Fahlström, Öyvind, schwed. Maler, Grafiker, Multimediakünstler, Dichter, Dramatiker, Filmemacher, Kunstkritiker, *28.12.1928 São Paulo, †9.11.1976 Stockholm. Lebte seit 1961 vorwiegend in New York.
Fahlström, Öyvind
Sohn eines norweg. Vaters aus Trondheim und einer schwed. Mutter aus Stockholm, erhält er eine portug.-engl. Erziehung an einer brit. Schule in São Paulo. Im Sommer 1939 Besuch bei seiner Fam. in Schweden. Der Ausbruch des 2.WK verhindert die Rückkehr nach Brasilien. Einschulung in Stockholm. 1948 Übersiedlung seiner Eltern dorthin. F. entscheidet sich für die schwed. Staatsangehörigkeit. 1949-52 humanistische Studien, Kunstgesch., Archäologie an der Univ. Stockholm, Spezialisierung auf dem Gebiet der präkolumbischen Handschriften. Reisen nach Paris und Italien. F. interessiert sich für Poesie und Theater, beginnt seine journalistische Tätigkeit. Bereits zu dieser Zeit unterhält er Kontakt mit den europ. Avantgarden. Dank der Vermittlung des im Stockholmer Exil lebenden estnischen Dichters Ilmar Laaban tritt er in Paris in Verbindung mit Edouard Jaguer, dessen Zs. Rixes 1950 erste Gedichte von ihm abdruckt. F. gilt als der erste schwed. Vertreter des Surrealismus, der dessen automatische Verfahren bei seiner Arbeit an konkreter und visueller Poesie zur Geltung bringt. Neben Laaban gehört er zu den Hrsg. der Stockholmer Avantgarde-Zs. Odyssé, die eine Rolle bei der schwed. Rezeption von Marcel Duchamp spielt und in der er 1954 (Nrn 2-3) sein im Vorjahr verfasstes Manifest für konkrete Poesie veröffentlicht (cf. Chevrier, 2001, 353). F.s bildkünstlerische Produktion hatte bereits 1952 einen ersten Höhepunkt erreicht mit Opera, einem zwölf Meter langen mit Filzstift gezeichneten abstrakten Bildstreifen mit formalen Anspielungen sowohl auf die präkolumbische als auch auf die zeitgen. Kultur der "Comics". Im folgenden Jahr hatte er auch seine erste Einzelausstellung in der Gall. Numero in Florenz, bei der dieses Werk zu sehen war. 1950-61 lebt F. abwechselnd in Stockholm, Paris und Rom. 1955 tritt er der von Jaguer inspirierten internat. Gruppe (oder Bewegung) Phases bei und nimmt (mit Opera) an der von diesem geleiteten Ausst. in Paris teil. Er findet in diesem Umkreis (und in der gleichnamigen Zs.) die zeitgen. Künstler, die er am meisten bewundert, seine "dieux pénates", wie er sie ironisch nennt: Roberto Matta, Jean-François Arnal und Giuseppe Capogrossi bilden seine "trinité". In regem Austausch mit diesen Künstlern, deren Arbeiten er auch als kritischer Journalist in schwed. Zs. (Expressen, Paletten, Konstrevy) kommentiert, nimmt F. ein umfangreiches episches Projekt in Arbeit, für das eine Novelle des kanad. Science-Fiction-Autors Alfred Elton Van Vogt als lit. Muster gedient hat, bricht es jedoch nach Vollendung des zweiten Bildes ab, das ihn zwei Jahre intensiver Arbeit gekostet hat (1955-57), Ade-Ledic-Nander II, ein Hw. (Stockholm, Mod. Mus.), für das er 1959 auf der 5. Bienn. seiner Heimatstadt São Paulo eine Ausz. erhalten wird. Er entwickelt hier formal-motivische Bildelemente, die von nun an eine char. Rolle in seiner Kunst spielen werden. Er spricht von "formes-signes" oder "character-forms", d.h. belebten Form-Wesen, hieroglyphischen Zeichen, die Kräfte und Energien verkörpern, je nach Kontext und gemäß bestimmten Spielregeln ihren Charakter annehmen, abwandeln oder verlieren, sich gruppieren oder bekämpfen. Diese Charakter-Formen assoziieren sich in unzähligen Episoden und ordnen sich ihrerseits in größere umfassende Gebilde oder Felder ein, die nicht nur örtliche, sondern auch zeitliche Abgrenzung bedeuten können. F. gibt die klass. Raum-Zeit-Einheit des Bildgeschehens auf und engagiert den Betrachter in eine narrative Rezeption, eine regelrechte Lektüre des Bildes, in dessen unzählige, mit großer Detail-Schärfe ausgeführte Episoden er sich vertiefen soll - einzige der Komplexität dieser Bildstruktur angemessene Verhaltensweise des Betrachters. Ein Bild soll nach F.s Auffassung nicht mehr mit einem Blick zu erfassen sein. Die Inspiration zu diesem viel- und kleinteiligen Bildaufbau mit seiner wimmelnden Fülle von Protagonisten findet F. offensichtlich in der Welt der Comics, vor allem der Undergroundcomics, die ihm zugleich ein unerschöpfliches Reservoir von Motiven anbietet. Das abstrakte Konzept der Charakter-Form dient F. als Vehikel der Überführung eines Motivs aus der Bildgeschichte oder jeder beliebigen anderen Bildquelle - als Baustein - in das Puzzle seiner in Arbeit befindlichen Komposition. In dieser Manipulierbarkeit der Bildmotive als Bausteine ist eine weitere Entwicklung angelegt. Diese können gezeichnet und gemalt werden, bald aber auch in anderem Material und reliefartig behandelt werden. Ein nächster Schritt ist 1962 das erste variable Gem. in der Serie Sitting, das dank Magnet-Armierung erlaubt, bestimmte Bildmotive zu versetzen und damit dem Betrachter eine nicht mehr nur nachvollziehende Rolle zugesteht. 1966 folgen die ersten variablen Multiples. Dies hat für F. eine politische Bedeutung, denn es entspricht seiner - vielleicht idealistischen - Vorstellung von Öffnung und Demokratisierung der Kunst, der er bereits mit der Wahl seiner Bildmotive in der medialen Alltagskultur Rechnung trug. - Der wachsende Erfolg verbessert F.s materielle Bedingungen. Er führt ein wechselvolles Leben. 1958 stellte er in Pittsburgh aus, schließt einen Vertrag mit der Gal. Daniel Cordier in Paris, in der er regelmäßig 1959-64 ausstellt, und erhält ein Arbeitsstipendium für Italien. 1960 Stip. für Frankreich. In diesem Jahr heiratet er (in zweiter Ehe) die Künstlerin Barbro Östlihn. 1961 Stip. der Swedish Amer. Found. für einen Aufenthalt in New York, wo er das ehem. Atelier von Robert Rauschenberg bezieht und in unmittelbar Nähe von Jasper Johns wohnt. Von nun an bleibt er in New York und verbringt die Sommermonate in Schweden, Frankreich und Italien. Die räumliche Nähe zu den Protagonisten der amer. Pop art, denen er auch als Künstler nahesteht, hat nachträglich oft zu vereinfachenden Einordnungen geführt. F. ist von komplexerer Statur. 1960 war er zu der von Paris aus organisierten Internat. Surrealismus-Ausst. in New York eingeladen worden. 1961 nimmt er ebd. an der europ.-amer. Ausst. der "New Realists" in der Sidney Janis Gall. teil. Als Dramatiker und Hörspielautor ist er präsent im schwed. Rundfunk und Fernsehen. 