Gossaert (Gossart), Jan (Gennin; Janin; Jennin; Jennyn; gen. Mabuse), niederl. Maler, Zeichner, Kupferstecher, Radierer, Entwerfer u.a. für Hschn., Glas-Gem., Metall-, Stein- und Holzbildwerke, *1478 Maubeuge, †1.10.(?)1532 Middelburg (oder Antwerpen?).
Gossaert, Jan (1478)
G. war der erste niederl. Künstler, der mythologische Themen in einem an der Antike orientierten Stil darstellte. Sein Werk steht am Übergang der spätgotischen Kunst zur Renaiss. niederl. Prägung. G.s Beiname Mabuse ergibt sich aus der fläm. Bezeichnung seines Geburtsorts Maubeuge im Hennegau (heute Frankreich). Das Geburtsjahr ist dok. in der 1623 von Arnold Buchelius überlieferten Inschr. eines heute verlorenen Porträts. Diese nennt als Entstehungsjahr des Bildes 1528 und gibt das Alter des Künstlers mit 50 Jahren an. G.s Todesjahr erschließt sich aus den Zahlungen einer Rente, die er am 12.9.1532 zum letzten Mal selbst quittierte, während bereits am 13.10.1532 seine Witwe eine letzte Zahlung entgegennahm. In der vierten, von Theodor Galle ed. Ausg. der Pictorum aliquot ... effigies (1600) wird angegeben, daß G. am 1.10.1532 in Antwerpen starb und in der dortigen Kathedrale begr. wurde. Er war verh. mit Margareta 's Molders; von den drei Kindern erlernte Pieter G. ebenfalls das Malerhandwerk. G.s Tochter heiratete den Maler Hendrik van der Heyden aus Löwen. - G. wird 1503 zum ersten Mal schriftlich erw., als er sich als "Jennyn van Henegouwe" (aus dem Hennegau) in die Liste der Antwerpener Malergilde einschrieb. Bis 1507 bildete er zwei Schüler aus: Hennen Mertens, 1505 verzeichnet, der mit Jan van Dornicke identifiziert werden konnte, und den 1507 eingeschriebenen Machiel in't Swaenken. Es ist nicht bek., wo G. selbst sein Handwerk erlernte. Die wenigen Zchngn, von denen man auf sein Frühwerk schließt, weisen Parallelen zur Kunst Antwerpens auf (Mystische Vermählung der hl. Katharina, Kopenhagen; Kaiser Augustus und die Tiburtinische Sibylle, Berlin). Ob G. dabei einen wesentlichen Beitr. bei der Initiierung des sog. Antwerpener Manierismus geleistet hat, wie Max J.Friedländer annahm, ist jedoch umstritten und wird von der jüngeren Forsch. eher ausgeschlossen. Die frühesten erh. Gem. verweisen in Motivik und Stil vielmehr auf den Gent-Brügger-Raum (Adam und Eva, Madrid; Malvagna-Triptychon, Palermo). Eine große Bedeutung für G.s Schaffen hatte seine Tätigkeit für Philipp von Burgund, Admiral zur See und Statthalter von Gelderland und Zutphen. Die 1529 vom Humanisten Gerardus Geldenhauer verfaßte Biogr. Philipps stellt die wichtigste zeitgen. Quelle zu G.s Leben und Werk dar. Demnach begleitete er 1508/09 seinen Mäzen auf einer diplomatischen Reise zu Papst Julius II. nach Rom, die über Trient, Verona, Mantua und Florenz führte. Geldenhauer berichtet, daß G. von Philipp eigens dazu angehalten worden sei, die antiken Mon. zu malen ("... per clarissimum pictorem Joannem Gossaerdum Malbodium depingenda sibi curavit"). Tatsächlich haben sich vier Federzeichnungen erh., die während dieser Reise entstanden sind: eine Archit.