Frei zugänglich

Uecker, Günther

Geboren
Wendorf (Mecklenburg), 13. März 1930
Land
Deutschland
Geschlecht
männlich
GND-ID
Weitere Namen
Uecker, Günther
Berufe
Maler*in; Objektkünstler*in; Bildhauer*in; Grafiker*in; Installationskünstler*in; Zeichner*in; Performancekünstler*in; Bühnenbildner*in; Aktionskünstler*in; Fotograf*in
Wirkungsorte
Düsseldorf, Düsseldorf-Oberkassel
Zur Karte
Von
Bartz, Jürgen
Zuletzt geändert
29.08.2025
Veröffentlicht in
AKL CXI, 2021, 151; Vollmer VI, 1962, 456

VITAZEILE

Uecker, Günther, dt. Bildhauer, Maler, Zeichner, Grafiker, Objekt-, Installations-, Aktions- und Performancekünstler, Bühnenbildner, Fotograf, Dichter, *13.3.1930 Wendorf/Meckl., lebt in Düsseldorf. In erster Ehe verh. mit der Bildhauerin Ilse Hardung (*1932, †2017), Vater von Marcel Hardung, Bruder von Rotraut (1938), Schwager von Yves Klein, Onkel von Yves Amu (Armand Marie) Klein (*1962).

