Lippi, Filippino (eigtl. Filippo; identisch mit dem sog. Amico di Sandro), ital. Maler, Zeichner, *1457 Prato, †20.4.1504 Florenz. Sohn des Malers und Karmelitermönchs Filippo L. und der Nonne Lucrezia Buti.
Lippi, Filippino (1457)
Das Geburtsjahr ist nicht gesichert, die illegitime Beziehung der Eltern beginnt 1456 kurz nach der Berufung des Vaters zum Kaplan des Augustinerinnenklosters S.Margherita in Prato. Erstmals erw. ist L. am 8.5.1461 in der anonymen Anzeige der Beziehung der Eltern. Die Ausb. erfolgt in der Wkst. des Vaters, der bis 1465 die Hauptchor-Kap. der Kirche S.Stefano in Prato freskiert. Zus. mit ihm ist L. von Mai 1467 bis zum Abschluss der Arbeiten im Dez. 1469 in Spoleto bei der Ausmalung der Dom-Apsis dokumentiert. Dort erhält L. trotz seines jugendlichen Alters bereits Zahlungen anstelle des Vaters. Die Beteiligung an den väterlichen Projekten von klein auf könnte seine bemerkenswert frühe künstlerische Reife erklären. Nach dem Tod des Vaters im Okt. 1469 wird der Zyklus in Spoleto unter der Ltg von dessen langjährigem Gehilfen Fra Diamante vollendet, dem der minderjährige L. anvertraut wird. Dok. zu einer Tätigkeit L.s in Fra Diamantes Wkst. fehlen, doch werden ihm einzelne Figuren in einer Predella desselben mit Szenen aus der Kindheit Christi zugeschr. (um 1469/70; Prato, MCiv.). Bereits im Juni 1472 ist L. im Libro Rosso der Compagnia di S.Luca als Mitarb. Sandro Botticellis verzeichnet, dem bedeutendsten Schüler seines Vaters („Filippo di Filippo da Prato dipintore chon Sandro di Botticello“). Dabei sehen Teile der jüngeren Forsch. L.s Beziehung zu S.Botticelli nicht mehr als trad. Ausb.-Verhältnis, sondern weisen ihm trotz seines jugendlichen Alters bereits den Status einer innerhalb der Wkst. selbstständigen Künstlerpersönlichkeit mit verantwortungsvolleren Aufgaben zu. Die Rekonstr. von L.s Frühwerk erweist sich aufgrund mangelnder Dok. als problematisch und wird nach wie vor kontrovers diskutiert. Viele der auf stilistischer Grundlage mit ihm in Verbindung gebrachten Werke wurden auch and. Künstlern (meist S.Botticelli) zugeschrieben. B.Berenson (1899) schuf für eine bestimmte Werkgruppe gar eine eig. Künstlerpersönlichkeit mit dem Notnamen Amico di Sandro, gliederte diese jedoch später selbst wieder dem Œuvre L.s ein (Berenson, 1932). Als Gemeinschaftswerke L.s und S.Botticellis gelten allg. die Anbetung der Könige (London, NG, Inv. 592) und eine lünettenförmige Marienkrönung (um 1475; Washington, NG of Art). Daneben kopierte L. Werke des Meisters oder führte Aufträge nach dessen Zchngn aus wie die Fünf Sibyllen (Oxford, Christ Church Gall.) sowie sechs Szenen aus dem Leben der Esther (um 1475; ehem. zwei Cassoni zugehörig, heute Chantilly, Mus. Condé; Florenz, Mus. Horne; Ottawa, NG of Canada; Paris, Louvre; Rom, Gall. Pallavicini). Als eigenständige, vor 1480 entstandene Werke L.s gelten versch. zumeist kleinformatige Taf. wie die Drei Erzengel (Turin, Gall. Sabauda) sowie zwei weitere Cassone-Taf. mit den Geschichten der Lucrezia (Florenz, Pal. Pitti) und Geschichten der Virginia (Paris, Louvre). Auch eine ehem. S.Botticelli zugewiesene Pietà (Cherbourg, Mus. Thomas Henry) mit starken Anklängen an Fra Filippo L. dürfte von dessen Sohn stammen. L.s Hw. dieser Phase ist eine weitere Anbetung der Könige ebenfalls in London (NG, Inv. 1124), in der die karge Lsch. einen auffallend großen Raum einnimmt, während die kleinfigurige Haupthandlung friesartig auf den Vordergrund beschränkt bleibt. Bereits hier zeigt sich L.s ausgeprägtes Interesse an der Lsch., auch wenn seine Arbeiten dieser Zeit weiterhin von S.Botticelli bestimmt bleiben. Gegen E. der 1470er Jahre übernimmt L. selbstständig erste größere Aufträge, dabei sind seine Arbeiten zunächst für Orte außerhalb von Florenz bestimmt. Um 1478 entsteht ein Altar-Gem. für die Servitenkirche