Huang Yong Ping (Huang, Yong-ping; Huang Yongping), chin.-franz. Konzeptkünstler, *18.2.1954 Xiamen/Prov. Fujian, †19.10.2019 Paris.
Huang, Yong Ping
1978-82 Stud. der Ölmalerei an der Zhejiang Acad. of FA, Hangzhou. 1982-89 Lehrtätigkeit in Xiamen. 1986 Gründungs-Mitgl. der Xiamen Dada Group zus. mit Lin Jiahua, Jiao Yaoming und Yu Xiaoming. 1989 anlässl. der Ausst. Magicien de la Terre (CNAC) Reise nach Paris. Anschl. (auch wegen der Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens, Beijing, 4. Juni) entscheidet sich H. dort zu bleiben. Ausz.: 1992 Stip. Schloß Solitude, Stuttgart; 1998 Hugo Boss Prize. - In seiner vehementen Ablehnung des zeittypischen, kritiklosen Nachahmens westl. Malerei sowie der bis Mitte der 1980er Jahre dominierenden sog. "humanistischen (renwen reqing) Kunst", wendet sich H. nach dem Stud.-Abschluss von der (abstrakten) Malerei ab und widmet sich als Pionier der chin. Konzeptkunst einer experimentell-subversiven Kunstpraxis, die stark geprägt wird von seiner Beschäftigung mit dem Daoismus und dem Zen-Buddhismus. In seinen in versch. bed. Zss. veröff. Texten, die einen großen Einfluss bei der Entwicklung der konzeptionellen Kunst (guannian yishu) im Rahmen der sog. "85er Bewegung" (bawu yishu yundong) M. der 1980er Jahre hatten, verweist H. wiederholt auf die Geistesverwandtschaft zw. der östl. Phil. und Ästhetik und seinen stark prägenden Vorbildern der westl. mod. und postmod. Phil. und Kunst, wie den Poststrukturalisten (M. Foucault, F. de Saussure), Yves Klein, John Cage, Joseph Beuys und v.a. Marcel Duchamp, dessen Werk H. nachhaltig prägen sollte. Legendär sind H.s die Kulturbürokratie stark herausfordernde ikonoklastische "anti-Art"-Aktionen (1983-88) in der südchinesischen Stadt Xiamen im Rahmen der Künstler-Gem. Xiamen Dada, deren erklärtes Ziel es war, eine anarchische Kreativität zu entwickeln und sich gegen die offizielle Bevormundung und Definition von Kunst aufzulehnen. 1985 entwickelt H. die Idee einer "nicht-expressiven Malerei" (feibiaoda huihua), mit der er sich gegen das vorherrschende Primat des "Sich-selbst-Ausdrückens" (ziwo biaoxian) und der "Schönheit der Form" (xingshi mei) wendet. Inspiriert von altertümlichen chin. Weissagungssystemen, wie das Yijing (Buch der Wandlungen) stellt er zw. 1985 und 1988 eine Reihe von Geräten ("Scheibenläufer") her, die der zufälligen, mechanischen Kunstgenerierung dienen und die an Duchamps Rotoreliefs erinnern. Das Zufalls-Prinzip und die Entpersonifizierung des schöpferischen Prozesses waren nach Ansicht des Künstlers nicht nur Ausdruck eines dadaistischen Konzeptes, sondern letztendlich die Manifestation von Grundprinzipien der daoistischen und zen-buddhistischen Phil. und Ästhetik, die Huang als "Eastern Spirit" (dongfang jingshen) bezeichnete. Das Konzept des Zufälligen bzw. der Rückgriff auf das altchin. Orakelwesen soll auch H.s spätere Werke prägen (House of Oracles, 1989-92; One Hundred and Eight Oracle Slips, 1993; Travel Guide for 2000-2042, 2000). Ein frühes Schlüsselwerk ist die Arbeit Zhongguo huihua shi he Xiandai huihua jian shi zai xiyiji li jiaoban le liang fen zhong (Gesch. der chin. Malerei und Kurze Gesch. der mod. Malerei, zwei Minuten in der Waschmaschine gewaschen; 1987/93, erste Version nicht mehr erhalten). Nach eigenen Angaben bringt H. mit diesem in offiziellen Kunstkreisen als "unverständlicher Nonsens" gebrandmarkten Konzept der Reinigung durch Zerstörung sein Misstrauen gegenüber allen Sprachsystemen und den damit verbundenen Machtstrukturen, so auch den dualen Kategorien Ost-West oder Mod.