Scharoun, Hans (Hans Henry), dt. Architekt, Stadtplaner, *20.9.1893 Bremen, †25.11.1972 Berlin.
Scharoun, Hans
1894 Umzug der Fam. nach Bremerhaven, da sein Vater Bernhard Emil ebd. die Ltg der neu gegründeten Karlsburg-Brauerei übernahm. 1909 sind erste Architekturentwürfe überliefert; 1911 nahm S. noch als Schüler mit zwei Entwürfen an einem Bauwettbewerb für eine ev. Kirche in Bremerhaven teil. Die Zchngn sind vom Formenschatz des Art déco und Jugendstil geprägt, jedoch finden sich auch erste Anfänge von Verschleifungen der Gebäudesilhouetten und freie Grundrissformen. Nach dem Abitur 1912 begann S. im selben Jahr mit dem Archit.-Stud. an der TH Berlin-Charlottenburg. Er arbeitete während des Stud. im Büro des Hochschul-Ass. Paul Kruchen und betreute u. a. den Bau des Sanatoriums Freymuth in Babelsberg und das Krankenhaus in Berlin-Mariendorf. In der vorlesungsfreien Zeit arbeitete er in Bremerhaven als Maurer. Mit Ausbruch des 1. WK musste er das Stud. unterbrechen und wurde 1915 zum Kriegsdienst eingezogen. Er kam über Vermittlung von Kruchen zum Infanterie-Regiment 52 nach Cottbus, wo er zunächst beim Bau eines Gefangenenlagers in Merzdorf eingesetzt wurde. Noch im selben Jahr wurde er nach Stallupönen (Ostpreußen) abkommandiert und war im Militär-Baubüro zum Wiederaufbau Ostpreußens tätig (u.a. Walterkehmen, Notkirche, 1916-17; Gutshaus Thierfeldt b. Gumbinnen, 1917-18; beide zerst.). Im Nov. 1918 wurde S. aus dem Kriegsdienst entlassen und kehrte für kurze Zeit zum Stud. nach Berlin zurück, schloss jedoch auf Anraten des Rektors der TH Berlin-Charlottenburg das Stud. nicht ab, sondern kehrte nach Ostpreußen zurück, da ihm der Bürgermeister von Insterburg die Bearbeitung größerer Bauprojekte in Aussicht gestellt hatte. S. widmete sich intensiv der Entwicklung der expressionistischen Archit. und unterzeichnete u. a. den von Jakobus Göttel und Bruno Taut formulierten "Aufruf zum farbigen Bauen" (Bauwelt 38:1919). Ab Nov. 1919 ist er Mitgl. in der von Bruno Taut initiierten Briefgemeinschaft "Gläserne Kette" unter dem Tarnnamen "Hannes". Er entwickelte zw. 1917 und 1923 in zahlr. Zchngn utopische Architekturformen, von denen sich mehr als 500 Werke auf Papier erhalten haben. 1920 wurden Zchngn von ihm in der Ausst. "Neues Bauen" im Graph. Kunstkabinett des Verlegers J.B. Neumann am Berliner Kurfürstendamm gezeigt. Im Mai 1920 heiratete er Aenne Hoffmeyer, Tochter des Nachbarn und Architekten Georg Hoffmeyer aus Bremerhaven. 1919-25 führte er ein Architekturbüro in Insterburg/Ostpreußen und realisierte diverse Bauprojekte, u.a. Kleinhäuser für die Beamten- und Wohnungsbaugesellschaft in Insterburg und 1921-22 ebd. die Siedlung Kamswyken, die aufgrund ihrer starken Farbigkeit Bunte Reihe genannt wurde. Die zahlr. Teiln. an Wettb. in dieser Zeit blieben unrealisiert. Allen Entwürfen ist die farbliche Gestaltung der Gebäude und die Auflösung der Formen im Sinne des expressionistischen Gedankens zueigen (u.a. Friedhof der Stadt Dortmund, 1919), was char. für seine frühen utopischen Entwürfe ist. 1919 gewann S. den 1. Preis im Wettb. um die Gestaltung des Domplatzes in Prenzlau/Uckermark. Ab 1920 folgten weitere Teiln. an Wettb. (u.a. 1922 Hygienemuseum, Dresden; Hochhaus an der Friedrichstraße, Berlin). 1923 wurde er auf der Jahrestagung des Dt. Werkbunds in Weimar als Jungmitglied aufgenommen. 