von Pistoia (nicht erh.). A. der 1480er Jahre ist er für versch. Kirchen in Lucca tätig. Aufgrund einer testamentarischen Verfügung Francesco Magrinis vom 5.7.1479 führt L. um 1481/82 die Pala mit den Hll. Rochus, Sebastian, Hieronymus und Helena für einen Seitenaltar in S.Michele in Foro aus. Kurz darauf erhält er am 29.9.1482 den Auftrag zur Ausstattung der Bernardi-Kap. in S.Maria del Corso, bestehend aus Fresken (nicht erh.) und einem intermediären Altarbild mit einer zentralen Holz-Skulptur des Hl.Antonius Abbas (Benedetto da Maiano zugeschr., farbige Fassung von L., heute Lucca, MN Villa Guinigi) und Seitenflügeln mit den Hll. Benedikt und Apollonia sowie Paulus und Frigidian (Pasadena, Norton Simon Mus.). Die gemalten Hll.-Figuren sind in ihrer statuarischen Monumentalität wie auch motivisch auf die Skulptur abgestimmt, was sich in Analogien der Hll. Benedikt und Antonius Abbas zeigt. Große Sorgfalt verwendet L. trotz des äußerst beschränkten Platzes auf die Lsch.-Darst. der Hintergründe. Die strohgedeckte Fachwerkmühle und die Stadtsilhouette zitieren Motive aus Hans Memlings kurz zuvor in Florenz eingetroffener Madonnen-Taf. (Uffizien) und sind ein erster Beleg für L.s intensive Auseinandersetzung mit der niederl. Malerei. Diese prägt auch die beiden Tondi mit der Verkündigung an Maria für die Sala dell'Udienza des Pal. Pubbl. in S.Gimignano (1483; ebd., MCiv.), mit einer stilllebenhaften Ausstattung der Interieurs (darunter eine mechanische Pendeluhr) und einer effektvollen Schilderung versch. Oberflächen und Stoffe, die maltechnisch durch die Verwendung der mit Öl versetzten Tempera grassa ermöglicht wird. In Florenz mietet L. am 1.5.1480 ein Haus in der Via del Palazzuolo, wo er bis 1488 auch seine Wkst. unterhält. Am 18.8.1481 tritt er der Compagnia di S.Paolo bei, einer Flagellanten-Bruderschaft, zu deren Mitgl. u.a. Lorenzo de' Medici zählt. Seit M. der 1480er Jahre übernimmt L. zunehmend wichtige Aufträge in Florenz. Am 31.12.1482 wird er anstelle Peruginos mit der Ausf. eines Freskos in der Sala dei Gigli des Pal. della Signoria (Pal. Vecchio) beauftragt, das jedoch unausgeführt bleibt. Einen weiteren prestigeträchtigen Auftrag für den Pal. della Signoria erhält L. am 27.9.1485. Die große Altar-Taf. mit der Thronenden Madonna mit den Hll. Joh.Bapt., Viktor, Berhard und Zenobius (nach Vasari irrtüml. als Pala degli Otto di Pratica bez.) ist urspr. für die Sala dei Dugento bestimmt (heute Uffizien) und auf den 20.2.1486 datiert. Mit ihrer feierlichen Monumentalität weist diese Sacra Conversazione auf die Altar-Gem. der Hoch-Renaiss. voraus. Die körperliche Präsenz und verhaltene Dynamik der Figuren verrät wiederum eine intensive Auseinandersetzung mit der zeitgen. Skulptur, so zitiert der Hl.Joh.Bapt. die Bronzefigur des Ungläubigen Thomas von Andrea del Verrocchio und der enge, tonnengewölbte Bildraum der Tavola centinata bildet hierfür eine Art rahmenden Tabernakel. Dem Anonimo Magliabechiano zufolge soll die Taf. von Leonardo da Vinci begonnen worden sein. Anregungen von dessen unvoll. Anbetung der Könige (Uffizien) nimmt die sog. Pala Rucellai auf, deren Madonna lactans mit den Hll. Hieronymus und Dominikus unter freiem Himmel im Schatten eines Baumes Platz genommen hat. Die Lsch. ist auch das beherrschende Thema von L.s Hw. dieser Zeit, der Marienvision des Hl.Bernhard im Auftrag des Humanisten Piero del Pugliese, Freund und Förderer L.s, für die Klosterkirche Le Campora bei Florenz (um 1485; seit 1529 in der Badia Fiorentina). Die Jungfrau Maria tritt mit ihrem andächtigen Gefolge von Engeln an das auf einem Baumstumpf in einer Felsnische improvisierte Schreibpult des Hl. Bernhard (Figurenstudie: Uffizien) und inspiriert durch die Berührung der im Entstehen begriffenen Ms.