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Gillray, James

Geboren
Chelsea (London), 13. August 1756
Gestorben
London, 1. Juni 1815
Land
Großbritannien
Geschlecht
männlich
GND-ID
Weitere Namen
Gillray, James
Berufe
Karikaturist*in; Radierer*in; Maler*in
Wirkungsorte
London
Zur Karte
Von
Jöhnk, Carsten
Veröffentlicht in
AKL LIV, 2007, 222; ThB XIV, 1921, 47 s

VITAZEILE

Gillray, James, brit. Karikaturist, Radierer, Maler, *13.8.1756 Chelsea, †1.6.1815 London (begr. Friedhof St.James, Piccadilly). Sohn des aus Schottland stammenden kriegsversehrten Anstreichers und Küsters James G.

LEBEN UND WIRKEN

Als Sechsjähriger wird G. auf eine Schule der Moravian Church geschickt, eine Religionsgemeinschaft, der seine Fam. angehört und bei der der Vater beschäftigt ist. Nach nur zwei Jahren verläßt G. die Schule, weil sie geschlossen wird. Die erste von ihm bek. Arbeit ist das Aqu. eines Goldfinken, das er als Neunjähriger fertigt. Als Vierzehnjähriger geht er in London bei Harry Ashby in die Lehre, von dem er im Handwerk des Buchstabenstechens unterrichtet wird. Schon im folgenden Jahr, 1771, bricht er die Ausb. ab und schließt sich einer Wanderschauspieltruppe an. Ab 1775 läßt er sich in London als Kupferstecher nieder. Einige seiner frühen Graphiken, die - anders als spätere Arbeiten - in der Regel unkoloriert sind, werden von dem Verleger William Humphrey veröffentlicht. Darunter befindet sich die erste bek. Karikatur, mit der er in Verbindung gebracht werden kann, das Blatt Six-Pence a Day, das am 26.10.1775 erscheint. Es zeigt einen brit. Soldaten, dessen Frau ihn daran hindern möchte, nach Amerika in den Krieg zu ziehen. In ihrer Gest. entspricht die Arbeit noch völlig den zahlr. zeitgen., fast ausschl. von Amateuren gezeichneten Bildsatiren, die damals in England weit verbreitet waren. Ab 1778 studiert G. an der Londoner RA, insbesondere in den Graphikklassen von William Wynne Ryland und des Italieners Francesco Bartolozzi, Spezialist für Punktiermanier und Punktierstich, jene graph. Techniken, die er später vorzugsweise für die Physiognomien des Personals seiner Karikaturen einsetzt. Zeichnerisch wird er außerdem, genau wie der ihm nahestehende Thomas Rowlandson, durch den Akademielehrer John Hamilton Mortimer geprägt, der sich gelegentl. selbst als satir. Zeichner betätigt. Schließl. wird der Stil seiner Karikaturen der frühen 1780er Jahre durch die Zeitgen. T.Rowlandson, Henry William Bunbury und James Sayers beeinflußt. V.a. an den Porträtkarikaturen des letzteren orientiert sich G. zunächst bei der Gest. der Physiognomien. Ab dem Eintritt in die RA ringt G. fast zehn Jahre darum, sich als seriöser graph. Künstler zu etablieren. Während dieser Zeit entstehende Karikaturen dienen ihm in erster Linie als Nebenerwerb. Um als Illustrator zu reüssieren, führt er 1780 zwei Ill. zu Fieldings "Tom Jones" aus. Ebenso versucht er sich während dieser Zeit als Porträtist und Reproduktionsstecher durchzusetzen und vollendet 1784 z.B. die großformatige Historie The Nancy Packet, mit der er sein Können als Graphiker unter Beweis stellt. Neben eig. Schöpfungen radiert er eine Reihe auf Vorlagen anderer Künstler basierender Auftragsarbeiten, wie etwa The Loss of the Halswell East Indiaman (1786) nach John Northcote. Gleichzeitig bietet G. seine Dienste u.a. dem Historienmaler Benjamin West und dem Verleger John Boydell an, der mit seiner Shakespeare Gall., einer Slg von Gem. brit. Künstler zu Shakespeares Stücken, in London Aufsehen erregt - wird aber von beiden abgelehnt. In den Jahren 1783 bis 1786 beschäftigt sich G. fast gar nicht mit Karikaturen. Als der ersehnte Erfolg als Graphiker anspruchsvoller Sujets ausbleibt, entscheidet er sich nach 1786 endgültig für eine Karriere als professioneller Karikaturist und wird bald zum wegweisenden Zeichner polit. Satiren seiner Zeit. Hatte er sich zunächst noch an der von William Hogarth geprägten Karikaturtradition orientiert, entwickelt er schnell einen eig. unverwechselbaren Stil, wobei sich die Blätter des akad. ausgebildeten Künstlers allein schon durch die professionelle Ausführung von den meisten Vorgängern abheben. Seine künstler.