Jawlensky (Jawlenskij, Javlenskij), Alexej (Alexei; Aleksej Georgievič) von, russ. Offizier, Maler, Zeichner, *13.(26.)3.1864 Torschok/Gouv. Twer, †15.3.1941 Wiesbaden. Vater des Malers Andrej Alexejewitsch J. (*18.1.1902 Herrenhaus Ansbach b. Prely, heute Preili/Lettland, †10.7.1984 Barga/Italien), s.u.
Jawlensky, Alexej von
J. studiert als Offizier an der KA St. Petersburg, u.a. bei Ilja Repin, und erhält eine solide akad. Ausbildung. Siedelt 1896 mit seiner Mentorin und Freundin, der Malerin Marianne von Werefkin, ihrer Haushälterin Helene Nesnakomoff sowie zwei Künstlerfreunden nach München (Schwabing) über. Besuch der priv. Malschule von Anton Ažbe, wo er Wassily Kandinsky kennenlernt. 1902 bringt die Haushälterin Helene seinen Sohn Andrej Alexejewitsch J. (s.u.) in Russland zur Welt. In den folgenden Jahren (bis 1921) treten immer wieder Spannungen zw. ihm und Marianne von Werefkin auf, die durch ihre Apanage das Einkommen der familienähnlichen Gemeinschaft sichert. J. konzentriert sich nach 1901 auf drei Gattungen der Malerei: Porträt, Lsch. und Stillleben. Von 1903 bis 1907 finden mehrere Studienreisen nach Frankreich (Normandie, Paris, Bretagne) sowie in die Schweiz und nach Russland statt. 1905 werden einige Werke im Salon d'Automne (Paris) gezeigt, 1906 stellt J. auf Einladung von Serge Djaghilev in der Russ. Abt. des Pariser Salons aus. 1908 Beginn der lebenslangen Freundschaft mit dem Tänzer Alexander Sacharoff. Im Sommer erkenntnisreicher erster Malaufenthalt im oberbayerischen Murnau mit Werefkin, Kandinsky und Gabriele Münter sowie mit Helene und Andrej Alexejewitsch. 1909 Gründung der "Neuen Künstlervereinigung München" (NKVM) unter Einbezug von Künstlern wie Paul Baum, W. von Bechtejeff, Adolph Erbslöh, Alexander Kanoldt, Moissey Kogan, Alfred Kubin, Pierre Girieud. Kandinsky wird Vorsitzender, J. Stellvertreter. Die erste Ausst. findet im Dez. in der Mod. Gal. Thannhauser in München statt und wird von der Presse verrissen. Tourneeausstellungen zu Deutschlands besten Institutionen werden realisiert. Künstlerische Differenzen führen 1911 zur Gründung der Redaktionsgemeinschaft "Der Blaue Reiter" durch Kandinsky und Franz Marc, um einen gleichnamigen Almanach herauszugeben und eine Ausst. vorzubereiten. J. ist nicht Mitgl., stellt aber später mit der lockeren Gruppe aus. Durch seinen Aufenthalt in Prerow 1911 gelingt ihm der künstlerische Durchbruch, im gleichen Jahr erhält er eine große Einzelausstellunge in der Ruhmeshalle Barmen. 1912 wird er mit Emil Nolde und Paul Klee bekannt. Die Beziehung zu Werefkin ist großen Schwankungen ausgesetzt. Mit Ausbruch des Krieges müssen alle russ. Staatsangehörigen Deutschland verlassen, auch J. mit Familie. St. Prex am Genfer See ist für einige Jahre ihr Exil. Im Herbst Beginn der ersten Serie Variationen über ein landschaftliches Thema. 1916 lernt er Emmy Scheyer kennen, eine Malerin, die seine Kunstagentin wird und von ihm den Beinamen "Galka" (russ. Dohle) erhält. 1917 Umzug nach Zürich, wo er mit Exilanten wie Sacharoff zusammentrifft. Bekanntschaft mit DADA-Künstlern (Hugo Ball, Marcel Janko, Hans Arp) sowie den Ausdruckstänzern Anika Jan und Lotte Bara. Nach einer schweren Erkrankung zieht der Künstler 1918 nach Ascona ins Tessin. Die familiären Probleme nehmen zu, die Beziehung zu Werefkin ist dem Ende nahe, da J. Helene heiraten möchte. Scheyer organisiert eine groß angelegte Tournee mit Werken J.s, die im Sommer 1920 in Berlin mit einer Doppel-Ausst. mit seinem Sohn Andrej Alexejewitsch startet. Aufgrund des großen Erfolgs in Wiesbaden mit vielen Verkäufen entscheidet sich der Künstler mit Helene und Andrej Alexejewitsch dorthin zu ziehen. Werefkin bleibt bis zu ihrem Lebensende in Ascona. Ihre Apanage entzieht ihr die Sowjetunion, sie muss ihren Unterhalt selbstständig bestreiten. 