Frei zugänglich

Juvarra, Filippo

Geboren
Messina, 1674 / 1676 / 1678.06.16 / 1685
Gestorben
Madrid, 1735 / 1736.01.31
Land
Italien, Portugal
Geschlecht
männlich
GND-ID
Weitere Namen
Juvara, Filippo; Juvara, Filipe; Juvara, D. Filippe; Juarra, Filippo; Ivara, Filippo; Iuvara, Filippo
Berufe
Architekt*in; Kupferstecher*in; Zeichner*in; Designer*in
Wirkungsorte
Sizilien, Messina, Rom, Turin, Lissabon, Madrid
Zur Karte
Von
Kieven, Elisabeth
Zuletzt geändert
26.04.2013
Veröffentlicht in
AKL Online 2005-2022; ThB XIX, 1926, 358 ss

VITAZEILE

Juvarra (Juvara; Ivara), Filippo, ital. Architekt, Bühnenbildentwerfer, Zeichner, Stecher, Goldschmied, *16.6.1863 Messina, †31.1.1736 Madrid, tätig v.a. in Rom, Turin, Madrid.

LEBEN UND WIRKEN

J. zählt zu den bedeutendsten Architekten der 1. Hälfte des 18. Jh. in Europa, der die Baukunst der Zeit entscheidend prägte. Seine außergewöhnliche zeichnerische Begabung spielte dabei eine entscheidende Rolle. Er entstammte einer bek. Goldschmiedefamilie und erhielt in der Wkst. seines Vaters Pietro J. eine erste Ausbildung als Goldschmied und Stecher. Daneben widmete er sich autodidaktischen Architekturstudien. 1701 stach er die Festdekoration für die Proklamation Philipps V. in Messina als König von Spanien und beider Sizilien. 1701-03 bzw. nach 1705 (Lenzo 2004; Manfredi 2010) führte er in S.Gregorio, Messina, einen neuen Nonnenchor und das Altarziborium im Auftrag einer Schwester von Monsignore Tommaso Ruffo, maestro di Camera Papst Clemens' XI., aus. 1703 zum Priester geweiht, ging er 1704 zur architektonischen Weiterbildung nach Rom; die Kontakte zu Ruffo ebneten ihm den Weg zum renommierten römischen Architekten Carlo Fontana, der dem unbekannten Messinesen 1705 die Teilnahme in der 1.Klasse des Concorso Clementino der römischen Akad. ermöglichte, den er gewann. Sein Entwurf eines in Anlehnung an das neue Akademieemblem, das die Gleichwertigkeit aller drei Künste (Malerei, Skulptur, Architektur) symbolisierte, dreiseitigen königlichen Sommerpalastes, den er um eine nicht geforderte Vogelschauvedute ergänzte, erregte schon vor der Preisverleihung Aufsehen. Auf neun Ansichten, Schnitten und Grundrissen zeigte J.s Palast inmitten eines inselartigen Parterres eine idealstadtartige Anlage von hohem ornamentalen und szenografischen Reiz, mit einem vorgelagerten künstlichen See, durch Brücken mit Vorgebäuden verbunden und von einem im weiten Radius angelegten Garten umgeben. Im Dezember 1706 zum Ehrenmitglied ernannt, übergab er der Akad. 1707 die Zchng einer Idealkirche als Ehrengabe. Beide Projekte wurden gerahmt dauerhaft in der Akad. ausgestellt, vielfach kopiert und dadurch weithin bekannt. Die zahlreich erhaltenen Skizzenbücher J.s belegen, dass er sich seine Kenntnis der römischen Architektur durch systematisches Zeichnen vor Ort nach Bauten Michelangelos, Giovanni Lorenzo Berninis, Francesco Borrominis und Pietro da Cortonas erarbeitete, wie es dem Brauch des Fontana-Studios und der römischen Akad. entsprach. J. studierte, wohl unter dem Einfluss Francesco Fontanas, die Bauten F.Borrominis sehr viel eingehender, als dies bislang in Rom der Fall war. J. setzte diese Anregungen umgehend in eigene Entwurfsvariationen von außergewöhnlicher visueller Sensibilität und unerschöpflicher Imaginationskraft um. Als Mitarbeiter von C. und F.Fontana war er an Festausstattungen in Rom wie den Exequien für Kaiser Leopold I. (1705) und König Pedro II. von Portugal (1706) beteiligt. Nach kurzem Aufenthalt in Messina hielt er sich Anfang 1706 in Neapel auf und entwarf ein Fassadenprojekt für Santa Brigida (nicht realisiert). Nach der Rückkehr nach Rom begann seine Lehrtätigkeit an der römischen Akad., wo er die Themen der Concorso Clementini vorgab und beispielhafte Lösungen ausarbeitete. 1708 wurde er Mitglied der Künstlervereinigung der Virtuosi al Pantheon, 1712 wurde er in die gesellschaftlich renommierte Accad. dell’Arcadia aufgenommen. J. war bestens in Künstlerkreisen vernetzt, konnte in Rom aber trotz seiner anerkannten Begabung auf Grund der durch die Balkankriege schwierigen wirtschaftlichen Lage keine Stelle als Architekt finden, obwohl er einige Entwurfsaufträge erhielt oder sich um solche bewarb. 1706 datierte er Skizzen für die Kirche S.Trinità in Lucca, wo er auch Projekte für den Umbau des Pal.Pubblico vorlegte; wahrscheinlich um 1707 entwarf er eine monumentale Schlossanlage mit acht Höfen für den Landgrafen von Hessen-Kassel (nicht realisiert). 1708-10 führte er als einzigen Bau in Rom die kleine Capp.Antamoro aus, in der er auf engstem Raum mit kostbarer Marmorausstattung und illusionistischen Motiven größte Wirkung erzielte. 1709 beauftragte ihn die Akad. anlässlich des geplanten, dann nicht erfolgten Rombesuchs des Königs von Dänemark mit der zeichnerischen Rekonstruktion des antiken und des modernen Kapitols, die J. in eine Folge von Bildern höchster grafischer Qualität umsetzte. J. bereitete sich für die Darstellung des antiken Kapitols durch intensive Studien der antiquarischen Literatur vor (Pinto, 1980). Im selben Jahr bewarb sich J. mit dieser Schauzeichnung über Vermittlung des Direktors der französischen Akad. in Rom, Charles François Poerson, erfolglos um eine Stelle in Paris. Im gleichen Jahr wurde er von Kardinal Pietro Ottoboni offiziell als Hauskaplan angestellt, entwarf aber für das Theater des Kardinals im Pal. della Cancelleria spektakuläre Bühnenbilder, die teilweise auch gestochen wurden und ihn in Europa bekannt machten. 1710/11 zeichnete er für Kaiser Josef I. die Bühnenbilder für "Giunio Bruto", doch dessen Nachfolger Karl VI. berief statt J. Ferdinando Bibiena nach Wien. 1711 war er an der Ausstattung für die Exequien des Gran Dauphin in S.Luigi dei Francesi unter Leitung von Pierre Legros beteiligt. In diesem Zusammenhang oder nach dem Tod Ludwigs XIV. 1715 könnte der Idealentwurf eines königl. Mausoleums mit französischem Königswappen entstanden sein, der nach J.s Tod von G.Vasi gestochen wurde. J. gestaltete den an einem Hang liegenden Bau als choreografische Inszenierung von Treppenläufen und säulenumstandenen, überkuppelten Raumsequenzen mit von Obelisken bekrönter Fassade. Um 1715 beteiligte er sich an Neubauprojekten für die Fassade und den Vorplatz von S.Giovanni in Laterano (von Millon, 1984 1705 datiert); ebenso sollen aus dieser Zeit nicht erhaltene Entwürfe für die Spanische Treppe stammen. 1711-14 entwarf er Szenografien für das Theater der Königin Maria Casimira Sobieska im Pal.Zuccari und für das Teatro Capranica. Seine szenografische Begabung kam in seinem Entwurf für den Hochaltar des Santuario della Beata Vergine di Caravaggio (ca.1712) zur Geltung, wie auch in einem Projekt für den Ausbau des Kreuzgangs von S.Maria dell'Umiltà in Rom (1714). Ab 1714 -32 entstand bei Aufenthalten in Lucca eine Serie von reizvollen Villenentwürfen für lokale Auftraggeber, u.a. für die Villa Mansi a Segromignio. 1714 wurde zum Wendepunkt von J.s Karriere. Vittorio Amadeo di Savoia, seit 1713 König von Sizilien, beauftragte J. mit dem Erweiterungsprojekt des Königspalastes in Messina, der sich mit riesigen Park- und Jagdgründen vom Hafen bis zu den Bergen erstrecken sollte. Das Projekt blieb unausgeführt, doch die Pläne bewogen den König, J. 1714 als Hofarchitekten nach Turin zu berufen; ihm wurden regelmäßige Romaufenthalte im Winter zugestanden. Die Tätigkeit als Hofarchitekt brachte ihn in Kontakt mit anderen Höfen. 