Palladio, Andrea (Gondola, Andrea di Pietro della; Vicentino, Andrea; Vicenza, Andrea da), ital. Architekt, Zeichner, Illustrator, Steinmetz, Architekturtheoretiker, Schriftsteller, *8.11.1508 Vicenza, †19.8.1580 ebd.
Palladio, Andrea
P. wurde als Sohn eines Müllers in Norditalien geb. und begann, wahrsch. durch die Förderung seines Taufpaten, des Bildhauers Vincenzo Grandi, im Alter von 13 Jahren eine Ausb. zum Steinmetz bei Bartolomeo Cavazza. 1524 brach er seinen Lehrvertrag, verließ seine Heimatstadt und zog nach Vicenza, wo er als Steinmetz in der Wkst. von Giovanni und Girolamo da Pedemuro Arbeit fand. Zweifelsfrei zuschreibbare Werke aus dieser Zeit sind nicht erhalten. Erste Kontakte zu den einflussreichen Patriziern und Adels-Fam. der Region entstanden durch die Arbeit in der Werkstatt. Der Auftrag zur Ausstattung und Erweiterung der Villa des Giangiorgio Trissino in Cricoli außerhalb von Vicenza um 1537 markiert den entscheidenden Moment in der humanistischen und architekt. Weiterbildung P.s, die ihn zu einem der bedeutendsten Architekten der frühen Neuzeit werden ließ. Trissino, Literat und Diplomat, trat als engagierter Förderer der humanistischen Ausb. des jungen Adels von Vicenza in Erscheinung und erkannte P.s Potenzial. Er unterrichtete ihn in den klassischen Sprachen und Texten, allen voran Vitruv, dessen archit.-theoretische Klarheit und Substanz er als unübertroffen betrachtete. Kurz darauf begann P. mit der Arbeit an seinem ersten archit. Werk, der Villa Godi (1537). In dieselbe Zeit fällt auch die Begegnung mit Alvise Cornaro und dessen Umfeld in Padua. Dessen "Loggia Cornaro" (1524), von Giovanni Maria Falconetto entworfen, gilt als das erste Gebäude des Veneto im Stil der röm. Renaissance. Auch archit.-theoretisch war Cornaro versiert und publizierte ein "Trattato dell’Archit." (um 1555), das sich allerdings weniger mit baupraktischen als mit ökonomischen Fragen beschäftigte. 1540 verlieh Trissino ihm den Namen Palladio, in Anlehnung an die Göttin der Weisheit Pallas Athene und spezifischer an den Engel seines epischen Gedichts "Italia liberata dai Goti" (1547), der die Details der Archit. erläutert. Kurze Zeit später unternahm P. mit Trissino die erste seiner zahlr. Romreisen (1541, 1545, 1546-47, 1549 und 1554), bei denen er die Zeugnisse der röm. Baukunst in Zchngn festhielt . Aus dieser Romerfahrung heraus entstanden P.s erste beiden Publ. Le antichità di Roma (1554) und Descritione de le Chiese, Stationi, Indulgenze & Reliquie de' Corpi Sancti, che sonno in la Città di Roma (1554). Die Bde traten an die Stelle der ma. "Mirabilia Urbis Romae" und präsentierten Besuchern und Pilgern die Altertümer und christlichen Stätten nach Gruppen sortiert in archit., hist. sowie relig. Kontext unter Berücksichtigung sowohl neuzeitlicher als auch hist. Quellen. Die Führer behaupteten sich bis ins 18. Jh. als Standardwerk. Die letzte Romreise 1554 stand im Dienste der Übersetzung und des Kommentars des Vitruv-Traktats durch den Humanisten Daniele Barbaro, für die P. die archit. Ill. anfertigte. - Praktisch und auch theoretisch beschäftigte sich P. mit einer Vielzahl von Bauaufgaben. Seine Bautätigkeit beschränkte sich dabei Zeit seines Lebens auf das Gebiet des Veneto und insbes. auf die Städte und unmittelbaren Umgebungen von Vicenza und Venedig, wo er ab 1550 tätig war. In Venedig selbst stieß P. mit seinem klassischen Stil bisweilen auch auf Widerstand. Seine Entwürfe zum Neubau der Rialtobrücke (1554/55) und des Dogenpalastes (1577) etwa wurden zugunsten traditionellerer Lösungen abgelehnt. Seine Sakralbauten allerdings fanden in Venedig besonderen Anklang und prägen noch heute das Stadtbild mit imposanten Variationen von Tempelfronten in Kombination mit Kuppeln. - Quattro Libri dell’ archit. (1570): Das wichtigste Werk P.s, das Generationen von Architekten beeinflusste und die Entstehung des nach ihm benannten archit. Stils, des Palladianismus, bedingte, sind die Quattro Libri (1570). Zehn Jahre vor seinem Tod veröff., stellen die aufwändig ill. Bde in mancherlei Hinsicht die Summe seiner baulichen Tätigkeit dar. Sie gelten neben dem älteren Traktat Leon Battista Albertis "De re aedificatoria" (M. 1440-52 entstanden, 1485 publ.), als wichtigstes archit.-theoretisches Werk der Neuzeit. Das erste Buch widmet sich allg. Baufragen sowie den Säulenordnungen; das zweite den Villen und Palazzi; das dritte behandelt den Städtebau, insbes. Brücken sowie öff. Plätze; das vierte widmet sich der antiken Baukunst und bes. dem Bau von Tempeln. Es waren offenbar weitere Bde vorgesehen; P.s Vorwort zum ersten Buch führt weitere Untersuchungsobjekte wie Theater, Triumphbögen, Bäder und Festungsbauten auf. Hschn. mit Auf- und Grundrissen begleiten den Text der vier Bücher, in welchen im Gegensatz zu anderen archit.