1924 kam es zu einem folgenschweren Disput mit dem Architekturkritiker Adolf Behne, der seine nach dem Prinzip der organischen Archit. entwickelten Zchngn scharf kritisierte und das utopische Denken des Expressionismus mit der Gründung des Bauhauses für überholt beurteilte. U.a. führte dieser Streit nach dem 1. WK zum E. der frühen Phase von S.s expressionistischen Zeichnungen. Nach dem Tod von August Endell trat er 1925 dessen Nachf. als Prof. an der Staatl. Akad. für Kunst und Kunstgew. in Breslau an. Ab 1926 wurde er Mitgl. der Architektenvereinigung "Der Ring" und nahm im Nov. des Jahres an der Einweihung des Bauhauses in Dessau teil. Von 1926 bis 1932 führte er neben seiner Tätigkeit in Breslau ein Architekturbüro zus. mit Kruchen und Adolf Rading in Berlin, da er in Breslau keine Bauaufträge umsetzen konnte. Die wenigen in dieser Zeit realisierten Bauten entstanden nach einer von S. entwickelten Form der "Organischen Archit.". Ohne sich konkret auf archit. Vorbilder zu beziehen und unabhängig von and. zeitgen. Positionen (z.B. Frank Lloyd Wright, Erich Mendelsohn) flossen versch. Parameter wie das Bauumfeld, das Nutzungsverhalten der Bewohner und natürliche Gegebenheiten wie Lage, Sonnenstand und Klima sowie das Baumaterial prägend in die Formgebung ein. Im Unterschied zum additiven Architekturkonzept der Vertreter von Bauhaus und De Stijl entwickelte S. die Organische Archit. inhaltlich aus einer ganzheitlicher Betrachtung der menschlichen Lebensbedingungen. In der "Großen Kunstausstellung" von Mai bis Sept. 1927 in Berlin zeigte die Architektenvereinigung "Der Ring" auch Arbeiten von S. Auch die nach dem 1. WK eingereichten Wettbewerbsbeiträge sind noch deutlich von expressionistischen Elementen geprägt. Zunehmend lösten sich seine Entwürfe Organischer Archit. von der starken Farbigkeit und den gezackten Formelementen zugunsten weit geschwungener, horizontal ausgelegter Darst., wie sie etwa für Erich Mendelsohn char. waren (u.a. Entwurf Tannenberg-Denkmal, 1925; Messe- und Ausstellungsgelände, 1925, Berlin-Charlottenburg; Bahnhofsvorplatz, 1926, Duisburg; alle unausgeführt). In dem 1927 entstandenen Entwurf für die Erweiterung des Reichstagsgebäudes in Berlin dominiert z. B. die stark reduzierte Vorhangfassade des gewinkelten Anbaus, dessen Verbindung als langgestreckter Brückenbau an den Reichstag andockt und damit den Verkehrsfluss um den Reichstag unangetastet lässt. Umgesetzt wurden ab 1927 Bauten für Ausst. des Werkbunds, Privataufträge und im Auftrag von Wohnungsbaugesellschaften, u.a. ein Einfamilienhaus für die Werkbundausstellung "Die Wohnung" auf der Stuttgarter Weißenhofsiedlung (Haus 33, 1927, Hölzelweg, in situ). Trotz der geringen Grundfläche ermöglicht die Kombination versch. Wohnfunktionen einen großzügigen Raumeindruck; die Offenheit der Räume und logische Gestaltung der Funktionsabläufe führt zu einem einheitlichen Gesamtbild, das v. a. in der durch das ganze Haus führenden Mittelachse, die in den Garten mündet, akzentuiert wird. Char. für dieses Wohnhaus ist die auf die Dachterrasse führende, um den Baukörper nach oben schwingende Treppe, die die gesamte Fassade in Bewegung versetzt. 1928 bewarb sich S. vergeblich auf die Direktorenstelle der KGS Burg Giebichenstein in Halle. 1928-29 entstand im Rahmen der Werkbundausstellung in Breslau das Wohnheim für ledige und kinderlose Ehepaare (heute als Hotel genutzt). Der Bau öffnet sich unter einem weit vorschwingenden Vordach in eine weiträumige Eingangshalle. Im langgestreckten Trakt ordnen sich die kleinen Wohnungen streng organisiert aneinander. Gleichzeitig ist der Baukörper organisch in den Park gefügt. 