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Fouquet, Jean (1420)

Geboren
Tours (Indre-et-Loire), (um) 1420
Gestorben
Tours (Indre-et-Loire), 1478/1481
Land
Frankreich, Italien
Geschlecht
männlich
GND-ID
Weitere Namen
Fouquet, Jean; Foucquet, Jean (1420); Fouquet, Jean (1420); Giachetto, Francioso; Foccora, Jean; Foucquet, Jehan; Fouquet, Jōhes?; Fouquet, Jehan (1420)
Berufe
Maler*in; Illuminator*in; Entwurfszeichner*in
Wirkungsorte
Rom, Tours (Indre-et-Loire), Florenz
Zur Karte
Von
Hofmann, Mara
Zuletzt geändert
21.12.2023
Veröffentlicht in
AKL XLIII, 2004, 96; ThB XII, 1916, 252 ss

VITAZEILE

Fouquet (Foucquet), Jean (Jehan), frz. Maler, Illuminator, Entwurfszeichner, *um 1420, †zw. 1478 und 1481 Tours (die letzte Zahlung für ein Stundenbuch erfolgt am 9.7.1478; am 8.11.1481 werden seine Witwe und Erben erwähnt).

LEBEN UND WIRKEN

Die erh. Dok. geben keinerlei Auskünfte darüber, wann und wo F. geboren wurde, noch aus welchen familiären Verhältnissen er stammte. Um so zahlreicher sind die lit. Quellen, die bis weit ins 16. Jh. vom Ruhm F.s zeugen. Unabhängig voneinander berichten der florentin. Architekt und Bildhauer Antonio Averlino, gen. Filarete, in seinem zw. 1460 und 1465 verfaßten Architektur-Traktat sowie der ebenfalls aus Florenz stammende, erst in Rom und dann in Tours weilende Dominikaner Francesco Florio in seiner kurz vor 1470 als Eloge auf die ruhmreiche Regierung Ludwigs XI. entstandenen Dichtung De probatione turonica, daß F. in jungen Jahren nach Rom kam und den (im Sept. 1443 von Florenz nach Rom zurückgekehrten und am 23.2.1447 verstorbenen) Papst Eugen IV., zus. mit zwei ihm nahestehenden Begleitern, porträtierte. Das auf Lw. gemalte Bild hing in der Sakristei der Kirche S.Maria sopra Minerva, erwies sich jedoch nur als bedingt haltbar, denn es wurde wahrsch. kurz vor 1640 nach der Renovierung der Sakristei ersetzt. Etwa siebzig Jahre zuvor wird Onofrio Panvinio F.s Bild noch gesehen haben, das dem Kupferstichbildnis Papst Eugens in seiner 1568 in Rom ersch. Lobdichtung der Päpste von Urban V. bis Pius V. zugrunde zu liegen scheint. Ein weiteres Zeugnis, das von Cristofano di Papi dell'Altissimo zw. 1553 und 1556 gefertigte Papst-Gem. (Florenz, Uffizien), überliefert eine andere, verlorene Kopie, die der Humanist Paolo Giovio für seine Gal. berühmter Männer in Coma bestellt hatte. F.s Aufenthalt in Rom wird allg. um 1445 angenommen. Filarete hatte gerade seine Bronzetür für St. Peter fertiggestellt, bevor er E.1447 wegen Anklage eines Reliquiendiebstahls Rom verlassen mußte. Spätestens seit 1445 hielt sich auch der Florentiner Maler Fra Angelico in Rom auf, der in St.Peter arbeitete und 1448 die Laurentiuskapelle im Vatikan ausmalte, deren Einfluß auf F. spürbar ist. Aufgrund versch. Reminiszenzen in F.s Werk scheint ein Aufenthalt nicht nur in Rom, sondern auch in Florenz wahrscheinlich. Fiorella Sricchia Santoro (in Avril, 2003, 50-63) ging sogar so weit, F.s Mitarbeit bei der Ausmalung des Klosters S.Marco in Florenz durch Fra Angelico in Betracht zu ziehen. Da F. 1448 ein Haus in Tours pachtete, das dem Kapitel von St. Martin gehörte, wird er zu diesem Zeitpunkt aus Italien zurückgekehrt sein. Wie versch. in F.s Buchmalerei festgehaltene Bauwerke zeigen, hielt sich der in Tours ansässige F. zuweilen auch in Paris und Bourges auf. Nachdem Karl VII. am 22.7.1461 in Bourges verstorben war, fertigten dessen Hofmaler Jakob de Littemont, Nicolas d'Amiens (Coëtivy-Meister?) und Pierre Hennes (Pierre de Hannes) eine Totenmaske an, für deren Bemalung letzterer nach Paris entsandt wurde, um sie F. zu übergeben, wohl aber vergebl., da die minutiöse Rechnungsauflistung keine Entlohnung an F. registriert. Im gleichen Jahr sollten für den Einzug Ludwigs XI. in Tours Mysterienspiele aufgeführt werden, mit deren Dekorationen man F. beauftragte (bei den Vorbereitungen war u.a. P.Hennes behilflich), welche aber schließl. auf Wunsch des Königs wieder abgesagt wurden. In seinem zw. dem 14.11.1465 und dem 27.4.1466 abgefaßten Test. verfügte der Erzbischof von Tours, Jean Bernard, der Kirche von Candes eine Tafel mit einer heute verlorenen Himmelfahrt Mariens zu schenken, die er bei F. bestellt hatte. In Francesco Florios Dichtung, in welcher er den Erfolg des Papst-Bildes des jungen F. in Rom lobend hervorhebt, spricht er ebenfalls von den heute nicht weiter bek. "imagines sanctorum" F.s in Notre-Dame-la-Riche von Tours. Von dem von Ludwig XI. gegründeten Orden vom Hl. Michael wird F. im Febr. 1471 für Arbeiten im Dienste der Ordensritter entlohnt ("certains tableaux ... pour servir aux chevaliers de l'ordre", wohl Wappentafeln, die über dem Gestühl jedes Mitgl. angebracht wurden). 1472 erhält F. den Auftrag für die Ausmalung eines heute verlorenen oder unbek. Stundenbuchs mit Min., Bordüren und Initialen im Auftrag der Marie von Kleve, Herzogin von Orléans, wofür er von Tours nach Blois reiste, um sich mit der Fürstin zu verständigen. Zur Gest. seines Grabmals in Notre-Dame de Cléry ließ Ludwig XI. 1474 den berühmten Bildhauer Michel Colombe für die Anfertigung eines steinernen Modells entlohnen, wofür F. eine farbig ausgef. Bildnisskizze auf Pergament lieferte. Von Ludwig XI. hat sich eine Zchng fouquettesken Char. erhalten, die aus einem Heft mit Portr. großer frz. Herrscher des 15. Jh. stammt (Paris, BN, Clairambault 1242, p. 1411). In einer noch unveröff. Studie schlägt Nicole Reynaud vor (zitiert in Avril, 2003), in der Porträtzeichnung Ludwigs XI. eine Teilkopie von F.s Bildnisskizze zu sehen; denn mit der Wiederaufnahme der zeitweise unterbrochenen Arbeiten am Grabmal 1481 wurde Jean Bourré mit einer and. Zchng zu Colin d'Amiens geschickt (Paris, BN, fr. 20493, fol. 5), die, mit Randbemerkungen versehen, eine implizite Kritik und Revision von F.s Modell zu sein scheint und einen Bezug zur erh. fouquettesken Zchng besitzt. 