-theoretischen Traktaten der Zeit, die eigenen Bauten als maßgebende Beispiele vorgestellt werden. Mit Ausnahme des "Tempietto" von Donato Bramante in Rom (1502) finden darüber hinaus nur antike Bauten Erwähnung. Terminologisch orientiert sich P. an der Fachsprache seiner Zeitgen., bleibt in der Klarheit der Strukturierung aber zugleich seinem Vorbild Vitruv treu. Die gelegentlichen Abweichungen zw. Ill. und Bauwirklichkeit dienen der Idealisierung des eig. Entwurfs. - Archit.: In 40 Jahren Bautätigkeit bedient P. versch. Bauaufgaben und Gattungen: Villen, Stadtpaläste, Kirchen, Theater, Brücken, Grabmäler sowie Ausschmückungen für Festzüge. Konsequent verschreibt er sich einer klassischen Formensprache, die zus. mit den Baubedürfnissen des 16. Jh. verwendet und als neuartige Synthesen formuliert werden. Bes. wirkungsvoll und einflussreich sind seine Villenbauten, aber auch die Verwendung einzelner Motive wie der der Thermenfenster, der Serliana, die als spezifisches Element der Archit. P.s auch als "Palladio-Motiv" bez. wird, sowie die Vereinigung von Tempelfront und Kirchenbau werden vielfach aufgegriffen. Obschon bei manchen Bauprojekten die Zuschr. an P. oder der Anteil seiner Mitarb. umstritten ist, können ihm etwa 80 Hw. eindeutig zugeschr. werden, davon bilden die Villen mit mindestens 30 Bauwerken den Großteil gegenüber etwa halb so vielen Palazzi und ebenfalls um die 15 Sakralbauten. - Villen: Das erste eigenständige Bauwerk P.s war die Villa Godi (Lugo di Vicenza, 1537), die nördlich von Vicenza erbaut wurde und sowohl von seiner humanistisch-klassischen Bildung und Archit.-Reflexion zeugt, als auch den zeitgen. lokalen Baugepflogenheiten Rechnung zu tragen vermag. Die im Verhältnis eher schmale mittige Loggia mit Treppen, Balustraden und klassischen Arkaden betont die zu beiden Seiten markant hervortretenden und schmucklosen Risalite als Zitat der trad. Ausstattung der Villen des Veneto mit zwei Türmen. Auch die Anlehnung an die Villa Trissino, durch deren Umbau er gewissermaßen vom Steinmetz zum Architekten wurde, ist deutlich zu erkennen. Schon hier zeigt sich P.s Vermögen, in techn. ausgereifter und gebildeter Manier die Vorzüge der antiken Archit. mit den erhaltenen und gelebten Trad. vor Ort in einem Bauwerk zu vereinen, das dem Geschmack und den repräsentativen Bedürfnissen seiner Auftraggeber entspricht. Zugleich schafft er einen Baukörper von singulärer Wirkung, der die Baukunst in ihr eig. Recht setzt. Die Kombination von markant hervortretenden seitlichen Risaliten als synkopisches Element in Verbindung mit einer zentralen Passage mit Arkaden im Stile der röm.-antiken Villa findet sich in zahlr. Variationen bei späteren Villenbauten P.s wieder. Auch im Grundriss ist bereits hier eine starke Betonung der Achsensymmetrie nachzuvollziehen, ein ästhetischer Aspekt, den P. in seinen Villenarchitekturen stets mit den praktischen Funktionen zu vereinen sucht und der sich kontinuierlich durch sein Werk zieht. Das Gewicht, das P. der Symmetrie zumisst, ist nicht zuletzt an der Tatsache festzumachen, dass er in den Quattro Libri wiederholt Unstimmigkeiten ausbessert und begradigt. Die Villa Valmarana Bressan (Vigardolo, 1542-43 [vor 1546]) gilt als der erste Bau im Anschluss an P.s Rombesuch. Der Eingang ist hier nur noch leicht nach hinten gerückt und die Giebelform wird weder durch Architrav, Fries oder Kranzgesims optisch an der Fassade hervorgehoben. Die Verwendung des Giebels, wenn auch auf minimalste Komponenten reduziert, sowie der Serliana, hier als Eingang umgesetzt, können als bewusste städt. und insofern mod. archit. Zitate interpretiert werden, die vor P. nicht zum Repertoire der Villen-Archit. zu zählen waren, bes. die Serliana. Die Villa Pisani b. Bagnolo (1542) vereint erstmals die landwirtschaftliche Nutzung des Landsitzes mit der bereits etablierten anspruchsvollen repräsentativen Wirkung. Die äußeren Treppen führen direkt zum Piano Nobile. Das über dem Eingang angebrachte Thermenfenster ist ebenfalls ein von P. häufig verwendetes Motiv. Die vordere Fassade, dem Fluss zugewandt, schmücken wieder zwei seitliche Partien in Anlehnung etwa an die Fassade der Villa Trissino, wobei hier die rustizierte Arkade von einem klassischen Giebel bekrönt wird. Die Verwendung des Giebels als Zitat antiker Tempel-Archit. dient der Übertragung der archit. Würdeformel auf die Villa und damit der Steigerung der Repräsentationsfunktion des adeligen Landsitzes. Die Tempelfront als Fassade der Villa findet auch in späteren Bauten P.s Verwendung, so etwa an der Fassade der Villa Barbaro (1554-55) mit vier ionischen Halbsäulen die zwei Geschosse einschließen oder als zweigeschossige, übergiebelte Struktur in der Villa Cornaro (Piombino Dese, 1553). Die Übernahme des die gesamte Fassadenbreite gestaltenden Tympanons in die Villen-Archit. ist vor P. kaum gesehen. Eine handschriftliche Annotation P.s nur mit dem Wort "Villa" neben der Zchng eines antiken röm. Tempels gab in der Forschung auch Anlass zu der These, P. habe fälschlicherweise antike Tempel als Wohnhäuser des Adels identifiziert. Die intensiven Studien P.s sowohl der antiken als auch der neuzeitlichen Archit.