1929-31 entstand unter der Ltg von Stadtbaurat Martin Wagner in Berlin-Charlottenburg die Großsiedlung Siemensstadt, für dessen städtebauliches Konzept S. verantwortlich war. 1930-33 entwickelte er im sächsischen Löbau das Landhaus für die Fam. Schminke, nach eig. Aussage das Hw. vor dem 2. WK, da er hier Archit. und Innenausstattung ganz nach den Prinzipien der Organischen Archit. in ihrer Einheit umsetzen konnte. Trotz der Kompaktheit des Baukörpers ist der Bau detailreich strukturiert: Eine Eisenskelettkonstruktion ermöglicht die großen Spannweiten der Fenster- und Tragflächen, eine schräg gestellte Treppe lenkt den Bewegungsfluss im Inneren des mit großen Fensterwänden gestalteten Hauses; abgerundete Kragdächer, Balkonbrüstungen und Bullaugenfenster tragen zum Schiffscharakter bei. 1932 entstand in Berlin auf der Ausst. "Sonne, Luft und Haus für alle" Das Wachsende Haus (zerst.), das der zunehmenden Wohnungsnot mit einem preiswerten, erweiterbaren Eigenheim entgegentrat. 1931 nahm S. in Berlin an dem vorbereitenden CIAM-Kongress für Moskau teil. Nach Schließung der Akad. in Breslau, Königsberg und Kassel aufgrund der "Zweiten Preußischen Notverordnung" und Beurlaubung S.s am 1.4.1932 von der Prof., kehrte er nach Berlin zurück und versuchte dort zus. mit Rading (ohne Kruchen) das Architekturbüro aufrechtzuerhalten. Um weiterhin als selbständiger Architekt tätig zu bleiben, trat S. 1933 der "Reichskammer der Bild. Künste" bei. Es entstanden eine R. von Einfamilienhäusern aus Privataufträgen in Berlin und Umgebung, deren freie Formen S. mit den Bauherren nur unter schwierigen Bedingungen umsetzen konnte, da die strengen Bauvorschriften der nationalsozialistischen Reg. trad. Hausformen wie etwa Satteldächer vorgaben. Während des Nationalsozialismus strebte er keinen staatl. Bauauftrag an. Um dennoch Bauten realisieren zu können, passte sich S. notgedrungen an, versuchte aber stets in den Entwürfen seine Vorstellung mod. Archit. und der Gestaltung des Lebensraums nach organischen Bauprinzipien beizubehalten (u.a. Haus Wenzeck, 1934-37, Berlin-Frohnau; Haus Pflaum, 1935, Falkensee; Wohnbebauung Im Hottengrund, 1935-36, Berlin-Kladow; Wohnbauten Kaiserstraße, 1936-40 Bremerhaven; Umbau Anker-Teigwarenfabrik, 1937-41, Löbau in Sachsen; Haus Möller, 1937-44, Zermützelsee b. Altruppin; Haus Bonk, 1938-39, Bornim b. Potsdam; Haus Endell, 1939-40, Berlin-Wannsee). Bei dem Haus Baensch in Berlin-Spandau (1934-35) zeigen sich etwa deutlich die Kompromisse, die S. eingehen musste. Der Bau mit fächerartigem Grundriss auf einem Grundstück mit Blick über die Seenlandschaft der Havel öffnet sich durch eine große Glaswand zum von Hermann Mattern gestalteten Garten hin, die Geschossversprünge im Inneren setzen sich in der Terrassierung des Gartens fort. Auch Türbeschläge, Schiebewände, Vorhänge, ausfahrbare Verschattungselemente und Möbel wurden von S. geplant. Im Gegensatz zur mod. Gartenfassade genügte die blockartig wirkende Straßenansicht des mit flachem Satteldach gedeckten Hauses hingegen den konservativen Bauvorschriften. Weggefährten S.s wie z.B. Bruno Taut oder Rading mussten nach 1933 aus politischen Gründen aus Deutschland emigrieren. S. stellte 1937 den jungen chin. Architekten Chen Kuen Lee ein seinem Büro an, der bis 1943 bei ihm arbeitete. Mit ihm und Häring gründete S. 1940 den "Chin. Werkbund". 