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Baldung, Hans

Born
Schwäbisch Gmünd? / Weyersheim (Straßburg)?, 1484.07/1485.07
Died
Straßburg, 1545.09
Country
Germany, France
Gender
male
GND-ID
Name Variations
Baldung, Hans; Grünewald, Matthias (Mistaken name); Grien (Alias)
Occupations
Graphic Artist; Painter; Copper Engraver; Master Draughtsman; Designer; Kupferstecher; Zeichner für den Holzschnitt; Entwerfer für Glasgemälde und Tapisserien; Grafiker; Stecher
Places of Activity
Freiburg im Breisgau, Nürnberg, Straßburg
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By
Last edited
26.08.2025
Published in
AKL VI, 1992, 437 ss; Grieb

VITA

Baldung, Hans, gen. Grien, dt. Maler, Zeichner, Kupferstecher, Reißer für Hschn., Entwerfer von Glas-Gem. und Tapisserien, *zw. Juli 1484 und Juli 1485 wahrsch. Schwäbisch Gmünd, †Sept. 1545 Straßburg (begr. auf dem neuen protest

LIFE AND WORK

Vermutlich Spross einer Gelehrtenfamilie, obwohl Name und Beruf des Vaters - entgegen der Lit. - unbekannt sind. Verwandte waren die Brüder Mag. Hans B. (†1511/12), ab 1492 in Straßburg bezeugt, Prokurator am bischöflichen Gericht, und Dr. Hieronymus B., seit 1491 Leibarzt Kaiser Maximilians I., anfangs in Freiburg im Breisgau ansässig. Er ist wohl ident. mit Hieronymus B. von Gmünd ("de Gamundia"), der 1473 in Heidelberg und '78 in Tübingen als Student nachweisbar ist. Ab 1496 praktizierte Hieronymus B. in Straßburg. Auch als Humanist und Theologe prägte er das geistige Klima dieser Stadt mit. Zus. mit seinem Sohn Hieronymus Pius B. (*um 1480) siedelte er 1504 nach Wien über, wurde kaiserl. Rat und päpstl. Pronotar. Er gehörte, wie sein Sohn, zum engeren Kreis des Conrad Celtis. 1512 ging Hieronymus B. nach Tirol, wo sich seine Spur verliert. Hieronymus Pius und der Maler H.B. waren Vettern. Man kann daraus folgern, dass sein Vater sowie Hans B. d.Ä. und Hieronymus B. Brüder gewesen waren. Ein solcher dritter Bruder ist als noch lebend 1512 bezeugt, wird aber namentlich nicht fassbar. Hieronymus Pius B. immatrikulierte sich zuerst an der Jurist. Fak. in Wien, wechselte 1506 nach Freiburg (in der Matrikel als "de Gamundia" geführt), promovierte im gleichen Jahr zum Doktor beider Rechte. 1507 erfolgte seine Ernennung zum Prof. Seit 1510/11 amtierte Hieronymus Pius als Rat der habsburgischen Regierung im elsässischen Ensisheim. König Ferdinand I. holte den ausgewiesenen Juristen und Humanisten schließlich nach Tirol und ernannte ihn 1531 zum Kanzler. Umrisshaft wird auch die Biogr. von Caspar B., einem Bruder des Malers H.B., deutlich. Er studierte gleichfalls in Freiburg, erlangte 1502 den Grad eines Mag. artium, lehrte ab 1510 als Prof. für Poetik. Er wandte sich dann, der Familientradition folgend, der Juristerei zu und promovierte 1515 in Freiburg zum Doktor beider Rechte. Dreimal, 1518,'21 und '22, amtierte er als Dekan der Jurist. Fak., am Ende seiner Hochschullaufbahn war er Rektor. 1522 trat er als Nachfolger Sebastian Brants in den Dienst der Stadt Straßburg. In seiner Eigenschaft als Stadtadvokat begleitete er 1530 die Straßburger Gesandtschaft zum Reichstag nach Augsburg. Nach Aufgabe dieses städt. Amtes wurde er 1531 Beisitzer des Reichskammergerichts und kaiserlicher Rat in Speyer. 1533 übersiedelte Dr. Caspar B. zurück nach Freiburg und starb hier 1540. Mit diesem für einen Maler untypischen, ja einmaligen verwandtschaftlichen Hintergrund setzt sich B. von allen anderen dt. Künstlern der Dürerzeit ab. Gegenüber den aus dem Handwerkerstand kommenden Kollegen und Konkurrenten muss sein Bildungsvorsprung beträchtlich gewesen sein. Der gesellschaftliche Rang einzelner Familien-Mitgl. verhalf ihm zu Kontakten, die zu Aufträgen für ihn und seine Werkstatt führten. Seine Herkunft gibt B. selbst auf der Rückseite des Freiburger Hochaltars 1516 mit Gmünd an (JOANNES.BALDVNG.COG.GRIEN.GAMVNDIANVS). Auch Caspar B. wurde bei seiner Immatrikulation in Freiburg 1499 als "de Gamundia" geführt. Das von beiden Brüdern geführte Familienwappen entspricht dem Einhorn-Wappen der Stadt Gmünd. Eine vergleichbar von Albrecht Dürer verwendete Signaturform NORICVS bedeutet: In Nürnberg geboren. Dennoch ist die Annahme von B.s Geburtsort Gmünd nicht unumstritten. In der ab 1586 niedergeschriebenen, 1871 verbrannten Straßburger Chronik von Sebald Büheler d.J. fand sich als Geburtsort B.s Weyersheim bei Straßburg angegeben. Da Büheler sich zu Recht als Nachlasspfleger des Künstlers fühlen konnte (er kompilierte in seinen Besitz gelangte Silberstift-Zchngn B.s 1582 zum sog. Karlsruher Skizzenbuch), kommt dem Hinweis auf Weyersheim eine gewisse Bedeutung zu. B.s Geburtsjahr kann grob aus einem latein. Distichon von 1534 erschlossen werden, in dem sein Alter mit 49 Jahren angegeben ist. Ein zugehöriger Hschn. (Mende 466) zeigt die Züge des Künstlers. Die Vorzeichnung dazu hat sich in Paris erhalten; auch sie bestätigt in der eigenhändigen Beschriftung "AETATIS 49" den Sachverhalt. Den gesamten zu B. überkommenen Urkundenbestand hat G. von der Osten 1983 vollständig abgedruckt und kommentiert. Zur Biogr. des Malers gibt das Material fast nichts her. In welcher Stadt und bei welchem Lehrherrn B. seine Ausbildung erhielt, ist nicht feststellbar. Der in der Lit. meist gen. Ort