-Trad. zum Ausdruck. Die Idee von der semantischen Leere als Ausgangspunkt neuer Möglichkeiten, welche die Grundlage der sog. language works (wenzi yishu) weiterer bedeutender Konzeptkünstler Mitte der 1980er Jahre (Gu Wenda, Wu Shanzhuan, Xu Bing) bildete, sowie der performative Akt des Waschens bzw. die Strategie der schöperischen Dekonstruktion sollte H. in späteren installativen Arbeiten wieder aufgreifen (Reptile, 1989/2007; Unreadable Humidity, 1991; Müssen wir noch eine Kathedrale bauen, 1991; Metallschrank, gewaschene Ztgn., 1994; Kiosk, 1994). Seit seiner Übersiedlung nach Europa 1989 konzentriert sich H. vornehmlich auf postkolonialistische Fragestellungen und setzt sich für die durch die übermächtige westl. Diskurse und das autoritäre (Kunst-)System an den Rand gedrängte "Freiheit der Stimme des Anderen" ein. So offenbart die Arbeit Tongdao/Passage (1993) eine Auseinandersetzung mit eig. Erfahrungen als "Outsider", mit Migration und nat. Identität. Bestimmend für H.s großformatige, aus natürlichen Materialien hergestellten, oftmals ortsspezifischen skulpturalen Arbeiten sind die zahlr. und vielschichtigen Bezüge zu Aspekten der trad. chin. Kultur. Immer wieder greift er auf die trad. chin. Alchemie und Heilkunst zurück, wie in der Arbeit Pharmacy (1995-97), um die positivistische westl. Medizin der integrativen chin. gegenüberzustellen. Zahlr. Arbeiten bedienen sich Motiven aus dem Tierreich. Seine häufig in Käfigen eingesperrten, in verschiedensten Materialen nachgebildeten, z.T. auch ausgestopften Tieren und Insekten, die zumeist aus einem chin. symbolischen Kontext stammen, werfen fundamentale Fragen zu einer Neueinordnung und Restrukturierung der globalen Welt auf, indem sie Themen wie die Beziehung zw. Kunst und Leben, Menschen und Natur, Ausgrenzung und Koexistenz ansprechen. Dabei wurden seine kontroversen Arbeitsentwürfe, lebendige Tiere zu benutzen, unter der Berufung auf den (westl.) Tierschutz wiederholt untersagt oder frühzeitig abgebrochen (z.B. die Terminal, 1996; Yellow Peril, 1993; Theater of the World/Théâtre du monde (1993-95, Köln 1999). Die bek. architektonische Intervention One Man, Nine Animals (Venedig-Bienn. 1999) mit ihren auf an chin. Akupunkturnadel erinnernden Holzstämmen angebrachten, neun fantastischen Kreaturen, welche nach der chin. Mythologie (Shanhai jing/Classic of the Mountains and Seas) die Kraft besitzen, drastische Veränderungen in der Welt vorherzusagen (Krieg, Dürre, Hunger etc.), weist auf eine ungewisse globale Zukunft hin. Im Auftrag des Mus. Océanographique de Monaco (2011) schuf H. ein 25 Meter langes, an eine Krake erinnerndes Hybridwesen, das auf die Katastrophen hinweist, die der Mensch im Lebensraum Meer verursacht hat. Religionskonflikte bilden ein weiteres Themenfeld H.s. Ein umfassender Bedeutungswandel relig. wie künstlerischer Natur wird in Tausendarmiger Buddha (1997) thematisiert: Auf dem Münsterer Marienplatz vor der St. Ludgeri-Kirche baute H. einen überdimensionierten, Marcel Duchamps Egouttoir (1914) nachempfundenen Flaschentrockner. Anstelle von nur Kultgeräten, die der Tausendarmige Bodhisattva des Mitgefühls (Guanyin) – für H. ein Symbol unerschöpflicher Verwandlung und unbehinderter Tatkraft – trad. in den Händen hält, präsentierten die Flaschentrockner-Hände (von Schaufensterpuppen) etliche profan-alltägliche und buddhistisch-sakrale, östl. und westl. Utensilien. Mit der Arbeit Trois pas – neuf traces (1995) bricht H. wiederum die Schranken zw. Religionen (Buddhismus, Christentum, Islam) und verweist auf die Spiritualität als Zentrum aller Glaubensrichtungen (vgl. auch die an der Venedig-Bienn. 