1922 heiratet J. Helene Nesnakomoff. Sammler wie Heinrich Kirchhoff in Wiesbaden oder Otto Ralfs in Brunswick werden auf den Künstler aufmerksam und erwerben Konvolute. Bedingt durch die desolate Wirtschaftslage und ihre Folgen entscheidet sich Scheyer ihre händlerischen Unternehmungen in die USA auszudehnen. Sie unterbreitet sowohl J. wie auch den Bauhaus-Meistern Kandinsky, Klee und Lyonel Feininger den Plan, eine Künstlergruppe für den Markt in Übersee zu gründen: "Die Blaue Vier", angelehnt an den seit dem 1.WK nicht mehr existierenden "Blauen Reiter". Die Verkäufe in den USA, die Scheyer insbesondere für J. tätigt, sind ab seiner schweren Arthritis-Krankheit 1929 lebensnotwendig. Scheyer wird bis zu ihrem Tod 1945 mit unermüdlichem Elan für "Die Blaue Vier" werben und viele Ausst., Vorträge und Konferenzen in Gal. und Univ. organisieren. Bedeutende Sammler wie Walter und Louise Arensberg erwerben Werke der Gruppe. Ab 1927 hilft Lisa Kümmel dem Künstler sein Werk zu ordnen und erstellt einen Katalog. Sie ist jetzt seine Sekretärin und erhält für ihre Tätigkeit Werke des Künstlers. Die Bekanntschaft und Freundschaft mit der Malerin Hanna Bekker vom Rath führt zwei Jahre später zur Gründung der "Jawlensky-Ges.", die den Künstler in den folgenden Jahren finanziell unterstützen wird. Mit 65 Jahren beginnt J.s Alterspolyarthritis. Im Sommer 1930 wird der Künstler für drei Monate in einer anthroposophischen Klinik in Stuttgart behandelt und klagt über große Schmerzen in den Fußgelenken, die rechte Hand wird befallen, er kann kaum eine Feder bzw. einen Pinsel halten. Ab diesem Jahr wird J. nicht mehr ohne große Schmerzen arbeiten können. Viele Kuren im In- und Ausland bringen zeitweilige Linderung, die chronischen Schmerzen allerdings bleiben. Auch durch falsche medizinische Behandlungen wird sein Körper durch die Jahre sehr geschwächt, sodass zusätzlich ab 1938 eine tiefe Depression einsetzt. Bewegungslosigkeit bzw. Bettlägerigkeit sind die Folge. 1934 entsteht seine fünfte und große Serie, die Meditationen, kleinformatige Werke, die ein letzter Höhepunkt im Leben J.s sind. In diesen kleinformatigen Werken erfährt das menschliche Antlitz eine besondere Art der Darstellung. Wann immer es ihm möglich ist, malt der Künstler ebenfalls kleinformatige Blumenbilder, die von ihrem Charakter her heiter sind, während die in seinem letzten Maljahr 1937 gefertigten Meditationen eine dunklere Farbgebung aufweisen. Schon 1933, mit Beginn der NS-Diktatur erhält J. Ausstellungsverbot, 1937 wurde die alle öff. Slgn betreffende Beschlagnahmungsaktion durchgeführt; 65 Werke des Künstlers werden aus dt. Museen entfernt. In der Femeausstellung "Entartete Kunst" 1937 in München werden einige Grafiken und zwei Gem. von J. vorgeführt. Mit Adolf Erbslöh besucht J. im Rollstuhl die Hass-Schau, die für ihn moralisch, seelisch und körperlich ein Ende der Kunst bedeutet. - Mit seinen Landsleuten und Zeitgenossen Kandinsky und Kasimir Malewitsch ist J. einer der bedeutendsten Maler der russ. Kunst des 20. Jahrhunderts. Sein umfassendes malerisches Werk - nach heutigem Wissen ca. 2500 Werke, davon 2300 Arbeiten in Öl - erschließt sich in versch. stilistischen Perioden, die immer auch