1475 wird F. erstmals als "peintre du roy" erwähnt. Anläßl. des feierl. Einzugs von Alfons V. von Portugal in Tours 1476 entlohnte die Stadt F. für die Bemalung eines Baldachins. Am 9.7.1478 erhält F. die Restsumme für ein von Philippe de Commynes 1474 in Auftrag gegebenes Stundenbuch, das heute verloren oder zumindest nicht bek. ist. Am 8.11.1481 werden F.s Witwe und Erben im Kontext der Zahlungsverpflichtung für das Haus genannt. Dem Inv. der Margarete von Österreich zufolge soll sich ein kleines Marienbild von der Hand F.s in ihrem Bes. befunden haben, welches sie während ihres langen Aufenthalts in Tours zw. 1483 bis 1491, nach der Annullierung ihrer Ehe mit Karl VIII., erworben haben wird. In der frz. Kunstliteratur geben Jean Lemaire de Belges (Plainte du Désiré, 1503; Couronne margaritique, 1504), Jean Pélèrin Viator (De artificiali perspectiva, 1521) und Jean Brèche (Pandectarum, 1556) ein schillerndes Zeugnis der berühmten Persönlichkeit. Von letzterem ist überliefert, daß F. zwei Söhne namens François F. und Louis F. hatte, die ebenfalls als Maler lobend Erwähnung finden. Da beide sonst nicht weiter belegt sind, läßt sich eine Tätigkeit in der väterl. Wkst. vermuten. Im 17. und 18. Jh. scheint F. - wie überhaupt alle berühmten frz. Maler und Buchmaler - vergessen gewesen zu sein. Erst im Zuge der Romantik im frühen 19. Jh. lebte mit der Wiederentdeckung der Gotik das Interesse an F. auf. So ließ sich ausgehend von Jean de Berrys Abschrift der Antiquités judaïques (Paris, BN, fr. 247) F.s Kunst bestimmen, in denen ein handschriftl. Eintrag ihn namentl. als Maler der nachgetragenen Min. ausweist. Das einzige von F. sign. Werk, ein Email-Medaillon (Paris, Louvre) mit dem Portr. F.s - das erste erh. Selbstbildnis der frz. Malerei - war, Denis Godefroys Beschr. aus der M. des 17.Jh. nach zu schließen, auf dem Rahmen des von Etienne Chevalier in Auftrag gegebenen Melun-Diptychons angebracht, wo Medaillons mit Heiligenszenen mit seinem bis heute rätselhaft gebliebenem Emblem, den zwei durch einen Liebesknoten verbundenen Buchstaben "E" auf blauem Samtgrund, wechselten. Ein Email mit einer vielfigurigen Darst. von Heiligen (ehem. Berlin, KGM, Schloß Köpenick), das in diesen Kontext gehörte, ging im 2. WK verloren. Das Melun-Diptychon zeigt auf dem linken Flügel Etienne Chevalier im Gebet, von seinem Schutzheiligen Stephanus begleitet (Berlin, Staatl. Mus., GG), während auf dem rechten Flügel Maria als Himmelskönigin das Christuskind im Schoß hält (Antwerpen, Koninkl. MSK). Das Diptychon wurde von Chevalier nach dem Tode seiner Ehefrau Catherine Budé (†1452) bestellt und über ihrem Grab in der Stiftskirche von Melun aufgehangen. Bis ins 17. Jh. läßt sich die Legende zurückverfolgen, die Muttergottes sei mit den Zügen der Agnès Sorel, der Geliebten Karls VII., dargestellt, die als schönste Frau Frankreichs verehrt wurde. Die Idee, das Diptychon mit einem Selbstbildnis zu signieren, zeigt sich von F.s Italienaufenthalt inspiriert, wo er in Rom an St.Peter Filaretes Bronzetür mit dessen Profilbildnis studieren konnte, dem Lorenzo Ghiberti mit seinen beiden durch Frontalbildnisse signierten Türen am Florentiner Baptisterium vorausgeht. Wohl etwa zur gleichen Zeit erhielt F. den Auftrag für das Portr. Karls VII. (Paris, Louvre), das sich heute noch im originalen Rahmen befindet. Eine Röntgenaufnahme dokumentiert, daß auf der Tafel zunächst eine Madonna angelegt war, die jener auf dem Antwerpener Flügel des Melun-Diptychons gleicht. Dabei ist sich die Forschung jedoch nicht einig, ob es sich um einen ersten Entwurf für das letztl. größere Bild handelt. Aufgrund der Verwendung einer bereits vorbereiteten Tafel scheint zumindest Eile geboten gewesen zu sein, als Karl VII. das Portr. bestellte, welches er wahrsch. der Sainte-Chapelle in Bourges - der Stiftung seines Onkels Jean de Berry - zugedachte. Damit wird es sich also nicht um das persönl. Exemplar des Königs gehandelt haben, und versch. Kopien zufolge hat F. anscheinend den König mehrmals porträtiert; er sollte bekanntl. auch die Totenmaske bemalen. Das Portr. des stark nach rechts gedrehten Kanzlers Guillaume Jouvenel des Ursins im Gebet gibt durch die Haltung an, daß es sich urspr. nicht um eine Einzeltafel handelte (Paris, Louvre). Es könnte ein Diptychon oder ein durch ein Bildnis seiner Ehefrau Geneviève Héron erweitertes Triptychon gewesen sein, welches in der Mitte wohl eine Madonna zeigte. Funktion und Aufstellungsort konnten bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Die Wappentiere der Jouvenel-Familie, die Bären (frz. ours), tragen als Bestandteil des Kapitells die Wappenschilde. Das Portr. gilt als das einzige frz. Gem. des 15. Jh., für das sich eine Vorzeichnung, eine in schwarzer, mit roter Kreide gehöhte Kopfstudie von Guillaume Jouvenel des Ursins, erhalten hat (Berlin, Staatl. Mus., Kpst.-Kab., KdZ 4367). Eine Silberstiftzeichnung mit dem Portr. eines päpstl. Legaten (New York, Metrop. Mus., 49.38) und der Inschr. "Ung ronmain légat de n[ost]tre S[ain]t père en France" wird von der Forsch. größtenteils als von der Hand F.s akzeptiert, während das schlecht erh. Bl. eines Jungen Mannes mit Hut (St.Petersburg, Ermitage, Inv.