Straßburg wird neuerdings in Frage gestellt. Technische Besonderheiten eines vermutlich nach Abschluss der Malerlehre um 1502 gez. Selbstbildnisses in Basel verweisen auf den schwäb. Umkreis des Bernhard Strigel. Ein unsign. und undat. Gem. Reiter mit Frau und Tod in Paris gilt als weiteres Frühwerk vom Anfang der Gesellenzeit. Auf B.s Lehrer lässt es keine Rückschlüsse zu. - Nürnberger Zeit 1503-1507: Mehrere erhaltene, 1503 dat. Zchngn B.s belegen so starken Einfluss Dürers, dass man ihn nicht allein aus Kenntnis seiner Druckgrafik erklären kann. In Dürers Nürnberger Werkstatt muß B. um 1503 als fertig ausgebildeter Geselle eingetreten sein. Gleichzeitig oder wenig später stellte Dürer als weiteren Mitarb. den schwäbisch geschulten Hans Schäufelein ein. Spätestens 1505 kam als dritter Geselle Hans von Kulmbach hinzu. Der wichtigste Auftrag, den die Werkstatt bei Dürers Abreise im Herbst 1505 ausführte, war ein großer Altar für Kurfürst Friedrich den Weisen von Sachsen und seinen Bruder Johann. Diesen sog. Ober St. Veiter Altar (Wien, Erzbischöfl. Dom- u. Diözesan-Mus.), der erst nach Dürers Rückkehr abgenommen wurde, führte weitgehend Schäufelein aus, doch ist untergeordnete Mitarbeit B.s nicht auszuschließen. Dürer hatte Gründe, in diesem Falle den nüchtern-soliden Schäufelein dem genialen Baldung vorzuziehen. B. arbeitete gleichzeitig an einem kleineren Altar, dessen Mittelstück verloren ist, dessen Flügel sich aber erhalten haben (Schwabach). Sicheres Formgefühl und ein hochentwickelter Farbsinn machten B. besonders geeignet für das Entwerfen von Glasfenstern. Dürer hat diese Begabung erkannt und bei der Verteilung der Arbeit berücksichtigt. Von B.s Nürnberger Glasfenstern blieb allein das sog. Löffelholz-Fenster von 1506 am alten Standort in der Lorenzkirche. Vor allem die Verglasung des Kreuzgangs der Karmeliterkirche beschäftigte ab 1504 die Dürer-Werkstatt. Die von Veit Hirsvogels d.Ä. ausgeführten Scheiben wurden nach dem Abbruch des Kreuzgangs 1557 zerstreut. Nach Rissen B.s gearbeitete Bildfenster aus dem Karmeliterkreuzgang haben sich in den Kirchen von Großgründlach und Wöhrd bei Nürnberg erhalten. Daneben waren alle Mitarb. der Dürer-Werkstatt mit Rissen für Buch-Hschn. beschäftigt. Allein der im Okt. 1505 in Nürnberg ersch. "Beschlossen Gart", von Ulrich Pinder für die Nürnberger Rosenkranzbruderschaft zusammengestellt, enthält über 1000 Ill., viele von B. entworfen. 15 unsign. und undat. Einzel-Hschn., die B. in seiner Nürnberger Zeit riss, blieben nach seinem Weggang Verfügungseigentum des Werkstattoberhauptes Dürer. Vermutlich waren es Abdrucke dieser Stöcke, die Dürer 1521 in Antwerpen verschenkte und verkaufte. In seinem Tagebuch der Reise in die Niederlande ist von Hschn. des "Hans Grun" die Rede, die er mit sich führte. An anderer Stelle notiert er, dass er "des Grünhanßen ding" verschenkt habe. Den Beinamen Grien (Grün, Grun) wird B. in der Dürer-Werkstatt erhalten haben. In ihr waren um 1505 drei Gesellen mit Vornamen Hans beschäftigt, die es zu unterscheiden galt. Auf den Necknamen Grien könnte auch die Rebblatt-Signatur verweisen, die B. in diesen Jahren als Gesellenzeichen verwendete. Bezogen wurde "Grien" vermutlich auf das prächtige grüne Gewand, das B. zu festlichen Anlässen trug. In ihm porträtierte er sich auf der Mitteltafel des Sebastiansaltars (Nürnberg). Später fügte er seinem Monogramm H B ein G für Grien hinzu. Urkdl. wird der Name Grien erstmals 1516 fassbar. In der ersten gedruckten Erwähnung B.s, in der 3. Ausg. von "De artificiali perspectiva" des Jean Pélerin, gen. Viator, heißt er "Hans Grün". Dass der Beiname Grien/Grün den Namen B. früh zu überlagern begann, hatte fatale Folgen. Bis zur Mitte des 19.Jh. wurde B. mit Grünewald verwechselt. Als Dürer im Frühjahr 1507 aus Italien zurückkam, fand er B. in Nürnberg vor. Dieser hatte die anderthalbjährige Abwesenheit des Werkstattinhabers genutzt, um seinen Individualstil auszubilden. Auch ohne angebrachte Signatur fällt es nicht schwer, B.s Zchngn und die von ihm entworfenen Hschn. aus der umfangreichen Produktion der Dürer-Werkstatt herauszufinden. B.s Versuche im Kpst. datieren von 1507. Vermutlich hat er die Heimkehr Dürers abgewartet, um den Tiefdruck zu erlernen. Bis 1510 suchte er seine Technik zu verbessern, dann gab er das Stechen für immer auf; die Perfektion und Sicherheit des Gravierens in Metall, über die gelernte Goldschmiede wie Dürer verfügten, erreichte er nie. B.s druckgraf. Medium blieb der Hschn., bei dem spezialisierte Formschneider die Druckstöcke arbeiteten. Beim hohen Grad der Arbeitsteiligkeit der Dürerzeit ist unwahrsch., daß B. selbst Holzstöcke geschnitten hat. Anders als Dürer standen ihm bei seinen Buch-Hschn. oft nur zweitrangige Formschneider zur Verfügung. Oft haben sie seine Risse schlecht geschnitten oder verschnitten. Die Wettiner, denen Dürer wichtige Aufträge verdankte, bestellten 1506 zwei kleinere Altäre für eine Kapelle oder Kirche in Halle. Dürer gab diesen Doppelauftrag des Magdeburger Erzbischofs Ernst von Sachsen an B. weiter und ließ ihm bei der Ausführung freie Hand. Den Dreikönigsaltar (Berlin) und den 1507 dat. Sebastiansaltar (Nürnberg) malte B. noch in der bestens ausgestatteten Dürer-Werkstatt in Nürnberg. Mehrere Aufenthalte in Halle, etwa zur Überprüfung der vorgesehenen Standorte, sind wahrsch. Die Lösung von dem nur anderthalb Jahrzehnte älteren Dürer geschah allmählich. Beide scheint eine das Abhängigkeitsverhältnis des Gesellen aufhebende Freundschaft verbunden zu haben. An seinen kunsttheoretischen Bemühungen hat Dürer B. Anteil nehmen lassen. In Fragen etwa des Antikenstudiums oder der mathematischen Proportionierung der menschlichen Gestalt blieb B. bis 1507 in Dürers Spur. - Erste Straßburger Zeit 1509-1512: Nach Ablieferung der Altäre in Halle ließ B. sich in Straßburg nieder. Im April 1509 erwarb er das Bürgerrecht. 