Fleury, Sylvie, schweiz. Performance-, Installations-, Videokünstlerin, *24.6.1961 Genf, lebt dort.
Fleury, Sylvie
In den 80er Jahren Ausb. in Fotogr. in New York, ansonsten Autodidaktin. Unter dem Pseud. Silda von Braun Umbau der eig. Wohnung zur Zahnarztpraxis und Slg von Objekten, die das Rote Kreuz gekennzeichnet hatte. Ab 1987 Ass. des Genfer Künstlers John Michael Armleder; 1990 erste Ausst. zus. mit ihm und Olivier Mosset in der Gal. Rivolta, Lausanne, mit der installativen Arbeit C'est la vie; erste Präsentation aus der Reihe Shopping Bags, in der F. volle Einkaufstaschen aus Edelboutiquen in scheinbar nachlässiger Weise in den Gal.-Raum stellte. Damit etabliert sie sich in der internat. Kunstwelt; kurz danach folgen zahlr. Gruppen- und Einzelausstellungen. 1992-94 Ausz. mit dem eidgenöss. Stip. für freie Kunst. - Installative Vorgehen spielen eine zentrale Rolle in F.s Schaffen, Video und performative Elemente sind seit M.der 90er Jahre ebenfalls in ihre Werke integriert. Die in den Shopping Bag-Inszenierungen in Anlehnung an Ready-made aufgenommenen Motive des Konsums (Luxusgüter, Mode, weibl. Lebensbereiche) und des Begehrens sind mit unterschiedl. Gegenständen in zahlr. weiteren Arbeiten fortgeführt (Kelly Bag; Chanel No 5; Gucci Mules, 1997). Bereits die ersten Werke waren Ausgangspunkt für die stetig wiederkehrende Kritikerdebatte, ob F.s Verfahren als subversiv oder affirmativ zu begreifen sei. Mit dem von ihr eingeführten Begriff des Customizing, dem persönl. und identitätsstiftenden Aneignen massenkultureller Produkte, versucht sie sich jenseits dieser binären Zuordnung zu situieren. Mit der Selbstbezeichnung als Fashion Victim lehnt sie eine klare Kritik am Konsum ab. Mit Mondrian Boots und Mondrian Fake Furs (1992 in Zürich, Shedhalle, gezeigt) erweiterte sie das Referenzfeld auf Phänomene der Hochkultur. Dabei eignet sich F. typ. Rechteckbilder von Piet Mondrian an, indem sie diese als modische Schuhe vervielfältigt oder mit farbigen Pelzelementen versetzt. Das Problem der Vermarktbarkeit von Kunst wird im Video Walking on Carl André, 1996, radikalisiert. Eine Frau schreitet in hochhackigen "Mondrian-Stiefeln" über eine Bodenarbeit von André und nutzt diese als Laufsteg. 1994 erstmals Inszenierung der Serie First Spaceship on Venus zus. mit dem Genfer Discjockey Sidney Stucki; Gruppen von Raketen in vielfältigen Mat. (Aluminium, Styropor, Fell), vorerst aufragend und silbern, später farbig oder auch eingeknickt, sind ein ketzer. Kommentar auf aus der männl. Welt stammende Vorstellungen von techn. Fortschritt und Eroberungswünschen. Im Video Current Issue, 1995, bezieht F. erstmals Elemente aus der Populärkultur ein; die Kamera ist über die Schultern einer am Pool liegenden Frau auf das von ihr durchgeblätterte Modemagazin gerichtet. Als dokumentar. Realzeitvideos im Sinne von Andy Warhol werden die Fibeln der Modeszene durchgearbeitet und die Betrachtenden über ihre voyeurist. Position mit ihrem eig. Begehren konfrontiert. In Moisturizing is the answer, 1996, kombiniert F. Elemente der Popkultur mit stilist. Übernahmen aus der Hochkultur, indem sie den Satz in Anlehnung an Bruce Naumann mit Neonröhren schreibt. 1997 Gründung eines ausschließl. Frauen vorbehaltenen Automobilclubs; She-Devils on Wheels wurde in versch. Ausst. als Headquarter vorgestellt und diente teils als Beraterzentrale für Autozubehör. Seit 2000 widmet sich F. in versch. Arbeiten der Esoterik und nimmt damit erneut ein Modethema auf, dem sie 2001 in Karlsruhe (Mus. für Neue Kunst) eine Ausst. widmet: S.F. 49000; mit dem Kürzel S.F. gibt sich F. ein Branding, das sie von da an zur Selbstbezeichnung verwendet; der zugehörige Kat. (ed. G.Adriani) kann als Künstlerbuch bez. werden und zeigt F. in zahlr. Fotos in versch. Rollen. Die unentschiedene Selbstinszenierung findet ihre Parallele in Arbeiten, mit denen sie keine klaren Positionierungen auf Luxus, Mode oder Konsum beabsichtigt, sondern die Systeme und das Begehren als komplexe und widersprüchl. Spannungsfelder darlegt. Durch das Prinzip des Customizing versucht sich F. zudem von häufig mit ihr assoziierten Tendenzen wie Pop oder Appropriation Art abzusetzen. Mode als ephemeres Phänomen übernimmt sie als Prinzip in den Kunstkontext und kommentiert damit dessen Mechanismen, nachdem beliebige Gegenstände darin sofort zum Fetisch werden.
