Neshat (Našāṭ), Shirin (Šīrīn), iranisch-US-amer. Foto-, Video-, Installations- und Performancekünstlerin, Filmemacherin, Malerin, Zeichnerin, *26.3.1957 Qazvīn, lebt in New York. Verh. (ca. 1982) mit dem Architekten, Multimediakünstler und Kurator Kyong Park (geschieden). Lebenspartnerin des Filmemachers Shoja Azari.
Neshat, Shirin
Als Tochter eines Arztes wächst N. in einer bürgerlichen, von westlichen Wertvorstellungen geprägten Fam. in Qazvīn auf. Nach dem Abschluss der Schul-Ausb. im einem kath. Internat übersiedelt sie 1975 nach Los Angeles/Cal., wo bereits ihre älteren Schwestern leben. Bis zur Islamischen Revolution 1979 kehrt N. noch mehrmals zu Besuchen nach Iran zurück. In den USA besucht sie kurzzeitig das Dominican College, San Rafael/Cal., wechselt dann aber an die Univ. of California, Berkeley, wo sie 1981 ein Stud. der Malerei abschließt. Danach zieht N. nach New York, um am von ihrem Ehemann 1982 gegr. nichtkommerziellen Archit.- und Ausst.-Projekt Storefront of Art and Archit. mitzuarbeiten; dort 1987-88 als Associate Dir. sowie 1988-98 als Co-Dir. tätig. In den 1980er Jahren beteiligt N. sich, von der lokalen Kunstkritik allerdings weitgehend unbeachtet, mit malerischen, zeichnerischen und skulpturalen Arbeiten an versch., meist soziale oder politische Fragen thematisierenden Ausst. in New York (u.a. "Homeless at Home", 1986, Storefront for Art and Archit.; "Public Mirror: Artists Against Racial Prejudice", 1990, Clock Tower Gall.). Zugleich betätigt sie sich als Gast-Hrsg. einer Ausg. des unabhängigen Kunst-Mag. New Observations (1988) und als Ausst.-Kuratorin (u.a. "Homeland: A Palestinian Quest", 1989, Minor Injury Gall., Brooklyn). Als N. 1990 erstmals wieder nach Iran reist, sieht sie sich mit einem theokratischen, vollkommen vom Islam dominierten Staat konfrontiert, dessen ges., politische und kult. Struktur sich fundamental von den Lebensumständen der Heimat ihrer Kindheit und Jugend unterscheidet. Unter diesem Eindruck und insbesondere angesichts der Diskriminierung von Frauen bricht sie mit ihrer bisherigen künstlerischen Praxis und konzipiert nun Fotoarbeiten sowie ab 1996 zudem Videos und Filme, die sich vornehmlich mit der Rolle der Frau in islamisch geprägten Ges., aber auch mit weiteren Aspekten des Verhältnisses zw. aktueller iranischer und westlicher Kultur beschäftigen. Artist in Residence: 1991-92 Henry Str. Settlement, New York; 2000 Wexner Center for the Arts, Columbus/Ohio; 2001 Massachusetts MCA, North Adams. 2001 Visiting Artist, Skowhegan School of Paint. and Sculpture, Skowhegan/Me. 2004 Ehren-Prof. UdK, Berlin. 2013 Mitgl. der Jury der Internat. Filmfestspiele in Berlin. Zahlr. Ausz.: u.a. 1989 Project Grant, New York State Council on the Arts; 1995 Grant, Art Matters Found., New York; 2000 Alpert Award in the Arts, Pasadena/Cal.; Grand Prix, Gwangju Bienn.; 2002 Infinity Award, Internat. Center of Photogr., New York; 2003 01 award UdK, Berlin; Kunstpreis, Heitland Found., Celle; 2006 Dorothy and Lillian Gish Prize; 2008 Cult. Achievement Award, Asia Soc.; Media Arts Fellowship, Rockefeller Found., alle New York; 2009 Cinema for Peace Special Award, Hessischer Filmpreis; 2017 Praemium Imperiale für Malerei, Japan Art Assoc., Tokio.. - Die 1993 in der Franklin Furnace Gall., New York, gezeigte Ausst. Unveiling gilt als entscheidender Wendepunkt in N.s künstlerischer Karriere. Hier präsentiert sie erstmals rund 20 S-W-Fotogr., die z.T. bereits das Konzept der kurz darauf internat. Beachtung findenden Werkgruppe Women of Allah (1993-97; Publ. T. 1997) aufgreifen. Wie Shahrzad Ehya in ihrer Diss. (2012) betont, zeigt diese Schau N.s Fotogr. allerdings noch im Kontext mit skulptural-installativen Arbeiten, die als unmittelbare Forts. bzw. als Nachklang des Schaffens der 1980er Jahre zu verstehen sind (z.B. eine nicht betitelte Bodeninstallation aus Steinen, kombiniert mit einer Super-8-Filmprojektion). Diese formale wie inhaltliche Aspekte umfassende Kontinuität wird fortan allerdings sowohl in der kunstkritischen Lit. als auch in N.s eig. biogr. Angaben ausgeblendet und konsequent ignoriert. Die Fotoarbeiten dagegen werden nun zum durch die Konfrontation mit der aktuellen ges.