-Zchng nach dem Kolosseum (Berlin) sowie drei Stud. nach Skulpt. (Dornauszieher, Leiden; Kapitolinischer Herkules, London; Apollon Kitharoedos, Venedig). Es sind die ersten überlieferten Stud. eines nordalpinen Künstlers nach Relikten der römischen Antike. Nach der Rückkehr aus Rom ließ sich G. vermutlich in Middelburg nieder. Es wird allg. angenommen, daß es sich bei dem E. 1509 in der örtlichen Marienbruderschaft eingeschriebenen "Janin de Waele" (der Wallone) um G. handelt. Nicht unweit von Middelburg ließ Philipp von Burgund Schloß Souburg auf der Insel Walcheren nach dem Vorbild ital. Renaissancepaläste ausbauen. Geldenhauer berichtet, daß er für diese Aufgabe namhafte Künstler beschäftigte, u.a. G. und den Italiener Jacopo de'Barbari, die er als "Zeuxis und Apelles unserer Zeit" bezeichnet. G.s Gem. Neptun und Amphitrite (Berlin) aus dem Jahr 1516, sein erstes dat. Werk, ist vermutlich in diesem Kontext entstanden. Es trägt neben der Sign. des Künstlers (
Gem. (WV Herzog, 1968; Friedländer/Pauwels/Herzog, 1972):
Einzelausstellungen:
1965 Rotterdam und Brügge: J.G. genaamd Mabuse (K). - G (alle mit K): Brüssel: 1963 Le s. de Bruegel. La peint. en Belgique au XVIe s.; 1977 Albert Dürer aux Pays-Bas; 1995 Fiamminghi a Roma 1508-1608 (Wander-Ausst.) / 1986 Washington: The age of Bruegel. Netherlandish drawings in the sixteenth c. (Wander-Ausst.); Amsterdam: Kunst voor de beeldenstorm / 1998 Madrid: Felipe II. Un monarca e su época / 2005 Antwerpen: Extravagant. A forgotten chapter of Antwerp painting 1500-1530.
Thieme-Becker, Vollmer und AKL:
ThB14, 1921
Weitere Lexika:
BNB VIII, 1884/85; Wurzbach, NKL II, 1910; Kindler, ML II, 1965; NBW XII, 1987; DPB I, 1995; DA XIII, 1996
Gedruckte Nachweise:
Quellenschriften: G.Geldenhauer, Vita clarissimi principis Philippi a Burgundia (Argentorati [Straßburg] 1529), in: J.Prinsen, Collectanea van Gerardus Geldenhauer Noviomagus, Am. 1901 (Werken uitgegeven door het Hist. Genootschap te Utrecht, 3.F., XVI); L.Guicciardini, Descr. di tutti i Paesi Bassi, Ant. 1567; D.Lampsonius, Pictorum aliquot celebrium Germaniae inferioris effigies, Ant. 1572; Mander, 1604. - Sekundärliteratur: M.Gossart, Jean G. de Maubeuge. Sa vie et son œuvre, Lille 1903; E.Weisz, J.G. gen. Mabuse. Sein Leben und seine Werke, Parchim 1913; F.Winkler, JbPrKS 42:1921, 5-19; A.Segard, Jean G. dit Mabuse, Br./P. 1924; M.J. Friedländer, Die altniederländische Malerei, VIII: J.G. und Bernart van Orley, B. 1930, erweitert und kommentiert v. H.Pauwels/S.Herzog, Leiden/Br. 1972 (Lit.); id., in: Mélanges Hulin de Loo, Br./P. 1931, 182-186; W.Krönig, ZKg 3:1934, 163-177; J.G. van Gelder, Oud-Holland 59:1942, 1-11; G.Glück, ArtQu 8:1945, 116-139; J.Folie, GBA 38:1951/60, 77-98; H.Schwarz, ibid. 42:1953, 145-182; J.Folie, Bull. de l'Inst. Royal du patrimoine artist. 