-Theorie sowie seine konsequente und innovativ reflektierte Anwendung von Dreiecksgiebeln an Kirchenfassaden lassen die Interpretation dieser Randnotiz als einziges Indiz für ein solch grundlegendes Missverständnis als unwahrsch. erscheinen. Die Tempelfront dominiert auch die Ansichten der Villa Almerico-Valmarana (Vicenza, 1566-67), meist Villa Capra oder La Rotonda genannt. Die letzte seiner Villen gehört zu P.s späterem Œuvre und kann als Kulmination seiner Villen-Archit. gedeutet werden, die bis in die Moderne als Inspiration und Referenz bes. einflussreich nachwirkt. Der Zentralbau präsentiert sich auf allen vier Seiten mit einem imposanten ionischen Tempelportikus, zu dem hohe Treppen in der Gesamtbreite hinführen. Die Positionierung der Villa auf einem Hügel, ein Aspekt, dessen Bed. P. im zweiten Buch der Quattro Libri als praktische aber auch ästhetische Komponente betont, erlaubt die Verbindung mit der umliegenden Natur sowohl hinsichtlich des Anblicks der Villa als auch bezüglich des Ausblicks. Vier schmale Passagen führen im Innern zu einer kreisrunden überkuppelten Sala, deren Wölbung in der Ausführung durch Scamozzi reduziert wurde. Um die Sala sind vier große und vier kleinere Räume symmetrisch an einer Längsachse gespiegelt, während in den durch die Zusammenführung von Quadrat und Kreis entstehenden Zwischenräumen die Treppen eingepasst sind. Schon Alberti lobt den Kreis als die höchste Form der Natur überhaupt und auch das Ideal des kirchlichen Zentralbaus, in der Renaiss. stets beschrieben, aber nur selten ausgeführt, strebt eine solche allseitige Symmetrie und Ausgewogenheit nach strengen geometrischen Prinzipien an, wie sie P. in der Villa Rotonda umsetzt. Die nach den Quattro Libri von P. vorgesehene höhere Kuppel hätte die sakrale Ausstrahlung in der Außenansicht zusätzlich verstärkt. - Städt. Bauten: Der Fassade des frühesten städt. Baus von P., dem Palazzo Civena (1540), wurde nach Umbauten und fast kompletter Zerstörung gemäß erhaltenen Plänen rekonstruiert. Neben einem achsensymmetrischen Grundriss führt die Fassadengestaltung durch Arkaden im Erdgeschoss und die Abfolge von Fenstern und doppelten Pilastern im Obergeschoss bereits die spätere ebenmäßige horizontale Strukturierung der Stadtpaläste vor. Die Zuschr. des kurz darauf folgenden Palazzo Thiene (1542 und '46) an P. ist umstritten, die eig. Selbst-Zuschr. des Baus in seinen Quattro libri sowie die Kommentare Vasaris widersprechen Vincenzo Scamozzis Aussage, wonach der Bau dem Architekten Giulio Romano zu verdanken sei. Für Letzteren sprechen bes. die Verwendung der groben Rustika im Erdgeschoss und die fast schon manieristischen Brüche mit den Regeln der klassischen Archit., die in dieser frühen Schaffensphase P.s unerwartet sind. Vielfach geht die Forschung aufgrund stilistischer Unterschiede zw. Elementen versch. Bauphasen davon aus, dass P. von Giulio Romano mit der Bauleitung beauftragt wurde und nachfolgend den Piano Nobile sowie den Innenhof nach eig. Plänen gestaltete. Auch der Pal. Chiericati (1550) zeigt sich insgesamt in ausgewogener und sequentieller Gestaltung, wobei die mittlere Partie durch die hervortretende Treppe, die gepaarten bzw. in der Loggia vervielfachten Säulen sowie die geschlossene zentrale Zone im Obergeschoss als Risalit erscheint, obwohl sie sich archit. nur minimal von den Seiten abhebt. Der Aufriss in den Quattro Libri weist außerdem einen Giebel auf, was den Bau als Mischform zw. Palazzo- und Villen-Archit., auch durch seine räumlich freistehende und isolierte Lage am Stadtrand zu erklären, zusätzlich betont. Der Pal. della Ragione (sog. Basilica Palladiana, 1546-49) in Vicenza ist der erste Bauauftrag P.s von öff. Hand. Es handelt sich dabei aber allein um die Ummantelung des spät-ma. Kernbaus. Die Entscheidung für den jungen einheimischen Architekten P., der sich gegen Entwürfe der renommierten Konkurrenten wie Sebastiano Serlio, Jacopo Sansovino und Romano durchsetzt, etabliert P. als örtlichen Hauptarchitekten. Beide Geschosse sind von einer gleichmäßigen und durchgängigen Loggia umgeben, und unterscheiden sich allein durch die Steigerung von der dorischen Ordnung im Erdgeschoss zur ionischen Ordnung im Obergeschoss. Die Loggien werden durch die rhythmische Abfolge der Serlianen, die geschickt die variierenden Maße der einzelnen Joche kaschieren, zu einer gleichmäßigen und ruhigen Erscheinung geformt. Die Verdoppelung der stützenden Säulen in die Raumtiefe lässt die Serliana nicht mehr als Wandöffnung sondern als durchlässige, dreidimensional-räumliche Archit. erscheinen. Die Loggia del Capitaniato (Entwurf 1565, 1570-71 erb.) als Auftragswerk der Venezianer in Vicenza entstanden, liegt gegenüber dem Pal. della Ragione und präsentiert sich im Gegensatz zu dessen schlichter, horizontal orientierter und einheitlicher Gest. mit reich verzierter Fassade. Dreifach durch Arkaden geöffnet wird der Bau durch vier korinthische Säulen in Kolossalordnung zusätzlich in der Vertikalen betont. Die Flächen hinter den Halbsäulen sind reich dekoriert und zeugen von zunehmend manieristischen Tendenzen im Werk des letzten Lebensjahrzehnts P.s. Als letztes Bauwerk gilt das Teatro Olimpico (1580), dessen Entwurf nach dem Tod P.s durch Vincenco Scamozzi geändert bzw. ergänzt und bis 1585 errichtet wurde. Im