Gu, Wenda (Gu Wenda), chin. Maler, Kalligraf, Siegelschneider, Konzeptkünstler, *14.10.1955 Shanghai, lebt in New York.
Gu, Wenda
Stud.: Hschn. an der School of Arts and Crafts in Shanghai (Abschluss 1976) sowie Selbst-Stud. der chin. Lsch.-Malerei in der Trad. von Li Keran; China Acad. of Art, Hangzhou (Abschluss 1981) im Fachbereich trad. chin. Malerei; ferner Privatunterricht bei Lu Yanshao. 1987 als Stipendiat des Canada Council Übersiedlung nach Ontario, anschl. in die USA zum Stud. an der Acad. of Art College in San Francisco. Nennt sich seither Wenda G. gemäß der westlichen Schreibweise. Lehrtätigkeit: 1981-87 China Acad. of Art, Hangzhou; 1989-90 Univ. of Minnesota, Minneapolis, und Gast-Prof. am Cooper Union in New York; später an weiteren Univ. und KA in den USA sowie in Norwegen und Schweden. Seit 1981 Mitgl. der Jury für Internat. Artists Residence of PS1 Mus., New York, sowie des Student Award of Chicago Art Institute. Ausz.: 1984 Preis für hervorragende Werke in der All-chin. Kunst-Ausst.; Canada Council for Foreign Visiting Artists; Pollock-Krasner Found. - Von der trad. chin. Lsch.-Malerei kommend, beginnt G. bereits während der Studienzeit eigenwillige, innovative Ausdrucksmöglichkeiten der trad. Tuschetechnik zu erforschen. Die doppeldeutige, bisweilen erotisch aufgeladene Metaphorik seiner frühen experimentellen Werke (z.B. Sky and Ocean, Three Goddesses, 1982) bringt ihm jedoch scharfe Kritik im Rahmen der Kampagne gegen geistige Verschmutzung (1983) ein. Inspiriert von der Pittura metafisica De Chiricos, von Francis Bacon sowie den Schriften von Nietzsche, Schopenhauer und Freud, beginnt G. gleichzeitig auch mit Ölmalerei zu experimentieren, wie das Selbstporträt Wisdom of the Blind zeigt. Ab 1984 setzt er seine Erfahrungen mit westlicher Phil. sowie asiatischem Mystizismus und Religion (Chan-Buddhismus, Daoismus) vorwiegend im Medium der trad. chin. Tuschemalerei (guohua) um, jedoch unter Verzicht auf die char. Pinselführung (cunfa). Seine anfänglichen Arbeiten zeigen in expressiven Tuschetechniken (pomo) erzeugte semi-abstrakte Lsch. mit spirituellen Anklängen (z.B. das 6 m lange Totem Age, 1987; Dunhuang; Sketch of Huangshan). Teilw. sind sie mit großen Schriftzeichen (Begriffen aus der trad. Kunsttheorie oder aus dem Alltagsleben) übermalt oder mit vom Surrealismus (Dalí) inspirierten Ansätzen (The Hist. of Civilization) versehen. Gleichzeitig beschäftigt sich G. mit Bildteppichen, beeinflusst vom bulg. Künstler Marin Varbanov, Gründer des Varbanov Wall Hanging Art Research Dep. (Wanman bigua yishu yanjiusuo) an der China Acad. of Art, Hangzhou. G.s Interesse an der Erprobung neuer, universeller Ausdrucksmöglichkeiten, um die trad. chin. Malerei "auf die Spitze zu treiben" und um "die Grenzen zw. Ost und West zu transzendieren", zeigt sich v.a. in seiner "dekonstruierten Kalligraphie" ("error-word calligraphy"), einem wichtigen Trend der frühen chin. Konzeptkunst. Fortan entstehen unorthodoxe, mon. "Zeichen-Bilder" (language works) in Tusche auf Papier (z.B. Pseudo-Characters Series, 1984-86; Die Welt der Meditation, 1985, Hongkong, Mus. of Art), in denen G. Schriftzeichen zerlegt und neu zusammenfügt. Hierbei stellt er Zeichen auf den Kopf, schreibt sie spiegelbildlich oder setzt absichtlich falsche oder selbst erfundene Zeichen ein, um sie in einen vollständig neuen Kontext zu stellen, mit dem Ziel, alte Lesegewohnheiten zu brechen und dem Betrachter eine