LEBEN UND WIRKEN

Nach Lehre als Anstreicher und Schreiner Stud. (1951-52) an der FS in Lübs b. Neukloster, der FS für angew. Kunst in Wismar und an der KHS Berlin-Weißensee (Malerei). 1953 wird U. der KHS verwiesen; nach dem Volksaufstand am 17. Juni 1953 verlässt er die DDR und geht nach Westberlin, 1955 flieht er nach West-Deutschland. 1955-57 Stud. an der KA Düsseldorf als Meisterschüler bei Otto Pankok, dessen antifaschistische, pazifistische Kunst ein frühes Vorbild ist. Freundschaft u.a. mit Gotthard Graubner, Konrad Lueg, Gerhard Richter und Sigmar Polke. Auf einer Reise nach Südfrankreich 1956 lernt er, neben Jean Cocteau und Pablo Picasso, u.a. Martial Raysse und Yves Klein kennen, die zu wichtigen Bezugspersonen und engen Freunden werden. Später kommen weitere bed. Vertreter des Nouveau Réalisme und der Fluxus-Bewegung dazu, u.a. Jean Tinguely, Daniel Spoerri, Christo (1935) und Ben Vautier (1935) sowie der Wegbereiter der Konzeptkunst Piero Manzoni, der seit 1959 Kontakte zw. der Düsseldorfer und der Mailänder Kunstszene herstellt. In Düsseldorf-Oberkassel bezieht U. 1957 eine große Scheune als Atelier, die zum Treffpunkt der Düsseldorfer Avantgarde wird. Durch Gemeinschaftsausstellungen im europ. und außereuropäischen Ausland entsteht bereits E. der 1950er Jahre ein internat. Netzwerk von Künstlern, Galeristen, Kritikern, Architekten und Intellektuellen. 1958 wird U. durch das DDR-Regime amnestiert, was ihm Ausst. in Dresden und im Neuen Mus. in Ostberlin ermöglicht. 1960 hat er seine erste Einzelausstellung in der Gal. Schmela in Düsseldorf. 1961 wird er Mitgl. der von Heinz Mack und Otto Piene 1958 gegr. Künstlergruppe ZERO. 1964 Aufenthalt, 1966 Atelier in New York und Zusammenarbeit mit Willoughby Sharp. 1968-83 und 2015 (anlässlich der Retr. in Düsseldorf, KH) Herausgabe der eig. U.-Ztg. 1974-95 Prof. für Bildhauerei an der KA Düsseldorf. 1985 Gastprofessor an der Internat. Sommer-Akad. für Bild. Kunst in Salzburg. 2008 Gründung der ZERO Found., zus. mit Mack, Piene und der Stiftung Mus. Kunstpalast. 2015 erhält die Landesbibliothek Meckl.-Vorpommern in Schwerin den Namenszusatz G.U. 2020 wird in Schwerin das G.U. Forschungsinstitut eingeweiht, das u.a. Stip. an junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vergibt. Ein WV (Forschungsprojekt Düsseldorf, KS NRW [beg.], ab 2018 Dresden, SKS, zus. mit dem U.-Arch. Düsseldorf) soll ab 2020 erscheinen. - U. zählt zu den bekanntesten und renommiertesten dt. Gegenwartskünstlern und gilt als Klassiker der internat. Kunst nach 1945. In seinem Werk spielen Strukturen, Licht und Bewegung sowie Materialität und Immaterialität eine zentrale Rolle. Das Œuvre aus Werkgruppen, Ser. und Zyklen zeichnet sich durch ein spannungsreiches Zusammenspiel von Kontemplation und kalkulierter Ordnung auf der einen und Spontaneität, Vitalität, Dynamik und spielerischem Chaos auf der and. Seite aus. Von A. an spürt der atheistisch erzogene, konfessionslose U. darin auch ges., politischen, ökologischen und ethischen Missständen nach, thematisiert die existenzielle Bedrohung von Mensch und Natur und möchte mit seiner oft widerständigen Kunst zum Nachdenken anregen. Ab den späten 1950er Jahren findet er mit den Nagel-Struktur-Bildern und -Objekten zu seiner unverwechselbaren bildnerischen Sprache. Tafelbilder und Gegenstände jeglicher Art transformiert er durch Benageln in artifizielle Objekte. Auch wenn der Nagel in der öff. Wahrnehmung früh zu seinem Markenzeichen wird, zeigt sein äußerst umfangreiches Œuvre unterschiedlichste Facetten. Es umfasst Zchngn, Aqu., Gem., Druckgrafiken und Prägedrucke, Objekte, Reliefs, Skulpturen, Licht- und Klangmaschinen, Bücher und Filme sowie Aktionen und Performances und teils raumgreifende, mon. Installationen. Zu seinen bevorzugten Werkzeugen gehören Hammer und Axt. Als Mat. dienen neben Nägeln und Farbe v.a. Alltagsgegenstände und Fundstücke wie Hölzer, Latten, Bindfäden, Seile, Textilien und Naturmaterialien wie Steine, Erde, Sand und Asche. Farbe setzt U. meist sparsam ein (eine