Auftrag der Olympischen Akad., zu deren Gründungs-Mitgl. P. zählte, entstand in Vicenza ein freistehendes Theatergebäude nach Vorbild der Antike. Der halbrunde und gestufte Zuschauerraum wird von einem Säulengang mit Balustrade abgeschlossen. Die Bühnen-Archit., die sich an antiken Triumphbögen orientiert, gibt durch drei Öffnungen den Blick auf sieben Straßen frei, die durch eine starke perspektivische Verkürzung an illusionistischer Tiefe gewinnen. Diese Gest. der Bühne für die Eröffnungsaufführung mit Sophokles' "Oedipus Rex" wurde von Vincenzo Scamozzi entworfen. Sie stellt ein nicht auswechselbares Bühnenbild dar, das bis heute als Prospekt für szenische Darbietungen dient. - Sakrale Bauten: Die erste nachweislich von P.s Hand stammende Kirchenfassade von S.Pietro di Castello in Venedig (1559) markiert den vergleichsweise späten Beginn von sakralen Bauten in der bereits reifen Schaffensphase P.s. Die meisten seiner Kirchenbauten befinden sich in Venedig und insbes. die Fassadengestaltung sucht stets nach der Möglichkeit der Vereinigung von Tempelfront und Basilika, die hier durch die Hinzufügung zweier halber Dreiecksgiebel zu Seiten der mittleren klassischen Tempelfront erreicht wird. Die in der Zuschr. an P. aufgrund der späten Voll. umstrittene Fassade von S.Giorgio Maggiore (ab 1565) auf der gleichnamigen Insel in der venez. Lagune ist im Gegensatz zu der großen Mehrzahl der Bauten in Venedig aufgrund der Lage gegenüber dem Markusplatz auf große Fernsicht ausgerichtet. Hier löst P. das Fassadenproblem durch dreidimensionale doppelte Projektion zweier Tempelfronten übereinander, die so die dahinter liegenden tieferen Seitenschiffe und das höhere Mittelschiff der Basilika umfassen. Ein Giebel ist der gesamten Breite des Gebäudes vorgestellt, in einer Ebene mit korinthischen Pilastern, Skulpturennischen und durchgehend erscheinendem Architrav. Diesem vorgestellt und auf hohen Sockeln erhöht ist ein zweiter Giebel, der gleichsam wie ein Portikus auf vier massiven, der Wand vorgestellten Säulen der kompositen Ordnung erscheint. Die Gestaltung der Fassade der Votivkirche Il Redentore (1576-77) variiert ebenfalls eine geschickte Kombination mehrerer Giebel in der Fassadengestaltung. Eine gewisse Verwandtschaft mit der Fassade von S.Giorgio Maggiore lässt sich schon durch die ebenfalls auf Fernsicht ausgerichtete Lage auf der Insel Giudecca erklären. Die gesamte Front ist auf einen hohen Sockel gestellt, eine breite Treppe führt zur mittleren Tempelfront hin. Diese erscheint vorgestellt, aber nicht als Portikus, und nimmt durch die Halbsäulen und äußeren Pilaster bereits Bezug auf die seitlich angefügten Teilgiebel. Die Ausstattung des Inneren mit schlichten weißen Wänden und der grauen Hervorhebung der archit. Elemente wie Kapitelle, Gesimse und Bögen ist sowohl dem Ausdruck von Bescheidenheit der Votivkirche als auch der optischen Betonung der Archit. als solcher dienlich. Auch die gekonnte Vervielfachung und Verbindung der Fassaden-Ebenen ermöglichen eine visuelle Staffelung bis zur imposanten Kuppel hin, sodass Il Redentore in der Außenansicht ebenfalls von ausgesprochen harmonischer Ausgewogenheit zeugt. - Nachleben: Die klare, mathematisch disziplinierte und humanistisch gebildete Archit. des P. beginnt sich bereits kurze Zeit nach seinem Tod 1580 in weitere Gebiete Europas zu verbreiten und erlebte im Palladianismus des 17. und 18. Jh. seinen Höhepunkt. Vincenzo Scamozzi wurde mit der Ausführung einer Vielzahl von unvoll. Bauprojekten P.s beauftragt und baute auch in der nachfolgenden Zeit in kritischer Auseinandersetzung mit P.s archit. Prinzipien. Insbes. der engl. Architekt und kgl. Baumeister Inigo Jones, der P.s Gebäude und Schriften wie auch jene anderer Zeitgen. intensiv studierte und der Scamozzi während seines Italienaufenthalts 1613/14 auch persönlich traf, verhalf durch die Einführung des klassischen archit. Baustils in England und den engl. Kolonien, bes. durch die Rezeption in den späteren USA, dem Palladianismus zu weltweiter Geltung. Frühe handschriftliche Übersetzungen der Quattro Libri ins Engl., lange vor der engl. Übersetzung von James Leoni (1715/16), sowie der Erwerb des Originals in zahlr. Bibl. bereits E. des 16. Jh., begünstigten die Verbreitung des palladianischen Stils im engl.-sprachigen Raum weiterhin. Auch für den protestantischen Norden boten die palladianischen Lösungen eine klare und gegenüber den barocken und kritisch bewerteten prunkvollen Pal. schlichtere Alternative. Zudem dienten P.s Schriften und Bauten als sicherer und verständlicher Zugang zur antiken Architektur. Kopien von P.s Bauten sind eher Einzelfälle und wenige "palladianische" Architekten haben sich selbst als solche definiert; als Inspiration und Ausgangspunkt aber sind seine Archit.-Entwürfe und Bauten bis in die heutige Zeit bed., wobei die Aneignung einzelner Elemente oder nur schon die Anlehnung an harmonische Proportionen nicht als Palladianismus im eigentlichen Sinne gedeutet werden können.
L.Puppi, A.P., 2 Bde, Mi. 1999 (WV, Lit., erweiterte und aktualisierte Aufl., auch auf Dt.)