2009 gezeigte, mon. biomorphe Skulpt. Buddha’s Hands, 2006; Two Typhoons, Skulpt. aus mit Feuer bearbeitetem Papier mit Gebettexte in tibetischer und arabischer Sprache, 2001, oder das gigantische buddhistische Gebetsrad Om Mani Padme Hum, Holz, Kupfer, Bronze, gebranntes Papier, 2002). Mehrere krit. Werke H.s beziehen sich explizit auf die europ., v.a. brit. Kolonialgeschichte. (11 June 2002 - The Nightmare of George V, 2002, Palanquin, 1997 und Eight-Legged Hat, 2000). Auf die komplexe Gesch. zw. Großbritannien und China im 19. Jh. anspielend, ist die 20 Tonnen schwere, aus Sand gefertigte, vergängliche Skulptur Bank of Sands (2002/05/08), die das 1923 in Shanghai errichtete Brit. HSBC-(Hongkong and Shanghai Banking Corporation) Gebäude nachbildet. Da Xian - The Doomsday (1997) besteht aus mon. Schalen mit typischen, von der Compagnie des Indes erzeugten, hybriden westl.-chin. (Porzellan-)Dekor, die mit Nahrungsmitteln gefüllt sind, welche das Ablaufdatum 1. Juli 1997 (das Datum für die Rückgabe Hongkongs an China) haben. Eines seiner kontroversesten politischen Werke ist das mehrteilige Bat Project (2001-05), indem er das amer., als "Bat" (Fledermaus) bek. Spionageflugzeug in Originalgröße rekonstruierte, das nach dem Zusammenstoß mit einem chin. Kampfjet im chin. Luftraum 2001 zur Notlandung gezwungen wurde, was eine heikle polit. Situation zur Folge hatte. Wegen diplomatischen Spannungen unter chin., frz. und amer. Beamten wurde die Präsentation des Projekts in China wiederholt von offizieller Seite erschwert oder verhindert, wie bei der Guangzhou-Trienn., 2002. Mit seiner Forderung nach Entideologisierung und Emanzipation der Kunst und seinem konzeptionellen Radikalismus zählt H. ab den frühen 80er Jahren zu den provokativsten Agitatoren und bedeutendsten Vertretern der jungen chin. Avantgarde. Mit seinen seit 1989 im Ausland realisierten, ironisch-kritischen Werken, die einen Dialog zw. konzeptueller westl. Kunst und trad. chin. Denksystemen schaffen und vielschichtige interkulturelle Konfliktsituationen und hegemoniale Machtstrukturen ansprechen, gehört H. heute zu den internat. renommiertesten und erfolgreichsten Künstlern aus China.
Solo exhibitions:
1990 Aix-en-Prov., ÉcBA; Avignon, ebd.; Rouen, ebd. / 1991 Frankfurt, Gal. Fenster der Städelschule / Paris: 1992 (K), ’95 Gal. Fromen & Putman; 1994, ’97 Fond. Cartier pour l'Art Contemp.; 1996 MN des Arts d’Afrique et d’Océanie (K); 2006 Gal. Anne de Villepoix; 2009 Gal. Kamel Mennour; EcBA / 1993 Stuttgart, Akad. Schloß Solitude / New York: 1994 New Mus. of Contemp. Art; 1997, 2000 Jack Tilton Gall.; 2002, ’07, ’09 Barbara Gladstone Gall. / 1996 Marseille, Atelier d'Art. de la Ville de Marseille (K) / 1997 Amsterdam, De Appel (K); Genf, Art & Public (auch 2002); Luxemburg, Gal. Beaumont (auch 2003; K) / 1999 Kitakyushu, Project Gall., Center for Contemp. Art (K); Taipei, Lin & Keng Gall. (K) / 2004 Chalon-sur-Saône, Mus. Denon (mit Yan Pei Ming); 2005 Minneapolis, Minn.: Walker AC (Wander-Ausst.; K) / 2006 Ile de Vassivière, Centre Intern. d'art et du paysage de l'ile de Vassivière (K) / 2008 Odense, Kunsthallen Brandts; London, Barbican; Oslo, Astrup Fearnley MMA (K); Beijing, UCCA / 2010 Monte Carlo, Mus. Océanographique de Monaco / 2011 Nottingham, Nottingham Contemp.