-handwerklich hochwertigen Einzelblattkarikaturen gehören zu den besten graph. Arbeiten, die zu dieser Zeit in England entstehen. Viele der Drucke kombinieren Linienzeichnung, Aquatinta und Punktiermanier. Als graph. Künstler experimentiert G. zudem mit Weichgrundradierungen, Linienholzschnitten und schließlich mit der noch jungen Technik der Lithographie. Char. für die anspruchsvollen vielschichtigen Karikaturen ist, daß er sich für ihre Gest. ausgiebig der Kunsttradition, der Lit. und außerdem bibl. Themen bedient. Häufig sind die Inhalte dieser intellektuell ausgefeilten satir. Schöpfungen nur für ein gebildetes Publikum nachvollziehbar. Nach der Tätigkeit für die Verleger William Humphrey, Matthew und Mary Darly, Robert Wilkinson, William Holland und Samuel W. Fores arbeitet er ab 1791 fast ausschl. für die bed. Londoner Karikaturhändlerin Hannah Humphrey, Schwester seines ersten Verlegers, mit der er bis zu seinem Lebensende zusammenlebt. Im Rahmen ihrer Zusammenarbeit entstehen seine aufwendigsten graph. Schöpfungen. Schon einige Zeitgen. bemerken dabei den Einfluß der Historienkunst von Peter Paul Rubens auf die Komp. mancher Zeichnungen. Wie auf alle Karikaturisten seiner Generation bleiben zudem Hogarths "comic history paintings" und dessen gedruckte Bildsatiren nicht ohne Wirkung auf G.s Werk. Es lassen sich in seinen Arbeiten zahlr. direkte motivische und kompositorische Anleihen bei Hogarth (The Morning after Marriage, 1788; The Union-Club, 1801) feststellen. An diesen Vorbildern orientiert, entwickelt G. eine neuartige Form der graph. Satire, die sich eng an das gestalter. Repertoire der Historienmalerei hält und dieser als komisch-heroische Ausprägung (mock-heroic) nahesteht. In diesem Kontext sind z.B. die Blätter Shakespeare - Sacrificed (1789), mit dem er kritisch auf Boydells Shakespeare Gall. reagiert, und Lieut. Goverr. Gall-Stone (1790), das sich gegen den - auch wegen seiner Profitsucht - umstrittenen Schriftsteller Philip Thicknesse richtet, zu sehen. Zu den Karikaturen dieser Art, die sich nicht nur hinsichtlich der Sorgfalt in der Ausf., sondern auch durch ihre Größe deutlich von dem in der Gattung Üblichen abheben, gehört schließl. Titianus Redivivus (1797). G. greift mit dieser Arbeit in die aktuelle Londoner Kunstdiskussion ein und bezieht Stellung für die von ihm geschätzten akad. Künstler Füssli, Bartolozzi und Loutherbourg. Gleichzeitig ist das Blatt krit. Kommentar zu kunsttheoret. Ansichten des Präs. der RA, Benjamin West, und dessen Schülerin Mary Ann Provis. Auf der Grundlage eines gefälschten Renaiss.-Traktates hatten sie sich zu dieser Zeit einer neuen Art der Malerei verschrieben. So wie bei Titianus Redivivus beziehen sich G.s techn. und zeichner. ausgereifte Karikaturen in ihrer Vielschichtigkeit häufig auf die frühere und die aktuelle Kunst. Um direkte Zitate nach zeitgen. Werken handelt es sich u.a. bei G.s satir. Graphik Wierd-Sisters; Minister's of Darkness; Minions of the Moon (1791), die auf einem Gem. Füsslis basiert. In ähnl. Weise verwendet er die Komp. des bek. Historienbildes "The Death of Wolfe" von Benjamin West als Grundlage für seine Schöpfung The Death of the Great Wolf (1795). Umgekehrt beeinflußt G. mit seiner Karikatur Sin, Death, and the Devil (1792) den frz. Künstler Jacques Louis David, der die Karikatur in seinem Gem. "Der Raub der Sabinerinnen" (1799) verarbeitet. G.s wahrsch. einziger Auslandsaufenthalt hängt ebenfalls mit seiner Affinität zur Historienmalerei zusammen. 