1717 entstanden auf Anregung des Marchese Fuentes, portugiesischer Botschafter in Rom, Entwürfe für die Kathedrale in Lissabon, nach denen Gaspar van Wittel eine Vedute anfertigte. Im Oktober 1718 reiste J. nach Paris, ab November 1719 hielt er sich auf Ersuchen König Johanns V. von Portugal sechs Monate in Portugal auf; seine Planungen für einen neuen Königspalast und die Patriarcale wurden aber nicht ausgeführt. Dem schloss sich 1720 ein fast einmonatiger Abstecher nach London an, wo er Lord Burlington traf; auf der Rückreise kam es zu einem erneuten Parisaufenthalt, jedes Mal als Gast der portugiesischen Botschafter. Erst Anfang 1720 kehrte er nach Turin zurück. Kardinal Alessandro Albani versuchte 1732, J. für den von Papst Clemens XII. geplanten Neubau der Sakristei von St.Peter nach Rom zurückzuholen. J. unterlag jedoch dem Papstfavoriten Alessandro Galilei und kehrte verbittert nach Turin zurück. Nach dem Brand des Königspalastes in Madrid bat Philipp V. von Spanien den savoyischen König, J. für drei Jahre für den Neubau des Palastes in Madrid freizustellen. J. kam im April 1735 in Madrid an, starb aber bereits ein Jahr später. Der Königspalast wurde in abgeänderter Form von J.s Schüler Giovanni Battista Sacchetti ausgeführt. - J. reformierte in Turin die Bauadministration und begann umgehend mit der urbanistischen Umgestaltung der herzöglichen, französischem Vorbild verpflichteten Stadt zur königlichen Residenz nach römischem Modell. Schon in den ersten Jahren entstanden fast gleichzeitig eine Reihe großer Bauten, für deren Ausstattung er römische Maler und Bildhauer einsetzte; dazu zählten bedeutende Kirchenbauten wie die Votivkirche Superga (1715-31), die neue Grablege der Könige, in Hügellage über Turin, deren Kuppel und Doppeltürme an die zeitgleiche Wiener Karlskirche erinnern. Für die Saalkirche S.Filippo Neri (1715-16; 1730-32) griff J. bewusst auf reiche Ornamente im Stil F.Borrominis zurück, gestaltete die spätere Fassade aber als klassischen Säulenportikus; in S.Maria del Carmine (1732-36) experimentierte er mit durchbrochenem Wandrelief und kühner Kapellenbeleuchtung. J.s nicht realisierte Neubauplanungen für den Turiner Dom (1730) variierten vielfältige überkuppelte Raumkonglomerate und gehören zu den innovativsten Kirchenprojekten des 18. Jahrhunderts. Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit lag im königlichen Residenzbau. J. führte den von Michelangelo Garove begonnenen Ausbau des Schlosses Venaria Reale bei Turin mit der Galleria di Diana, den Stallungen und der Orangerie weiter (1714-26) und begann mit der Umformung des Castello di Rivoli (ca.1715-20). Das Projekt wurde nach kurzer Zeit abgebrochen, doch wurde J.s Entwurf, der sich in der Fassadengestaltung teilweise am Akademieprojekt von 1705 orientierte, im Auftrag des Königs in sechs Veduten von Giovanni Paolo Pannini festgehalten. Dem festungsartigen Pal. Madama in Turin verlieh J. durch ein zeremonielles Treppenhaus mit großer Schaufassade nach römischem Vorbild (1718-25) Palastcharakter. Die Hofkirche S.Uberto von Venaria Reale (1716-30) demonstriert die außergewöhnliche szenografische Qualität von J.s Architektur. Durchbrüche, Beleuchtungseffekte und Kurvierung bei gleichzeitiger Formreduktion zeigen ihn als Vertreter des spätbarocken Klassizismus. Das Jagdschloss Stupinigi (1729) entwarf er über dem Grundriss eines Andreaskreuzes mit einem zentralen Ovalpavillon in der Durchdringung von Garten, Umgebung und Bau als Inszenierung von höchster szenografischer Meisterschaft. Das monumentale Projekt eines Senatspalastes wurde nicht ausgeführt. J. konnte in dieser intensiven Planungsphase auf seine "Papierarchitektur" der römischen Akademiezeit zurückgreifen, die er in unzähligen Variationen abwandelte und weiterentwickelte. Auch seine Funktionsbauten, wie das Hofarchiv (1731), die Militärakademie (1726-27, 1730-31) und das Staatssekretariat (1733) bestechen trotz ihrer Schlichtheit durch die elegante Gestaltung. J. setzte im Stadtgefüge durch markante Bauten entscheidende urbanistische Akzente, die Turin noch heute prägen. 1716 plante er für die Piazza San Carlo in der Blickachse zum Stadtpalast Doppelkirchen, von denen zuerst nur S.Cristina vollendet wurde, und schuf damit eine Turiner place royale. Die "Quartieri militari" an der Porta Susina waren eingebunden in die westliche Stadterweiterung (1716-28). J. baute Paläste für den Adel und lieferte Entwürfe für Altäre für Kirchen in und um Turin, wie für das Santuario della Consolata (1729), die Kirche SS.Martiri (1730-34), die Kirche der Visitazione (1730), für S.Andrea in Savigliano und die Sainte Chapelle in Chambery (1726). Er zeichnete Festapparate, Möbel, liturgische Geräte und Buchillustrationen, gab Stichwerke heraus und war als Gutachter u.a. in Brescia, Como und Calcinate tätig. Seine Begabung für monumentale und repräsentative Lösungen zeigte sich auch weiter in römischen Planungen. 1715 nahm er am Wettbewerb für einen Sakristeibau bei St. Peter mit einer Serie monumentaler Projektvorschläge teil, 1725 zeichnete er für Papst Benedikt XIII. Pläne für einen riesigen Konklavepalast, beide bleiben unausgeführt. - J.s Entwürfe für Repräsentationsbauten tendierten zum Grandiosen, aber mit gleicher Sorgfalt und Gestaltungskraft widmete er sich auch kleineren Aufgaben. Alle Zchngn zeigen den spontanen und schöpferischen Ansatz seiner Planungsprozesse. J. näherte sich der Konkretisierung eines Entwurfs über die Vogelschauperspektive und ließ sich vom topografischen Kontext inspirieren. Die Perspektive war bei ihm nicht Schauzeichnung für den Auftraggeber, sondern Ausgangspunkt des Entwurfs und wurde im Planungsverlauf durch Skizzen aus verschiedenen Blickwinkeln ergänzt. Bei den Monumentalbauten wird von vornherein auch die Wirkung des Baus aus der Nähe wie aus der Ferne als Silhouette studiert. Das Ineinandergleiten der Blickwinkel, das in der sukzessiven Abfolge der Eindrücke zu einer Simultandarstellung durch Überblenden führt, enthält zugleich Elemente der Austauschbarkeit von Bühnenentwurf, Idealarchitektur, Capriccio und realem Architekturentwurf. J. hatte im Grunde alle später ausgeführten Projekte im Kern in Bühnen- oder Idealentwürfen schon erprobt, sei es die Treppenanlage im Palazzo Madama, die Doppelkirchen an der Piazza S. Carlo oder die Superga. Legendär war die mühelose Schnelligkeit, mit der er seine Erfindungen zeichnete. Veränderungen der tektonischen Grundform äußerten sich sofort auch im Wechsel der Ornamentform; er setzte nie zusammen, sondern verschmolz Elemente miteinander. Struktur und Dekor bilden in J.s Bauten eine Einheit, die Ornamente sind nicht isoliert und ablösbar. Eine Voraussetzung dafür war, dass J. seine Imaginationskraft auch auf die räumlichen Bezüge richtete; der Baukörper wird in seiner Dreidimensionalität dem umgebenden Raum eingepasst. Er konnte daher zu Recht die für das spätere 18.Jh. als Gegensatzpaare gesehenen Begriffe "sodezza " und "ornato" für seine Entwürfe als harmonische Koexistenz reklamieren, wobei er sich nach eigener Aussage für die Struktur an Vitruv und Andrea Palladio orientierte, für den Dekor aber an F.Borromini. Die ungewöhnlich intensive Auseinandersetzung J.s mit der Vogelschauperspektive und dem Arbeiten aus verschiedenen Blickwinkeln, die sich in den Skizzenbänden nachhaltig dokumentiert, verweist auf Darstellungsweisen der Kartografie und der Vedute. J. arbeitete mit dem berühmtesten Vedutisten Italiens, Gaspar van Wittel, zusammen. Die Auseinandersetzung mit der Vedute hat auch J.s Bühnenbildentwürfe viel entscheidender geprägt als etwa die Praxis der Bibiena. Die Innovation der Winkelperspektive, die F.Bibiena 1711 publizierte und die so einflussreich für die Bühnengestaltung des 18. Jh. werden sollte, hat ihn nur bedingt interessiert. J. spielte in seinen Bühnenentwürfen alle räumlichen Möglichkeiten durch, aber er betonte vor allem die Öffnung des Raums, das Aufbrechen der Raumgrenzen, und übertrug dies auch in seine realen Bauten. Die frühe europäische Wertschätzung von J.s Zchngn demonstrieren die Bände mit Capricci und Bühnenentwürfen aus der Slg der sächsischen Kurfürsten (Dresden), aus kaiserlichem Besitz (Wien) und von Lord Burlington (Chatsworth). 1706 schenkte J. dem schwedischen Architekten Göran Josua Adelcrantz (später Törnqvist) einen Band seiner Entwürfe (Stockholm). J.s zeichnerischer Nachlass in Turin wurde zum größten Teil von Vittorio Emanuele III. von Savoyen erworben, erhalten haben sich weit über tausend Blätter. - J.s Architektur fand europaweit Verbreitung und Anerkennung. Er prägte den internationalen Stil der römischen Akad. in der Nachfolge C.Fontanas und galt den Zeitgenossen als bester Architekt Italiens. Zu seinen Schülern zählen u.a. Architekten wie Luigi Vanvitelli und Nicola Salvi, noch Giovanni Battista Piranesi war beeindruckt von J.; sein Werk beeinflusste auch Architekten aus anderen Ländern, wie die Asam und Matthäus Daniel Pöppelmann. Mögliche Kontakte zu Johann Bernhard Fischer von Erlach sind nicht geklärt, aber wahrscheinlich. Seine Akademieentwürfe von 1705 und 1707 wurden zu Prototypen des europäischen Palast- und Kirchenbaus.

