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Duccio di Buoninsegna

Died
Siena, 1318
First mentioned
1278
Country
Italy
First place mentioned
Siena
Gender
male
GND-ID
Name Variations
Duccio di Buoninsegna; Duccio di Boninsegna; Buoninsegna, Duccio di; Duccio; Boninsegna, Duccio di
Occupations
Painter; Glass Painter
Places of Activity
Siena
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By
Last edited
25.03.2024
Published in
AKL XXX, 2001, 153; ThB X, 1914, 25 ss

VITA

Duccio di Buoninsegna (Boninsegna), ital. Maler und Glasmaler, nachw. ab 1278 in Siena, †1318 ebd.

LIFE AND WORK

Gilt mit dem älteren Cimabue und dem jüngeren Giotto als großer Erneuerer der ital. Malerei. 1278 erstmals belegt, als er für die Bemalung von 12 Kästchen für Dok. der Kommune bezahlt wird. 1279, '85, '91, '92, '94 und '95 für die Bemalung von Bucheinbänden der Biccherna bezahlt. 1279, '80, '89, '94, 1302, '09, und '10 von der Kommune mit Geldstrafen belegt, vermutl. weil seine ökonom. Tätigkeit als Maler ihm wichtiger war als seine Bürgerverpflichtungen. 1285 wird er mit der sog. Madonna Rucellai für S.Maria Novella in Florenz (heute Uffizien) beauftragt; lt. einer Notiz von Baldinucci soll D. im Pfarrbezirk von S. Maria Novella wohnhaft gewesen sein. Im Jan. 1286 wohnt er im Pfarrbezirk von S.Gilio in Siena, ab 1289 im benachbarten Pfarrbezirk von S.Donato und ab 1310 in der "contrada" von Stalloreggi im Pfarrbezirk von S. Quirico in Caselvecchio. Viell. hat dieser letzte Umzug etwas mit der Ausf. der Maestà für den Sieneser Dom zu tun (s.u.). 1292 ist D. einer der 50 beigeordneten Mitgl. seines Stadtteils (Terzo di Camollia) im Großen Rat (Consiglio della Campana) und 1295 Ausschußmitglied für die Erbauung der Fontenuova in Siena. 1302 bezahlt für eine Maestà mit Predella für den Altar der Kap. der "Nove" im Sieneser Pal. Pubbl. (verloren). 1308 wird er mit der Maestà für den Sieneser Dom (1311 voll. und sign.) beauftragt. 1313 als Schuldner erw., zwei Jahre später mietet er Land von der Kommune im Piano del Lago n. von Siena. In einer Wertbestimmung von 1318 wird D.s Frau Tavinia Witwe genannt. Im folgenden Jahr verzichten D.s Kinder auf das Erbe. Die Erw. eines "Duch de Siene" und "Duche le lombart" in den Pariser Steuerbüchern von 1296 bzw. 1297 beziehen sich nicht auf den Maler (Stubblebine, 1979), sondern auf einen homonymen Bankfachmann; ein "Duch le lombart et ses compaingnons" wird im Pariser Steuerbuch von 1292 aufgeführt, als die Anwesenheit D.s in Siena bezeugt ist (Schmidt, 1999b). - Die Postulierung eines Pariser Aufenthaltes ist lediglich ein überspannter Versuch, frz.-got. Einflüsse auf D. konkret zu erklären. Vergleichbar problemat. sind die byz. Einflüsse auf D.s Malerei. Die Frage kann nur durch eine eingehende Betrachtung der Kunst des ganzen ö. Mittelmeergebiets, inklusive der Kreuzfahrerstaaten und Zypern, beantwortet werden. Beziehungen zu byz. Wandermalern in der Toskana (Belting, 1982) sind zweifelhaft, da man die entsprechenden Werke auch anderswo lokalisieren kann. Weitgehend bedeutender für die Stilbildung D.s waren die Malerei von Cimabue sowie die Skulpt. von Nicola und Giovanni Pisano. Obwohl in den 70er Jahren des Duecento sich ein "cimabuismo" in der sienes. Malerei ausbreitete, ist D.s Beziehung zu Cimabue direkter, was dazu geführt hat, sogar eine Ausb. bei dem Florentiner Meister zu postulieren (Longhi, 1948). Gelegentl. wurden denn auch Gem. als eine Gemeinschaftsarbeit Cimabues und D.s betrachtet oder Werke D.s, wie das Apsisfenster des Sieneser Doms (White, 1979), Cimabue zugeschrieben. Die meisten vermeintl. Einwirkungen der antiken Kunst auf D. (Popp, 1996) lassen sich von den Pisani (Kanzel und Bauskulptur des Doms in Siena) herleiten. - Ein befriedigendes krit. WV fehlt, was z.T. dem Purismus der jüngeren und jüngsten Forsch. zu verdanken ist. Brandis auf elf Nummern beschränkter Kat. (1951), den man noch heute als Grundlage verwenden kann, wurde von Baccheschi (1972) völlig und von White (1979) nur teilw. übernommen und weiter reduziert. Eine weitere Reduzierung erbrachte die letzte große Monogr. (Deuchler, 1984), wobei versch. ducceske Gem. entweder überhaupt nicht erw. oder nur als Umkreis und Nachf. abgetan wurden. Stubblebine (1979) dagegen erklärt nur wenige Gem. für eigenhändig, hält and. für Arbeiten von identifizierbaren Malern in D.s Wkst. und verteilt den Rest auf namentl. bek. Maler und eine Unzahl von ihm kreierter Meister mit Notnamen. Obwohl dieses Verfahren mit Recht scharf kritisiert worden ist, bleibt Stubblebines Material-Slg grundlegend. Insgesamt werden außer den zwei überlieferten dok. Gem. nur die sog. Madonna der Franziskaner (Siena, PN) und die Madonna aus Perugia von der gesamten Forsch. D. zugeschrieben. - D.s frühestes gesichertes Gem. ist die Madonna Rucellai (Florenz, Uffizien), mit 4,50 x 2,90 m das größte Madonnentafelbild des Duecento. Es wurde 1285 von der Bruderschaft der Laudesi, die ihren Sitz in S.Maria Novella zu Florenz hatte, in Auftrag gegeben. Jahrhundertelang auf die Gewähr Vasaris Cimabue zugeschr., wurde das Bild erst 1790, als das Auftrags-Dok. entdeckt wurde, als eine Arbeit D.s erkannt, was erst im 20.Jh. zögernd allg. akzeptiert wurde. Die Madonna Rucellai ist tatsächl. von Cimabue geprägt. Wenngleich die chronolog. Abfolge der mon. Madonnenbilder Cimabues noch nicht endgültig geklärt ist, ist eine Abhängigkeit von der Madonna aus Pisa (heute Paris, Louvre), die einen ähnl. Rahmen und eine vergleichbare Komp. aufweist, anzunehmen. Der Rahmen zeigt 30 bemalte Rundbilder mit Hll.