Frei zugänglich

Patinir, Joachim

Geboren
Namur? / Dinant?, 1480 / (um) 1485
Gestorben
Antwerpen, (vor) 1524.10.05
Land
Belgien
Geschlecht
männlich
GND-ID
Weitere Namen
Patinir, Joachim; Patinier, Joachim; Patenier, Joachim; Andratta, Joaquin?; Pateniers, Joachim; Andratta, Joaquin (Irrtümlicher Name)
Berufe
Landschaftsmaler*in; Zeichner*in
Wirkungsorte
Flandern, Antwerpen
Zur Karte
Von
Hiery, Katharina
Zuletzt geändert
20.12.2023
Veröffentlicht in
AKL XCIV, 2017, 419; ThB XXVI, 1932, 292 s

VITAZEILE

Patinir (Patinier, Patenier), Joachim, südniederl. Landschaftsmaler, Zeichner, *um 1480/85 Dinant oder Namur, †vor 5.10.1524 Antwerpen.

LEBEN UND WIRKEN

Von P.s Leben und Biografie ist erstaunlich wenig bekannt. Er wurde zw. 1480-85 entweder in Dinant (lt Karel van Mander) oder auf der anderen Seite des Flusses Meuse in Bouvignes (lt Francesco Guiccardini) geboren. Er war zweimal mit Frauen aus wohlhabenden Fam. verheiratet: zuerst mit Francisca Buyst, der Tochter des Malers Edward Buyst, mit der P. am 31.März 1519 (1520) ein Haus kaufte; am 5. Mai 1521 findet die Hochzeit mit Joanna Noyts statt, deren prächtige Festivitäten Albrecht Dürer in seinen Tagebüchern beschreibt (Dürer, 1956, Bd 1). Aus der erste Ehe gingen zwei Töcher hervor, eine dritte stammte aus der zweiten Ehe. Da Joanna Noyts am 5. Okt. 1524 als seine Witwe bez. wird, muss P. im Sommer oder Spätsommer des Jahres verstorben sein. Als Maler ist P. erstmals bei seinem Eintritt in die Lukasgilde Antwerpens am 1. Okt. 1515 (1516) dok., wo er bis zu seinem Tod wirkte. Davor muss er etwa zehn Jahre als Geselle in einer Wkst. gearbeitet haben. Die Vermutung, dass P. in Antwerpen in der Wkst. des Gerard David tätig war, erscheint unwahrsch., da er nicht unter den Gesellen der Antwerpener Malergilde gelistet wird. Die Tagebucheinträge von Dürers Besuchen bei P. während seiner Antwerpen-Aufenthalte 1520/21 legen außerdem nahe, dass P. eine Wkst. führte (Dürer 1956, Bd 1). Neben den Werken, die die Künstler austauschten, hat Dürer mindestens ein, viell. sogar zwei Porträts von P. gezeichnet (Dürer 1956, 172 und Wurzbach 1910, 310). Da beide Werke nicht erh. sind, ist es möglich, dass das zweite, nicht näher beschriebene Porträt eine Zchng von P.s Frau ist. Das früheste erh. Gem., das P. zweifelsfrei zugeschr. wird, ist die Lsch. mit dem Hl. Hieronymus (um 1505-10, Öl/Holz, Sign. "IOACHIM•/D/PATINIR•", Karlsruhe, SKH). Obwohl das Werk gerade im Vergleich mit späteren Werken handwerklich schlechter ausgef. ist, etwa in der Darst. und der Verkürzung des Körpers, zeigt das Bild doch, dass sich P. früh auf den für ihn bek. Darst.-Typ der Lsch. mit weitem Ausblick spezialisierte, in die eine meist christliche Ikonogr. eingebettet ist. P., der nachträglich zum ersten Lsch.-Maler stilisiert worden ist, wird schon von Zeitgen. sowie in Inv. und Beschreibungen mit dem Malen von Lsch. in Verbindung gebracht: Dürer beschreibt ihn in der berühmt gewordenen und erstmals gebrauchten Wendung als "gut landschafft mahler" (Dürer, 1956, Bd 1, 169); Domenicus Lampsonius bez. P. in seinen "Pictorum aliquot celebrium Germaniae inferioris Effigies (Anwerpen 1572) als "Maler von Feldern und Häusern Dum rura pingis et casas" und auch der Bibliothekar des Pal. El Escorial Fray José de Sigüenza nennt ihn im Ms. zu seinem "Libro tercero de la Historia de la orden de S. Jéronimo" (1605 publ.) einen Darst. "ausgezeichneter Lsch." Auch bei van Mander wird P. attestiert, eine bes. Art zu haben, Lsch. zu malen (van Mander, 1994, fol. 219r). Der Mangel an Dok. sowie die recht große Anzahl an Werken von Nachf., die P.s Darst.