3:1960, 195-201; G.von der Osten, in: De artibus opuscula XL. Essays in honor of Erwin Panofsky, I, N.Y. 1961, 454-475; N.Dacos, Les peintres belges à Rome au XVIe s., Br./R. 1964, 15-21; H.Pauwels u.a., J.G. genaamd Mabuse (K Rotterdam/Brügge), Eindhoven 1965 (Aufsätze v. K.G. Boon, J.K. Steppe; Lit.); P.Wescher, ArtQu 28:1965, 155-166; Bull. Mus. BvB 19:1968 (Aufsätze v. H.Pauwels, J.Duverger, S.Herzog, E.de Jongh, W.Krönig, M.Smeyers); S.Herzog, J.G. called Mabuse (ca. 1478-1532). A study of his chronology with a cat. of his works, Diss. Bryn Mawr, Ann Arbor 1968 (Lit.); P.Wescher, Wallraf-Richartz-Jb. 32:1970, 99-112; W.S. Gibson, Bull. of The Cleveland Mus. of Art 61:1974, 287-299; J.Sterk, Philips van Bourgondië (1465-1524), bischop van Utrecht, Zutphen 1980; R.W. Scheller, in: A.-M. Logan (Ed.), Essays in Northern Europ. art. Presented to Egbert Havenkamp-Begemann, Doornspijk 1983, 228-236; E.Dhanens, Meded. van de Koninkl. Acad. voor Wetenschappen, Letteren en Schone Kunsten van België, Kl. der Schone Kunsten 46:1985, 61-142; G.Kraut, Lukas malt die Madonna. Zeugnisse zum künstlerischen Selbstverständnis in der Malerei, Worms 1986, 45-57; L.Silver, Nederl. kunsthist. jb. 37:1986, 1-40; J.R. Judson, in: The age of Bruegel (K Wander-Ausst.), Wa. 1986, 13-24; J.R. Judson, Nederl. kunsthist. jb. 38:1987, 128-135; W.S. Gibson, Simiolus 17:1987, 79-89; L.Silver, Pantheon 45:1987, 58-69; R.A.C. van Driessche, Handelingen de Maatschappij voor Gesch. en Oudheidkunde te Gent 44:1990, 125-138; C.Olds, J. of aesthetic education 24:1990, 89-96; J.O. Schaefer, Source. Notes in the hist. of art 7:1992, 31-37; J.Held/N.Schneider, Sozialgeschichte der Malerei vom Spätmittelalter bis ins 20. Jh., Köln 1993, 81-84; S.Bark, Auf der Suche nach dem verlorenen Paradies, Ffm. u.a. 1994, 63-75; J.C. Harrison, The Chrysler Mus. j. 1:1994, 3-13; H.Olbrich, in: M.Papenbrock (Ed.), Kunst und Sozialgeschichte, Pfaffenweiler 1995, 306-315; L.Campbell/J.Dunkterton, BurlMag 138:1996, 164-173; L.Campbell, NG technical bull. 18:1997, 87-97; C.Garrido, in: Le dessin sous-jacent et la technologie dans la peint. (Kolloquium 1997), ed. H.Verougstraete/R.Van Schoute, Louvain-la-Neuve 1999, 73-85; A.Mensger, in: C.Kruse/F.Thürlemann (Ed.), Portr., Lsch., Interieur, Tb. 1999, 273-290; E.J. Sluijter, Simiolus 27:1999, 4-45; E.M. Kavaler, ArtB 82:2000, 226-251; A.Corboz, Artibus et historiae 42:2000, 9-29; C.von Heusinger, Jb. des KHM Wien 2:2001, 9-72; Kunstschrift 46:2002; A.Mensger, J.G. Die niederl. Kunst zu Beginn der Neuzeit, B. 2002 (Lit.); I.Hopfner, Technologische Stud. KHM 2:2005, 132-161; M.Ainsworth/M.Farries, in: La peint. ancienne et ses procédés (Kolloquium 2003), ed. H.Verougstraete/H.Couvent, Leuven 2006, 138-149; J.Sander, in: J.F. Hamburger/A.S. Korteweg (Ed.), Tributes in honor of James H.Marrow, Lo. u.a. 2006, 421-430
Gossaert (Gossart), Jan, gen. Mabuse, Maler, Zeichner für den Holzschnitt, Kupferstecher u. Radierer, geb. um 1478, † zwischen 1533 u. 1536, aus Maubeuge stammend, aber wahrscheinlich in Schloß Duurstede bei Utrecht geboren, wo ein Jakob von Maubeuge Rentmeister Davids von Burgund, des Halbbruders von G.s Gönner Philipp v. Burgund, war. 1503 wird er Freimeister in Antwerpen und nimmt 1505 und 1507 dort Schüler an. Wohl schon 1508, sicher 1509 war G. in Rom mit Aufträgen für Philipp von Burgund beschäftigt, u. im gleichen Jahre wird er in einer religiösen Brüderschaft von Middelburg erwähnt, wo er (in der