-Büsten, u.a. von Petrus Martyr, dem Gründer der Bruderschaft. Der Thron der Madonna, bei Cimabue schon eine stattl. Drechslerarbeit mit doppelter Fußbank, ist bei D. eine noch üppigere Konstruktion, wobei die Öffnungen sogar mit got. Bogen gefüllt sind. Bei D. ist die Garde der Engel nicht, wie bei Cimabue, hinter dem Thron aufgestellt, sondern die Engel halten diesen seitl. knieend und teils freischwebend fest, womit eine "logische" Raumgliederung einer klaren Flächenanordnung unterstellt ist. Weitere Unterschiede sind die sanftere Modellierung und die kalligraph. Linienführung, die viell. von der Sieneser Domkanzel oder von Madonnenbildern wie demjenigen des Pisaner Meisters von S.Martino (heute Pisa, MN di S.Matteo) angeregt wurde. Die Meinung der jüngeren Forsch., die Madonna Rucellai sei das Hauptaltarretabel der Kirche gewesen, ist jetzt überholt. Der urspr. Standort bleibt aber nach wie vor problemat.: zw. der Gregor- und Rucellai-Kap. im rechten Querhaus, auf dem Lettner (der aber zu dieser Zeit wahrsch. noch nicht fertig war) oder in der Gregor-Kap. selbst. Die schlecht erh. Wandmalereien in den Lünetten dieser Kap. können D. zugeschr. werden, ob aber ein Zusammenhang mit der Madonna Rucellai besteht, ist unklar. Sie stellen Thronbilder von Christus und Gregor zw. zwei Engeln bzw. zwei Akolythen mit Wedeln dar (zuletzt Bellosi, 2001). In die gleiche Zeit kann die kleine sog. Madonna der Franziskaner (Siena, PN) dat. werden, weil sie in der Linienführung, mon. Wirkung und dem Verhältnis von Komp. und Flächenanordnung der Madonna Rucellai sehr verwandt ist. Die Taf. war wahrsch. der Mittelteil eines Triptychons und mögliche Votivgabe (Schmidt, 2000). Die Marienfigur ist eine ikonogr. Frühform der sog. Schutzmantelmadonna. Die Motive des Thronbehangs sind oft mit den dekorativen Hintergründen in der frz. Miniaturmalerei verglichen worden, kommen aber auch in and. Textilien in der ital. Malerei vor. Als frühe Werke können auch die sog. Madonna Crevole, wahrsch. urspr. aus der Augustiner-Eremitage von Montespecchio (jetzt Siena, Mus. dell'Opera Metropolitana), und die Madonna aus Buonconvento angesehen werden. Als nächste große Arbeit kommt das runde Apsisfenster des Sieneser Doms in Betracht. Es zeigt den Tod, Himmelfahrt und Krönung Mariä umgeben von den Evangelisten und vier Stadtpatronen (Bartholomäus, Ansanus, Crescentius, Savinus). Arbeiten am Fenster sind 1287-88 belegt. Die Zuschr. der Vorlagen an D. sowie seine teilw. Ausf. auf beiden (!) Seiten der Scheiben lassen dank der heutigen, 2002 zu vollendenden Rest. keine Zweifel mehr zu. Die sorgfältige Ausf. der Figuren bestätigt jetzt auch die Zuschr. des sog. Kruzifixus Odescalchi (jetzt Asciano, Priv.-Slg); der Kopf des Kruzifixus sieht dem Christuskopf im Tod Mariens auf dem Rundfenster erstaunl. ähnlich (Bagnoli, 2000). Ein ikonogr. Novum in der Marienkrönung ist der marmorne Thron; er sollte am E. des 13. Jh. in Madonnenbildern allg. den Holzthron ersetzen. Die kleine Madonna auf dem Marmorthron zw. Engeln in Bern (KM) muß deshalb in diese Zeit dat. werden. Das ruinöse Triptychon in Oxford (Christ Church Gall.) stellt zwar im Mittelteil noch die Madonna auf einem Holzthron dar, zeigt aber im linken Seitenflügel schon die neueste Formulierung der Kreuzigung mit dem leblosen, herabhängenden Leib Christi. Die relativ gut erh. Teile der Kreuzigung und die der Stigmatisation des Franziskus im rechten Flügel sind mit der Geißelung, Kreuzigung und Grablegung in der Soc. di Esecutori di Pie Disposizioni zu Siena vergleichbar. Die typolog. Einordnung der drei kleinen, ebenfalls schlecht erh. Taf., üblicherweise als Triptychon bezeichnet, bedarf einer neuen Untersuchung. Etwas später dürfte die Madonna in der ehem. Slg Stoclet entstanden sein. Die kleine Taf. zeigt eine halbfigurige Madonna mit dem Kind, das, wie in der Madonna Crevole, nach ihrer Kopfbedeckung greift. Im Gegensatz zu dieser Madonna hat Maria keine rote Haube unter ihrem Mantel, sondern ein weißes Kopftuch, das wie die Gewandung überhaupt von einer lyr. Linienführung geprägt ist. Das Konsolengesims am unteren Rand ist der zeitgen. Bau-Skulpt. oder der illusionist. Wandmalerei (z.B. in der Oberkirche von S.Francesco in Assisi) entnommen und verleiht den Figuren eine prägnante Präsenz. Schon aus dem 14.Jh. stammt das schlecht erh. Polyptychon Nr 28 der PN von Siena. Es ist oft mit einer angebl. sign. und 1310 dat. Taf. der Madonna und vier Hll., die Fabio Chigi (der spätere Papst Alexander VII.) 1625 in der Abbadia von S.Donato außerhalb von Siena gesehen hatte, identifiziert worden. Auf Grund der dargestellten Hll. (Petrus, Paulus, Dominikus, Augustin) kommt aber nicht diese Vallombrosanerabtei, sondern eher S.Domenico in Siena als urspr. Standort in Betracht. Mit einem umlaufenden Rahmen versehen, aber noch ohne Predella, stellt das Bild eine wichtige Frühform des "klassischen" Polyptychons dar. Die Madonna in Perugia (Gall. Naz. dell'Umbria) war Teil eines vermutl. ähnl. Polyptychons, das aber statt Engel Propheten in den Giebeln zeigte und das mit Sicherheit aus der lokalen Dominikanerkirche herrührt. Der Auftrag ist zu verbinden mit dem Neubau der Kirche ab 1304. Der Aufbau der frühen Polyptychen wird im Triptychon der Londoner NG reflektiert, ebenfalls ein Dominikaner-Auftrag. Auf Grund der Hll. in den Seitenflügeln (Dominikus und Aurea von Ostia) kommt Niccolò da Prato, der Dominikaner Kardinal-Bischof von Ostia und Velletri, in Betracht. Da die Ausmaße und die dekorative Rückseitenbemalung des Triptychons in Boston (MFA) genau die gleichen sind, könnte auch dieses Triptychon vom Kardinal bestellt worden sein (Schmidt, 1996). Der Mittelteil zeigt die Kreuzigung, die Seitenflügel Nikolaus von Bari, den Namenspatron des Kardinals, und einen hl. Papst, trad. identifiziert