Ausnahme bilden die Aqu. und eine R. von Druckgrafiken). Auf ausgedehnten Reisen, auch mit längeren Aufenthalten in versch. Ländern auf allen Kontinenten, erkundet U. and. Kulturen und Riten und lässt diese Erfahrungen in seine Kunst einfließen. In Schr., Gedichten, Notizen, Sprechstücken, in der Herausgabe von (Künstler-)Büchern sowie in seinen oft großen Schriftbildern schlägt sich U.s Interesse an Prosa, Lyrik und Phil. nieder. Seine Affinität zur Welt des Klangs und der Musik lässt ihn Partituren, Klangobjekte und -aktionen entwickeln und führt ab den 1970er Jahren zu einer R. von Bühnen-, Opern- und Kostümausstattungen für klassische wie zeitgen. Stücke (u.a. für Nikolaus Lehnhoffs Neuinszenierung von Ludwig van Beethovens Fidelio, Bremen 1973, und für Götz Friedrichs Inszenierungen von Richard Wagners Opern Parsifal [Stuttgart 1976], Lohengrin [Bayreuth 1979] und Tristan und Isolde [Stuttgart 1981] sowie von Hans Werner Henzes Die Bassariden [1989 ebd.]). 1964, '68 und '77 nimmt U. an der documenta in Kassel teil (alle K). 1970 vertritt er zus. mit Thomas Lenk, Mack und Georg Karl Pfahler die Bundesrepublik auf der Bienn. von Venedig (K). 1988 stellt er als erster westlicher Künstler im Moskauer Zentralen Künstlerhaus am Krimwall aus (K), wo er 820 Werke präsentiert. 2006 zeigt er 600 Arbeiten in der TAFA KH in Tianjin in China (K), und 2007 ist die Ausst. "Brief an Peking" ebd. im NAMOC, Beijing, zu sehen (K). - U.s Werk wurzelt tief in seiner Kindheit und Jugend, die er in einfachen, bäuerlichen Verhältnissen auf der Ostsee-Halbinsel Wustrow verlebt. Die elementaren Eindrücke der dortigen Lsch. und Natur prägen ihn nachhaltig und sind bis heute wesentliche Quellen seiner Inspiration. Auch die Erfahrungen des 2. WK finden in zahlr. Werkkomplexen ihren Ausdruck. Als bei Kriegsende die russ. Armee Wustrow erreicht, vernagelt der 14-jährige U., um Mutter und Schwestern zu schützen, das Innere des gesamten Hauses mit Brettern und Holzplatten, was später in Form von Übernagelungen in seine Kunst einfließt. Ein weiteres traumatisches Schlüsselerlebnis ist das Verscharren von an Land gespülten, verwesten Leichen, wozu ihn sowjetische Besatzungssoldaten zwingen. 65 Jahre später thematisiert er dies mit den Wustrower Tüchern. Seit 2010 legt er an jener Stelle auf der Halbinsel Baumwolltücher auf den Sand und fertigt große (Gedenk-)Bilder an (Kreide/Lw., jeweils 2 x 4 Meter). Ein 50-minütiger Film dokumentiert das Entstehen dieses Zyklus, den U. auch in Beziehung zu afrikanischen Flüchtlingen der Gegenwart setzt. Vor dem Hintergrund solcher Erlebnisse erklärt sich U.s Aussage "Die Quellen meiner Kunst sind außerhalb der Kunst" (zit. Frankfurter Rundschau, 12.3.2020, "G.U. zum 90."). - Am A. seiner Düsseldorfer Akademiezeit zeichnet U. menschliche Figuren, Akte, Tiere, Bäume, Sträucher, niederrheinische Lsch. und fertigt figurative und abstrakte Holzschnitte. Zunächst noch expressiv ausgerichtet, entstehen ab 1956 experimentelle Fingermalereien und das sog. Dreckbild. Er trägt Ölfarbe in dicken Schichten auf kleine Formate auf und strukturiert die Farbmasse mit den bloßen Händen, mit Bürsten, einem Kamm oder einfachem, selbstgefertigtem Werkzeug wie Eisenpinseln zu monochromen Bildern mit bewegten, haptischen Oberflächen, die mehr und mehr den Char. von plast. Bildobjekten annehmen. Die Jahre bis 1959 gelten der künstlerischen Orientierung und der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Er beschäftigt sich mit Christentum, Taoismus und Buddhismus, mit Phil. und Anthroposophie, mit zen-buddhistischem Bogenschießen, dem russ. Suprematismus (u.a. Naum Gabo, Kazimir Malevič) und dem poln. Konstruktivismus (Władysław Strzemiński) sowie mit den Ideen des Bauhauses. 1956/57 beginnt er seine Werke in den Raum zu erweitern. Dabei spielen, neben der Kunst Kleins, die Theorien und Manifeste Lucio Fontanas eine maßgebliche Rolle. Dessen Raumkonzept des "Concetto spaziale", das sich in durchlöcherten bzw. aufgeschlitzten Lw. vergegenständlicht, ist für U.s künstlerische Entwicklung von zentraler Bedeutung. 