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Qi, Baishi

Geboren
Xiangtan (Hunan), 1864.01.01 / 1863
Gestorben
Beijing, 16. September 1957
Land
China
Geschlecht
männlich
GND-ID
Weitere Namen
Qi, Baishi; Ch'i, Huang; Qi Baishi; Tschi Pai-shih; Wei, Qing; Qi, Huang; Binsheng; Qi, Binsheng; Kemu Laoren; Tji, Baj-shih (Transkription); Ch'i, Pai-shih (Transkription); Baishi, Qi (Transkription); Chee, Bye-sher (Transkription); Chi-Pai-Shih (Transkription); Ts'i, Pai-che (Transkription); K'emu Lao-jên (Transkription); Ts'i, Houang (Transkription); Ch'i, Huang (Transkription); Qi Huang Weiqing; Mu Jushi; Qi Da; Baishi Laoren; Bin Sheng
Berufe
Kalligraf*in; Maler*in; Holzschnitzer*in; Siegelschneider*in; Dichter; Hochschullehrer
Wirkungsorte
Beijing
Zur Karte
Von
Frick, Heike
Zuletzt geändert
31.08.2018
Veröffentlicht in
AKL XCVII, 2018, 207; Vollmer IV, 1958, 477 s

VITAZEILE

Qi Baishi (eigtl. Qi Chunzhi, Qi Huang Weiqing [Weiqing]; Künstlernamen: Baishi Laoren, Bin Sheng; auch bek. als Qi Da, Mu Jushi). chin. Maler, Kalligraf, Siegelschneider, Dichter, Hochschullehrer, *1.1.1864 Kreis Xiangtan (Hunan), †16.9.1957 Beijing.