I quattro libri dell'archit., Ve. 1570 (dt. Übersetzung: A.Beyer u.a. (Ed.), Die vier Bücher zur Archit., Z./M. 1988 (Lit.); L.Puppi (Ed.), A.P., Scritti sull’archit. (1554-1579), Vi. 1988.
Einzelausstellungen:
(alle K): Vicenza: 1973 Basilica Palladiana; 1980: Basilica Palladiana; Pal. Montanari; 1999, 2005, '08 (Wander-Ausst.) Palladio Mus.; 2008 Pal. Pubblico / London: 1975 Arts Council Coll.; 2015 RIBA Archit. Gall. / 1975 Wien, ABK / 1981-82 Karlsruhe, StG / 1981: München, Residenz-Mus.; Washington, D.C., NG of Art (Wander-Ausst.) / 2009: Annecy, Pal. de l'Ile; Venedig, Mus. Correr. -
Gruppenausstellungen:
(alle K): Vicenza: 1980 Tempio di S.Corona: P. La sua eredità nel mondo; 2015 Mus. Palladio: Jefferson e Palladio (Wander-Ausst.) / 1985 Venezia, Mus. Correr: Le Venezie possibili, da P. a Le Corbusier / 1997 Hamburg, Hamburg-Mus.: Die Erben P.s in Nordeuropa / 2010 New York, Morgan Libr. & Mus.: P. and his legacy (Wander-Ausst.)
Thieme-Becker, Vollmer und AKL:
ThB26, 1932
Weitere Lexika:
List, 1967; Schede Vesme III, 1968; Cavalcanti III, 1977; DA XXIII, 1996
Gedruckte Nachweise:
G.Vasari, Vite, 1550 und 1568 (s. Biogr. des Jacopo Sansovino zum Leben des P.); P.Gualdo, Vita di A.P., 1616 (s. Zorzi 1958/59; übers. bei Beltramini 2009); O.Bertotti Scamozzi, Le fabbriche e i disegni di A.P. raccolti e illustrati, 4 Bde, Vi. 1776-83; G.Zorzi, Saggi e memorie di storia dell’arte, 2:1958/59, 91-104; H.Spielmann, A.P. und die Antike, M. 1966; J.S. Ackerman, P.s Villas, Locust Valley 1967; Centro internaz. di studi di archit. A.P. (Ed.), Corpus Palladianum, 8 Bde., Vi. 1968-1973; R.Wittkower, Grundlagen der Archit. im Zeitalter des Humanismus, M. 1969; J.S.Ackerman, P., St. 1980; D.Howard, J. of the Soc. of Archit. Historians 13:1980(3)224-241 (Lit. bis 1980); R.Wittkower, P. and English Palladianism, Lo. 1983; Centro internaz. di studi di archit. A.P. (Ed.), Novum corpus Palladianum, Mi. 1988; P.Holberton, P.s Villas: Life in the Renaiss. countryside, Lo. 1990; F.Barbieri, Archit. Palladiane, Vi. 1992; B.Boucher, A.P. The Architect in his time, Lo. 1994; G.Giaconi/K.Williams, The Villas of P., N.Y. 2003; T.Cooper, P.s Venice, New Haven 2005; G.Barbieri u.a. (Ed.), P.: 1508-2008. Il simposio del cinquecentenario, Ve. 2008; H.Burns/G.Beltramini (Ed.), P., Ve. 2008 (Lit.); G.Beltramini, P. Lebensspuren, B. 2009 (Lit. zur Biogr.); A.Beyer, A.P.: Teatro Olimpico, B. 2009; D.Savoy, J. of the Soc. of Archit. Historians 71:2012(2)204-225; H.Rich/G.Beltramin u.a., Palladian Design, Lo. 2015; G.Blum, Fenestra prospectiva, B. 2015 (Lit.); W.Nerdinger, Archit. in Deutschland im 20.Jh., M. 2023
Palladio, Andrea, ital. Architekt, * Vicenza 30.11.1508, † Vicenza 19. 8.1580, begr. wahrscheinlich in S. Corona ebda. Leben. Als Geburtsjahr oft 1518 angegeben auf Grund eines von B. Licinio 1541 gemalten Bildnisses, auf dem P. 23 Jahre alt gen. wird. Doch stimmen 3 Urkunden nur zum Jahr 1508, das auch von P. Gualdo, dem ältesten u. verlässigsten Biographen P.s, angegeben ist: 1. wird P. eingetragen bei der Steinmetz- u. Maurerzunft in Vicenza 1524 als Andrea di Piero da Padova; 2. Heiratskontrakt mit Allegradonna figlia di Marcantonio Marangon v. 1534; 3. ein Notariatsakt mit Zeugenschaft Psv. J. 1528. In diesen Urkunden erscheinen immer nur der Vorname u. 163 110 Palladio der des Vaters, der Name Palladio ist bestimmt kein Familienname, sondern ein von Pallas, der Göttin der Kunst u. Weisheit, abgeleiteter Humanistennarne, den er erst seit 1540 führt. P. war Lehrling bei Giov. di Giacomo u. Girol. Pironi. Um 1536 arbeitete er als Steinmetz bei einem Villenumbau in Cricoli; der Bauherr, Giangiorgio Trissino, Dichter u. begeisterter Bewunderer des Altertums, ließ ihm eine höhere Ausbildung in der antiken Literatur u. allen Zweigen der Baukunst zukommen. 1540/41 nahm er ihn mit nach Rom zum Studium der alten Bauten. Um 1544, 1546 u. 1550 wiederholen sich diese Studienreisen, an denen auch and. vornehme Humanisten aus Vicenza teilnehmen, doch herrscht über die Zahl, Dauer u. Zeit dieser Reisen keine volle Übereinstimmung. Neben Trissino hat auch Graf Giacomo Angarano, dem P. später die beiden ersten Bücher seines Hauptwerkes widmete, ihn gefördert. Vor den 2. Romaufenthalt fallen die ersten eigenen Bauaufträge; nach diesem der Auftrag zur Basilika von seiten der Stadtgemeinde, der für P. einen Sieg über die Entwürfe der bedeutendsten Architekten Oberitaliens bedeutete. Von da ab (1550) beginnt der Aufstieg; in Venedig fängt man an ihn zu beachten, und im nächsten Jahrzehnt häufen sich die Arbeiten zu erstaunlicher Menge, im letzten Dezennium nehmen sie etwas ab. Trotzdem ist P. in bescheidenen