Ausdruck seiner Empfindungswelt sind. J.s Hauptaugenmerk gilt dem menschlichen Antlitz, auch wenn in bestimmten Phasen seines Schaffens Stillleben und Lsch. eine bed. Rolle spielten. Nach seiner akad. Ausbildung orientiert sich J. wie viele seiner Zeitgen. an der Malerei von van Gogh, Cézanne, Gauguin und Matisse, um 47-jährig nach 1911 zu seiner eig. Sprache zu finden. Das Eigene erschließt sich ihm nicht nur durch intensive Arbeit und durch viele Gespräche mit Kollegen, sondern durch Reisen, v.a. nach Paris. J. nutzt die Münchner Zeit bis 1914, um sich sowohl kult. weiterzubilden wie auch sich mit den internat. avantgardistischen Strömungen auseinanderzusetzen. Seine bis zum 1. WK geschaffenen Werke sind Einzelbilder, für die der Ausdruck "Vorkriegsbilder" gebraucht wird. Schon ab der 2.H. 1914 beginnt er mit dem Serienwerk, welches in dieser Form in der dt. bzw. russ. Kunst einzigartig ist und intentional über die Bildfolgen Claude Monets hinausgeht. J. verlässt 1896 Russland und wird - bis auf wenige Reisen - nie mehr dorthin zurückkehren. Die Entscheidung nach München und nicht nach Paris zu gehen, wird von Werefkin forciert, die in der bayr. Metropole bessere Ausbildungsmöglichkeiten sieht. J. studiert mit Grabar und Kardovsky ein zweites Mal, wird angesehener Schüler von Azbé und eröffnet für kurze Zeit eine eig. Malschule. Nach Experimenten mit Tempera kehrt er zur Ölmalerei zurück, schafft Porträts und Stillleben in der Manier von Anders Zorn, um sich ab 1902 stilistisch der Kunst van Goghs zu nähern. J. sucht in den nächsten Jahren beständig nach seiner Form, seinem Stil. Er gibt die Malerei auf Lw. auf, um ab 1904 auf Malpappe (Karton) zu arbeiten. Diese lange Suche führt ihn um 1905 zu der Malerei von Cézanne, anschl. (1907) zur Konturmalerei von Gauguin, die er über den Malermönch Willibrord (Jan) Verkade kennen lernt. Der damals in Malerkreisen häufig gebrauchte Begriff Synthese bedeutet für J. Formverknappung und Vereinfachung der Bildsprache mittels Einbinden der Motivgegenstände in Konturen. So beeinflusst er bei dem ersten Murnauaufenthalt die Malerei von Münter; Kandinsky bestätigt ihm später, dass er zu dieser Zeit der Fortgeschrittenste gewesen sei. Zurzeit der Gründung der "NKVM" (Winter 1909) hat J. die Malerei von Matisse und den Fauvisten in seine Kunst bereits adaptiert. In seinen Gem. sind die Farbflächen kontrastreich gegeneinandergesetzt. 1911 entstehen während des Aufenthalts in Prerow nach eig. Aussage "gewaltige figurale Bilder und Köpfe", die einen eig. Expressionismus begründen. Die intensive Farbgebung führt zu leuchtenden Gem., in denen die Formen aufeinanderprallen. Häufig wird in den Vorkriegsarbeiten der Kopf der Person von der oberen Bildkante angeschnitten, die Dargestellten agieren auf der vordersten Bildebene, während der Umraum nahezu ausgeschlossen wird. Eine maskenhafte Tendenz, die sich 1913 Bahn bricht, ist schon zwei Jahre vorher angedeutet, die Ikonisierung der Gesichter führt zu einem weiteren Höhepunkt der Malerei J.s. In allen drei Gattungen: Porträt, Lsch. und Stillleben findet sich dieser farbpeitschende Stil wieder, wobei das Menschenbild jetzt stärker im Fokus steht. Eine Ausnahme bilden die heiteren Bilder von Bordighera an der ital. Riviera, die er auf einer Reise im Frühjahr schafft. Nach großen Spannungen und Konflikten mit Werefkin, die in den Münchner Jahren das eheähnliche Verhältnis ihrer Haushälterin Helene mit J. duldete, kommt es zu einem ersten Bruch kurz vor dem Ausbruch des 