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Messager, Annette

Born
Berck-sur-Mer (Pas-de-Calais), 30 November 1943
Country
France
Gender
female
GND-ID
Name Variations
Messager, Annette; Messager, Anette
Occupations
Painter; Photographer; Sculptor; Mixed-Media Artist
Places of Activity
Malakoff (Paris), Paris
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By
Last edited
12.11.2025
Published in
AKL LXXXIX, 2016, 195

VITA

Messager, Annette, frz. Malerin, Fotografin, Mixed-Media-Künstlerin, *30.11.1943 Berck-sur-Mer (Pas-de-Calais), lebt in Paris. Verh. mit dem Künstler Christian Boltanski.

LIFE AND WORK

A. der 1960er Jahre Umzug nach Paris. 1962-66 Stud. an der Éc. Nat. Supérieure des Arts Décoratifs, Paris. Sie bricht ihr Stud. ab, weil sie bei einem Fotowettb. eine Weltreise gewinnt. 1979 Lehrtätigkeit an der ÉcBA, Bordeaux. 1980-81 Stip. für einen Aufenthalt in New York. Ausz.: 2010 Trophée Créateurs sans Frontières; 2005 Goldener Löwe für den besten Länderbeitrag (frz. Pavillon), Bienn. Venedig; 2016 Praemium Imperiale für Skulptur, Japan Art Assoc., Tokio. - In ihren ersten Ausstellungsbeteiligungen zeigt M. skulpturale, von Louise Nevelson inspirierte Installationen. In den Jahren 1969/70 fertigt sie weibliche Accessoires (z.B. Schuh, Armbanduhr oder Kamm) aus Papier und Pappe. M. setzt bewusst Techniken und Materialien ein, die klischeehaft mit der Frau assoziiert werden, und beginnt Strickereien aus Wolle und feine Zchngn anzufertigen. Das Zurückgreifen auf Wolle ist auch der Bewunderung für Jean Dubuffet und die Künstler der Art brut (bes. Jeanne Tripier und Adolf Wölfli) geschuldet. M. unterteilt ihre Pariser Wohnung in zwei Arbeitsräume. Unter dem Begriff Les travaux de l'atelier schafft sie Les pensionnaires (1971-72), ausgestopfte Spatzen, denen sie Wollkleider strickt und ein Alphabet aus Federn anfertigt. Diese "Pensionsgäste" sind der Beginn einer konstanten Auseinandersetzung mit dem Leben und dem Tod. Im zweiten Teil der Wohnung, unter dem Begriff Les travaux de la chambre, sammelt M. Fotogr., Zchngn und Ausschnitte aus Ztgn, Zss. und Kat., die sie thematisch in den Albums-collections zusammenführt und kommentiert. Die 60 Albums-collections können als Tagebuch verstanden werden, in das M. auch erfundene autobiografische Elemente aufnimmt und das von der Ges. bestimmte Bild von Frau, Mann und Kind subversiv umkehrt. Zw. 1971 und 1976 ist ihr Œuvre von Identitätssuche geprägt. So verleiht sie sich u.a. die Titel Femme Pratique (praktische Hausfrau), Truqueuse (trickreiche Frau) oder Bricoleuse (Heimwerkerin). Schon in den frühen Albums-collections ist die Vielschichtigkeit, die das Gesamtwerk charakterisiert, erkennbar. Das Bild wird durch Text ergänzt und assoziatives Denken beim Betrachter gefördert. Über Harald Szeemann trifft M. ab 1972 Künstler wie Marcel Broodthaers, James Lee Byars und Joseph Beuys. Sie grenzt sich von der damals vorherrschenden Minimal Art ab und fühlt sich geistig eher mit Künstlern wie Robert Filliou, Eva Hesse, Bruce Nauman, Daniel Spoerri und George Brecht verbunden. Inspiration zieht sie aus Büchern wie "Nadja" von André Breton oder Filmen wie "Lola Montez" von Max Ophüls. E. der 1970er Jahre arbeitet M. in der Technik der Fotomontage, die es ihr erlaubt, Zchng und Fotogr. in einem Bild zu vereinen (so die Ser. Les feuilletons, 1978). Der Umgang mit dem Raum wird nun freier und die Präsentation an den Wänden ausgedehnter und plakativer. In New York entsteht 1980 die Ser. Les variétés, S/W-Fotogr. von Körperpartien, die sie in der Dunkelkammer entwickelt und auf die sie Farbe aufträgt. Der sakrale Char. des S/W-Bildes soll durch die Farbe entkräftet werden. Zwei Merkmale, die das Œuvre von M. auch später bestimmen, treten deutlich hervor: die größere Dimension und das Verdecken von etwas Darunterliegendem. Später verwendet M. schwarze Netze (erstmals in Mes vœux sous filets, 1989) und Seidentücher (ab 2004), um eine zweite, verborgene Ebene zu generieren. Die Ser. Chimères (1982-84) entsteht als erste Arbeit in ihrem neu bezogenen Atelier in Malakoff und ist mit "Annette Messager colporteuse" (Hausiererin) signiert. M. schneidet Fotogr. von entblößten Körperpartien auf die Form eines Frauenschuhs, eines Schlüssels oder einer Schlange zu und klebt sie auf einen weißen Untergrund, so dass die Ränder sichtbar bleiben. Auch hier spiegelt sich die Wichtigkeit der Handarbeit wider. In der Ser. Mes petites effigies (1988) benützt sie Stofftiere, die sie auf Trödelmärkten kauft. Um deren Hals hängt sie kleine S/W-Fotogr. von nackten Körperteilen und teilt ihnen jeweils ein Wort zu, das einen Gefühlszustand beschreibt, z.B. désir (Verlangen), crainte (Furcht) oder envie (Neid). A. der 1990er Jahre beginnt M., Stofftiere zu sezieren und zu zerstückeln; ab 1996 schneidet sie sie auf und bringt sie ausgebreitet an der Wand an (Dissections, 1996-97 oder Les dépouilles, 1997-98). Ab 1998 (Protection) fügt sie Stofftierteile auch zu Buchstaben und Wörtern zusammen. 