LEBEN UND WIRKEN

Der Name "Baishi" (chin. "weißer Stein") bezog sich auf eine Quelle in der Nähe des urspr. Wohnortes. Q.s Fam. stammte aus dem Kreis Xiangtan, Amtsbereich Changsha, Provinz Hunan. Q. wurde in ärmlichen Verhältnissen geboren und lebte mit Eltern, Großeltern und insgesamt acht Geschwistern zusammen. Die Fam. lebte von einer kleinen Landparzelle und Gelegenheitsarbeiten. Als Kleinkind litt Q. unter einer labilen Gesundheit. Im Alter von fünf bis sieben erlernte er mit Hilfe des Großvaters die ersten 300 Schriftzeichen. Im Alter von acht Jahren besuchte er für ein Jahr eine Schule. Durch Schulbücher wie das San-zi-jing (Drei-Zeichen-Klassiker) wurde er in Ethik und Moral des Konfuzianismus eingeführt. Bes. Interesse entwickelte Q. in dieser Zeit am Malen von alltäglichen Gegenständen und Tieren. Mit 15 Jahren wurde er zum Tischler ausgebildet, um zum finanziellen Unterhalt der Fam. beizutragen. 1884 stieß Q. auf das aus der Qing-Zeit stammende "Handbuch des Senfkorngartens" (Jieziyuan Huapu), das mittels farbiger Drucke (Bäume, Felsen, Hügel, Pflanzen, Blätter, Menschen, Häuser etc.) zur modellhaften Anleitung von Lsch.-Darst. diente. In der Folgezeit eignete sich Q. im Selbststuderium Techniken der Malerei an und malte v.a. volkstümliche Themen wie populäre Gottheiten, Geister und Darst. aus der lokalen Oper. Mit 27 Jahren nahm er Unterricht bei einem vor Ort ansässigen Künstler namens Hu Qinyuan, der ihn in die Kunst des Siegelschneidens, der Poesie, Lit. und in die Technik des gongbi-Stils einführte, einem exakten Pinselduktus, der v.a. für eine detaillierte und farbige Darstellungsweise in der Vogel-, Blumen- und Figurenmalerei genutzt wird. Er betätigte sich nun vor allem in der Porträtmalerei. Bek. wurde Q. später durch eine Verbindung des gongbi-Stils mit einem expressiven Pinselduktus im xieyi-Stil [wörtlich Skizzen von Ideen]. Zu seinen weiteren Lehrern und Mentoren gehörten auch Tan Pu (1809-1887), Dichter und Maler und Chen Shaofan, auch bekannt unter dem Namen Chen Xun (Kalligraf, Maler). Chen unterwies Q. in populärer und klassischer Literatur und Dichtkunst. 1899 wurde er von Wang Xiangyi, einem bek. Gelehrten und Künstler unterrichtet. 1902-09 begab sich Q. auf sechs Reisen, die ihn nach Nord-, Süd- und Südwestchina führten und die er zu Studienzwecken nutzte. Mehrere Besuche in Shanghai brachten ihn in Kontakt mit der Shanghai-Schule [haipai] (Hu Yuan [1823], Xugu, Pu Hua) und Wu Changshi, der seine Kunst nachhaltig beeinflusste. Wu gilt als Schüler Zhao Zhiqians, der in der Kalligr. den Ursprung einer expressiven Gelehrtenkunst sah. 1917 ließ sich Q. in Beijing nieder. Über die versch. polit. Lager hinweg erlangte er schon in den 1920er Jahren Anerkennung. 1927 wurde er zum Prof. für trad. chin. Malerei an die Zhongyang Meishu Xueyuan (Nat. KA Beiping) berufen. Nach der Etablierung der Volksrepublik China wurde Q. von Mao Zedong geehrt und 1953 zum "Künstler des Volkes" gekürt. Er wurde Ehrenvorsitzender der staatlich geförderten Zhongguo Meishujia xiehui (Chin. Künstlervereinigung) und Ehren-Mitgl. in namhaften Institutionen und Akademien. Die Kunst Q.s nimmt auch heute noch einen hohen Stellenwert ein. Das Bild Sōngyīngtú/Kiefer-Falken-Bild erzielte 2011 bei einer Auktion in Beijing einen Preis von 65 Millionen US-Dollar. Weltweit organisierte Einzel-Ausst. zum 150. Jahrestag seines Geburtstages honorierten Q.s internat. künstlerische Bedeutung. - Wichtige Impulse für Q.s Kunst entstammen neben der Shanghai-Schule v.a. der expressiven und individualistischen Gelehrtenmalerei der späten Ming- und Qing-Zeit, zu der u.a. Xu Wei, Zhu Da und Daoji zählen. Von großer Bedeutung war Chen Hengke, durch dessen Einfluss Q. seine Kunst einem radikalen Wandel unterwarf. Chen Hengke war wichtiger Mentor und überzeugte Q. von einem kalligr., aus der Siegelschrift ableitbaren Pinselduktus, den Q. in der Folgezeit mit Expressivität und Realismus verband. Chen Hengke war nicht nur Künstler, sondern spielte auch als Kunsthistoriker für die Fundierung einer neuen Gelehrtenmalerei in der Republikzeit (1911-49) eine entscheidende Rolle. In dem 1922 publ. Buch "Zhongguo wenrenhua zhi yanjiu"/"Forsch. zur chin. Gelehrtenmalerei" setzte er sich gemeinsam mit dem jap. Kunsthistoriker Ōmura Seigai für die Wiederentdeckung einer mod. Gelehrtenmalerei ein, die u.a. in Shi Tao ihren Ursprung sah. Beabsichtigt war es, eine eigenständige künstlerische Moderne aus einer endogenen chin. (asiatischen) Trad. abzuleiten, die ohne westliche modernistische Einflüsse auskam und in der Gegenwart fortgeführt werden konnte. 1922 stellte er gemeinsam mit Chen Hengke seine Werke in Japan aus und erzielte großen Erfolg. Ab dieser Zeit kann Q. als Vertreter einer neuen Gelehrtenmalerei angesehen werden. - Stilistisch lässt sich Q.s Werk ab den 20er Jahren durch einen spielerischen und dynamischen Umgang mit Tusche, Tonalität, Struktur und Farbe charakterisieren. Die kontrastive Verwendung von dunklen und farbigen Elementen, Linie und Fläche, Leere und Fülle, Detail und Expressivität bestimmt die häufig sehr einfach gehaltene Komposition. Feine Linienführung und dunkle Farbflächen ergänzen die teilweise durch farbliche Akzente pointierten Darst. und evozieren Lebendigkeit und Expressivität. Neben Lsch., Figuren, Vögeln, Insekten und Blumen "entdeckte" er neue Sujets wie Ackergeräte und Gegenstände eines bäuerlichen Lebenskontextes und Alltags sowie die für ihn so charakteristischen Wassertiere wie Krabbe, Krebs und Frosch. Simplizität und Expressivität zeigen sich in den Lsch.-Darst. als auch in den Blumen- und Krabbenbildern. Repräsentativ für seine Lsch. ist das aus zwölf Bildern bestehende Album Shan shui 12/12 Lsch. (Farbe mit Tusche, 1925), das er als Geschenk zum 50. Geburtstag des berühmten Arztes Chen Zilin malte. Die Verbindung von Linearität und Expressivität ist in Gu zhou du hai/Ein einzelnes Boot auf dem Meer (Hängerolle, Tusche/Papier, 1950, Changsha, Hunan Prov. Mus.), Xia tu/Garnelen (1948, Inschr. "Für Mr Yi Ming zur Korrektur, Qi Baishi mit 88", Stempel: Qi Baishi, s.l.) und Wu Xie/Fünf Krebse (Hängerolle, Tusche/Papier, 1950, Inschr.: "Ich habe gerade meine Arme verschränkt und schaue zu, wie ihr Herren euren Weg einschlagt", sign. "Im gengyin Jahr [1950], mit 90 Jahren, Baishi", New York, Metrop. Mus.) sichtbar und veranschaulicht den aus Kalligr. und Siegelkunst abgeleiteten Pinselduktus. Blumen und Pflanzen nehmen einen wichtigen Stellenwert in seinem Spätwerk ein. In Qiuse qiuxiang tu/Herbstblätter (Farbe und Tusche/Papier, Inschr.: "Baishi, der alte Mann mit 90", sign. "Baishi, die Tür des großen Handwerkers") bediente er sich der häufig in seinen Bildern auftretenden farblichen Kontraste von Rot und Schwarz. Die Verbindung eines feinen Pinselduktus mit eher spontan wiedergegebenen expressiven Motiven und einer einfachen Komp. repräsentiert das Album von zwölf Bll. (Tusche/Papier, 1943, New York, Metrop. Mus.), bei dem die Insekten in gongbi-Manier mit einem freieren und expressiveren Pinseldiktus im xieyi-Stil ergänzt werden. Auch in dem theoretischen Ansatz der Synthese von "Ähnlichkeit" und "Verschiedenheit" wird Q.s Kunstverständnis deutlich. Hier subsummiert sich die unter trad. Gelehrtenmalern früherer Jh. verbreitete Theorie der Ablehnung formaler Ähnlichkeit mit der Integration von authentischen Dingen des Alltags, wie z.B. einer Teekanne, Schalen, Spielzeug. - Q. gehört mit seinem äußerst umfangreichen Œuvre an Bildern, Holzdrucken, Kalligr. und Gedichten zu den bedeutendsten Künstlern der Republikzeit (1911-49). Sein Spätwerk spiegelt einen Höhepunkt der mod. Gelehrtenmalerei wider, da es ihm gelingt, innovative Ansätze der Shanghai-Schule mit mod. Tendenzen "trad." Malerei und einer vereinfachten, aber expressiven und an der Realität ausgerichteten Druckästhetik zu einer fruchtbaren Synthese zu vereinen. Q.s Werke können daher als gelungenes Beispiel einer von westlichen künstlerischen Vorbildern unabhängigen chin. Malerei angesehen werden, die auf der Weiterentwicklung und Neuinterpretation endogener künstlerischer Trad. basierte.