Nähe von Suytborg, dem Schlosse seines Gönners Philipp) bis zur Ernennung Philipps zum Bischof von Utrecht (1517) ansässig gewesen zu sein scheint. Philipps neuer Wohnsitz war Schloß Duurstede; G. wohnte seitdem wohl in Utrecht, wo Jan van Scorel sein Schüler war. Beim Tode Philipps (1524) trat G. in die Dienste seines Großneffen, Adolf von Burgund, und kam damit nach Middelburg zurück, wo ihn Lucas van Leyden besuchte und wo er zwischen 1533 und 1536 gestorben ist. - G.s Sohn Pieterlebtein Middelburgals Maler (fvor1578). Außerdem haben ihn fürstliche Aufträge vermutlich oft auf Reisen geführt. - Außer seinen Werken für die Schlösser Suytborg und Duurstede, von denen nur ein Bruchstück, das Neptun- und Amphitritebild der Berliner Gal., erhalten zu sein scheint, entwarf G. den Triumphwagen für das Leichenbegängnis Ferdinands des Katholischen in Brüssel (1516). Kaiser Karl V. gab ihm 2 Bilder für seine Schwester Leonore in Auftrag (um 1515/16), Abt Maximilian von Burgund eine große (zerstörte) Kreuzabnahme in Middelburg (zwischen 1518/20), und Margarete von Österreich ließ einzelne ihrer Bilder in Mecheln von G. restaurieren. G. ist der erste "Romanist" unter den niederländ. Malern. Unter seiner Führung begibt sich die niederländ. Malerei, deren Einfluß sich vorher über das ganze Festland ausgebreitet hatte, unter die Botmäßigkeit Italiens. Am wenigsten sichtbar, aber am folgenreichsten ist der Wandel in der Technik. Er liefert zugleich den Schlüssel für die Erklärung des Umschwungs neben minder bedeutungsvollen Gründen. Die in langer Tradition höchst vervollkommnete Technik hatte, abgesehen von den mächtigen künstlerischen Persönlichkeiten, die Stellung der niederländ. Malerei begründet, die Ausbildung G.s vollzieht sich von Anfang an unter der Einwirkung des Auslandes: die graphischen Arbeiten Dürers haben ihm von Jugend auf in einem bedeutungsvolleren Sinn als Vorbild gedient, als Gerard David oder irgendwelcher Lehrmeister in Brügge, wo G., nach der Typik einzelner Gestalten und nach verschiedenen äußeren Anzeichen zu schließen, vielleicht gelernt hat. Der Gewinn der italien. Reise, die G. im Auftrage Philipps unternahm, um Kopien nach antiken Bildwerken anzufertigen, war, soweit es sich an dem versprengten Material feststellen läßt, neben ganz geringfügigen Äußerlichkeiten in Schmuck und Kostüm. die Behandlung von Licht u. Schatten im Sinn der unter Lionardos Einfluß stehenden mailänd. Schule und die Steinkammern. der Hintergründe vieler seiner späteren Bilder, die von mailänd. und ferraresischen Bildern angeregt sind. Neben der frei gewählten Abhängigkeit von dem größten Genie des Nordens, die er mit den meisten deutschen und niederländ. Künstlern seiner Zeit teilt, war die durch seine soziale Stellung bedingte nicht weniger einflußreich. Es darf mit Grund vermutet werden, daß sein Gönner Philipp, ein eifriger Humanist, die Anregung zu der Darstellung von Mythologien u. nackten Figuren gegeben hat. Sie tauchen erst zu einer Zeit auf, wo Gossaert mit antikisierenden Dekorationsarbeiten wie dem "Neptun und Amphitrite" für Philipp (Berlin, 1516), mit