als Gregor der Große, der aber wohl Klemens darstellt, den Patron von Velletri. Die Dat. der beiden Triptychen ist unsicher: vor der Maestà für den Sieneser Dom ist wahrsch., aber kurz danach ist nicht unmöglich. Der Vertrag zw. D. und der Domopera für die Maestà stammt vom 9.10.1308. Schon am 20.12.1308 erhielt D. von der Domopera eine Anzahlung von 50 Florinen, deren Bedeutung aber unklar ist. Wohl um diese Zeit dat. ein Dok. zur Bezahlung der Rückseite der Maestà, die 34 Szenen ('storie') und Engelchen ('angieletti') umfassen sollte, wobei die Predella offenbar nicht mitgerechnet wurde. Lt. dem Chronisten Agnolo di Tura (um 1350) wurde die Maestà am 9. Juni 1311 (d.h. am Tage vor Fronleichnam) in einer feierl. Prozession (eine Zahlung für die Musikanten ist erh.) von außerhalb der Porta a Stalloreggi, wo D. offenbar seine Wkst. hatte, in den Dom getragen und dort auf dem Hauptaltar aufgestellt, wo die Taf. wahrsch. die sog. Madonna del Voto (als Fragm. in der Capp. del Voto erh.) ersetzte. Dort blieb das Bild bis 1506, als es vom Hauptaltar entfernt und im linken Transept abgestellt wurde; 1771 wurden Vorder- und Rückseite getrennt und weiter zersägt. Die Hauptteile befinden sich seit 1878 im Mus. dell'Opera Metropolitana, Teile der Rückseitenpredella sowie etliche Giebelstücke des oberen Registers sind in versch. Slgn außerhalb Italiens geraten; mehrere Teile sind verschollen. Aber auch die erh. Teile wurden in Mitleidenschaft gezogen: fast die vollst. Rahmung ist verloren, viele Teile sind mehr oder weniger beschnitten (die meisten Teile des zweiten Registers sind ihrer gekappten Giebel beraubt), und auch die Malschicht einzelner Teile hat gelitten, was bes. im Gesicht der Madonna auf der Vorderseite zu sehen ist. Das riesige Bild (urspr. etwa 5 x 4,68 m) ist nicht nur das wichtigste Tafelbild der früh-ital. Malerei überhaupt, sondern auch Gradmesser für hist. Fragestellungen bezüglich Form, Inhalt und Funktion. Grundlegend ist die Rekonstr. von White (1973, '79), die von Gardner von Teuffel (1979) in einer wichtigen Hinsicht modifiziert wurde: das Altarbild hatte zweifellos links und rechts große Stützen. Diese Rekonstr. ist mit kleinen Modifizierungen von der Forsch. übernommen worden (zuletzt Bellosi, 1998). Der erh. Hauptteil zeigt auf der Vorderseite Maria mit dem Kind auf dem Thron, umgeben von Engeln, sechs Hll. (Joh. Ev., Joh. Bapt., Paulus, Petrus, Katharina, Agnes) und den vier Stadtpatronen (Savinus, Crescentius, Ansanus, Victor) als Fürbitter; darüber zehn Apostel in einer Blendbogenarkade. Die Bekrönung umfaßte urspr. zwei Register: Szenen vom Tode Mariens mit Engelsfiguren darüber in den Seitengiebelstücken. Der Hauptgiebel ist verschollen. Die Predella zeigte Szenen aus der Kindheit Christi zw. Prophetenfiguren, die sich mit Szenen aus dem öff. Wirken Christi auf der Rückseite fortsetzten. Der Hauptteil der Rückseite zeigt das Leben Christi vom Einzug in Jerusalem bis zum Weg nach Emmaus in 26 Szenen. In den Giebeln waren weitere Szenen nach der Auferstehung dargestellt; darüber waren wahrsch. wie auf der Vorderseite Engelsfiguren angebracht. Das Fragm. einer Marienkrönung in Budapest (SzM) kann aus techn. Gründen nicht zum Hauptgiebel gehört haben (Schmidt, 1999a). Immerhin wird der Hauptgiebel an der Vorderseite eine Darst. der Verherrlichung Mariä gezeigt haben (Himmelfahrt, Krönung oder beides). Parallel dazu war auf der Rückseite vermutl. die Himmelfahrt Christi dargestellt. Unklar ist weiter die genaue Zusammenstellung der Rückseite der Predella. In der übl. Rekonstr. werden neun Szenen angenommen, von denen sich acht erh. haben (Versuchung auf dem Tempel, Versuchung auf dem Berg, Berufung Petri und Andreä, Hochzeit zu Kana, Christus und die Samariterin, Blindenheilung, Verklärung, Auferweckung des Lazarus). Da nur zwei Versuchungen Christi erh. sind, darf man den Verlust der dritten annehmen. Das würde aber bedeuten, daß die Taufe Christi nicht dargestellt war. Einige Forscher nehmen deshalb an, daß noch mehr Taf. verloren gegangen sind (Stubblebine, 1979: Joh. Bapt. legt Zeugnis über Christus ab, Taufe; Sullivan, 1985: Taufe, Salbung in Bethanien), wobei sie gezwungen sind, diese an den Schmalseiten anzusiedeln. Unklar ist, wie diese Anordnung sich zur Annahme, die Maestà hätte urspr. Stützen gehabt, verhält. Weiter ist zu bedenken, daß die Taufe auch im großen Leben-Jesu-Zyklus des ungefähr zeitgleichen venez. Triptychons im MCiv. von Triest nicht dargestellt ist. Daß die Taf. in Budapest (SzM), die Joh. Bapt., der Zeugnis über Christus ablegt, darstellt, die neunte, fehlende Szene der Rückseitenpredella sei (Boskovits, 1990), ist unwahrsch., weil die Farben der Gewandung Christi nicht mit denen der Maestà übereinstimmen. Schließlich besteht noch Unklarheit über die exakte Form der verlorenen Rahmung; im allg. darf ein Bezug zur Domfassade angenommen werden. Wenngleich es typolog. Bezüge zu and. Gattungen der Tafelmalerei gibt, wie hochformatige Marienthronbilder, querrechteckige Dossale mit Marienthronbild und narrativen Szenen sowie Polyptychen aus der Toskana, oberital. Leben-Jesu-Bilder (dazu Seiler, 2001) und doppelseitige Altarbilder aus Umbrien, ist die Maestà doch so ungewöhnlich, daß sie sich nicht unmittelbar von diesen herleiten läßt. Die Doppelseitigkeit ist auch hinsichtl. des urspr. Standortes problematisch. In der neueren Forsch. wird angenommen, die Rückseite sei auf die Kanoniker ausgerichtet gewesen; zuweilen wird auch eine liturg. Nutzung der ö. Hauptaltarseite angenommen (ausführl. van der Ploeg, 1993). Eine neue Analyse der Quellen hat aber ergeben, daß das Chorgestühl vor dem Hauptaltar stand und daß die