-Weise adaptiert haben, hat die Zuschr. und die Dat. seiner Werke erschwert. Die im 19. Jh., u.a. durch die Identifizierung mit dem Meister der weiblichen Halbporträts, angewachsenen Zuschr., wurden im 20. Jh. reduziert: 1931 legte Max Friedländer (Bd 9, 1931/Addenda Bd 14,1937) das Œuvre auf 47 Werke fest, Robert Koch reduzierte dies 1968 auf 19 Bilder. Inzwischen werden mit der sog. Patinir-Gruppe 29 Gem. P. und seiner Wkst. zugeschr. (K Madrid 2007). Die selbst unter diesen wenigen Gem. starken Schwankungen in der Qualität der Ausf. hat man in erster Linie auf die unterschiedlich starke Einbindung P.s in den Entstehungsprozess zurückgeführt: Die erste Gruppe von nur fünf signierten Werken (zwei versch. Sign.: "[O]PVS, / IO[AC]HIM./PA[TI]NIER." und "IOACHIM/D/PATINIR.") können P. eindeutig zugeschrieben werden; für die zweite Werkgruppe existieren Zchngn, die P. zugeschr. werden, sie wurden wohl unter seiner Aufsicht ausgeführt; die dritte Gruppe stammt aus der Wkst. und wurde wahrsch. ohne Beteiligung P.s aufgeführt. Ebenfalls wurde vorgeschlagen, die starken Qualitätsunterschiede als bewusste Produktionsentscheidungen zu verstehen, um einen Markt mit unterschiedlichen Käufern bedienen zu können. Da die Bilder nur unzureichend dok. sind und die nur fünf überlieferten, unsignierten und P. zugeschr. Zchngn weder Sign. noch Dat. aufweisen, sind die Dat. der Gem. nur schwer festzulegen und basieren entweder ausschließlich auf einer Stilanalyse oder werden zusätzlich durch eine techn. Analyse gestützt. Dennoch kann das Œuvre in drei Werkperioden gegliedert werden: Die frühesten Werke entstanden bis um 1516, darunter befindet sich neben der Lsch. mit dem Heiligen Antonius (um 1505/10) Die Flucht nach Ägypten (um 1516/17, Antwerpen, KMSK, 18,3x22,4cm); die zweite Entstehungsphase bis um 1520 umfasst Die Himmelfahrt Mariä (um 1517/18, Öl/Holz, Philadelphia, MoA) sowie Die Lsch. mit dem Hl.Hieronymus (um 1516-18, Öl/Holz, Paris, Louvre); die letzte Entstehungsphase bis zu P.s Tod umfasst einige seiner besten Werke, darunter Die Zerstörung von Sodom und Gomorrha (um 1521, Öl/Holz, Rotterdam, Mus. BvB), Die Taufe Christi (um 1521-24, Öl/Holz, Wien, KHM), Charon überquert den Styx, Versuchung des Hl.Antonius (Öl/Holz, 155x173cm, sign. "[O]PVS•/• IO[AC]HIM./PA[TI]NIER•", alle Madrid, Prado) sowie den Hl. Christopherus (um 1520-24, Öl/Holz, Pal. Escorial), das einzige Gem., in dem die Lsch. den techn. Untersuchungen nach zu urteilen von mehr als einem Künstler gemalt wurde. Alle P. zugeschr. Werke zeichnen sich in der Konsistenz der Komp. und der eingesetzten Bildelemente durch eine immer wieder verwendete "Bildformel" (Vergara, 2007, S.20) aus. P.s topogr. Lsch. sind meist im Querformat mit hoher Horizontlinie konstruiert, die dem Betrachter durch einen erhöhten Standpunkt den markanten Überblick über das Panorama und das Bildgeschehen gibt. Die für die Lsch. angew. Vogelperspektive erlaubt im Vordergrund eine extreme Nahansichtigkeit, im Hintergrund dagegen wird die perspektivische Konstruktion in der teleskopischen Darst. kleinster Bildelemente gebrochen; ebenso in der Wiedergabe der Staffagefiguren, Archit., Bäume etc., die sich überall im Bild frontal zum Betrachter hin orientieren. Mit der farblichen Gestaltung, bes. durch den Einsatz des Drei-Farben-Schemas, erreicht P. in der Lsch. Tiefe und trennt die versch. Bildebenen voneinander: Das im unmittelbaren Vordergrund eingesetzte Braun der Steine und Wege wird im Mittelgrund durch Schichten von Grün parallel gesetzter, sich überschneidender und nach hinten windender Hügelketten ersetzt und zunehmend verblaut, bis das Blau des Hintergrunds in einem sehr schmalen Streifen Himmel auf die erhöhte Horizontlinie trifft. Bei P. trifft im Unterschied zu den meisten der zeitgen. Darst. statt eines Gebirges oder Hügelketten oft ein Wasser auf den Horizont, beispielsweise in der Lsch. mit dem Hl. Christopherus (um 1520-24, Öl/Holz, San Lorenzo de El Escorial, El Escorial). Der Einsatz eines weißen oder hellblauen Streifens im Himmel unmittelbar über der Horizontlinie lässt den Raum noch weiter erscheinen und kreiert so in einigen Bildern die Illusion der Erdkrümmung. Bes. markant für P. ist der Einsatz kräftiger Farben, bes. Blau. Ebenso char. sind die markanten Felsformationen, die in vielen seiner Bilder, so auch in den beiden Versionen der Lsch. mit dem Hl.Hieronymus (um 1516-18, Öl/Holz, Paris, Louvre; 1517-18, Öl/Holz, Venedig, Gall. Giorggio Franchetti) zu finden sind. Obwohl die Lsch.-Darst. bei P. eine hervorgehobene Rolle spielt, steht er in der Trad. einer naturalistischen Lsch.