1. WK. Auch J.s Seelenlage ist nicht stabil. Er fühlt sich missverstanden und empfindet großen Schmerz. Diese psychisch schwierige Situation wird durch den Kriegsbeitritt des Dt. Reiches nahezu unerträglich. Binnen 48 Stunden müssen alle russ. Staatsbürger das Land verlassen. J. ist weder seelisch noch intentional mehr in der Lage, an seine Vorkriegsbilder anzuschließen und wird im Schweizer Exil seine Bildwelt verändern. Ohne ein bis dahin übliches Einkommen, ohne Atelier, abgeschnitten von Freunden und Bekannten, von der schillernden Kunstwelt Münchens, der Möglichkeit zu reisen, erschafft J. trotz beengter Platzverhältnisse ein neues Œuvre. In seinen neuen Werken wird der Fensterausblick seines Zimmers in St. Prex zum Bildprogramm. J. malt den Blick aus dem Fenster: Bäume, Weg, Himmel und findet nahezu unendliche Variationsmöglichkeiten. Seine Maltechnik verändert sich ebenfalls. Bevorzugte J. bis 1914 eine Malerei mit pastos aufgetragenen Farben, so trägt er jetzt die Ölfarbe wie eine Lasur dünn auf. Diese Tendenz ist schon in den Bordhigera-Bildern zu spüren, jetzt wird ein Prinzip daraus. Auch der Bildträger ändert sich. Der Künstler benutzt ein leinenstrukturiertes Papier, das er bemalt und später auf einen Karton aufklebt bzw. in den letzten Jahren aufkleben lässt. Die Variationen, von denen einige hundert existieren, malt J. bis zum Jahr 1921, also auch nach seiner Übersiedlung nach Zürich bzw. Ascona weiter. Im Laufe der Serie verdichten sich die motivischen Elemente zu reinen Farbformen, die einen hohen Abstraktionsgrad aufweisen. Sein bevorzugtes Format ist jetzt das Hochformat, untypisch für Landschaftsmalerei. Doch handelt es sich bei dieser Serie nicht um Landschaftspanoramen, sondern um Darst. innerer Befindlichkeiten, eine Art malerisches Tagebuch. Der Bezug zur Musik liegt bereits im Titel begründet: Thema mit Variation. Die Serien, die J. bis zum letzten Jahr seiner künstlerischen Tätigkeit (1937) schafft, sind nicht nacheinander entstanden. Zeitweilig arbeitet er an vier Großserien gleichzeitig, insgesamt sind es fünf für den Zeitraum von 1914 bis 1937, wenn man die vereinzelnd auftretenden Blumenbilder in das Serienwerk einbezieht: Variationen (1914-21); Mystische Köpfe (1917-19); Heilandsgesichte (1917-22); Abstrakte Köpfe (1918-34); Meditationen (1934-37). Die in Zürich beg. Mystischen Köpfe, zumeist Frauenbildnisse, zeigen in leichtem Profil oder enface Gesicht und Halspartie der Dargestellten. Die Gesichtszüge sind stilisiert, die Umrisse der Gesichtspartien sind durch Linien beschrieben. Farbfelder bestimmen den eingefassten Innenbereich des Antlitzes und tragen dazu bei, dass sinnliche Momente betont werden. Viele Mystische Köpfe zeigen Emmy Galka Scheyers markante Züge, die stark gebogene Nase ebenso wie die schwarzen Locken, die zu beiden Seiten des Gesichtes herabfallen. Die zweite Züricher Serie, Heilandsgesichte, verweist schon im Titel auf eine spirituelle Dimension. Nicht mehr das nach außen Strahlende und Geheimnisvolle steht im Vordergrund, sondern der Rückzug ins Innere. In feinen Schichten aufgetragene Pastelltöne nehmen das Oval des Antlitzes ein, die milde Farbgebung verstärkt, insbesondere bei denjenigen Gem., die die Gesichte mit geschlossenen Augen zeigen, den Eindruck der inneren Sammlung. Was bei den Vorkriegsköpfen sich andeutet und bei den Mystischen Köpfe zu finden ist, jene Leuchtpunkte in der Mitte der Stirn zw. den Augenbrauen, wird in dieser Serie zum festen Bestandteil: der Verweis auf das Dritte