1940 begann er eine Zusammenarbeit mit dem Architekten Fritz-Willy Kiesshauer. Im Auftrag der "Neuen Heimat" Sachsen entwickelten sie Zukunftsvisionen für neue Haus- und Wohnungstypen im Rahmen der Planungen für den Wiederaufbau nach E. des Krieges. Im Laufe des 2. WK zog sich S., in Ermangelung von Bauaufträgen und aufgrund der Einschränkung seiner entwerferischen Freiheit unter den traditionalistischen Bauvorgaben der Nationalsozialisten, in die innere Emigration zurück. Er begann zw. 1938 und 1945 erneut visionäre Architekturentwürfe zu zeichnen. Die Zchngn, von denen mehr als 200 erhalten sind, entstanden S. zufolge aus Selbsterhaltungstrieb und dem Zwang sich mit der zukünftigen Archit. auseinanderzusetzen. 1943 und 1944 brannten sein Büro, danach auch die Ersatzbüros in Berlin bei Bombenangriffen aus. S. beschäftigte 1943-44, nach dem Weggang von Lee, den Studenten Pfankuch als techn. Zeichner. Von 1943 bis Kriegsende arbeitete S. für das Bauamt Berlin-Steglitz an der Beseitigung von Schäden durch Fliegerangriffe. Kurz nach der Kapitulation Berlins wurde S. am 17.5.1945 vom neuernannten Stadtkommandanten Berlins, Oberst Bersarin, zum Stadtbaurat des neugebildeten Magistrats berufen. Mit Wils Ebert, Peter Friedrich (1902), Ludmilla Herzenstein, Reinhold Lingner, Luise Seitz, Selman Selmanagić und Herbert Weinberger bildete er das sog. Planungskollektiv für die Rekonstr. Berlins. 1946 wurden in notdürftig hergerichteten Räumen des Stadtschlosses in Berlin-Mitte erste Ergebnisse der Wiederaufbauplanungen in der Ausst. "Berlin plant - Erster Bericht" vorgestellt, in der Pläne für Kleinhäuser nach den Entwürfen der Alliierten und auch S.s Kollektivplan für Berlins städtebauliche Neuausrichtung präsentiert wurden. Das Planungskollektiv vertrat den städtebaulichen Ansatz, die alte Stadt nicht wiederherzustellen. Der Kollektivplan sollte einer neuen, mod. Ges. Rechnung tragen, die in einem grundlegend neuen Berlin zum Ausdruck kommen sollte. Ausgehend von der Lage der Stadt im Urstromtal zw. Barnim und Teltow, sollte anstelle der hist. Struktur des "steinernen Berlin" eine durchgrünte, organische Stadtlandschaft geschaffen werden, in der Archit. für Wohnen, Arbeiten und gemeinschaftliche Einrichtungen bandartig entlang der Spree geführt und in ein rechtwinkeliges Straßenraster eingeordnet werden sollten. Der Kollektivplan scheiterte, nicht zuletzt weil er in seiner Radikalität die polititischen, wirtschaftlichen und techn. Gegebenheiten zu sehr außer Acht ließ. Im Dez. 1946 wurde S. als Stadtbaurat beurlaubt. Sein Nachf. wurde Karl Bonatz. In der Folgezeit entwickelte S. diverse Kleinsthäuser im Typenformat, u.a. die Wohnzelle Friedrichshain. Zus. mit Hermann Henselmann gründete er 1947 das "Inst. für Bauwesen" (IfB) an der Akad. der Wiss. in Berlin, dessen Dir. er bis zu seiner Auflösung E. 1950 war. Martin Mächler, Max Taut, Theo Effenberger, Hermann Henselmann, Wils Ebert, Peter Friedrich und Karl Böttcher u.a. waren als Abteilungsleiter tätig. Das IfB zog 1949 in einen von S. entworfenen Dachaufbau in die Hannoversche Str. 30 in Berlin-Mitte. S. entschied sich in West-Berlin zu leben und wurde bereits 1947 zum Prof. für Städtebau an die TU Berlin berufen. 