-Darst., die schon in der Miniaturmalerei Nordfrankreichs und den Niederlanden entwickelt wurde und im 15. Jh. von zahlr. niederl. Künstlern, von Jan van Eyck bis Hugo van der Goes, weitergeführt wurde. So finden sich einige der für ihn typischen Bildelemente bei vielen and. Künstlern, etwa das Drei-Farben-Schema von Braun-Grün-Blau. Im Gegensatz allerdings zu einer Reihe von Künstlern wie Hieronymus Bosch, Gerard David oder Quentin Massys, die ebenfalls die Lsch.-Darst. oder Weltlandschafts-Darst. weiter entwickeln, professionalisierte P. das Genre in seinen "hybriden Gem." (Silver, 2006), so dass diese Bildformel der Lsch.-Darst. zu seinem Markenzeichen wurde. Diese Professionalisierung auf die Lsch.-Darst. ist in der zunehmenden Spezialisierung in der Kunstproduktion Antwerpens zu verstehen. Den Erfolg dieses Modells beschreibt van Mander in der Vita des P. und wird außerdem durch die vielen Künstler illustriert, die sich P.s Modell der Lsch.-Gem. in der Folge zu Eigen machten, darunter Herri met de Bles, Lucas Gassel oder Jan van Amstel. Bei mehreren der Gem., an denen P. direkt beteiligt ist, kollaboriert er mit and. Künstlern, die die zentralen Figuren beigesteuert haben: In der Ruhe auf der Flucht (um 1515, Öl/Holz, Berlin, GG) sind die sitzende Madonna und das Kind wahrsch. durch einen Künstler aus Joos van Cleves Wkst. gemalt worden; so auch in dem großen Gem. mit der Versuchung des Hl.Antonius (Öl/Holz, 155x173cm, sign. "[O]PVS•/• IO[AC]HIM./PA[TI]NIER•", Madrid, Prado), in dem Quentin Massys (1465) für die zentrale Figurengruppe des Hl. Antonius mit den im zeitgen. Kostüm dargestellten Frauen verantwortlich war. Auch wenn es keine überlieferten Beispiele gibt, macht es dies wahrsch., dass auch P. als Spezialist für Lsch. an Gem. and. Künstler beteiligt war, möglicherweise für Joos van Cleve, mit dem van Mander eine Zusammenarbeit beschreibt, oder wiederum mit Massys. Eines der Hw. ist das in P.s späte Schaffenszeit fallende Gem. Charon überquert den Styx (um 1520-24, Öl/Lw. 65x103cm, Madrid, Prado) und ist bes. wegen seiner unüblichen Ikonogr. bemerkenswert, zu der es keinen bek. Vorläufer gibt. In der Darst. des Charon, der eine Seele über den Fluss Styx geleitet, gibt P. das in Vergils Aeneis beschriebene Thema wieder und kombiniert es mit christlichen Inhalten: Auf der rechten Seite stellt P. hinter einem von Wiesen und Wäldern begrünten Ufer den von Zerberus bewachten Höllenschlund dar, auf der linken Seite erstreckt sich statt der elysischen Felder hinter einem felsigen Ufer das von Engeln und guten Seelen bevölkerte Paradies. Die Verbindung des antiken Themas mit christlicher Symbolik macht das Gem. zu einem Sinnbild für die Entscheidung der Seele, die zw. dem leicht oder schwer erklimmbaren Ufer, also einem angenehmen oder beschwerlichen Lebensweg wählen muss und dadurch auch über ihr jenseitiges Schicksal in Himmel oder Hölle entscheidet. In den Details des Paradieses und der Hölle, in der düsteren Stimmung, der dramatischen Farbwahl und ganz bes. in der Darst. der Glasarchitektur werden die Bezüge zu Hieronymus Bosch, insbes. zum "Garten der Lüste" deutlich. Der mythologische Inhalt des Bildes macht es wahrsch., dass dieses Gem. als Kabinettbild für einen humanistisch interessierten Auftraggeber entstand, der ihn wohl in der Ausgestaltung des Themas anleitete. Die Deutung von P.s Gem. wird in der Forsch. zw. relig. und sybolisch angelegten Welt-Lsch. für die Andacht des Betrachters einerseits und einem möglicherweise humanistisch motivierten Interesse an natürlichen Phänomenen andererseits verhandelt. Reindert Falkenburg zufolge sind die relig. Ikonogr. der meisten seiner Gem. im ges. Kontext des 15. Jh. v.a. als Anleitungen zur Meditation zu verstehen, in denen der gläubige Betrachter in der Anschauung der Welt-Lsch. über den elementaren Wettstreit zw. Gut und Böse in der Welt reflektierte, die sich in der Darst. der Welt-Lsch. spiegelt. Die Gem. werden darin als eine Allegorie auf die Pilgerschaft des Lebens verstanden, in denen jedes kleine Detail als "disguised symbolism" (E.Panofsky) die Facette eines Glaubensinhalts thematisiert und in dem der Betrachter, jedes winzig ausgeführte Detail wahrnehmend, mit den Augen über die Welt-Lsch. wandert. So werden in der Lsch. mit der Flucht nach Ägypten (um 1516/17, 18,3x22,4cm, Antwerpen, KMSK) im Mittelgrund in kleinsten Szenen Details aus der Hll.