unbekannte, irrational-mystische und intuitiv erfahrbare Bedeutungswelt vor Augen zu führen. Hierbei bedient sich G. zumeist der archaisch-exotischen Siegelschrift (zhuanshu) oder mon., an Reklametafeln erinnernder Zeichen mit inhaltlichem Bezug zur chin. Phil., Poesie oder zu revolutionären Propagandaslogans. Die Verwendung von Schriftzeichen (gemalt oder geschnitzt in Form von Siegeln) als bildnerisches und konzeptuelles Element prägt auch G.s frühe, aufsehenerregende Installationen, darunter Stille ruft Weisheit hervor (Tusche, Acryl/Seide montiert auf Papierpaneele, 1983-86), Positive-Negative (1986), Stille ruft Inspiration hervor (Bildteppiche, Mixed media, 1986), The Characters Zheng and Fan sowie das bek. An unfinished game of difficult chess remains on the floor (interaktive Installation, Mixed media, gezeigt an der York Univ., Toronto, 1987). Char. ist ebenfalls die Farbe Rot, für G. eine "Farbe des Schreckens, eine Verneinung der Vereinigung" sowie ein Sinnbild der sog. Roten Kultur der Kulturrevolution (1966-77), an der er als Rotgardist und Gestalter (Mitgl. eines Propagandakomitees) von roten "Plakaten mit großen Zeichen" (dazibao) teilhatte. Angesprochen wird mitunter der Missbrauch der Sprache für politisch-propagandistische Zwecke. Die ikonoklastische Verwendung der Schrift und der Schriftkunst, in China ein Bestandteil einer ehrwürdigen nat. Kultur-Trad., um vertraute Ideen und Begriffe durch deren Entfremdung und Zerstörung kritisch in Frage zu stellen (zeitgleich auch bei Xu Bing und Wu Shanzhuan zu beobachten), erregt bei der Nat. Ausst. der Jugend (Beijing, 1986) großes Aufsehen und zugleich heftige Kritik seitens der Autoritäten der offiziellen Kunstszene: G.s Werke werden als obszön, abergläubisch und als unerwünschte Manifestation eines individualistischen Selbstausdrucks diffamiert. In seiner Auseinandersetzung mit Fragen der kult. Identität und kult. Unterschiede beginnt G., nach seinem freiwilligen Exil in den USA (1987), sich Praktiken der Body-art zu bedienen. Für seine kontroversen Arbeiten 2000 Natural Deaths. Oedipus Refound (Serie von Installationen, Mixed media, 1990-92; 1. Teil in der Hatley Martin Gall., San Francisco), Placenta Jars (1990-95) und The Enigma of Blood (1993) verwendet er z.T. benutzte Hygienebinden und Tampons, zus. mit schriftlichen Dok. der Donatorinnen sowie nach Methoden der trad. chin. Medizin hergestelltes Placenta-Pulver. Unter dem Einfluss amer. Künstler lässt sich gleichzeitig eine zunehmende Reduktion der Mittel beobachten: Die Arbeiten Projekt-De (Environment, Pourrières, 1990); Red, Black, White Desert (Installation, Long Beach, 1990); Vanishing Pigment. Thirty-Six Golden Sections (Land-art-Projekt, Fukuoka, 1991) und Liquid, Dried, Scorched White (Installation, 1991), geprägt von tiefgründigen phil. Reflexionen sowie einer animistisch-relig. Grundhaltung, offenbaren G.s fortwährende Beschäftigung mit dem Prozess von Werden und Vergehen, Leben und Tod, mit widersprüchlichen, jedoch komplementären Polen (Ost/West, trad. chin. Kultur/Kulturpolitik des Kommunismus, Vergangenheit/Zukunft), deren Grenzen er in seinem Leben und Werk zu überwinden versucht. Angeregt durch die multikulturelle Atmosphäre seiner Wahlheimat New York arbeitet G. seit 1993 (Polish mon., Łódź) an einem großen globalen Kunstprojekt mit dem Titel United nations. Hierbei konstruiert er mon. nations- und ortsspezifische Installationen (Mixed media). Die an