Publicly available

Kentridge, William

Born
Johannesburg (Transvaal), 28 April 1955
Country
South Africa
Gender
male
GND-ID
Name Variations
Kentridge, William; Kentridge, William Joseph
Occupations
Filmmaker; Master Draughtsman; Graphic Artist; Video Artist; Performance Artist; Animater; Sculptor; Stage Set Designer; Regisseur
Places of Activity
Johannesburg (Transvaal)
View Map
By
Last edited
24.11.2025
Published in
AKL LXXX, 2014, 74

VITA

Kentridge, William (William Joseph), südafrikanischer Zeichner, Animationsfilmer, Bildhauer, Performencekünstler, Regisseur, *28.4.1955 Johannesburg (Transvaal), lebt und arbeitet dort.

LIFE AND WORK

Ausb.: 1976 B.A. Politikwissenschaften und Afrikanistik, Univ. of Witwatersrand, Johannesburg; 1981-82 Theater- und Schauspiel-Stud. an der Éc. Internat. de Théâtre Jacques Lecoq, Paris. Ausz.: 2000 Carnegie-Med.; 2003 Goslarer Kaiserring; 2008 Oskar-Kokoschka-Preis; 2010 Kyoto-Preis; 2012 Dan-David-Preis; 2019 Praemium Imperiale für Malerei, Japan Art Assoc., Tokio; 2024 Folkwang-Preis, Essen. - Aufgewachsen unter der südafrikanischen Apartheidsregierung, widmet sich K. mit seiner Arbeit den brisanten politischen Themen seines Landes. Er beginnt seine Laufbahn mit Tätigkeiten in versch. Bereichen von Theater, Film und Fernsehen. Parallel wird die Zchng zum Leitmedium seiner künstlerischen Arbeit. 1976 ist K. Mitbegr. der Junction Ave.Theatre Company, die sich mit Stücken wie The Fantastical Hist. of a Useless Man (1976), Will of a Rebel (1979) oder Sophiatown (1985) gegen Rassismus und für die Themen der Arbeiterklasse engagiert. Seine erste Ausst. zeigt er 1979. Ab 1992 wirkt K. als Regisseur und Bühnenbildner zus. mit der Handspring Puppet Company. In Kooperation mit deren Gründern Adrian Kohler und Basil Jones schafft K. für Woyzeck on the Highveld (1992) und Faustus in Africa (1995) erste animierte Zeichnungen. Gemeinsame Stücke sind außerdem Ubu and the Truth Commission (1997), die Monteverdi-Oper Il Ritorno d'Ulisse (1998) und, nach einem Roman von Italo Svevo, Zeno at 4am (2001) sowie Confessions of Zeno (2002). Mit Johannesburg, 2nd Greatest City After Paris beginnt K. 1989 die Ser. seiner char. Animationsfilme aus Kohle- und Kreidezeichnungen. Die Arbeit daran bestimmt von da an sein zeichnerisches Œuvre. Zu dieser Ser., die er später als 9 Drawings for Projection zusammenfasst, gehören auch Felix in Exile (1993), Stereoscope (1999) und Tide Table (2005). Für diese Filme ohne Drehbuch legt K., anders als in der Zellanimation, Zchngn über längere Zeitstrecken auf einem einzigen Bl. übereinander und fotografiert dabei jeden Schritt der Veränderung. Im Prozess der Überschreibungen durchdringen sich ältere und jüngere Bilder als Palimpseste. Die animierten Szenen erscheinen im Modus ständiger Transformationen als Handlungen der Bilder selbst. Über den Bewegungseindruck hinaus bilden sie komplexe Metaphern des menschlichen Lebens. Das Bildreservoire der Filme bezieht K. aus seiner unmittelbaren politischen Umgebung und persönlichen Erfahrung. Die beiden Protagonisten, Soho Eckstein, ein Fabrikbesitzer im gestreiften Anzug, und Felix Teitlebaum, ein sensibler Poet, vertreten das ambivalente Alter Ego des Künstlers. Schattenfiguren und animierte Schattenspiele nehmen eine besondere Stellung in K.s Œuvre ein. Für Shadow Procession (1999, Slg Rheingold) baut K. Figuren aus ausgerissenem Tonpapier, bei denen Undeutlichkeit und Gestaltfindung eine Rolle spielen, er spricht von "meeting the world halfway". Auch dreidimensionale Figuren und lebende Akteure erscheinen, in Form absurder Aufzüge, als Silhouettentheater. Mit seinem Interesse für optische Phänomene macht K. den Diskurs des Sehens zum Thema spezieller Arbeiten. Im Film What Will Come (has already come) von 2007 kann die auf einen runden Tisch projizierte, filmische Anamorphose erst im Zylinderspiegel, der aufrecht in ihrer M. steht, entziffert