-Legende illustriert, wie die Befragung der Bauern durch die Häscher des Herodes und das Kornwunder, oder das stürzende Idol im linken oberen Bildfeld, das auf den Moment der Ankunft der Hl. Fam. in Ägypten verweist. Andererseits zeigen die Beschreibungen durch Zeitgen. wie Filipe de Guevara, der eine heute nicht mehr erh. Darst. eines Sturms beschreibt, dass die Gem. gleichzeitig ein humanistisches Interesse befriedigten, wie es in der Wahl des Bildthemas, wie z.B. in Charon überquert den Styx aus Vergils Aeneis offensichtlich wird. Für seine Darst. der Natur wurde P. häufig mit einem frühen Naturalismus in Verbindung gebracht. Ein Beispiel sind die markanten und sehr ähnlichen Felsformationen, die in einigen der Werke zu sehen sind, und für die man angenommen hat, dass diese auf der Basis von Zchngn nach der Natur entstanden sind. Man hat zwar erfolgreich Vorbilder in Felsen aus der Gegend um Dinant finden können, z.B. den La Roche à Chandelle am Ufer der Lesse oder den Rocher Bayard in Dinant, dennoch fanden sie stets in veränderter Form Eingang in P.s Bilder. Zudem muss betont werden, dass die Wiedergabe der Natur nicht mit einem naturalistischen Fokus, sondern stark formalisiert umgesetzt worden ist, in dem beispielsweise die Schattierung der Bäume, Sträucher und Felsen oft inkonsistent sind. Von den Gem. sind keine Aufträge überliefert, dennoch scheint der Großteil der Bilder für priv. Auftraggeber oder Käufer, in der Mehrzahl wohlhabende Kaufleute, die in Antwerpen Handel betrieben, produziert worden zu sein. Einer der wichtigsten Sammler muss der Augburger Kaufmann Lucas Rem gewesen sein, denn auf insgesamt vier Bildern ist das Wappen Rems aufgetragen worden, darunter die Tafel mit der Himmelfahrt Mariä (um 1517/18, Öl/Holz, Philadelphia, MoA), eines der Hw. P.s. Die geringe Anzahl der von P. produzierten Werke und die vielen Tafeln, die sich E. 16. Jh. in kgl. Besitz wiederfinden, hat Anlass zu der Überlegung gegeben, dass P. von A. an relativ wenige Werke von hoher Qualität für eine elitäre Käuferschaft produziert hat. Dass P.s Gem. definitiv eine hohe Wertschätzung erfahren haben, spiegelt sich in den Überlieferungen: Felipe de Guevara, der als Mitgl. des Hofs Karls V. ein weiterer wichtiger Sammler P.s Werke gewesen zu sein scheint, beschreibt einige der Bilder in seinem Besitz und lobt P. neben Jan van Eyck und Rogier van der Weyden als einen der bedeutendsten niederl. Maler. So hat auch der Antwerpener Stadtsekretär Adrian Herbouts, einer der Auftraggeber P.s, Dürer als Zeichen der Anerkennung ein kleine Tafel von P. mit der Darst. von Lot und seinen Töchtern (nicht erh.) vermacht. - Mit der Bez. P.s als "gut landschafft mahler" in Dürers Tagebüchern (Dürer, 1956, 169), die als erste Nennung dieses Begriffs überhaupt gilt, wird P. in der Folge zum Erfinder der autonomen Lsch. stilisiert. Dabei ist keines seiner Bilder als autonome Lsch.-Darst. angelegt, sondern dient wie bei ähnlichen Gem. seiner Zeitgen. wie Albrecht Altdorfer, stets als Grundlage einer Ikonografie. (Koch, 1968, 66). In der Wiedergabe der Lsch. steht P. dabei in der Trad. einer detaillierten, naturalistischen Lsch.-Darst. in Nordfrankreich und den Niederlanden, die erst in der Miniaturmalerei betrieben wurde, dann von einer Reihe von Künstlern wie Jan van Eyck, Robert Campin, Hieronymus Bosch, Gerard David, die sich ebenfalls die Lsch.-Darst. oder Weltlandschafts-Darst. beschäftigten. Allerdings professionalisierte P. im Gegensatz zu seinen Vorgängern das Genre Lsch. in seinen "hybriden Gem." (Silver, 2006) und machte diese Darst.-Form zu seinem Markenzeichen. Die Vielzahl an Werken, die nach P.s Modell des Lsch.-Gem. entworfen wurden, ihm aber nicht zugeschr. werden können, illustrieren den Erfolg, den P. mit seinen Bildern erfuhr. P.s Darst. stehen ebenso in der Trad. ma. kartografischer Welt-Darst. und ihrer Form der Weltaneignung, welche das Panorama von einem erhöhten Standpunkt erfasst; gleichzeitig sprechen seine Darst. auch ein frühneuzeitliches, auf naturalistische Phänomene gerichtetes Interesse an. Damit trug P. zur Wertschätzung der Lsch. als autonomen Bildinhalt bei.