1509 oder 1510 heiratete er Margaretha Herlin (†1552). Nach damaligem Brauch werden sein Vater und ihr Vater Arbogast, der dem gehobenen Handwerkerstand angehörte, die Ehe vor der Rückkehr des jungen Malers ausgehandelt haben. Alles spricht dafür, daß B. nicht in eine ihm unbekannte Stadt zog. Die Ehe blieb kinderlos (oder die Kinder starben früh). Er gründete eine Werkstatt und betrieb sie wohl so, wie er es bei Dürer gesehen hatte. Die Zunft zur Steltz, in der die Straßburger Goldschmiede den Ton angaben, aber Maler, Formschneider, Drucker und Glasmaler Mitgl. waren, nahm ihn als Meister auf. Malaufträge waren anfangs rar (wir kennen von 1509 nur ein Bildnis), so widmete sich B. in der ersten Straßburger Zeit vermehrt dem Bilddruck. Vor allem seine großen Hschn., die er mit zusätzlichen Tonplatten druckte, müssen 1510/11 Aufsehen bei Kennern erregt haben. Auch mit der Hexenthematik, die ihn lange beschäftigen sollte, ging er eigene, neue Wege. Bei einigen Bll. hat man den Eindruck bewusster Gegenbilder zu Dürer (Der Sündenfall, Hschn., 1511; Himmelfahrt der hl. Maria Magdalena, Hschn., um 1511/12; Stallknecht mit Pferd, Stich, um 1510/11). Sein erster wichtiger Auftraggeber wurde Markgraf Christoph I. von Baden, ein Vetter Kaiser Maximilians I. Neben der sog. Markgrafentafel in Karlsruhe, die Teil eines verlorenen Altars sein könnte, entstand 1511 ein Bildnis-Hschn. des Fürsten (der erste Porträt-Hschn. der dt. Kunst), schließlich 1515 ein gemaltes Porträt (München). Ein um 1510 ausgeführter Marienaltar blieb nur in Teilen erhalten (Basel, Dessau). 1511 malte er für die Johanniterkomturei in Straßburg eine dreiteilige Tafel (Cleveland, Washington, Priv.Bes.). Die 1512 dat. Kreuzigung in Berlin scheint für das Benediktinerkloster Schuttern gefertigt worden zu sein. Aus dem Bereich der Buch-Ill. muß für die erste Straßburger Zeit eine Hortulus animae-Ausg. erwähnt werden. - Freiburger Zeit 1512-1517: Am 22. Mai 1512 wird B. erstmals urkdl. in Freiburg im Breisgau gen. Grund für die Übersiedelung aus Straßburg war der Auftrag, den Hochaltar für die Stadtpfarrk. Unserer Lieben Frauen zu malen. Bis 1517 hat dieses Hauptwerk der altdt. Malerei B. an Freiburg gebunden. Als einziger Altar B.s blieb er am alten Standort. Bis auf ein Staffelrelief ist der riesige Wandelaltar gemalt. Der Verzicht der Münsterpfleger auf ein plastisches Mittelstück sagt etwas über den Rang aus, den man der Malerei allgemein und B. im besonderen inzwischen zumaß. Bei der Auftragsvergabe mag eine Rolle gespielt haben, dass sein Bruder Caspar B. an der Freiburger Univ. lehrte. Das Gesamthonorar betrug an die 600 Gulden. Wirtschaftlich ging es B. in Freiburg so gut, dass er einen hohen Betrag davon beim Münsterschatz gegen eine jährliche Leibrente für sich und seine Frau stehen lassen konnte. In seiner Freiburger Werkstatt beschäftigte B. zahlr. Gehilfen; mit ständiger Fluktuation musste gerechnet werden. Als Individuum wird außer Hans Leu d.J. keiner fassbar. B. selbst fand neben der Arbeit am Hochaltar Zeit, für private Besteller kleinere Altäre und Andachtsbilder zu malen. Daneben spezialisierte er sich auf Szenen mit weiblichen Akten, deren erotischer Gehalt vor allem hohe Kleriker zu interessieren schien. Ausführlich widmete er sich dem Holzschnitt. Für Kapellen des Freiburger Münsters und für die Karthause entwarf er mit Gehilfen umfangreiche Zyklen von Glasfenstern (die davon erh. Scheiben in versch. Mus.). Sein Ruf als Porträtist brachte B. aus Kreisen des Adels Aufträge (Ludwig Graf zu Löwenstein, 1513; Pfalzgraf Philipp der Kriegerische, 1517). Eine Silberstift-Zchng von Kaiser Maximilian I. (Karlsruhe) könnte 1511 vor der Natur entstanden sein. 1515 arbeitete B. gemeinsam mit Dürer, Cranach und anderen dt. Künstlern an den Rand-Zchngn des Gebetbuches des Kaisers (B.s Anteil in Besançon). Die Freiburger Jahre hat man zu Recht als die klassische Epoche im Schaffen des Künstlers charakterisiert. - Zweite Straßburger Zeit 1517-1545: Am 5. Mai 1517 erneuerte B. sein Straßburger Bürgerrecht, doch wird sich die Auflösung der Werkstatt in Freiburg bis 1518 hingezogen haben. Im Sept. 1518 schloss er für ein Haus in der Münstergasse einen Mietvertrag auf sechs Jahre ab. 1527 wurde er Eigentümer eines Hauses in der Brandgasse, gelegen zw. dem Domherrenhof des Rheingrafen und dem Sitz der Grafen von Eberstein. Besser konnte man in Straßburg nicht wohnen. Von Vermögen und Ansehen gehörte B. zur städt. Oberschicht. Der ab 1520 im Werk sich abzeichnende Stilwandel - Abwendung von den Normen der Dürerschen Klassik, Hinwendung zu einer zum Manierismus tendierenden