Levine, Sherrie, US-amer. Foto-, Collage-, Objekt- und Installationskünstlerin, Bildhauerin, Malerin, Grafikerin, *17.4.1947 Hazleton/Pa., lebt in New York und Santa Fe/N.Mex.
Levine, Sherrie
Aufgewachsen in St. Louis/Mo. Stud.: 1965-73 Univ. of Wisconsin, Madison (Malerei, Druckgrafik; Abschluss in Fotodruck). Über Stephen Kaltenbach, der zeitweise als Visiting Artist in Madison lehrt, kommt L. auch früh mit Conceptual und Minimal Art in Berührung. Nach dem Stud. kurzzeitig als Lehrerin in Berkeley/Cal. beschäftigt; seit 1975 in New York ansässig. 2001-02 Visiting Scholar, Getty Research Inst., Los Angeles. - L. ist bis A. der 1980er Jahre zunächst hauptsächlich im Bereich kommerzieller Fotogr. tätig, konzipiert seit M. der 1970er Jahre gleichzeitig aber auch freie künstlerische Arbeiten. So präsentiert sie 1977 im 3 Mercer Street Store, New York, ihre erste Einzelausstellung Two Shoes for Two Dollars bzw. Shoe Sale, ein Arrangement aus 75 Paar Schuhen, die sie selbst in den frühen 1970er Jahren in einem Gebrauchtwarenladen in Berkeley erworben hat und nun zum Verkauf anbietet (ein Paar wird 1992 als Multiple für das H. 32 der Kunst-Zs. Parkett reproduziert). Mit dieser Arbeit stellt sich L. formal zunächst in die Trad. der Ready-mades von Marcel Duchamp, betont gleichzeitig aber auch den fetischhaft-obsessiven Char. der Aktion. Shoe Sale scheint zudem autobiografische Bezüge aufzuweisen, da ihr Vater als Schuster gearbeitet hat. Ebenfalls 1977 wird L. von Douglas Crimp und Helene Winer zur Teiln. an der von ihnen kuratierten programmatischen Schau "Pictures" im Artist's Space, New York, eingeladen. Sie zeigt dort Collagen, die sich aus feministisch-gesellschaftskritischer Perspektive u.a. mit der stereotypen Darst. von Frauen in zeitgen. Printmedien auseinandersetzen. Ein typisches Beispiel für L.s Praxis dieser Jahre ist die sog. Presidents Series. So kombiniert bzw. konfrontiert etwa die zu dieser Werkgruppe gehörende Collage Untitled (President: 4) (1979; Metrop. Mus., New York) das von der US-amer. 1-Cent-Münze bek. Profil von Abraham Lincoln als schwarze Silhouette mit dem aus einer Ill. ausgeschnittenen Kopf eines weiblichen Models und thematisiert damit zugleich unterschwellig wirksame Mechanismen von Käuflichkeit und Verführung. Im Kontext der sog. Pictures Generation um Künstlerinnen und Künstler wie Louise Lawler, Robert Longo, Barbara Kruger, David Salle oder Cindy Sherman und der postmodernen Theorieproduktion der damals von Douglas Crimp mitherausgegebenen Zs. October entwickelt L. um 1980 das künstlerische Prinzip der Re-Photography. Als erstes Ergebnis präsentiert sie 1981 in der Gal. Metro Pictures, New York, die Fotoserie Untitled, After Walker Evans (heute z.T. in der Slg des Metrop. Mus., New York), 22 technisch perfekte Abzüge von eig. Fotogr. nach Buch-Reprod. der klassischen, von Walker Evans in den 1930er Jahren im Auftrag der Farm Security Administration aufgenommenen sozialkritischen Fotogr. über die ges. Folgen der Großen Depression. Mit dieser ebenso erfolgreichen wie skandalträchtigen Ausst. avanciert L. schlagartig zu einer der bekanntesten Vertreterinnen der frühen Appropriation Art, wird aber gleichzeitig vom Estate of Walker Evans wegen Urheberrechtsverletzung bzw. Plagiates in juristische Auseinandersetzungen verwickelt. Mit ihren Reprod. nach Reprod. (oder "Geistern von Geistern", wie L. selbst 1985 das Ergebnis ihrer Arbeit in einem Gespräch mit Jeanne Siegel bezeichnet) stellt sie nicht nur die trad. Vorstellung von der Originalität eines Kunstwerks in Frage, sondern thematisiert gleichzeitig die widersprüchliche Verwendung bzw. Bedeutung von Begriffen wie Aura (im Sinne Walter Benjamins), Authentizität, Echtheit, Orig., Kopie oder Differenz. Dennoch betont L. immer wieder, keineswegs nur Kunst zu machen, "um eine Theorie darzustellen oder etwas zu beweisen" (Interview mit J.Siegel, 1985). Sie produziere demnach keine Belegstücke im Sinne einer