-Seite die ihr gewidmete Homilie. Im Schatten der Gesteinsformation türmt sich ein Bücherstilleben auf, das nicht allein L.s Bravour in der Wiedergabe unterschiedlicher Materialien, sondern auch versch. Schrifttypen demonstriert. Aus einem geöffneten Himmel ergießt sich ein überirdisches, goldenes Licht, das sich über die gesamte Szenerie ausbreitet. Die auf einer Anhöhe vor einem Kloster versammelten Mönche erinnern an entsprechende monastische Szenen Filippo Lippis, während sich das Profilporträt des betenden Stifters als Halbfigur in abisso mit dem Naturalismus nordalpiner Vorbilder zu messen sucht. In den 1480er Jahren ist L. über einen längeren Zeitraum mit der Voll. des berühmten Petrus-Zyklus der Brancacci-Kap. in S.Maria del Carmine beschäftigt, der rund 60 Jahre zuvor von Masolino und Masaccio begonnen worden war. L.s erste selbstständige Freskoarbeiten entstehen somit für das Kloster, in dem sein Vater lange Zeit gelebt und gewirkt hatte. Obwohl L. in den frühen Quellen übereinstimmend als Vollender der Fresken genannt wird, sind keine Dok. bekannt, die Auskunft über die Chronologie dieses für jene Zeit ungewöhnlichen Projektes geben könnten. Hinter dem Auftrag vermutet wurde zuletzt eine bruderschaftlich organisierte Gruppe der führenden Fam. aus dem Viertel des Oltrarno. L. widmet sich zunächst den noch von Masaccio beg. Szenen der Erweckung des Sohnes des Theophilus und des Petrus auf der Kathedra im unteren Register der linken Kap.-Wand, deren Lücken er u.a. mit Gruppenporträts seiner Auftraggeber als Zeugen des dargestellten Wunders schließt. Hinzu kommt auf dem Eingangspilaster die Szene mit dem Besuch des Paulus bei Petrus im Kerker. Zu einem späteren Zeitpunkt folgt die Ausmalung des gesamten unteren Registers der gegenüberliegenden Wand mit den Szenen der Kreuzigung Petri und dem Disput der Apostel mit Simon Magus vor Nero. Wie sein Vorgänger Masaccio an der gegenüberliegenden Wand hat L. hier sein eig. Bildnis eingefügt. Zuletzt entsteht am Eingangspilaster die Befreiung Petri aus dem Kerker. Die späteren Szenen sind freier in der Anlage, doch zeigen auch sie L.s Assimilation an den hist. Stil Masaccios, sowohl in der friesartigen Figurendisposition vor flächigen, abstrahierten Archit.-Folien, in der klaren Handlungsführung als auch in der plastischen Modellierung der Einzelfiguren. Einzelne Motive wie die fratzenhaft überzeichneten Gesichtszüge des Schergen in der Kreuzigungsszene weisen allerdings schon auf die späteren Freskenzyklen L.s voraus. M. der 1480er Jahre ist L. in Florenz etabliert und bereits zu einem gewissen Wohlstand gelangt, wie der Ankauf eines Hauses in Prato sowie zweier Häuser in der Via degli Agnoli (heute Via Alfani) in Florenz belegen, wo L. fortan seine Wkst. unterhält. Er wird nun auch von den Medici gefördert, in deren Auftrag er 1487/88 neben S.Botticelli, Domenico Ghirlandaio und Perugino an der Dekoration der Villa dello Spedaletto bei Volterra beteiligt ist (nicht erh.). Auf Empfehlung Lorenzo il Magnificos erhält L. einen seiner bedeutendsten Aufträge, die Ausstattung der Grab-Kap. für den aus Neapel stammenden Kardinal Oliviero Carafa in der Dominikanerkirche S.Maria sopra Minerva in Rom. Am 26.8.1488 reist L. zur Unterzeichnung des Vertrages (2.9.) erstmals dorthin. Wieder in Florenz setzt er am 21.9.1488 sein Test. zur Absicherung der Mutter und Schwester auf, in dem auch zwei noch unbezahlte Taf.-Bilder für den ungar. König Matthias Corvinus erwähnt werden. Danach begibt er sich wohl zunächst nach Spoleto, wo er das von L.de' Medici gestiftete Grabmal für seinen Vater Filippo im dortigen Dom entwirft. Dessen antikische Ornamentik nimmt Motive des Altarrahmens der Carafa-Kap. in S.Maria Sopra Minerva, Rom, vorweg, deren Ausstattung L. anschl. beginnt (Herbst 1488 Ausmalung der Gewölbefelder mit vier Sibyllen). Im folgenden Jahr ist er von Juni bis Nov. in Florenz mit der Freskierung des Gewölbes der Strozzi-Kap. in S.Maria Novella beschäftigt (s.u.). Zw. Jan. 1490 und Aug. 1493 ist er wiederum in Rom und reicht im Jan. 1491 einen Wettb.