-Nr 3895) stärker umstritten ist, techn. aber mit der Berliner Zchng übereinstimmt. Über die "Jeunesse de Fouquet", d.h. F.s Stil vor seiner Italienreise, ist viel gerätselt worden. Paul Durrieus Vorschlag (1904), in dem Mare historiarum für Guillaume Jouvenel des Ursins (Paris, BN, lat. 4915) ein Jugendwerk F.s zu sehen, war von Jean Porcher (1955) widerlegt worden, da die mehrfach angebrachten Datierungen des Schreibers (1448 und 1449 n. st.) eine Entstehung nach F.s Rückkehr aus Italien beweisen. Otto Pächt (1974) brachte ein Tafelbild in die Diskussion, das Bildnis des Hofnarren Gonella (Wien, KHM), den F. am Hofe der Ferrara unter Niccolò III porträtiert habe, bevor er sich nach Rom begab. Durch den knappen Bildausschnitt und das Herausstellen unterschiedlicher Stofflichkeiten knüpft das Gonella-Porträt eng an niederl. Malerei an. Dabei springt v.a. das Nebeneinander zweier versch. Maltechniken ins Auge, die Pächt als eine polierte, glasierte und eine offene pointillist. bezeichnete, die in kombinierter Form ebenfalls in F.s Min. vorkommen, in einem Tafelbild aber überrasche. Durch die Entdeckung frz. Farbbezeichnungen auf der Grundierung der Tafel (Pächt/Kreidl, 1981) erzielte Pächts Zuschr. an F. breite Zustimmung. Doch stellte zuletzt F.Avril (2003) F.s Autorschaft für das Gonella-Porträt in Frage, da die Qualität der Malerei wenig homogen ausfalle und v.a. die Gest. der Hände Schwächen aufweise. Dennoch stellen der frz. Ursprung, die Vertrautheit mit niederl. Malerei sowie die Verbindung zu Italien oder zumindest zum frz. Hof (Karl VII. stand mit Niccolò III in reger Beziehung und der Hofnarr hätte mit einer Gesandtschaft nach Frankreich kommen können, vgl. Nicole Reynaud [1981], die das Portr. vor der Italienreise in Frankreich entstanden sehen will) versch. Bezugspunkte zu F. her, so daß fragl. bleibt, ob künstler. Schwächen tatsächl. als Gegenargument für eine Zuschr. an F. gewertet werden sollten. Dem dendrochronolog. Befund Peter Kleins (in Schaefer, 1994, 289) zufolge könnte das Bild ab 1436 entstanden sein. An Durrieu anknüpfend, unternahm Eberhard König (1982) einen neuen Vorstoß, F.s Anfänge im Jouvenel-Kreis zu suchen, den er zw. Nantes und Angers lokalisierte. Das fouquetteske Pariser Stundenbuch lat. 1417 (BN) für den Gebrauch von Paris setzte er erstmals in Zusammenhang mit dem Jouvenel-Kreis, nicht zuletzt wegen der mit goldenem Akanthus dekorierten Gründe und der strauchartigen Blumengewächse mit gold- und grünfarbenen Blättern in den Bordüren, die für diesen Stilkreis typisch sind. Seine Bestimmung der Handschrift als frühes Werk F.s kurz nach seiner Rückkehr aus Rom gegen 1448 wurde in der Forschung jedoch nicht akzeptiert, da der Sprung zu F.s Arbeiten der 1450er Jahre zu groß ausfällt (Schaefer, 1994; Avril, 2003). König folgend, datierte Avril die Handschrift relativ früh A. der 1450er Jahre, gab die Arbeit aber einem Künstler aus der Nähe F.s, der sowohl in Tours als auch in Angers gearbeitet haben könnte. Bedeutend für die Frage nach F.s künstler. Ursprung ist ein 1991 von Avril entdecktes Stundenbuch für den Gebrauch von Angers (Paris, BN, n.a. lat. 3211), welches unter der Leitung des Jouvenel-Meisters gestaltet wurde, der F. die Min. mit der Stigmatisation des Hl. Franziskus in Gegenwart eines Geistlichen im Gebet übertrug. Dabei griff F. bei der Gestaltung der Seite in besonderem Maße ein, indem er die in der Handschrift sonst hochrechteckigen Bildfelder zu einem Quadrat verbreitert haben wollte und sich die Ausführung der Initiale selbst vorbehielt. Überraschend wirkt auch die Verkündigung, die sich in einem von oben erhellten Kuppelbau abspielt, der an das Pantheon in Rom anknüpft. Trotz der ital. Anleihen kann die Min. stilist. begründet nicht F. zugeschrieben werden: Während Reynaud (1993) an einen Maler aus dem Jouvenel-Kreis denkt, schreibt Avril (2003) die Min. dem Jouvenel-Meister selbst zu. Dabei führen beide die Bildidee auf F. zurück. Für die gleichzeitige Beziehung und Abgrenzung zw. F. und dem Jouvenel-Kreis liefert das Stundenbuch einen wichtigen Anhaltspunkt. Ein weiteres Stundenbuch (Kopenhagen, Kongelige Bibl., Ms. Gl. kgl. Saml. 1610, 4°) reiht sich in den Zusammenhang mit dem Jouvenel-Kreis. Dabei handelt es sich um ein buchherstellerisch äußerst ungewöhnl. Stück. Denn zu Beginn der Arbeiten am Kodex lagen nur fünf große historisierte Initialen in F.s Stil vor, von denen drei Bordüren im Jouvenel-Stil besitzen. Der Text wurde erst danach geschrieben und mit Min. und Bordüren E. des 15. Jh. komplettiert. Für frz. Handschriften überraschend erweist sich das Layout mit großen Initialen in nahezu voller Breite des Textspiegels, wie es für ital. Handschriften übl. ist. Figuren- und Raumgestaltung zeigen sich tief von F. durchdrungen, und die plast., vegetabil-figürl. Durchbildung der Buchstabenkörper findet sich letztl. einzig in F.s Werken. Entgegen Stephen Clancy (1993) vertrat F.Avril dennoch eine Zuschr. nicht an F. selbst, sondern an einen ihm nahestehenden Künstler, der sich durch seine strenge Klarheit und kühleres Kolorit von F. unterscheide. Dabei habe der F. nahestehende Maler wie dieser eine Italienreise unternommen, möglicherweise sogar zur gleichen Zeit. Der Maler des Kopenhagener Stundenbuchs könnte letztl. mit dem Maler der Verkündigung in n.a. lat. 3211 ident. sein (mündl. Mitt. Reynaud), so daß der an das Pantheon in Rom erinnernde Kuppelbau nicht auf F. zurückgeführt werden muß. Die "Jeunesse de Fouquet" bleibt weiterhin ungeklärt. F.s Tätigkeit als Buchmaler ist von ganz besonderer Art, da er bei der Gestaltung der Seite dem Bildfeld möglichst großen Platz einräumt. Am besten läßt sich F. als ein Maler charakterisieren, der selbst in Büchern Tafelbilder schafft. Dies gereichte seiner berühmtesten Handschrift, dem Stundenbuch für Etienne Chevalier, zum Verhängnis, welches im 18. Jh. auseinandergenommen wurde, um die durchweg ganzseitigen Min. als Wandbilder präsentieren zu können. 