ästhetisch-post-mod. Lehre oder Ideologie, sondern vielmehr künstlerische Bilder, die sie "anschauen möchte, so wie jeder andere auch." Gleichzeitig verweist sie aber auch auf den grundsätzlichen Warencharakter, also auf die Verkäuflichkeit ihrer Kunstproduktion. Die anhand der Abb. von Werken von Evans praktizierte Aneigungsstrategie wird in den 1980er Jahren auch auf Reprod. von Fotogr. z.B. von Man Ray oder Edward Weston, bald zudem von Gem., Aqu. und Zchngn etwa von Ernst Ludwig Kirchner oder Egon Schiele angewandt (z.B. After Egon Schiele, 1982/2001, 18-teilige Ser. von C-Prints; Walker AC, Minneapolis/Minn.). Ab 1984 verlagert L. ihre konzeptuelle Praxis verstärkt auf den Bereich der Malerei und präsentiert u.a. Aqu. und Gem. nach Motiven von Il'ja Grigor'evič Čašnik, Kazimir Malevič oder E.Schiele (Nature Morte Gall., New York, 1984). 1985 veröffentlicht sie in der Zs. New Observations (No. 35, S. 15-19) den lit. Text A Simple Heart (After Gustave Flaubert), der später auch als eigenständiges Künstlerbuch erscheint. In Analogie zu ihrer bildkünstlerischen Vorgehensweise eignet sie sich Wort für Wort Flauberts Erzählung "Un cœur simple" an. Diese Gesch. über die versch., sich in einer zeitlichen Abfolge ablösenden emotionalen Bindungen der Magd Félicité wird hier als grundsätzlich vergleichbar mit L.s eig. Verhältnis zu den für ihre Aneignungen ausgewählten fremden Kunstwerken verstanden. Die Bedeutung von Flauberts lit. Text für die eig. Praxis unterstreicht L. auch später mehrmals, so z.B. mit der Bronzeskulptur Loulou (2004), einer naturalistischen Darst. des Papageis, der Félicités letzten emotionalen Bezug repräsentiert. Eine weitere Werkgruppe der 1980er Jahre zeigt minimalistisch anmutende, mit Kaseinfarbe auf Blei gemalte Schach- bzw. Spielbrettmuster (Lead Checks), die v.a. auf L.s Beschäftigung mit dem Künstler (und Schachspieler) Marcel Duchamp zurückzuführen sind. Seit E. der 1980er Jahre entstehen zudem skulpturale Arbeiten und Installationen, die zunächst ebenfalls eine intensive Auseinandersetzung mit den Hw. von Duchamp belegen. So bezieht sich z.B. die Arbeit The Bachelors (After Marcel Duchamp) (1989; K21, KS im Ständehaus, Düsseldorf) unmittelbar auf dessen Werk "La mariée mise à nu par ses célibataires, même [le Grand Verre]" von 1915-23, wobei in sechs Glasvitrinen versch. daraus entlehnte Elemente als isolierte, geometrisch oder anthropomorph geformte Glasobjekte präsentiert werden. Mit einer Ser. golden glänzender Bronzen u.d.T. Fountain (After Marcel Duchamp) (1991) gestaltet L. auch ihre eig. Interpretation von Duchamps Urinoir von 1917 (u.a. in der Slg des Walker AC, Minneapolis/Minn.). Weitere künstlerische Aneignungen etwa von Möbeldesigns von Gerrit Rietveld (Small Krate Table, 1993), Skulpturen von Constantin Brancusi (Black Newborn, 1995, Glas), Gem. von Paul Cézanne (After Cezanne: 1-18, 2007, Farblaserdrucke/Papier) oder der "Polychromie Architecturale" von Le Corbusier (Salubra, 2011) zeigen unterschiedliche Transformationsstrategien, die von der reinen Reprod. über eine formale Neuinterpretation bis hin zur vollständigen Abstraktion oder minimalistisch-geometrischen Reduktion reichen können. Gelegentlich entstehen außerdem Kooperationen mit and. Künstlern wie Robert Gober (Untitled, 1990, eine an einem Seil aufgehängte Glühbirne aus Email und Bienenwachs) oder Joost van Oss (z.B. gemeinsame Ausst. in der Paula Cooper Gall., New York, 1999). Mit ihrer strategisch-konzeptuellen, z.T. fast schon an Methoden kunsthist. Interpretation erinnernden Praxis der Aneignung von Werken klassischer mod. Kunst gehört L. neben Elaine Sturtevant zu den bedeutendsten Vertreterinnen der frühen Appropriation Art. Ihre Kunstpraxis ist mittlerweile bereits selbst zum Vorbild für eine jüngere Künstlergeneration geworden, was u.a. das Beispiel von Michael Mandiberg belegt, der in seiner Arbeit "After Sherrie L." (2001) L.s Reprod. nach Reprod. der Fotogr. von Evans erneut refotografiert.
