Domenico Veneziano (eigtl. Domenico di Bartolomeo [da Venezia]), ital. Maler, *um 1410, dok. ab 1438, †1461 Florenz (beigesetzt am 15.5. in S.Pier Gattolino)
Domenico Veneziano (1410)
Zahlr. Dok. berichten von seiner venez. Herkunft ("da Vinegia"), die die Quellen bestätigen (Vasari, Baldinucci); er selbst sign. "de Veneciis". Vasari, der ihm zus. mit Andrea del Castagno eine Vita widmet, beschreibt D. als liebenswürdige, höfliche und umgängl. Person und erwähnt, daß er sang und auf der Laute dilettierte. So erscheint er auch in der Vita des Antonello da Messina, wo Vasari das wahrsch. Treffen zw. dem sizilian. Maler und D. in Venedig schildert, bei dem Antonello das fläm. Geheimnis der Ölmalerei preisgegeben habe und in der D. Meister geworden sei, um Antonello seinerseits mit viel Liebenswürdigkeit und Eifer zu entschädigen. - Das erste D. betreffende Dok. ist sein Brief v. 1.4.1438 aus Perugia an Piero de Medici in Ferrara, um ihm seine Dienste anzubieten (Gaye, 1839). Der vertraul. Ton, mit dem er sich an den Sohn von Cosimo wendet, der schon seit 1434 in Ferrara residiert, und die liebevolle Sorge um seine Gesundheit scheinen eine nähere Bekanntschaft anzuzeigen, viell. aber auch eine Verpflichtung zur Dankbarkeit ("chonsiderando quanto io ve sono tenuto et hubligato"). D. bietet an, "chose meravigliose" zu machen und ersucht Cosimo um den Auftrag für eine Altar-Taf. (wahrsch. für den Hauptalter von S.Marco, der dann an Fra Angelico ging). Er gibt außerdem an, daß die größten Florentiner Künstler Filippo Lippi und Angelico beschäftigt seien (ersterer an dem Altarbild für die Capp. Barbadori in S.Spirito) und weist auf die eigene Verfügbarkeit hin. Der Brief zeigt eine genaue Kenntnis der künstler. Verhältnisse in Florenz, was auf einen vorangehenden Aufenthalt D.s in der toskan. Stadt hinweist. Während seines Peruginer Aufenthaltes hatte D. ein Zimmer im Haus des Baglioni ausgemalt. Von den Malereien, die schon Vasari als ruinös beschreibt und die meist als vollst. verloren galten, erkannten einige Forscher ein Fragm. in dem Fresko mit der Darst. eines Kriegers (Perugia, Gall. Naz. dell'Umbria, Inv. Nr 443). Lt. Santi (1970) und Tamassia (in: Nel raggio di Piero, 1992) war das Fresko Teil einer Serie der "Uomini Illustri perugini", die von den Quellen im Atrium des Pal. Baglioni erw. und auf D. zurückgeführt werden. Der schlechte Erhaltungszustand der Wandmalerei macht eine stilist. Beurteilung fast unmöglich. Außerdem verschieben die Dok. den Zyklus zeitl. zurück, so daß die Zuschr. der Figur in der Pin. Perugia an D. unwahrscheinl. ist (Wohl, 1980; Parenti; in: Gall. Naz., 1994). Anzunehmen ist, daß die Fresken D.s für das Hochzeitszimmer von Braccio Baglioni und seiner Gemahlin bestimmt waren, die im April 1437 heirateten und nicht für das Atrium (Wohl, 1980). 1439 ist D. in Florenz dok., wo er Teile der verlorenen Dekoration des Chores von S.Egidio ausführt. Der Auftrag des eng mit den Medici befreundeten Folco Portinari kann viell. das Ergebnis der Bitte um die Protektion durch die Medici in dem gen. Brief von 1438 sein oder aber Ausdruck seines Ruhmes in Florenz durch vorangegangene Werke. D. arbeitet zw. 1439 und 1445 an dieser Dekoration, wobei er die linke Wand mit Szenen aus dem Leben der Jungfrau freskiert (Treffen von Joachim mit Anna, Geburt der Jungfrau und ihre Vermählung, letztere 1461 von Baldovinetti voll.). Aus uns unbek. Gründen ließ D. den Freskenzyklus