Auge, welches in der altindischen Tradition das mystische Zeichen für Weisheit ist. Der in den Mystischen Köpfen noch offensichtliche Bezug zur äußeren Welt wird in dieser Serie nach und nach aufgegeben. In Ascona entstehen die Abstrakten Köpfe, die aufgrund ihres geometrischen Charakters auch Konstruktive Köpfe genannt werden. In den Abstrakten Köpfen ist der Kontakt nach außen gelöscht, die Augen sind nicht nur geschlossen, sondern wirken wie versiegelt. Das Nichtvorhandensein von Ausdruck wird durch die Schließung von Augen und Mund als denjenigen Sinnesorganen, die direkten Kontakt zur Außenwelt darstellen, manifestiert. Durch die Unnahbarkeit wird das Bild zu einer Art Ikone. Jedoch gibt es in manchen Werken dieser Serie Hinweise auf kosmische Zeichen, auf Sonne oder Mond. Nach J.s Aussage ist das Gesicht nicht nur Antlitz, sondern auch der ganze Kosmos, in dem sich das Universum offenbart. Die 1934 in Wiesbaden beg. Meditationen kann J. nur durch die Hilfe Anderer realisieren. Er ist gezwungen, sich den Pinsel an die steifen Hände binden zu lassen. Diese Werke sind der Höhepunkt seines Gesamtwerks. Das menschliche Gesicht erreicht seinen äußersten Abstraktionsgrad. Jede Meditation ist zugleich Gesicht und Kreuz. Die horizontale und vertikale Bildstruktur verweist auf das orthodoxe Kreuz, die Werke haben eine bildliche und emotionale Nähe zu Ikonen. Unter größten Schmerzen entstanden, sind diese Werke sehr bes. Seherlebnisse. – J.s Sohn Andrej Alexejewitsch Jawlenskij hat sich insbesondere nach dem 2. WK für die breite Rezeption der Werke seines Vaters eingesetzt. Selbst mit großem Talent ausgezeichnet und von Künstlern wie Ferdinand Hodler in seiner Jugend gelobt, konnte sein Werk aufgrund familiärer Umstände wie auch durch die politische Situation nach 1933 und durch 15 Jahre Soldaten- und Gefangenendasein nicht den kontinuierlichen Weg nehmen wie bei anderen Künstlern. Sein Werk ist unvollkommen geblieben, viele Arbeiten sind zerstreut und durch Kriegsumstände zerstört. Andrej Alexejewitsch J. orientierte sich zunächst an der Bildwelt des "Blauen Reiters", um später eine von russ. Emotionalität geprägte Landschaftsmalerei zu entwickeln. Seine Lsch., Stillleben und Porträts sind bis zuletzt farbkräftig und ausdrucksstark. Der Wunsch, das Schöne auszudrücken, war sein ein essentielles Anliegen.
WV: M.J./L.Pieroni-J./A.J., A. v. J., Cat. Raisonné of the Oil Paintings, I, 1890-1914, Lo. u.a. 1991; II, 1914-33, 1992; III, 1933-37, 1993; IV, Cat. Raisonné of Watercolours and Drawings 1890-38, M. 1998.
Lebenserinnerungen, Emmy Scheyer diktiert, 1918, Ms., Arch. Norton Simon Mus., Pasadena/Cal., Erstabdruck in: C.Weiler, A. J., Köpfe, Gesichte, Meditationen, Hanau 1970; A. v. J., Lebenserinnerungen, 1937 diktiert an Lisa Kümmel. Erstabdruck in: ibid; Wiederabdruck in: T.Belgin (Ed.), A. v. J., Reisen - Freunde - Wandlungen (K Mus. am Ostwall Dortmund) He. 1998. Briefe: Briefe an Galka Scheyer, 1916-41, Ms. Norton Simon Mus., Pasadena/Cal.; Briefe an die Familie Bachrach, 1917-27, Ms., A. v. J. Arch., Locarno; Briefe an Erich Scheyer, 1924-37, Ms., Archives of the Hist. of Art, Paul Getty Center for the Hist. of Art and the Humanities, L.A.; Briefe an Wassily Kandinsky, 1928-33, Ms., Bauhaus-Arch., B.; Briefe an Hanna Bekker vom Rath, 1929-1941, Ms., Priv.-Slg; Briefe an Mela Escherich, 1930-33, Ms., Landes-Bibl., Wb. und A. v. J.-Arch., Locarno; Briefe an Emil und Ada Nolde, 1930-40, Ms., Bauhaus-Arch., B. und Ada und Emil Nolde-Stiftung, Seebüll.