-Entwurf für die Florentiner Dom-Fassade ein. Zum Besuch von Papst Alexander VI. am 25.3.1493 dürfte die Ausstattung der Carafa-Kap. weitgehend voll. gewesen sein. Als Fortsetzung des marmornen Eingangsbogens malt L. im Inneren der Kap. eine mit reichem antiken Dekor versehene Schein-Archit. aus mon. Bogenstellungen, die den Rahmen für die versch. Szenen bilden. Der Gottesmutter ist die Altarwand an der Stirnseite gewidmet. Das freskierte Altarbild in einem groteskenverzierten Marmorrahmen zeigt entsprechend dem Patrozinium die Verkündigung an Maria mit dem Hl.Thomas von Aquin und Kardinal Oliviero Carafa. Letztere sind dabei im geschlossenen Gemach der Jungfrau anwesend. Deren ambivalenter Gestus dient zugleich als Antwort auf den Gruß des Engels und als Segen für den knienden Bittsteller. Die verbleibende Wandfläche rund um das zentrale Retabel nimmt das dramatische Geschehen der Himmelfahrt Mariens ein. Dabei scheint sich der Kapellenraum jenseits des fingierten Bogens und gleichsam hinter dem Altaraufbau zu einer weiten Landschaft zu öffnen. Unten drängen sich im Vordergrund beiderseits des Retabels und teilweise von diesem überschnitten die überraschten Apostel um den leeren Sarg Mariens. Die Himmelszone unter dem Bogen ist der Gottesmutter vorbehalten, die, auf einer schwebenden Wolkenbank stehend, von einem bewegten Reigen musizierender Engel in die Höhe geleitet wird. L. schafft hier einen neuen Prototyp der Assunta, deren Pathos und kräftige Farben effektvoll auf die Fernwirkung in das Kirchenschiff angelegt sind. Dem Kirchenlehrer Thomas von Aquin ist die rechte Lateralwand gewidmet, die ein reich mit liturgischem Gerät dekoriertes Gebälk in zwei Register teilt. In der oberen Lünette ist in einer geöffneten Pfeilerhalle neben versch. Assistenzfiguren fast am Rande eine Wunderszene des Hl. dargestellt (Zwiesprache mit dem Kruzifix in Verbindung mit dem Keuschheitswunder). Das quadratische Bildfeld darunter zeigt inmitten einer bühnenartigen Archit.-Kulisse den Triumph des Kirchenlehrers über die Häretiker (Präsentations-Zchng: London, BM). Im Hintergrund hat L. zwei Rom-Veduten eingefügt, von denen eine die urspr. Aufstellung des Reiterstandbildes des Mark Aurel auf dem Lateran zeigt, die and. den Tiberhafen. Das Fresko der gegenüberliegenden Wand (Triumph der Tugenden über die Laster, Beschr. bei Vasari), an der sich auch der Zugang zu der eigentlichen Grabkammer befand (sog. Cappellina, 1494 ausgemalt von Raffaellino del Garbo nach Entwürfen L.s) wurde beim Einbau des Grabmals für Papst Paul IV. Carafa 1566 zerstört. Die Carafa-Kap. bietet L. Gelegenheit zu einer ambitionierten Kap.-Ausstattung, die sich mit zeitgen. röm. Vorbildern wie Pintoricchios Bufalini-Kap. in S.Maria in Aracoeli oder der Ausstattung der Sixtinischen Kap. misst und die aufgrund ihrer Lage und liturgischen Funktion auch mit einem entsprechend illustren Publikum rechnen konnte. Während seines Aufenthaltes in Rom eignet sich L. auch einen umfangreichen antiken Formenschatz an, der in die sich unmittelbar anschl. Ausmalung der Grab-Kap. des Filippo Strozzi in S.Maria Novella in Florenz einfließen sollte. Noch vor seiner Abreise aus Florenz hatte L. am 21.4.1487 den Vertrag hierfür unterzeichnet. Darin verpflichtet er sich bis zum 1.3.1490 zur Voll. der Fresken, von denen Anzahl und Anordnung, nicht jedoch die einzelnen Themen festgelegt sind. Der Beginn der Arbeiten verzögert sich durch den von den Medici beförderten Romaufenthalt. Bereits zuvor war L. für F.Strozzi tätig: 1482 ist der Entwurf für eine Spalliera-Taf. mit vegetabilem Dekor dok. (nicht erh.); ein Madonnenbild (New York, Metrop. Mus.), dessen Hintergrund-Archit. das