1948 stellte er Sergius Ruegenberg als Ass. ein. S. nahm an diversen Wettb. teil, unter denen der Wettb. Volksschule Darmstadt 1951 anlässlich der Darmstädter Gespräche "Mensch und Raum" für seine Schulbauten, das Geschwister-Scholl-Gymnasium Lünen (1955-62) und die Grund- und Hauptschule in Marl-Drewer (sog. Scharounschule, 1960-71), bes. bed. wurde. Beide sind nach einem ganz neuartigen Pavillonprinzip errichtet, die die Schüler in geschützten Klassengemeinschaften aufwachsen lässt. Für die Mädchenschule in Lünen entwickelte S. drei unterschiedliche Typen von Klassenräumen, die sich jeweils in Garderobe, Gemeinschaftsraum und geschlossenem Außenraum gliederten, die von ihm als "Schulwohnung" bezeichnet wurden. And. als in Lünen gruppieren sich in Marl die Schulwohnungen radial um einen zentralen, multifunktionalen Saal. Ab 1954 entstanden versch. Bauten, u.a. 1955-59 die Wohnhochhausgruppe Romeo und Julia in Stuttgart-Zuffenhausen (zus. mit Wilhelm Frank), zwei Gebäude, in der das organische Bauen erstmals in der Vertikalen realisiert wurde. Die Hochhäuser sind unterschiedlich strukturiert: Während sich die Wohneinheiten im Turm Romeo um ein innen gelegenes Treppenhaus gruppieren, werden die Wohnungen im hufeisenförmigen Bau Julia über Laubengänge erschlossen. Beide Häuser schließen nach außen mit vor- und zurückspringenden Fassaden ab, in die für die Nachbarn uneinsehbar Balkone anschließen. 1956-63 entstand in Berlin-Tiergarten nach einem Wettb. das Konzerthaus des Berliner Philharmonischen Orchesters, S.s Hw. in der Nachkriegszeit. Während zunächst als Standort die Schaperstraße hinter dem Joachimsthaler Gymnasium vorgesehen war, war mit dem endgültigen Standort an der Potsdamer Str. die Philharmonie noch vor ihrer Voll. durch die Errichtung der Berliner Mauer unmittelbar an die Innerberliner Grenze gerückt. Dieser Bau, dessen großer Saal von A. an unter dem Thema "Musik im Mittelpunkt" stand, positionierte das Orchester in die M. des Publikums. Der Bau erhebt sich über einem Pentagramm als Grundform in diversen, gegeneinander verschobenen Ebenen. Er ist bis heute ein einzigartig durchkomponierter Raum, bei dem die äußere Form der inneren, auf die Akustik zugeschnittene Gestaltung geschuldet ist. Durch ihr Zeltdach und dem enorme Weite vermittelnden Innenraum wurde die Philharmonie zu einer Ikone der mod. Architektur. Die Berliner Philharmonie ist damit ein einzigartiger Bau, der als gelungenes Beispiel für eine dauerhafte, mod. Archit. gelten kann. 1958, in dem Jahr, in dem S. als Prof. der TU emeritiert wurde, nahm er mit Ebert an dem von der Bundesregierung ausgeschriebenen Wettb. "Hauptstadt Berlin" teil und erhielt den 2. Preis. S. entwickelte hier ein städtebauliches Konzept ähnlich dem Kollektivplan von 1946 (Funktionstrennung von Wohnen, Arbeiten bzw. Industrie und Kultur, Erschließung durch dominierende Straßenzüge mit Hochbrücken und Untertunnelungen des Tiergartens). Ab 1959 entstanden diverse Bauten nach seinem Entwurf (u. a. Wohnhochhaus Salute, 1959-63, Stuttgart-Fasanenhof, zus. mit Kurt Storm; Haus Köpke, 1959-68, Berlin-Dahlem; Inst. der Fakultät für Archit., TU Berlin, 1962-70, Berlin-Charlottenburg, zus. mit Bernhard Hermkes; Wohnquartier Rauher Kapf, 1963-66, Böblingen, zus. mit Philipp Plötz; Autohof Rot, 1964-69, Stuttgart-Zuffenhausen; Dt. Botschaft, 1964-71, Brasilia). Alle Entwürfe einen sein Prinzip jeden Bau individuell auf den Bauplatz hin zu konzipieren und von innen nach außen zu entwickeln. Ganz besondere