40 Min. werden heute im Mus. Condé in Chantilly, sieben weitere und ein Doppelblatt mit Text in versch. Slgn aufbewahrt. Unter Verzicht auf Bordüren nutzt F. die ganze Seite als Bildfeld, wobei er Textanfänge entweder ganz an den unteren Bildrand setzt oder die Schriftfelder in Form illusionist. Täfelchen ins Bild integriert. Die für ein Stundenbuch ikonogr. ungewöhnl. Bildfolge rekonstruierte erstmals überzeugend E.König (1974). Daran anknüpfend zeigte N.Reynaud (1981), daß sich die Themen auf seltene Weise an den Gebetstexten inspirieren, die eine kontinuierl. Themenfolge unterbrechen. Persönl. ausgewiesen ist das Stundenbuch für Etienne Chevalier durch seinen Namenszug, die zwei durch einen Liebesknoten verbundenen Buchstaben "E" und seine beiden Porträts. Die Handschrift wird allg. zw. 1452 und 1460 datiert, nachdem Chevalier zum Schatzmeister Karls VII. ernannt wurde (dessen Portr. in der Min. mit der Anbetung der Könige in Gestalt des Ältesten aufscheint), und nach dem Tod seiner Frau Catherine Budé im gleichen Jahr 1452, die weder im Stundenbuch noch im Melun-Diptychon aufgenommen ist. Für Chevalier hat F. auch ein aus zweiter Hand erworbenes Stundenbuch des Boucicaut-Meisters personalisiert, indem er das in der Bordüre angebrachte Wappen behutsam mit dem Emblem des Schatzmeisters übermalte (London, Brit. Libr., Add. 16997). Die Arbeiten an dem für Chevalier hergestellten Stundenbuch werden mehrere Jahre in Anspruch genommen haben. König (1974, 1982) schlug deshalb vor, in der Min. mit Stephanus, dem Namenspatron Etiennes, ein Probestück für das aufwendige Unternehmen zu sehen, da der Rahmen traditioneller mit Blumen gestaltet ist und die Räumlichkeit weniger entwickelt scheint. Die zahlr. Bilder bestechen nicht zuletzt durch ihre komplexe, teils an Mysterienspielen orientierte Ikonogr., das in Frankreich neu eingeführte italianisierende Formenvokabular der ital. Renaiss., die überraschend geometr.-opt. Fischaugen-Perspektive (perspectiva cornuta) und die verschiedentl. eingestreuten "Reiseandenken" mit Ansichten aus Rom, Florenz, Paris und Bourges. Die für den Auftrag des Chevalier-Stundenbuchs entwickelten Komp. werden in Form von Zchngn in der Wkst. als Modelle aufbewahrt worden sein, die in and. Stundenbüchern häufig variiert wurden. Verbreitung fanden die Entwürfe auch über Tours hinaus in Westfrankreich (Poitiers, Médiathèque François-Mitterand, Ms. 41, und München, Bayer. Staats-Bibl., Cod. gall. 38), in der Lorraine (Wien, Österr. NB, Cod. 1853) bis hin nach Lyon (Chantilly, Mus. Condé, Ms. 833). Großen Gebrauch davon machte der Meister des Missale von Yale nicht nur in seiner namengebenden Handschrift (New Haven, Yale Univ., Beinecke Libr., Ms. 425), der oft mit dem in Bourges ansässigen Jean Colombe zusammenarbeitete. Das Stundenbuch des Simon de Varye wurde im 17. Jh. in drei Teile zerlegt (Den Haag, Koninkl. Bibl., Ms. 74 G 37 und Ms. 74 G 37a sowie Los Angeles, J. Paul Getty Mus., Ms. 7). Zwei Pariser Maler aus der Bedford-Nachfolge, der Dunois-Meister und der Meister des Jean Rolin, fertigten das elegant in reduzierter Farbigkeit gehaltene Ms. gegen 1455 (das Datum liefert eine Rubrik für ein kurioses Mariengebet zur Errechnung des Osterdatums). F.s Beitrag beschränkt sich auf drei doppelseitig bemalte vollfarbige Bll., ein Diptychon mit Simon de Varye in Anbetung der Madonna im Teil in Los Angeles, den James Marrow 1985 entdeckte, sowie eine für F. ungewöhnl., halbfigurig dargestellte Madonna in einem der Teile in Den Haag, deren Außenseiten herald. Darst. zieren. Avril (1985) gelang es, die Identität des Auftraggebers zu bestimmen, indem er die Devise Vie A Mon Desir als Anagramm von Simon de Varyes Namen auflöste, der in kgl. Diensten stand und dessen Wappen und Wahlsprüche neben seinem Portr. nicht nur F.s Bll. beherrschen (in Los Angeles übermalt, in Den Haag in älterer Zeit wieder hergestellt), sondern auch in der Handschrift vorkommen. Aufgrund der Teilung der Handschrift bleibt die urspr. Anordnung von F.s Min. unsicher. N.Reynaud (1993) schlug vor, der kleine, insgesamt recht dicke Kodex sei urspr. in zwei Teilen gebunden gewesen, so daß F.s Zugaben jeweils als Frontispiz gedient hätten. Dagegen rekonstruierte Avril (2003) eine zusammenhängende Abfolge der drei Bll. zu Beginn des Kodex, in welcher Simon de Varyes herald. Zeichen Blatt für Blatt an Ausführlichkeit gewinnen. Beginnend mit einer einfachen Wappen-Darst., hätte der Madonna aus Den Haag das Wappenmädchen auf der Außenseite des Diptychons in Los Angeles gegenübergestanden, um mit einer Darst. aller herald. Zeichen - Wappen, Wappenmädchen, Helmzier und Windhund - zu enden. Bisher unbeobachtet blieb, daß bei der Min. mit der Verkündigung des Dunois-Meisters die Köpfe Marias und Gabriels wie auch des musizierenden Engels in der Bordüre nicht vom Maler der Min. stammen, sondern ausgespart wurden, um deren Gestaltung F. zu überlassen. Da die wichtigste Min. im Stundenbuch durch F. persönl. ausgezeichnet wurde, könnte seine Folge dreier Bll. auch dem Marienoffizium vorangestanden haben.