Rückseite der Maestà offen zugängl. war (Struchholz, 1995). Damit ist die Frage der Bedeutung der Rückseite wieder aktuell geworden. Viell. wurden die konsekrierten Hostien auf der Altarrückseite aufbewahrt und der christolog. Zyklus auf dieser Seite der Maestà nahm darauf Bezug (Seiler, 2001), viell. war sie aber auch nur als mon. Schauseite gedacht. Inwiefern der aktive Bischof von Siena, der Dominikaner Ruggero da Casole, eine Rolle in der Planung der Maestà gespielt hat, bedarf einer speziellen Untersuchung. Es spricht für sich, daß D. in der Ausf. der riesigen Taf. von Ass. unterstützt wurde, und dies ist auch aus stilist. Gründen ersichtl.; die Existenz einer großen Wkst. war wohl die Voraussetzung für den Auftrag an D. Die Zuschr. bestimmter, klar getrennter Teile an sieben Ass., die Stubblebine (1979) vorgenommen hat, ist jedoch nicht nachvollziehbar und hist. ohnehin unwahrscheinlich. Zur Erforschung der ikonogr. Vorlagen, v.a. der narrativen Szenen, ist noch vieles zu leisten. Stubblebines Annahme, D. lag wohl eine byz. Bilder-Hs. vor, ist viel zu einfach gedacht. Außer der lokalen Trad. (Guido da Siena, Domkanzel) muß man eine umfangreiche Kenntnis versch. Kunstbereiche voraussetzen, wie aus den folgenden drei Beispielen hervorgeht: Die techn. Unters. der Auferweckung des Lazarus (jetzt Fort Worth, Kimbell AM) hat gezeigt, daß D. nicht nur ad hoc Änderungen vornahm, sondern auch Kenntnisse von sowohl nordeurop. als byz. ikonogr. Gepflogenheiten hatte (Sullivan, 1985). Die Versuchung auf dem Berg geht, im Gegensatz zur übl. Meinung, nicht auf eine byz. Vorlage zurück, sondern verdankt vieles roman. nordeurop. Vorbildern. Die Art der Archit. und deren Verhältnis zu den Figuren in den Pilatus-Szenen findet man auf einem röm. Sesterz des Kaisers Nero wieder (Popp, 1996). Im allg. dienen die überaus reich detaillierten Archit.-Darst. zur Skandierung der Figuren. In einigen Szenen (das Musterbeispiel ist die Versuchung Christi auf dem Tempel) erreichen sie aber eine überraschende Selbständigkeit. Wenngleich das Verhältnis zw. Figur und Archit. nicht immer als räumlich "logisch" empfunden werden kann, haben die Archit.-Darst. in ihrer Schilderung eines städt. Ambiente, in dem man auch Bezüge zur realen Archit. Sienas erkennen kann, die sienes. Malerei nachhaltig geprägt. Die figurenreichen Szenen zeichnen sich durch eine dramat. Artikulation in Gruppen aus. Der Zyklus gestaltet sich aber auch als fortlaufende Erzählung durch die subtile visuelle Verkettung der einzelnen Szenen (zur Leserichtung: Earenfight, 1994). D.s raffiniertem und leuchtendem Kolorit entspricht eine genaue Wiedergabe von kostbaren Materialien (z.B. des Kosmatenwerks im Marmorthron der Madonna) und Stoffen, v.a. dem Brokat der Gewänder und des Thronbehangs. Diese Neigung wurde von Simone Martini zu einem char. Merkmal der gesamten sienes. Malerei des 14.Jh. weiterentwickelt. - D.s Spätwerk, d.h. nach der Maestà, ist nach wie vor eine terra incognita. Dazu gehört sehr wahrsch. das Fragm. der Marienkrönung in Budapest (SzM), weil Stil und Dekorationsmotive die Maestà voraussetzen. Auch das große, aus drei Registern bestehende Polyptychon aus dem Hospital S.Maria della Scala in Siena (jetzt PN) ist wohl nach der Maestà entstanden. Noch wichtiger ist viell. die nur fragm. erh. doppelseitige Maestà im Dom von Massa Marittima, über die A. 1316 in einer Sitzung der Kommune verhandelt wurde. Wahrsch. gehört auch die kleine Madonna mit vier Engeln in der NG in London sowie ein Triptychon in den brit. kgl. Slgn in diese Schaffenszeit. Letzteres war zweifellos ein franziskan. Auftrag; Bezüge zu den Fresken in der Oberkirche von S. Francesco in Assisi (Stigmatisation, Maria und Christus auf dem Thron) sind unverkennbar. - Wichtige weitere Zuschr.: Longhi (1948), die Abhängigkeit D.s von Cimabue betonend, schrieb D. (als Gehilfe in der Wkst. Cimabues) einen Anteil an den Fresken in der Oberkirche von S. Francesco in Assisi zu und betrachtete die Madonna in Castelfiorentino (Mus. della Collegiata) und die sog. Madonna Gualino (Turin, Gall. Sabauda) als eine Gemeinschaftsarbeit bzw. Arbeit D.s in Cimabues Wkst. Diese Vorschläge haben wenig Anklang gefunden, mit Ausnahme der Zuschr. der Madonna Gualino. Träfe diese Zuschr. zu, dann müßte die Taf. vor der Madonna Rucellai dat. werden, was dann aber schwer mit der Madonna Crevole und der Madonna aus Buonconvento in Einklang zu bringen wäre. Für das 1979/80 im Sieneser Pal. Pubbl. entdeckte Fresko der Übergabe eines Kastells liegt u.a. eine autoritative Zuschr. an D. vor (Bellosi, 1982); dennoch sind Ähnlichkeiten mit dem Werk des Memmo di Filippuccio nicht zu übersehen. - D. hat schulbildend die gesamte sienes. Malerei der ersten Trecento-Hälfte grundlegend geprägt. Zu den anonymen zeitgen. und jüngeren Schülern oder Nachf. gehören der Meister von Badia a Isola, der Meister von Città di Castello und der Meister der "Maestà Gondi" (ex-Goodhart Meister). Da zumindest drei von D.s Söhnen auch Maler waren (Ambrogio, Galgano, Giorgio), sind viell. einige von diesen Meistern mit ihnen zu identifizieren. Weitere und wichtigere Nachf. sind Ugolino di Nerio und Segna di Bonaventura, vermutl. ein Neffe D.s, sowie dessen Söhne Niccolò und Francesco. Zudem ist es nicht unwahrsch., daß auch die Anfänge des Simone Martini in D.s Wkst. liegen. Obwohl es zweifelhaft ist, daß Pietro und Ambrogio Lorenzetti ihre Ausb. bei D. erfahren haben, sind auch sie, v.a. in den Archit.-Darst., von ihm geprägt worden. Zum Schluß kann das Auftreten duccesker Komp. in der frz. Buchmalerei (u.a. bei Jean Pucelle) aus der Präsenz transportabler duccesker Taf. in Paris erklärt werden (Schmidt, 1999b).