1793 begleitet er den Schlachten- und Landschaftsmaler Philip de Loutherbourg in die Niederlande, um ihn bei den Vorstudien für ein Historiengemälde zu unterstützen, das die Eroberung von Valenciennes (Der große Angriff auf Valenciennes, 1793/94) zeigt. Neben den aufwendig ausgeführten Historienkarikaturen bilden die oft tagesaktuellen Einzelblattkarikaturen das Gros der Bildsatiren G.s. Insgesamt markiert sein Schaffen den Höhepunkt der brit. Einzelblattkarikatur, die zwar u.a. durch George Cruikshank oder William Heath fortgeführt wird, aber mit dem Ende der napoleon. Ära zusehends an Bedeutung verliert. G. entfaltet in diesem Genre eine große themat. Bandbreite. Dabei widmet er sich mit den satir. Zchngn ganz unterschiedl. individuellen und ges. Verfehlungen. Zu seinem Repertoire gehören v.a. polit. Karikaturen, soziale Satiren, Porträt- und Modekarikaturen. Letztere basieren überwiegend auf witzigen kontrastierenden Gegenüberstellungen, wie sie das Blatt Following the Fashion (1794) zeigt. Dido, in despair! (1801) ist ein Beispiel seiner zahlr. Reaktionen auf ges. Skandale. Die Karikatur richtet sich gegen die ehebrecher. Liebesbeziehung Lady Emma Hamiltons mit Admiral Nelson, die damals Gegenstand des Londoner Stadtgesprächs war. Häufiges Ziel seiner Satiren ist auch das brit. Königshaus. In Frying Sprats, - Toasting Muffins (1791) wird die übertriebene Sparsamkeit von George III und seiner Frau Charlotte thematisiert. Hier, genau wie bei den polit. Karikaturen, profitiert G. insbesondere von der weitgehenden Pressefreiheit auf den brit. Inseln, durch die satir. Künstlern kaum Grenzen gesetzt werden. Gekauft und gesammelt werden die Karikaturen erstaunlicherweise oftmals gerade von den "Opfern": den Adligen, Politikern und Angehörigen der Königsfamilien. Der häufig von G. karikierte Prince of Wales verfügte z.B. über eine der seinerzeit umfangreichsten Slgn von G.s Blättern. Zu den wichtigsten Protagonisten der polit. Satiren gehören Premierminister William Pitt von der Tory-Partei und der mit der frz. Revolution sympathisierende Führer der Whig-Opposition Charles James Fox. Aufgrund kommerzieller Erwägungen entschließt sich G. 1797 dazu, gegen ein jährl. gezahltes, geheim gehaltenes Honorar für die Reg. unter Pitt zu zeichnen. Die Vereinbarung besteht bis 1801. Im Kontext dieses Engagements ist auch eine Reihe von Karikaturen zu sehen, die G. 1798 für die tory-nahe Zs. "The Anti-Jacobine Rev. and Mag." (Doublûres of Characters; - or - striking Resemblences in Phisiognomy, 1798) ausführt. Daneben ist in den 1790er Jahren die frz. Revolution (French Liberty. Brit. Slavery, 1792) ein häufiges Thema der Gillrayschen Bildsatiren. Neben der Kritik an den Greueltaten kommt in den Blättern immer wieder die Befürchtung zum Ausdruck, ähnl. Verhältnisse könnten - gefördert durch die Whigs - auch in England eintreten. Die gegen die frz. Revolution gerichteten Karikaturen finden eine direkte Fortsetzung in den antinapoleon. Arbeiten ab 1799. Bald reduziert G. Napoleon Bonaparte auf eine gnomenhafte Figur, den "Little Boney". So erscheint er auch auf G.s wohl berühmtestem Blatt The Plumb-pudding in danger: - or - State Epicures taking un Petit Souper (1805). Nachdem G. bereits in den 1790er Jahren zusehends gesundheitl. Probleme hatte, erleidet er 1807 einen phys. und psych. Zusammenbruch. Von nun an kann er seiner Arbeit nur noch unregelmäßig nachgehen. In den späten Jahren entstehen v.a. Blätter nach Vorlagen von Amateuren. Der vielleicht wichtigste Ideengeber ist Reverend John Sneyd, auf den etwa das Blatt Very Slippy - Weather (1808) zurückgeht. Es zeigt den Laden von Hannah Humphrey in der St.James Street, der eine der wichtigsten Institutionen für den Karikaturhandel in London war. Im Schaufenster sind etliche Gillray-Karikaturen in der Weise präsentiert, wie es auch in den zahlr. anderen Karikaturläden Londons üblich war. Die Graphik vermittelt darüber hinaus einen Eindruck von der Rezeption satir. Blätter als eine jedem auf der Straße zugängliche aktuelle polit. Informationsquelle. G.s letzte Arbeit entsteht 1811 nach einer Vorlage von H.W. Bunbury (A Barber's-Shop in Assize Time). Vor dem Hintergrund seiner schweren psych. Erkrankung kommt es in diesem Jahr zu einem Selbstmordversuch. Viele der späten, unvoll. Blätter werden von dem jungen George Cruikshank fertiggestellt, der für diesen Zweck ab 1811 von Hannah Humphrey engagiert wird. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist der Stil seiner frühen humorist. Zchngn wesentlich von G. geprägt.

