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Kippenberger, Martin

Born
Dortmund, 25 February 1953
Died
Wien, 7 March 1997
Country
Germany, Austria
Gender
male
GND-ID
Name Variations
Kippenberger, Martin
Occupations
Painter; Sculptor; Master Draughtsman; Photographer; Installation Artist; Performance Artist
Places of Activity
Hamburg, Berlin, Paris, Syros
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By
Last edited
21.10.2025
Published in
AKL LXXX, 2014, 297

VITA

Kippenberger, Martin, dt. Maler, Bildhauer, Zeichner, Installationskünstler, Fotograf, Performancekünstler, *25.2.1953 Dortmund, †7.3.1997 Wien (Leberkrebs). Verh. mit der Fotografin Elfie Semotan.

LIFE AND WORK

Ab 1962 Internat Tetenshof, Hinterzarten/Schwarzwald, 1968 Schulabbruch. Danach Lehre zum Dekorateur in Essen, Entlassung 1969. 1969/1970 Reise nach Skandinavien und Aufenthalt in Otterndorf. 1972-1976 Stud. (abgebrochen) an der HBK Hamburg bei Franz-Erhard Walther und Arnold Hauser. Erste Begegnung mit Sigmar Polke. In dieser Zeit setzt K. sich mit der Kunst von Joseph Beuys und Gerhard Richter auseinander. 1976 dreimonatiger Aufenthalt in Florenz, dort malt er die erste Bilderserie Uno di voi un tedesco a Firenze, einer seiner entscheidenden Werkzyklen. 1977 Bekanntschaft mit Werner Büttner, Albert und Markus Oehlen während eines Aufenthalts in Hamburg; erste Ausst. in der Zimmergalerie Petersen ebd. A. 1976 geht er nach Berlin und zieht dort in die Künstler-Kommune Fabrikneu, die er 1978 verlässt, um mit Gisela Capitain "Kippenbergers Büro" zu gründen. Er wird zus. mit Achim Schächtele und Andreas Rohe Geschäftsführer des Kreuzberger Punkclubs S.O.36. K.s künstlerische Aktivitäten sind in dieser Zeit vorwiegend durch die Organisation von Ausst. und Veranstaltungen sowie die Produktion von Plakaten, Flyern, Zss. und Künstlerbüchern geprägt. 1979 veranstaltet er die Ausst. "1. außerordentliche Veranstaltung in Bild und Klang zum Thema der Zeit: Elend in Kippenbergers Büro", die u.a. Werke von Ina Barfuß, Büttner, Walter Dahn, Achim Duchow, Georg Herold, Oehlen und Brigitta Rohrbach zeigt. 1980 zieht K. nach Paris, um sich als Schriftsteller zu versuchen. Danach reist er nach Siena; hier entsteht die erste farbige Bildserie Bekannt durch Film, Funk und Fernsehen (1981), die zur Aufnahme in die Gal. Max Hetzlers in Stuttgart 1982 führt. Arbeitsaufenthalte im Schwarzwald folgen. Hier entstehen u.a. Gemeinschaftsarbeiten mit A.Oehlen. E. des Jahres verlegt K. seinen festen Wohnsitz nach Köln, dem Ausgangspunkt seiner internat. Karriere. Er unternimmt Reisen nach Wien, Brasilien, Spanien und in die USA. 1989 wird seine Tochter Helena Augusta Eleonore geboren. 1988 lernt er Jeff Koons in Köln, 1990 Mike Kelley in New York kennen. Lehrtätigkeit: 1990er Jahre versch. Lehraufträge; 1990 Gastprofessor an der Städelschule, Frankfurt am Main; 1992 Prof. an der Gesamt-HS Kassel. Im selben Jahr längere Aufenthalte auf der griech. Insel Syros, bei denen wichtige Bilderserien und Skulpturen entstehen (u.a. METRO-Net World Connection, 1992). 1995 zieht K. ins Burgenland. Er heiratet 1996 die Wiener Fotografin Elfie Semotan. 1997 wird ihm posthum der Käthe-Kollwitz-Preis der Akad. der Künste, Berlin, verliehen und er wird zur Teiln. an der documenta X 1997 und der Ausst. Skulptur.Projekte in Münster eingeladen. - Inspiriert von Polke beginnt K. seine künstlerische Karriere in den 1970er Jahren, indem er das Medium der Fotogr. und der Fotokopie einsetzt. Die damit verbundene Möglichkeit der inflationären Verbreitung seiner Kunst spielt während seiner gesamten Karriere eine wichtige Rolle, die er wesentlich durch die Produktion von Einladungskarten, Multiples und Plakaten