Le Nôtre (Le Nostre; Le Note; Le Noter; Le Notre; Lenaute; Lenostre; Lenoter; Lenotre; Lenôtre; le Nautre), André, frz. Gärtner, Gartengestalter, *12.3.1613 Paris, †15.9.1700 ebd. Entstammt einer Pariser Gärtnermeister-Fam.: Enkel von Pierre L. (*um 1540, †um 1594/1603; 1572 für die Bepflanzung, 1594 für die Neubepflanzung sowie für die Unterhaltung des Jardin des Tuileries zuständig), Sohn von Jean L. (*um 1575, †1655; als Gärtner des Königs für die Unterhaltung eines Teils des Jardin des Tuileries verantwortlich und Entwurfszeichner der Gärten des Königs).
Le Nôtre, André
L.s Taufpaten sind André Bérard de Maisoncelles, "contrôleur des jardins" unter Ludwig XIII., und Claude de Martigny, Ehefrau von Claude I Mollet (1563), "premier jardinier du roi". Sein Vater und sein Großvater erleben die auf Initiative von Letzterem ab 1595 und v.a. 1609-20 erfolgte Umgestaltung der Parterres im Jardin des Tuileries mit: Unterteilung in größere und damit weniger Bereiche, die sich grundlegend von der vorherigen Schachbrettstruktur unterscheiden; Gest. von ornamentalen Motiven in Form von Broderien; Ansiedlung des immergrünen Zwergbuchsbaums. L.s Laufbahn beginnt in Zusammenarbeit mit seinem Vater und den Schwagern Pierre I Desgots (1600) und Simon I Le Bouteux bei der Erweiterung dieser Gartenanlage, wo er mit der Unterhaltung der Orangerie und eines Teils der Gärten betraut wird. Dabei lernt er von seinem Vater den Gärtnerberuf und die noch junge Kunst, Broderieparterres mit Buchsbepflanzung zu zeichnen und ins Gelände zu übertragen. Details zur weiteren Ausb. sind nicht bek.; lt. La Font de Saint-Yenne (1752) erhält L. auf Initiative von Ludwig XIII. um 1633/34 Unterricht im Atelier von Simon Vouet, um seine zeichnerischen Fertigkeiten zu vervollkommnen. Dort befreundet er sich mit Charles Le Brun und Louis II Lerambert (1620); später wird auch Pierre Puget sein Freund. 1635 Beginn der eigenständigen Tätigkeit nach der Rückkehr von Gaston d'Orléans, Bruder von Ludwig XIII., aus dem Exil, der L. zum "premier jardinier" ernannte. 1637 erhält er das Erbamt des "jardinier du roi aux Tuileries", das er lebenslang inne hat. 1640 heiratet er Françoise Langlois, eine Tochter des Hofmeisters der Pagen des Großen Kgl. Marstalls. 1643 Nachf. seines Vaters im Amt des "dessinateur des plantes et parterres des jardins du roi". 1657 kauft er das Amt eines "conseiller du roi, contrôleur gén. ancien des bâtiments du roi" (den Titel "premier jardinier du roi" erhält er aus unbek. Grund nie). 1675 wird er in den Adelsstand erhoben und Ritter des Hl. Lazarus zu Jerusalem. 1679 ist L. neun Monate in Italien (wo Carlo Maratta sein Porträt malt) mit der vorrangigen Aufgabe, über den Studienbetrieb an der Acad. de France in Rom Ber. zu erstatten; von den in Italien besuchten Gärten soll er enttäuscht gewesen sein. Ab 1681 hat L. einen Sitz in der Acad. Royale d'Archit., ohne Mitgl. zu sein. 1693 wird er Ritter des Ordens vom Hl. Michael (redendes Wappen mit Kohlkopf auf drei Schnecken) und quittiert nach mehr als einem halben Jh. den Dienst am frz. Hof, um sich in den letzten Lebensjahren priv. Aufträgen in Frankreich und im Ausland zu widmen. Seine dank eines einträglichen Einkommens ab E. der 1640er Jahre angelegte bed. Kunst-Slg umfasst Gem., kleine Bronzeplastiken, Med. mit Bildnissen seiner Kunden, Kunsthandwerk und Antiken. Da L. jahrzehntelang eine Vertrauensstellung und die Wertschätzung von Ludwig XIV. genießt, der neben dessen künstlerischem Einfallsreichtum seine Urteilsfähigkeit