WERKE

Zusammenstellung nach F.Avril, in: Jean F., Peintre et enlumineur du XVe s. (K BN), P. 2003, 94-417: Tafelmalerei: Antwerpen, Koninkl. MSK: Maria als Himmelskönigin mit Christuskind (rechter Flügel des Melun-Diptychons). Berlin, Staatl. Mus., GG: Etienne Chevalier mit seinem Schutzheiligen Stephanus (linker Flügel des Melun-Diptychons). Nouans-Les-Fontaines, Kirche: Pietà (möglicherweise von F. nur angelegt und in seiner Wkst. vom Meister des Münchener Boccaccio ausgeführt). Paris, Louvre: Portr. Karls VII.; Portr. des Guillaume Jouvenel des Ursins (linker Flügel eines sonst verlorenen Diptychons oder Triptychons). Wien, KHM: Bildnis des Hofnarren Gonella. - Buchmalerei: Amsterdam, RM, Prentenkabinet, RP-T-1889-A-1943: Min. aus einer verlorenen Hist. ancienne von F. oder dem Meister des Münchener Boccaccio. Banbury/Warwicks., Upton House: Min. des Etienne Chevalier-Stundenbuchs. Chantilly, Mus. Condé, Ms. 71: 40 Min. des Etienne Chevalier-Stundenbuchs; Ms. 76, f. 21: Min. eines fouquettesken Malers im Stundenbuch der Adélaïde von Savoyen vom Meister der Adélaïde von Savoyen. Den Haag, Koninkl. Bibl., Ms. 74 G 28: Stundenbuch für den Gebrauch von Rom vom Meister des Münchener Boccaccio und Mitarb.; Ms. 74 G 37 und Ms. 74 G 37a: Min. in einem der beiden Stundenbuch-Teile des Simon de Varye vom Dunois-Meister und dem Meister des Jean Rolin. Deurle/Belgien, Slg Roger und Alix De Kesel: Text-Doppelblatt des Etienne Chevalier-Stundenbuchs. Kopenhagen, Kongelige Bibl., Ms. Gl. kgl. Saml. 1610, 4°: fünf historisierte Initialen eines F. nahestehenden Malers aus dem Jouvenel-Kreis in einem später geschriebenen, vom Meister von Spencer 6 durch Min. vollständig ergänzten Stundenbuch für den Gebrauch von Bourges. Lissabon, Mus. Calouste Gulbenkian, Ms. LA 135: Stundenbuch für den Gebrauch von Rom von versch. Malern im Stil des Meisters der Adélaïde von Savoyen, im Stil des Jouvenel-Meisters und im Stil F.s. London, Brit. Libr., Add. 16997: Besitzermarke des Etienne Chevalier in einem Stundenbuch des Boucicaut-Meisters; Add. 37421: Min. des Etienne Chevalier-Stundenbuchs; Harley 4329: Le livre des quatre vertus, Le livre de vieillesse, Le livre de amitié vom Meister des Münchener Boccaccio. - Sotheby's v. 6.7.2000, lot 38: De Veauce-Stundenbuch von einem fouquettesken Maler und dem Meister des Bourbon-Vendôme. Los Angeles, J. Paul Getty Mus., Ms. 7: Diptychon im Stundenbuch-Teil des Simon de Varye vom Dunois-Meister und dem Meister des Jean Rolin. München, Bayer. Staats-Bibl., Cod. Gall. 6: Des cas des nobles hommes et femmes, Frontispiz von F., namengebende Handschrift des Meisters des Münchener Boccaccio. New Haven/Conn., Yale Univ., Beinecke Libr., Ms. 662: Stundenbuch für den Gebrauch von Paris von einem Maler aus der Nähe des Meisters des Münchener Boccaccio. New York, Pierpont Morgan Libr., M. 834: unter Werkstattbeteiligung für Antoine Raguier(?) begonnenes, von Jean Colombe für Jean Robertet fertiggestelltes Stundenbuch. - Metrop. Mus., Lehman Coll., 1975.1.2490: Min. des Etienne Chevalier-Stundenbuchs. Paris, Bibl. de l'Arsenal, Ms. 417: Stundenbuch vom Meister des Münchener Boccaccio und dem nach dieser Handschrift benannten Meister des Bourbon-Vendôme. - Bibl. Mazarine, Ms. 473, f. 13: Min. des Meisters des Münchener Boccaccio im Stundenbuch des Charles de France von dem nach dieser Handschrift benannten Meister des Charles de France. - BN, fr. 247: erster Band der Antiquités judaïques vom Meister des Münchener Boccaccio; fr. 273-274: Tite-Live von Versailles vom Meister des Münchener Boccaccio und dem jungen Jean Bourdichon; fr. 4985, f. 77: Min. im Armorial des Gilles Le Bouvier; fr. 6465: Grandes Chroniques de France; fr. 19819: Statuten des Ordens des Hl. Michael; fr. 20071: Tite-Live von Rochechouart vom Meister des Münchener Boccaccio und anderen Malern, darunter der junge Jean Bourdichon; lat. 1417: Stundenbuch für den Gebrauch von Paris eines F. nahestehenden Malers aus dem Jouvenel-Kreis; lat. 13305: Stundenbuch für den Gebrauch von Rom von einem Maler aus der Nähe des Meisters des Münchener Boccaccio; n.a. fr. 21013: zweiter Band der Antiquités judaïques, Frontispiz vom Meister des Münchener Boccaccio angelegt, Ausmalung und Textminiaturen vom jungen Jean Bourdichon; n.a. lat. 1416: Min. des Etienne Chevalier-Stundenbuchs; n.a. lat. 3187: sog. Stundenbuch der Anne de Baudricourt vom Meister des Münchener Boccaccio und and. Pariser Malern; n.a. lat. 3203: Stundenbuch mit der Devise Hale Ce Moine vom Meister des Münchener Boccaccio; n.a. lat. 3211, p. 35, 241: Min. eines F. nahestehenden Malers aus dem Jouvenel-Kreis und Min. F.s in einem Stundenbuch für den Gebrauch von Angers aus dem Jouvenel-Kreis. - Louvre, Dép. des Arts graphiques, R. F. 1679 und M. I. 1093: zwei Min. des Etienne Chevalier-Stundenbuchs; R.F. 4143, 5271, 29493, 29494: vier Min. aus einer verlorenen Hist. ancienne von F. oder dem Meister des Münchener Boccaccio. - Mus. Marmottan: Min. des Etienne Chevalier-Stundenbuchs. San Marino/Calif., Huntington Libr., Ms. HM 1163: Stundenbuch des Louis Malet de Graville vom Meister des Münchener Boccaccio. Sheffield, Ruskin Gall., R. 3548: sog. Stundenbuch der Diane de Croy von einem Maler aus der Nähe des Meisters des Münchener Boccaccio. Wolfenbüttel, Herzog von August Bibl., Cod. Guelf. Blankenburg 137: Le Jouvencel von einem fouquettesken Maler. - Zchngn: Berlin, Staatl. Mus., Kpst.-Kab., KdZ 4367: Portr.-Studie des Guillaume Jouvenel des Ursins. New York, Metrop. Mus., 49.38: Portr. eines päpstl. Legaten. St. Petersburg, Ermitage, Inv.-Nr 3895: Portr. eines Mannes mit Hut. - Email-Medaillons: Berlin, KGM, Schloß Köpenick, im 2.WK zerst.: Szene aus dem Leben des Hl. Stephanus (urspr. Teil der Rahmendekoration des Melun-Diptychons). Paris, Louvre: Selbstporträt (urspr. Teil der Rahmendekoration des Melun-Diptychons). - Glasmalerei: Paris, Mus. de Cluny: Glasrondell mit dem Monogr. von Laurens Girard (nach einem Entwurf im Stil F.s). - Kopien nach verlorenen Werken F.s: Bloomington, Indiana Univ., Lilly Libr., Ms. ohne Sign., f. 29: Min. mit einer halbfigurigen Madonna eines fouquettesken Malers in einem Stundenbuch für den Gebrauch von Tours, wohl nach einem verlorenen Gem. F.s. Florenz, Uffizien: Tafelbild des Cristofano di Papi dell'Altissimo mit dem Portr. Papst Eugens IV., zw. 1553/56; Gab. Disegni e Stampe, Inv.-Nr 3925: Zchng mit dem Portr. der Agnès Sorel, 16. Jh. Lille, MBA, Inv. OA 203, f. 21: Min. mit einer halbfigurigen Madonna eines fouquettesken Malers in einem Stundenbuch für den Gebrauch von Tours, wohl nach einem verlorenen Gem. F.s. Paris, BN, Clairambault 633, p. 92: Zchng mit dem Portr. Karls VII., 16.Jh.; Clairambault 1242, p. 1411: Zchng mit dem Portr. Ludwigs XI., möglicherweise als Teilkopie des 1474 gelieferten Grabmal-Entwurfs F.s, 16.Jh.; n.a. fr. 5174, f. 40, 41, 42, 43: Nachzeichnungen zweier Tapisserien einer verlorenen Serie mit der Schlacht von Formigny, möglicherweise nach Entwürfen F.s, 1621; Rés. H 81: Onuphrii Panvinii Veronensis Fratris Eremitae Augustiniani XXVII Pontificum maximorum Elogia et imagines accuratissime ad vivum aeneis typis delineatae, Rom 1568 (Kupferstich des Onofrio Panvinio mit dem Porträt Papst Eugens IV.); Dép. des Estampes, Oa 14, f. 48: Zchng mit dem Portr. des Arthur de Richemont, 16.Jh.; Oa 14, f. 3 und f. 15: Aqu.-Zchngn mit den Portr. des kgl. Paars Karls VII. und Marie d'Anjou, um 1700.