unterstützt. Alle künstlerischen Ausdrucksformen der Malerei und Skulptur, Installation, Zchng und Druckgrafik sind gleichermaßen bedeutend für ihn. Thematisch ist die provokante, satirische und oft auch ironische Visualisierung seiner Gegenwart zentral in seinem Œuvre verankert. Mit oft brutaler Offenheit macht K. in seinen Werken auf das aufmerksam, was die Ges. zu verdrängen sucht. So stellt er in Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken (1984) die Möglichkeiten und Aufgaben der Kunst am E. des 20. Jh. in Frage. Obwohl das Bild lediglich eine abstrahierte geometrische Formfindung zu zeigen scheint, wird es in Kombination mit dem Titel zum kritischen Kommentar auf eines der Tabuthemen der 1950er und 60er Jahre. Für eine solche Bewusstmachung durch das Zusammenspiel von Dargestelltem und dazugehörigem Titel benutzt K. die Malerei als Vehikel. Das Multimediale wie auch der Wechsel zw. Stilen und Themen und das Verknüpfen von kunsthist. und zeitgen. Referenzen legen konventionelle Arbeitsweisen offen und erfinden sie schließlich neu. 1981 lässt K. für die Ser. Lieber Maler, male mir von ihm fotografierte Motive von einem Filmplakatmaler abmalen und verwehrt sich damit dem zeitgen. Trend der Wilden Malerei. Parallel zu seiner eig. malerischen Produktion widmet er sich intensiv der Produktion von Plakaten, Einladungskarten und Künstlerbüchern. Von 1977 bis 1997 fertigt K. 178 Plakate und 149 Künstlerbücher. Zudem spielen in den 1980er Jahren Dada-inspirierte Kollaborationen mit Büttner und A.Oehlen eine wichtige Rolle. Skulpturen wie Capri bei Nacht, Orgonbox bei Nacht und Tür bei Nacht (1982) sind vom Readymade-Char. Marcel Duchamps beeinflusst. Das Schaffen eines kreativen Netzwerks aus Künstlern, das immer über die Grenzen des eig. Ateliers hinaus reicht, ist auch am Beispiel der Lord Jim Loge erkennbar (1984), einer Künstlergruppe, gegründet von Wolfgang Bauer, Jörg Schlick und A.Oehlen. Die Loge folgt dem Motto "Keiner Hilft Keinem" und greift dabei Wertmaßstäbe der Kunst, Politik und Moral an. Slapstick, Pathos und der Mut zum Scheitern sind immanent in K.s Kunstproduktion der 1980er Jahre. Eine melancholische Tendenz ist in seinen Selbstporträts ab 1988 verstärkt erkennbar. In seiner Porträtserie von 1988, wie auch in den Handpainted Pictures von 1992 und der Medusa Serie von 1996 versucht er den Mythos des romantischen Künstlergenies neu zu bilden. Der Künstler, die Welt nomadisch nach Inspirationen absuchend, findet in K.s Hotelzeichnungen Niederschlag (ab 1985). In den letzten Jahren entwickelt K. die Idee eines weltumspannenden fiktiven U-Bahnsystems, bestehend aus Ein- und Ausgängen in Syros (Griechenland), Dawson City (Kanada) und Leipzig wie auch Lüftungsschächten und transportablen Eingängen (1993-97), eine Auseinandersetzung K.s mit dem Thema der globalen Vernetzung. Ähnlich kritisch widmet er sich den hierarchischen Strukturen kult. Institutionen in seiner Selbsternennung 1995 zum Dir. des fiktiven Mus. MOMAS (Mus. of Modern Art, Syros) - eine verlassene Beton-Bauruine auf der griech. Insel Syros. Erst der Rückblick auf sein Werk, knapp zwei Dekaden nach seinem Tod, ermöglicht das Verständnis für K.s Bedeutung innerhalb der Kunstproduktion der 1970er, 80er und 90er Jahre: Die hinterlassene Flut an Bildern, Installationen, Büchern, Plakaten, Skulpturen und Zchngn lädt zu immer neuen Deutungsversuchen ein, deren Richtigkeit jedoch nicht im Zentrum der Auseinandersetzung mit K. steht. Vielmehr ist die Bedeutung seines Werkes darin zu finden, dass es in seiner kunsthist., sozialen und politischen Komplexität nicht an Relevanz verloren, sondern gewonnen hat und dadurch immer wieder neue Interpretationsansätze hervorruft.