und Offenheit schätzt, schenkt ihm L. aus Dankbarkeit dafür nach seinem Rücktritt einen Tl seiner Gem. frz., nord-europ., röm. und Bologneser Meister (Hw. davon in Paris, Louvre) und Bronzen. In L.s Bibl. befinden sich zwei ihm gewidmete Bücher von Claude de Saint-Estienne (Nouv. instruction pour connoistre les bons fruits selon les mois de l’année, 1670) und Nicolas de Valnay (Connoissance et cult. parfaite des tulippes rares, ..., 1688). Er stirbt in seiner Wohnung in den Tuilerien. L.s Zchngn erhalten der Großneffe Claude Desgots und A.-C. Mollet, vermutlich Neffe von L.s Witwe. Seine Grab-Kap. in der Pariser Kirche St-Roch wird während der Frz. Revolution zerst.; L.s Marmorbüste von Antoine Coyzevox ist erh. (in situ), ein Gem. von Jean Jouvenet nicht (Martyrium des hl. Andreas). - Im Unterschied zu Ludwig XIV. sind L.s Beziehungen zu dessen Finanzminister Jean-Baptiste Colbert, und ab 1683 zum Nachf., dem Marquis de Louvois (der Jules Hardouin-Mansart bei der Auftragsvergabe offenbar bevorzugt) eher unterkühlt. Auf seinen bedeutendsten Baustellen arbeitet L. neben Louis Le Vau (Saint-Germain-en-Laye und Versailles), Charles Le Brun (Sceaux, Versailles) und J.Hardouin-Mansart (Louvois, Versailles, Trianon), den er wohl zu Beginn der Karriere am Hof lanciert. Seine engsten Mitarb. sind Fam.-Mitgl. wie der Neffe Pierre II Desgots (1630) (Chantilly, Tuilerien, Versailles), C.Desgots, Michel II Le Bouteux (1623), dann Michel III Le Bouteux (1648) (Trianon), zudem entfernte Verwandte, Gärtner und Ing. des Königs (der Großneffe Antoine Trumel in Vaux-le-Vicomte, Daniel I Gittard (1625) und Jean Collinot in Chantilly, Jean, Claude und Charles Carbonnet, Simon Godeau, Antoine de Marne und Henri Duparc). In seiner Funktion als Kontrolleur ist L. an Vertragsabschlüssen mit Bauunternehmern beteiligt, legt vor dem Oberaufseher der Bâtiments über die von ihm überwachten Arbeiten Rechenschaft ab und prüft die Rechnungen der Bauunternehmer. Diese Aufgaben betreffen neben Gärten auch die Gewerke der Tischler, Zimmerleute, Schlosser, Bildhauer und Maurer. 1645 nimmt L. als seine erste bed. selbstständige Anlage den Schlossgarten in Fontainebleau in Angriff, neben Chantilly, Saint-Cloud und Versailles eine seiner wichtigsten und am längsten dauernden Baustellen (bis 1685). 1645/46 beginnt er mit der Neu-Gest. des Orangerieparterres (Broderieparterre mit Buchsbepflanzung). 1660-64 überwacht er die Arbeiten am Abschluss des Grand Canal, den Pierre de Francini mit einer mit Rocaillen verzierten Wasserorgel mit drei übereinander befindlichen Kupferschalen schmückt. Dazu kommt die komplette Umgestaltung des Grand Parterre du Tibre mit vier weitläufigen buchsbepflanzten Broderieparterres, die um ein großes viereckiges Wasserbecken herum angeordnet sind, das sich wiederum in einer Achse mit einem in einer befestigten Form eingebauten großen runden Wasserbecken befindet. 1684/85 führt L. im Auftrag des Königs einen älteren Entwurf zu fünf großen, parallel zum großen Kanal verlaufenden Wasserbecken aus. 25 Jahre lang arbeitet er am Kanal, der die Hauptachse des unter Heinrich IV. angelegten Gartens betont. In gleicher Weise unterstreicht er in Versailles mit dem Tapis vert und dann dem Grand Canal die unter Ludwig XIII. entstandene O-W-Achse. Bei seinen ersten dok. Maßnahmen in Meudon (Orangerieparterre, 1680-82, und dessen Perspektive) entwickelt er ebenfalls die ein Viertel-Jh. zuvor unter Abel Servien in Angriff genommene große Achse weiter. Im Verlauf seiner Karriere wird L. mit