Wappen der Strozzi trägt, wird um 1483/84 datiert. Im Frühjahr 1489 kündigt L. in einem Brief an F.Strozzi seine Ankunft in Florenz für den kommenden Johannestag (24.6.) an und versichert, sich dort endlich und ausschl. dessen Auftrag zu widmen zu wollen. Bis Nov. freskiert er wahrsch. das Gewölbe mit den vier Patriarchen des AT (Adam, Noah, Abraham, Jakob). F.Strozzi starb vor der Fertigstellung seiner Kap. am 14.5.1491, in seinem Test. werden die Erben zu einer Voll. der Arbeiten innerhalb von zwei Jahren verpflichtet und die Finanzierung der Ausmalung sichergestellt sowie die darzustellenden Themen festgelegt. Nach L.s Rückkehr aus Rom führt er in den Jahren 1494/95 zunächst die Szenen aus dem Leben des Hl. Philippus an der O-Wand aus, 1496/97 folgt die Altarwand. Im April 1497 kommt es zu einem Rechtsstreit zw. L. und den Erben um eine angemessene Bezahlung für den Ankauf von Pigmenten, der zu L.s Gunsten entschieden wird. Im Gegenzug sichert er die unverzügliche Voll. der Arbeiten zu. Diese kommen jedoch erst 1502 mit den Fresken zum Leben des Joh.Ev. an der W-Wand zum Abschluss, wie die Dat. der Auferweckung der Drusiana zeigt. Das Ausstattungsschema der Strozzi-Kap. ist aus jenem der Carafa-Kap. entwickelt, im Verhältnis von Bildhandlung und Archit.-Rahmen übertrifft es dieses jedoch an Komplexität. Die Seitenwände der Kap. sind den beiden Aposteln gewidmet, sie zeigen jeweils zwei großformatige Szenen aus deren Vita: in den unteren, annähernd quadratischen Bildfeldern die Wundertaten mit der Vertreibung des Drachens durch den Hl.Philippus und der Auferweckung der Drusiana durch Joh.Ev., in den Lünetten darüber die Martyrien mit der Kreuzigung des Hl.Philippus und dem Joh.Ev. im Ölkessel vor Kaiser Domitian. Die narrativen Szenen spielen sich im äußersten Vordergrund auf einer Bühne ab, die von einer menschenleeren, artifiziellen Archit.-Kulisse mit versch. antiken Gebäudetypen und Mon. hinterfangen wird. Vielfältige antike Motive, darunter militärische Trophäen und Heereszeichen, Lampen, Bauschmuck, Statuen heidnischer Idole sowie reiche Trachten und Gewänder evozieren das Bild eines eher bizarr und exotisch als klassisch anmutenden Altertums. Die ornamentale Prachtentfaltung findet ihren Höhepunkt an der Altarwand, wo eine antiken Triumphbögen nachempfundene Schein-Archit. das zentrale farbige Glasfenster (Maria mit dem Kind und Hll. Philippus und Joh.Ev. nach Entwurf L.s) einschließt. Ihren Sockel bildet der Altar mit dem integrierten, skulpturalen Grabmal des Auftraggebers (von B.da Maiano). Belebt wird diese überwiegend als Grisaille mit wenigen farbigen Akzenten ausgef. Schauwand von bewegten Engelsfiguren, Allegorien und Genien. Inschr.-Taf., fingierte Reliefs, Skulpturen und heraldische Motive bereichern den Schmuck. Wie bereits von Vasari bemerkt, führt L. in der Strozzi-Kap. mit ihren überbordenden Archit.- und Grotesken-Fantasien in Florenz einen bis dahin ungekannten Dekorationsstil ein. Dabei hat die ambivalente Verwendung von ostentativem antiken Prunk im christlichen Kontext, die noch dazu während der Hochphase der Herrschaft Girolamo Savonarolas ausgef. wurde, die Forsch. lange Zeit irritiert. Gleichzeitig mit der Ausstattung der Strozzi-Kap. arbeitet L. an zahlr. and. Aufträgen. Vor der Vertreibung der Medici im Nov. 1494 beginnt er in der Eingangsloggia der Villa von Poggio a Caiano ein Fresko mit dem Tod des Laokoon (Fragm. mit Archit.-Darst. erh.; Zchng: Florenz, Uffizien). Als eines seiner bedeutendsten Altar-Gem. fertigt L. im Auftrag des Tanai de' Nerli die Thronende Maria mit dem Kind, dem Johannesknaben und den Hll. Katharina und Martin mit dem Stifterpaar für dessen 1493 erworbene Fam.