1958 Teiln. an der von Mack und Piene initiierten 7. Abendausstellung "Das rote Bild" in Düsseldorf. Die von ZERO proklamierte "Stunde Null" in der Nachkriegskunst deckt sich mit U.s Vorstellung einer radikalen Abkehr vom Gestus des Informel und des Tachismus und einer Befreiung vom Ballast einer subjektiven, individualistischen Kunst, die zu dieser Zeit in West-Deutschland dominiert. Stattdessen will ZERO in einem Neubeginn die Welt mit einer optimistischen, hoffnungsvollen, unbelasteten "reinen" Kunst "verschönern" und "erhellen". ZERO findet rasch Anschluss an die internat. Avantgarde, bleibt allerdings eine Gemeinschaft von Individuen, die nur gelegentlich als Dreiergruppe gemeinsame Werke realisiert. Wie Mack und Piene erprobt auch U. ungewöhnliche, nicht-künstlerische Mat., beschäftigt sich mit Strukturreihungen, mit der Ästhetik des Seriellen, optischen Phänomenen, Kinetik und dem Medium Licht. Er setzt sich mit dem Verhältnis von Kunst und Raum auseinander und mit Methoden, den Betrachter aktiv in das Werk miteinzubeziehen. Die Aussage des russ. Futuristen Vladimir Vladimirovič Majakovskij "Die Poesie wird mit dem Hammer gemacht" wird ihm zum Leitgedanken. "Von da war es nur ein kleiner Schritt, mit Hammer und Nägeln zu arbeiten", bemerkt er (G.U. - mit Nägeln gegen die Russen, in: Die Welt, 31.5.2012). 1956/57 entstehen die ersten reliefartigen Nagel-Strukturbilder (auch Clouages gen.), bei denen die Nägel einem streng geometrischen Schema folgend in symmetrischer Reihung rechtwinklig in Holzplatten und gebogene Bretter geschlagen und monochrom weiß bemalt sind. Durch die Ausrichtung der Nägel entfaltet sich bei wechselndem Lichteinfall und Betrachterstandort ein dynamisches Spiel aus Licht und Schatten. Die Nägel sind teils ungeordnet eingeschlagen (Informelle Struktur, 1957, im Bes. des Künstlers), teils kreisförmig angelegt (Hommage à Fontana I, 1962, Priv.-Slg), haben ganz unregelmäßige Formen (Hommage à Paul Scheerbart ["Scheerbartwesen"], späte 1960er Jahre, Priv.-Slg), oder es werden ausschl. die äußeren Bildkanten mit langen Nägeln benagelt (Das gelbe Bild, 1957/58, im Bes. des Künstlers). Im industriell gefertigten Massenprodukt des Nagels hat U. sein Hauptgestaltungsmittel (U. nennt es sein Sprachmittel) gefunden. Mit dessen Einsatz überwindet er die Fläche, verlässt den illusionistischen Raum seiner pastosen Tafelbilder und stößt in den realen Raum vor. Er arbeitet mit der Ambivalenz des Nagels, der einerseits nützlich ist, verbindet, fixiert und stabilisiert, der andererseits aber aggressiv ist, gewaltsam in Oberflächen eindringt und ein Symbol ist für Verletzlichkeit, Schmerz und Passion. Zehn Jahre später wird U. Riesen-Nägel von zwei Metern Höhe herstellen. Neben den Nagel-Strukturbildern entstehen serielle Strukturen aus zurechtgeschnittenen Papprollen und Rohrstücken, geschweißte Nagelbäume (1957-58) und Nagelsäulen (Struktursäule, 1959, Darmstadt, LM), bewegte, weiße (Nagel-)Lichtfelder (Lichtobjekt-Microsalon, 1959) und eine benagelte kleine, rotierende Kugel (Lichtglobus, 1958-59). 1960 bezieht U. Lichtquellen in Lichtkästen ein, baut Tastobjekte und erste, von einem Motor angetriebene, sich drehende Nagel-Strukturscheiben. In der bed. ZERO-Ausst. im Hessenhuis in Antwerpen (1959) ist er mit stereometrischen Objekten und umnagelten Kugeln und Zylindern vertreten. Gegen E. der 1950er Jahre finden immer mehr Ausst. und ZERO-Happenings statt. In diesen Jahren freundet sich U. mit Joseph Beuys an und lernt John Cage kennen, dessen "Art, auf hörbares Mat. zu reagieren sowie eigenartige Partituren zu schreiben", U. als analog zur eig. Arbeit beschreibt (Kunstforum Internat. 1989[140]168-81). 1958/59 widmet er Cage den Zyklus Die optischen Partituren für Cage. E. der 1950er Jahre schlägt er in abgesägte Baumstämme Nägel, die wie wuchernde Pilze oder Dornenkränze anmuten. 1960 entsteht T.s erster Film Lichtstruktur. Im Juni nimmt er an der von Max Bill organisierten Ausst. "konkrete kunst. 