WERKE

Vollständiges WV bei Gritella, 1992. Alessandria, Pal. Ghillini, 1720 (Vor-Zchngn). Belluno, Dom: Glockenturm, 1732. Caravaggio, S.Maria del Fonte: Hauptaltar des Santuario, 1712. Chieri, S.Andrea, 1728-33. - S.Antonio Abate, 1728-33 (Entwurf). Como, Dom: Kuppel, 1731. Lissabon, Kathedrale Patriarcale, 1719 (Entwürfe). Lucca, SS. Trinità: Fassade, 1706 (Zchngn). - Pal. Pubblico, 1706, 1723-24, 1728 (Umbauarbeiten). Madrid, Pal. Real und Pal. Real La Granja de San Ildefonso, beide 1735. Mantua, S.Andrea: Kuppel, 1733. Messina, Kgl. Pal., 1714. Neapel, S.Brigida: Fassade, ca. 1706. Rom, Accad. di S.Luca: Villa, 1705 (Concorso Clementino) und Dono Accad., 1707 (Zentralbaukirche). - S.Girolamo della Carità: Capp. Antamoro, 1708-10. - Pal. della Cancelleria, 1709-11. - S.Peter, Sakristei, 1715 und 1732. - Konklave-Pal., 1725. - S.Giovanni in Laterano: Fassade, 1732. Turin, Dom: Altar SS. Sindone, 1714. - Venaria Reale: Gall. di Diana mit Gartenanlage und Pavillon, 1714-26. - Basilica della Natività di Maria Vergine, gen. Superga, 1715 ss. - S.Cristina: Fassade, 1715-17. - S.Filippo Neri, 1715, '16, '30 ss. - Venaria Reale: S.Uberto, 1716-30. - Pal. Birago und Pal. Martini di Cigala, 1716. - Quartieri Militari, 1716-28 (Stadterweiterung). - Schloss Rivoli, ca. 1718-24. - Pal. Madama: Fassade und Prunktreppe, 1718. - Venaria Reale, Orangerie und Marstall, 1720-29. - Pal. Ducale: Scala delle Forbici, 1720-21 und Hofpfarrei, 1730-32 und Dekoration Beaumont-Gal. (heute Zeughaus), 1732-34. - Pal. des Savoyischen Senats, 1720-22. - Venaria Reale, S. Uberto: Hauptaltar, 1721-26. - Kgl. Theater im Pal. Ducale, 1722-23, '30 (Rest.). - Oratorium der Philippiner, 1723 ss. - eig. Wohnhaus, 1724. - Venaria Reale: La Mandria, 1726 ss. - Militär-Akad., 1726-27, 1730-31 (Rest.). - Dom, 1728 (Entwürfe). - Neues Arsenal und erste Armeria, 1728 (Entwürfe). - Villa della Regina, 1729 (Rest.). - Jagdschloss Stupinigi, 1729 ss. - Pal. Roero di Guarene: Fassade, 1730. - Pal. Richa di Covassolo, 1730. - Pal. der Hofarchive, 1731. - S.Maria del Carmine, 1732-36. Villastellone, Villa Morra di Lavriano, 1732-33.