Solo exhibitions:
1911 Barmen, Ruhmeshalle / Wiesbaden: 1921-23 (Ausst.-Tournee), 1954 Neues Mus.; 1991, 2004 Mus. / 1937 SFMOMA / 1941 Basel, KM / 1957 Bern, KH; Saarbrücken, Saarland-Mus.; Düsseldorf, KV für die Rheinlande und Westf.; Hamburg, KV / 1957-58 Bremen, KH / 1964 Pasadena, The Pasadena Mus. / 1965 Baltimore (Md.), Mus. of Art / 1970 Lyon, MBA / 1983 München, Lenbachhaus; Baden-Baden, SKH / 1989 Locarno, Pin. / 1989-90 Emden, KH / 1994 Rotterdam, BvB / 1998 Essen, Mus. Folkwang; Dortmund, Mus. am Ostwall / 2000 St. Petersburg, Russ. Mus. / 2003 Krems, KH / 2012 Jena, KS / 2019-20 München, Lenbachhaus (mit Marianne von Werefkin, Wander-Ausst.) / 2020-21 Bonn, KM. -
Group exhibitions:
1997 Düsseldorf, KS NRW; Bern, KM: Die Blaue Vier / 2000 Zürich, Kunsthaus: J. in der Schweiz 1914-21 (Wander-Aust.) / 2017 Halle (Saale), KM Moritzburg: Sehen mit geschlossenen Augen / 2020-21 Potsdam, Mus. Barberini: Impressionismus in Russland (K) / 2021 Winterthur, Kunst Mus. | Reinhart am Stadtgarten: Expressionismus Schweiz (K) / 2024 Bietigheim-Bissingen, StG: Reiche Ernte - Früchte in der Kunst des 20. und 21. Jh.
Thieme-Becker, Vollmer, and AKL:
ThB18, 1925; Vo2, 1955
Other encyclopedias:
Bauer, GEM IV, 1977; MűvLex II, 1966; Kindler, ML III, 1966; NDB X, 1974; Milner, 1993; Münchner Maler II, 1982; DA XVII, 1996; Pavière, Flower III.2, 1964; Dict. de la peint., P. 1991; LdK III, 1991; Severjuchin/Lejkind, 1994; P.Bellini, Diz. della stampa d'arte, [Mi.] 1995; Bown, 1998 (s.v. Yavlenski, Aleksei Georgievich); Russkie chudožniki. Ėnc. slov., StP. 1998; I.F. Walther, Künstler-Lex., in: Kunst des 20. Jh., II, Köln u.a. 1998; S.Monneret, L'impressionnisme et son époque, I-II, P. 1987; Vera Icon. 1200 Jahre Christusbilder zw. Alpen und Donau (K), Freising 1987; Enc. russkoj živopisi, Mo. 2001; Bénézit VII, 2006 (s.v. Jawlensky, Alexej Georgevich von) F.Schulz, Ahrenshoop Künstler-Lex., Fischerhude 2001
Printed sources:
C.Weiler, A. J., Köln 1959; id., A. J. Köpfe, Gesichte, Meditationen, Hanau 1970; J.Schultze, A. J., Köln 1970; A.Zweite (Ed.), A. J. 1864-1914, M.1983; S.Gronert, A. v. J. - Große Meditation: Verhaltene Glut, FfM/L. 1997; T.Belgin (Ed.) A. v. J. Reisen - Freunde - Wandlungen, He. 1998; I.Goldberg, J. ou le visage promis, P./Ml. 1998 ; G.-W.Költzsch/M.Bockemühl (Ed.) Das Auge ist der Richter. Die wiedergefundenen Aqu., Köln 1998; T.Belgin, A. v. J. - Eine Künstlerbiographie, He. 1998; A.Affentranger-Kirchrath (Ed.), J. in der Schweiz 1914-21, Bern 2000; A. v. J.- Arch. AG (Ed.), R. Bild und Wissenschaft. Forschungsbeiträge zu Leben und Werk A. v. J.s., I, Der Umgang mit dem künstlerischen Erbe von Hodler bis J., Locarno 2003; II, 2005; III, 2009; B.Fäthke, J. und seine Weggefährten in neuem Licht, M. 2004; V.Rattemeyer (Ed.), J. Meine liebe Galka, Wb. 2004; Mus. Cantonale d'Arte Lugano (Ed.), A. v. J., Il valore della linea (Aus der Linie geboren), Lugano 2007; E.Stephan (Ed.), A. v. J. (1864-1964) "Ich arbeite nur für mich, für mich und meinen Gott", Jena 2012