50 jahre entwicklung" im Helmhaus in Zürich teil, woraufhin Bill sein Mentor wird. U. nutzt nun häufig die Grundformen Kreis und Quadrat für serielle Strukturen. Auf dem Festival d'Art d'Avantgarde in Paris schießt er weiße Pfeile auf ein weißes Feld. 1961 realisiert er die erste Lichtplantage und das Lichttheater. Im Rahmen der Ausst. "ZERO - Ed. Expos." in der Gal. Schmela lässt er in seiner Aktion Malerische Handlung Weiße Zone einen Heißluftballon steigen und streicht mit einem Besen die Straße vor der Gal. mit weißer Farbe an. E. 1961 tritt er ZERO bei und wird Mitherausgeber der gleichnamigen Zeitschrift. 1962 folgen organisch anmutende Nagelformationen (Feld ["Haut"], 1964, Priv.-Slg), und U. beginnt mit dem Übernageln von Alltags- und Gebrauchsgegenständen wie Büchern, Möbeln und Nähmaschinen sowie von fetischisierten Konsumgütern wie Schallplattenspielern, Fernsehapparaten oder Klavieren (TV; Stuhl II, Tisch, beide 1963, Slg Lenz Schönberg). Damit reißt er sie aus dem gewohnten Kontext und enthebt sie ihrer Funktion, wobei die Identität des jeweiligen Gegenstandes bewahrt bleibt. 1963 übernagelt er in der Gal. dato in Frankfurt am Main ein Fernsehgerät; ein Jahr später sorgt seine Aktion im Pianohaus Kohl in Gelsenkirchen für Aufsehen, als er ein Klavier mit groben Zimmermannsnägeln benagelt, um "die Zuschauer vom Kulturzwang zu befreien und von der Kunst zu erlösen" (zit. in: H.Meister, Kunstszene Düsseldorf, Recklinghausen 1979, 194). Doch geht es U. dabei nicht um Destruktion, sondern um Veränderung und Verwandlung. Im gleichen Jahr präsentiert ZERO auf der documenta den "Lichtraum (Hommage à Fontana)", eine Installation aus sieben, teils kollektiven Werken, wie etwa die "Weiße Lichtmühle" und die "Silbermühle". Bestandteil des Ensembles ist auch U.s Lichtscheibe (1964), eine rotierende, dicht mit Nägeln besetzte, kreisrunde große Scheibe, die durch Seitenlicht angestrahlt wird. Das Jahr 1964 mit neun ZERO-Ausst., u.a. der legendären Präsentation in der New Yorker Howard Wise Gall., bringt U. den internat. Durchbruch. Nachdem die ZERO-Mitgl. zunehmend getrennte Wege gehen, löst sich die Gruppe 1966 auf. Nach U.s Aufenthalt in New York entsteht 1965 New York Dancer, ein durch einen Motor angetriebenes, mannsgroßes Rotationsobjekt, das an afrikanische Nagelfetische erinnert. Durch das Leinentuch, das das sackförmige Gebilde vollst. umhüllt, sind von innen große Nägel gestochen, die sich durch die schnelle Drehbewegung der Figur mit metallischem Klirren aufrichten. U. setzt den Nagel nun noch obsessiver ein. Formate und Nägel werden zunehmend größer. 1967 schlägt er einen Riesennagel in die Fassade des Kaufhof in Dortmund, "um die Kunst in die triviale Welt der Ware eindringen zu lassen" (zit. ebd., 198). Vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges und der Angst vor einem Atomkrieg entstehen aggressiv wirkende Objekte wie 1968 ein Riesentisch (Tisch der Austreibung), dessen Unterseite mit gewaltigen Nägeln gespickt ist. Eine 1969 in Heidelberg ausgehobene Fallgrube (Ausst. intermedia) ist mit spitzen, nach oben gerichteten Holzpfählen bestückt. Daneben baut U. Sandspiralen (Sandspirale, 1970, Schwerin, Staatl. Mus.). Eine erste entsteht bereits 1965, weitere folgen v.a. E. der 1970er Jahre, als er sich verstärkt dem Element Erde als Arbeitsmaterial zuwendet. Manche seiner Nagelfelder, U., spricht von "Kontemplationsübungen", muten schwerelos, schwebend an (Weißes Feld, 1965); and., mit eng gesetzten Stahlstiften, wirken dichter, oft rhythmischer und dynamischer (Field, 1977; Weißer Wind, 1992; beide Priv.-Slg), wieder and. zeigen organisch bewegte Formen und Strukturen (Weißer Schrei, 1989; Riß, 1996; beide Priv.-Slg). Das Einschlagen der Nägel erfolgt spontan und mit großer Schnelligkeit, in einem mechanisch rhythmischen, ritualhaft monotonen, zugleich virtuosen Akt, der keine Korrekturen zulässt. Ergänzend bemerkt U.: "Die Abstände der Nägel ergeben sich durch die Dicke meiner Finger, die Bewegungsmöglichkeiten der Hände bilden Richtungen und Strömungsverläufe. Durch Umgehen der zu benagelnden Stellen entstehen Wirbel und Spiralen. Die Struktur entwickelt sich vom Mittelpunkt des Feldes über seine ganze Fläche." (U. 1981, U.