Qualität hat die 1964-78 in Berlin-Tiergarten entstandene Staatsbibliothek Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die er zus. mit Edgar Wisniewski entwarf und der den Bau nach dem Tode S.s fortführte. Wie die Philharmonie lag das Grundstück 1961 unmittelbar an der Grenze zur DDR. Beide Bauten sowie die gegenüber geplante Neue NG, dessen Entwurf von Mies van der Rohe bereits bek. war, sind Bestandteil des sog. Kulturforums. Das Bauwerk schottete sich durch ein mon. Büchermagazin zur Ost-Berliner Seite ab und stuft sich mit den Leseräumen zum Kulturforum hin so ab, dass eine Niederung in der Stadtlandschaft entstand. Im Inneren öffnet sich die Eingangshalle zu weitgehend von Tageslicht beleuchteten Lesesälen. Als zwei Spätwerke entstanden 1965-73 das Theater Wolfsburg und 1965-66 in Bochum die Johanneskirche der Christengemeinschaft, der einzige von S. realisierte Sakralbau. Beide Archit. sind funktionale Bauskulpturen, deren Innenraumgestaltung an der äußeren Form sichtbar wird. Bei beiden heben Lichtführung und Farbigkeit entscheidend die Wirkung der archit. Form hervor. 1968-87 entstand in Berlin-Tiergarten der Kammermusiksaal der Philharmonie (Arbeitsgemeinschaft mit Wisniewski, der nach S.s Tod den Bau vollendet). Wie bei der Philharmonie bestimmt auch hier der Saal die archit. Form und die anliegenden Funktionen der Kubatur. Die beiden letzten Bauten S.s, das Dt. Schifffahrtsmuseum, 1969-75 Bremerhaven, und das Musikinstrumenten-Museum, 1969-84 Berlin-Tiergarten (zus. mit Wisniewski, der das Projekt voll.) sind weitgehend nach S.s Tod umgesetzt worden, tragen jedoch konzeptionell seine Hand. 1960 heiratete S. in zweiter Ehe die Modejournalistin Margit von Plato (1902-85). S. war 1955-72 Mitgl. der AK West-Berlin und 1956-68 deren Präs.; 1968-72 Ehrenpräsident. In seiner Amtszeit entstand nach Entwürfen von Werner Düttmann und finanziert durch den Dt.-Amerikaner Henry Reichold 1959-60 der Neubau der AK im Berliner Hansaviertel. 1967 wurde in der AK Berlins S.s Lebenswerk ausgestellt. Kurz vor seinem Tod schenkte S. der AK sein umfangreiches Werkarchiv, das im Baukunstarchiv bis heute den größten Einzelbestand eines Personenarchivs darstellt. Der Nachlass aus dem Zeitraum von 1909-72 umfasst neben biogr. und künstlerischen Mat. auch über 1.000 Schüler- und Studentenzeichnungen (ab 1909) sowie utopische Architekturentwürfe (1917-24, 1938-45), außerdem Korr. und Zchngn u.a. im Zusammenhang mit der "Gläsernen Kette" und der Architektenvereinigung "Der Ring". Im Archiv sind 341 Bauvorhaben und Entwürfe dok.; darunter auch Zchngn langjähriger Mitarb. (u. a. Sergius Ruegenberg, Pfankuch, Peter-Fritz Hoffmeyer-Zlotnik, Wisniewski, Michael Hellgardt, Lubomir Slapeta, Stefan Heise, Jo Zimmermann, Wolfgang Freitag, Achim Wendschuh). S. lebte 1930-60 in der Siedlung Siemensstadt (Jungfernheideweg 4) in Berlin-Spandau und ab 1960 bis zu seinem Tod in einem von ihm selbst entworfenen Wohnungsbau in Berlin-Charlottenburg-Nord (Heilmannring 66a). Bestattet wurde er auf dem Waldfriedhof, Berlin-Zehlendorf. Ausz.: u. a. 1954 Fritz-Schumacher-Preis, Hamburg; Berliner Kunstpreis; 1959 Großes Bundesverdienstkreuz; 1962 Ehrensenator TU Berlin; 1964 Großer Preis des Bundes Dt. Architekten; 1965 Auguste-Perret-Preis, Paris; Ehrendoktorwürden Rom, TH Stuttgart; 1967 Paul-Bonatz-Preis der Stadt Stuttgart; 1968 Großer Preis des Landes Nordrhein-Westfalen für Baukunst; 