WORKS

Asciano, Priv.-Slg: Kruzifixus Odescalchi, um 1285-90. Bern, KM: Madonna mit Kind und Engeln, um 1290. Boston/Mass., MFA: Triptychon, um 1310. Brüssel, Slg Stoclet (ehem.): Madonna mit Kind, um 1300; Engel (Teil der Maestà des Sieneser Doms). Buonconvento, Mus. d'Arte Sacra della Valdarbia: Madonna mit Kind, um 1280. Budapest, SzM: Marienkrönung (Fragm.), um 1310-15. Florenz, Uffizien: Madonna Rucellai, 1285. - S.Maria Novella, Gregor-Kap.: Fresken, um 1285. Fort Worth/Tex., Kimbell AM: Auferweckung des Lazarus (Teil der Maestà des Sieneser Doms). 's-Heerenbergh, Slg J.H. van Heeck: Engel (Teil der Maestà des Sieneser Doms). London, NG: Triptychon, um 1310; Madonna mit Kind und vier Engeln, um 1315; Verkündigung, Blindenheilung, Verklärung (Teile der Maestà des Sieneser Doms). - R.Coll.: Triptychon, um 1310-15. Madrid, Mus. Thyssen-Bornemisza: Christus mit der Samariterin (Teil der Maestà des Sieneser Doms). Massa Marittima, Dom: Maestà, um 1316. New York, Frick Coll.: Versuchung auf dem Berg (Teil der Maestà des Sieneser Doms). Oxford, Christ Church Gall.: Triptychon, um 1290-1300. Perugia, Gall. Naz. dell'Umbria: Madonna mit Kind und Engeln, um 1305. Philadelphia/Pa., Mus. of Art, John G.Johnson Coll.: Engel (Teil der Maestà des Sieneser Doms). Siena, Dom: Apsis-Fenster, Glasmalerei, 1287/88. - Mus. dell'Opera Metropolitana: Madonna Crevole, um 1280; Maestà, 1311 voll. - PN: Polyptychon (Nr 28), um 1305-10; Polyptychon (Nr 47), um 1310-15. - Soc. di Esecutori di Pie Disposizioni: Geißelung, Kreuzigung, Grablegung, um 1290-1300. South Hadley/Mass., Mount Holyoke College AM: Engel (Teil der Maestà des Sieneser Doms). Washington/D.C., NG of Art: Geburt Christi mit Jesaja und Ezechiel, Berufung Petri und Andreä (Teile der Maestà des Sieneser Doms).

SOURCES

Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:

ThB10, 1914

 

Other encyclopedias:

DEB IV, 1973; PittItalDuec II, 1986; DBI XLI, 1992 (Lit.); Enc. dell'arte medievale, V, R. 1994 (Lit.); DA IX, 1996

 

Printed sources:

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THIEME-BECKER

Duccio di Buoninsegna, sienes. Maler, geb. um 1255, † Anfang August 1319. Sein Geburtsjahr ist uns nicht überliefert, aber es läßt sich ungefähr berechnen. Im April 1285 erteilt die Compagnia di Sta Maria, die in Sta Maria Novella eine Kapelle besaß, D. den Auftrag, ein großes Madonnenbild zu malen. Nur einem schon erprobten und nicht gar zu jugendlichen Meister wird eine so bedeutende Aufgabe gestellt worden sein. Da D. ferner schon 1278 in Siena offiziell beschäftigt wird, darf man annehmen, daß er etwa als ein Dreißigjähriger die Madonna für die Marienbruderschaft gemalt habe. Das ergäbe als wahrscheinlichen Zeitpunkt seiner Geburt "um 1255". Die wichtigsten Urkunden über D. hat Milanesi veröffentlicht, Lisini hat alles zusammengestellt, was über D. aus den städtischen Rechnungsbüchern zu ermitteln war. Danach beginnt D. seine Laufbahn mit kunstgewerblichen Arbeiten, bemalt Cassoni und Buchdeckel. 1278, 1279, 1286, 1291, 1292, 1294, 1295 werden Zahlungen an ihn für solche Arbeiten aufgeführt, später nicht mehr. Nichts davon ist erhalten geblieben. Daß D. Miniaturen gemalt habe, ist wahrscheinlich, aber nicht beweisbar. Seit Vasari galt bei den sienesischen Schriftstellern die Meinung, D. habe für das Fußbodenmosaik im Chor des Domes Entwürfe geliefert. Milanesi hatte es leicht, durch Vergleichung der Arbeiten D.s mit den erhaltenen Mosaiken diese Ansicht zu widerlegen. Neuerdings nun glaubt Lusini (Ber. d. VII. Congresso delle Scienze, Siena, September 1913) nachweisen zu können, daß heute verlorene Teile des Pavimentes nach Entwürfen D.s angefertigt worden seien. Der Vertrag über die Madonna für Sta Maria Novella trägt das Datum vom 15. 4. 1285, ausdrücklich ist von einer tabula magna die Rede. Die Madonna Rucellai, herkömmlich nach der Kapelle dieser Kirche genannt, in der sie hängt, wird heute von der Mehrzahl der Gelehrten mit dem in diesem Vertrage bestellten Bilde identifiziert; ob mit Recht, darüber weiter unten. Am 4. 12. 1302 wird D. für eine Majestas mit Predella bezahlt. Das Bild war für die Kapelle des Stadthauses bestimmt und ist verschollen. Am 9. 10. 1308 schließt die Domopera in Siena mit D. Vertrag über eine große Tafel für den Hochaltar des Domes. Es ist dies D.s erhaltenes und bezeichnetes Hauptwerk, die Maestà, heute im Dommuseum. Die Arbeit an dem vielteiligen Altarbilde scheint nicht allzu schnell gefördert worden zu sein, denn wir haben einen Beschluß der Nove vom 28. 10. 1310, der eine Weiterführung der Arbeit fordert. Außerdem ist uns ein undatiertes Dokument geblieben, in dem eine Änderung der Zahlungsweise und Angaben über die Zahl der einzelnen Tafeln enthalten sind. Stellt man diese Urkunden nebeneinander, so läßt sich einiges Wahrscheinliche über den Verlauf der Arbeit ermitteln, aber es wird nicht klar, ob am 9. 6. 1311, als man das Werk in feierlichem Zuge, unter dem Jubel der ganzen Stadt aus dem Atelier D.s nach dem Dom brachte, - die Rechnungen für die Musikanten sind uns überliefert - das ganze Werk mit Vorderund Rückseite wirklich vollendet war. Vasari berichtet, D. habe auch für Pisa, Pistoia und Lucca Bilder gemalt: die kürzlich aufgefundene Madonna der Casa Schiff bestätigt diese Notiz zum Teil. - D. scheint ein schlechter Haushalter gewesen zu sein, denn mehrmals ist er bestraft worden, weil er seine Schulden nicht rechtzeitig bezahlt hatte. Schon im Dezember 1308 läßt er sich einen beträchtlichen Vorschuß von der Domopera geben, obwohl ihm doch eine gute Bezahlung in dem Vertrag für die Maestà zugesichert worden war. Härteste Armut ist ihm wohl fern geblieben, denn er konnte 1294 eine allerdings kleine Summe ausleihen, besaß 1292 ein Haus und 1304 einen Weinberg vor der Stadt. Wenn es erlaubt ist, aus den mageren Nachrichten zu schließen, so war D. ein eigenwilliger Kopf, der mit den Gesetzen öfters in Streit geriet. Er wurde einmal wegen Eidesverweigerung bestraft, ein anderes Mal, weil er seiner militärischen Dienstpflicht nicht genügt hatte. Die Geldverlegenheiten haben ihn auch gegen Ende seines Lebens nicht verlassen, denn Davidsohn, der die Zeit des Todes D.s, Anfang August 1319, ermittelt hat, weist nach, daß die Witwe und sieben Kinder im Oktober 1319 auf die Erbschaft verzichteten. Werke: D.s Maestà stand auf dem Hochaltar unter der Kuppel. 1506 mußte sie dem Bronzetabernakel Vecchiettas weichen, als der Hochaltar in den Chor verlegt wurde. Das Bild hing nun an der Wand neben der Sebastianskapelle; 1771 wurde es auseinandergesägt, dabei wurden Predellen und Bekrönung zerteilt und verstreut. Ein Inventar von 1776 berichtet, die Vorderseite befinde sich in der Ansanuskapelle, die Rückseite in der Sakramentskapelle. 1878 kamen die beiden Hauptstücke nebst dem Rest der Predellen und Bekrönungen in das neueingerichtete Dommuseum. Zwei Stücke der Staffeln gelangten in die Nat. Gall. in London (Heilung der Blinden, Verklärung), vier andere in die Samml. Benson ebenda (Versuchung auf dem Berge, Berufung des Petrus, Christus und die Samariterin, Ruferweckung des Lazarus), die Geburt Christi in das Kaiser Friedrich-Museum in Berlin. Dobbert hat zuerst versucht (1883), die ursprüngliche Gestalt der Maestà wiederherzustellen, sein Versuch ist mißglückt. Danach hat der Unterzeichnete (1908) auf Grund der Urkunden, der Originale und gleichzeitiger verwandter Altarbilder den Versuch erneut. Nach dieser Rekonstruktion wird die Maestà hier beschrieben. Die Vorderseite ist Maria, der Mutter und Himmelskönigin, geweiht. Die Staffel enthält sieben Bilder aus dem Jugendleben Christi, das ganz unter mütterlicher Obhut steht, von der Verkündigung an bis zum zwölfjährigen Jesus; sechs Propheten mit den Belegstellen auf ihren Spruchbändern sind, jeder auf schmaler Tafel, zwischen diesen Bildern eingeschaltet. Darüber im Hauptbild die thronende Madonna mit Engeln, Heiligen und den vier Stadtpatronen. In der Bekrönung 8 Bilder der