Kunstauffassung - bezeugt, dass für B. die Rückkehr nach Straßburg Um- und Neuorientierung bedeutete. Die Auftragslage blieb für ihn anhaltend gut. Um 1518 entstand unter starker Mitarbeit von Gesellen ein Johannesaltar für die Dominikaner in Frankfurt am Main. Es ist der letzte Altar, der sich von ihm erhalten hat. Kardinal Albrecht von Brandenburg bestellte 1522 eine Tafel mit der Steinigung des hl. Stephanus (1947 verbrannt) - das erste manieristische Gem. der dt. Kunstgeschichte. Für einen unbekannten Auftraggeber schuf er 1524/25 einen Zyklus lebensgroßer Aktfiguren (Otterlo, Nürnberg, Budapest), über dessen räumliche Anordnung wir nichts wissen. Die Reformation, 1525 in Nürnberg eingeführt, ohne dass man die Kirchenausstattungen antastete, führte in Straßburg 1529 zu einem Bildersturm, dem auch Werke B.s zum Opfer gefallen sein müssen (Orgelflügel im Münster?). Wie sich B. zu den reformatorischen Ereignissen stellte, bleibt offen. Er arbeitete für Anhänger des alten Glaubens wie für protestantisch Gesinnte (damit Cranach vergleichbar). Das Hschn.-Porträt Martin Luthers mit Heiligenschein 1521 (Mende 437) sollte man nicht als Bekenntnis des Künstlers werten. Ähnliches gilt für die Marienbilder aus den 30er Jahren (Nürnberg, Berlin). Mit Grundstücken und Immobilien makelte B. schon seit Beginn der 20er Jahre, als die kirchlichen Aufträge noch reichlich einliefen. Auch dass er seine Einkünfte durch Wucher vermehrte, erklärt sich nicht aus materieller Notlage. Baldung und seine Frau erwiesen sich als tüchtige, in allen Gelddingen erfahrene Geschäftsleute. In auffälliger Parallele zu Dürer beschäftigte sich B. in der ersten Hälfte der 20er Jahre mit mathematischen und fortifikatorischen Problemen (Konstruktion des Goldenen Schnitts, sog. platon. Körper, physiognom. Studien; Befestigungen der Insel Rhodos, die 1522 an die Türken fiel). Um 1530/31 findet man andere Schwerpunkte im Werk. Für einen vermutlich fürstlichen Besteller malte B. 5 große Tafeln mit antiken Historien, wobei ihm ital. Stiche Anregungen vermittelten. In dem Bemühen, seinen Stil aktuellen Strömungen anzupassen, kopierte er 1530 andere erfolgreiche Maler (Cranach, Gossaert). Innerhalb der Künstlerhierarchie Straßburgs stieg er in den 30er Jahren auf. Von 1533 bis zu seinem Tod bekleidete er eines der 15 Schöffenämter seiner Zunft. Vielleicht hängt dieser Aufstieg mit der Dekoration einer astronomischen Uhr in Straßburg (Münster?) zusammen, von der sich 2 Flügel erhalten haben (Stockholm, Erfurt). 1533 entstand auch das Bildnis von Georg I. Graf zu Erbach (Priv.Bes.). G. Bussmann verwies 1966 darauf, dass dem Werk aus diesen Jahren allenfalls Porträts von Bronzino zur Seite gestellt werden können. Ohne Nachlassen der künstlerischen Kraft ging B. in die 40er Jahre. Aus der Spätzeit ragen große Vergänglichkeitsallegorien heraus (Leipzig, Madrid; eine weitere verlorene durch eine Kopie in Rennes überliefert). In diese Zeit fallen stenogrammartige Wolkenstudien mit Farbnotizen, die es so erst wieder im 19.Jh. geben wird (Karlsruhe). Im Todesjahr 1545 wurde B. schließlich noch Ratsherr - das höchste öffentliche Amt, das ein Maler damals erreichen konnte (vgl. Altdorfer, Dürer). Im Ansehen rangierte B. im Urteil der humanistischen Zeitgenossen gleich hinter Dürer. Beatus Rhenanus zählt in seinen "Emendationes" (Basel 1526) im Vergleich zur Antike die dt. Maler auf, die ihnen entsprechen: Dürer, B., Cranach, Holbein. Dieser Rangfolge wird man zustimmen können, allenfalls Grünewald einfügen. Als man beim Tod Dürers 1528 eine Locke von seinem Haupt an B. übersandte, geschah das wohl unter dem Aspekt der Nachfolge (Wien, ABK). In B.s Lebensplanung war eine Reise nach Italien nicht vorgesehen. Das von Dürer Mitgebrachte reichte ihm. Nicht ohne Geschick setzte er ital. Stichvorlagen um, die nördlich der Alpen kursierten (Die Sintflut, 1516, Bamberg). Die zentralperspektivische Konstruktion, die in der ital. Kunst seit dem Quattrocento eine wesentliche Rolle spielte, hat B. auffällig vernachlässigt. Mehr Augen- als Kopfmensch, setzte er das Studium der Natur über die kunsttheoretische Beschäftigung. "Natur" umfasste dabei für ihn auch den Bereich des Unsichtbaren: Hexen und wilde Männer, dämonische Tiere und Fabelwesen, kosmische Erscheinungen und astrale Phänomene. Dieser der Magie verhaftete, paracelsische Bereich der Kunst prägte sein Schaffen, wenn er den Bereich christlicher Thematik verließ. B.s Antikenverständnis blieb konventionell und äußerlich. Im Kreis der Dürer-Mitarb. entwickelte Ansätze (Europa auf dem Stier, Zchng, um 1505; Priv.Bes.) verkümmerten. In seiner Spätzeit verfügte er jedoch über beispiellose anatomische Kenntnisse (Hschn. für Walter Hermann Ryff, 1541). Seinen künstlerischen Nachlass übergab die Witwe dem Maler Nikolaus Krämer. 1550 gelangte er an dessen Schwager Sebald Büheler d.J. Der schriftliche Nachlass ist vollständig verloren. Das erhaltene Werk B.s umfasst rund 100 Altäre und Tafelbilder, etwa 250 Zchngn, 80 Einzel-Hschn., mehr als 400 Buch-Hschn. Gewirkt hat seine Grafik im 16.Jh. weit weniger als die Dürers, Cranachs oder Schäufeleins. Vereinzelt haben sich ital. Künstler von seinen Hschn. anregen lassen (Pontormo, Andrea Zambelli, Salvator Rosa).