WERKE

Berlin, Kunst-Bibl. Hannover, Wilhelm-Busch-Mus. London, BM. - V&A. Stuttgart, SG. Washington/D.C., Libr. of Congress.

AUSSTELLUNGEN

Einzelausstellungen:

London: 1967 Arts Council; 1985 BM (Wander-Ausst.) / 1986 Hannover, Wilhelm-Busch-Mus. (Wander-Ausst.) / 2001 London, Tate Britain.

 

QUELLEN

Thieme-Becker, Vollmer und AKL:

ThB14, 1921

 

Weitere Lexika:

Grant, Etchers, 1953; Mallalieu I, 1976; Houfe, 1981; Mitchell, 1985; LdK II, 1989; M.Bryant/S.Heneage (Ed.), Dict. of Brit. cartoonists and caricaturists 1730-1980, Aldershot 1994; McEwan, 1994; DA XII, 1996; Bénézit VI, 1999; Horn, Comics III, 1999

 

Gedruckte Nachweise:

The caricatures of G., Lo. 1818; T.McLean, The genuine works of J.G., Lo. 1830; The Athenaeum. J. of English and foreign lit., sc., the FA ... 1831(204)632-634; H.G. Bohn, The works of J.G. from the original plates, Lo. [1847] 1851; T.Wright/R.H. Evans, Historical and descriptive account of the caricatures of J.G., Lo. 1851; J.Grego/T.Wright (Ed.), The works of J.G., the caricaturist. With the hist. of his life and times, Lo. 1873; F.G. Stephens/M.D. George, Cat. of political and personal satires (K BM), 11 Bde, Lo. 1870-1954; J.Ashton, English caricature and satire on Napoleon I, I-II, Lo. 1884; D.Hill, Mr. G. The caricaturist, Lo. 1965; id., Fashionable contrasts. Caricatures by J.G., Lo. 1966; M.D. George, Hogarth to Cruikshank. Social change in graphic satire, Lo. 1967; H.M. Atherton, Political prints in the age of Hogarth, Ox. 1974; Ladies, Lords und Lumpenpack. Engl. Karikaturen 1780-1830 aus der Slg Boeddinghaus (K Göttingen/Kiel), Göttingen 1975; D.Hill (Ed.), The satirical etchings of J.G., N.Y. 1976; W.Busch, ZKg 40:1977, 227-244; W.Feaver, Masters of caricature, N.Y. 1981, 53-56; R.Godfrey, English caricature. 1620 to the present (K Wander-Ausst.), Lo. 1984; M.Hasse/G.Unverfehrt (Bearb.), J.G. Meisterwerke der Karikatur (K Wander-Ausst.), St. 1986; J.Bate, JWarburg 49:1986, 196-210; J.Cooper, RSA j. 137:1989(5398)646-651; D.Bindman, The shadow of the guillotine, Lo. 1989; id., in: G.Sutherland (Ed.), Brit. art 1740-1820. Essays in honor of Robert Wark, San Marino, Calif. 1992, 125-143; E.Heinrich, Weltkunst 62:1992(11)1466 s.; K.W. Hart, J.G. Prints by the eighteenth-c. master of caricature (K Hood Mus. of Art), Hanover, N.H. 1994; C.Buchartowski, Nachahmung und individuelle Ausdrucksform. Eine Unters. zu den Motiventlehnungen in der polit. Karikatur J.G.s im Zeitraum 1789 bis 1805, Diss. Bochum 1990, Ffm. u.a. 1994; L.Rempel, Art hist. 18:1995(1)4-23; D.Donald, The age of caricature. Satirical prints in the reign of George III, New Haven/Lo. 1996; G.Unverfehrt, in: The Boydell Shakespeare Gall. (K Bochum/Los Angeles), Essen/Botrop 1996, 161-174; C.Jöhnk, Die Bedeutung der Physiognomik für die engl. Karikatur um 1800. Stud. zur lesbaren Physiognomie bei J.G., Thomas Rowlandson und George Cruikshank, Diss., Göttingen 1998; C.Banerji/D. Donald, G. observed. The earliest account of his caricatures in "London und Paris", C. 1999; R.Godfrey, J.G. The art of caricature (K), Lo. 2001; C.Oberstebrink, Karikatur und Poetik. J.G. 1756-1815, B. 2005