SELBSTZEUGNISSE

Raccolta di targhe fatte da professori primarj, disegnate e intagliate dal Cav. F.J., Rom 1732.

QUELLEN

Thieme-Becker, Vollmer und AKL:

ThB19, 1926

 

Weitere Lexika:

EUI XXVIII.2, 1926; MűvLex II, 1966; Oudin, 1970; EWA VIII, 1971; DEB VI, 1974; P.Constantin, Dicţ. univ. al arhitecţilor, Bu. 1986; Pamplona III, 1988; Dicc. de arte esp., Ma. 1996; DA XVII, 1996; DBI LXII, 2004; Bénézit VII, 2006

 

Gedruckte Nachweise:

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THIEME-BECKER

Juvara (Juvarra, Juana, Ivara), Filippo, sizil. Architekt u. Kupferstecher, geb. 1676 (? laut Claretta, Reali di Savoia [s. Lit.], p. 98: 1674) in Messina als Sohn des Pietro II (s. 1. Art. Juvara), †31. 1. 1736 in Madrid. Entstammte einer Familie von Ziseleuren u. Silberschmieden, folgte, während er sich für die geistliche Laufbahn vorbereitete, dem väterlichen Beruf u. studierte die Architekturwerke von Vitruv, Vignola u. Pozzo. Die ersten bekannten Proben seiner Kunsttätigkeit liegen in acht, 1701 erschien. Stichen vor, Dekorationen an Festbauten darstellend, die man damals in Messina anläßlich der Königswahl Philipps V. errichtete. (Das Erscheinungsjahr dieser Stiche ist für uns einer der Gründe, J.s Geburtsdatum entgegen Milizia, der sich für 1685 entschied, noch etwa um ein Jahrzehnt höher hinaufzurücken.) Geht frühzeitig nach Rom, wo er bei Carlo Fontana - der ihm rät, alles bis dahin Gelernte zu vergessen - und dessen Enkel Francesco in die Lehre tritt, und holt sich 1706 im akad. Wettbewerb den von Papst Klemens XI. ausgesetzten Preis (Thema der Preisarbeit: Hauptprospekt eines Forums, u. Kirche mit Krankenhaus). Ernennung zum Akademiemitglied 31. 12. 1706; Amtsantritt 30. 1. 1707. Am 3. 4. 1707 reicht er den statutengemäß vorgeschriebenen Entwurf ein (Thema: Kirche mit 2 Glockentürmen; Original im Berliner Kunstgew.-Mus., Hdz. 1156/57). Findet, von den Kardinälen Ruffo u. Ottoboni empfohlen, Zutritt am päpstl. Hof, schließt mit zahlreichen röm. Künstlern u. Literaten Freundschaft und studiert abwechselnd unter Leitung der beiden Fontana und nach den in Rom u. Umgebung erhalten gebliebenen Denkmälern der Antike. In der Hauptsache ist er damals für die Bühnenkunst, für Um- u. Neubauten von Privattheatern (z. B. im Pal. della Cancelleria, für Kard. Ottoboni; Pal. Capranica) u. Szenarien (für d. Theater d. Königinwitwe v. Polen) tätig - Arbeiten, die z. T. in eigenhändigen Stichreproduktionen in den Textbüchern der damals aufgeführten Opern vorliegen. Verschiedene zugehörige Zeichnungen findet man auch in dem Bande: Disegni a mano di t:n teatro e abbozzi vari, sowie in dem -Disegni diversi per studio di architetturaì betitelten Band (beide in Turin, Biblioteca Naz., Reserve 59, 1 u. 59, 4) - 2 von J. selbst angelegte Sammelbände (Rom 9. 7. 1707 dat.), in denen ein großer Teil seiner Arbeiten aus jener Zeit vorliegt. U. a. findet man dort die -Pianta dëun gran palazzo per il S.r Prencipe di Asiacasell (lies Hessen-Cassel) con lëobligo di otto cortiliì. [Gemeint ist der baulustige Landgraf Karl (31. 1. bis 17. 2. 1700 in Rom); nicht zu verwechseln mit dem Landgrafen Philipp v. Hessen-Darmstadt, Gouverneur von Mantua, zu dem J. später in Beziehungen trat.] - Von dem damal. Direktor der französ. Akad. in Rom (Poerson) in den schmeichelhaftesten Ausdrücken (Brief v. 4. 5. 1709) an den Oberintendanten dëAntin empfohlen, erwirbt J. sich mit einem Rekonstruktionsentwurf des Kapitols dessen höchste Zufriedenheit. Auch faßte man offenbar damals für J. eine Berufung nach Frankreich ernstlich ins Auge. Im April/Mai 1714 treffen wir J. in Lucca mit dekorativen Entwürfen (große Brunnenanlage für Alessandro Garzoni u. Fabio Mazzarosa; Kamin u. Orangerie für Coriolano Orsucci; vollständiger Palast für Cesare Beneasai) beschäftigt; im Juni weilt er in Florenz und im Juli in Messina, um sich Viktor Amadeus II. (der damals dort von seinem neuen Königreich Besitz ergriff) vorzustellen. Der Monarch, dem J. durch D. Domen. dëAguirre u. den Kardinal Ottoboni empfohlen war, bestellt bei ihm sofort die Pläne für die Vollendung des Schlosses in Messina (zerstört) und entschließt sich, bedeutende Bauten in Turin u. Umgebung planend, J. dauernd für sich zu gewinnen. So kommt J. bei der Rückkehr des Königs in dessen Gefolge nach Piemont. Er reist 29. 8. 1714 auf dem Schiff des Grafen Govone von Messina ab, geht 15. 9. in Savona an Land und setzt unverzüglich seinen Weg nach Govone u. der Hauptstadt fort. Kaum in Turin angekommen, begibt er sich (Nov. 1714) schon wieder in kgl. Missionnach Livorno u. Rom; mit Patent vom 15. 12. 1714 erhält er seine Ernennung zum -Primo Architetto Civile del Reì und das damit verbundene Jahresgehalt von 3000 Lire. Er weilte damals wahrscheinlich in Rom, wo er 24. 2. 1715 nachweisbar, ist. Nach seiner Rückkehr aus Rom beginnt er seine eigentliche Laufbahn als kgl. Architekt. Allem Anschein nach entstanden damals zunächst die Pläne für die Dekoratiop einer Galerie in der Villa der Veneria Reale (1714) und für die Kirche S. Filippo, deren von Guarini errichtete Kuppel am 26. 10. 1714 eingestürzt war. Im Gegensatz zu diesen erst später ausgeführten Entwürfen werden dagegen die Fassade von S. Cristina (1715) und die Quartieri Militari bei Porta Susa (1716) sogleich in Angriff genommen. Zwischen den 24. 7. 1716 u. den 19. 5. 