zwei grundlegenden Baustellensituationen konfrontiert: zum einen "weißen Flecken" wie Vaux-le-Vicomte und Marly-le-Roi, in gewisser Weise auch Chantilly, Versailles und Sceaux, zum and. bereits mindestens ein halbes Jh. lang bestehenden Gärten wie den Tuilerien, Saint-Germain-en-Laye, Meudon und Saint-Cloud. Während er auf den Baustellen der ersten Gruppe seinem Erfindergeist freien Lauf lassen kann, werden ihm auf den and. Zwänge auferlegt. Davon befreit er sich, indem er sich entweder kompromisslos von vorhandenen Elementen trennt (oftmals Parterres: Neuanlage, auch von Bosketten, in den Tuilerien, Grand Parterre du Tibre in Fontainebleau, Orangerieparterre in Meudon), neue Gartenbereiche erschließt (Grand Parterre und Grande Terrasse in Saint-Germain-en-Laye, Perspektive in Saint-Cloud) oder durch die Einbeziehung der Gegebenheiten in die Neuanlage (hufeisenförmige Rampen der Tuilerien). Ein Extrakapitel in L.s Schaffen ist Versailles mit der Besonderheit der zahlr. Boskette, die den Rahmen höfischer Feste bilden, und der dort den Wasserspielen beigemessenen Bedeutung, was ansonsten nur noch in Sceaux und Chantilly vorkommt. L. beginnt mit der Gest. der unmittelbaren Umgebung des Schlosses (Parterres du Nord, 1664/65, und du Midi), dann errichtet er sieben Brunnenpaare zur Betonung des Gefälles der Allée d’eau (1670), die so eine neue N-S-Achse unter der Fontaine de la Pyramide und dem Bain des Nymphes von François Girardon markiert. Diese Allee mündet in eine halbmondförmige Fläche, die 1678 mit acht weiteren Brunnen mit Kinderfiguren eingefasst wird und deren Mitte das runde Becken des Bassin du Dragon schmückt (1664). Die Achse erstreckt sich bis zum halbkreisförmigen Wasserbecken des Bassin de Neptune (1678-85), dessen Rand von vasenförmigen Springbrunnen gesäumt wird. 1687 plant L. die Anlage eines Wasserfalls oberhalb der Pièce d’eau des Suisses (1678-82), einem ehem. Sumpfgebiet südlich der neuen Orangerie von J.Hardouin-Mansart. In westlicher Richtung betont er die Perspektive, in der die hufeisenförmigen Rampen des Parterre de Latone (1663-65) und das Bassin des Cygnes nacheinander folgen, das durch die zweimalige Erweiterung (1674, '80) der Allée royale vergößert (1667) und zur Tapis vert gen. Rasenfläche wird. Die urspr. unmittelbar über der Wasserfläche platzierte Gruppe "Latona mit ihren Kindern" wird 1680 von J.Hardouin-Mansart angehoben und in Richtung des Grand Canal gedreht (1668-82) in Verlängerung der O-W-Achse, die L. im Sumpfgelände des Flusses Ru de Gally oberhalb des Bassin des Cygnes anlegt. 1671-74 entsteht ein Querarm des Kanals zur Verbindung der Menagerie von L.Le Vau mit dem Trianon. Bei den Anlagen zur Wasserversorgung der Boskette wird L. bes. durch François de Francini und Carlo Vigarani unterstützt; Wissenschaftler der Acad. des sc. und die Ing. des Königs planen die Wasserversorgungsanlagen (Teich- und Rigolensysteme, z.B. in Chaville, Sceaux, Meudon und Saint-Cloud; Maschine von Marly). Der Garten, der Park und die kgl. Domäne verändern den Maßstab, aber die interne Struktur der Gärten von Versailles bleibt trad., d.h. das regelmäßige Nebeneinander von schachbrettartig angelegten Flächen, für deren Struktur der Bosquet du Bois vert, das erste Modul des Gartens aus der Zeit unter Ludwig XIII., viell. vorbildhaft zugrunde lag. Aber hier wie andernorts prägt L. das Gelände durch markante Zeichen wie mehrere Kilometer lange Perspektiven, riesige Wegkreuzungen oder große Kanäle. Diese für seine Garten-Gest. typische Handschrift wiederholt sich v.a. in Chaville (Dreizack der großen Av.), Chantilly (große Av. und Grand Canal), Saint-Germain-en-Laye (Grande Terrasse) und den Tuilerien (Champs-Elysées). Dieses Charakteristikum bereichert den Garten durch eine zweite Ebene der Wahrnehmbarkeit, die abstrakter und sinnlicher als die erste ist und sich dem Besucher unmittelbar erschließt (Farben und Düfte der Sträucher und Blumen, Geräuschkulisse und visueller Eindruck der Wasserspiele). 