-Kap. in S.Spirito (Studie für das Porträt des Auftraggebers in den Uffizien). Im Hintergrund der feierlichen Sacra Conversazione geben Arkaden den Blick auf eine Florentiner Straßenszene frei, zu deren anekdotischen Schilderungen auch der Abschied eines Mannes (aus der Fam. des Auftraggebers?) von Frau und Kind vor den Toren eines Pal. gehört. Im Gegensatz zu den Fresken der Strozzi-Kap. setzt L. antike Motive hier nur punktuell ein, etwa als Groteskendekor der Pfeiler und am Marienthron mit einem Kentaurenfries. Die Kap.-Ausstattung umfasste urspr. auch ein bemaltes Glasfenster, für das sich eine Präsentations-Zchng L.s mit der Mantelspende des Hl. Martin und dem Wappen des Auftraggebers in den Uffizien erh. hat. Vom 6.3.1496 stammt L.s zweites Test., das eine zwischenzeitlich (wahrsch. 1494) erfolgte Eheschließung mit Maddalena Monti bezeugt. Zu den Nachkommen aus dieser Verbindung zählen der Maler Ruberto und der Goldschmied Giovanni Francesco. Auf den 29.3.1496 dat. ist die Taf. mit der Anbetung der Könige für den Hauptaltar von S.Donato a Scopeto (heute Uffizien). Die figurenreiche Komp. unterscheidet sich deutlich von L.s früherer Formulierung dieses Themas. Wie S.Botticellis berühmte Anbetung in den Uffizien enthält sie zahlr. Porträts, nimmt aber auch Anregungen Leonardo da Vincis auf, dessen unvoll. Taf. gleichen Themas (ebd.) sie ersetzten sollte. Bis zum Lebensende stark beschäftigt und von Auftraggebern aus ganz Italien gefragt, unterhält L. ab 1502 eine zusätzliche Wkst. in der Via dei Servi. Bereits im März 1495 erhält er den Auftrag zu einem Altar-Gem. für die Kartause von Pavia, für das er jedoch lediglich Zchngn ausführt (Paris, Louvre). Auch der 1498 erfolgte Auftrag für das Altarbild der Sala del Gran Consiglio des Pal. Vecchio in Florenz gelangt nicht über das Entwurfsstadium hinaus. Eine Beteiligung an der Ausstattung des Studiolo der Isabella d'Este schlägt L. 1502 wegen Überlastung aus. Für den Altar der Isolani-Kap. in S.Domenico in Bologna vollendet er 1501 die Mystische Vermählung der Hl. Katharina (sign., dat.). Zwei Jahre später datiert ist das Altar-Gem. mit den Hll. Sebastian, Joh.Bapt. und Franziskus und die zugehörige Lünette der Maria mit dem Kind und Engeln für die Genueser Kirche S.Teodoro (heute ebd., Pal. Bianco). Bei seinem plötzlichen Tod hinterlässt L. zahlr. unvoll. Werke, darunter seinen großen, im Jahr zuvor nochmals erneuerten Auftrag einer Kreuzabnahme für den Hauptaltar der SS.Annunziata in Florenz (Gall. dell'Accad.; Zchngn u.a. New York, Metrop. Mus.). Die Taf. wird 1507 von Perugino vollendet. Vasari berichtet von der großen öff. Anteilnahme bei der Beisetzung L.s in S.Michele Visdomini. Das ausführliche Inv. seines Nachlasses vom 24.4.1504 gibt einen wertvollen Einblick in den Hausstand eines Renaiss.-Künstlers, zu dem auch versch. Musikinstrumente und eine Bücher-Slg gehören. - Als einer der bedeutendsten Florentiner Maler des späten Quattrocento weiß L. unterschiedliche Einflüsse sowohl zeitgen. ital. und niederl. als auch antiker Vorbilder aufzunehmen und diese in seinen Werken auf originelle Weise und je nach den spezifischen Erfordernissen der jeweiligen Aufgabe fruchtbar zu machen. Von Vasari mit dem Etikett „bizarr“ versehen, sollten v.a. von seinen fantastischen Bildfindungen der Strozzi-Kap. wichtige Impulse für die folgende Künstlergeneration des Manierismus ausgehen. Von herausragender Bedeutung ist auch L.s umfangreiches zeichnerisches Œuvre, das neben flüchtigen Komp.-Skizzen überwiegend Einzelstudien (Metallstift mit Weißhöhung auf getöntem Papier) und einige sorgfältig ausgeführte Präsentations-Zchngn in lavierter Feder umfasst.
Weitere Werke:
Thieme-Becker, Vollmer und AKL:
ThB4, 1910 (im Art. Botticelli, Sandro); ThB23, 1929; ThB37, 1950 (s.v. Amico di Sandro)
Weitere Lexika:
Gnoli, 1923; DEB VI, 1974; Bauer, GEM V, 1977; PittItalQuattroc II, 1986; DA XIX, 1996; DBI LXV, 2005
Gedruckte Nachweise:
G.Vasari, Das Leben des Sandro Botticelli, F.L., Cosimo Rosselli und Alesso Baldovinetti, ed. A.Zeller u.a., B. 2010; B.Berenson, GBA 21:1899, 459-471 und 22:1899, 21-36; B.Berenson, Ital. Pictures of the Renaiss., Ox. 1932; A.Scharf, F.L., W. 1935 (²1950); K.B. Neilson, F.L. A critical study, Cambridge/Mass. 1938; E.Borsook, BurlMag 112:1970, 737-745, 800-804; M.Meiss, ArtB 55:1973, 479-494; I.H. Shoemaker, F.L. as draughtsman, Diss. Columbia Univ., 1975; J.R. Sale, F.L.s Strozzi Chapel in S.Maria Novella, N.Y./L. 1979; C.L. Clark, Studies in iconography 7/8:1981/82, 175-185; G.L. Geiger, F.L.s Carafa chapel, Kirksville/Mass. 1986; D.Carl, FlorMitt 31:1987, 373-391; E.Parlato, in: S.Danesi (Ed.), Roma, centro ideale della cultura dell’antico nei sec. XV e XVI, R. 1989; J.K. Nelson, Rd'A 43:1991, 33-57; id., The later works of F.L. From his Roman sojourn until his death (ca. 1489-1504), Diss. Univ. of New York, 1992; The drawings of F.L. and his circle (K Metrop. Mus.), N.Y. 1997; S.Roettgen, Wandmalerei der Früh-Renaiss. in Italien, II, M. 1997; M.Montesano, in: L.Secchi Tarugi (Ed.), Il sacro nel Rinascimento (Tagung Chianciano 2000), Fi. 2002; M.Vitiello, Le archit. dipinte di F.L., R. 2003; Botticelli e F.: L’inquietudine e la grazia nella pitt. fiorentina del Quattrocento (K Paris/Florenz), Mi. 2004; F.Falletti/J.K. Nelson (Ed.), F.L. e Pietro Perugino, Livorno 2004. M.Ferretti, in: Matteo Civitali e il suo tempo. Pittori, scultori e orafi a Lucca nel tardo Quattrocento (K Lucca), Mi. 2004; F.L. Un bellissimo ingegno (K Prato), Fi. 2004; J.K. Nelson/P.Zambrano, F.L., Mi. 2004 (WV; Lit.; Dok.); S.Standbury, Studies in iconography 25:2004, 197-219; J.Burke, Changing Patrons, University Park 2004; T.J. McGee, Renaiss. and Reformation 30:2006(3)5-28; D.Ganz, in: id./T.Lentes (Ed.), Ästhetik des Unsichtbaren, B. 2004; P.Rubin, in: M.Hochmann u.a. (Ed.), Programme et invention dans l’art de la Renaiss., P. 2008; G.Cornini, in: Il '400 a Roma. La rinascita delle arti da Donatello a Perugino (K Rom), I, Mi. 2008; L.Melli, FlorMitt 52:2008(2/3)88-108; P.Helas/G.Wolf, in: M.W. Cole/R.E. Zorach (Ed.), The Idol in the Age of Art, Ashgate 2009; Filippo e F.L. La Renaiss. à Prato (K Paris), Mi. 2009; J.K. Nelson, in: R.Hatfield (Ed.), Sandro Botticelli and Herbert Horne, Fi. 2009; Virtù d’amore (K), Fi. 2010; M.M. Simari, Medicea 9:2011, 6-11; J.Grave, in: id. u.a. (Ed.) Das Auge der Archit. (Tagung Basel 2007), M. 2011; F.L. e Sandro Botticelli nella Firenze del '400 (K Rom), Mi. 2011; G.Cammarota, Bd'A 96:2011(10)125-138; L.Mainini, Storia dell'arte, n.s. 31:2012, 9-26; D.Rapino, La Pala Nerli di F.L. in S.Spirito, Fi. 2013; Da Donatello a L.: Officina pratese (K Prato), Mi. 2013; C.Acidini, in: M.De Giorgi u.a. (Ed.), Synergies in Visual Culture, M. 2013
Lippi, Filippino, florent. Maler, * um 1457 (?) Prato, †18. 4. 1504 Florenz, Sohn des Fra Filippo L. und der Lucrezia Buti. Sein Geburtsjahr meist nach Datum des Eintritts s. Vaters als Kaplan des Klosters S. Margherita in Prato berechnet. Für früheres Datum (etwa 1452) sprechen die von Fausti (s. Fra Fil. Lippi, Lit.) publizierten Dokumente in Spoleto, nach denen L. bereits gewisse Selbständigkeit besitzt, sowie Erscheinen s. Namens 1472 in den Büchern der Lukasgilde. Nach Prateser Dok. von 1501 (Guasti p.118) in Prato aufgewachsen. 1467/69 Gehilfe s. Vaters in Spoleto, erhält er am 31. 12. 1469 Abschlußzahlung u. kehrt allein nach Florenz zurück. Weitere Ausbildung unter Don Diamante, mit dem er 1478 wegen Besitz eines Hauses im Sprengel von S. Pier Maggiore, Florenz, prozessiert (Horne, Botticelli, 31). Enger Anschluß an Botticelli: 1472 erscheint er in Büchern der Lukasgilde als "dipintore chon S. B." (Supino 133). - Die von Albertini behauptete Mitwirkung an den Fresken der Sixtin. Kap. ist durch ein zeitgenöss. Dokument widerlegt (Jh. preuß. Kstslgn XVIII [1897] 165), dagegen hat er an der (zerstörten) Dekoration der Villa dell' Ospedaletto mitgewirkt (Horne 1. c. 109). - 31. 