WORKS

Gemälde: Aschaffenburg, Staatsgemälde-Slg: Kreuzigung Christi, um 1535. Bamberg, Staats-Gal.: Die Sintflut, 1516. Basel, Öffentl. Kunst-Slg.: Geburt Christi, 1510; Kreuzigung, 1512; Anna Selbdritt, um 1512/13; Dreifaltigkeit mit Schmerzensmutter, nach 1513; Tod und Mädchen, 1517; Tod und Frau, um 1517; Bildnis Adelberg III. v. Bärenfels, 1526. Berlin, Gemälde-Gal.: Dreikönigsaltar, um 1506; Kreuzigung Christi, 1512; Bildnis Ludwig Graf zu Löwenstein, 1513; Beweinung Christi, um 1516/17; Pyramus und Thisbe, um 1530; Muttergottes mit der Weintraube, nach 1530. Budapest, Mus. der bild. Künste: Schmerzensmutter, um 1516/17; Adam und Eva, um 1525. Cleveland, Mus. of Art: Gregorsmesse, um 1511. Darmstadt, Hess. Landes-Mus.: Christus als Gärtner, 1539. Dessau, Gal.: Anbetung der Könige, 1510. Dresden, Gal. Alte Meister: Mucius Scaevola vor Porsenna, 1531. Florenz, Bargello: Tod und Mädchen, um 1531. Frankfurt am Main, Städelsches Kunst-Inst.: Taufe Christi, um 1518; Zwei Hexen, 1523; Geburt Christi, nach 1530. Freiburg im Breisgau, Münster: Hochaltar, 1513-16; Augustiner-Mus.: Schmerzensmann, 1513; Maria mit Kind, 1520. Hampton Court: Bildnis eines Jünglings, 1509. Innsbruck, Ferdinandeum: Hl. Familie mit Engeln, 1513; Beweinung Christi, um 1513. Karlsruhe, Kunsthalle: Markgrafentafel, um 1509/10; Ungleiches Paar, 1528; Geburt Christi, 1539. Kassel, Gal.: Herkules und Antäus, 1531. Kreuzlingen, Slg Kisters: Hl. Familie, um 1507. Leipzig, Mus. der bild. Künste: Die sieben Lebensalter der Frau, 1544. Liverpool, Walker Art Gall.: Ungleiches Paar, 1527. London, Nat. Gall.: Dreifaltigkeit, 1512; Männerbildnis, 1514. Lugano-Castagnola, Slg Thyssen-Bornemisza: Damenbildnis, 1530; Adam und Eva, nach 1530. Madrid, Prado: Jugend/Lebensalter und Tod, nach 1540. München, Alte Pin.: Bildnis Markgraf Christoph I. von Baden, 1515; Bildnis Pfalzgraf Philipp der Kriegerische 1517; Geburt Christi, 1520; Zwei allegor. Frauengestalten, 1529. Nürnberg, Germ.Nat.: Sebastiansaltar, 1507; Muttergottes im Gemach, 1516; Judith, 1525; Bildnis eines Mannes, 1526; Muttergottes mit Papageien, 1528 ?; Muttergottes, frei nach Jan Gossaert, 1530. Ottawa, Nat.-Gall.: Eva, die Schlange und der Tod, um 1524/25?. Otterlo, Rijks-Mus.: Venus, 1525. Paris, Louvre: Reiter mit Frau und Tod, vor 1503. Prag, Nat.-Gal.: Rosenwunder der hl. Dorothea, 1516. Schwabach b. Nürnberg, Stadtpfarrk.: Hll. Katharina und Barbara, um 1503/04. Stockholm, National-Mus.: Merkur als Planetengott, nach 1530. Strassburg, Mus. des BA: Muttergottes in der Weinlaube, nach 1540; Mus. de l'Œuvre Notre-Dame: Bildnis Ambrosius Volmar Keller, 1538. Stuttgart, Staats-Gal.: Bildnis Hans Jacob v. Morsperg, 1525. Vercelli, Mus. Civico: Muttergottes, um 1518/19. Warschau, Nat.-Mus.: Herkules und Antäus, 1530. Washington, Nat.-Gall.: Anna Selbdritt und Johannes der Täufer, um 1511. Weimar, Schloß-Mus.: Opfertod des Marcus Curtius, 1530. Wien, Gal. der Akad.: Hl. Familie, nach 1511. - Kunsthist. Mus.: Die drei Lebensalter und der Tod, um 1509/10; Bildnis eines jungen Mannes, 1515. - Zeichnungen: Basel, Öffentl. Kunst-Slg. Berlin, Kpst.-Kab. Besançon, Bibl. Municipale (Rand-Zchngn zum Gebetbuch Kaiser Maximilians I.). Braunschweig, Herzog Anton Ulrich-Mus. Brünn, Mähr. Landes-Mus. Budapest, Mus. der bild. Künste. Coburg, Kunst-Slgn der Veste. Erlangen, Graph. Slg der Univ. Florenz, Uffizien. Frankfurt am Main, Städelsches Kunst-Inst. Hamburg, Kunsthalle. Karlsruhe, Kunsthalle (sog. Karlsruher Skizzenbuch). Kopenhagen, Statens Mus. for Kunst. Leiden, Prenten-Kab. der Univ. London, Brit.Mus. Modena, Gall. Estense. München, Staatl. Graph. Slg. New York, Metrop. Mus. Paris, Louvre. - Éc. des BA. Rotterdam, Mus. Boymans. Saint-Germain-en-Laye, Mus. Municipal. Stockholm, National-Mus. Strassburg, Mus. des BA. Stuttgart, Staats-Gal. Weimar, Staatl. Kunst-Slgn. - Priv.Slgn mit B.-Zchngn: Edmund Schilling, Edgware; Gustav Schwarting, Delmenhorst; Ian Woodner, New York.

SOURCES

Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:

ThB2, 1908.

 

Other encyclopedias:

Nagler, KL I, 1835; ADB II, 1875; Meyer, KL II, 1878; Seubert I, 1878; NDB I, 1953; EWA II, 1960; Kindler, ML I, 1964; Bénézit I, 1976; Schweers I, 1981; LdK I, 1987; Grieb I, 2007

 