1969 Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin; 1970 Erasmuspreis. - S. hinterließ keine programmatische Architekturtheorie. Seine Äußerungen in Reden, Vorlesungen und Schriften erklären die entwerferische Herangehensweise nur bedingt. In der Verknüpfung von Bewusstseinsgeschichte mit der Kulturgeschichte des Bauens bezog er sich auf Theorien von Jean Gebser, er rezipierte aber ebenfalls die Theorien zum Organischen Bauen seines Weggefährten Häring. V.a. der Einfluss von Raum und Zeit auf die Form findet in seinen Schriften immer wieder Erwähnung. Außerdem spielte für S. der technologische Fortschritt im Bauwesen für die Formfindung eine bed. Rolle. S. leistete mit seinem Versuch den Sinn einer jeden Bauaufgabe in den Raum hinein zu komponieren einen einzigartigen Beitrag zur Archit. der ersten und zweiten Moderne in Deutschland. Sein Werk blieb innerhalb der Architekturgeschichte insofern ohne Vergleich, als es auf der Erkenntnis beharrte eine Archit. zu schaffen, die nicht der statischen, sondern der dynamischen Natur verhaftet war.
Vom Stadt-Wesen und Architekt-Sein (Textsammlung), B. 1986.
Einzelausstellungen:
1967 Berlin, AK (K) / 2008 Marl, Scharoun Schule / 2012 Madrid, Goethe Inst. -
Gruppenausstellungen:
2009 Erfurt, KH: KunstLichtSpiele (K).
Thieme-Becker, Vollmer und AKL:
ThB29, 1935; Vo4, 1958
Weitere Lexika:
ELU IV, 1966; Oudin, 1970; M.Emanuel (Ed.), Contemp. architects, N.Y. u.a. 31994; Davidson III.1, 1995; DA XXVIII, 1996; Dict. de l'archit. du XXe s., P. 1996
Gedruckte Nachweise:
M.Staber, Zodiac 10:1962, 52-92;E.Janofske, Die Architekturauffassung H.S.s, ihr gedanklicher Ansatz und dessen praktische Umsetzung, Diss., Da. 1982; K.-J. Thiele, Über H.S., B. 1986; P.Pfankuch (Ed.), H.S.: Bauten, Entwürfe, Texte, B. 1993 (umfangreiche Lit.; WV); A.Wendschuh (Ed.), H.S., Zchngn, Aqu., Texte, B. 1993 (WV); H.S., Chronik zu Leben und Werk (K AK), B. 1993; C.Threuter, H.S.s Architekturzeichnungen aus der Zeit von 1939 bis 1945, Diss., Univ. Ffm., 1994; P.Blundell Jones, H.S., Lo. 1995; R.Friedrich u.a., Die Berliner Philharmonie, B. 1999; B.Burckhardt (Ed.), S. - Haus Schminke, St. 2002; J.C. Kirschenmann/E.Syring, H.S. 1893-1972. Außenseiter der Moderne, Köln 2004; W.-C. Wang, Chen-kuan Lee (1914-2003) und der Chin. Werkbund mit Hugo Häring und H.S., B. 2010; E.Glück u.a. (Ed.), Papier - Linie - Licht, B. 2012; W.Wang u.a. (Ed.), Philharmonie 1956-1963. H.S., Tb. 2013; K.Barthmann u.a. (Ed.), H.S.s Theater für Wolfsburg 1973-2013, B. 2013; P.Kurz (Ed.), S., Geschwister-Scholl-Schule, St. 2014; C.Krohn, H.S. Bauten und Projekte, Basel 2018; E.-M. Barkhofen, H.S. Archit. Auf Papier, M. 2022; W.Nerdinger, Archit. in Deutschland im 20.Jh., M. 2023
Onlinequellen:
S.-Arch.; S. Ges. (WV, Schriften)
Scharoun, Hans, Architekt (Prof.) in Berlin, *20. 9. 1893 Bremen. Hauptwerke: Haus auf der Werkbundausst. Stuttgart 1927. - Breslauer Wohnheim, 1929. - Haus Schminke, Löbau/Sa., 1933. Lit.: A. de Fries, Junge Baukst in Deutschland, 1926. -G. A. Platz, Baukst d. neuest. Zeit, 1927, 1930. - Cicerone, 17 (1925) 1109: 18 (1926) 334. - Die Kunst, 66(1931132) 252 Abb. - Kunst u. Künstler, 29 (1930/31) 277 Abb. - Kunstblatt, 11 (1927) 334 Abb. - Kstchronik, N. F. 35 (1925/26) 660 Abb. - Der Schfitting, I (1926/27) H. 3. - Wasmuths Monatsh. f. Baukst, 7 (1922) 58/67; 12(1922/23) 257, Abbn p. 63, 292ff.; 13 (1929) 24 m. Abb. - Mitteilg des Künstlers.