den Entwürfen für das Leichenbegängnis Ferdinands (1516), dessen Triumphwagen mit allegorischen Figuren G. nach Philipps Angaben machte, mit der Lukasmadonna (traditionell 1515, Prag) beschäftigt war. Die vorher entstandenen Bilder tragen in Zierformen und Figurenbau, wie überhaupt in der Auffassung, das Gepräge von Werken eines Künstlers, der überall, auch bei der Wiedergabe der nackten Figur, wesentlich und fast ausschließlich von Dürer abhängig ist, der für G. auch später in den lebensgroßen Akten vorbildlich bleibt. Die Bereicherung des Stoffgebiets der niederländ. Malerei und die Einführung zahlreicher Renaissanceformen stellt G. nichtsdestoweniger an die Spitze der "Romanisten", deren Bestrebungen die zweite Blüte der niederländ. Malerei im 17. Jahrh. unter Rubens wesentlich bedingen. Die erhaltenen Werke reichen nicht in die Jugendjahre G.s zurück, doch ist mit der Arbeit an der Lukasmadonna und dem "Neptun und Amphitrite" der Beginn eines neuen Lebensabschnittes spürbar. G. signiert nunmehr ausschließlich mit der latinisierten Namensform "Joannes Malbodius" und ähnlich, während vorher die flämische ("Jennin Gossart") ausschließlich und in Anbetracht der geringen Zahl von Bildern recht häufig gebraucht wird. Von den 15-20 Bildern, Zeichnungen und Buchmalereien, die bis etwa 1515 entstanden sind, ist nahezu die Hälfte bezeichnet oder beglaubigt, nach 1515 tragen 10 Bilder die latinisierte Namensform, während von ihnen über 40 erhalten sind. Die Werke der ersten Periode G.s scheinen sich in 2 Gruppen zu gliedern, in befangene wie die große Carlisleepiphanic (London), das Hauptwerk der Periode, und der Olberg (Berlin), und flüssig und sicher entworfene und gezeichnete, gelegentlich schon mit übertrieben bewegten Figuren ausgestattete Bilder, die sich um das berühmte Malvagnatriptychon (Palermo, nach 1510/11) scharen; zwischen ihnen steht als einziges Überbleibsel der italien. Reise eine Zeichnung nach einer antiken Statue (Venedig). Das Palermitaner Triptychon - in seinem originalen bemalten Rahmen und Etui ein Kleinod minutiöser virtuoser spätgotischer Malerei - ist durch die originelle Umbildung von Anregungen aus der zeitgenössischen Plastik in dem kunstvollen Thron bemerkenswert. Einzelne Motive daraus kehren in einer Reihe von ungefähr gleichzeitig (zwischen 1409 und 1415) entstandenen Bildern wieder wie einer Kopie aus dem Genter Altar (Madrid), Katharinenvermählung (Kopenhagen, Wien) und in dem Pfingstfest und der Dreifaltigkeit des Breviars Grimani (Venedig, Markusbibl.), deren Disputation der hl. Katharina mit G.s Namen bezeichnet ist. Entweder stammt die Architektur des Blattes von ihm selbst, oder der Figurenmaler des Breviars, als der ziemlich sicher Simon Bening gelten darf (etwa 1508-15), hat hier wie in den beiden anderen Bildern verschollene Entwürfe G.s benutzt. Alle Bilder dieser Periode sind durch Anleihen bei Dürer, van Eyck, durch Anklänge an David und Goes charakteristisch. Die Kopie der Eyck'schen Kirchenmadonna (Rom, Pal. Doria) für den Besitzer des Breviars Grimani, Antonio Siciliano, ist damals wahrscheinlich auch von G. gemalt