Tempel erinnernde "bio-cultural mon.", z.T. aus Ziegeln, durchsichtigen Bannern und Vorhängen, sind vorwiegend aus dem Haar von (bis heute schätzungsweise 1 Million) Menschen versch. Nationen gefertigt. Zentral sind neben Fragen der Ästhetik (shenmei chenshu) die Aspekte Sprache und Kommunikation: Aufgepresste, unleserliche Pseudo-Schriftzeichen (Englisch, Hindi, Arabisch, Chinesisch, Hebräisch) aus Haar stehen für die Unzulänglichkeit, Unübersetzbarkeit und Absurdität von Sprache sowie für Mißverständnisse bezüglich unserer Kenntnisse der spirituellen und materiellen Welt. Mit seinen komplexen geogr., biologischen, sozialen, politischen, hist. und kult. Bezügen gilt das Projekt als Ausdruck einer utopisch-universellen, auf "fundamentalen Wahrheiten" beruhenden Summe menschlicher Erfahrung und Gemeinschaft. Die spielerisch-konzeptuelle Auseinandersetzung mit Sprache bzw. den Schwierigkeiten transkultureller Kommunikation bestimmt ferner die mon. Installation Forest of Stone Steles. Retranslation and Rewriting of Tang Poetry (1993-2005), bestehend aus 50 beschrifteten Steinstelen (beilin) mit je einem in chin. Sprache gemeißelten Gedicht aus der Tang-Dynastie, seiner engl. Übersetzung, einer phonetischen Übersetzung aus dem Englischen ins Chinesische sowie einem Gedicht des Künstlers. In jüngster Zeit ist auch ein Rückgriff auf die Mat. Tusche und Papier, "cultural icons" der chin. Kunst-Trad., bzw. deren Transformation und Erweiterung zu beobachten: Schreibpapier wird aus Teeblättern produziert (Tea Alchemy, Installation, 2000-03, 30000 Papierblätter zu trad. chin. Faltbüchern gebunden), und aus Haar unterschiedlicher Herkunft (nach wie vor ein Symbol für die Vermischung der Menschenrassen, die nach seiner idealistisch-utopischen Vision in eine "brave new racial identity" vereint werden) fertigt G. Tusche (Black Silk Rain-Human 101, Mixed media, 2000; Ink Alchemy, 2000-01), die auch als Schreib-Mat. verwendet wird, wie in der Performance Post Translation & Rewriting of Tang Poem No. 2 (Utsunomiya Mus. of Art, Japan, 2000). - G. gilt als erster chin. Künstler, der Pinsel und Tusche für Konzept- und Installationskunst einsetzt, und er gehört mit seinen provokativen frühen Arbeiten zu den wagemutigsten und kreativsten Vertretern der Avantgarde im Rahmen der Kunst der Neuen Welle (xinchao yishu) sowie der Kunstbewegung '85 (bawu yishu yundong) in China. Seine frühen Experimente mit abstrakt-spiritueller Malerei in Tusche auf Papier legen den Grundstein für eine neue Strömung in der zeitgen. chin. Tuschemalerei, die als Malerei von Gelehrten (xuezhe huihua) oder Universal Current (yuzhouliu) bezeichnet wird und die jüngere Vertreter der experimentellen chin. Tuschekunst (shuimo yishu; engl. mod. ink and wash art) der 90er Jahre nachhaltig prägen sollte. G. gilt zudem als einer der bekanntesten und erfolgreichsten in der Diaspora lebenden chin. Künstler sowie als wichtiger internat. Vertreter des "Global Conceptualism."
Jiangsu huakan 50:1985(2)24 s., 29-31; Oedipus refound # 2. The enigma of birth; installation, Ox. 1993; Enigma beyond joy and sin. W.G., an ongoing art project, Kingston, R.I. 1994; Sdaimvsianrea. An ongoing life project, N.Y. 1994; The divine comedy of our times. A thesis on United Nations art project and its time and environment, N.Y. 1995; The Orient. The Chin. division of an ongoing world-wide art project, United Nations for the twenty-first c.: 1993-2000, N.Y. 1995.