QUELLEN

Thieme-Becker, Vollmer und AKL:

ThB12, 1916; ThB13, 1920 (s.v. Giachetto, Francioso)

 

Weitere Lexika:

DA XI, 1996

 

Gedruckte Nachweise:

Vollständiges Verz. der relevanten Lit. in: J.F., Peintre et enlumineur du XVe s. (K BN), ed. F.Avril, P. 2003. - L.Curmer, La Vie et les œuvres de J.F., P. 1867; P.Durieu, La question des œuvres de jeunesse de J.F., in: Recueil de mém. publiés par la Soc. nat. des antiquaires de France à l'occasion de son centenaire, P. 1904, 11-119; id., Les Antiquités judaïques et le peintre J.F., P.1908 (Bibliogr. bis 1907); T.Cox, Jehan F., native of Tours, Lo. 1931; P.Vitry, GBA 1:1932, 254-265; H.Focillon, GBA 15:1936, 17-32; K.G. Perls, J.F., Lo. u.a. 1940; O.Pächt, JWarburg 4:1940-41, 85-102; C.Jacques [Sterling], La peint. franç. Les peintres du Moyen Age, P. 1941; E.A. van Moé/P.Valéry, Les F. de la BN, P. 1943 (Faks.); Abbé Bourderioux, in: Bull. de la Soc. Archéol. de Touraine 29:1948, 383; J.Porcher (Ed.), Ms. à peint. en France: La Peint. des ms. gothiques du XIIIe au XVIe ss. (K BN), P. 1955, 117-135; K.Schwager, in: Argo. Festschr. für Kurt Badt, Köln 1970, 206-234; C.Sterling (Vorw.)/C.Schaefer (Einf.), Les Heures d'Etienne Chevalier de J.F., P. 1971 (Faks.); E.König, ZKg 36:1974, 164-179; O.Pächt, JbKS Wien 70:1974, 39-88; A.Châtelet, in: Et. d'art franç. offertes à Charles Sterling P. 1975, 127-138; C.Schaefer, in: Jb. Koninkl. MSK 1975, 1-100; O.Pächt/D.Kreidl, GBA 97:1981(1344)1-8; C.Schaefer/C. de Hamel/J.Y. Ribault, GBA, n.s. 5, 98:1981, 193-200; N.Reynaud, J.F. (K Louvre), P. 1981; D.Sutton, Apollo 1981, 390-392; E.König, Frz. Buchmalerei um 1450. Der Jouvenel-Maler, der Maler des Genfer Boccaccio und die Anfänge J.F.s, B. 1982; J.Plummer/G.Clark, The last flowering. French paint. in mss., 1420-1530 (K Pierpont Morgan Libr.), N.Y. 1982; F.Avril, Rev. de l'art 67:1985, 33-44; J.Marrow, ibid., 7-32; G.N. Deutsch, Iconogr. de l'ill. de Flavius Josèphe au temps de J.F., Leiden 1986; F.Avril u.a., Les grandes chroniques de France, P. 1987 (Faks.); P.Jacky, Rev. du Louvre 42:1992(4)45-48; F.Avril/N.Reynaud, Les mss. à peint. en France 1440-1520 (K BN), P. 1993, 130-151; S.C. Clancy, ZKg 56:1993(2)209-228; C.Schaefer, J.F. An der Schwelle zur Renaiss., D. 1994 (Archivalien, Bibliogr.); J.H. Marrow/F.Avril, The Hours of Simon de Varie, Malibu, Calif./D.H. 1994 (Faks.); P.Stirnemann, Les Heures d'Etienne Chevalier par J.F. Les quarante enluminures du mus. Condé, P. 2003 (Faks.)