-Ztg 9/82). Die Nagelfelder bilden nichts ab, sie sind, was sie sind, stehen nur für sich und sind dennoch hoch assoziativ. Sie vermitteln den Eindruck von Energie, lassen an Mikro- und Makrokosmisches denken, erinnern an wogende Getreidefelder, an Dünen, Wolkengebilde oder Wellen und Strudel im Meer (Rosa Arbeit für Brüssel, 1965, Priv.-Slg). Muten die Bewegungen früher Arbeiten eher sanft an, erscheinen sie in späteren Werken ungestümer. U. gelingt es, das harte, unnachgiebige Mat. der Stahlnägel in der Bildwirkung weich und zart erscheinen zu lassen, was manche Benagelungen wie Fell oder Pelz aussehen lässt, z.B. bei Grab der verlorenen Erinnerung (1972, Duisburg, Lehmbruck-Mus.). Eine umfangreiche Werkgruppe bilden die monochromen Prägedrucke auf dickem Büttenpapier, die durch den reliefartigen Char. und das dadurch hervorgerufene subtile Licht- und Schattenspiel ihren bes. Reiz entfalten. Im Lauf der Jahrzehnte entwickelt U. zahlr. versch. Ausdrucksformen. Eine nicht sehr umfangreiche, aber wichtige Werkgruppe sind die seit 1967 entwickelten etwa 30 Klangobjekte, die u.d.T. Terrororchester zusammengefasst sind. Die unterschiedlich lärmenden Maschinen wie Schlagendes Brett, Krachmaschine, Rhythmischer Hammer oder Banging Door bestehen z.B. aus einer mit Nägeln gefüllten Wäschetrommel, Staubsaugern, Schallplattenspieler, Hammer und Sichel u.v.m. Erstmals präsentiert wird die spektakuläre Installation 1968 bei dem zus. mit Richter inszenierten, berühmten Happening Museen können bewohnbare Orte sein in der KH Baden-Baden, nach dem die beiden Künstler die Räume der KH auch selbst 14 Tage lang bewohnen. Einen extremen Kontrast zum Terrororchester bildet die von Zen-Gärten inspirierte Sandmühle (1970, Frankfurt am Main, Städel): eine motorbetriebene Holzkonstruktion, die in der M. eines Sandkreises platziert ist. Seile, die an einer Holzlatte befestigt sind, ziehen unaufhörlich und still neue Kreise in den Sand und löschen dabei die vorherigen Spuren aus. Das meditative Objekt ist ein Memento mori. Die atomare Katastrophe des Reaktorunfalls 1986 in Tschernobyl verarbeitet U. in dem gleichnishaften Zyklus der Aschebilder, die er als Zeichen der Trauer und Ohnmacht versteht. In einem Akt traumatischer "Empfindungshandlung" legt sich U. rücklings auf die Lw. und umgibt sich mit einem Gemisch aus Asche, Steinen, Leim und Grafit. Zurück bleibt gleichsam der Schatten seines Körpers mit dem Asche-Umriss. Einen eig. Komplex bilden die politischen Kunstwerke. Als Reaktion auf das Tian'anmen-Massaker in Beijing 1989 entsteht sein an die chin. Machthaber gerichteter, mahnender Brief an Peking (schwarze Tusche/Leinen), in dem er die humanitären Missstände in China beklagt. Erschüttert über die Angriffe von Neonazis auf Asylbewerber in Rostock im Aug. 1992, schafft U. als künstlerischen Appell gegen die Verletzung der Menschenrechte auf großen Leinwänden den Zyklus Verletzungswörter, der seit 1993 weltweit ausgestellt wird. Er umfasst 120 Verben u.a. aus dem AT und NT, aus dem Koran u.a., die physische und psychische Verletzungen des Menschen durch den Menschen beschreiben. Mit handgeschriebenen Wörtern wie "verachten", "schlagen", "foltern", "erhängen" oder "vergasen", die in die jeweilige Landessprache übersetzt werden, will U. "bildhaft, stammelnd zum Ausdruck bringen, [...] dass es kultische und kult. Zusammenhänge gibt". In dem Mappenwerk Friedensgebote I-IX von 2014-18 setzt sich U. in versch. Techniken mit der Thematik des globalen Friedens auseinander. Mit seinem gewaltigen Werk, das in über 60 Ländern gezeigt wird, schlägt U. Brücken zw. versch. Kulturen und politischen Systemen. Seine Arbeiten erzielen auf dem internat. Kunstmarkt seit vielen Jahren Höchstpreise und sind weltweit in mehr als 100 bed. Mus. und Slgn vertreten. 2023 wird U. mit dem Verdienstorden des Landes Meckl.-Vorpommern ausgezeichnet.