WORKS

Amsterdam, Sted. Mus.: Drei Häuser mit Schlitzen, Öl und Lack/Lw., 1985. Gent, Slg Anton und Annick Herbert: Spiderman-Atelier, Holz, Metal, Plastik, Plexiglas, Spiegel, Bronze, Styropor, bemalte Lw., Vodka Flasche und Balsa, 1996. Hamburg, Slg Falckenberg: Das Floß der Medusa, 14 Lithogr., 1996. Frankfurt am Main, Städel: Zwei proletarische Erfinderinnen auf dem Weg zum Erfinderkongreß, Öl/Lw., 1984. Köln, Gal. Gisela Capitain, Estate M.K.: Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald, Metallstäbe und Holz, 1990; METRO-Net World Connection 1997, CAD Druck, 1997; Ohne Titel (aus der Ser. Jacqueline: The Paintings Pablo couldn't Paint Anymore), Öl/Lw.,1996; Priv.-Slg: Krieg Böse, Öl/Lw., 1983. Los Angeles, MCA: Disco Bomb, verspiegelte Diskokugel mit synthetischer orangefarbener Perücke, 1989. New York, MoMA: Martin, ab in die Ecke und schäm Dich, Aluminium, Kleidung, Eisenplatte, 1989; Metro Pictures: Zuerst die Füße, Holz, Autolack, Stahlnägel, 1990. St. Georgen, Slg Grässlin: Arbeiten, bis alles geklärt ist, Öl/Lw., 1984; Berlin bei Nacht (Grosse Wohnung, nie zu Hause/Dialog mit der Jugend/Deckname Hildegard), Öl/Lw., 1981.

SELF-TESTIMONIES

Durch die Pubertät zum Erfolg, B. 1981; R.Eikmeyer/T.Knoefel (Ed.), I was born under a wand'rin' star. Orig.-Tonaufnahmen, Nü. 2009 (CD; Aufnahmejahre: 1991, 1996).

EXHIBITIONS

Solo exhibitions:

1981 Stuttgart, Gal. Max Hetzler / 1982 Rottweil, Forum Kunst / 1983 Bonn, Gal. Klein / Wien: 1984 Gal. Peter Pakesch; Gal. Thomas Borgmann (mit A.Oehlen); Wiener Festwochen; 2003 MUMOK (K) / 1984 Essen, Mus. Folkwang (mit W.Büttner und A.Oehlen, K) / New York: 1985 Metro Pictures; Luhring Augustine Gall.; 1991 David Nolan Gall. / Frankfurt am Main: 1985 Gal. Bärbel Grässlin; 2006-07 Städel / 1986 Oldenburg, KV; Darmstadt, Hessisches LM / Köln: 1987 Gal. Max Hetzler; 1990 Gal. Gisela Capitain; 1991 KV (K) / Graz: 1987 Forum Stadtpark; 2007 Kunsthaus / 1988 Sevilla, Gal. Juana de Aizpuru (mit A.Oehlen) / Nizza: 1990 Villa Arson; 1996 L'Atelier Soardi /1990 Santa Monica, Luhring Augustine Hetzler Gall. / 1991 San Francisco, MMA (K) / 1993 Syros, MMA; Paris, Centre Pompidou (K); St. Louis, Forum Contemp. Art (K); Athen, Eleni Koroneou Gall. / 1994 Rotterdam, BvB (K); Madrid, Gal. Juana de Aizpuru / 1995 Washington, Hirshhorn Mus. and Sculpture Garden / 1997 Genf, Centre d'Art Contemp. (K, Lit.); Mönchengladbach, StM Abteiberg (K) / 1998-99 Basel, KH (danach Hamburg, Deichtorhallen; K, Lit.) / 2003 Eindhoven, Van Abbe-Mus. / London: 2004 Gagosian Gall.; 2006 Tate; Düsseldorf, K21 / 2008 Los Angeles, MCA (K, Lit.) / 2011 Málaga, Picasso Mus. (K, Lit.) / 2013 Berlin, Hamburger Bahnhof / 2019 München, Lenbachhaus (mit Maria Lassnig, K) / 2021 Essen, Mus. Folkwang (K) und Villa Hügel (ill. Kurzführer) / 2021 Leipzig, MBK (K). -

 

Group exhibitions:

2003 Venedig: Bienn. / Wien: 2021-22 Albertina: The 80s. Die Kunst der 80er Jahre (K); 2025 Albertina Modern: Remix (K) / 2024 Dortmund, Dt. Fußball-Mus.: In Motion - Kunst und Fußball (K).

 

SOURCES

Other encyclopedias:

WWAA, 1991/92; WWAA, 1993/94; DA XVIII, 1996; I.F. Walther, Künstler-Lex., in: Kunst des 20. Jh., II, Köln u.a. 1998

 

Printed sources:

S.Ellis, in: Art in America 12:1988, 110–125; Parkett No. 19: Collaborations J.Koons, M.K., Z./N.Y. 1989; R.Puvogel, in: Kunstforum 127:1994, 33-40; J.Cantor, in: Arena 5:1999; E.Betz, in: Art Criticim 19:2004, 155-162; A.Gingeras, in: Artforum 43:2004(2); M.Hermes, M.K., Köln 2005 (Lit.); id., in: Texte zur Kunst 36:2006; G.Baker, in: Artforum 47:2009, 142–151; I.Graw, in: Texte Zur Kunst 2009; J.v.Perfall (Ed.), K. & Friends, B. 2013; U.M. Reindl, Kunstforum internat. 279:2022(Jan.-Febr.)299-301