1717 fällt die Herstellung der Holzmodelle für die kgl. Kapelle der Veneria u. für d:e Superga (Kirche u. Kloster). Ende 1716 geht er nach Rom, wohl um die Vergebung der für die Superga vorgesehenen Bildhauerarbeiten (ausführende Künstler: Cametti u. Cornacchini) vorzunehmen. Grundsteinlegung der Kirche der Superga 20. 7. 1717. Fundamentierung der neuen Treppenanlage des Palazzo Madama April 1718. In dasselbe Jahr fallen die Ausführung eines Altars (für die Familie Tana) in S. Teresa und zumindest die Pläne für die Kirche S. Croce u. das Kastell in Ri voli. Daneben ist von Plänen die Rede, die J. (1718?) für Mitglieder des Adels liefert (Paläste des Grafen Biraghi di Borgaro [jetzt Della Valle] u. Martini di Cigala [jetzt Belgrano]). Von 1719 datieren wahrscheinlich die Pläne für den Pal. del Senato (jetzt Corte dëAppello; beg. 22. 7. 1720) u. für die Bekrönung des Glockenturms am Dom (beg. 7. 10. 1720). Als die beiden letztgen. Arbeiten in Angriff genommen wurden, weilte J. bereits in Portugal. Allem Anschein nach war man in Rom wegen der Pläne für die Kathedrale u. das Schloß in Lissabon an ihn herangetreten, und wahrscheinlich hatte J. zu diesem Zweck von Gaspare Vanvitelli einen Prospekt anfertigen lassen. Nachdem Vanvitelliës Arbeit in Lissabon eingetroffen war, hatte man offenbar nichts Eiligeres zu tun, als J. für die Ausführung zu gewinnen. Er erhielt nunmehr von Viktor Amadeus II. den von Johann V. von Portugal nachgesuchten Urlaub und trat kurz nach dem 6. 2. 1719 von Turin aus die Reise an. In Lissabon lieferte J. die Pläne für eine Wiederherstellung der aus dem 12./14. Jahrh. herrührenden Kathedrale, für den Palast des Patriarchen u. das Haus d. Kanoniker sowie für einen Hafenleuchtturm (-eine Säule im Stil der Antikeì). Ferner werden ihm die Pläne für das kgl. Schloß in Mafra zugeschrieben. Mit der Ernennung zum Ritter des Christusordens u. and. Ehrenbezeugungen vom König verabschiedet, reiste J. 12. 11. 1729 von Lissabon - aber nicht auf dem direktem Wege - nach Turin ab. Der König von Portugal hatte ihm Empfehlungsbriefe an seine in London u. Versailles akkreditierten Gesandten mitgegeben, u. zeitgenöss. Quellen (Sacchetti, Maffei) überliefern glaubhaft, daß J. damals jene beiden Städte besuchte. Obgleich J. in Turin mit der Erbauung der Superga (feierliche Eröffnung am 1. 11. 1731) und der Vollendung der Fassade des Palazzo Madama hinreichend zu tun hatte, entfaltete er für die Dekoration des Schlosses, der Villa der Veneria u. des Kastells in Rivoli (unter Heranziehung der Maler G. B. Pittoni, Seb. Ricci u. Seb. Conca) u. im Entwerfen von Dekorationen u. Altären für verschiedene Kirchen eine ungemein fruchtbare Tätigkeit. In diesen zweiten Abschnitt seiner Laufbahn gehören von bedeutenden Werken u. a. das Erzbischöfl. Seminar, der Pal. Richa di Covasolo (jetzt Compans di Brichanteau), die Fassade des Pal. Guarene (jetzt Ferrero dëOrmea), das kgl. Jagdschloß Stupinigi u. die Carmine-Kirche, aber auch zahlreiche Arbeiten in Piemont (Oropa, Vercelli, Chambéry), in der Lombardei (Como, Bergamo) u. in Toskana (Lucca). Außer Bauplänen im engeren Wortsinn verlangte man von ihm auch häufig sachkundigen Rat bei damals im Entstehen begriffenen Bauten. 1727 wurde er zur Beratung des leitenden Architekten (Franc. Pini) zwecks Vollendung des Pal. Pubblico nach Lucca berufen. Im Sommer 1733 geht er auf Empfehlung des Kard. Albani u. des Marchese dëOrmea nach Mantua, um über die Standfestigkeit der Kuppelpfeiler in der Kirche S. Andrea einen Beschlug herbeizuführen; allem Anschein nach verdankt man ihm auch die Pläne der jetzigen Vierutigskuppel. Francesco Gallo holte beim Bau der Kuppel des Santuario von Mondovi sein Gutachten ein; und es hat fast den Anschein, als ob er eine weniger kostspielige Lösung als die mit dem älteren Entwurfe (von Vittozzi) verbundene empfohlen habe. Die Mailänder Dombauhütte zog ihn in Sachen der damals projektierten Fassade zu Rate. Das Jubiläumsjahr 1725 führte J. nach Rom, wo ihm der Kardinal Albani die (unausgeführt gebliebenen) Pläne für ein festes Konklave (in St. Peter u. in S. Giovanni Laterano) in Auftrag gab. Bei dieser Gelegenheit erhielt er wahrscheinlich seine Ernennung zum Architekten von St. Peter, in Nachfolge seines Lehrers Carlo Fontana. 1728 erteilt ihm 2 der König die Investitur der Abtei Selves (kgl. Regal). In Rom verbrachte J. häufig die Winter, wenn die Maurerarbeiten in dem kalten Piemont ruhen mußten. Auch 1732 finden wir ihn dort (wo er 15. 2. eintrifft), einem Rufe Klemensë XII. für die Arbeiten an der neuen Sakristei von St. Peter Folge leistend. Pläne dazu hatte J. schon für Klemens XI. in Arbeit gehabt; aber diesmal stieß er bei der Kurie auf Widerstand, weshalb er dem Florentiner Galilei (dessen Pläne ebenfalls unausgeführt blieben) das Feld räumen mußte. Gleich nach seiner Ankunft hatte ihn übrigens der Kard. Albani nach Nettuno, zwecks Vornahme von Wiederherstellungsarbeiten an seinem dort. Landhaus, kommen lassen. Ferner verlangte der Papst von J. die Begutachtung der für die Fassade von S. Giovanni Laterano ausgearbeiteten Risse; daß sie J. schließlich doch nicht unterbreitet wurden, war das Werk der Klique des Galilei. Die Pläne, die J. für das Grabmal Benedikts XIII. lieferte, fanden keine Verwendung. Den einzigen Erfolg dieses Romaufenthalts (1. 9. 1725 reist er von dort ab) bildete letzten Endes die Erwerbung chinesischer Lackarbeiten (für die Dekoration des Chinesischen Kabinetts im Turiner Schloß). Im Januar 1735 wurde J. für den Neubau des Madrider Schlosses (nach Brandkatastrophe von 1734) nach Spanien berufen. Philipp V., der in 1. Ehe mit der Tochter Viktor Amadeusë II. vermählt war, mochte den in Piemont so gefeierten J. gut kennen. Mit Urlaubsbewilligung vom 26. 