WERKE

Antwerpen, Koninkl. MSK. Mus. Mayer van den Bergh. Berlin, GG. Brüssel, MRBAB, Mus. d'Art ancien. Brüssel, Mus. Oldmasters. Genf, Coll. Jean Bonna. Karlsruhe, SKH. London, NG. Madrid, Prado. - Mus. Thyssen-Bornemisza. Minneapolis, Inst. of Arts. Paris, Louvre. Philadelphia, Johnson Coll. Rotterdam, BvB. San Lorenzo De El Escorial, El Escorial. s'Hertogenbosch, Noordbrabants Mus. Stockholm, NM. Wien, KHM. - Albertina. Zürich, Kunsthaus.

AUSSTELLUNGEN

Einzelausstellungen:

2007 Madrid, Prado (WV und Cat. raisonné, zahlr. Beitr., Lit., Urk.). -

 

Gruppenausstellungen:

1955 London, NG: Early Netherlandish School (K) / 1990 Tokio, NM of Western Art: Brueghel and the Netherlandish landscape painting from the NG Prague (K) / 2001 's-Hertogenbosch, Noordbrabants Mus.: Panorama op de wereld (K, Lit.) / 2004 Antwerpen, Koninkl. MSK (K): De uitvinding van het landschap, van P. tot Rubens.