Solo exhibitions:
1991 Bonn, Gal. Philomene Magers: Vital Perfection (K) / 1992 Amsterdam, Gal. van Gelder / 1994 New York, Postmasters Gall. / Genf: 1996 MAMC: First Spaceship on Venus; 1999 Gal. Art + Public / 1998 Zürich, Migros Mus. / 2000 Tuscon (Ariz.), Elisabeth Cherry Contemp. Art / 2003 Berlin, Gal. Chouraki Brahms / 2016 München, Villa Stuck. -
Group exhibitions:
1991 Nizza, Villa Arson, Centre nat. des Arts plast.: No Man's Time / 1992 Hamburg, Deichtorhallen: Post Human (K Wander-Ausst.) / 1993 Venedig: Bienn. (Aperto & Mac226) / Zürich, Kunsthaus: 1994 Endstation Sehnsucht (K: B.Curiger); 1998 Freie Sicht aufs Mittelmeer (K) / 1995 Paris, MNAM: Fémininmasculin / 1997 Grenoble, Le Magasin, Centre nat. d'Art contemp.; Melbourne, Austral. Center for Contemp. Art: Love Hotel / 1998 Frankfurt am Main, Schirn: Freie Sicht aufs Mittelmeer / 1999 Liverpool, Tate Gall.: Heaven; Düsseldorf, KH: Heaven (K: D.LeVitte Harten) / 2000 Stockholm, Mod. Mus.: What if / 2002 Bern, Mus. für Kommunikation: Happy. Das Versprechen der Werbung / 2003 Paris, Centre cult. suisse: Comment rester Zen / 2013 Salzburg, MdM Mönchsberg: Flowers & Mushrooms (K) / 2021-22 Herford, Marta Herford: Look! Enthüllungen zu Kunst und Fashion (K) / 2025 Neuss, Langen Found.: Slg Ringier (K).
Other encyclopedias:
BLSK I, 1998 (Lit.); Delarge, 2001
Printed sources:
E.Troncy, Artscribe internat. 1991(9)55 ss.; E.Janus, Artforum 30:1991/92(9)78-91; P.Weibel u.a., S.F. The art of survival (K Neue Gal. am LM Joanneum), Graz 1993; L.Bovier, S.F., fiche artiste Nr 24, MAMC 1995; T.Holert, Süd-dt. Ztg Mag. v. 20.9.1996, 36-39 (Interview); S.F. First spaceship on venus and other vehicles (K Bien. São Paulo), Baden 1998; E.Troncy, Beaux-arts mag. 1999(Dez.)118-121; J.Koether, Parkett (Z.) 2000(58)109-115; U.Grosenick (Ed.), Women artists, Köln u.a. 2001; id./B.Riemschneider (Ed.), Art now. 137 artists at the rise of the new millenium, Köln 2002; P.Halley, Index (N.Y.) 6:2002, 78-88 (Interview); Schöner leben. Werke aus den FRAC-Slgn Aquitaine, Limousin, Poitou-Charentes, Les Abattoirs, Toulouse (K), Da. 2005; D.Denaro (Ed.), Branding. Das Kunstwerk zw. Authentizität und Aura, Kritik und Kalkül (K Biel), Nü./Biel 2006; G.Jansen/P.Weibel (Ed.), Faster! Bigger! Better! Signetwerke der Slgn im ZKM Mus. für Neue Kunst (K Karlsruhe), Köln 2006; P.Weibel/G.Jansen (Ed.), Light art from artificial light (K Karlsruhe), Ostfildern 2006; J.Collins, Sculpt. today, Lo./N.Y. 2007; Slg/Coll. Migros Mus. für Gegenwartskunst Zürich, 1978-2008 (K), Z. 2008; D.Denaro (Ed.), Aurum. Gold in der zeitgen. Kunst (K Biel), Nü. 2008; R.Wiehager, Blitzen-Benz Bang. Mixed Media, Skulpt., Auftragswerke (K Daimler Art Coll.), Ostfildern 2009; G.Holler-Schuster/C.Steinle (Ed.), Rewind, fast forward. Die Video-Slg (K Neue Gal. am LM Joanneum), Graz 2009; M.Stoeber, Kunstforum Internat. 280:2022(März-April)251-253; J.Restorff, ibid. 304:2025(Juli/Aug.)218-220.
Online sources:
Dict. universel des Créatrices, 2023; Thaddaeus Ropac; Salon 94