Marienlegende, von der Verkündigung des Todes an bis zur Krönung. Jede dieser Tafeln trägt über sich auf schmaler, dachförmig zugespitzter Tafel die Halbfigur eines Engels. Die Rückseite gilt Christus. In der Predella 10 Bilder, von der (ergänzten) Taufe an bis zur Auferweckung des Lazarus, also die öffentliche Tätigkeit Jesu. Das Hauptbild schildert in 26 Tafeln sein Leben, Leiden und die Kreuzigung in Jerusalem vom Einzug bis zum Gang nach Emaus, während der Aufsatz wiederum 8 Bilder enthält mit daraufstehenden Engelhalbfiguren, Bilder, die den Erscheinungen des Auferstandenen gewidmet sind, von der Erscheinung bei verschlossenen Türen bis zum Pfingstfest. Predellen und Hauptstücke sind im wesentlichen eigenhändig, wenn sich auch hier und da Beteiligung der Schüler merken läßt, z. B. beim Judaskuß, bei den 3 Marien am Grabe usf., dagegen sind die Bilder der Bekrönung fast durchweg geringe Schülerarbeit. Man hat sich die Rahmung des Werkes schlicht vorzustellen; schon Dobbert irrte darin, daß er ihr eine zu gotische Form gab, und Lusini ist in seinem neuesten Rekonstruktionsversuch (Ross. d'arte senese VIII [1912] 70) in den gleichen Fehler verfallen. Von der Maestà aus lassen sich einige Bilder D. mit Sicherheit zuschreiben. Sie teilen sich in zwei Gruppen. Die erste charakterisiert die Epoche der Frühzeit (etwa die Jahre 1280-90), die deutlich D.s Abstammung von der sienesischen Maniera bizantina, der Schule Guidos da Siena, erkennen läßt. Dazu gehören: Siena, Akademie, No 20: die kleine thronende Madonna mit den drei Franziskanern; Florenz, Sta Maria Novella: die Madonna Rucellai (1285) - wofern man D. als ihren Schöpfer gelten läßt; Rom, Samml. Stroganoff: Ein kleines Madonnenbild (Halbfigur); London, Nat. Gall.: ein Klappaltärchen, Halbfigur der Madonna, auf den Flügeln Agnes und Dominikus. - zur zweiten Gruppe, D.s mittlerer Epoche (etwa 1290-1308), leitet über: Perugia, Pinakothek: Halbfigur der Madonna, sehr übermalt, die Engel auf dem Rahmen ziemlich unberührt; wahrscheinl. eigenhändig. Reifer ist: Siena, Akademie, No 28 (nicht eigenhändig, aber D. sehr nahe): Polyptychon. Halbfigur der Madonna zwischen Augustinus und Paulus, Petrus und Dominikus; Siena, Akademie, No 47 (aus Sta Maria della Scala): Polyptychon, Halbfigur der Madonna zwischen Agnes, Joh. Ev., Joh. Bapt. u. Magdalena; stark verdorben, nicht eigenhändig, aber D. sehr nahe. Pisa, Pal. Schiff: Halbfigur der Madonna (aus S. Francesco in Lucca); übermalt und kaum ganz eigenhändig. Als dritte Gruppe könnte man die Maestà hinzufügen (1308-11). Zeitlich sehr in die Nähe des Hauptwerkes gehört das Triptychon in London (Buckingham Palace): in der Mitte die Kreuzigung, links Verkündigung und thronende Madonna, rechts Stigmatisation des heiligen Franz und Krönung Mariä; vortreffliches Werkstattbild. - Die zahlreichen geringeren Arbeiten der Werkstatt können hier nicht aufgeführt werden. Die "Mostra Ducciana" von 1912 hat viel Interessantes ans Licht gezogen, ein unzweifelhaft eigenhändiges Bild ist nicht darunter. Die letzte Bereicherung des Oeuvre-Kataloges brachte die Versuchung auf dem Tempel, ein Predellenbild der Maestà, das ganz geschwärzt und verdorben jahrelang unerkannt in der Domopera hing und anläßlich der Mostra gereinigt worden ist. Die Madonna Rucellai hat seit Vasari für eine Arbeit des Cimabue (siehe das.) gegolten und erst Fineschi hat (1790) mit der Veröffentlichung der Urkunde von 1285 auf D. hingewiesen. Seitdem hat man sich viel mit der Frage beschäftigt, sie ist heute wenigstens soweit entschieden, daß man fast allgemein das Bild für sienesisch hält und es aus dem Werke des Cimabue gestrichen hat. Die Mad. Rucellai paßt auch nirgends in das Oeuvre des Florentiners. Seines Wesens Grundzug ist eine ernste Großheit, ein starkes Bewußtsein des Monumentalen; auch seine Technik ist großzügig und breit, obwohl diese sich ihrem Wesen nach, wie auch in der Mad. Rucellai, nicht von den Werkstattgebräuchen der Maniera bizantina entfernt. Die Mad. Rucellai ist in einer sorgfältigeren, zierlicheren Technik ausgeführt, was sogleich auf einen Maler kleiner Tafelbilder schließen läßt. Sie wirkt nicht, wie Cimabues Madonnen, durch Masse und Räumlichkeit, sie ist allein auf dem Wohllaut schöngeschnittener Flächen aufgebaut. Und eben dies hat man als einen hervorstechenden Zug der sienesischen Kunst, vor allem der Kunst D.s erkannt. Berücksichtigt man im Vergleich mit der Maestà den Zeitunterschied, so fügt sich die Madonna Rucellai ikonographisch und stilistisch zwanglos in das Werk D.s ein. Man findet neben gelungenen perspektivischen Vorstößen Unentschiedenheit im Räumlichen, im Bau der Körper und Gesichter eine zarte Weichheit, die mehr nach Anmut als nach Wahrheit fragt, man findet im gleitenden Spiel der Säume, in der Führung der Umrisse ein hochentwickeltes Gefühl für das Leben der Linie und zu alledem einen dekorativen Geschmack, ein etwas melancholisches Schönheitsgefühl, die ganz sienesisch sind, die rur D. in jenen Jahren besessen hat. In den Rundbildchen der Apostel, die neben anderen Heiligen auf den Rahmen gemalt sind, kehrt der Farbenkanon wieder, den D. für die Apostel in der Maestà verwendet, und der vollkommen des Künstlers Eigentum ist. Schließlich rückt ein Bild wie die Madonna aus Sta Cecilia in Crevole schon durch die Engel in D.s größte Nähe und ist dabei der Madonna Rucellai sehr eng verwandt. Alle diese Eigenschaften und Gründe machen es höchst wahrscheinlich, daß D. der Schöpfer der Mad. Rucellai ist und die im ersten Abschnitt erwähnte Urkunde steigert diese Wahrscheinlichkeit. Entwicklung und Wirkung. D.s Kunst wächst wie die ganze italien. Malerei des Dugento auf dem Boden der Maniera bizantina, oder genauer auf dem ihrer sienesischen Spielart, der Schule Guidos. Abgesehen von der Technik mit ihrer starken Grünuntermalung, die der Maniera bizantina überhaupt eigen ist, aber in Siena nach dem Vorbilde D.s so lange festgehalten wird, wie