Jawlenskij, Alexej von, russ. Maler und Graphiker in Wiesbaden, geb. 13. 3. 1867 in Twer bei Moskau. Ursprünglich in Moskau Offizier, besuchte er seit 1893 die Akad. in Petersburg, wo Rjepin einigen Einfluß auf seine künstler. Weiterbildung hatte. 1896 siedelte er zusammen mit D. Kardowskij, I. Grabar u. M. v. Werewkin nach München über. Hier arbeitete er einige Jahre, unter Beschränkung auf das Stillebenfach, bis er durch die Gründung der damals stark angegriffenen -Neuen Künstlervereinigung Münchenì (zusammen mit. Erbslöh, Kanoldt, Kandinskij, Bechtejeff und Werewkin) bekannt wurde und in der Entwicklung des Expressionismus einen ziemlich bedeutenden Einfluß auf die Jugend gewann. In München wurde auch allmählich seine künstler. Eigenart frei, nachdem zuerst Cézanne und van Gogh, später Matisse ihn nachhaltig beeinflußt hatten. Bei Beginn des Krieges 1914 flüchtete J. nach der Schweiz (St.-Prex, Ascona). Das Wesen seines Stils - er malt vornehmlich Köpfe und Stilleben - beruht auf einer sehr kräftigen, durch keinerlei Übergänge abgeschwächten Palette. Seine formale Gestaltung ist gewollt primitiv, bauernmäßig schlicht bis zur Roheit, mit in Richtung der expressionistischen Anschauung liegenden formalen Übertreibungen der Naturvorbilder. Der geistige Ausdruck seiner Köpfe tendiert ins Exaltierte, das sich eigenartig und überzeugend mit einer sublimierten, spezifisch slawisch gefärbten Religiosität verbindet. Die Entwicklung seiner malerischen Darstellung schritt von einer Elementargewalt der Farbe zu einer gewissen Kultiviertheit fort, die besonders in seinen leicht mit Ölfarbe auf Pappe angelegten Köpfen einen bedeutsamen Ausdruck gefunden hat. Eine Serie -Köpfeì, 6 Lithogr., erschien im Verlage des Nassauischen Kunstvereins, Wiesbaden. Werke J.s besitzen das Folkwang-Mus. in Essen (-Pidoinesì), das Kaiser Wilh.-Mus. in Elberfeld (-Blumenstraußì, 1912) u. das Wallraf-Richartz-Mus., Köln (-Rote Lippenì). In der Slg Gabrielson, Göteborg: -Kopfì und -Variationì. Kollektivausstell. 1920 bei F. Gurlitt, Berlin (anschließend Wander-Ausst. durch ganz Deutschland). 1924 vereinigte Çsich J. mit Feininger, Kandinskij u. Klee zu der Gruppe -Die blaue Vierì. Mahlberg, Beitr. z. Kst d. 19. Jahrh. u. uns. Zeit, 1913 p. 23 (Abb.). - O. Fischer, Das neue Bild, München 1912 (Abb.). - Fr. M. Hübner, Mod. Kst i. d. holland. Privatslgn, Lpzg 1922. - F. Gurli tt, Das graph. Jahr, 1921, m. Abb. - Wiener Jahrb. f. bild. Kst (Die bild. Kste, V), 1922 p. 13 f. (Abb.), 15. - Kstchronik, N. F. XXV (1913114) 290; XXXIV (1922123) Ç76, 375, 830. - Zeitschr. f. bild. Kst, LV1II (1924/25), Monatsrundschau p. 8 u. 107. - Dtsche Kst u. Dekor., XXXIV (1914) 336 (Abb.). - Feuer, III (1921122) 27/30 (R. Reiche, m. Abb.). - Der Cicerone, XII (1920) 518, 691, 764; XIII (1921) 189, 502, 684 ff. (W. A. Luz, m. Abb.); XIV (1922) 436, 519, 910/11, 950151; XVI (1924) 311, 385, 1149, 1203; XVII (1925) 42. - Kunst u. Kunsthandwerk, XVI (Wien 1913) 600. - Der Ararat, I (1920) 73 ff. (m. Abb.), 122, 157; II (1921) 137. - Das Kunsthaus, II (Zürich 1912) 5. - Das Kstblatt, I (1917) 264, 267 (Abb.); III (1919) 216; 1V (1920) 161 ff. (E. E. Scheyer, in. Abb.). - Toison dëOr, 1906 p. 125. - Hellweg, II (1922) 809. - Hannov. Couder, 7. 10. 1920. - Dtsche Allg. Zeitg, 20. 7. 1920. - Ausstell.-Karal.: Berlin: Sez., 1904, 06, 09; Gr. K.-A., 1920; Sturm, 1921. Bremen: Dtscher Kstler-Bd, 1912. Dresden: Kstlervereinig., 1916. Köln: Sonderbd-A., 1912. München: Sez., 1903; Neue Sez., 1915, 20. Paris: Salon dëAutomne, 1905, 06. Venedig: Espos. int. dëArte, 1920. - Eröffnungskat. der Gal. Flechtheim, Düsseldorf 1913, u. Verst.-Kat. der Gal. Flechtheim, Berlin 5. 6. 1917 (Cassirer u. Helbing)..