 

Archive:

London, BM, Dept. of Mss. Print Coll.: Correspondence of J.G., Hints for Caricatures, &c. 1790-1820, BM add. mss. 27, 337 / New York, Public Libr., Miriam and Ira D. Wallach Division of Art, Prints and Photographs; Astor, Lenox and Tilden Found.

 

Onlinequellen:

Oxford DNB, 2004

 


THIEME-BECKER

Artikel von: Hans Wolfgang Singer

Gillray, James, berühmter Karikaturenzeichner und Radierer, geb. 1757 in Chelsea, † am 1.6. 1815 in London, Sohn eines gleichnamigen, vielleicht aus Irland stammenden Kriegsinvaliden, der 40 Jahre lang Totengräber der Brüdergemeinde in Chelsea war. G. wurde Lehrling bei einem Schriftstecher, lief ihm aber davon und trieb sich mit wandernden Schauspielern umher, kehrte dann nach London zurück und erwarb sich seine Fähigkeit des Zeichnens an den Schulen der Akademie. Er soll auch die Punktiermanier bei Ryland und Bartolozzi betrieben haben. Einige ihm zugeschriebene Flugblätter würden beweisen, wenn sie wirklich von ihm herrühren, daß er bereits mit 12 Jahren Karikaturenzeichner geworden. Das früheste als sicher von ihm anzunehmende Stück, "Paddy an horseback", stammt vom 4. März 1779. Zuerst soll er eine Zeitlang das Monogramm des James Sayers nachgeahmt u. sich der Pseudonyme J. Kent u. J. Hurd bedient haben; von ungefähr 1780 ab zeichnete er mit eigenem Namen. Seit 1782 schuf er fast nur politische Blätter, insgesamt etwa 1500, das letzte, "A barber's shop in Assize time" nach Bunbury, im Jahr 1811, obwohl es erst 1818 veröffentlicht wurde. Seit 1811 war G. nicht mehr im Besitz seiner geistigen Kräfte. Nur einmal in seinem Leben, 1792, kam G. aus England heraus, mit Loutherbourg nach Holland. Er wurde im Kirchhof der St. James-Kirche, Piccadilly, begraben. Sein Selbstbildnis in Miniatur birgt die Nat. Portrait Gallery zu London; Ch. Turner hat es geschabt (19. Apr. 1819) und J. Brown punktiert. G. schuf einige gestochene Bildnisse ("Dr. Arne" nach Bartolozzi, "Pitt"), einige Illustrationen und (sehr seltene) Holzschnitte, sowie einen Steindruck "A domestic musical party" (1804); in der Hauptsache aber Flugblatt - Karikaturen. - Seine Technik war Strichradierung, gelegentlich mit Aquatinta in Wirkung gesetzt, die Köpfe aber sehr oft punktiert, und zwar so zart, daß man über die reizend durchgeführten Bildnisse, die absonderlich aus dem skizzenhaften Liniengewirr herausleuchten, erstaunt. überraschend ist sein zeichnerisches Können und seine Leichtigkeit im Entwerfen überaus reicher Kompositionen oft im Rie senformat. Es ist ganz hervorragend, wie er die Bildnisähnlichkeit seiner Opfer wahrt, trotzdem er ihnen die allerverschiedensten Arten von Ausdruck aufzwingt. Seine größte Zeit ist wohl das letzte Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts; später hat er manchmal nur die Ideen andrer ausgeführt und auch nur die Zeichnungen andrer radiert; bei eigenen Erfindungen wird die Komposition weniger klar. Bewunderungswürdig ist seine politische Bildung, die ihn soviel Schwächen nicht nur herausspüren, sondern auch trefflich und witzig geißeln läßt; nicht weniger seine allgemeine Bildung, vermöge derer ihm stets irgendein Vorgang aus der Fabel, der Geschichte, der Literatur