worden. Schon in dieser Periode offenbart G. seine besten Eigenschaften in Bildnissen (London, Kopenhagen, Rich mond usw.) voll markiger Kraft der Zeichnung, sachlich treuer und kühler Wiedergabe, voll von einer in den Niederlanden sehr seltenen stillen Würde und von höchst gediegener Ausführung. In der zweiten Periode ist das durch viele verschiedenartige Bilder vieldeutige u. uneinheitliche Bild seines Schaffens geklärt. Die Handschrift ist ausgeglichener, die Stilmerkmale sind gleichförmiger geworden. In s. künstlerischen Absichten aber schwankt G. nunmehr zwischen einer erklügelten, völlig traditionslosen, naturfremden Malerei von Figurenstücken großen Formats und einer naiven im Banne des Naturvorbildes und der altniederländ. Tradition entstehenden Bildnismalerei, die den Höhepunkt der niederländ. Malerei der Zeit bedeutet. Die lebensgroßen Figurenstücke, zumal religiöse Stücke, sind ebenso häufig in Nachbildungen wie in Originalen erhalten. In der Mehrzahl selbständig, mannigfaltig und klar in der Komposition, gehören sie zu den besten und fortgeschrittensten Werken dieser Art in ihrer Zeit (Kreuzabnahme-Petersburg, Bekehrung Pauli u. Beweinung Christi-Berlin, Anbetung der Könige-Paris, Gregorsmesse [Stich des J. Doetechum]), die äußerst schlichte ungezwungene Auffassung des "Ecce homo" G.s hat, wie außerordentlich viele Kopien bezeugen, große Popularität genossen. Über die Grenzen seiner Fähigkeit strebt G. da hinaus, wo er, wie in einer Reihe von Darstellungen des Sündenfalls (Schönhausen, Berlin, Hampton Court) in lebensgroßem Format, dem unpathetischen Inhalt des Vorgangs, den alle römischen Künstler gemieden haben, monumentalen Ausdruck im Sinne der Antike oder Hochrenaissance verleihen will. Die unverständlich starke Bewegung solcher Figuren belehrt über die recht äußerliche Auffassung des Wesens der italien. Kunst durch G., die Dürer mit genialem Scharfblick erkannte, als er sich vor der verbrannten Kreuzabnahme G.s in Middelburg notierte, daß G. nicht so gut im Entwurf der Figur als in der Durchführung sei. Vergleichsweise sind diese höchstwahrscheinlich nach den in Rom angefertigten Kopien od. aus der bloßen Erinnerung an antike Skulpturen gemachten Werke selten. Von ihnen sticht der Sündenfall in Wien durch Grazie und Anmut ab. Ebenso sind die Darstellungen mit nackten Göttern und Göttinnen in kleinem Format durch zierliche elegante Formen und sinnfällige Auffassung ausgezeichnet (Rovigo, Richmond, Paris [Schloß]). Freilich sind die Stellungen teilweise italien. Stichen entlehnt. Wo G. sich ihrer nicht bedient, schwankt er zwischen nüchterner Auffassung und akademischer Glätte (München, Danae) einerseits und weihevoller Kühle mit Neigung zu raffinierter Prunkhaftigkeit andererseits (Lukasmadonna, Wien). Den Höhepunkt seines Schaffens bedeuten seine Madonnen u. Bildnisse. Die Bildfläche wird nach altniederländ. Weise von ihnen voll ausgefüllt, Gesicht, Hände, Haare, Faltenwerk werden mit höchster Feinheit und Zierlichkeit gebildet. Die Freiheit und der Reichtum von G.s Modellierung ist kaum mehr überboten worden, der feierliche oder