unvoll., der dann von Andrea del Castagno (zw. 1451 und 1453; rechte Wand: Darst. im Tempel; Verkündigung, Marientod) und nachfolgend (1461) von Baldovinetti (Teil der Sposalizio "cominciato per Maestro Domenico da Vinegia" und Fig. von Hll. und Aposteln auf der hinteren Wand) weitergeführt wurde. Von den A.16.Jh. und endgültig im 17.Jh. zerst. Fresken wurden 1938 nur einige schwer erkennbare Fragm. (jetzt im Depot der Soprintendenza per i Beni Artist. e Stor., Florenz) sowie die Sinopia der Vermählung der Jungfrau (Refettorio von S. Apollonia) geborgen, die gewöhnl. auf D. bezogen wird (Chelazzi Dini, in: Una scuola per Piero, 1992). In der Vermählung der Jungfrau erw. Vasari "eine gute Anzahl von Portr. nach der Natur", darunter Folco Portinari, Mitgl. seiner Fam. und and. berühmte Persönlichkeiten (die auch Andrea del Castagno in seinem Teil der Fresken darstellte) von unterschiedl. Verwandtschaft, die aber alle Cosimo 1433 bei seiner Flucht nach Venedig geholfen hatten (Ames Lewis, 1979). Lt. den Dok. von S.Egidio wurde Piero della Francesca am 12.9.1439 im Namen von "Domenico di Bartolomeo da Vinegia" bezahlt ("porto' Pietro di Benedetto dal Borgho a San Sipolchro sta cho'llui") und war daher in dieser Zeit wohl sein Mitarbeiter. Ihre Begegnung könnte in Umbrien erfolgt sein (Wohl, 1980; Paolucci, 1989), viell. auch in der Toskana. Die Zusammenarbeit dürfte über die Fresken von S.Egidio hinaus bestanden haben, wenn man Vasari glauben will, der diese für die (verlorene) Gewölbedekoration des Santuario di S.Maria in Loreto erw., ehe Piero in Arezzo verpflichtet wurde. Lt. Vasari gaben beide das Vorhaben wegen der Pest auf, was, zus. mit dem zeitl. Vorangehen gegenüber dem Zyklus in Arezzo, die Hypothesen einer zieml. unterschiedl. Dat. der Fresken in den Marken von 1447 (Wohl, 1980) bis 1454 (Lightbown, 1992) erklärt. 1441 ist Piero della Francesca nicht mehr in S.Egidio nachw.; dok. ist statt dessen die Zusammenarbeit D.s mit Bicci di Lorenzo di Bicci, einem spätgot., in techn. Hinsicht v.a. als Spezialist für Vergoldungen zieml. fähigen und damals schon in S.Egidio tätigen Künstler (Fassadenfresko mit der Weihe der Kirche durch Papst Martin V., 1440-42). Die letzten Zahlungen an D. für die Fresken in S.Egidio erfolgen im Juni 1445; danach verläßt er diese Arbeit und kehrt nicht mehr zurück. Die Dok. zu S.Egidio weisen auf die Verwendung von Leinöl durch D. hin. Wenn es auch nicht sicher ist, daß D. dieses Öl verwendete, so bezieht doch Vasari die Einführung der Ölmalerei in der Toskana ausdrückl. auf D. und präzisiert bei den Fresken: "fece maestro Domenico a olio". D. behält diese techn. Neuerung bei, die er dann Piero della Francesca vermittelt, der seinerseits in Arezzo eine Mischtechnik anwendete (Bensi, 1994). Zw. Sept.1447 und Juli 1448 erhält D. von Marco Parenti Zahlungen für zwei Brauttruhen mit kleinen zugehörigen Gegenständen entsprechend dem Brauch der Zeit ("chon forzerini e chassette dorate e dipinte, e uno spechio chome e' di costume"; Wohl 1971; 1980). Sie sollten bis zum 13.1.1448, dem Hochzeitstag von Marco Parenti und Caterina di Matteo Strozzi, geliefert werden, waren aber erst im Juni 1448 voll. ("chompiuti di dipingere e forniti a perfezione"; beide verloren). Zu dieser Zeit hatte D. eine Wohnung auf dem Ponte Rubaconte (Ponte alle Grazie) von einem gewissen Baldassarre di Falco gemietet (Wohl, 1980). 