2. 1735 machte J. sich gleich darauf nach Madrid auf den Weg (Ankunft 12. 4.). In Erwartung der Entscheidung über die Wahl des Bauplatzes für das neue Schloß lieferte er während seines Aufenthalts in der Residenz Buen Retiro zwecks -Beseitigung etlicher Schädenì Pläne für das Lustschloß La Granja in S. Ildefonso und für das Schloß Aranjuez. Auch berief man ihn in eine mit den Vorarbeiten für Begründung einer Kunstakademie betraute Kommission. Mitten aus diesen Plänen - die Risse und das Holzmodell des Schloßbaus waren fast vollendet - riß ihn nach plötzlicher Erkrankung der Tod (Ü 31. 1. 1736). Mit großem Pomp wurde er in der Kirche S. Martino beigesetzt. Da auf Befehl der Königin bei der Ausführung des Schloßbaues an J.s Plänen festgehalten wurde, redete der sardinische Gesandte in Madrid der Berufung eines unter J.s Leitung geschulten Baugehilfen oder Architekten das Wort. Die Wahl fiel auf Giov. Batt. Sacchetti; nach anderer Lesart soll J. selbst noch zuletzt auf diesen hingewiesen haben. Nach Sacchettiës Ankunft in Madrid befahl der König - im Gegensatz zu J.s anderslautendem Gutachten - die Errichtung des Neubaues an Stelle des älteren Baues. Immerhin machte man dem Sacchetti, der auch die Fertigstellung des Holzmodells (jetzt Artilleriemus. Madrid) besorgte, die Anlehnung an J.s Pläne zur Vorschrift. (Grundsteinlegung 6. 4. 1738.) In Ausführung der von J. in Spanien geplanten Bauten erwies sich Sacchetti als der treue Interpret seines Lehrers. Auch verfaßte er - so nimmt man wenigstens an - dessen (mit einem datierten Katalog der Zeichnungen versehene) Biographie. Ein anderer Schüler J.s, Ignazio Aliaudo, gen. Gian Pier Baroni di Tavigliano, erscheint als dessen Mitarbeiter an S. Filippo und an verschiedenen (z. T. von ihm nach J.s Tod vollendeten) Altären u. Kirchendekorationen. Gio. Tomaso Prunotto di Guarene arbeitete unter J. in Stupinigi. J.s eigentlicher Nachfolger wurde indes der (10. 6. 1739 zum. -Primo Architetto del Reì ernannte) Benedetto Alfieri, der alsdann die von J. unfertig hinterlassenen Werke im Geiste seines Lehrers vollendet hat. Werke. Messina (1714): Palazzo Reale. Einzelheiten über die Ausführung von J. (der gleich darauf die Stadt verließ) fehlen. Der durch Erdbeben beschädigte Bau 1849 abgerissen. - Turin: S. Cristina, Fassade (1715). S. Filippo (Pläne 1715?). Unter Einbeziehung von Guariniës nach dem Einsturz der Kirche unversehrt gebliebener Choranlage. 1722 waren erst 2 Kapellen des Neubaus für den Gottesdienst in Benutzung (das Innere erst 1772 vollendet). Superga, Kirche u. Kloster (1716/31). S. Croce (Pläne von 1718?). Dom: Abschluß des Glockenturmes (Baubeginn 1720). Oratorio di S. Filippo (Pläne von 1723?). Kapelle des Seminars (1725/29?). Carmine (1732/36). Kirchendekorationen: SS. Trinità (Marmorbekleidung im Innern, 1721?, St. Stephansaltar, Entwurf von 1734?); Corpus Domini (St. Josephsaltar, Entwurf von 1724?); Consolata (Hochaltar, Entw. v. 1729?); Visitazione (St. Franziskusaltar, Entw. von 1730?); S. Croce (Altäre, Entw. von 1730?); S. Teresa (St. Josephskapelle, 1735); Ospedale di S. Giovanni (Altar im Frauen-Krankenhaus). - Paläste: Quartieri Militari, bei Porta Susa (Baubeginn 1716). Pal. Reale: Scala -delle forbiciì (1720); Cappella Reale (Entwurf von 1730?); Regio Archivio (desgl. 1730?); Archivio Privato (Baubeginn 1733); Deckendekoration der Galleria Beaumont (jetzt Armeria Reale; Entwurf von 1738); Chines. Kabinett (nach 1732); -Segreterie di Stato u. Teatro Regio (Entwurf von 1733?; nach J.s Tode von Ben. Alfieri voll.; das Theater um 1904 modernisiert); Boudoir. Pal. Madama: Fassade, Vorhalle u. Treppenhaus (Baubeginn 1718). Pal. Biraghi di Borgaro, jetzt Della Valle: Via Carlo Alberto 16 (Baubeginn 1716). Pal. Martini di Cigala, jetzt Belgrano: Via della Consolata 3 (Entwurf von 1716?). Pal. del Senato, jetzt Corte dëAppello: Via Corte dëAppello 16 (Baubeginn 1720; die Bauarbeiten kurz darauf eingestellt; in verschiedenen Abschnitten von Alfieri u. a. vollendet. Von J.s Entwürfen gelangte nur der oriental. Pavillon [jetzt verändert] zur Ausführung). Erzbischöfl. Seminar (1725/29?). Pal. Guarene, jetzt Ferrero dëOrmea: Piazza Carlo Emanuele Il Nr 9 (Fassade [Entwurf von 1730?]). Pal. Richa di Covasolo, jetzt Compans di Brichanteau: Via S. Teresa 10 (Baubeginn 1730). - Straßen-Tracierungen: Verbreiterung des letzten Traktes der jetzigen Via Milano, u. die große Platzanlage vor Porta Palatina (1729). - Veneria Reale: Dekoration der Galerie, Entwurf von 1714?; von Alfieri später verändert; Capp. Reale (1716/26; der Bau nach Errichtung des Kuppeltamburs sistiert; die 1724 beg. Altäre 1726 abgenommen); Marstall u. Zitronenhaus. - Rivoli: Castello Reale (Entwurf von 1718?). J. mußte sich nach den damals noch vorhandenen Bastionen des alten, von den Franzosen 1690 verbrannten Kastells richten. Der Bau nur etwa zur Hälfte ausgeführt; die Außendekoration kaum über die Anfänge hinaus gediehen; die Innendekoration dagegen beträchtlich gefördert. Das Holzmodell der Gesamtanlage ebenda aufbewahrt. - Collegno: Certosa, jetzt Irrenanstalt (Entwurf von 1725?, unter Fortführung eines bereits in Angriff genommenen Baues. Von J. nur Portal u. Vorhalle). - Stupinigi: Kgl. Jagdschloß, Palazzina reale da caccia, später -Castelloì gen. (Baubeschluß v. 1729; 