1988 entsteht eine weitere wichtige Werkgruppe, Mes vœux (1988-91). S/W-Fotogr. nackter (männlicher und weiblicher) Körperteile sind neben- und übereinander, in Form eines Kreises, Dreiecks oder Kreuzes an die Wand montiert. Die kleinen Fotogr. sind einzeln verglast und mit einem einfachen schwarzen Klebeband gerahmt, ein weiteres unverkennbares Merkmal von M.s Werk. Die Fotogr. stellen ex votos, kleine Opfergaben, dar. Mit der Arbeit Histoire des robes (1990) erhalten Kleider einen wichtigen Platz in ihrem Repertoire. Sie schafft einen Ausgleich zu den oft hängenden Elementen, indem sie Stäbe an die Wand lehnt oder am Boden aufstellt und an ihnen ausgestopfte Tiere mit selbst gestrickten Wollmasken befestigt (Les piques, 1991 und Les masques, 1991-92). Die Größenordnung der Arbeiten ändert sich nochmals mit Anonymes (1993). Der Betrachter ist eingeladen, zw. den Stäben hin und her zu gehen und wird aus der sonst passiven, rein voyeuristischen Haltung in eine aktive Position versetzt. Die Installationen nehmen nun oft den ganzen Ausst.-Raum ein, die Mise-en-Scene erscheint wirksamer und das Spiel mit Licht und Schatten ausgeprägter. M. führt sukzessive neue Elemente in ihr Werk ein: aus Stoff genähte Organe (Pénétration, 1993-94), Armut symbolisierende Plastiktüten (2 Clans-2 Familles, 1997-98) oder geschlechtsneutrale Stofffiguren (Les répliquants, 1999), die oft keinen festen Halt haben und den manipulierten Menschen symbolisieren. In Articulés-désarticulés (2001-02) (für die documenta Kassel, 2002, konzipiert) benützt M. zum ersten Mal eine mechanische Vorrichtung, die sie in mon. Werken wie La Ballade des pendus (2002) oder Les spectres de l'hospice Comtesse (2004) weiter ausarbeitet. Anstelle einer Zusammenballung hängt M. hier nur vereinzelt ausgewählte Elemente (große, aus Latex konfektionierte Körperteile wie Hände oder Füße) an eine Vorrichtung und lässt sie zu Boden stürzen. In den großräumigen Installationen Sous vent (2004-10) und Casino (für den frz. Pavillon der Bienn.Venedig, 2005) spannt sich ein durch Ventilatoren in Bewegung gesetztes Seidentuch über diverse Objekte, die durch den Einsatz einer automatisierten Beleuchtung ab und zu aus dem Dunkeln, wie aus dem Unbewussten, auftauchen. In Casino hat die Figur des Pinocchio zum ersten Mal ihren Auftritt. Sie dient ihr als Symbol für die Lüge und das Streben nach Menschlichkeit. Die neuesten Arbeiten M.s verstehen sich als bildgewaltige Szenarien einer imaginativen Welt. Continents noirs (2012) und Mes transports (2012-13) bestehen aus in schwarzes Aluminium gewickelten Elementen, die wie Inseln in der Luft schweben bzw. auf Rollwagen und Packdecken am Boden abgestellt sind. Durch die schwarze Farbe und die unebene Oberfläche muten die "Kontinente" und die kleinen Skulpturen fragil an, so als ob sie aus Kohle bestünden und Zeugen einer postapokalyptischen Welt wären. - M. gilt als eine der bekanntesten frz. Künstlerinnen der letzten H. des 20.Jh., die sich trotz des Arbeitens mit derzeit verworfenen Mat. (wie Wolle und Stoff) schnell durchgesetzt hat. Mit den Mitteln der visuellen Überflutung, der Überlagerung von fein detaillierten Elementen und mit unterschiedlichen Bildebenen schafft M. ein umfangreiches, kohärentes Œuvre, wobei die Künstlerin sich immer wieder neu erfindet. Poetisch und düster zugleich, ruft es starke Emotionen hervor und konfrontiert den Betrachter mit seinen eig. Wünschen und Vorstellungen. Insbesondere Werke, die Gesellschaftskritik üben, Fotogr. von entblößten Körperteilen, ausgestopfte Tiere oder sezierte Stofftiere sorgen für Irritationen, während and. ihrer Arbeiten den Betrachter in eine eig., fantasievolle, fast märchenhafte Welt entführen. Ziel M.s ist es, unterschiedliche und vielfältige Assoziationen bei ihm auszulösen.