-politischen Realität Irans initiierten "Nullpunkt" von N.s Kunst stilisiert. In diesen seriell gehängten Fotogr. inszeniert sich N. zunächst selbst, wobei sie einzelne Körper-Tle wie z.B. Hände, Fußsohlen oder Augen als isolierte Fragm. vor einem schwarzen Hintergrund präsentiert (z.B. Offered Eyes, 1992). Gleichzeitig entstehen z.T. ganzfigurige frontale Selbstporträts im schwarzen Tschador, aus dem heraus das freibleibende Gesicht den Betrachter selbstbewusst fixiert. Hände, Füße, das Weiß der Augäpfel, oft auch das gesamte Gesicht oder einige wenige weitere unbedeckte Hautpartien erscheinen in diesen Bildern mit Schriftzügen in Farsi mit persischen Schriftzeichen beschrieben, die Texte zeitgen. iranischer Dichterinnen wie Tahereh Saffarzadeh zitieren. Dem Betrachter zeigen sich diese Texte als rätselhafte, dekorative und primär ornamental anmutende Applikation. Das von N. hier praktizierte, auch narrative Aspekte aufgreifende "Rollenspiel" knüpft in Konzeption wie Selbstinszenierung an die gleichzeitige Praxis von New Yorker Künstlerinnen wie Cindy Sherman an. So präsentiert sie sich in einigen Fotogr. zudem mit einer Pistole oder einem Gewehr, was die ohnehin fremdartig wirkende Erscheinung der Frau im schwarzen Tschador um eine bedrohlich erscheinende Dimension erweitert. Diese potenziell martialischen Darst. reagieren nicht nur auf Presse-Fotogr. von für den militärischen Einsatz an der Waffe trainierenden iranischen Frauen, sondern evozieren zugleich eine ikonogr. Trad., die von Niki de Saint Phalles Schießbildaktionen bis hin zu bek. Arbeiten aus der New Yorker Subkultur wie z.B. einer von Richard Kern für das Sonic Youth-Video "Death Valley '69" (1985) fotogr. Aufnahme von Kim Gordon mit einem Gewehr reicht. Zu N.s durchaus ambivalent zu verstehender Foto-Ser. Women of Allah, die den Tschador einerseits als Symbol für die Unterdrückung der Frau, aber auch als Schutz vor männlicher Zudringlichkeit in der Öffentlichkeit inszeniert, gesellen sich ab M. der 1990er Jahre auch Videofilme mit zunächst ähnlicher Thematik (z.B. Anchorage, 1996). Diese Arbeiten bestehen oft aus zwei simultan auf gegenüberliegenden Wänden präsentierten Videosequenzen. So konfrontiert N. in Turbulent (1998; 1999 auf der Bienn. Venedig ausgezeichnet) den Gesang eines Mannes (S.Azari) vor männlichem Publikum mit der melancholisch anmutenden Darbietung einer Frau im Tschador (Sussan Deyhim) vor einem leeren Auditorium, um so ein gleichsam symbolisch-allegorisches Abbild der trad. Rollenverteilung von Mann und Frau in der iranischen Ges. zu visualisieren. Ähnlich verfährt sie in den ebenfalls narrativ angelegten Videoinstallationen Rapture (1999) und Fervor (2000), in welchen sich ein zaghaftes, aber eindeutiges Aufbegehren der Frauen gegenüber männlichen Ritualen oder religiös verbrämten, moralischen Belehrungen manifestiert. N.s Video- und Filmprojekte entstehen stets in Kooperation mit and. Künstlern, so auch die eine Live-Performance mit gefilmten Sequenzen kombinierende Arbeit Logic of the Birds (2001-02), an der neben Azari und Deyhim auch der Filmemacher Ghasem Ebrahimian mitwirkt. Die von RoseLee Goldberg produzierte Performance konfrontiert poetisch-mystische Texte des persischen Dichters Fariduddin