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THIEME-BECKER

Article by: Friedländer

Baldung, Hans, genannt Grien, Maler, Kupferstecher, Zeichner für Holzschnitt und Glasmalerei. Der Meister signiert mit H G (ineinandergestellt), mit H B (aneinandergestellt), gewöhnlich aber mit H G B (G im H). Geb. um 1480 in dem Dorfe Weyersheim "am hohen Turm", unfern von Straßburg, als ein Sohn eines rechtsgelehrten Beamten des Bischofs von Straßburg. Die Familie stammt aus Schwäbisch-Gmünd (B. nennt sich "Gamundanus" in der Inschrift des Freiburger Hochaltares) und führte ein silbernes Einhorn auf rotem Grund im Wappen. Abgesehen von einem Aufenthalt in Freiburg, wo er Altäre und Glasbilder für das Münster schuf, war der Meister hauptsächlich in Straßburg tätig. In seiner Kunst wurde er von Dürer angeregt und war nachweislich mit dem Nürnberger Meister in persönlicher Beziehung. Dürer führte Blätter von "Grünhans" mit sich auf der niederländischen Reise, und eine Locke Dürers kam in den Besitz des Straßburgers. Man nimmt an, daß B. zwischen 1500 und 1506, oder, was weniger wahrscheinlich ist, zwischen 1507 und 1509 in Dürers Werkstatt gearbeitet habe. Das erste datierte und durch Signatur (H G) gesicherte Malwerk B.s ist der Flügelaltar mit dem Martyrium des hl. Sebastian bei Frau H. Goldschmidt in Brüssel von 1507. Dieser Altar stammt angeblich, wie ein stilistisch verwandter und annähernd gleich großer, mit der Anbetung der Könige im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin, aus der Stadtkirche von Halle. Seit 1509 ist B. in Straßburg nachweisbar. Das Bürgerbuch enthält zu diesem Jahre die Eintragung: Item Hans Baldung der molor hat das Burgrecht Koufft tertia post quasimodo geniti. - Man nahm an, daß B. in der 1. Hälfte des Jahres 1511 nach Freiburg übergesiedelt wäre, weil ein Hansen von Gmünd uff Montag nach Cantate (19. Mai) dieses Jahres in einem Freiburger Ratsprotokoll genannt wird. In den Rechnungen der Münsterfabrik kommt B. erst am 14. 1. 1513 vor. Vielleicht ist er mit jenem Hans von Gmünd nicht identisch und kam erst gegen Ende 1512 nach Freiburg, wo er etwa 4 Jahre blieb und außer dem umfangreichen Hochaltare mindestens noch einen Altar und viele Glasfenster ausführte oder entwarf. 1510 heiratete B. Margarete Herlin, die 1552 starb. Seit 1517 bis zum Tode scheint B. ohne längere Unterbrechungen in Straßburg tätig gewesen zu sein. Er ward dort bischöflicher Hofmaler und kurz vor seinem Tode Ratsherr. Er starb 1545. Die vermeintlichen Jugendwerke B.s in Lichtenthal bei Baden-Baden - mit dem Datum 1496 und Signatur - haben schärferer Prüfung nicht standgehalten (Repertorium f. Kstw. XXV 477 ff.). Die Signatur ist falsch. Hypothetisch als Jugendwerke sind dem Meister namentlich von Scheibler und Rieffel (Repertorium XV 288 ff.) mehrere stilistisch miteinander verwandte Bilder zugeschrieben worden, nämlich die Darreichung Christi im Tempel im städt. Museum zu Frankfurt a. M. und der Flügelaltar mit der Anbetung der Könige in der städt. Galerie zu Mainz (abg. Repertorium XV, bei Rieffels Aufsatz). Dieser Gruppe angereiht hat man das als "Dürer" von H. Thode im Jahrbuch d. k. pr. Ksts. XIV 208 publizierte Männerporträt bei Georg Freiherrn v. Holzhausen zu Frankfurt a. M. (Haack im Repertorium XXIV 376 ff.) und das Altarblatt in Ansbach mit Christus in der Kelter, das nach einer Zeichnung Dürers geschaffen ist. Weizsäcker trennt die Gruppe von B.s Werk und gibt sie einem besonderen Dürer-Nachfolger, der um 1506 etwa in Frankfurt tätig gewesen sei (Repertorium XXV 82 ff.). In der Vorstellung, daß B. in Dürers Werkstatt gelernt habe, hat man ihm die guten Wiederholungen der Adam- und Eva-Tafeln in Florenz zugesprochen (No. 14, in Eisenmanns Liste in Meyers Kstlerlex.). Erst von 1507 an ist die Tätigkeit B.s ununterbrochen zu übersehen. Die Freiburger Periode (1512-1516) kann als die eigentliche Blütezeit seiner Malkunst angesehen werden. Der Freiburger Hochaltar ist sein Meisterstück, durch Umfang, Gestaltenreichtum und Dekorationswirkung hervorragend. (F. Baumgarten, der Fr. Hochaltar, 49. Heft d. Stud. z. Deutsch. Kstg. Straßburg i. E.) Von 1512 ist die spät bekannt gewordene Beweinung Christi in der Londoner National Gallery datiert, die zu den vollkommen, auch koloristisch befriedigenden Schöpfungen des Meisters gehört. 1517, soweit wir sehen, zum ersten Male, hat B. einen profanen Vorwurf im Gemälde behandelt, den Tod, der ein junges Weib angreift (Basel, Öffentl. Kunsts.). Von dieser Zeit an hat er oft nackte Gestalten gemalt, mit besonderer Vorliebe, unter verschiedenen Vorwänden, gewöhnlich allegorisierend. Von 1513 und 1515 sind die ersten Bildnisse datiert, die wir von B. besitzen. B. stand mit dem Markgrafen Christoph von Baden, dessen Holzschnittporträt er schon 1511 herausgab, in Beziehung und hat für diesen Fürsten mehrere Aufträge ausgeführt. Für das Ansehen, dessen er sich bei Lebzeiten erfreute, spricht die Erwähnung seines Namens ("Hans Grün") in Jean Pelerins De artificiali perspectiva von 1521. Die beste Übersicht über die Gemälde des Meisters bietet G. v. Téreys große Publikation (Straßburg, bei Heitz 1896, mit 96 Lichtdrucktafeln), eine bessere Übersicht als das von demselben Verfasser 1893 herausgegebene Verzeichnis (Straßburg, bei Heitz, als 1. Heft der Studien zur deutschen Kunstgeschichte). Seitdem haben einige Gemälde Eigentümer und Ort gewechselt, so sind die Tafeln mit Adam und Eva aus dem Besitz des Grafen Schönborn zu Wien in die Galerie von Pest gekommen, das Fragment des Amor, das G. v. Térey besaß, ist in den Pariser Handel gelangt, und mehrere Bilder hat die Straßburger Galerie an sich gezogen. Wenige Nummern der Téreyschen Liste sind mit einem Fragezeichen zu versehen, wie die Madonna mit der Meerkatze zu