Solo exhibitions:
1986 Xi'an, KG des chin. Künstler-Verb. / 1987 Toronto, AG of York Univ.; Yangtze AG / New York: 1995 Alternative Mus.; Khanh Gall.; Ise Art Found. / 1996 Tel Aviv, Binet Gall. / 2001 Paris, Enrico Navarra Gal. / 2003-04 Denton (Tex.), Univ. of North Texas AG (Wander-Ausst.; Symposium; K). - United Nations-Exhib.: Taipei, Hanart Gall.: 1991 Taiwan Memorial. Lost Kingdom; 1997 Taiwan Mon. The Mythos of lost Dynasties / 1993 Łódź, Muz. Historii Miasta Łodzi und SZM: Poland Mon. Hospitalized Hist. Mus. / 1994 Mailand, Enrico Garibaldi Arte Contemp.: Italy Mon. God and children; Otterlo, Kröller-Müller Mus.: Holland Mon. v.o.c. - w.i.c. / New York: 1995 Space Untitled Gall.: USA Mon. Nr 1. Post-cmoellotniinaglpiostm / 1998 P.S.I Contemp. AC u.a.: China Mon. Temple of heaven / 1995 Tel Aviv, Israeli Cult. Ministry and the Artists' Mus.: Israel Mon. The holy land / 1996 London, Angel Row Gall.: Britain Mon. Maze; Stockholm, Färgfabriken Center for Contemp. Art and Archit.: Sweden and Russia Mon. Interpol / 1997 Hongkong, Hanart TZ Gall.: Hong Kong Mon. Conflicts of hist.; Vancouver, Univ. of Brit. Columbia: Vancouver Mon. The Metamorphosis / 1999 Berlin: Germany Mon. A new berlin wall.; San Francisco, MMA: Babel of the millennium / 2000 Kwangju, Nigata Internat. Art Festival: Man and space; Buffalo (N.Y.) u.a., Univ. of Buffalo AG: Great wall of the millennium; Lyon, Bienn. d'art Contemp.: Temple exoticism / 2001 Sydney, NG of Australia: Australia Mon. Epnagcliifsihc. -
Group exhibitions:
Hangzhou: 1984, '85 KH der Prov. Zhejiang: Ausst. der Vrg für chin. Lsch.-Malerei / Beijing: 1988 China AG: All-Chin. Ausst. der Kalligraphie und Siegelschnitzerei (2.Preis); Sechs alte chin. Städte; Nat. Kunst-Ausst. der Jugend; 1989 China Avantgarde (K) / Shanghai: 1979 Shanghai AM: Shanghai Art Exhib.; 1987 Ausst.-Halle: Contemp. Tapestry of China; 1996, '98 Shanghai Bienn. (beide K) / 1985 Wuhan, Ausst.-Halle: Ausst. neuer Werke trad. chin. Malerei / 1987 Lausanne: Internat. Teppich-Bienn. / 1988 Lavalin: Scripta manent; Trondheim, KIM: Neo-Trad. / 1989 Stanford, Stanford Art Assoc. Gall.: Ninth annual Faber Birren / Hongkong: 1989 Hanart TZ Gall.: Blackness Show (Wander-Ausst.; K); 1993 ibid.: China's New Art, Post-1989 (K); 1997 Convention Centre: Hong Kong Handover / 1990 Pourrières: Chine demain pour hier (K) / 1993 Oxford, MMA: Silent Energy (K); Sydney, MCA: Mao goes Pop, China Post-89 (K) / 1995 London, BM: Trad. and Innovation. Twentieth-c. Chin. Paint. (Wander-Ausst.; K); Barcelona, Centre d'Art Sa.Monica: Des del Pais del Centre. Avantguardes artistiques Xineses (K) / 1996 Tokio, Watari-um: Chin. contemp. Art (K) / Seoul: 1997 Sonje MCA: In between Limits. An Aspect of Chin. contemp. Art (K); NG of Contemp. Art: Babel Tower / 1997 Johannesburg: Bienn. / 1998 Chicago, Smart Mus. of Art: Transience. Chin. Experimental Art at the End of the twentieth C.; Shenzhen, Guan Shanyue AM: Shenzhen Ink Paint. Bienn.; Vancouver, Art Beatus: Contemp. Art from China (K) / 1999 Lyon: Bienn. d'art contemp.; Taipei, FA Mus.: The Power of Language (Wander-Ausst.; K) / 2000 Macau, Contemp. AC: Futuro / 2001 Chengdu: Bienn.; Xi'an, Convention Centre: Abstract Ink Paint. / 2002 New York, Asia Soc. and Mus.: New Way of Tea; Heidi Neuhoff Gall.: The Gesture; Mexiko-Stadt, Mus. de Arte Carillo Gil: Translated Acts; Paris, Espace Cardin: Paris-Pékin (K) / 2002-03 Guangzhou: Guangzhou Trienn. (K) / 2011 Luzern, KM: Shanshui (K) / 2017-18 New York, Guggenheim: Art and China after 1989 (K)
Printed sources:
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Online sources:
Website G.