werden. Arbeiten wie Double Vision (2007, Bremen KH) enthalten eine Ser. von Doppel-Fotogr. und ein Stereoskop. Durch optische und bildpoetische Verfahren erweitert K. die Parameter des Bildraums. Von hier greift er weiter aus in Bereiche von Installation, Performance und Oper. Die Opern- und Bühnenprojekte, in denen K. Regie führt, bilden aktuelle Anlässe einzelner Werkabschnitte. Für Mozarts Oper Die Zauberflöte schafft er 2005 für das Théatre R. de la Monnaie, Brüssel, eine Guckkastenbühne mit gez. Kulissen und filmischen Projektionen in Schwarzweiß. Neben der komödiantischen Ebene der Oper bearbeitet K. ihre Themen von Aufklärung und Freimaurerei. Die Bühne wird zur Metapher der Camera Obscura. Dabei interpretiert K. die Gegensätze zw. Sarastros Tempel der Weisheit und dem Reich der Königin der Nacht durch Kontraste von Licht und Schatten. In einer Bühnenausstattung im Kolonialstil des 19. Jh. wählt er die Metapher der frühen Fotogr., um die dunkle Kammer des Entwicklungsbades kritisch gegen das grelle Licht der Erkenntnis zu setzen. Zeitgleich entsteht 2005, im Auftrag der Dt. Guggenheim Berlin, das Modelltheater Black Box/Chambre Noir, mit computergesteuerten mechanischen Figuren und Animationsfilmen. Mit einer musikalischen Schöpfung des südafrikanischen Komponisten Philip Miller vertritt die Installation die Idee einer "Zauberflöte in Afrika". Als Berliner Auftragsarbeit kreisen ihre Bilder speziell um den Völkermord der dt. Kolonialmacht an den Herero 1904 in Dt.-Südwestafrika, dem heutigen Namibia. Für das Teatro La Fenice in Venedig entstehen 2008 die drei Filme Breathe, Dissolve, Return. Bei Breathe fliegen Konfetti aus schwarzem Tonpapier durch die Luft, bis sie auf dem Untergrund entweder zufällig verwirbeln oder sich überraschend zu diskreten Figuren zusammenlegen. Return ist ein dreidimensionales Vexierspiel: Bilder rotierender Skulpturen kippen aus abstrakt zusammengesetzten Splittern plötzlich in figürliche Umrisse um, bevor sie in der Drehung wieder in die zufällige Form zurückkehren. 2010 führt K. an der Metropolitan Opera, New York, die Oper Die Nase von Dmitri Schostakowitsch, nach der gleichnamigen Erzählung von Nikolai Gogol, auf. Für die Bühne kombiniert K. mon. Animationsbilder in Anlehnung an den Suprematismus mit zeitgen. Footage-Material. Fragm., Schatten, Überschreibung und Unschärfe unterstützen die assoziative Methode. Parallel zu N.Gogols bürgerlicher Kritik unterzieht K. die Revolution selbst einer kritischen Revision, gesteigert durch Karikatur und Farce. Das Absurde wird auch zum bestimmenden Element K.s eig. Bühnenauftritte. In der Lecture-Performance I am not me, the Horse is not mine, einer Reflexion des Gogolschen Stoffes - uraufgeführt bei der Sydney Bienn. 2009 - tritt K. gegen eig. filmische Doubles an und setzt sich anhand von Geschichtsbildern und erzählten Geschichten mit den Grenzen von Wissen und Identität auseinander. Das Bühnenstück Dancing with Dada (2011) ist eine Lecture Performance in opernhafter Form mit Tanz, Sprechgesang und Orchester, die zudem Elemente der Commedia dell'Arte enthält. Uraufgeführt am Market Theatre in Johannesburg, schlägt K. mit der Produktion den Bogen zurück zu seinen eig. Anfängen des Agitprop Theaters. Zw. Filmbildern, Schattenspielen und mon. kinetischen Skulpturen gerinnt die Handlung zu einer Revision des mechanistischen Weltbildes und zu einer Kritik der Zeit. 2015 wird K. Alban Bergs Oper Lulu an der Metropolitan Opera in New York aufführen. Im filmischen Bühnenbild für die Oper greift er auf das Formenrepertoire des Dt. Expressionismus zurück. K.s universales Werk umfasst neben seinem Leitmedium der Zchng und einem umfangreichen druckgraf. Œuvre Malerei und Skulptur, Animationsfilme und Bühnenbilder, Künstlerbücher und Installationen. Lifeauftritte als Performer und wiss. Redner gehören ebenso in sein Werk wie eig. Theater- und Opernproduktionen.