1652-61 entsteht ein weiteres Hw. mit den Gärten des Finanzministers Nicolas Fouquet am Schloss Vaux-le-Vicomte (durch einen Gesamtplan der Anlage mit eigenhändigen Anm. und diverse Arch.-Quellen als L.s Werk bestätigt), die dessen enorme Finanzkraft eindrucksvoll demonstrieren (die Ausmaße von L.s Entwurf übersteigen die derzeitige Fläche von Versailles) und L.s meisterhaften Umgang mit den Bestandteilen eines Gartens manifestieren, der für sein gesamtes Schaffen exemplarisch ist. Dort wie bei allen and. Anlagen misst er außer den notwendigen Erdarbeiten (z.B. Terrassierungen, Nivellierungen, Böschungen) den Wasserbauten eine vorrangige Bedeutung bei (Dränage, Zuleitung durch Rigolen, Steinrinnen, gemauerte Aquädukte; Kanalisierung natürlicher Wasserläufe, Schaffung von Speichern, Wasserbecken, Fontänen, Wasserfällen). Die Bepflanzung erfolgt nach bestimmten Regeln: Rosskastanie, Ulme und Bergahorn werden entlang der Kanäle und Boskette verwendet, wo die Bäume (u.a. Tanne, Fichte, Steineiche) als Solitärgewächse hinter Hagebuchenpalisaden stehen. Mit Sträuchern, oftmals immergrünen Arten (Ilex, Oleander, Zypresse), und Duftsträuchern (Geißblatt, Flieder, Rosen) werden die Randbereiche der Parterres zus. mit gestutzten Eiben bepflanzt, deren bislang ausschl. geometrische Formen nun nach Renaiss.-Vorbildern zu Tier- oder anthropomorphen Figuren umgestaltet werden. Dazu kommen Blumen wie Goldlack, Tulpen, Anemonen, Ranunkeln, Narzissen und Kaiserkronen. Die Broderien mit Zwergbuchsbaum kommen im Kontrast mit dem Bodenbelag aus Ziegelsplitt bes. zur Geltung. Die Anlageform von L.s Gärten ist klassisch, versch. Gest.-Elemente sind barock, u.a. die Wassereffekte und weitere Attraktionen, z.B. die Arme des Grand Canal in Versailles, Wasserfälle und große Kanäle in Sceaux und Vaux-le-Vicomte. Hier bildet eine große, von Wasserkandelabern gesäumte Allee die Hauptachse des Gartens, die zu einem Wasserbecken und einer in Rustikamauerwerk errichteten Grotte führt. Bemerkenswert sind klare Sichtachsen vom Schloss und von versch. Punkten des Parks aus. In Vaux-le-Vicomte macht L. auch Gebrauch von geläufigen Motiven wie Hufeisen, Belvederes und Terrassen, die den Blick über das Land frei geben oder zu Wasserläufen führen. Viell. kooperiert er hier erstmals mit dem Gartenkünstler Jean-Baptiste de La Quintinie, der die Obst- und Gemüsegärten entwirft (später auch in Chantilly, Versailles und Sceaux). Außerdem arbeitet L. dort mit Hofkünstlern, denen er in Versailles wiederbegegnet (u.a. Le Brun, L.Le Vau und L. II Lerambert (1620)), wobei er umfassende Erfahrungen für die Verwaltung einer bed. Komplexbaustelle mit zahlr. Berufsgruppen und mehreren hundert Arbeitern sammelt. Zum Zeitpunkt der Verhaftung von Fouquet 1661 ist diese Baustelle von beispiellosem Ausmaß noch nicht abgeschlossen, und wenige Tage später erhält L. den Auftrag zur Forts. und Überwachung der Arbeiten der Gärtner und Brunnenbauer. Parallel zu Vaux-le-Vicomte leitet er Baustellen in Berny (Parterre[?]), um 1653-55, Juvisy (Gesamtplan[?]), um 1657, Lignières (nicht ausgef. Entwurf), um 1653-57, und Le Plessis-Pâté (Labyrinthe), um 1657/58. Alsbald wird er auch von priv., aristokratischen Auftraggebern wie Finanziers und Höflingen sowie durch weitere Baustellen des Königs in Anspruch genommen: ab 1662 Chantilly, ab 1663 Saint-Germain-en-Laye und Versailles. L.s Entwurf für den Jardin des Tuileries, dessen Gest. er 1665-72 fortsetzt, resümiert in subtiler Weise die Entwicklung der Gartenkunst, für die diese Anlage ein ganzes Jh. lang eine Art Prototyp darstellt: Hier greift er ein von Jacques Androuet Ducerceau d.Ä. geplantes Motiv der gegeneinander versetzten Anordnung von Gest.-Elementen auf, aber im Maßstab 1:16 als Quintessenz des Maßstabssprungs, der im Verlauf des 17. Jh. in der Gartenplanung und der tiefgreifenden Veränderung von deren "Leitschema" vollzogen wird, auf dessen Basis dieses graf. Zitat eine majestätische Monumentalität hervorbringt. In Stilfragen gilt L. als sicher und wird daher auch bei archit. Entwürfen zu Rate gezogen (Kopenhagen, Schloss Amalienborg). Um 1681 fertigt er eine Skizze für die zweite Orangerie in Versailles. Bei Entwürfen für Gartenanlagen des Königs werden neben ihm auch and. Künstler konsultiert, bes. bei plastischem Ornamentschmuck, Brunnen und Wasserfällen: 1663 bestätigt François Le Vau L.s Entwurf für die Grande Allée in Versailles, während Colbert seinen Beitr. zur Terrasse in Saint-Germain-en-Laye kritisiert und ihm L.Le Vau vorzieht. In Versailles wird der 1679-82 von L. angelegte, und am Trianon nachgebildete Bosquet des Sources durch den 1684-88 von J.Hardouin-Mansart geschaffenen Bosquet de la Colonnade ersetzt. Zus. mit letzterem wird L. 1683 von Louvois mit der Einordnung von Antiken in den Petit Parc von Versailles betraut. Die lange Abwesenheit 1679 vom frz. Hof kann einer der Faktoren für seinen zum Vorteil von J.Hardouin-Mansart allmählich schwindenden Einfluss sein. Die in älteren Biogr. erw. Rivalität, bes. beider Anspruch auf die führende Position in der Gartenkunst, ist vermutlich einer der Gründe, die den zumal bereits hoch betagten L. 1693 zum Rückzug von den Amtsgeschäften bewegen. - Bei Ludwig XIV. steht er im Dienst eines ambitionierten Auftraggebers, dessen Begeisterung für Gärten, die von Zeitgen. geteilt oder imitiert wird, seine künstlerische Laufbahn begünstigt und die kritische Bewertung genährt hat. Wie auch das Urteil seiner Zeitgen. und der Nachwelt über L.s Schaffen ausgefallen sein mag, so erkennen ihn doch alle einhellig als Schöpfer eines neuen Stils in der Gartenkunst an, eine Kunst, die durch L. ihre Nobilitierung erfährt und deren Existenz als eigenständige Gattung mit seinem Wirken beginnt. Im Lauf des 17. Jh. vergrößern sich die Ausmaße der Gärten erheblich, was viell. im Zusammenhang mit dem Streben nach Vereinheitlichung mit Hilfe weitläufiger Perspektiven steht, was sofort mit L.s Namen in Verbindung gebracht wird, wenn er auch nicht deren Erfinder ist. Wasser ist von Beginn an eines seiner wichtigsten Gest.-Mittel für Brunnen, Kanäle und raffinierte Wasserspiele. Mit L. erstreckt sich der Erfindergeist des Gartengestalters nicht mehr nur auf die Pflanzungen, die Parterres und Boskette, d.h. auf die gartenbaulichen und sensorischen Aspekte einer Anlage, sondern er bezieht sich auch auf die Geländemodellierung, den Gesamtplan, Perspektiven und Wasserbauten und somit auf die archit. Aspekte einer auf dem Plan und im Volumen abstrakten Komposition. Allerdings sollten L.s Schaffen und seine Leistung nicht auf eine geometrische