Scharoun, Hans, dtsch. Architekt (Prof. Dr.-Ing.), *20. 9. 1893 Bremerhaven, ansässig in Berlin. Stud. an d. T. H. Charlottenburg 1916 nach Insterburg zwecks Mittätigkeit am Wiederaufbau Ostpreußens. Machte zuerst durch seine auf d. Ausst. der Werkbund-Siedlung in Breslau 1929 gezeigten Entwürfe, u. a. für ein Ledigenheim, von sich reden. Seit den 30er Jahren in Berlin. Hier hauptsächl. als bahnbrechender Planer neuzeitl. Städtebauwesens tätig. Seit 1945 am Wiederaufbau Berlins schaffend: Stadtrat f. d. Bauplanungswesen, Organisator bei Wiedereinrichtung des Planungsamtes, Direktor des Instituts für Bauwesen bei d. Akad. d. Kste u. Dozent für Stadtebau an d. T. Univ. Charlottenburg. Hat sich hauptsächl. bekannt gemacht durch seine mit dem 1. Preis gekrönten Wettbewerbsentwürfe für einen Neubau des Kasseler Staatstheaters (1954) u. für den Neubau der Berliner Philharmonie (1956). Beide Entwürfe zeichnen sich durch kühne, die Tradition grundsätzlich aufgebende Behandlung aus. Der allerdings noch nicht fest zur Ausführung bestimmte Philharmonie-Entwurf sieht eine amphitheatralische Anlage vor, die bes. den Forderungen der Akustik gerecht zu werden sucht. 1954 Fritz-Schumacher-Preis, 1955 Berliner Kstpreis für Architektur. 1955 Präsid. der Akad. d. Wissenschaften in Berlin. Lit.: Th.-B., 29 (1935). - D. Architekt, 4 (1955) 21; 5 (1956) 114; 6 (1957) 2281., m. 2 Abbn. - Architektur u. Wohnform, 63 (1955) Beilage p. 34, 36. - D. Bauhelfer, 1 (1946) H. 5, p. 1/5. - Baukst u. Werkform, 8 (1955) 236/39, m. 2 Abbn. - D. Baumeister, 51 (1951) 537. - Bauwelt, 46 (1955) 276. - Cahiers d'Art, 1929, p. 413f., m. 6 Abbn. - Hefte f. Baukst u. Werkform, 1(1947) 24/26. - D. Kst u. d. schöne Heim, 52 (1953/54) Beil. p. 118. - D. Kstwerk (Baden-Baden), 1(1946/47) H. 4, p. 51. - Wasmuths Monatsh. f. Baukst, 11 (1927) 400 (Abb.). - The Studio, 1929, p. 691/96, m. Abbn. - D. Werk (Zürich), 40 (1953) 319/22. - D. Welt (Berlin), 21. 12. 56. - Tagesspiegel (Berl.), 18. 12. 56, m. 2. Abbn; 2. 2. 57. - Morgenpost (Berl.), 25. 8. 56, m. Fotobildn.; 18. 12. 56, m. Abb. - D. Tag (Berl.), 18. 12. 56, m. Abb. - Hamburger Abendbl., 10. 12. 54. - Spandauer Volksbl. (Berl.), 10. 12. 54.