WORKS

Berlin, Hamburger Bahnhof, Slg Marx: Journey to the Moon, 2003, 35mm and 16mm Filme übertragen in Schwarzweiß-Video, Ton: Philip Miller, 7:10 min; Seven Fragm. for Georges Méliès (Invisible Mending; Moveable Assets; Autodidact; Feats of Prestidigitation; Tabula Rasa I; Tabula Rasa II; Balancing Act), 2003, 16mm und 35mm Filme übertragen in 7-Kanal-Video. Bremen, KH: 6 Films: Johannesburg 2nd Greatest City after Paris, MINE, MONUMENT, Sobriety, Obesity & Growing Old, Felix in Exile, Hist. of the Main Complaint, 1989-96, 35mm Animationsfilme übertragen auf VHS-Video, Exemplar 22/40; Figures eye-to-eye, 1994, Zchng für den Animationsfilm Felix in Exile, Kohle und Pastell/Papier, 1202x1496 mm. Düsseldorf, KS NRW K20/K21: Tide Table, 2003, 35mm Schwarzweiß-Animationsfilm, übertragen auf DVD, Ton: Philip Miller, 8:53 min. Minneapolis/Minn., Inst. of Art. New York, MoMA: Preparing the Flute, 2005, Modelltheater mit Zchngn auf Papier, zwei 35mm Animationsfilme übertragen in Schwarzweiß-Video, Ton: W.A.Mozart, 21:6 min; Werkkomplex graph. Arbeiten. - Guggenheim: Black Box/Chambre Noir, 2005. Modelltheater mit Zchngn auf Papier, kinetischen Skulpturen und 35mm Animationsfilm übertragen in Farb-Video, Ton: Philip Miller, 22 min; Hist. of the Main Complaint (aus der Ser. 9 Drawings for Projection), 1996, 35mm Animationsfilm übertragen in Farb-Video, Ton: Philip Miller, 5:50 min. Rom, MAXXI.

SELF-TESTIMONIES

W.K./A.Breidbach, Thinking aloud, Köln, Johannesburg, 2005; W.K./P.Galison, The refusal of time/Die Ablehnung der Zeit. documenta 13, 100 Notes – 100 Thoughts/ 100 Notizen – 100 Gedanken, Ostfildern-Ruit 2011; Self-Portrait as a Coffee-Pot, Z./Basel 2025.

EXHIBITIONS

Solo exhibitions:

1998 Brüssel, Pal. de BA; San Diego (Calif.), MCA (K) / 2004 Turin, Castello di Rivoli MAC / 2007 Frankfurt am Main, Städel (Wander-Ausst., K) / 2007 Berlin, Hamburger Bahnhof / 2009 San Francisco, MMA (Wander-Ausst., K) / 2010 Paris, Louvre (K) / 2017 Humlebæk, Louisiana / 2019 Basel, KM (K); Kapstadt, Zeitz MCA Africa; Norval Found. / 2022 London, RA (K) / 2025-26 Dresden, SKS und Essen, Mus. Folkwang (K). -

 

Group exhibitions:

1996 Berlin, Haus der Kulturen: Colours. Kunst aus Südafrika (K) / 1997, 2002, '12 Kassel: documenta / 1999 São Paulo: Bien.; Venedig: Bienn. / 2000 Havanna: Bien. / 2001 Essen, Kokerei Zoll-Ver.: Angst / 2008 London, Haunch of Venison: Home lands - land marks. Contemp. Art from South Africa (K) / 2001 Wien, KH: Weltraum / 2020 Bregenz, Kunsthaus: Unvergessliche Zeit / 2024 Potsdam, Kunsthaus Minsk: Soft Power / 2025 Bonn, KM: From Dawn Till Dusk (K).

 

SOURCES

Printed sources:

Kunstforum Internat. 285:2022(Okt.-Dez.)P.Weibel (Ed.), Inklusion: Exklusion (K Graz), Köln 1997; C.Christov-Bakargiev (Ed.), W.K., Brüssel 1998; C.Christov-Bakargiev (Ed.), W.K., Mi. 1998; T.Gunning, Parkett 63:2001, 66-74; S.Stewart, ibid., 82-87; 10 years, 100 artists. Art in a democratic South Africa, Cape Town 2004; S.Williamson u.a. (Ed.), ArtThrob 1998-2003. The arch., Kapstadt 2004 (CD-ROM); F.Alvim u.a. (Ed.), Next flag. The African sniper reader, Z. 2005; W.K. Black Box/Chambre Noir (K Dt. Guggenheim) Ostfildern 2005; D.Krut (Ed.), W.K. Prints, Johannesburg 2006; Observatorio SD (K), Valencia 2006; C.Basualdo (Ed.), W.K. Tapestries, New Haven/Lo. 2007; Imaginations becomes reality, Pt. III, Talking pictures (K), Karlsruhe 2007; Gehen bleiben. Bewegung, Körper, Ort in der Kunst der Gegenwart (K Bonn), Ostfildern 2007; B.Law-Viljoen (Ed.): W.K. Flute, Johannesburg 2007; J.Heynen/P.Müller Tamm (Ed.), "Überleben in zukünftiger Vergangenheit". Erwerbungen 1990-2007 (K KS NRW, K20/K21), Dd. 2008; V.Loers, Paradies und zurück. Slg Rheingold in Schloss Dyck (K Jüchen), Köln 2008; S.L. Kasfir, Contemp. African art, Lo. 2020; L.Ecker, Kunstforum Internat. 285:2022(Okt.-Dez.)283-285; A.-K. Günzel, ibid. 304:2025(Juli/Aug.)297; R.Ermen, ibid. 305:2025(Sept./Okt.)232-233; id., ibid. 306:2025(Nov.)247-249.

 

Online sources:

Harvard Univ. Norton Lectures