WORKS

Düsseldorf, KS NRW. Grenoble, Mus. de Grenoble. Hamburg, KH. Jerusalem, Israel Mus. Kanazawa, 21st Century MCA. London, Tate Modern. New York, MoMA. - Guggenheim. Paris, Centre Pompidou. - MAMVP. Vitry-sur-Seine, MAC du Val-de-Marne.

SELF-TESTIMONIES

A.M. Collectionneuse. Les approches, Ha. 1973; Mes badges, P. 2012; Les tortures volontaires, Ostfildern 2013; Interdictions, P. 2014.

EXHIBITIONS

Solo exhibitions:

1973 München, Lenbachhaus (K); Lüttich, Gal. Yellow Now (K) / Grenoble: 1973 Mus. de Peint. et de Sculpt. (K); 1990 Mus. de Grenoble / 1977 Vaduz, Centrum für Kunst (K) / 1980 Saint Louis (Mo.), AM / 1981 San Francisco (Calif.), MMA / 1987 Vancouver (B.C.), Vancouver AG / 1990 Bonn, KV; La Roche-Sur-Yon, Mus. mun. / Düsseldorf: 1990 KV für die Rheinlande und Westf. (K); 2014 KS NRW, K21 KS im Ständehaus (K) / 1995 Los Angeles, LACMA / 1996 New York, MoMA (K) / 2004 Paris, MAMVP/ARC / 2008 Espoo, MMK (Emma); Seoul, NMMA; Tokio, Mori AM / 2012 Strasbourg, MAMC (K) / 2014 Sydney, MCA (K). -

 

Group exhibitions:

Paris: 1968 Salon de la gravure; 1972 Gal. Germain: Artistes de la laine; 1977 Bienn.; 2010 Mus. Maillol: C'est la vie!; 2012 Pal. de Tokyo: Trienn. / 1972 Zagreb, Gal. Sudentskog: French Window / 1979 Sydney: Bienn. / 1991 São Paulo: Bien. / 2000 Havanna: Bien. / 2002 Kassel: documenta / 2005 Venedig: Bienn. / 2015 Niigata: Trienn. / 2020 Bregenz, Kunsthaus: Unvergessliche Zeit / 2022-24 Hamburg, KH: Something new, something old, something desired.

 

SOURCES

Other encyclopedias:

Krichbaum, 1981; C.Naggar, Dict. des photographes, P. 1982; ContempArtists, 1983; DA XXI, 1996; Bénézit, 1999; Delarge, 2001; R.Mißelbeck (Ed.), Prestel-Lex. der Fotografen, M. u.a. 2002

 

Printed sources:

A.M. Faire Parade 1971-95 (K MAMVP), P. 1995; A.M. Dependanceindependance (K CAPC MAC), Bordeaux 1996; A.M. La procesión va por dentro, Ma. 1999; H.-N. Jocks, A.M. im Gespräch, Köln 2001; A.M. Hors-jeu (K MBA, Nantes), Arles 2002; M.-L.Bernadac, A.M. Mot pour mot, Dijon/Lo. 2006; A.M. Les messagers (K Centre Pompidou), P. 2007; A.-E. Kittner, Visuelle Auto-Biogr., Bielefeld 2009; C.Grenier, A.M., P. 2012; Une avant-garde féministe (K Les Rencontres de la Photographie, Arles), P. 2022.

 

Online sources:

Dict. universel des Créatrices, 2023