1450 malt er eine verlorene Prozessionsfahne für die Compagnia di S.Antonio Abate in Arezzo, die wahrsch. die Geißelung Christi darstellte (Dabell, 1985). Somit ist seine Tätigkeit auch für Arezzo dok., wo zu dieser Zeit im Chor von S.Francesco auch Bicci di Lorenzo di Bicci tätig war; auf Bicci folgte wenige Jahre später Piero della Francesca, auch er ein berühmter Mitarb. D.s in S.Egidio. 1454 wird D. von Benedetto Bonfigli zus. mit Lippi und Fra' Angelico gen., die die abschließende Schätzung seiner Fresken in der Capp. dei Priori im Pal. Comunale von Perugia durchführen sollten. Das Dok. ist von großem Interesse, nicht nur weil es die Bekanntheit D.s in Perugia zeigt, sondern auch, weil es D. mit Lippi und Angelico in Verbindung bringt, die er beide 15 Jahre vorher in seinem berühmten Brief an Piero de Medici erwähnt. Es war dies in der M. des Jh. in Florenz und sogar in Umbrien das Künstlertrio mit dem höchsten Ruhm; die Schätzung wurde dann 1461 von Lippi durchgeführt, dem einzigen zu dieser Zeit noch lebenden der gen. Künstler. Im Mai 1455 mietet D. ein Haus in der Pfarre S.Paolo (Viertel von S.Maria Novella), das an die Kirche angrenzt (heute bek. als S.Paolino; Wohl, 1980); er wohnt in der Via Palazzuolo gegenüber von S.Paolino, wie die korrekte Lesung eines Dok. klärt, das ihn erw. als "Domenico di Bartolommeo e figlioli da Palazuolo" (Venturini, 1994). "Domenico di Bartolomeo" ist außerdem gen. in einem undat. Reg. der Compagnia di S.Luca (Wohl, 1980). 1457 soll er mit Filippo Lippi das unvoll. Altarbild der Dreifaltigkeit des Pesellino schätzen. Am 15.5.1461 ist D.s Beisetzung gen. im Libro dei Morti der Kirche S.Pietro in Gattolino. Die Anekdote des Vasari, wonach D. von Andrea del Castagno getötet wurde, der auf die Fähigkeiten des Kollegen und Freundes neidisch war, wurde von Milanesi (1862) widerlegt, der das Todesdatum des Andrea (1457) fand. - Die Forsch. ist in der Beurteilung der venez. Herkunft und der Ausb. D.s geteilter Meinung. Lt. Wohl (1980), der Angaben von Kennedy (1938) folgt, erhielt D. eine gründl. spätgot. Ausb., die geprägt ist durch Pisanello und Gentile da Fabriano, dem D. zuerst nach Florenz (1422-23) und dann auch nach Rom (1426-32) - während eines hypothet. angenommenen Aufenthaltes - folgte. Aber lt. Bellosi (1990; 1992) und De Marchi (in: Pitt. di luce 1990), die auf Longhi (1952) zurückgreifen, hat D. seine Ausb. vollst. in Florenz erhalten, dann bereichert durch die revolutionären Neuerungen von Masaccio und Brunelleschi und gereift während eines Florenzaufenthaltes (vor dem Brief von 1438 an Piero de Medici). Dies würde D.s Kenntnis des Kunstlebens in Florenz und die Vertrautheit mit dem erstgeborenen Sohn des Cosimos erklären. Überzeugt von dieser Florentiner Formung, zog Beck (1980) provokator. die venez. Herkunft D.s in Zweifel, wobei er die Hypothese aufstellte, daß der Beiname "Veneziano" sich nicht auf den Maler, sondern vielmehr auf die Herkunft des Vaters bezöge (wie z.B. bei dem Veroneser Pisanello). Bellosi (1990; 1992) charakterisiert D. als Initiator einer maler. Tendenz in Florenz, die er "pittura di luce" nennt, von der die Lichtmalerei des Piero della Francesca ihren Anfang nimmt und die ihren theoret. Niederschlag in der "De Pictura" des Leon Battista Alberti findet: eine perspektiv. Malerei, die klare Farben bevorzugt und die Durchdringung von Licht und Farbe realisiert und in der sich die Farben gegenseitig erhöhen. Die versch. Beurteilung der Anfänge D.s führt zu einer unterschiedl. Chronologie