Nürnberg und Christus am Kreuz in Breslau. Einige Werke führe ich zur Vervollständigung des Bilderkataloges hier an: 1) Venus in natürlicher Größe, zweimal signiert mit H B (aneinandergestellt) und von 1525 datiert, im Pariser Handel (1906). - 2) Die Beweinung Christi, 1906 für das Kaiser-Friedrich-Museum in Berlin erworben, aus Süd-Frankreich stammend. Dem Stil nach um 1515 anzusetzen. - 3) Maria mit dem Kinde und dem kleinen Johannes, Venedig, Sammlung Manfrin. - 4) Maria mit dem Kinde, Sigmaringen (1907 in Basel erworben). - 5) Maria mit dem Kinde und Engeln, Straßburg städt. Museum (neuere Erwerbung). - 6) Bildnis des Grafen Ludwic zuo Lewenstein von 1513, signiert HB, in Berliner Privatbesitz. Zum Verständnis des Meisters sind die Holzschnitte mindestens ebenso wichtig wie die Bilder. B. entfaltet im Holzschnitt seine Phantasie freier, wählt die Aufgaben mehr nach eigener Lust. Die gedruckten Blätter verraten mehr von seinem Innern als die Malereien. B. ist eher Zeichner als Maler. Seine Farbentechnik ist zumeist, namentlich in der späteren Zeit, ohne Feinheit, sein Farbensinn unsicher. Namentlich im Holzschnitt sind ihm einige kühne Erfindungen, markige, große und gut bewegte Gestalten gelungen. Das beste Verzeichnis seiner Holzschnitte findet man bei Eisenmann (Meyers Kstlerlex.), wo den älteren Listen von Bartsch und Passavant allerlei zumeist mit Recht hinzugefügt ist. Zweifelhaft ist die Apostelfolge, die Eisenmann unter No. 50-62 katalogisiert hat. Für den Straßburger Buchholzschnitt hat B. einiges geschaffen (a. 1511 und 1516). Einige wirkungsvolle Blätter hat er mit mehreren Platten gedruckt, wie die bekannte Hexendarstellung von 1510 (E. 140). Ein unbeschriebenes Blatt mit dem Studienkopf eines bärtigen Mannes im Berliner Kupferstichkabinett. Im Kupferstich ist die Leistung B.s auffallend gering. Auf diesem Felde folgte der Meister dem Dürerschen Vorbild nicht. Seine Grabsticheltechnik ist ohne Schmiegsamkeit. Er scheint nach wenigen Versuchen in früherer Zeit diese Technik aufgegeben zu haben. Eisenmann führt nur vier Kupferstiche auf, dabei ein Blatt mit dem Datum 1507 und der Signatur H. G. Der Stich mit Herkules u. Omphale, den Passavant (No. 5) notiert, von dem Eisenmann meint "dürfte echt sein" (Meyer, Kstlerlex. S. 635), ist nicht einmal süddeutsch, vielmehr in der Art Jan Gossaerts. B. hat eine große Zahl Zeichnungen hinterlassen, eine größere Zahl als irgendein anderer deutscher Maler seiner Zeit, von Dürer und dem jungen Holbein abgesehen. Diese Zeichnungen sind zum Teil Studien, zum Teil Entwürfe zu Glasscheiben, zum Teil sorgsam in Helldunkeltechnik durchmodellierte, in sich abgeschlossene Schöpfungen. G. v. Térey hat fast alle Zeichnungen des Meisters in einer dreibändigen, bei Heitz in Straßburg erschienenen Publikation (1894-1896) auf 276 Tafeln reproduziert. Viele Blätter sind freilich aus dieser Veröffentlichung als Kopien, Nachahmungen oder Arbeiten verwandter Meister auszuscheiden (vgl. H. A. Schmid im Repertorium XXI 304 ff.). Das sogenannte Skizzenbuch B.s in Karlsruhe enthält Stiftzeichnungen, Studien aller Art, auch Bildnisse, die der Meister zu verschiedenen Zeiten seines Lebens ausgeführt hat (veröffentlicht von M. Rosenberg, Frankfurt a. M. 1889). Die Scheibenrisse mit Wappen von B.s Hand befinden sich in größerer Zahl in der Albertina zu Wien (veröffentlicht von A. Greuser, Wien 1877/78 H. B. Gr. und seine heraldische Tätigkeit, 20 Wappenentwürfe im Besitz der Albertina) und in Koburg (veröffentlicht von Rob. Stiaßny, Zeitschrift der k. k. heraldischen Gesellschaft Adler, Wien 1895). Umfangreich und glücklich war die noch nicht nach Gebühr geschätzte Tätigkeit B.s für die Glasmalerei. Reiche Proben seiner Kunst auf diesem Felde im Freiburger Münster (Fr. Geiges, d. alte Fensterschmuck des Fr. M., Freiburg 1902 ff. Herder). Auf gleicher Höhe wie die besten Fenster in Freiburg stehen die 14 Scheiben der gräfl. W. Douglasschen Sammlung, die 1897 auf einer Versteigerung bei J. M. Heberle in Köln (25. November) zerstreut, zum Glück fast ausnahmslos in deutsche Museen gerettet wurden (Berlin, Nürnberg, Basel, Karlsruhe, Freiburg). Über diese angeblich aus der Karthäuserkirche zu Basel, wohl eher aus Freiburg i. B., stammenden, dann im Klostergymnasium zu St. Blasien bewahrten, zu Anfang des 19. Jahrhunderts vom Großherzog Ludwig von Baden für Schloß Zangenstein erworbenen Scheiben ist der mit Abbildungen versehene Auktionskatalog zu vergleichen und der Bericht im Repertorium XXI 71 ff. In der Glasmalerei, im Heraldischen, im Holzschnitt, entfaltet B. seine Gaben am glücklichsten. Breitspurige, landsknechtmäBige Figuren gelingen ihm zuweilen vortrefflich. Eine dreiste Sinnlichkeit ließ ihn gern schwere nackte Frauen in starker Bewegung in Holzschnitten und Zeichnungen gestalten. Für die Landschaft, für Architektur und Renaissance-Ornamentik zeigt er geringeres Interesse als die meisten seiner Zeit- u. Landsgenossen. Den Ton für das Idyllische und für das Andachtsbild fand er nicht leicht. Literatur: Die ganze ältere Literatur ist in Eisenmanns Aufsatz in Meyers Kstlerlex. sorgfältig aufgeführt und verarbeitet. Die Publikationen G. v. Téreys, die das Material an Zeichnungen und Gemälden (auch einige Glasmalereien) ausbreiten, wie mehrere neuere kritische Beiträge, sind im Text zitiert. Die Holzschnitte und Kupferstiche sind bei Bartsch (peintre graveur VII 202 ff.) und bei Passavant (p. gr. III 318 ff.) beschrieben. Ferner: R. Vischer, liber H. B. Gr., Münchener Allgemeine Zeitung 1896 Beil. 15. - H. Geiger, Einiges über H. B. Gr., die Rheinlande V 85 (1902/3). - F. Wolff, Ein altes Glasfenster in der Klosterkirche zu Niedermünster, nach H. B.s Zeichnung, Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen III (1902/3) 141.