Vermögensumständen geblieben, wohnte im Viertel S. Lucia in der Nähe des Pal. Angarano. Das sog. "Haus des Palladio" hat er nie bewohnt, auch wohl nicht entworfen. Von 4 Söhnen war der älteste, Marcantonio, Bildhauer (1560 an der Basilika beschäftigt), Orazio Jurist, Leonida Architekt u. Gehilfe des Vaters (starben beide jung um 1572), der jüngste, Silla (†1627), Erbe von P.s Nachlaß; er hat nicht als Architekt, sondern als Verwalter das Teatro Olimpico nach P.s Tod weitergeführt. (Künstler. Leiter war Scamozzi; Silla war nicht Künstler.) P.s Tochter Zenobia heiratete 1564 den Goldschmied Giov. Batt. Dalla Fede. Werke nach Gattungen in ungef. zeitl. Folge; wo kein Ortsname angegeben, ist Vicenza zu setzen. S1Ø. Gebdude: Pal. Pubblico (von P. stammt der gebräuchliche Name "Basilica"); 1496 Bauschäden am mittelalterl. Gebäude, dann Erneuerungsvorschläge von J. Sansovino 1538, Serlio 1539, G. Romano 1542, vier Entwürfe P.s 1545, Holzmodell 1546, Baubeschluß u. Beginn 1549, Vollendung 1614. Pal. Gins. u. Orazio Porto, 1552 nur vorderer Teil ausgeführt. Pal. Chierigati, vollendet nach 1580. Pal. Antonini in Udine 1556, nur der mittlere Teil von P. Pal. Marc Ant. Thiene, nur ein Viertel vollendet, das Hofobergeschoß v. Scamozzi etwas verändert ausgeführt. Pal. Valmarana 1566. Pal. Porto Barbaran 1570, später einseitig verlängert. Pal. Carlo della Torre in Verona, nur begonnen, heute fast verschwunden. Pal. Prefettizio (Loggia del Capitanio) 1571, nur 3 von 7 Achsen ausgeführt. Pal. Giulio u. Nepote Porto (Casa del Diavolo) nach 1571, wahrscheinlich von Scamozzi ausgef., 2 von den geplanten 7 Achsen. Außerdem die Entwürfe: Bischofspalast in Trient, Pal. für Giulio Capra, für Franc. u. Lud. Trissino, für Giac. Angarano, für Giov. Batt. della Torre in Verona, ein 2. Entwurf für Porto Barbaran mit großer Ordnung u. 2 Entwürfe für 3-geschossige Paläste, der eine für Venedig, der and. für Valmarana in Vicenza. Villen: V. Girol. Godi in Lonedo, 1540, erster Bau P.s. V. Tommaso Piovene in Lonedo, um 1542 beg., erst 1587 vollendet. V. Giac. Angaran bei Bassano, 1548, später ganz verändert. V. Thiene in Quinto bei Vicenza, vor 1550 beg., heute geringe Reste übrig, der größte Villenplan P.s. V. Foscari (Malcontenta) in Gambarare, 1551/61. V. Pisas bei Montagnana um 1565, nur der mittlere Teil ausgeführt. V. Pisas in Bagnolo, um 1558, später verändert. V. Cornaro in Piombino, um 1560, gut erhalten. V. Valmarana in Lisiera, gänzlich verändert. V. Mocenigo in Marocco, um 1562, nie vollendet u. zerstört. V. Barbaro in Masèr bei Bassano, 1560/70, mit Gartenanlagen u. Innenraumen gut erhalten. V. Sarego bei S. Sofia n. u. v. Verona, 1565 beg., nur teilweise ausgeführt. V. Badoer in La Frata bei Rovigo, 1565, gut erhalten. Ferner zwischen 1560 u. 1570: V. Zeno in Cessalto bei Motta di Livenza, erhalten. V. Sarraceno in Finale, erhalten. V. Repeta bei Campiglia, völlig verändert. V. Thiene in Cicogna, nie vollendet, heute verschwunden. V. Emo in Fanzolo, gut erhalten. Um 1567 wurde die berühmte V. Rotonda für Paolo Almerico beg., erst 1591 von Scamozzi fertiggestellt für Mario Capra, wobei die Kuppel gegen P.s Plan niedriger gehalten wurde. Um 1568 begann P. für die Trissini die Villa in Meledo, eine vergrößerte Variante der Rotonda, nie vollendet u. fast verschwunden. Aus ders. Zeit V. Pojana südl. v. Vicenza, verändert, V. Sarego bei Verona, zerstört, V. Rangona in Ghizzole, verschwunden. V. Caldogno bei Vicenza, Inschrift 1570. V. Muziani in Rettorgole, um 1570, heute verschwunden. Unausgeführt blieben ein großartiger Entwurf für Leonardo Mocenigo an der Brenta u. einer für Garzadore bei Vicenza. Brücken: Holzbrücke bei Vicenza, 1560 zerstört. Holzbrücke über den Cismone bei Bassano, 1567 erbaut, 1751 u. 1818 erneuert. Steinbrücke über den Guä bei Montebello, 1575, später verändert. Entwurf zur Piavebrücke bei Belluno. Mehrere großartige Entwürfe zur Rialtobrücke in Venedig im Wettbewerb mit Michelangelo, Vignola u. Sansovino, gegen 1570. Kirchen u. Klöster: Kloster Caritä in Venedig, seit 1560, nie ganz vollendet, großenteils durch Feuer zerstört. S. Giorgio Maggiore ebda, 1560 Kloster u. Kreuzgang, 1565 Kirche beg., Inneres 1580 vollendet, Fassade erst 1610 fertig. Fassade von S. Francesco della Vigna in Venedig, 1562/70. Kirche Redentore in Venedig, 1576 beg., 1592 geweiht. S. Pietro di Castello in Venedig, vielleicht von P. entworfen, von Smeraldi 1596 ausgeführt. Entwürfe für den Dom in Bergamo sind verschollen, eine Vorhalle am Santuario del Monte Berico von 1578 wurde später zerstört. Entwürfe zum Chor des Doms von Montagnana, 1565, nicht ausgef ührt. Die Kirchen Le Zitelle u. S. Lucia