Herzog & de Meuron, schweiz. Architektengemeinschaft, seit 1978 in Basel ansässig unter Ltg der Architekten Jacques Herzog (*19.4.1950 Basel) und Pierre de Meuron (*8.5.1950 Basel).
Herzog & de Meuron
J.Herzog studiert 1970-75 Archit. an der ETH Zürich bei Aldo Rossi und Dolf Schnebli (Dipl.) und ist 1977 Ass. bei letzterem. 1978 Bürogründung mit seinem Partner P.de Meuron als Herzog & de Meuron (nachfolgend HdM gen.; ab 1997 Herzog & de Meuron Architekten AG; seit 2009 Herzog & de Meuron Basel Ltd.). 1983 Gast-Doz. an der Cornell Univ., Ithaca/N.Y.; 1989 und seit 1994 Gast-Prof. an der Harvard Univ., Cambridge/Mass.; seit 1999 Prof. an der ETH Zürich, ETH Studio Basel; 2002 neben Roger Diener, Marcel Meili u. P.de Meuron Mitbegr. des ETH Studio Basel/Inst. Stadt der Gegenwart und seither dort Professor. P.de Meuron absolviert seine Ausb. und Ass.-Tätigkeit zus. mit J.Herzog, ist ebenfalls 1989 und seit 1994 Gast-Prof. an der Harvard Univ., Cambridge, und seit 1999 Prof. an der ETH Zürich. HdM zählen im letzten V.des 20. Jh. und im 1. V. des 21.Jh. weltweit zu den führenden Architekten und werden mit den wichtigsten Ausz. auf ihrem Gebiet gewürdigt: 1987 Kunstpreis, AK Berlin; 1994 Brunel Award, Washington/D.C.; 1996 Max-Beckmann-Preis, Frankfurt am Main; 1999 Rolf Schock Prize, Stockholm; 2001 Pritzker Archit. Prize, Los Angeles/Cal.; 2004 Med. de Honor, Santander; 2007 RIBA Gold Medal, London, und Praemium Imperiale für Archit., Japan Art Assoc., Tokio. Ihr Büro mit Hauptsitz in Basel hat Tochter-Ges. in Deutschland, Großbritannien, den USA, Spanien, der Schweiz und Frankreich, zählt insgesamt rund 350 Mitarb. aus über 40 Ländern sowie 24 Associates und wird von derzeit zehn Partnern geleitet. Neben den beiden Gründern fungieren Christine Binswanger (seit 1994), Ascan Mergenthaler (seit 2004) und Stefan Marbach (seit 2006) als Senior Partner. Robert Hösl (seit 2004), David Koch, Markus Widmer (alle seit 2008), Esther Zumsteg (seit 2009) und Andreas Fries (seit 2011) sind Partner. HdM haben bes. viel im Großraum Basel gebaut, sind mit ikonischen Werken aber auch außerhalb der Schweiz in mehreren Ländern Europas, in Amerika und Asien vertreten. - Als HdM ihre Bautätigkeit E. der 70er Jahre beginnen, ist der internat. archit. Diskurs weitgehend von der Postmoderne, das Bauen in der Schweiz von der Tessiner Tendenza um Mario Botta, Luigi Snozzi und Livio Vacchini geprägt. Die beiden Architekten lösen sich von den verkrusteten Formen der Spätmoderne, verzichten jedoch auf das Spiel der Zitate eines "anything goes" und nutzen statt dessen die neue Freiheit zu einer grundlegenden archit. Rech. von Mat. und Volumen. Unscheinbare Mat. wie Dachpappe für die Fassade eines Fotostudios in Weil am Rhein werden durch eine ungewohnte Verwendungsweise neu einsetzbar, bei einzelnen Bauten wie einem Sperrholzhaus bei Basel wird ein Baustoff in einer großen Breite von Verarbeitungs- und Funktionsformen durchgespielt. Die Volumen werden bald zur Erörterung grundlegender Fragestellungen reduziert, und HdM zählen schnell zu den Protagonisten der Schweizer Einfachheit, die bald als Swiss Box zu internat. Ansehen gelangt und im Mus.