ernsthafte Christusknabe bei van Eyck und Memling ist einem herkulisch gebauten, lebhaft bewegten Kind gewichen, die Marien sind von kühler, bestechender Munterkeit. Alle enthalten Anklänge an mailändische Werke, diejenige, die die Marquise van Veere mit ihrem Kinde darstellen soll (Kopien [?] in Brüssel, Longford Castle u. Paris [ehem. R. Kann]), ist augenscheinlich bald nach der Rückkehr aus Italien entstanden. Seine Bildnisse übertreffen alles andere in seinem Werk. Sie werden außer durch die oben genannten Eigenschaften der Bildnisse in dieser Periode durch reichere Modellierung in kühlen Tönen, wirkungsvollere Einfügung in den Rahmen u. prunkvolle Erscheinung gekennzeichnet. Das Bildnis der 3 Kinder König Christians II. von Dänemark, das in mehreren Exemplaren (Wilton House, Hampton Court, Longford Castle) vorkommt, ist neben dem Bildnis der Kinder Holbeins (Basel) das bedeutendste Kinderbildnis der Renaissance. G.s Virtuosität in allen technischen Dingen hat ihn zu Versuchen in Kupferstich, Holzschnitt und Radierung geführt, die sich alle an den reifen Stil der graphischen Arbeiten Dürers anschließen, wie ihn Dürer seit Beginn des 2. Jahrzehnts etwa entwickelt hatte (Verzeichnis s. unten). Bilder und Zeichnungen G.s. [Die mit * bezeichneten sind Zuschreibungen Friedländers (s. Lit.) von Bildern, die der Unterzeichnete nicht gesehen hat.] Amiens, SIg Masson: Enthauptung Joh. d. T. (Zeichn., bez., früh). - Amsterdam: Floris von Egmont. - Antwerpen: männl. Bildnis; ebda, M. v. d. Bergh: 'hl. Magdalena. - Belton House bei Grantham (Earl of Brownlow): Anna von Bergen (vgl. Boston). - Berlin. Christus am Olberg (früh); Neptun u. Amphitrite (bez., 1516, nach Dürer); Sündenfall; Karl v. Burgund; weibl. Bildnis (Fragment); Madonna in Halbfigur; ebda, Kupferst.Kab.: Pietà (Kopie nach einer von H. Wiericx gestoch. Komposition? s. unten); Beweinung Christi; Bekehrung Sauli (Zeichngn, die letztere Entwurf zu einer Tapisserie?); ebda, v. Kaufmann (ehemals): Madonna; männl. Bildnis (bez.); ebda, Hollitscher (ehemals): Madonna in Halbfigur. - Boston, Gardner: Anna von Bergen. - Florenz, Ksthandel: 'Isabella(?) von Österreich. Frankfurt: Sündenfall (Kopie? Zeichng). - Hampton Court: Kinder Christians II. von Dänemark (Wiederholgn in Wilton House u. Longford Castle); Sündenfall. - Kopenhagen: männl. Bildnis (früh?); Madonna m. Stifter. - London: Anbetung der Könige (früh, bez.); Magdalena (früh); Bildnis eines Ehepaars (früh); Mann mit Rosenkranz (wohl ursprünglich mit der Madrider Madonna ein Diptychon bildend); Marin mit Handschuhen; weibl. Bildnis; ebda, Holford: männl. Bildnis; ebda, L. Hirsch: J. Carondelet (Wiederholg 1916 München [A. S. Drey]). - Madrid: Madonna (s. London); Gottvater, Christus u. Maria (nach dem Genter Altar, früh). - Mainz, Busch (1917): männl. Bildnis. - München: Danae (bez. 1527); Madonna (bez. 1527). - Münster: Madonna (bez.). - New York, Pratt: männl. Bildnis. - Palermo: Triptychon mit der Madonna (nach 1510, bez.?). - Paris: Diptychon der Madonna mit J. Carondelet (1517, bez.); Mönch (1526, bez.); Anbetung der Könige (Zeichng, Abb. Jahrb. der