der frühen Werke, die sich ausschl. auf stilist. Analyse gründet. Obwohl die Dok. einige biogr. Daten liefern, so sagen sie wenig oder nichts zu den erh. Werken. Bellosi und seine Mitarb. erkennen anknüpfend an Longhi (1925) in der Madonna mit Kind (Bukarest) das erste Bild D.s (1430-35). Hier zeigt D. nicht nur eine vollst. florentin. Kultur, sondern auch den (wenn auch zögerl.) Beginn des Experimentierens mit der Perspektive und den Vergleich mit der zeitgen. Skulptur. Dabei verwendet er eine Palette, in der dunkle Tönen vorherrschen, die dann in den späteren Werken durch klare und lichte Farben ersetzt werden. Kräftige Töne und eine leuchtende Farbigkeit finden sich auch in dem Tondo mit der Anbetung der Könige (Berlin), von Berenson (1898) und Longhi (1925) D. zugeschr. und um 1440 datiert. Einmütig hat die Forsch. die Hypothese von Pudelko (1934) akzeptiert, das Bild mit demjenigen Tondo zu identifizieren, das im Inv. des Lorenzo il Magnifico von 1492 mit der irrtüml. Zuschr. an Pesello gen. ist (Libro d'inv., 1992, cc. 16v und 31). Es handelt sich also um einen Auftrag der Medici, viell. von Piero selbst, dessen Portr. in einem der Könige zu erkennen ist, zus. mit dem wahrsch. Bildnis des Bruders Giovanni (Bellosi, 1992). Die noch nicht vollst. interpretierten Inschr. erinnern an mediceische Wahlsprüche. Identifizierbar ist auch das berühmte Profil des byz. Kaisers Johannes VII. Paläologos (die bärtige Person mit reicher roter Kopfbedeckung neben dem König im Vordergrund), der 1439 anläßl. des Konzils in Florenz war. Das Gem. feiert somit das Konzil und die illustren Persönlichkeiten, die sich hier trafen. Außerdem könnte diese Arbeit lt. Ames Lewis (1979; 1981) im Zusammenhang zu D.s Brief an Piero von 1438 eine Art Probe seiner Fähigkeiten darstellen, dank derer er nachfolgend den prestigeträchtigen Auftrag für die Fresken in S.Egidio (durch die eng an die Medici gebundenen Portinari) erhalten haben könnte. Allerdings verzeichnet das Inv. von 1492 zwei and. Werke von "Domenico da Vinegia": eine allegor. Figur in Öl(!) und ein "colmetto" auf Flügeln mit einem Damenporträt (Libro d'Inv., 1992, cc. 38-38v), die, wenn die Zuschr. glaubwürdig sind, eine andauernde Wertschätzung des Malers durch die mächtige Florentiner Fam. zeigt. Der höf. Char. des Bildes ist offensichtl., bes. im Prunk der Kleidung, die an Gentile da Fabriano und Pisanello erinnert. Die Verfechter der spätgot. Formung D.s interpretieren diese Merkmale als Beweis für die Tatsache dieser Ausb., wobei sie die stilist. Abhängigkeit von den gen. Malern betonen. Schon Longhi (1952) bemerkte das konsequente perspektiv. Empfinden, das den Tondo in Beziehung zu Masaccio bringt: "e in tutto 'grazioso', 'copioso' und 'vario'" gemäß den Vorschriften von Alberti. Bacci (1964) hat betont, daß "die Personen mit einer Sicherheit und Festigkeit vom Boden Besitz nehmen, wie sie kein Gotiker hatte". Bellosi (1992) führt die zweifellos von Pisanello herrührenden Elemente in der Anbetung der Könige nicht so sehr auf die Kultur des Malers, als vielmehr auf den Geschmack seines Auftraggebers Piero de Medici zurück, der seit der Zeit in Ferrara ein Bewunderer Pisanellos war (der sich übrigens 1439 in Florenz aufhielt). Die Sorgfalt bei den Details zeigt die Kenntnis fläm. Werke durch D., die schon in den 1430er Jahren in die toskan. Stadt gekommen waren. Aus diesen Jahren stammt lt. Bellosi und De Marchi auch der Tabernacolo