1733 der Hauptsaal mitsamt der Dekoration vollendet; später von Alfieri erweitert). - Govone: Kastell. - Villar Perosa: Villa Piccone della Perosa, jetzt Agnelli(?). - Villastellone: Kastell(?). - Vercelli: Dom, Altar des sel. Amadeus (Entwurf von 1723?). Erzbischöfl. Seminar (Entwurf von 1734?; der Bau im 17. Jahrh. fortgesetzt u. im 19. Jahrh. vollendet). - Bergamo: Dom: Altäre der hll. Fermo Rustico u. Procolo (Entwurf von 1726?). - Mantua: S. Andrea, Kuppel (1733, 1782 voll.). - Como: Dom, Kuppel nebst Tambur (1731/32). - Oropa: Santuario: Altar u. Freitreppe der Kirche (Entwurf von 1724?); neues Portal (Entw. v. 1728?). - Lucca: Dom: Paviment u. Altar in der Capp. del Volto Santo. - Chambéry: Schloß: Altar u. Marmortabernakel der Kapelle (1726); Dom, Hochaltar (Entwurf von 1729?). - Lissabon (1719;20): Schloß; Dom (Wiederherstellung); Palast d. Patriarchen; Haus d. Kanoniker; Leuchtturm im Hafen; Schloß Mafra (?). - Madrid (1735, unter Leitung des Sacchetti nach J.s Tode ausgeführte Entwürfe): Schloß; Lustschloß La Granja in S. Ildefonso (Gartenfassade); Schloß in Aranjuez (Gartenarchitektur). - Rom: Peterskirche, Pläne für die Sakristei; erhalten in Zeichnungen von J.; 1 Zeichn. in Rom, Museo Petriano. [Bei Zusammenstellung dieses Oeuvreverz. blieben die zahlreichen zweifelhaften, unausgeführt gebliebenen oder zerstörten Arbeiten unberücksichtigt. - Die Angabe: Entwurf von Ö?, bezieht sich auf Sacchettiës (?) datierten Katalog der Zeichnungen, s. o.] Zeichnungen: Viele Bände an verschied. Orten in Turin (Bibl. Naz., Bibl. Reale, Bibl. Civile, Seminarsbibliothek, Bibl. des Museo Civico, im Bes. des Marchese di Lesegno u. a.) und bei dem Grafen Tournon in Vercelli. Eine Bildniszeichnung von J. hat P. L. Ghezzi verfertigt (Rom, Vat. Ottobon. 3115, fol. 117).J.s römische Schulung ist in seiner Baukunst unverkennbar. Sein erster ausgeführter Entwurf, die Fassade von S. Cristina in Turin (konkav mit 2 Säulengeschossen u. einem Dreieckgiebel als Bekrönung), läßt an die von S. Marcello in Rom, ein Werk seines Lehrers Carlo Fontana (1683), denken. Die von J. mit Vorliebe gewählten runden u. ovalen Grundrißbildungen hatten in Rom, von Vignola bis auf Borromini, ihre Ausgestaltung erfahren. Aber auch mit der von 2 Glockentürmen flankierten Kuppel, wie er sie bei der Superga verwendet, kehrte er zu dem großen - von Borromini an S. Agnese wieder aufgenommenen u. weiterentwickelten Vorbild von St. Peter zurück. Der röm. Barockarchitektur u. insbesondere Borromini entnahm er aber auch jene Höhenschwingung, mit der gotische Tendenzen in klassischen Formen wieder zum Leben erwacht schienen. (Vgl. den Palazzo dei Quartieri, wo man sich an die Michelangelobauten auf dem Kapitol erinnert fühlt.) - In seiner weiteren Laufbahn kommen J. seine römischen Studien ungemein zustatten. So ist die Kirche der Superga z. B. fast unverändert aus der von J. 1707 anläßlich seiner Wahl in die Akad. S. Luca eingereichten Zeichnung hervorgegangen. Aber auch das Schloß von Stupinigi, eine seiner originellsten Schöpfungen, findet sich im Keim in einer frühen Zeichnung, dem oben gen. Palastgrundriß für den Landgrafen von Hessen-Cassel vorgebildet. In Piemont findet er dann Stilelemente vor, die er gut verwerten kann, und die er sich alsbald zu eigen macht. So stellen z. B. die -Scherentreppeì des Pal. Reale u. die Treppe des Pal. Compans in ihrer Tracierung nur eine Wiederholung der Treppen des Pal. Barolo (von Baroncelli, 1692) dar. Weiter findet seine Manier, den quadratischen Grundriß der Vorhallen durch isolierte Säulen zu bereichern und den so entstehenden Grundriß vermittelst der Bogen- u. Gewölbeverschlingungen auf die Decke zu projizieren, ihre Vorbilder in andern Turiner Palastvorhallen (Pal. Asinari di S. Marzano, von dem Spanier Garoes, kurz nach 1684; Pal. Saluzzo di Paesana, von Planten, ca 1720). - In der Möbelkunst blühte bereits vor ihm in Piemont das Handwerk der Ebenisten, deren Tradition er mit seiner üppigen Phantasie fortsetzt, wobei er viele Stilelemente des einheimischen Kunsthandwerks in Bausch u. Bogen übernimmt. Aber auch von Guarini ist er vielfach abhängig (s. u.). Das schönste Beispiel einer von J. geschaffenen Zentralanlage - einer Grundrißbildung, der er seine ganze Liebe geschworen hat - ist die Superga. Quadratischer Grundriß mit abgestumpften Ecken; in den 8 Ecken stehen schwarze Säulen vor weißem Grund. Auf dem so entstehenden Achteck sitzt der zwickellose Tambur auf. Die Hauptsäulen des Schiffes, die kleineren des Tamburs und die Gurten der Kuppel bilden in ihrer Aufeinanderfolge ein einziges vertikales System, das seinen Rhythmus ganz rein bis ins Zentrum der Kuppel und bis zur Öffnung der Laterne emporträgt. Mit ihrer äußeren Rundform, ihrer offenen Säulenvorhalle und ihren flankierenden Glockentürmen erscheint die Kirche wie der Vorbau einer großen (in den hinteren Partien unvollendet gebliebenen) Klosteranlage. Vorhalle, Schiff, Kuppel u. Glockentürme sind durch Horizontalen wohl verbunden und fallen mit ihren Gesimsen u. ihrem mächtigen Relief weithin ins Auge. Die auf dem Gipfel eines hohen, ca 8 km von Turin entfernten Hügels thronende Superga ist überhaupt mit einem außerordentlichen Sinn für Perspektive konzipiert, und die Verhältnisse zwischen Kuppel u. Glockentürmen, zwischen Zentralkörper u. Flügelbauten, zwischen den massiven Mauerteilen u. den Durchblicken der Interkolumnien - mit andern Worten: die wahren Absichten ihres Urhebers - kommen