-Gebäude für die Slg Goetz in München ihren frühen Höhepunkt erlebt. Wie wenig es HdM aber um die Entwicklung eines Stils oder die Identifikation ihrer Werke mit dem bald beliebten Sichtbeton der Deutschschweizer Archit. geht, macht bereits das komplexe Gefüge von sichtbaren und unsichtbaren, tragenden und nichttragenden Elementen des Gebäudes für die Slg Goetz deutlich. Der zunächst rechtwinklige Raum vieler früher Bauten erlaubte es, Fragen der Raumfolge, des Raumflusses, des Verhältnisses von Innen und Außen, des Aufbaus der Fassade, des Zusammenspiels von Tragwerk und Fläche, der Interaktion von Fassade und Volumen Schritt für Schritt in überprüfbaren Parametern durchzuarbeiten. Bis hin zu jüngsten Projekten werden Grundtypen wie das Haus auf den Prüfstand gebracht, in ihre Komponenten zerlegt und neu verbunden. Das priv. Haus dient oft als Unters.-Objekt grundlegender archit. Fragen, die dann in den größeren Maßstab von Fabrik- und Laborbauten, Bibl., Mus., Spitälern, Geschäften, Einkaufszentren und Sportstadien übertragen werden. Dabei tritt der Primat der Funktion aus der klassischen Moderne hinter die Wahrnehmung eines Gebäudes im urbanen Kontext zurück. Die Erfüllung des Anforderungsprofils eines Bauwerks ist HdM eine Selbstverständlichkeit, bei Firmenbauten wünschen sich Auftraggeber ohnehin einen weitestgehend flexiblen Raum, der sich in der Art der Industriehalle jederzeit veränderten Zwecken anpassen lässt. Archit. entwickelt dort Qualität, wo sie über diese Mindestanforderung hinausgeht. Das öff. Erscheinungsbild, mithin die Fassade als Gesicht und Kontaktfläche zur Umwelt gewinnt an Bedeutung. Nicht von ungefähr gelingt HdM nach einer ersten internat. Beachtung für das Blaue Haus in Oberwil b. Basel (1979/80) und das Steinhaus im ital. Tavole/Ligurien (1982-88) der internat. Durchbruch mit dem Lagerhaus für die Ricola AG im schweiz. Laufen (1986/87), dessen Fassade ein Bild ländlich anmutender Bretterstapel, mithin des Lagerns, aufruft. Diese Bildhaftigkeit für die Struktur oder Funktion eines Gebäudes bzw. die spezifische Situation von dessen Standort, findet sich in Werken bis hin zum neuen de Young Mus. in San Francisco wieder (1999-2005). Mit ihren vielfältigen Fassadenbedruckungen geben HdM einen zentralen Impuls für die Rehabilitation des Ornaments in der zeitgen. Architektur. Viele ihrer Bauten prägen sich in unserer von Bildern überfluteten Ges. als Bilder der Stadt ein. Ein Gebäude wie die Bibl. in Eberswalde (1994-99) teilt durch die Bedruckung der Fassadenelemente der Umgebung ihre Funktion mit. Die schwammartige Oberfläche des Forum 2004 Building and Plaza in Barcelona verdichtet die Situation an der Meeresküste in ein archaisches Bild. Das gläserne Haus des Prada Aoyama Epicenter in Tokio (2000-03) zieht wie ein Fischbecken die Blicke geradezu magisch an und strahlt nachts wie eine Laterne in die umliegenden Straßen. Bei vielen dieser Bauten radikalisieren HdM die Idee einer filmischen Erfahrung des städtischen Raums, die ein Fritz Lang in seinen Filmen genutzt hat und in der Postmoderne wieder rudimentär anklingt: Sie gestalten sorgfältige Raumfolgen zw. Innen- und Außenbereichen, die sich nur in der Bewegung erfahren lassen und wie etwa im span. TEA, Tenerife Espacio de las Artes (1999-2008) überdies als topogr. Gelenkstücke ganze Stadtviertel neu erschließen. Dabei steht die Analyse des Ortes einschl. seiner Gesch., Nutzungen, sozialen und geogr. Gegebenheiten, aber auch der inhärenten Dynamik am Beginn eines Entwurfs. Die bestechende Offenheit der Vorgehensweise schließt die Zusammenarbeit mit bild. Künstlern ein. H. hat nicht nur selbst zu Beginn seiner archit. Karriere eine Reihe von Kunstwerken geschaffen, sondern HdM haben im Gründungsjahr ihrer Fa. 1978 auch Joseph Beuys für eine Aktion im Rahmen der Basler Fasnacht gewonnen und ihn bei deren Realisierung unterstützt. Später werden neben vielen and. Künstlern vor allem Rémy Zaugg und Thomas Ruff, dann auch Ai Weiwei zu wichtigen Gesprächspartnern. Dieser berät HdM beim Nat.