in Venedig, nicht sicher von P. Rundkirche bei der Villa von Masèr, in der Art des Pantheons, gegen 1580. Vier Entwürfe für die Fassade von S. Petronio in Bologna, zwischen 1570 u. 72. Festdekorationen, Theater, Verschiedenes: Straßendekoration für Einzüge in Vicenza 1542 u. 1565. Ehrenpforte in Venedig für Heinrich III. v. Frankreich, 1574. Einbau eines Theaters im Saal der Basilika in Vicenza, 1561. Desgleichen gleichzeitig in Venedig für die Compagnia Scalza, beide mit ansteigendem halbkreisförmigen Zuschauerraum, nicht als dauernde Anlagen gedacht. Das Teatro Olimpico wurde 1580 von P. begonnen, nach seinem baldigen Tode hatte Silla P. die Aufsicht, die künstler. Leitung V. Scamozzi, der das Theater für die Aufführung des König Ödipus 1585 vollendete. Die Reliefhintergründe innerhalb der Bühnenöffnungen u. das aufgemalte Velarium des Zuschauerraums sind von Scamozzi zugefügt. Ein heute verschwundenes antikes Theater in Borga bei Vicenza war die Grundlage für P.s Bühne. Erneuerungsarbeiten im Dogenpalast 1574/1580 nicht mehr nachweisbar. Entwürfe für den Pal. Pubblico in Brescia 1555 u. nach Brand 1575. Die 3 Fenster des 1. Stocks P. zugeschrieben. Zweifelhafte u. falsche Zuschreibungen: Sog. Haus des Palladio, 1566 für Notar P. Cogolo, wohl nicht von P. Pal. Trissino dal Velo d'Oro, um 1540, kaum von P. Casa Bernardo Schio, sicher nicht von P. Villa Schio in Montecchio Precalcino, 1552 im Bau, heute verfallen u. verändert, zweifelhaft. Die Villa Cerato ebda, palladianisch. Villa Porto in Vancimuglio, nach Inschrift erst 1662. Villa Muziani in Rettorgole, heute Ruine, kaum von P., ebenso die Villa Tornieri bei Vicenza. Villa Bertesina u. Villa Mohn bei Padua nicht von P. Villa Foscarini in Strä bei Padua, heute abge164 Palladio rissen, wohl von einem Nachfolger. Loggia Valmarana im Giardino Salvi in Vicenza, nicht von P. Pal. Adriano Thiene (Bonin) von Scamozzi. Der Triumphbogen in Udine u. der Arco delle Scalette am Aufgang zum Monte Berico (1595) nicht für P. belegbar. Literar. Tätigkeit u. kapstier. Nachlaß. P.s erstes Werk "Le antichità di Roma", ein Führer durch die antiken Ruinen als Frucht seiner röm. Studien, erschien erstmals 1554 in Venedig und wurde bis 1711 22 mal neu gedruckt. P.s Hauptwerk, "I quattro libri dell'architettura", erschien in 2 Abschnitten in Venedig 1570, 2. Aufl. 1581, danach unzählige Male neugedruckt u. in alle Kultursprachen übersetzt. Das 1. Buch enthält Allgemeines, Säulenordnungen u. Theorie, das 2. unter den Wohnhäusern die eigenen Werke u. Rekonstruktionen nach Vitruv, das 3. Straßen, Brücken, Stadtplätze u. Basiliken, wobei sowohl eigene Werke als auch solche nach Vitruv u. antike Aufnahmen herangezogen werden. Das 4. Buch bringt fast nur altrömische Bauten, hauptsächlich Tempel in Rom u. außerhalb Roms, dabei als einziges neueres Werk Bramantes Tempietto. Für P.s eigenes Schaffen u. für die Altertumsforschung ist das Buch eine wichtige Quelle; die zahlreichen Holzschnittfig. sind mit genauen Maßangaben nach dem Vicentiner Fuß (35,2 cm) versehen. Das Werk sollte in weiteren Abschnitten alle antiken Gebäude umfassen, doch sind nur Vorarbeiten u. einzelne Aufnahmen dazu vorgefunden worden. Nur die röm. Thermengebäude wurden aus P.s Nachlaß von Lord Burlington u. G. Leoni 1730/32 mit neuem Kommentar veröffentlicht (Le Terme di Roma), zus. mit einer neuen gr. P.-Ausgabe. Die Schrift P.s über Polybius ist verschollen; die Zeichnungen für den Vitruvkommentar des Daniele Barbaro stammen von P.s Hand. 1575 erschien von P. ein Kommentar zu Julius Cäsar mit 42 Zeichnungen, bei dem ihm seine kurz vorher verstorb. Söhne Leonida u. Orazio geholfen hatten. Von dem Nachlaß P.s an Zeichnungen u. Entwürfen hatte Lord Burlington mit Hilfe G. Leonis alles Erreichbare gesammelt u. einiges davon veröffentlicht. Heute befinden sich etwa 250 Zeichn. in der Bibl. des R. Institute of Brit. Architects in London als der wichtigste Teil des Nachlasses, ferner 1 Band mit Notizen von Inigo Jones im Worcester College in Oxford, eine größere Anzahl in den Museen von Verona u. Vicenza und t. Fassadenentwürfe im Mus. S. Petronio in Bologna. Würdigung. Der Ausgangspunkt für P.s Kunst ist die röm. Bramanteschule; besonders eng berührt sie sich mit der Art des Sanmicheli, aber der nahe Anschluß an die röm. Antike ist ihr allein eigen. Kein Zeitgenosse hat die klassische Baukunst so genau studiert u. so folgerichtig neu verwendet wie P., soweit das einem Menschen des 16. Jahrh. möglich war. Aber der innere Abstand von der Antike, das Andenwollen des Künstlers kommt trotz einer engen äußerlichformalen Anlehnung überall zum Ausdruck. Die Tempelfronten der Villen