 

QUELLEN

Thieme-Becker, Vollmer und AKL:

ThB1, 1907; ThB26, 1932

 

Weitere Lexika:

Bauer, GEM VI, 1978; DPB II, 1995; DA XXIV, 1996

 

Gedruckte Nachweise:

L.Guicciardini, Descrittione di tutti i Paesi Bassi, Anversa 1567; K.van Mander, Het Schilderboek, Haarlem 1604, ed. v. H.Mediema, Bd 1 und 3, Doornspijk 1994/1996; J.von Sandrart, Der Teuschen Acad. zweyter Theil, Nü. 1675; M.Rooses, Gesch. der Malerschule Antwerpens, M. 1889; L.Baldass, Wiener Jahrbuch 34:1918, 111ss; M.J. Friedländer, Die alt-niederl. Malerei, Bd 9, s.l. 1931/1934; id., ibid., Bd. 14 (als Meister der Halbporträts), s.l. 1937; id., Essays über die Lsch.-Malerei, D.H. 1947; A.Dürer, Schriftlicher Nachlass, ed. v. H.Rupprich, Bd 1, s.l. 1956; R.A. Koch, J.P., Princeton, N.J. 1968 (Lit., WV); A.Piron, J. Le P., Henri Blès, Gembloux 1971; D.Zinke, P.s Welt-Lsch., Ffm. 1977; R.L. Falkenburg, J.P., Am./Ph. 1985; W.S. Gibson, Mirrow of the earth, Princeton 1989; C.White, Dutch, Flemish, and German paint. before 1900, Ox. 1999 (Ashmolean Mus. Oxford, Cat. of the coll. of paint., 1); M.Papenbrock, Lsch. des Exils. Gillis van Coninxloo und die Frankenthaler Maler, Köln u.a. 2001; L.Silver, Peasant scenes and landscapes, Ph. 2006; A.Vergara, in: P., Essays and critical cat. (K Prado), Madrid 2007; M.P.J. Martens, in: ibid (biogr. Dok.); M.P.J. Martens/S.Blasco, in: A.Vergara, P., Essays and critical cat. (K Prado), Madrid 2007 (Anhang mit archiv. Mat.); A.Vergara, in: S.Schroth (Ed.), Art in Spain and the hispanic world, Lo. 2010

 

Archive:

Antwerpen, Arch. Koninklijke Acad. voor Schone Kunsten, Oud Arch., Liggeren van de Sind-Lucasgilde, 1453-1616, n° 70 (3); Antwerpen, Stads-Arch. (S.A.A.), Schepenregisters; Antwerpen, S.A.A., Weeskamer

 


