 2010; I have nothing to say. Interviews with A.K., P. 2011; C.Posca, Kunstforum Internat. 285:2022(Okt.-Dez.)258-260
Online sources:
Website K. (umfassende Dokumentation)