J.Siegel, After L., in: ArtsMag 59:1985(Juni)141-144 (Interview; mehrmals nachgedruckt; dt. in: T.G. Natter/T.Trummer (Ed.), Nach Schiele (K Wien), Köln 2006, 83-91); Five comments by L., in: Origins, originality and beyond (K Bienn. of Sydney), Sydney 1986; Why I appropriated, in: Texte zur Kunst 2002(46)85.
Solo exhibitions:
New York: 1987, '89 Mary Boone Gall. (K); 2011-12 Whitney (Retr.; K) / 1988 Washington (D.C.), Hirshhorn Mus. and Sculpt. Garden (Wander-Ausst.; K) / 1991 San Francisco, MMA (K) / 1991-92 Zürich, KH (Wander-Ausst.; K) / 1993 Philadelphia (Pa.), Mus. of Art (Wander-Ausst.; K) / 1996 Genf, MAMC (Wander-Ausst.; K) / 1998 Leverkusen, Mus. Schloss Morsbroich (Wander-Ausst.; K) / 1999 Hamburg, KV / 2010-11 Krefeld, KM, Mus. Haus Lange (K). -
Group exhibitions:
1982 Kassel: documenta / 2009 New York, Metrop. Mus.: The Pictures Generation, 1974-1984 (K: D.Eklund) / 2011 Santa Fe (N.Mex.), Georgia O’Keeffe Mus.: Shared Intelligence. Amer. Paint. and the Photograph (Wander-Ausst.; K) / Wien, Albertina: 2020-21 My Generation. Die Slg Jablonka (K); 2021-22 The 80s. Die Kunst der 80er Jahre (K) / München: 2020-21 PM: Au rendez-vous des amis. Klassische Moderne im Dialog mit Gegenwartskunst aus der Slg Goetz; 2023-24 Mus. Brandhorst: This Is Me, This Is You. Die Eva Felten Foto-Slg (K) / 2021-22 Hannover, Sprengel Mus.: True Pictures? Zeitgen. Fotogr. aus Kanada und den USA (K) / 2024 Venedig, ACP Pal. Franchetti: Breasts / 2025 Neuss, Langen Found.: Slg Ringier (K).
Other encyclopedias:
Heller, 1995; DA XIX, 1996; J.Marter (Ed.), The Grove enc. of Amer. art, Ox./N.Y. 2011
Printed sources:
G.Marzorati, Art news 85:1986(5)90-99; Imi Knoebel/L., in: Parkett 1992(32)76-111; N.Smolik, Kunstforum internat. 1994(125)286-291; S.Römer, Künstlerische Strategien des Fake, Köln 2001; T.J. Drodd, Art hist. 32:2009(5)954-976; K.Haendel u.a., Beg borrow and steal (K Rubell Fam. Coll.), Miami 2009; R.Brilliant/D.Kinney (Ed.), Reuse value, Farnham/Burlington 2011; A.-K. Günzel, Kunstforum internat. 2011(206)317-319; K.Heymer, Flash art 44:2011(278)138-141; M.Buskirk, Artforum 50:2012(7)272-274; H.Singerman, Art hist., after L., Berkeley, Cal. u.a. 2012; J.Rodenbeck, X-tra 15:2013(3); L.Lebart/M.Robert, A World Hist. of Women Photographers, Lo./N.Y. 2022; M.Stoeber, Kunstforum internat. 279:2022(Jan.-Febr.)256-264; U.M. Reindl, ibid. 299-301; J.Davis u.a., Kunst der Vereinigten Staaten 1750-2000, B. 2024; J.Restorff, Kunstforum Internat. 304:2025(Juli/Aug.)218-220.
Online sources:
C.Lewallen, J. of contemp. art 6:1993(2) [Interview]; Dict. universel des Créatrices, 2023