 

NÜRNBERGER KÜNSTLERLEXIKON

Baldung Hans, gen. Grien, Maler, Kupferstecher, Zeichner für den Holzschnitt, Entwerfer für Glasgemälde und Tapisserien, * zw. Juli 1484 und Juli 1485 Schwäb. Gmünd oder Weyersheim b. Straßburg - † Sept. 1545 ∞Straßburg 1509/10 Margaretha Herlin (†1552), kinderlos. Auf der Rückseite des Freiburger Hochaltars von 1516 gibt Baldung seine Herkunft mit (Schwäbisch) Gmünd an (JOANNES.BALDVNG.COG.GRIEN. GAMVNDIANVS). In der Straßburger Chronik von Sebald Büheler d. J. wird jedoch als Geburtsort Weyersheim bei Straßburg genannt. Sein ungefähres Geburtsjahr läßt sich aus einem lateinischen Distichon von 1534 erschließen, in dem sein Alter mit 49 Jahren angegeben ist. Eine in der Literatur behauptete Malerlehre 1498-1502 in Straßburg ist archivalisch nicht belegt. Ein vermutlich nach Abschluß der Ausbildung gezeichnetes Selbstbildnis entstand um 1502 in Basel, es läßt aber keine Rückschlüsse auf den Ausbildungsort zu. Die Nürnberger Zeit 1503-1507: In >Dürers Werkstatt muß Baldung um 1503 als fertig ausgebildeter Geselle eingetreten sein. Der wichtigste Auftrag, den die Werkstatt bei Dürers Abreise im Herbst 1505 ausführte, war ein großer Altar für Kurfürst Friedrich den Weisen von Sachsen und seinen Bruder Johann. Diesen sog. Ober St. Veiter Altar führte weitgehend Hans >Schäufelein aus, doch ist eine untergeordnete Mitarbeit Baldungs nicht auszuschließen. Baldung arbeitete gleichzeitig an einem kleineren Altar, von dem nur noch die Flügel in Schwabach erhalten sind. Für den Magdeburger Erzbischof Ernst von Sachsen lieferte er zwei Retabel: den Dreikönigsaltar, heute in Berlin, und den 1507 datierten Sebastiansaltar, heute in Nürnberg. Sein sicheres Formgefühl und ein hochentwickelter Farbsinn machten Baldung besonders geeignet für das Entwerfen von Glasmalereien. Von seinen Nürnberger Glasfenstern blieb allein das sog. Löffelholz-Fenster von 1506 am alten Standort in der Lorenzkirche. Vor allem mit der Verglasung des Kreuzgangs der Karmeliterkirche war ab 1504 die Dürer-Werkstatt beschäftigt. Die von Veit >Hirsvogel d. Ä. ausgeführten Scheiben wurden nach dem Abbruch des Kreuzgangs 1557 zerstreut; die Bildfenster nach Baldungs Rissen haben sich in den Kirchen von Großgründlach und in Nbg.-Wöhrd erhalten. Zudem waren die Mitarbeiter der Dürer-Werkstatt mit Zeichnungen für Buchholzschnitte beschäftigt. Der im Oktober 1505 in Nürnberg erschienene "Beschlossen Gart" von Ulrich >Pinder enthält über 1000 Illustrationen, von denen viele von Baldung entworfen sind. 15 unsignierte und undatierte Einzelholzschnitte Baldungs aus dieser Zeit blieben nach seinem Weggang im Besitz der Werkstatt. Vielleicht waren es Abdrucke dieser Stöcke, die Dürer 1521 in Antwerpen verteilte. In seinem Tagebuch der Reise in die Niederlande ist von Holzschnitten des "Hans Grun" die Rede, die er mit sich führte. An anderer Stelle notiert er, daß er "des Grünhanßen ding" verschenkt habe. Die Lösung von Dürer geschah allmählich. Die Abwesenheit des Meisters 1505/07 nutzte Baldung, um seinen Individualstil auszubilden. Auch ohne Signatur fällt es nicht schwer, seine Zeichnungen und die von ihm entworfenen Holzschnitte herauszufinden. Weniger umfangreich ist sein Kupferstichwerk: seine Versuche im Tiefdruck datieren von 1507 bis 1510, dann gab er ihn auf. Den Beinamen Grien (Grün, Grun) wird Baldung in der Dürer-Werkstatt erhalten haben. Auf den Necknamen Grien könnte auch die Rebblatt-Signatur verweisen, die Baldung in diesen Jahren als Gesellenzeichen verwendete. 1505 führte er das Monogramm H B ein, 1510 in Straßburg fügte er dem H B ein G für Grien hinzu. Urkundlich wird der Name Grien erstmals 1516 faßbar. Mit Dürer scheint ihn eine Freundschaft verbunden zu haben, was durch die Tatsache belegt ist, daß ihm nach dem Tode Dürers eine Locke des Meisters übersandt wurde. 1508 ist Baldung letztmals in Nürnberg nachweisbar. Erste Straßburger Zeit: Im April 1509 erwarb er das Bürgerrecht in Straßburg und trat der Zunft zur Steltzen bei. Aus der Zeit um 1510/11 stammen seine großen Holzschnitte, die er mit zusätzlichen Tonplatten druckte. Mit der Hexenthematik ging er eigene, neue Wege. Bei einigen Blättern hat man den Eindruck bewußter Gegenbilder zu Dürer. Ein wichtiger Auftraggeber war Markgraf Christoph I. von Baden. Neben der sog. Markgrafentafel in Karlsruhe, vielleicht Teil eines verlorenen Altars, entstanden 1511 ein Portraitholzschnitt des Fürsten und 1515 ein gemaltes Bildnis, das sich heute in München befindet. 1511 schuf Baldung für die Johanniterkomturei in Straßburg eine dreiteilige Tafel, deren Teile sich in Cleveland, in Washington und in Privatbesitz befinden. Freiburger Zeit 1512-1517: Am 22. Mai 1512 wurde Baldung erstmals urkundlich in Freiburg im Breisgau genannt, wo er bis 1517 am Hochaltar für die Stadtpfarrkirche Unserer Lieben Frauen arbeitete. Das Gesamthonorar betrug an die 600 fl. In dieser Zeit lieferte er außerdem für private Besteller kleinere Altäre, Andachtsbilder und Portraits. Daneben spezialisierte er sich auf Szenen mit weiblichen Akten. Für Kapellen des Freiburger Münsters und für die Kartause entwarf er mit Gehilfen umfangreiche Zyklen von Glasfenstern. 1515 arbeitete Baldung an den Rand-Zeichnungen des Gebetbuches für Kaiser Maximilian I. (Baldungs Anteil in Besançon). Zweite Straßburger Zeit 1517-1545: Am 5. Mai 1517 erneuerte Baldung sein Straßburger Bürgerrecht. 1527 wurde er Eigentümer eines Hauses in der Brandgasse. Von Vermögen und Ansehen her gehörte er zur städtischen Oberschicht. Der ab 1520 im Werk sich abzeichnende Stilwandel - Abwendung von den Normen der Dürerschen Klassik, Hinwendung zu einer zum Manierismus tendierenden Kunstauffassung - bezeugt, daß für Baldung die Rückkehr nach Straßburg eine Um- und Neuorientierung bedeutete. Um 1518 entstand unter Mitarbeit von Gesellen ein Johannesaltar für die Dominikaner in Frankfurt/Main. Kardinal Albrecht von Brandenburg bestellte 1522 eine Tafel mit der Steinigung des hl. Stephanus (1947 verbrannt) - das erste manieristische Gemälde der deutschen Kunstgeschichte. Wie sich Baldung zu den reformatorischen Ereignissen stellte, bleibt offen. Er arbeitete für Anhänger des alten Glaubens wie für protestantisch Gesinnte. Er und seine Frau waren tüchtige Geschäftsleute. In auffälliger Parallele zu Dürer beschäftigte sich Baldung in der ersten Hälfte der 1520er Jahre mit mathematischen und fortifikatorischen Problemen (Konstruktion des Goldenen Schnitts, sog. platonische Körper, physiognomische Studien; Befestigungen der Insel Rhodos, die 1522 an die Türken fiel). Von 1533 bis zu seinem Tod bekleidete er eines der 15 Schöffenämter seiner Zunft, und im Todesjahr 1545 wurde er Ratsherr. Im Ansehen rangierte er im Urteil der humanistischen Zeitgenossen gleich hinter Dürer. NÜRNBERG, Lorenzkirche: Löffelholz-Fenster, um 1506. SCHWABACH b. Nbg., Stadtpfarrkirche: Hll. Katharina und Barbara, um 1503/04. Der überlieferte Bestand des künstlerischen Werkes umfaßt rund 100 Altäre und Tafelbilder, über 250 Zeichnungen, 80 Einzelholzschnitte und mehr als 400 Buchillustrationen.

 

Works

BERLIN, Gemäldegalerie, Dreikönigsaltar, um 1506; CLEVELAND, Mus. of Art. MÜNCHEN, Alte Pinakothek: Bildnis Markgraf Christoph I. von Baden, 1515; Bildnis Pfalzgraf Philipp der Kriegerische 1517; Geburt Christi, 1520; Zwei allegor. Frauengestalten, 1529. NEW YORK, Metropolitan Mus. NÜRNBERG, GNM: Sebastiansaltar, 1507; Maria mit dem Kinde im Gemach, 1516; Judith mit dem Haupt des Holfernes, 1525; Bildnis eines 29jährigen Mannes, 1526; Maria mit dem Kind, frei nach Jan Gossaert, 1530; Maria mit Papageien, 1533; -, MStN. WASHINGTON, National Gallery of Art. Weitere Standorte in Museen s. AKL.

 

Exhibitions

1952/5; H.B.G., Ausst.-Kat., Karlsruhe 1959 (mit Verz. der Druckgraphik von E. Brochhagen u. J. Lauts); 1961/8; 1971/3; 1976/8; 1977/3; 1986/7.

 

Bibliography

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