Attar aus dem 12. Jh. mit der politisch-ges. Realität des zeitgen. Iran. Bei der Videoinstallation Passage (2001), die eine nicht zuletzt vom aktuellen israelisch-palästinensischen Konflikt angeregte muslimische Begräbnisprozession zeigt, stammt die begleitende Musik von Philip Glass. In den neueren, nach den Terroranschlägen des 11.9.2001 entstandenen Foto-Ser., Videoarbeiten und Filmen N.s rückt verstärkt auch N.s Leben als aus Iran stammende Künstlerin in den USA in den Fokus ihres Schaffens. Bes. erfolgreich ist der abendfüllende Spielfilm Women Without Men (2009; bei den Internat. Filmfestspielen Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet), dessen Handlung auf dem gleichnamigen Roman der iranischen, im US-amer. Exil lebenden Schriftstellerin Shahrnush Parsipur basiert. Dieses Buch, das N. zunächst auch als Grundlage für eine Videoinstallation (2008) dient, erzählt vom Schicksal mehrerer Frauen in den Wirren des 1953 von den USA und Großbritannien unterstützten Militärputsches in Iran. Mit ihren aktuelle ges.-politische Realitäten, religiös motivierte Gewalt und feministische Fragen aufgreifenden, zugleich aber auch mit poetisch-narrativen und lyrisch-musikalischen Mitteln arbeitenden Werken sieht sich N. als Grenzgängerin und Vermittlerin zw. den Werten der zeitgen. westlichen Zivilisation und einer von trad.-konservativen relig. Vorstellungen und männlichen Machtstrukturen dominierten islamischen Welt. Da sie dabei aber selbst oft mit plakativer Symbolik bzw. stereotypen Darst. wie z.B. der unterdrückten Frau im schwarzen Tschador arbeitet, wird ihr Schaffen zuweilen auch als zu sehr gängigen Klischees verhaftet kritisiert.
Some mother's son, in: A.Soueif (Ed.), Reflections on Islamic art, Doha/Lo. 2011.
Solo exhibitions:
New York: 1993 Franklin Furnace Gall.; 2001, '05 Barbara Gladstone Gall. (K) / 1997 Ljubljana, Mod. gal. (K) / 2000 Wien, KH (Wander-Ausst.; K) / 2002 Richmond, Virginia MFA (K); Rivoli, Castello (K) / 2003 Mexiko-Stadt, MAM (K) / 2005 Léon, MUSAC (Wander-Ausst.; K) / 2009 Brüssel, Barbara Gladstone Gall. (Wander-Ausst.; K) / 2013 Detroit, Inst. of Arts (K) / 2015 Washington (D.C.), Hirshhorn Mus. and Sculpt. Garden (Retr.; K). / 2021-22 München, PM (K). -
Group exhibitions:
1999 Sydney, AG of New South Wales: Voiceovers (K) / 2003 Mailand, Pal. della Ragione: Immaginando Prometeo (K) / 2013-14 Boston, MFA: She Who Tells a Story (K).
Other encyclopedias:
Delarge, 2001; R.Mißelbeck (Ed.), Prestel-Lex. der Fotografen, M. u.a. 2002; R.Lenman (Ed.), The Oxford companion to the photograph, Ox./N.Y. 2005; Künstler. Kritisches Lex. der Gegenwartskunst, Ausg. 73, H. 6, M. 2006; J.M. Bloom/S.S. Blair (Ed.), The Grove enc. of Islamic art and archit., III, Ox. u.a. 2009
Printed sources:
S.Martin, Video art, Köln/L.A. 2006; L.A. Zanganeh (Ed.), My sister, guard your veil, my brother, guard your eyes, Boston, Mass. 2006; M.Kleinschmidt, Der reflektierte Blick. Zeitgen. Positionen iranischer Künstlerinnen und Künstler zw. Orient und Okzident, Saarbrücken 2007; R.Issa (Ed.), Iranian photogr. now, Ostfildern 2008; A.C. Danto, S.N., N.Y. 2010; W.Furlong, Speaking of art, Lo./N.Y. 2010; S.Ehya, Facing up to S.N.'s Women of Allah, Diss. Berkeley 2012; E.Heartney u.a., After the revolution. Women who transformed contemp. art, M. 22013; J.Robertson/C.McDaniel, Themes of contemp. art, N.Y./Ox. 32013; A.Flammersfeld, S.N., Diss. Bonn 2014, Köln 2014; L. Lebart/M. Robert (Ed.) Une hist. mondiale des femmes photographes, P. [2020]; J.Drexler, Kunstforum Internat. 280:2022(März-April)272-274; H.Schütz, ibid. 292:2023(Nov.-Dez.)100-111; G.Padley, The women who changed photography, Lo. 2024
Online sources:
Dict. universel des Créatrices, 2023