dei Carnesecchi (ehem. zw. Via de' Banchi und Via Panzani; jetzt London) mit der Thronenden Madonna mit Kind im mittleren Teil und zwei Hll. an den Seiten (von diesen Figuren nur die schlecht erh., übermalten Köpfe erh.). Für Wohl ist das Tabernakel ein Frühwerk (ca. 1432-35), wie auch Vasari behauptet, nach dem diese Malerei D. Ruhm verschafft und zugleich Neid und Feindschaft des Andrea del Castagno hervorgerufen hätte. Das (auf Lw. übertragene) Fresko mit den perspektiv. verkürzten Aureolen der Hll. und dem cosmatesken Thron in perspektiv. Sicht und der Sign. (
Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:
ThB9, 1913
Other encyclopedias:
Colnaghi, 1928; EI X, 1931; EUA IV, 1958; Berenson, Pictures, Flor. I, 1963; EWA IV, 1972; DEB IV, 1973; PittItalQuattroc II, 1987; DBI XL, 1991 (s.v. Domenico di Bartolomeo da Venezia); DA IX, 1996
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Domenico Veneziano, florent. Maler, nachweisbar seit 1438, †15. 5. 1461 in Florenz. Weder Geburtsdatum noch -ort des Domenico di Bartolomeo da Venezia (so urkundlich) sind bekannt; daß er selbst (nicht nur sein Vater) in Venedig geboren war, lassen die Inschriften auf seinen beiden signierten Werken - Dominicus de Veneciis - vermuten. Der Stil seiner Arbeiten zeigt formal einen rein in Florentiner Tradition aufgewachsenen Künstler; der Einfluß namentlich von Masaccio und Donatello tritt darin zutage. Am 1. 4. 1438 richtet er von Perugia aus ein Schreiben an Piero di Cosimo de' Medici (Gaye, Carteggio I 136; reprod. bei Pini-Milanesi, La stritt. d. artisti ital. I N. 34) u. bittet, ihn bei Cosimo für ein Altarbild, das dieser in Auftrag geben wollte, zu empfehlen. Wie lange D. sich in Perugia aufgehalten u. welche Arbeiten er dort ausgeführt hat, ist nicht bekannt. Vasari erwähnt die Dekoration eines Zimmers in einem zu seiner Zeit schon zerstörten Hause der Baglioni. Wie man vermutet, hatte er hier "uomini famosi", 23 an Zahl, nebst einer "Perusia" dargestellt, zu denen der Peruginer Humanist Maturanzio die gereimten Inschriften verfaßte; doch ist durch Bombe (Repert. f. Kunstw. XXXII 1909 p. 295) die Annahme, daß dieser Zykluswein Werk des D. gewesen sein kann, erschüttert worden; jedenfalls müßte er in die letzte Lebenszeit des Künstlers fallen. Ein von Bombe im Magazin der Peruginer Pinakothek nachgewiesenes Bruchstück aus diesem Zyklus läßt seiner schlechten Erhaltung wegen kein Urteil zu. Den Ruf, den D. in Perugia genoß, bezeugt der Umstand, daß er bei dem Vertrag, durch den die Stadt am 30. 11. 1454 dem Bonfigli die Fresken für die Kapelle des Stadthauses übertrug, neben Fra Filippo und Fra Angelico als Schiedsrichter in Aussicht genommen wurde. 1439-1445 malte er einen Teil der Chorkapelle von Sant' Egidio (S. Maria Nuova) in Florenz aus, wo er Szenen aus dem Leben der Jungfrau mit vielen Porträts von Zeitgenossen darstellte; Piero della Francesca und Bicci di Lorenzo werden hier dokumentarisch als seine Gehilfen genannt, ebenso erhält die von Vasari behauptete Verwendung von Öl als Bindemittel urkundliche Bestätigung. Die Vollendung einer von D. nicht fertiggestellten Szene übernahm Baldovinetti am 17. 4. 1461 (Rivista d'arte III 1905 p. 208). Diese Arbeiten sind nicht erhalten. 1448 dekoriert D. zwei Brauttruhen für Marco Parenti (Kunstchronik v. 7. 2. 1913 wird die bemalte Schachtel der SIg Figdor in Wien - Frimmel, Kl. Galeriestudien N. F. Lief. IV, 1896 p. 5 - gewiß irrig mit diesen Arbeiten in Zusammenhang gebracht). Am 15. 