Jawlenskij, Alexej von, russ. Maler u. Graphiker, *13. 3. 1867 Kuslowo, Gouv. Twer, †15. 3. 1941 Wiesbaden. Vater (1. Folg. Schulen von Rjepin an d. Petersburger (Leningrader) Akad. Ließ sich 1896 in München nieder, wo er mit Ad. Erbslöh, Al. Kanoldt u. seinen Landsleuten Kandinskij, Bechtejeff u. Marianne Wereffkin 1909 die "Neue Künstlervereinigung München" gründete. Ging nach Ausbruch des Weltkrieges 1914 in die Schweiz (Ascona). Seit 1921 in Wiesbaden. Gründete 1924 mit Kandinskij, Feininger u. Klee die Gruppe "Die Blauen Vier". Anfängl. beeinflußt von Cézanne u. van Gogh, später von Matisse. Entwickelte später seinen eigenen expressionist. Stil, der sich auf eine bunte und kraftige Palette und eine gewollt primitive, fast rohe Zeichnung stutzt. Leidenschaftliche Empfindung und ein heißes religiöses Gefuhl spricht aus seinen meist uberlebensgroßen Köpfen. Vertreten in den Museen Barmen, Breslau, Elberfeld, Essen, Halle, Hannover, Köln, Mannheim (Städt. Ksthalle), Stettin, Ulm, Wien u. Wiesbaden. Graph. Mappe: Köpfe (G Lithos). Koll.-Ausst. 1921 n. 47 in d. Ksthalle Mannheim, 1924 b. Schames in Frankfurt a. M., 1930 in d. Gal. Ferdin. Möller in Berlin in der Gruppe "Die Blauen Vier". Ged.-Ausst. 1943 in d. Gal. Lilienfeld in New York, Jan. 1947 im Kunstkabinett in Frankfurt a. M., 1950 im Landesmus. in Hannover, März 1953 in- d. Gal. Alex. Vömel in Düsseldorf, Juli 1954 im Haus d. Kunst in München. Lit.: Th.-B., 18 (1925). - Umanskij, p. 17, m. Abb. - Schmidt. - L'Amour de l'Art, 1934, p. 433ff., passim. - Art Digest, 17, Nr v. 15. 5. 1943. p. 30; 19, Nr v. 15. 11. 1944, p. 19; 25, Nr v. 1. 3. 1951, p. 14 (Abb.); 27 (1953) Juli p. 5. - The Art News, 42, Nr v. I. 5.1943. p. 21 (Abb.); 52 (1953), Sept. p. 48 (Abb.). - Aussaat, 2 (1947/48) 267. - Cahiers d'Art, 1934, p. 193/96, m. 10 Abbn. - D. Cicerone, 17 (1925) 520, 1105f.; 18 (1926) 385 (Abb.), 683; 20 (1928) 147, m. Abb. - Cicerone (Köln), 1949. p. 121, 122 (Tat). - D. Kunst, 83, Beil. v. 15. 5. 1941, p. 15 (Nachruf); Jg 48 (1949) Okt.-H. 1, p. 7 (Abb.). - bild. kat (Berlin), 2 (1948) H. 7 p. 27. - Kst u Kstler, 28 (1930) 80. - D. Kst u. d. schöne Heim 48 (1949/50)?, m. Abb., 148; 51 (1952/53) 119, 139. - 535 Jawlenskij - Ichiyô D. Kstblatt, 5 (1921) 126; 8 (1924) 30 f. - Kstchronik, N. F. 25 (1914) 290. - D. Kstwanderer, 1921/22, p. 132. - D. Kstwerk (Baden-Baden), 1 (1946/47) H. 5, p. 46. H. 8/9, P. 59; H. 12, p. 53; 2 (1948) H. 1/2, p. 49f., 51/54 m. 2 farb. Taf. u. 3 Abbn; 3 (1949) H. 6, p. 40 (Abb. Nr 2); 4 (1950) H. 2, p. 58 (Abb.); H. 8/9, p. 42 r. Sp.; 6 (1952) H. 1, p. 52, 53, m. Abb.; 7 (1953) H. 2, p. 26; H. 6, p. 32 (Abb.). - D. Lücke (Heidelberg), 3 (1948) H. 5/6. p. 16/20, m. 3 Abbn. - Zeitschr. f. Kst, 3 (1949) 195. - Rhein-Neckar-Ztg (Heidelberg). 18.12.1947. - Hattmann. - Kat. Ausst. "Der Blaue Reiter", München 1949, p. 12 (Fotob.), 16 (Abb.), 26f., m. Biogr., 36 (Abb.). 37 (Abb.), 45 (Abb.).