WERKE

Köln, Mus. für Ostasiatische Kunst. New York, Metrop. Mus. Washington/D.C., Freer Gall. of Art.. - Künstlerbücher: Q.B. huaji/Bilder-Slg des Q.B., Leporello-Album, 22 Farb-Holschn., 1952. Q.B. Shanshui huaxuan/Auswahl an Lsch. von Q.B., Sh. 1979.

SELBSTZEUGNISSE

Q.B. wenji (Text-Slg von Q.B.), Q.Liangchi (Ed.), Bj. 2005; Q.B. zi zhuan (Autobiografie von Q.B.), Xiandai wenhua mingren zizhuan congshu, Nanjing 2012.

AUSSTELLUNGEN

Einzelausstellungen:

Berlin: 1988 Pergamon-Mus.; 2003 Ostasiat. Mus. / 2013 Hong Kong, Convention and Exh. Centre / 2013-14: San Francisco, Asian AM; New York, Isamu Noguchi Garden Found. / 2014 Macao, MoA. -

 

Gruppenausstellungen:

New York, Metrop. Mus.: 1988 19th and 20th C. Painting. Selections from the Robert H. Ellsworth Coll.; 2001 Between Two Cultures: A Selection of 19th and 20th C. Chinese Paintings (K)

 

QUELLEN

Thieme-Becker, Vollmer und AKL:

Vo4, 1958.

 

Weitere Lexika:

Myers, EP, 1955; EU SEDA II, 1969; Bénézit VII, 1976; Bauer, GEM II, 1976; E.J. Laing, An index to reprod. of paint. by twentieth-c. Chin. artists, Eugene, Ore. 1984; Gorenflo I, 1988; Zhongguo xiandai, 1988; DA XXV, 1996; M.Sullivan, Mod. Chin. artists, Berkeley u.a. 2006

 

Gedruckte Nachweise:

T.C. Lai, Ch'i Pai Shih, Seattle 1973; F.Wang/J.Xu, Kan Q.B. hua (engl. Übers.: Ch'i Pai-Shih's paintings), Taibei 1979; Chongqing Bowuguan Cang/Arch. des Congqing Mus., Q.B. Shanshuihua Xuan/Eine Auswahl an Lsch.-Bildern von Q., Sh. 1979; R.H. Ellsworth u.a., Later Chinese Painting and Calligr., 3 Bde, N.Y. 1987; Q.B.: From the Coll. of China Nat. AG (K AC), Hongkong1988; J.Y. Tsao, The paintings of Xugu and Q.B., Seattle, Wa. 1993; C.Chu, Twentieth c. Chinese Painting: Trad. and Innovation, Hk. 1995; M.Sullivan, Art and Artists of Twentieth c. China, Berkeley 1996; A c. in crisis: modernity and trad. in the art of twentieth-c. China (K Guggenheim SoHo), N.Y. 1998; Chinese paintings, trad. and innovation in 20th c. Chinese painting (K AG of Greater Victoria), Victoria 1998; Si yu bu si/Likeness and Unlikeness (K Lianing Prov. Mus.), Hk. 2006; Q.B., Zhongguo qin xiandai mei jia hua ji/Q.B., Coll. of Famous Chinese Mod. Period Masters, Tianjin 2009; B.Erickson u.a., Mod. Ink: The Art of Q.B., Honolulu 2014; M.Thun, Q.B., China's Picasso: Chinese Woodblock Prints of Original Paintings by 18 Masters, Hn. 2016; P.P. Chan, The Making of a Mod. Art World, Boston 2017

 


VOLLMER

Tschi Pai-shih (Tji Bai-shih), chines. Maler, *1860 Hsiang-tang, Prov. Honan, †16. 9. 1957 Peking. Aus armer Bauernfamilie. Autodidakt, dann Schüler von Wu Tschang-schi. Seit 1920 in Peking. Vorsitzender d. Verb. d. chines. Kstler u. d. Gesellsch. zum Studium der nation. chines. Malerei. Träger des Intern. Friedenspreises. Ehrenpräsid. d. Pekinger Akad. für Malerei u. Ehrenprof. d. Zentralen Akad. d. schö. Kste in Peking. Beschickte die 1. u. 2. Allchines. Ausst. d. nation. Malerei "Guo-hwa" 1953 u. 1956 u. die 2. Allchines. Ausst. d. bild. Kst 1955. Hervorragender. Tuschzeichner. Begann als Holzschnitzer, stieß bei der Auswahl von Mustern fürs. Schnitzereien auf das berühmte Malerlehrbuch, das ihm erster Lehrmeister in d. Malerei wurde. Erlernte 20jährig die Porträtmalerei. Begann 27jährig mit dem Studium d. Dichtkst u. hat selbst viele Gedichte zu s. Malereien geschrieben. Wechselte in s. mittleren Lebensjahren s. Stil, indem er von einer sehr minuziösen u. alle Details genaustens berücksichtigenden Manier zu einer ganz lockeren impressionist. Pinselarbeit überging und damit die alte klassische Tradition übernahm. Hielt sich völlig unberührt von europäischen Einflüssen. Besonders hervorragend s. außerordentl. scharf beobachteten Darstellungen von Fischen, Insekten, Vögeln u. Blumen. Betrieb neben d. Malerei das Gravieren von Siegeln u. die Kalligraphie. Lit.: Chines. Kstschaffen. Gegenw. u. Tradition, Berlin 1954, Tat. 137.- D. Blatt d. Verb. bild. Kstler Dtschlds, 5 (1954) Nr 5, p. 3; 8 (1957) Nr 9, p. 8, Sp. 1 (Nachruf), Nr 10/11, p. 16 (Nachruf). - Presse-Bulletin d. Diplomat. Mission d. Volksrep. China, 2. Jg Nr 54 v. 30. 5. 1953: - D. Graph. Kste (Wien), 54 (1931) 50/53, m. 4 Abbn. - Kst f. Alle, 51 (1935-36) Juni-H., Beil. p. 13. - Bild. Kst (Dresden), 1955, p. 17 (Abb.), 432f., m. Abb.; 1957, p. 502,r. Sp.; 1958, p. 28 (Abb.). - Sonntag (Berl.), 10. Jg, Nr 4 23. 1. 55, p. 7 (Abb.); 6. 10. 57. - Tagebuch (Wien), 11 (1956) Bl. Nr 19, m. Abb. -Mitteldtsche N. Nachr. (Leipzig), Nr v. 21./22. 9. 57, m. Abb. - N. Nachr. (Potsdam), 15. 5. 55, m. Abb. - Tribüne (Berl.), 21.9. 57. - Volksstimme (Karl-Marx-Stadt), 24. 9. 57, m. Abb. - Bibliogr. z. Kst u. Kstgesch. Veröff. im Gebiet der DDR 1945-1953, hrsg. vom ksthist. Inst. d. Karl-Marx-Univ. Leipzig, 1956.