-Stadion in Beijing für die Olympischen Sommerspiele 2008. Mit Zaugg wird 1991/92 die programmatische urbanistische Studie „Basel. Eine Stadt im Werden?“ entwickelt, deren Instrumentarium sich in der späteren Landesanalyse „Die Schweiz - ein städtebauliches Portr.“ (mit Diener, Meili u. Christian Schmid am ETH Studio Basel Inst. Stadt der Gegenwart, 2006) fortführen lässt. Zaugg beeinflusst aber v.a. mit seinen theoretischen Überlegungen zur Mus.-Planung „Das KM, das ich mir erträume“ den konzeptuellen Zugang zur Neusituierung des Mus. als Ort der Wahrnehmung, die HdM ab den frühen 90er Jahren wesentlich prägten. Die Ausformulierung des White Cube als Interaktionsbehältnis zw. Werk und Betrachter mit der entsprechenden Gest. von der Proportionierung bis zur Belichtung ist eine ihrer zentralen Leistungen. Dazu kommt die Ausweitung dieses Konzeptes auf ein neues Anforderungsprofil, das Museen als zentrale Begegnungszentren der Kommunikations- und Wissens-Ges. versteht und in der Tate Modern in London (1994-2000) eine erste globale Ikone erhält. In den Großprojekten, die mit diesem Bauwerk in London (1994-2000) einsetzen, wird auch zunehmend deutlicher, wie sehr die Auseinandersetzung mit zentralen Gestalten der klassischen Moderne in den eig. archit. Diskurs von HdM eingeschrieben ist. Bereits im kleinen Maßstab von Privathäusern lassen sich Echos auf Le Corbusiers Forderung einer „promenade archit.“ ausfindig machen, die bei komplexen Bauten zu einer Topogr. der archit. Lsch. ausgebaut ist, in die sich ganz unideologisch und häufig auch pragmatisch die verschiedensten Anregungen einbinden lassen. Das Konzept eines fließenden Raums von Donald Judd findet ebenso natürlich seinen Platz, wie die Kunst-Lsch. einer Plaza in Santa Cruz de Tenerife zw. dem Meer und den Bergen der Vulkaninsel vermittelt. So verwundert es nicht, wenn in versch. Projekten der letzten Jahre, etwa dem neuen Verwaltungsturm für die Roche AG in Basel mit seinen horizontalen Bändern oder dem Miami AM in Florida mit seiner Evokation von Ludwig Mies van der Rohes Neuer NG in Berlin, Elemente der klassischen Moderne wieder aufgegriffen werden. HdM verwenden sie nicht abbildhaft oder regressiv, sondern vielmehr zur Überprüfung des Diskurses einer immer stärker auf Solitäre eingeengten Archit. der biomorphen Formen und reagieren damit auch auf einen Mentalitätswandel nach den ersten Krisen des 21. Jahrhunderts. Bauten sind lt. HdM stets auch ein „petrifiziertes Psychogramm“ ihrer Auftraggeber. Archit. erfinden ist für sie stets eine Form des Nachdenkens über die Gegenwart. Dazu haben sie das Format der Ausst. von Archit. neu entwickelt und um entscheidende Impulse aus der Gegenwartskunst bereichert. „Archit. Denkform“ ist der Titel einer frühen programmatischen Ausst. (1988 Basel, Archit.-Mus.). - Bed. Projekte im Bau bzw. in der Planung: Erweiterung der Tate Modern, London (seit 2005); Hochhaus "Triangle" für den Parc des Expos. an der Pl. de la Porte de Versailles, Paris; Miami AM, Miami/Fla. (beide seit 2006); Hauptsitz für die Finanzgruppe BBVA, Madrid (seit 2007); Kolkata MMA; Porta Volta Fond. Feltrinelli, Mailand (beide seit 2008); Parrish AM in Walter Mill b. Southhampton, Long Island/N.Y.; Guadalajara Mus. of Mod. and Contemp. Art, Guadalajara/Mexiko; Wohnturm "Beirut Terraces"; Kultur- und Tanzzentrum, São Paulo; Bürohochhaus Roche Bau 1, Basel; Masterplan Expo Milano 2015, Italien (alle seit 2009).