Abstraktion reduziert werden: Ihm ist es zu verdanken, dass die abstrakte Schönheit des Plans und der Formen eines nunmehr wohl geordneten Geländes mit den konkreteren und materiell greifbareren Schönheiten vereint wird, die die primären Anziehungspunkte eines Gartens darstellen. L.s Leistung auf dem Gebiet der Gartenkunst ist beispiellos, und wahrsch. brachte keiner vor ihm so viel Sorgfalt beim Zeichnen von Plänen und bei der Gest. jedes Bereichs eines Gartens auf (begrünte Laubengänge, Gitterpavillons). Das rein intellektuelle und abstrakte Vergnügen in Anbetracht eines harmonischen Plans verbindet sich seither mit dem sinnlichen Empfinden, das durch den Duft von Blüten, markante Bäume, großzügige Perspektiven und das Spektakel von Wasserspielen ausgelöst wird. L.s Œuvre ist durch erh. Gärten sowie Kopien und Stiche nach eigenhändigen, ausnahmslos verschollenen Zchngn bekannt. Diese Darst. zeigen geläufige Motive wie Wege, Alleen und Kreuzungen sowie Fluchtlinienpläne. Am äußeren Rand von Perspektiven platziert er oftmals große rechteckige oder runde Wasserbecken mit Fontänen oder eindrucksvollen Wasserfällen (Choisy, Brunoy, Vaux-le-Vicomte, Chantilly, Fontainebleau). Häufig errichtet er halbkreisförmige oder mehreckige befestigte Belvederes, mitunter in Verbindung mit großen Wasserbecken (Vaux-le-Vicomte, Choisy, Saint-Germain-en-Laye, Sceaux, Fontainebleau) oder amphitheatralisch ansteigenden Rasenflächen (Vaux-le-Vicomte, Chantilly, Versailles). Bes. große Sorgfalt lässt er bei der Verbindung der einzelnen Gartenbereiche walten. Zur Überwindung von Höhenunterschieden verwendet er oft Rampen aus Rasenflächen oder in Hufeisenform (Grotte in Vaux-le-Vicomte, Latona-Brunnen in den Tuilerien, Hufeisen im Trianon und in Meudon). Zudem baut er mit Liegefiguren geschmückte Grotten, deren Pilaster er durch Rustikabossenwerk stets in gleicher Weise betont (Vaux-le-Vicomte, Chantilly). Typisch für die meisten großen Gärten L.s ist eine Überfülle an imposanten Wasserbauten. Nach exakten Plänen angeordnete Wasserfälle sind ihm wichtig, eine bes. Vorliebe hat er für Kaskaden und Wasserorgeln mit drei übereinander angeordneten muschelförmigen Becken nach ital. Vorbild. Analog zu Aussagen in dem um 1652/53 von Antoine Le Pautre veröff. Werk "Desseins de plusieurs pal.", in dem die Einf. unterschiedlicher Raumformen wie Kreis, Oval, Achteck, Kleeblatt und Halbkreis hervorgehoben wird, bedient sich L. einer ähnlichen Formensprache bei seinen Bosketten, bei denen er oftmals Rasenplätze anlegt. Auch die Beckenformen sind vielfältig und einfallsreich, z.B. "ohrenförmig" oder aus zwei Halbkreisen mit unterschiedlichem Durchmesser, alternativ auch rund oder rechteckig. Vielfach kombiniert L. Becken von unterschiedlicher Form und Größe miteinander, auf die er Wasserläufe, zumeist Kanäle, genau abstimmt. L. scheint eine ausgeprägte Vorliebe für perspektivische Inszenierungen zu haben (Gitterpavillons, die in Pariser Hôtels allgegenwärtig sind, und in mon. Ausf. in Sceaux und Saint-Cloud; große Treppe ebd.). Dieser Geschmack, sein kreativer Ehrgeiz und der Wille, dem König zu gefallen, sind aber auch Ursachen für Zwischenfälle auf Baustellen (Beschädigung der Becken in Saint-Germain-en-Laye aufgrund von Wassermangel, um 1675) und maßlos überambitionierte Entwürfe (Wasserfall für die Orangerie in Versailles, 1687, wegen Wasser- und Geldmangel nicht ausgef.). Während L. einerseits bereits zu Lebzeiten als Schöpfer der Gartenkunst geheiligt wird, ein Urteil, dem sich die klassischen