pr. Kstsamml., XXXV [1915] 224); ebda, Schloß: Venus (1521 (Kopie?] nach Marc Anton); *ebda, Sulzbach: männl. Bildnis; ebda, Wassermann: Madonna (aus d. Slg Beurnonville); ebda, Privatbes.: männl. Bildnis. - Petersburg: Kreuzabnahme. - Prag: Lukasmadonna (1515 bez.). - Ratshof, v. Liphart: männl. Bildnis (früh?). - Richmond, Cook: männl. Bildnis (früh?); Herkules u. Dejanira (1517, bez.). - Rom, Pal. Doria: Diptychon des Antonio Siciliano (nach der Kirchenmadonna des Jan van Eyck, fragliches Frühwerk G.s). - Rovigo: Venus. - Schloß Schönhausen b. Berlin: Sündenfall. - Stuttgart: männl. Bildnis. - Szegedin, v. Back: hl. Familie. - Tournai: hl. Donatian (s. Wien, Gutmann). - Valencia, Ksthandel 1920: Ecce homo. - Venedig, Akad.: Hermaphrodit der Casa Sassi (Zeichng, 1508/9); ebda, Markusbibliothek: Breviar Grimani (Miniatur der Disputation der hl. Katharina, bez., früh? - Wien: Lukasmadonna; männliches Bildnis; sitzende Madonna; ebda, Albertina: Vermählung der hl. Katharina (Zeichng, früh); Sündenfall (Zeichng); ebda, Gutmann: J. Carondelet (r. Flügel eines Diptychons, 1. Flügel in Tournai). - Wörlitz: Sündenfall (nach Dürer, früh). - Verschollen: hl. Hieronymus (früh); Joh. d. T. u. Petrus (1521, bez., zuletzt Sig König Wilhelms II. der Niederlande); Madonna in ganzer Figur (1532, bez.; Kopie? [zuletzt bei Steinmeyer, Paris]). Kopien nach Bildern G.s: Madonna in Halbfigur (angebl. Anna v. Bergen, Marquise von Veere) in Brüssel, Longford Castle, Paris (R. Kann, eigenhändig?) - Ecce homo, u. a. in Antwerpen, Berlin, Gent; ein eigenhändiges Exemplar in Budapest? - Mars u. Venus (Paris, Mersch). - Herkules u. Antäus (Wien, Miethke, bez. 1523). - Madonna mit dem Kopftuch (Kopien in allen größeren Sammlgn). - Messe des hl. Gregor (Stich des J. Doetechum). - Pietà (Stich des H. Wiericx u. Zeicltng in Berlin). - Christian II. von Dänemark (Stich des J. Binck). Graphische Arbeiten, Holzschnitte: Kains Brudermord; Herkules u. Omphale. - Kupferstiche: 2 Madonnen, bez., die eine datiert 1522. - Radierung: Verspottung Christi. Literatur. Die Biographien von M. Gossart (J. G. de M., Lille 1902) und E. Weiss (J. G. gen. Mabuse, Hallenser Dissert., Parchim 1913), die die ältere sehr umfangr. Lit. sorgfältig berücksichtigt haben, machen die Nennung hier unnötig. Sie ist in der Hauptsache in den bekannten Urkundenwerken von Rombouts Lerius, Pinchart usw. und in den Arbeiten der Spezialforscher wie Hymans, Justi, Friedländer u. a. zu finden. M. Gossart behandelt die Lebensgeschichte genau, E. Weiss stellt die Bilder zusammen. Literatur seit Weiss' Buch: Friedländer, Von Eyck bis Bruegel, 1916. - Der Cicerone, IX (1917) 121/5 (Friedländer). - Meder, Die Handzeichnung, Wien 1919, u. Handzeichngn alter Meister aus der Albertina usw. (Gen.- Reg.). - L. de Fourcaudin Michel, Hist. de l'art, V (1912) 273/7. - Jahrb. d. preuß. Kstsamml., XXXVI (1915) 223/8 (L. v. Bal dass); XLII5fff.(Winkler). - Jahrb. der Ksthist. Samml. des allerh. Kaiserhauses, XXXV (v. Baldass). - Jahrb. der Zentr.-Komm., XI (1917) 3/6 (v. Baldass). - Oud-Holland, XXXIV (1916) 149; XXXV 19.2. Winkler.