zur Hand ist, um ihm als Unterlage für seine Satire zu dienen. Geradezu erstaunlich ist, wie G. 30 Jahre lang die schamlosesten Karikaturen auf alle Stände veröffentlichen konnte, die eigentlich kaum etwas anderes als die Ehre roh abschneidende Verleumdungen (und nebenbei oft äußerst unanständig) sind. Trotzdem waren die Blätter selbst von den Gegeißelten reißend begehrt, von Kaiser und König herab bis zum Philisterbürger. Im allgemeinen war G. für die Torypartei u. gegen die Liberalen (eine Zeitlang erhielt er einen förmlichen Gehalt von Pitt), aber gelegentlich kam es ihm nicht darauf an, den Spieß umzudrehen. Seine besonderen Opfer sind: George III. ("Farmer George") und besonders dessen Gemahlin Charlotte wegen ihres angeblichen Geizes, der Habsucht, der deutschen Gesinnungen (Hauptblätter "Frying Sprats", "Toasting Muffins", "Anti-Saccharites", "A new way to pay the National debt", "Sin, Death and Devil", "Ancient music", "A Connoisseur examining a Cooper", "Temperance enjoying a frugal meal"), der Prince of Wales, nachmaliger George IV. ("A Voluptuary under the Horrors of Digestion", "L'assemblée nationale") u. die anderen Mitglieder der Kgl. Familie; dann Fox und seine liberalen Parteigenossen Sheridan usw., denen der Wunsch, französische Revolutionszustände einführen zu wollen, untergeschoben wird; zuletzt Napoleon I. sowie alles Französische, aus Furcht vor der Invasion. - Im ganzen genommen sind die Blätter, die nur Gesellschaft und Sitten verhöhnen, weniger scharf und auch weniger gelungen ("Twopenny Whist", "March to the Bank", "A Picnic Orchestra"). Das Brit. Mus. in London besitzt 29 Zeichnungen von G.; auch im dortigen Victoria and Albert Mus. ist er vertreten. Nach dem Tode G.s erlahmte natürlicherweise die Nachfrage nach seinen Blättern, u. der Verleger G. H. Bohn rettete die meisten Originalkupfer vor dem Schmelztiegel. Er veröffentlichte 1818 eine Auswahl davon, Mc Clean eine andere in 2 Bden 1830; das Hauptwerk erschien aber, wieder bei Bohn, 1851 mit Erklärungen von Th. Wright und R. H. Evans in einem Oktavband. Der Großfolio - Atlas enthält 582 Karikaturen (von den Originalkupfern) und daneben in einem Ergänzungsband 45 unanständige Blätter. Obwohl fast alle Tafeln rückseitig bedruckt und unkoloriert sind, ist es doch das unentbehrliche Werk zum Studium der Kunst G.s. Textlich ist am wichtigsten: Thomas Wright (angeblich aber von Joseph Grego verfaßt) "Works of J. G. the Caricaturist with History of his Life and Times", London, [1873], mit mehr als 400 Holzschnitten, z. T. von Grego auf den Stock gezeichnet. Weitere Lit.: H. Thornber, J: G., Manchester 1891. - Revue univ. d. arts XI (1860) 387 ff. - Dictionary of Nat. Biography, XXI 374. - Buss, English Graphic Satire, (1874) 117-129. - A. Dayot, La peinture anglaise, 1908 (Abb.) 310 ff.; ders. in: l'Art et les Artistes XI (1910) 147 ff. m. Abb. - Dernjatsch, Die engl. Caricaturisten. . i. d. Smig Harrach (S.-A. a. d. "K. K. Wiener Zeitung"), p. 41 ff. - Everitt, Engl. Caricaturists, 1886. - The Connoisseur, III (1902) 24 ff. m. Abb. - Gaz. d. B.-Arts, 1911 II 467/83 (H. Marcel; m. Abb.). - The Printseller, I 347/9 (Abb. und Bildnis); II 93/9 (desgl.).