u. Kirchen, die gewaltigen Rhythmen der Straßenwände, dienen einem malerischen Zweck, sind dem Geist der Antike fremd u. der Ausdruck einer mehr romantisch gerichteten Phantasie. Äußerlich trennt sich P. scharf von Michelangelo u. der gleichzeitigen röm. Schule, faktisch ist Ähnliches erreicht. Versucht man, P.s Stilentwicklung nach Früh-, Mittel- u. Spätzeit zu gliedern, wird man mit starken Überschneidungen rechnen müssen. Vielleicht kann man in der Frühzeit, bis etwa 1556, lockere Säulenstellungen u. breite, lässige Proportionen beobachten (Basilika), später, bis etwa 1567, straffere Geschlossenheit u. Vereinfachung. Die Rotonda u. der Pal. Valmarana stehen am Ende der Zeit der Vollreife. Die Spätzeit wird gekennzeichnet durch starke Kontraste, gedrängte Fülle u. malerische Tendenzen (Pal. Prefettizio, Il Redestore). Von Anfang an ist der Grundriß aufs strengste nach Symmetrie u. Achsen gebunden; überhaupt führt der Wille zu gebändigter Form in eine rücksichtslose Durchführung des tektonischen Grundprinzips, selbst auf Kosten der praktischen Forderungen u. der bequemen Bewohnbarkeit. Dieser auf eine pedantische Auslegung der Antike gegründete energische Formwille scheidet P.s Kunst scharf vom röm. Frühbarock. Schule u. Nachwirkung. Direkte Schüler P.s sind außer dem frühverstorbenen Sohn Leonida nicht bekannt, aber P.s Eigenart ist in der Heimat u. im ganzen östl. Oberitalien bis ins 18. Jahrh. weiter gepflegt worden. Vinc. Scamozzi, der Hauptvertreter des palladian. Stils in der Folgezeit, der viele unfertige Bauten P.s vollendete u. neue ähnliche schuf, ist zwar mehr der Schüler seines eigenen Vaters, aber die ganze humanistisch gerichtete Zeitstimmung Oberitaliens sorgte dafür, daß P.s Kunst weiterhin lebendig blieb. So kommt es, daß sehr viele Bauten, namentlich Villen Oberitaliens, die von mehr oder minder geschickten Nachahmern stammen, unter P.s Namen gehen. P. ist sicher derjenige Architekt Italiens, der die stärkste u. nachhaltigste Wirkung auf die Baukunst ganz Europas ausgeübt hat, neben u. trotz der von Rom ausgehenden barocken Stilrichtung. Der ganze sog. Klassizismus ruht auf palladianischem Grunde. Die Kenntnis der Antike ist bis zum Ende des 18. Jh. größtenteils durch P. vermittelt, er bildet die Brücke zum klassischen Ideal der Architektur. Vignola, Serlio, Alberti u. der schwer deutbare Vitruv treten ihm gegenüber zurück. Besonders England ist mit Ingo. Jones früh u. dauernd unter den Einfluß palladian. Schaffens geraten. Jones' Studienreisen, sein Verkehr mit Scamozzi, seine Villa der Königin in Greenwich sind richtunggebend auch für alle Nachfolger geworden, u. im 18. Jh. kommt eine neue Welle der Begeisterung mit dem gelehrten Architekturdilettanten Lord Burlington, der P.s Werke neu herausgibt. Die Villa Rotonda u. andere Bauten P.s, seine Brückenentwürfe wurden oft kopiert von Kent, Campbell, Caambers, Adam u. a. Die Autorität P.s ist unumstößlich in der engl. Kunstliteratur. Um 1640 unter J. van Campen schließt sich auch Holland der engl. Richtung an, hat sie aber nicht so konsequent verfolgt. In Deutschland hat sich trotz wichtiger Ansätze (Elias Hol]) der Palladianismus gegenüber dem aus Italien eindringenden Barock u. der ablehnenden Einstellung deutschen Baumeistergeistes nicht so durchsetzen können, nur hier u. dort wie in Berlin unter Friedr. d. Gr. kommt er zur Geltung. In Frankreich ist Perraults Louvrefassade (1665) u. die Gründung der Académie d'architecture 1671 mit Blondel an der Spitze eine entschiedene Wendung zum Palladianismus u. eine Absage an den röm. Barock, freilich ist diese Richtung von der franz. Architektur nicht beibehalten worden. Erst mit Soufflot, Louis u. Gabriel tritt - wohl unter engl. Einfluß - P. wieder in den Vordergrund; eine neue klassizist. Welle als Reaktion gegen das Rokoko erfaßt von hier aus ganz Europa nach Mitte des 18. Jh. Für das vermeintliche antike Schaffen der Zeit ist immer noch P. neben dem minder wichtigen Vignola die Grundlage, bis dann ein erneutes Studium der Antike u. die Entdeckung der altgriech. Baukunst die Vermittlerrolle P.s allmählich entbehrlich machten. Lit.: Monographien: Paolo Gualdo, Vita di A. P., in: Giov. Montenari, Discorso del Teatro Olimpico del P. in Vicenza, *1749. - Tom. Temanza, Vita di A. P., Ven. 1762; ders., Vite dei piü cel. arch. e. scult. ven., Ven. 1778, p. 284/408. - G. B. Giovio, Elogio di P., Pad. 1782. - A. Riga to, Osservazioni sopra P., Padua 1821. - An t. Magrini, Mem. int. la vita e le opere di A. P., Pad. 1846 (vgl. Kstblatt, 1848 Nr 11 u. 13). - R. Dohme in Kunst u. Kstler, 2. Abt. 3. Bd., 1879. - L. 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