WERKE

Amsterdam, Sted. Mus. Berlin, Hamburger Bahnhof. - Neue NG. - Neuer Berliner KV. - Slg Hoffmann. Dresden, Kpst.-Kab. Düsseldorf, K20 KS am Grabbeplatz. - Mus. Kunst-Pal. Essen, Mus. Folkwang. Ingolstadt, Mus. für Konkrete Kunst. Hamburg, KH. New York, Guggenheim. - MoMA. Paris, Centre Pompidou. Waldenbuch, Mus. Ritter:Rot kommt vor, Nägel und Farbe/Lw. auf Holz, 2009. Washington/D.C., NG of Art.

SELBSTZEUGNISSE

Weißstrukturen, Dd. 1962; Zehn Jahre kinetische Arbeiten, s.l. 1966; S.v.Wiese (Ed.), Schr. G.U., St. Gallen 1979; Die Gefährdung des Menschen durch den Menschen. Manifest 1983 (s.l.); Schatten. Schein, in: Dok. unserer Zeit. Bd IV, Mainz 1987; Römersteine 1987, in: ibid. Bd X, Mainz 1989; Wind. 82 Liebesbriefe an die Natur, Mainz 1995; Leviathan, Köln 1998; R.Merten (Ed.), Regen Rain, Kempen 1998; G.U./C.Wolf, Wüstenfahrt, B. 1999; Ein Steinmal in Buchenwald. 1. Sept. 1939, Spröda 2000; Graphein. Schreiben, Malen, Zeichen, Mainz/M. 2002; Bäume, Mainz 2009; Der See in der Stille, B. 2009/10; C.Wolf/G.U., Störfall Aschebilder, Halle (Saale) 2010; Handlungen, Dd. 2010; G.U., Erinnerungswerte einer alten Welt, Schwerin 2015.