5. 1455 mietete er ein Haus im Sprengel von S. Paolo in Florenz (Il Buonarroti, Ser. VIII, Vol. II, 1884 p. 118) und gab am 10. 7. 1457 ein Urteil in Sachen eines von Pesellino gemalten Bildes ab (Riv. d'arte II 1904 p. 168; das Dokument nicht ganz klar). Am 15. 5. 1461 wurde er in S. Pier Gattolino beigesetzt. Die von Vasari verbreitete, aber schon im Libro di Antonio Billi (ed. Frey, p. 23) erwähnte Ermordung des D. durch Castagno hat Milanesi als Fabel erwiesen. Ebenso ist Vasaris Nachricht von seiner Tätigkeit in S. Maria in Loreto mit Vorsicht aufzunehmen, Gesicherte Arbeiten von D. gibt es nur zwei: la) das Altarbild der thronenden Madonna mit den Heiligen Franz, Joh. d. T. (links), Nikolaus und Lucia (rechts) in den Uffizien in Florenz, ursprünglich in S. Lucia de' Magnoli; lb) das Martyrium der hl. Lucia, das einzige bisher nachgewiesene Stück der dazugehörigen Predella, im K.-FriedrichMuseum in Berlin; 2) die thronende Madonna mit segnendem Gottvater, sowie zwei einzelne Köpfe von Heiligen (Antonius und Dominikus?) in Fresko, Reste des Tabernakels am Canto de' Carnesecchi bei S. Maria Novella, in der National Gall. in London. Diese beiden Werke werden von Vasari angeführt und sind durch Inschriften gesichert. Aus stilkritischen Gründen hat Morelli (Werke ital. Meister in den Gal. von München, Dresden und Berlin, 1880 p. 239; jedoch zuvor schon von Liphart; vgl. Bode in Zahn's Jahrbüchern V 1873 p. 5) das Fresko mit Franciscus und Joh. d. T. in S. Croce dem D. zugeschrieben und damit allgemeine Zustimmung gefunden. Alle sonstigen Zuschreibungen werden z. T. bestritten: 1) Madonna aus der SIg Panciatichi, jetzt bei B. Berenson in Settignano (für D. außer Bode auch L'Arte III (1900) p. 313 u. Weisbach, Jahrb. d. pr. Kstsamml. XXII 38; von Berenson, Study and critic. of Ital. art II, p. 32 dem Baldovinetti zugeschr.), 2) Bildnis der Gattin des Giovanni de' Bardi, Mailand, Museo Poldi, von Venturi (Storia dell' arte ital. VII, P. I, p. 574) dem A. Pollajuolo, von Berenson früher dem Verrocchio zugeschrieben, 3) Weibl. Profilbildnis im K.-FriedrichMus. in Berlin, offenbar von derselben Hand wie das vorhergehende Bild (Berenson: Baldovinetti?), 4) Weibl. Profilbildnis in den Uffizien in Florenz, von derselben Hand, doch sehr ruiniert, 5-7) Drei weibliche Profilbildnisse, zwei in der National Gall. (das eine von Fry, Burl. Magaz. XVIII, 1911, p. 311 dem Baldovinetti gegeben) und eines in der SIg L. Mond in London (über diese vgl. jetzt im II. Band von J. P. Richters Katalog dieser Sammlung; vgl. L'Arte XII, 1912, p. 272). - Ferner hat Schmarsow (s. Lit.) mehrfach die Ansicht vertreten, daß die Fresken in der Cappella dell' Assunta im Dom zu Prato von D. herrühren, ohne für seine Zuschreibung zu überzeugen. Schmarsow nimmt weiter eine Madonna im Louvre in Paris (Legs Rothschild) für D. in Anspruch. Verlorene Arbeiten im alten Medicaeerbesitz waren: eine sitzende halbnackte Frau mit einem Totenschädel in der Hand, als Ölmalerei bezeugt, und ein Frauenporträt (Müntz, Les collections des Médicis, Paris 1888 p. 84 u. 85). Die kunstgeschichtliche Stellung des D. ist bei dem Mangel an gesicherten Werken und bei den spärlichen Nachrichten schwer zu fassen. Jedenfalls gebührt ihm als Bindeglied zwischen Masaccio und den Künstlern des späteren Quattrocento, sowie namentlich als Kolorist ein besonderer Rang unter seinen Florentiner Zeitgenossen.