nirgends sonst, erkennt man diese besondere Herkunft an der Typenbildung, dem Faltenstil, der Farbenreihe, dem Ikonographischen und auch an der äußeren Bildform. D. erweicht die Härte seines Vorgängers und gibt besonders den Frauenköpfen eine zarte Anmut, zu der auch schon bei Guido geringe Ansätze vorhanden waren. In den frühen Bildern fällt es besonders auf, wie zaghaft D. daran geht, den Nebenfiguren zu Seiten der Madonna bedeutungsvolle Selbständigkeit zu geben; Engel und Heilige, ja das Christkind selbst, bleiben neben ihr allzu klein, aber das Menschlich-Mütterliche ist schon hier warm empfunden. In der mittleren Epoche wird dann auch Christus ein rechtes und kräftiges Kind, Maria ganz die zärtlich liebende Mutter. Die Maestà, obwohl hier die Intimität von dem Repräsentativen abgedämpft wird, erhebt das Mütterliche zu einer zarten Geistigkeit, die einzig ist. - Die ererbten Formvorstellungen waren in D. das Stärkste, so hat auch die Gotik sie nicht von Grund aus umwandeln können. Am meisten gibt er ihr in den Architekturformen nach, - schon in der Mad. Rucellai -, in der Gewandbehandlung ist wenig davon zu spüren, auch nicht in den ikonographischen Bildtypen. Aber Giovanni Pisano's leidenschaftliche Innerlichkeit scheint nicht ohne Einfluß auf D. gewesen zu sein. Was seine Entwicklung vor allem bestimmt, ist eben die sienesische Maniera bizantina, an der er mit der konservativen Zähigkeit des geborenen Sienesen festgehalten hat. So ist seine Kunst im Kerne mehr eine Steigerung und Veredelung des Ererbten als ein schöpferisches Umformen. - D.s ornamentaler Geschmack, sein koloristischer Takt, die Lebendigkeit seines Auges sind außerordentlich. Er hat vor seiner Zeit eine rasche Beobachtungsgabe voraus. Seine anatomischen und perspektivischen Kenntnisse sind größer als bei irgendeinem anderen Künstler der Zeit. Er malt Bilder, die Ausschnitte der Wirklichkeit zu sein scheinen, aber es fehlt ihm die starke Konzentration, die Natürlichkeit im höheren Sinne. D. hat in der Maestà die Geschichte Christi eigenartig und einzig erzählt; sie in einem großen Sinne episch neu zu gestalten, wie es etwa Giotto in Padua gelingt, das vermag D. nicht. Die Abhängigkeit von den alten Typen hindert ihn; nicht wo er frei sein könnte, wird er groß, sondern dort, wo er das Alte mit vielen lebendigen Zügen neu erzählen kann. D.s Bedeutung für Siena kann nicht hoch genug geschätzt werden; Simone Martini und die Lorenzetti sind ohne ihn nicht zu erklären, und die sienesische Malerei zehrt von ihm, solange sie bodenständig ist. Es ist D.s Verdienst, dem lyrisch-weichen sieuesischen Volkscharakter einen großen künstlerischen Ausdruck gegeben zu haben und die italienische Kunst dankt ihm die Vermenschlichung und Verinnerlichung des Madonnenideals. I. Urkunden und ältere Literatur: Milanesi, Doc. per la stor. dell' arte sen. I (1854). - A. Lisini, in Bullet. sen. di stor. patr. V (1898) 20 ff. - R. Dayidaohn, im Repert. f. Kstwiss. XXIII (1900) 313-4. - Agno Iodi Tura, Chronica sanese (1168/1352), bei Muratori, Rer. It. Script. XV. - Ghiberti, Commentarij, ed. Frey, 1886, ed. Schlosser 1911. - Vasari-Milanesi I. Borghini, Il Riposo, Flor. 1584 p. 290 u. 470. - Isid. Ugurgieri Azzolini, Pompe Sanesi, Pistoia 1649 II. Tit. XXXIII 331. Del la Valle, Lettere Sanesi, 1782 II 6477. - Fineschi, Mem. istor. 1790 I p. XLI, 99, 118. - Tolomei, Guida di Pisa, 1821 p. 84. Rumohr, Ital. Forschgn II (1827) 11 ff. - Ranieri-Gr assi, Descr. di Pisa, III (1837) 3, 209. - Milanesi, Scritti Varij, 1873 p. 83. II. Zusammenfassendes: a) Monographisches: Crowe&Cavalcaselle, Hist. of paint. in Italy, ed. Douglas, 1903 ff. I, III. - E. Dobbert, in Dohmes Kst u. Kstler, Abt. II Bd I (1878). - A. Pératé, in Gaz. des B.-Arts, 1893 I 89 ff.; II 177 ff. - O. Wu1ff, im Repert. f. Kstwiss. XXVII (1904) 99 ff. - A. Ven†uri, Stor. dell' arte ital. V (1907). - E. Jacobsen, Das Trecento in der Gemäldegal. zu Siena, 1907 p. 21 ff. - B. Berenson, Centr. Ital. painters, 1908 p. 18 ff., 162 f. - C. H. Weigelt, Duccio di B., 1911. - L. Gie Ilyin Rev. de l'art anc. et mod. XXXII (1912) 289-302. b) Entwicklungsgeschichtliches: H. Thode, im Repert. f. Kstw. XIII (1890) 1 ff. - W. Kallab, im Jahrb. der ksthist. Samml. des Allerh. Kaiserh. XXI (1900) p. 39 f. - Roger Fry, in Monthly Review, 1900 p. 147. - Joh. Guthmann, Toskan. Landschaftsmalerei, 1902 p. 57 ff. - L. Douglas, Hist. of Siena, 1904 p. 333-354; 485 ff. - Sanperei Mique1, La Pintura Mig-eval Catalana, 1911 II 25 f. III. Einzelfragen, Schule D.s: Burlington Fine Arts Club: Exhibition of Sienese Pictures, 1904. - E d. Dobbert, im Jahrb. der k. preuß. Kstsamml. VI (1885) 153 ff. L. Douglas, F. Mason Perkins u. O. Siréu, in Burlingt. Magaz. V (1904) 349 f., 581 f. - Rass. d'arte sen. I (1905) 150; II (1906) 115 ff.; V (1909) 65; VI (1910) 83; VIII (1912): De la sua scuola (Jubiläumsschr. anläßl. d. Mostra Ducciana); IX (1913) 14 ff. - C. H. Weigelt, in Bullet. sen. XVI (1909) 191-214. G. De Nicola, das. XVIII (1911) 431 ff.; ders., in Burlingt. Mag. XXII (1912/13) 147 ff. - F. Mason Perkins, in Rassegna d'arte XII (1913) 5 ff.; 35 ff. (Mostra Ducciana in Siena 1912). - J. Breck, in Art in America, I (1913) 112 f. (Schulbild der Samml. Mr. Mart. A. Ryerson, Chicago). - P. d' Achiardi, in L'Arte IX (1906) 372 (Samml. Tadini-Buoninsegni, Pisa, jetzt Florenz). - R. Schiff, das. XV (1912) 366 (Samml. Schiff, Pisa). IV. Madonna Rucellai: K. Frey, in Jahrb. d. k. preuß. Kstsamml. VI (1885) 116. - F. Wickhoff, in Mitt. d. Inst. f. österr. Geschichtsforschg X (1889) 244 ff. J. Wood Brown, im Repert. f. Kstw. XXIV (1901) 127 ff. - W. Suida, im Jahrb. d. k. preuß. Kstsamml. XXVI (1905) 28 ff. - A. Chiappelli in L'Arte X (1907) 55 ff. - Suida, das. 178 ff. u. in Monatshefte f. Kstwiss. II (1909) 64 ff. - K. Frey, in seiner Vasari-Ausg. I (1911) 355 ff. - F. Rin†elen, in Sitzungsber. d. Berl. Kstgesch. Ges. IV 1911. C. H. Weigelt, das. VII 1913. Weigelt.