Theoretiker der Archit. bzw. der Gartenkunst anschließen (Antoine-Joseph Dezallier d’Argenville, Francesco Milizia, Jacques-François Blondel), wird er von and. Zeitgen. (Sébastien Le Prestre de Vauban, Bischof Pierre-Daniel Huet) als Zeichner der Gärten des Königs, der manierierten Kurtisanen und der verschwenderischen Privilegierten angesehen. Die Identifizierung mit einem Stil und einem politischen, aber auch einem Agrarsystem, die zunehmend in Frage gestellt werden, erklären die Zurückweisung seines Stils in den 1770er Jahren, als die Mode des engl. Gartens den regelmäßig angelegten frz. Barockgarten, den "jardin à la franç.", verdrängt, den der Marquis René-Louis de Girardin, Christian Cay Lorenz Hirschfeld und Nicolas Edme Rétif de La Bretonne rigoros ablehnen. 1911 erscheint L. wieder in der Kunstgesch.-Schreibung mit der Publ. des Nachlass-Inv. durch Jules Guiffrey, wodurch sich die Bedeutung seiner Slgn erschließt: Von zeitgen. Med. fasziniert, sammelt er auch gegen Ludwig XIV. gerichtete Med., und dem kgl. Medailleur Hercule Le Breton überträgt er die Ausf. einer Med. mit seinem eig. Porträt (1700 unvoll.; verschollen). Ein durch die 1912 gegr. Soc. des amateurs de jardins aufgestelltes WV ist das Ergebnis der ersten Erhebung zu den L. zugeschr. Gärten, von denen die meisten auf der von ihm begründeten regelmäßigen Anlage im Sinne des frz. Barockgartens basieren. Sein 300. Geburtstag 1913 wird auf Initiative des Comité Le Nôtre begangen, allerdings geben dessen Sekretär Lucien Corpechot und Präs. Maurice Barrès diesem Ereignis ein sehr nationalistisches und sogar bellizistisches Gepräge. Begünstigt durch seine lange Lebensdauer, Vitalität und Schöpferkraft, zahlr. Auftraggeber, die ihn umgebende höfische Ges. und die Entwicklung des Immobiliengeschäfts im 17. Jh. gelingt es L., die Gartenkunst grundlegend zu erneuern. Heutige Gartengestalter wie Peter Walker beklagen sich offen über dessen großen Einfluss, während sich bei Kim Wilkie und Charles Jencks eine subtile, kühle Art der Geländemodellierung durch Wälle und weitläufige Rasenflächen im Wechsel wiederfindet, was das formale Erbe L.s in Erinnerung ruft.
Weitere Schlossgärten:
Thieme-Becker, Vollmer und AKL:
ThB23, 1929
Weitere Lexika:
DA XIX, 1996
Gedruckte Nachweise:
É.La Font de Saint-Yenne, L’ombre du grand Colbert, P. 1752, 46; J.Guiffrey, BSHAF 1911, 217-282 (u.a. Test. und Nachlass-Inv.); id., A.L., P. 1913; E.de Ganay, A.L., P. 1962; G.Weber, ZKg 37:1974(3/4)248-268; F.H. Hazlehurst, Gardens of illusion, Nashville 1980; G.Weber, Brunnen und Wasserkünste in Frankreich im Zeitalter von Louis XIV, Worms 1985; T.Mariage, L'univers de L., Br. 1990; A.Rostaing, A.L. et les jardins franç. du XVIIe s., P. 1995 (auch in: Positions des thèses soutenues par les élèves de la promotion de 1995 pour obtenir le dipl. d'archiviste paléographe, Ec. nat. des Chartes Paris, P. 1995, 243-249); T.F. Hedin, GBA 130:1997, 191-343; A.Rostaing, in: La cult. d’A.L., 1613-1700 (Kolloquium), Sceaux 1999; ead., Rev. de l’art 129:2000(3; Sonder-Nr zur Garten-Gesch.); M.Racine (Ed.), Créateurs de jardins et de paysages, I, Arles 2001; L., un inconnu illustre? (Kolloquium 2000), P. 2003; A.Rostaing, A.L. dessinateur de jardins et les jardins franç. du XVIIe s., Diss. Éc. pratique des hautes ét. Paris 2005; G.Farhat, A.L., fragm. d'un paysage cult., Sceaux 2006; A.Rostaing, Les jardins de L. en Île-de-France, P. 22010; ead./F.Sichet, A.L. à Vaux-le-Vicomte, P. 2013; A.Rostaing, in: Saint-Cloud. Le pal. retrouvé, P. 2013, 45-81