J.Herzog u.a., Mit allen Sinnen spüren. J.Herzog im Gespräch mit Sabine Kraft und Christian Kühn, in: Sturm der Ruhe. What is archit.?, Sg. 2001, 63-75; R.Diener/J.Herzog/M.Meili/P.de Meuron/C.Schmid, Die Schweiz. Ein städtebauliches Portr., I-III, Basel 2005 (mit geogr. Karte); HdM, The Canary Islands. Open-Closed. An urban research study on the Canary Islands, Basel 2007; J.Herzog u.a., Konzept und Fälschung. J.Herzog im Gespräch mit Ai Weiwei, in: J.Burckhardt u.a. (Ed.), Parkett (Z.) 2007(81)122-145; J.Herzog u.a., J.Herzog, in: C.-A. Henry u.a. (Ed.), Interviews, II, Mi. 2010, 552-560.
Solo exhibitions:
1991 Venedig, Schweizer Pavillon 5: Internat. Archit.-Bienn. / 1995 Paris, Centre Pompidou (K) / 1996 Tokio, TN Probe Gall. / 2000 Minneapolis Walker Art Center / 2000, '05 London, Tate Modern /2002 Montreal, Centre Canadien d’Archit. / 2004 Münchenstein (Basel), Schaulager / 2005 Rotterdam, Netherlands Archit. Inst. / 2006 München, Haus der Kunst; New York, MMA / 2007 Southampton (N.Y.), Parrish AM; Miami (Fla.), Miami AM. -
Group exhibitions:
1996, 2008 (mit Ai Weiwei) Venedig: Internat. Archit.-Bienn. / 1999 New York, MMA: The unprivate house / 2001 Mailand, Fond. Prada: Works in progress / 2008 Hong Kong: Hong Kong & Shenzhen Bi-City Bienn. of Urbanism and Architecture.
Other encyclopedias:
I.Rucki/D.Huber (Ed.), Architekten-Lex. der Schweiz 19./20. Jh., Basel u.a.1998
Printed sources:
U.Jehle-Schulte Strathaus, Herzog & de Meuron. Archit. Denkform (K Archit.-Mus.), Basel 1988; S. von Moos, in: Lesearten. Texte zur Archit., unter anderem. Gespräch mit H. & Pierre de Meuron vom Frühjahr 1985, Z. 1989, 79-88; Herzog&de Meuron. Archit. im KV München (K KV), M. 1991; El Croquis 1993(60); 1997(84); 2002(109/110); 2006(129/130); 2011(152/153); Archit. of Herzog and de Meuron. Portr. by Thomas Ruff, N.Y. 1994; a+u 300 1995; 2:2002(Sonderheft); 8:2006(Sonderheft); 2011(Sonderheft); Herzog & de Meuron. Slg Goetz, Ostfildern-Ruit 1995; R.Zaugg, Herzog & de Meuron. Eine Ausst. An exhib., Ostfildern-Ruit 1996; G.Mack, Herzog & de Meuron. Das Gesamtwerk. The complete works, I: 1978-1988; II: 1989-1991; III: 1992-1996; IV: 1997-2001, Basel u.a. 1996-2009; C.Hürzeler, in: Herzog & de Meuron. Urban projects. Collaboration with artists. Three current projects (K), IV, To. 1997, 49-71 (Interview mit J.Herzog); Herzog & de Meuron. Zchngn. Drawings, N.Y. 1997; AV Monografías 1999(77); 2003(91); 2005(114); 2007(Sonderheft); 2011(Sonderheft); G.Mack/V.Liebermann, Herzog & de Meuron. Eberswalde Libr., Lo. 2000; R.Moore/R.Ryan (Ed.), Herzog & de Meuron. Building Tate Modern (K), Lo. 2000; R.Zaugg, Eine Archit. von Herzog & de Meuron. Eine Wandmalerei von R.Zaugg. Ein Werk für Roche Basel, Basel u.a. 2001; P.Ursprung (Ed.), Herzog & de Meuron. Natur-Gesch., Ml./Baden 2002; G.Celant (Ed.), Prada Aoyama Tokyo. Herzog & de Meuron, Mi. 2003; Herzog & de Meuron, Vision Dreispitz. Eine städtebauliche Studie, Basel 2003; C.Bechtler (Ed.), Pictures of archit. Archit. of pictures. A conversation between H. and Jeff Wall moderated by Philip Ursprung, W. 2004; A.Blauvelt (Ed.), Expanding the Center. Walker Art Center and Herzog & de Meuron, Minneapolis 2005; D.Ketcham, The de Young in the 21st c. A new mus. by Herzog & de Meuron, Lo. 2005; S.Kunz u.a., Ein Kunsthaus. Sammeln und Ausstellen im Aargauer Kunsthaus, Baden 2007; Über Archit. und Bild. H. und Gottfried Boehm im Gespräch, ed. T.Vischer, Göttingen 2008.