 


THIEME-BECKER

Fouquet (Foucquet), Jean, Maler, vornehmlich Buchmaler, nach Äußerungen aus dem 15. und 16. Jahrh. der berühmteste französische Maler seiner Zeit. Geb. in Tours um 1420, † das. zwischen 1477 u. 1481. F. kam in jugendlichen Jahren nach Rom und porträtierte dort (zwischen 1443 und den ersten Wochen des Jahres 1447) den Papst Eugen IV. Dies berichtet Antonio Filarete, der damals ebenfalls in Rom tätig war und zu dem Franzosen in Beziehung trat. Filarete in seinem Traktat über Architektur spricht rühmend von F., erwähnt das Porträt des am 23. 2. 1447 gestorbenen Papstes, das in der Sakristei der Minervakirche hing (der Papst war auf Leinwand mit zwei Nepoten dargestellt). Vasari spricht von den Beziehungen zwischen F. u. Filarete. Er nennt den Franzosen "Foccora". Nachdem am 22. 7. 1461 Charles VII. zu Bourges gestorben war, nahm ein Bildhauer die Totenmaske des Königs u. begab sich damit nach Paris, wo er F. zu finden dachte. Vermutlich sollte F. die Maske malen, was dafür sprechen würde, daß er den König früher porträtiert hatte. 1461 wird F. in Tours erwähnt, als die Bürgerschaft Vorbereitungen zum Einzug des Königs Louis XI. trifft. Als Sachverständiger wird der Maler neben einem Bildhauer u. einem Baumeister zu Festbauten herangezogen. Theatervorstellungen werden geplant, auf Wunsch des Königs aber aufgegeben. Am 1. 8. 1469 wird das Statut des Ordens von St. Michel veröffentlicht. Bald darauf empfängt F. eine Zahlung für Arbeiten im Dienste der Ritter dieses Ordens (s. u.). Am 4. 10. 1469 ist der Meister in Tours nachweisbar. 1472 erhält er den Auftrag zu einem Gebetbuch mit Miniaturen für Marie von Kleve, Herzogin von Orléans, und reist von Tours nach Blois, um sich mit der Fürstin zu verständigen. 1474 läßt noch Louis XI. Entwürfe zu seinem Grabdenkmal von dem berühmten Bildhauer Michel Colombe, dem Maler Colin d'Amiens und von F. anfertigen. 1475 wird F. als "peintre du roy" erwähnt. 1476, beim feierlichen Einzug Alfons' V. von Portugal in Tours, hat er einen Z hronaufbau einzurichten oder zu entwerfen ("un dais"). 1477 spricht Francesco Florio in einem nach Rom gerichteten Briefe von F. als von einem Lebenden, rühmt Gemälde, die F. in der Kirche Notre Dame la Riche zu Tours ausgeführt habe. Am 8. 11. 1481 wird die Witwe F.s in Tours erwähnt. War F. nach mehreren Zeugnissen nicht nur als Buchmaler, sondern ebensowohl als Porträtist und Meister monumentaler Kirchenbilder berühmt, so geht unsere Anschauung zunächst von Miniaturen aus, da das einzige erhaltene u. als seine Arbeit beglaubigte, für Jacques d'Armagnac, duc de Nemours ausgeführte Werk eine Reihe von Miniaturen ist in den beiden Bänden der "Antiquités judaiques" von Josephus, die jetzt fast vollständig (nur 2 Blätter fehlen) in der Bibliothèque Nat. zu Paris vereinigt sind. Mehrere Bilder in dieser französischen Übersetzung des "Josephus" sind durch die Eintragung des François Robertet, der zeitlich dem Meister noch nahe stand, als Arbeiten F.s beglaubigt und vor 1477 entstanden. Im 1. Bande dieser Josephus-Handschrift findet sich die Mitteilung: en ce livre a douze ystoires, les troys premieres de l'enlumineur du duc Jehan de Berry et les neuf de la main du bon paintre et enlumineur du roi Loys XIe, Jehan Foucquet, natif de Tours. - Die Angabe deckt sich nicht mit dem Bestande. Der Band enthält 14 (nicht 12) Bilder, von denen 3 von einem Maler aus der Zeit um 1400, 11 (nicht 9) von F. herrühren. Der 2. Band enthält ein großes Bild, das sich den Miniaturen F.s durchaus anschließt und eine Reihe kleinerer Bilder, die von einem etwas jüngeren Maler zu stammen scheinen. Jede Bemühung, dem Meister Miniaturen und etwa auch Tafelbilder oder Zeichnungen zuzuschreiben, hat von hier auszugehen. Die mit größerer und geringerer Sicherheit stilkritisch den Josephus-Blättern zugeordneten Buchmalereien sind: 1) Das Gebetbuch des Estienne Chevalier. Die Miniaturen sind ausgeschnitten. 40 davon befinden sich im Musée Condé in Chantilly, wohin sie 1891 aus der Samml. Brentano in Frankfurt a. M. gelangt sind. Vier weitere Bilder aus diesem Buche sind entdeckt worden: 1 im British Mus. in London (aus der Samml. Rogers), 2 im Louvre (aus den Samml. Sauvageot u. Feuillet de Conches) u. 1 in der Bibl. Nat. zu Paris. Da Charles VII. in der Anbetung der Könige, an 2. Stelle sein Sohn Louis XI. dargestellt sind, scheint dieses Werk vor 1461 entstanden zu sein. - 2) Die Grandes chroniques de France, Paris, Bibl. Nat. F.s Autorschaft wird von den meisten Forschern anerkannt. - 3) Die Statuten des St. Michel-Ordens, Paris, Bibl. Nat. (1469, vgl. oben die urkundliche Nachricht von einer Zahlung an F. für Arbeiten im Dienste der Ordensritter). Nur eine Miniatur. - 4) Boccaccio, Von den berühmten Männern u. Frauen (französisch), München, Hofbibliothek (der Text 1458 vollendet). Nicht für Estienne Chevalier, wie man früher glaubte, sondern für Laurens Gyrard ausgeführt. Die Bilder sind ungleichwertig und teilweise wohl nur in F.s Werkstatt ausgeführt. - 5) Gebetbuch des Charles de France, duc de Guyenne, des Bruders Louis' XI., Paris, Bibl. Mazarin. Unvollendet, nur 2 Miniaturen ausgeführt. Der Besteller †20. 5. 