am besten in der Fernsicht von Turin aus zur Geltung. Aber auch als reines Landschaftsbild, als Bekrönung eines Hügels u. als architektonisches Schmuckstück einer Landschaft bewertet, gehört die Superga zu den Glanzleistungen des ital. Barock. - Die Kirche der Veneria bildet ein Quadrat mit abgestumpften Ecken; dagegen haben die Seminarskirche u. S. Croce ovalen Grundriß. Die ovale Kuppel hatte schon Vittozzi in Piemont eingeführt (Santuario bei Mondovi, 1696 heg.), doch hatte er die häßliche Außenansicht durch 4 Glockentürme gemildert. In S. Croce hat J. dieses Auskunftsmittel verschmäht, und bei dem rechteckigen Äußern erwartet man eigentlich auch eine vertikale Betonung der Ecken. Im übrigen scheint J. auch bei den Vorhallen der Paläste die runde Grundrißform anzustreben, u. seine isolierten Säulenstellungen erfüllen ersichtlich nur den Zweck, die Scheitel des Quadrats in einer Kurve zu mildern. Chronologisch an der Schwelle von Hochbarock und Rokoko stehend, folgt J. bald der einen, bald der anderen Stilrichtung. Dabei scheint ihm die Inspiration für die klassische Formensprache eher aus Frankreich als aus Rom gekommen zu sein. Von seiner Reise nach Frankreich, als Abstecher auf der Rückkehr von Portugal, war schon die Rede; schon vorher, von Turin aus, wo im 17. Jahrh. französ. Architekten gewirkt hatten, u. wo andauernd Beziehungen zu Frankreich bestanden, hatte J. Gelegenheit gehabt, sich mit den Zielen der französ. Kunst vertraut zu machen. So erklärt sich ungezwungen der französ. Stilcharakter der Fassade des Pal. Madama - auch wenn man sich nicht zu dem Eingeständnis bequemt, er habe die Pläne nach seiner Rückkehr aus Frankreich abgeändert (wobei man nicht vergessen darf, daß er den fertigen, nur z. T. ausgeführten Entwurf erst 1721 in Stichreproduktion erscheinen ließ!). Der hohe, durch tiefe Hohlkehlen horizontal gegliederte Sockel des Palastes, die mächtige, bis zum Kranzgesims reichende Ordnung im Obergeschoß legt den Vergleich mit Berniniës Entwurf für die Louvrefassade besonders nahe; aber der zentrale Vorbau mit den isolierten Säulen, die großen Bogenfenster und die geschmackvolle plastische Dekoration versetzen den Beschauer in Gedanken zunächst nach Versailles. Auch in Stupinigi fehlt es nicht an französ. Motiven. Die isolierten Pilaster im Mittelsaal bilden eine Art Umgang, der von ferne den Raumeindruck französ. Apsiden nachklingen läßt, während der in halber Höhe umlaufende Balkon, nebst andern Einzelheiten, wiederum die Erinnerung an Versailles (Schloßkapelle) wachruft. Damit soll an J.s Originalleistung der Grundrißbildung durchaus nicht gerüttelt werden; ist doch das von einigen als Muster hingestellte Schloß La Malgrange von Boffrand - obgleich vor Stupinigi begonnen - in Wirklichkeit dieser Schöpfung J.s nachempfunden oder richtiger, mit Brinckmann zu reden, -die Abklärung komplizierter italienischer Vorstellungen auf klassischer Basisì. Länger wirken die französ. Formen in J.s Spätwerken nach. Der vielbewunderte Riesenbau des Madrider Schlosses, von Sacchetti ganz im Geiste des Lehrers vollendet, ist aufs engste mit Versailles verwandt. Im Grunde aber bleibt J. doch ein echter Vertreter des Barock. An der den Hauptsaal in Stupinigi überragenden ovalen Kuppel hat er das durchbrochene Profil Guarini abgesehen, aber auch auf gewisse von diesem verwendete Gesimsbrechungen greift er bei seinen Altären u. Portalen zurück. Barocker noch als in den Einzelheiten gibt er sich in der völligen Durchdringung der Raumkörperì (Brinckmann). In S. Filippo z. B. rundet er energisch die Ecken an den Scheiteln, als ob es ihm um die Skizzierung eines Ovals zu tun wäre, und weiterhin, in der Carmine-Kirche, einem Spätwerk, bringt er die durch weite Kapellenöffnungen in der Grundrißbildung erzielte Raumdurchdringung auch im Aufriß dadurch zum Ausdruck, daß er die Kapellen ebenso hoch führt wie das Schiff und beide nur durch einen einzigen isolierten Bogen voneinander trennt. Es herrscht hier im Grunde dasselbe Prinzip wie in den Nischen u. in der Galerie im großen Saal des Schlosses Stupinigi: Haupt- und Nebenraum, beide gleich hoch, und letzterer oben durch Unterteilungen leicht gegliedert. Im Pal. Madama durchdringt die Vorhalle als Raumkörper völlig die Treppenanlage, den Blick auf diese in Scheinperspektiven von überraschender Mannigfaltigkeit öffnend. - In der Innenausstattung seiner Paläste gibt J. gegenüber der architekton. Dekoration mit ihrer Betonung des Tektonischen einer leichten Ornamentik den Vorzug, wobei er dieselbe unerschöpfliche Phantasie, feinste Eleganz und sicheren Geschmack zeigt wie in seiner Architektur überhaupt. Quellen, Lebensbeschreibungen u. biogr. Einzelheiten: Amore ed ossequio di Messina in solennizzare lëacclamazione di Filippo Quinto Borbone etc., Messina 1701 (m. 8 Orig.-Stichen J.s). - Raccolta di Targhe fatte da professori primari in Roma, disegnate ed intagliate dal Cav. D. Filippo Juvarra, Rom 1716, Neudruck der R. Calcografia 1881(57 Bl.). - [G. B. Sacchetti?] Vita del Cav. Don Filippo Juvara ab. di Selve e primo architetto di S. M. il re di Sardegna, in: Giorn. di Erudiz. artist., Perugia, III, 1874, p. 33 ff. - [Scipione Maffei,] Elogio del signor Abate Filippo Ivara, in: Osservazioni letterarie, Verona, III, 1738,p. 193 ff. - Baroni di Ta. iglian o, Modello della chiesa di S. Filippo per li P. P. dellëOratorio in Torino, T. 1758 (ursprüngl. nicht ausgef. 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