AUSSTELLUNGEN

Einzelausstellungen:

1983 (K), 2015 (Retr., K) Düsseldorf, KH / 1986 Ludwigshafen, Wilhelm-Hack-Mus. (K) / 1992 Wien, MUMOK Stiftung Ludwig, Pal. Liechtenstein und Mus. des 20. Jh. (K) / 1993 München, KH der Hypo-Kulturstiftung (K) / 2005 Berlin, NG und Martin-Gropius-Bau (Retr. K) / 2016, '20-21 Rostock, KH (beide K) / 2020-21 Schwerin, Staatl. Mus. -

 

Gruppenausstellungen:

Amsterdam, Sted. Mus.: 1961 Bewogen Beweging (K); 1962 nul (K) / 1965 Hannover, Kestner-Ges.: Mack, Piene, U. O - ZERO (K) / New York: 1965 MoMA: The Responsive Eye (K); 2014-15 Guggenheim: ZERO. Countdown to Tomorrow, 1950s-60s (Retr., K) / 1966 Bonn, KM: ZERO in Bonn. Mack - Piene - U. (K) / 2013-14 Gelsenkirchen, KM: ZERO in Gelsenkirchen 1963-2013 - Zurück in die Zukunft (K) / 2015 Berlin, Martin-Gropius-Bau: ZERO. Die Kunstbewegung der 50er und 60er Jahre (K) / 2016-17 München, Haus der Kunst: Postwar - Kunst zw. Pazifik und Atlantik 1945-1965 (K) / 2024-26 Wiesbaden, Mus. Reinhard Ernst: Farbe ist alles! (K).

 

QUELLEN

Thieme-Becker, Vollmer und AKL:

Vo6, 1962

 

Weitere Lexika:

Bauer, GEM VIII, 1978; ContempArtists, 1983; EAPD, 1989; DA XXXI, 1996; DA XXXIII, 1996; I.F. Walther, Künstler-Lex., in: Kunst des 20. Jh., II, Köln u.a. 1998; D.Eisold, Lex. Künstler in der DDR, B. 2010

 

Gedruckte Nachweise:

D.Honisch, G.U., Monogr. zur Kunst der Gegenwart, St. 1983; H.Stachelhaus, ZERO, Dd./W. 1993; H.-N. Jocks, Archäol. des Reisens, Köln 1997; Deutschlandbilder (K), B. 1997; B.v.Pfeil, G.U. Korrelationen, Mainz 2000; Maschinentheather (K Heilbronn), He. 2001; K.G. Beuckers (Ed.), G.U. Die Aktionen, Petersberg 2004; F.Hofmann, Grenzüberschreitungen, Köln 2004; A.Tolnay (Ed.), G.U. Aqu., Ostfildern-Ruit 2005; D.van der Koelen/H.-J. Ortheil, G.U. Wasser Venezia - acqua luminosa, Mainz 2005; B.J. Dombrowe, Redepflicht und Schweigefluss, Diss. Univ. Köln, Mainz 2006 (mit WV der bibliophilen Werke); D. und M.van der Koelen (Ed.), U., Opus Liber. Verz. der bibliophilen Bücher und Werke 1960-2005, Mainz 2007; V.Rothmaler (Ed.), G.U. Der Andachtsraum im Reichstagsgebäude, Wismar 2008; G.U., Photogr., B. 2008; H.-N. Jocks, Das Ohr am Tatort, Ostfildern-Ruit 2009; E.Hollmann/J.Krieger (Ed.), G.U., Geschriebene Bilder, B. 2011; D.van der Koelen (Ed.), G.U. Lebenslinien (Dokumentation der Ed. 1986-2012), Mainz 2015; R.Schroeter/G.U., Still-Leben, Schwerin 2018; K.Nahidi, Der geschundene Mensch. G.U.s konzeptuelle Historienbilder, M. 2022; M.Kluth, G.U. Poesie der Destruktion, Halle/Saale 2018; Kunstforum Internat. 2023(287)29; R.Ermen, ibid. 298:2024(Sept./Okt.)233-235.

 


VOLLMER

Uecker, Günther, dtsch. Maler, *1930 in Mecklenburg, ansässig in Düsseldorf-Oberkassel. Stud. in Wismar, an d. Akad. f. bild. u. angew. Kst in Berlin-Weißensee u. an d. Akad. Düsseldorf. Abstrakter Kstler. Monochromist. Lit.: Ausst.-Kat.: Monochrome Malerei, Städt. Mus. Leverkusen, Schloß Morsbroich 1960, m. Abb. Nr 84 p. [27]; 30 junge Deutsche usw., ebda 1961.