1472. - 6) Vier Blätter aus einer Geschichte Roms, Bibliothek H. Yates Thompson. Nach einem verschollenen Dokument, das sich in der Autographen-Samml. von B. Filfon befand (Versteigerung in Paris 1879), hat F. für den berühmten Geschichtsschreiber Philippe de Comynes etwa 1473 2 Gebetbücher ausgeführt. Bücher mit dem Wappen des Comynes und mit Miniaturen im Stile F.s sind in der Bibliothèque Nat. in Paris und in der Huth-Samml. gefunden worden (das 2. Manuscr. jetzt bei Jos. Baer & Co. in Frankfurt a. M., vgl. L. Baer, Ph. de C. and the painter J. F., Burlington Magazine XXV [1914] 40ff.). - Ein Gebetbuch des Louis de Laval ist von Mély (Gaz. des Beaux-Arts 1913 II 1ff.) dem Meister zugeschrieben worden. - Mit geringerer Sicherheit sind noch verschiedene Gebetbücher (Haag, Bibliothek; Paris, Bibl. Nat.; Chantilly, Heures de la duchesse de Bourgogne, Adélaide de Savoie) und Livius-Ausgaben für F. in Anspruch genommen worden. - Eine Gruppe stilistisch etwas abweichender Miniaturen, die als Jugendarbeiten F.s in Betracht kommen, hat Durrieu zusammengestellt (vgl. dessen Publikation der Antiquités judaïques). Unsre Vorstellung von Tafelbildern F.s geht von dem Bilde mit Estienne Chevalier und dem hI. Stephan aus, das aus der Samml. Brentano in Frankfurt a. M. in das KaiserFriedrich-Mus. zu Berlin gelangt ist. Diese Tafel ist ersichtlich von derselben Hand wie das für E. Chevalier ausgeführte Gebetbuch, in dem ein Stifterbildnis vorkommt. Mit dem Madonnenbild in dem Mus. zu Antwerpen bildet sie ein Diptychon, das ehemals im Chor von Notre Dame zu Melun hing. Nach alter Tradition ist die auffällig porträtmäßige Madonna mit den Zügen der Agnès Sorel (†1450), der Maitresse Charles' VII., die eine Gönnerin Chevaliers war, dargestellt. Stilistisch vollkommen übereinstimmend mit der Berliner Tafel, sind die Bildnisse Charles' VII. (vor 1461) und des Juvenel des Ursins, beide im Louvre, als Schöpfungen F.s anerkannt. Unter den zweifelhaften Porträttafeln, die dem Meister gelegentlich zugeschrieben worden sind, ragt das Männerporträt der Liechtenstein'schen Gal. in Wien, mit dem Datum 1456, hervor, in dem man ein Selbstporträt des Meisters sehen wollte. Anscheinend von derselben Hand ist der Mann mit dem Weinglase, der aus der Wilczeck-Sammlung in den Louvre gekommen ist. Ein kleines Madonnenbild von F. befand sich in der Samml. der Statthalterin Margarete von Österreich. Von Zeichnungen sind dem Meister mit Erfolg zugeschrieben worden: ein Männerbildnis in Metallstift, das aus der Samml. Heseltine in die Samml. Henri Oppenheimer zu London gelangt ist (mit der Aufschrift: un roumain legat de nostre St pere en france), ferner die Bildnisstudie zu dem Juvenel-Porträt des Louvre im Berliner Kupferstichkabinett, endlich ein Porträt in der Ermitage zu St. Petersburg (Les Arts 1906, Sept. No 57). Manches weist darauf hin, daß F. als Emailmaler tätig gewesen sei und die im 16. Jahrh. blühende spezifisch französische Technik des émail peint begründet habe. Der Louvre besitzt eine runde Emailplatte aus der Samml. Janzé, ein Männerbildnis mit der Umschrift "Jöhes Fouquet". Der Schriftcharakter und der Stil der Zeichnung weisen in die Zeit des Meisters, der hier dargestellt ist. Ob es sich um ein Selbstbildnis handelt, u. die Ausführung in Email von F. herrührt, ist zweifelhaft. Eine zweite Emailplatte - im Berliner Kunstgewerbemus. - ist rein stilkritisch mit Recht dem Meister zugeschrieben worden. Dargestellt sind die Gläubigen und die Ungläubigen. Nun besitzen wir eine alte Beschreibung von dem Originalrahmen des Diptychons von Melun, der Stiftung Estienne Chevaliers. Aus der nicht ganz klaren Mitteilung ist herauszulesen, daß in die Rahmung runde Platten gemalten Emails mit heiligen Historien eingelassen waren. Möglicherweise ist in der Berliner Platte ein Rest von dieser Rahmung erhalten. Da Filarete, mit dem F. in Rom in Beziehung stand, die Kunst des Emails übte, wie seine Bronzekopie der Traiansstatue im Mus. zu Dresden zeigt, könnte F. von diesem Italiener die Anregung empfangen haben. Die beiden dem F. zugeschriebenen Emails sind mit gestricheltem Gold auf schwarzem Grund ausgeführt. F. erscheint im stilgeschichtlichen Zusammenhang als Miniaturmaler, der gelegentlich Aufgaben der Monumentalkunst übernimmt. Die hochentwickelte französische Buchkunst, die um 1400 stark von den Niederlanden her angeregt worden war, bot wohl die Grundlage zu seiner Bildung. Der Aufenthalt in Italien hatte eine starke Wirkung zur Folge. Man glaubt, daß namentlich Fra Angelico tiefen Eindruck auf F. geübt habe. Ein nüchtern sachlicher Geist, geläuterter Geschmack im Formalen und die Virtuosität und Stilbegrenztheit des Buchmalers geben F.s Gestaltungsweise den Charakter. - Seine Söhne s. unter Fouquet, François. Literatur: Eine übersichtliche Zusammenstellung aller vor 1908 erschienenen Schriften über F. ist in P. Durrieu's Les antiquités judaïques (Paris, 1908) zu finden. Hier auch genaue Zitate der ersten Äußerungen von Jean le Maire, Filarete, Florio, Pèlerin, Vasari. Von den Urkunden ist hier auch das Wesentliche zu finden. Darüber ferner: Ch. de Grandmaison, Document sur J. F. in Rev. des soc. savantes, 1866 2. sém. IV. ser. IV. tom. p. 502 u. Doc. inédits pour servir à l'hist. des arts en Touraine in Mém. de la soc. archéol. de Touraine XX (1870). Zusammenfassende Darstellungen: G. Lafenestre, J. F., Paris 1905. - Leprieur in Rev. de l'art anc. et mod. I (1895) 25, II (1895) 15, 147, 347. Die F. zugeschriebenen Miniaturen sind abgebildet: P. Durrieu, Les antiquités judaiques, Paris, 1908. - Gruyer, Chantilly, les 40 Foucquet, Paris 1897. - Omont, Grandes chroniques de France enlum. par J. F., Paris, o. J. (Berthaud frères). - P. Durrie u. Le Boccace de Munich, München 1909. 1904 auf der Ausst. der primitifs français in Paris waren die meisten Werke F.s vereinigt (vgl. den offiziellen Kat. dieser Ausst.). Kritisch über die Ausst. namentlich: Hulin, L'exposition des prim. franç., Bruxelles, 1904. Über die Tafelbilder F.s: M. J. Friedländer, Die Votivtafel des Estienne Chevalier, Jahrb. d. preuß. Kstsamml. XVII (1896) 206ff. Über die Emailarbeiten: Marquet de Vasselot, Deux émaux de J. F., in Gaz. des B.- Arts, 1904 II 140ff. Über die Zeichnungen: M. J. Friedländer, Jahrb. d. preuß. Kstsamml. XXXII (1910) 227ff. Ferner über einzelne Fragen: Paul Viollet, J. F. et quelques-uns de ses contemporains, in Gaz. des B.-Arts XXIII (1867) 97ff. - Montaiglon, J. F. et son portrait du pape Eugène IV., in Arch. de l'art franç., 2. sér. I (1861) 454ff. - H. Bouchot, J. F. in Gaz. des B.-Arts 1890 II 273ff., 416ff. - F. de Mély, J. F. et l'antiquités des Romains, in Rev. archéol. 1912 I 116ff. Friedländer.