THIEME-BECKER

Patenier (Patinier, Patinir), Joachim, niederl. Landschaftsmaler aus Bouvignes (laut van Mander aus Dinant), 1515 Freimeister in Antwerpen, † ebda 5. 10. 1524. Geburtsjahr um 1475/80 anzusetzen. Vermutlich Onkel des Henri Patenier, der jedenfalls identisch mit Henri met de Bles (s. d.) ist. Angeregt durch Hier. Bosch, Gerard David und Quentin Massys, zu welch letzterem P. in engen freundschaftl. Beziehungen gestanden hat. Arbeitete gemeinsam mit Massys (Versuchung d. Hl. Antonius im Prado zu Madrid) und wahrscheinl. auch mit Joos van Cleve (Kreuzigungstriptychon im Mus. Neapel, Mad. m. d. Hl. Dominikus im Louvre, Hl. Hieronymus i. d. Slg Holzapfel) u. Adr. Isenbrant (Hl. Familie auf d. Flucht, i. d. Staatsgal. Wien), in deren Bilder er die Landschaftsgründe malte; umgekehrt ist anzunehmen, daß die Figuren in P.s Bildern in vielen Fällen von anderer Hand herrühren. Für die Zeit vor 1515 sind wir lediglich auf Vermutungen angewiesen : Friedländer nimmt Aufenthalt in Brügge, Hoogewerff Schülerschaft bei Gerard David u. einen Aufenthalt mit diesem in Genua (um 1512/15) an. Nur 3 bez. Bilder bekannt: Taufe Christi, Staatsgal. Wien; Hl. Familie auf der Flucht, Mus. Antwerpen; Hl. Hieronymus, Gal. Karlsruhe. Die wichtigsten stilistisch gesicherten Werke P.s sind: im Prado, Madrid: Maria mit dem Kind auf der Flucht (Abb. bei Friedl. Taf. 95), Hl. Hieronymus (desgl. Taf. 97), Die Unterwelt (desgl. Taf. 103) und die bereits erwähnte, gemeinsam mit Massys gemalte Versuchung des Hl. Antonius. Im Escorial ein Hl. Christoph (Abb. Friedl. Taf. 100), dessen Figur vielleicht auf eine Dürer-Zeichnung zuruckgeht. (Dürer hatte bei seinem Besuch in Antwerpen 1521 P. ein Blatt mit 4 Christophfiguren geschenkt; das von Dürer damals gezeichnete Bildnis P.s ist verschollen.) Im Louvre ein gr. Bild: Hl. Hieronymus (Abb. Friedl. Taf. 99; kleine Replik in der Cà d'Oro, Venedig); kleine Tafel glei chen Gegenstandes, an das Louvrebild sich anlehnend, in d. Sig Duensing, Boizenburg (Abb. Friedl. Tal. 98; wenig veränderte Repliken im Mus. Elberfeld u. i. d. Slg Oppenheimer, London [hier nur Wiederholung der linken Bildhälfte]). In der Sig von Kaufmann-Berlin ein Flügelaltar: in der Mitte: Hl. Familie auf der Flucht, 1. Joh. d. T., r. Papst Cornelius (1904 durch Brand stark beschädigt). In der SIg Schlayer in Madrid eine Kreuzigung Christi (Abb. bei Friedl. Taf. 92). In der Slg Castellino in Neapel eine Landschaf † mi † dem Hl. Hieronymus (Abb. Hoogewerff, 1928). Das Bilder-Verzeichnis bei Friedländer (1931) beschreibt 40 Nummern. Nicht berücksichtigt bei Friedl. sind folg. Zuschreibungen: Landschaft mit dem Tode des ungehorsamen Propheten, Gal. Borghese, Rom (Hoogewerff 1928). Maria mit d. Kinde auf der Flucht, Mus. Filangieri, Neapel; Schulwerk (Hoogewerf †1928). Flußlandschaft, Nat. Gall. London (vgl. R. Frey in The Burlington Magaz., 50 [1927] 137, m. Taf.; im Kat. 1928 mit unter mehreren Schulwerken aufgeführt). Hl. Familie auf der Flucht, Privatbes. Brüna (Alte Meister aus mähr. Privatbes., Ausst. Mähr. Kstver. in Brünn, 1925). Das Bild: Predigt Joh. d. T. (Friedl. Verz. E Nr 220) seit 1928 als Leihgabe R. L. Taylor im Pennsylv. Mus. in Philadelphia ausgestellt. Getuschte Federzeichn., Legende des Hl. Christophorus, im Louvre (veröff~ntl. von Baldass in Mitteil. d. Gesellsch. f. vervielf. Kst [Beil. d. Graph. Kste], 1928 p. 23). Weitere Zeichn. u. Skizzenbücher (Zuschreib.) im Berliner Kab. (vgl. Kat. der niederl. Handzeichn. des Berl. Kupferstichkab., 1930; dazu F. Lugt in Jahrb. d. preuß. Kstslgn, 52 [1931] 40), i. d. Brüsseler Bibl. Roy. (P. Bautier, Un album de dessins attr. à J. P., in: Bull. des Musées roy. du Cinquanten., 11 [1912] 36) u. i. d. Wiener Albertina (Meder, Handzeichn. alter Mster a. d. Albert.; vgl. auch Meder, Die Handzeichn., 1919). P. hat zwar das Landschaftsfach als erster methodisch gepflegt, aber er ist nicht der eigentliche Begründer desselben, das viel älter ist und bis auf die Eyck zurückgeht. Auch gibt es unter den gesicherten Arbeiten keine reinen Landschaften in sein. Werk, er verwendet vielmehr stets figürí. Staffage, die freilich in ihrer formalen Bedeutung meist weit hinter dem landschaftl. Teil in seinen Bildern zurücktritt. Aber auch Ausnahmen (Taufe Christi in Wien). Das Kompositionelle seiner Landschaften sehr phantasievoll (die Unterwelt im Prado, die einzelnen Versionen des Hieronymus in der Wüste und des Hl. Christophorus), das Geologische und Botanische scharf charakterisiert. Die in horizontalen Streifen nach der Tiefe zu gegliederten Landschaftsgründe weisen in der Färbung 3 Grundtöne auf: der Vordergrund braun, der Mittelgrund grün, die Ferne blau, aber innerhalb dieser 3 Haupttöne außerordentliche Fülle von Tonnüancen. Lit.: Sandrart, Teutsche Acad., Ausg. Peltzer, 1925. - Van Mander, Het Leven, Ausg. Floerke, 1906. - J. Helbig in Revue de l'art chrétien, 1900 p. 464ff.; ders., L'Art mosan, I (1908) 138ff.; ders. in Biogr. Nat. de Belg., 16 (1901) 679/89. - A. v. Wurzbach, Niederl. Kstlerlex., 2 (1910), m. Werkverz.(überholt)u.Lit.; 3(1911). -Fierens-Gevaert, Les Prima. Flamands, 3(1910).-G. J. Hoogewerff, Nederl. Schilders in Italie in de 16e eeuw (Utrechtsehe Bijdragen etc. Bd. 5), Utr. 1912. - M. J. Friedländer, Von Eyck bis Bruegel, Berl. 1916. - F. Winkler, Die Altniederl. Malerei, Berl. 1924. - J. Friedländer, Die Altniederl. Malerei, 9 (1931), mit vollständ. Werkverz. - Bull. de la Soc. d'hist. etc. de Gand, 14 (1906) 422/35 (Maeterlinck, Les collaborai. de J. P.). - Monatsh. f. Kstwiss., 7 (1914) 43/47 (Fred C. Willis). - Bull. of the Inst. of Arts Minneapolis, Nov. 1914. - Archiv f. Kstgesch., herausg. v. Hadeln, Voss u. Bernath, 2 (1915) Taf. 157. - Bull. of the Metropol. Mus. New York, 11 (1916) 129f. - Jahrb. d. ksthist. Slgn d. Allerh. Kaiserh., 34 (1918) 111ff. (L. Baldass). - Art in America, 7 (1919) 43ff. (Landsch. im Metropol. Mus. New York). - Mededeel. v. het Nederl. Hist. Inst. te Rome, 1 (1921) 28, 29f.; 2 (1922) 132, 133. - L'Art et les Artistes, N. S. 6 (1922/23) 85/92 (J. L. Vaudoyer). - Beaux-Arts, 2 (1924) 55f. (L. Demonts über den Hl. Hieronymus des Louvre). - Onze Kunst, 43 (1926) 1/26 (G. J. Hoogewerff, J. P. in Italie). - Jahrb. d. ksthist. Smlgn in Wien, N. S. I (1926) 120f. - Zeitschr. f. bild. Kst, 61 Jg. (1927/28) 92ff. (L. Baldass). - La Revue d'art (Antwerp.), 29 (1928) 117/34 (G. J. Hoogewerff, J. P. in Italie). - P. Ganz, Meisterwerke d. öff. Kstslg. Basel (Bd. 10 d. Meisterw. bed. Gal. Europas), Münch. 1924. - Ausstell.-Kataloge: Expos. de Charleroi 1911. Groupe d. B.-Arts. Les Arts ane. du Hainaut. Conférences. Brüssel 1911, p. 131ff. (Fierens-Gevaert); Cat. gén. Peint. p. 81 ff. - Expos. L'Art ane. au Pays de Liege, Paris 1924, p. 34, 74. - Ausst. Gem. ält. Meister aus Berl. Bes., Berlin 1925. - Expos. rétr. Paysage Flam.16./I8. s., Brüssel 1926.-Ausst. Das Fläm. Landschaftsbild 16./17. Jh., Berlin 1927. - Exhib. of Fleraish and Belg. Art, London 1927. - Tentoonst. Oude Kunst, Amsterdam 1929, p. 31 (m. Abb.). - Ausst. alter Malerei aus Privatbes. veranst. z. 100- Jahrfeier d. Kstver. f. d. Rheinlande u. Westf., Düsseldorf 1929. - Sammlungs-Kataloge: Expos. Coll. Goudstikker, Amsterd. 1929 Nr 29 m. Taf. - Versteig.-Kat. SIg Cremer, verst. bei Wertheimer, Berlin 29. 5. 1929, p. 60 m. Taf. - Verst.-Kat. Slg E. Simon, verst. bei Cassirer u.Helbing, Berlin 5./9.10.1929, Teil I p. 62. - A. Graves, A Cent. of Loan Exhib., Lo. 1913/15, II u. IV. H. V.