1964 und als offizieller Vertreter Schwedens 1966 stellt er auf der Bienn. in Venedig aus (hier v.a. die Installation Dr. Schweitzer's Last Mission). Ab 1965 wird er von der Sidney Janis Gall. in New York vertreten, bei er 1966-73 regelmäßig ausstellt. Die seit A. der 1960er Jahre zu beobachtenden Wandlungen in der Werkstruktur (Öffnung der räumlichen für die zeitlichen Dimensionen) führen F. konsequent zu offeneren Werkformen wie Installation (Meatball Curtain, 1969 als Hommage an den Comiczeichner Robert Crumb, eine seiner wichtigsten Bildquellen), Environment, Happening, entsprechend seinem Bestreben, die künstlerischen Spielräume ständig zu erweitern und damit auch seine politische Botschaft drastischer und provokanter einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln. Er zögert nicht, die imperialistisch in der Dritten Welt praktizierte Politik seines Gastlandes oder auch der Weltbank mit Hohn und Spott anzuprangern. Seit den Tagen seiner Inspiration durch Science-Fiction-Epik denkt F. über Weltmodelle nach, die er konfrontieren möchte. In den 70er Jahren entdeckt er für sich alte figurative Formen der hist. Kartografie, die es ihm erlauben, der Welt seine ironischen und bissigen Kommentare direkt auf den Leib zu schreiben (World Map, 1972). - 1975 trennt sich F. von seiner Frau, um mit Sharon Avery zu leben. Er bereitet sich auf ein Jahr in Paris vor, lässt sich von Barbro Östlihn scheiden. Eine Vorsorgeuntersuchung im Sept. 1976 enthüllt seine unheilbare Krebskrankheit. In Erwartung des Todes heiratet er Sharon Avery.
Vollst. Liste cf. J.-F. Chevrier, 2001. -
Ein beträchtl., jedoch unvollständiges chronolog. Verz. der vielfältigen lit. Produktion F.s, soweit in Druck erschienen, findet sich in den Kat. von B. Springfeldt (1979-82). Ein noch umfangreicheres und gleichwohl als Auswahl bez. Verz., einschl. des handschriftl. Nachlasses, bei Chevrier, 2001. Eine Anthologie von F.s Schriften liegt jetzt in frz. Fassung vor: Ö.F., Essais choisis, P. 2002.
Einzelausstellungen:
Vollst. Liste cf. J.-F. Chevrier, 2001. - 1966 Venedig, Bien.: Ö.F., Svezia (K mit Text von E.Crispolti, Ö.F., P.Hultén) / 1979 Bologna, Gall. Com. d'Arte Mod.: Ars combinatoria: omaggio à F. (K mit Text von R.Barilli, F. Solmi) / 1979 Stockholm, Mod. Mus.: Ö. F. (K: B.Springfeldt) / 1980 Paris, Centre Georges Pompidou, MNAM (K: id.) / 1980 Rotterdam, BvB (K: id.) / 1982 New York, Salomon R. Guggenheim Mus. (K: id.) 1992 Valencia, IVAM Centre Julio González / 1995 Bremen, Ges. für Aktuelle Kunst u.a.: Ö.F.: die Installationen (Wander-Ausst., K: S.Avery-Fahlström, Text von Ö.F., M.Kelley, J.Livingston) / 2000 Norrköping, Konstmuseum: Ö.F. o Samlad grafik och multiplar (krit. Kat. der Graphik und der Multiples: S.Avery-Fahlström) / 2001 Wien, BAWAG Fond.: Ö.F.: the complete graphics, multiples and sound works (K: ead.) / 2002 Villeurbanne, Inst. d'Art Contemp., Nouveau Mus. (K: J.-F. Chevrier/M.Kelley). -
Gruppenausstellungen:
Paris: 1955 Gal. Creuze: Phases de l'art contemp. (K in: Sonder-Nr. der Zs. Phases, 1955[2:mars]); 1961 MAMVP: 2e Bienn. de Paris; 1968 MAD: Pentacle. Olle Baertling, Ö. F., Karl Fredrik Reuterswärd, Max Walter Svanberg, Per Olof Ultvedt (Text zu F. von A.Jouffroy); 1977 Centre Pompidou: Paris - New York / 1958 Pittsburgh, Carnegie Inst., Dep. of Fine Arts: Pittsburgh Bicentennial Internat. exhib. of contemp. paint.and sculpt. / 1962 New York, Sidney Janis Gall.: The new realists ... an exhib. of factual paintings & sculpt. from France, England, Italy, Sweden and the United States ... / 1968, '77, '97 Kassel: documenta / 1967 Chicago, MCA: Pictures to be read, poetry to be seen / 1988 Le Havre, MBA André Malraux: Le mouvement Phases 1952-1988 / Bozen, Museion: 1998 Gärten der Lüste: zwei zeitgen. Maler und einige ihrer Vorläufer: Baruchello, F., Wols, Klee, Duchamp (K: P.L. Siena/A.Hapkemeyer), 2021 MAPS aus der Slg Museion / 2002 Köln, Mus. Ludwig: I promise it's political: Performativität in der Kunst (K: D. von Hantelmann/M.Jongbloed) / 2009 Venedig: Bienn. / 2021-22 Berlin, Hamburger Bahnhof: Nation, Narration, Narcosis (K).2022 Basel, Mus. Tinguely: Party for Öyvind. Öyvind Fahlström & Friends (Wander-Ausst., K)
Thieme-Becker, Vollmer und AKL:
Vo5, 1961
Weitere Lexika:
SvK, 1974; Konstlex., 1972; Bauer, GEM III, 1976; A.Biro/R.Passeron, Dict. général du surréalisme et de ses environs, P./Fribourg 1982; ContempArtists, 1983; EAPD, 1989; Dict. de la peint., P. 1991; SvK, 1995; DA X, 1996; Bénézit V, 1999; R.Kostelanetz, A dict. of the Avant-Gardes, N. Y. 22000; Schweers I, 2002
Gedruckte Nachweise:
Umfangreiche Bibliogr. (Auswahl) cf. J.-F. Chevrier, 2001. A.Breton/M.Duchamp (Ed.), Surrealist intrusion in the enchanters' domain (K D'Arcy Galleries, mit Text von E.Jaguer, J.Pierre, und mit Kat.-Einlage: Internat. surrealist exhib., Nov. 28, 1960 ...), N.Y. 1960; G.Gassiot-Talabot, De la bande dessinée à l'hist. peinte, XXe s., N.S., XXXVII:1975(45:Dez.)103-110; A.Zweite, in: K.Liebig, Let's mix all feelings together : Baruchello, Erró, F., Liebig (K Wander-Ausst. StG im Lenbach-Haus u.a.), M 1975; A.Bonito Oliva/L.Glozer/O.Granath, Ö.F., Mi. 1976; B.Rose, Drawing now (K Wander-Ausst. MMA u.a.), N.Y. 1976; L.Glozer, Westkunst: zeitgen. Kunst seit 1939 (K Mus. Ludwig, Messehallen), Köln 1981; J.-P. Bordaz, in: A. de La Beaumelle/N.Pouillon, La coll. du MNAM, P. 1986, 210 s.; B.Blistène, in: Donations Daniel Cordier. Le regard d'un amateur (K MNAM, Centre G.Pompidou), P. 1989 (Coll. du MNAM. 8), 188-203; Ö.F. [Sonder-Nr], Ord & bild, 1998(1-2); J.-F. Chevrier (Ed. und Text), Ö. F.: another space for paint. (Retr., K Wander-Ausst. MAC u.a., mit Text v. I.Wallerstein, O.Rofes, S.Rolnik), Ba. 2001 (künstler. und lit. Œuvre, Ausst., Lit.); R.Rubinstein, F. afresh, Art in America 2001 (July)60-69, 113; Wilhelmi, 2006; I.Arend, Kunstforum Internat. 280:2022(März-April)235-237
Onlinequellen:
L.Eriksson, Marcel Duchamp in Sweden 1933-1970 [2000; 2001)
Persönliche Auskünfte:
J.-F. Chevrier, Paris
Fahlstrom, Oyvind, brasil. Maler u. Dichter, *1928 São Paulo, ansässig in Stockholm. Lit.: [Kat.] The 1958 Pittsburgh Bicent. Internat. Exh. of Contemp. Paint. a. Sculpt., Departm. of F. Arts, Carnegie Inst., 1958/59.