Group exhibitions:
Xiamen: 1983 Cult. Pal. of Xiamen: Exhib. of Five Artists; 1986 Xiamen Dada/Verbrennungsaktion von Arbeiten; 1987 Aktionen: Mülllagerung; Wie man Kunstwerke los werden kann; Verknotet; Festgebunden / Beijing: 1989 China AG (NAMOC): China/Avantgarde; 2001 Courtyard Gall.: Re-Configuration: Works on Paper (Wander-Ausst.); 2007 UCCA: 85 New Wave, The Birth of Chin. Contemp. Art; 2009 CNCC: Reshaping History, Chinart from 2000 to 2009; 2011 Tang Contemp. Art: Tracing the Milky Way / Paris: 1989 CNAC/Gr. Halle de la Villette: Magiciens de la Terre; CNAC: 1994 Hors-Limites, (L'Art et La Vie 1952/1994); 2007 Airs de Paris; 2008 Traces du sacré (Wander-Ausst.; K); 1994 MN des Arts d’Afrique et d’Océanie: Gal. des 5 Continents; 1998 Fond. Cartier pour l'art contemp.: êtrenature; 2000 MAMVP: Paris pour escale; 2005 Louvre: Contrepoint. De l’objet d’art à la sculpt.; 2006 Grand Pal: La force de l’art; 2008 Jardins du Pal. Royal: Le Jardin emprunté / 1990 Pourrières: Chine demain pour hier / 1991 Pittsburg, Carnegie Mus. of Art: Carnegie Intern. 1991 / Tokio: 1992 Watari-um Mus. of Contemp. Art: Résistance; 1997 Shiseido Gal.: Promenade in Asia 2; 2008 Nat. AC: Avant-Garde China : Twenty years of Chinese Contemp. Art (Wander-Ausst.) / 1992 Prato, Mus. d'Arte Contemp.: Small Medium Large: Lifesize / Berlin: 1993 HKW: China Avant-Garde (K); 1995 Künstlerhaus Bethanien: Linien & Zeichen (K) / 1993 Columbus, Ohio, Wexner Center for the Arts: Fragmented Memory: The Chin. Avant-Garde in Exile; Oxford, MMA: Silent Energy / 1993 Glasgow, MCA: Coalition / 1994 Otterlo, Kröller-Müller Mus.: Heart of Darkness; Seoul, NM of Contemp. Art: A Coll.: Fond. Cartier pour l'Art Contemp.; Rouen, EcBA: Hommages à M. Duchamp / 1995 Köln, Mus. Ludwig: Unser Jahrhundert, Menschenbilder-Bilderwelten; Rotterdam: Manifesta 1 / 1997 Wien, Secession: Cities on the move (Wander-Ausst.; K); Johannesburg: Bienn.; Münster: Skulptur. Projekte in Münster 1997; Graz: Inklusion: Exklusion (K) / New York: 1998 Asia Soc. Gall.: Inside Out: New Chin. Art (Wander-Ausst.; K); The Guggenheim Mus. Soho: Hugo Boss Prize 1998; 1999 Queens Mus. of Art: Global Conceptualism: Points of Origin 1950-1980 / Luxemburg: 1998 Luxembourg Forum d'Art Contemp.: Gare de l'Est, Casino; MAM Grand-Duc Jean: China Power Station III (Wander-Ausst.) / 1998 Minneapolis (Mass.), Walker AC: Unfinished Hist. (Wander-Ausst.); 1999 Bonn, KM: Zeitwenden; Köln, Mus. Ludwig: Kunstwelten im Dialog / 2000 Shanghai, AM: Bienn.; Gent, Stedelijk Mus. voor Actuele Kunst: Over the Edges / 2001 Yokohama: Intern. Trienn. of Contemp. Art; Shenzhen, OCT Ecology Plaza: Transplanted Site: Fourth Sculpt. Exhib. / 2002 Guangzhou, Guangdong AM: Reinterpretation: A Decade of Experimental Chin. Art, 1990-2000. First Guangzhou Trienn.(K); São Paulo: Bienn.; Karlsruhe, ZKM: Iconoclash / Venedig: 2003, ’09: Bienn.; 2009 Punta della Dogana und Pal. Grassi: Mapping the Studio: Artists from the F. Pinault Coll.; Pal. Grassi: The World belongs to You / 2004 São Paulo: Bienn.; Liverpool: Bienn.; Lyon, MAC: Le Moine et le Demon (K); Antwerpen, MuHKA: All under heaven: Ancient and Contemp. Chin. art. The Coll. of the G. & M. Ullens Found. / 2005 Montpellier, Montpellier Bienn. of Contemp. Chin. Art (K); Bern, KM: Mahjong. Chin. Gegenwartskunst aus der Slg. Sigg (Wander-Ausst.; K) / 2005-06 Buffalo, N.Y., Albright-Knox AG: The Wall: Reshaping 20 Years of Contemp. Chin. Art (Wander-Ausst.; K) / 2006 London, Serpentine Gall.: China Power Station: Part 1 (Wander-Ausst.); Milano, Mus. di Fotogr. Contemp.: Wherever we go; Vallauris: Bienn. Intern. de Ceramique Contemp. Vallauris / 2007 Milano, Gall. Massimo de Carlo: The Yan Pei-Ming Show; Istanbul: Bienn. / 2008 Karlsruhe, ZKM: Medium Religion / 2009 Lyon: Bienn.; Fukuoka: Fukuoka Asian Art Trienn.; Moskau: Bienn. / 2010 Gwangju: Bienn. London, Carlson Gall.: Yan Pei-Ming, Destinies & H. / 2018 Bangkok: Art Bienn.
Other encyclopedias:
Delarge, 2001; M.Sullivan, Mod. Chin. artists, Berkeley u.a. 2006
Printed sources:
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Online sources:
Gladstone Gall. (Lit. bis 2009).