12. 1482 wird ihm - absenti - eine früher Perugino überwiesene Wanddekoration im großen Saal des Signoriepalasts übertragen (Gaye I, 579; ob je ausgeführt?). In die gleiche Zeit oder wenig später (vor 1486) fällt Ausführung des Altarbilds für die Kirche alle Campora im Auftrag von Pietro del Pugliese (Badia; Dok. Miscell. d'arte 1903, 1ff. [Supinoj), sein frühestes gesichertes Bild, und Vollendung der Fresken der Brancaccikap. der Carmine (darüber ausführl. Vas. Mil. III, 479ff.), die sich über mehrere Jahre erstreckt haben wird (Vasaris Angabe, Granacci sei Modell zu dem Königssohn der Auferweckung, ist wohl zuverlässig; danach etwa 1488/89 gemalt). Hier entfaltet L. seine besten Gaben. 1485/86 Altarbild für Sala degli otto di pratica im Signoriepalast (Uffizien; Zahlgn v. 27. 9. 85 bis 3. 6. 86; datiert 20. 2. 1485[186]. Alle Dok. Riv. d'arte VI [1909] 305 ff. [Poggi]). Bereits 21. 4. 1487 wird ihm die Malerei der Strozzi-Kap., S. Maria Novella, übertragen (Vas. Mil. 471 Anm., cf. Cr. Cav. it. Ausg. 68169 Anm.). 5. 1. 1488 (st. c.) kauft er Haus in Via degli Angioli, jetzt Alfani (Carocci, Illustr. flor. IV [1907] 6). 27. 8. 1488 in Rom vom florent. Gesandten dem Kard. Caraffa vorgestellt, reist er am selben Tag nach Florenz zurück (Brief Caraffas v. 2. 9. publ. von Müntz in Arch. stor. d. arte H [1889] 483), wo er 21. 9. Testament macht (Mlanesi, N. docum. 148 Nr 170; Strutt, Fra Fil. 183). Am Schluß Prokura für Franc. del Pugliese, betr. 2 für M. Corvinus gemalte Tafeln der Madonna mit Heiligen (also nicht die 2 Längsbilder der Slg Samuelson, London, wie Cl. Phillips annahm: Art Journal 1906, 1ff., cf. Poggi, Riv. d'arte IV [1906] 106, s. a. Lit. 6). Ein Abendmahl für dens. König nennt ein Epigramm des Ugol. Verino (Fabriczy, Jahrb. pr. Kstslgn, XXII [1901] 235 Anm.). Ende 1488 u. folg. Jahre Entstehung der Fresken der Caraffakap. in S. Maria sopra Minerva in Rom, L.s Hauptwerk, der Verherrlichung des hl. Thomas v. Aquino gewidmet; Raffaellino del Garbo ist hier sein Gehilfe. Von Rom aus schreibt L. 2. 5. 1489 an Fil. Strozzi u. verspricht, die Arbeit für ihn im Sommer anzufangen (Cr. Cav. it. Ausg. 30/1). Noch 15. 1. 1491 (st. c.) von Florenz abwesend, beteiligt er sich an Konkurrenz für die Domfassade (Vas. Le Monnier VII 245). 1492 ist Bild mit hl. Franz in Glorie (London, Nat. Gall. 598) datiert. 7. 3. 1495 übernimmt er Altarbild für die Certosa b. Pavia - Pietà u. 2 Heilige -, bei s. Tod kaum angelegt (Vas. Mil. 475 Anm. 3; cf. Boll. Umbro XIV [1908] 97ff.; Briefe von 1496 u. 99 darüber). Ein Entwurf dazu im Louvre (Berenson, Flor. dr. Nr 1380). Im selben Jahr macht er erneut Testament (Vas. Mil. 491) u. wird wegen kleiner Schuld gepfändet (Bombe, Monatsh. f. Kw. V [1912] 349). 29. 3. 1496 ist als Datum auf Rückseite der "Anbetung der Könige", Uffizien, vermerkt (aus S. Donato a Scopeto b. Florenz; Dok. in Riv. d'arte IV [1906] 100 u. VII [1910] 93). 19. 1. 1497 (st. c.) schätzt er mit and. die Fresken Baldovinettis in S. Trinità (Z. Bicchierai, Alc. doc. artist. FIz. 1855, 18) u. heiratet im selben Jahr Maddalena di Piero Monti. 1497 ist die "Begegnung von Joachim u. Anna", Kopenhagen Gal., datiert (aus Slg Kard. Valenti). 28. 5. 1498 Auftrag auf Altarbild für großen Ratssaal im Signoriepalast (nicht ausgeführt, Cr. Cav. it. Ausg. 57; cf. Frey, Jahrb. d. pr. Kstslgen, XXX [1909] Beih. 121/23; L.s Name noch 17. 6. 1500 genannt). 26. 8. mit and. zur Herstellung der durch Blitz beschädigten Laterne der Domkuppel berufen. 1498 ist das Straßentabernakel in Prato - nahe bei den vom Vater ererbten Häusern, wo seine Mutter wohnte - datiert, das zu L.s glücklichsten Schöpfungen gehört. Im selben Jahr Steuererklärung, die günstige Verhältnisse L.s bekundet (Pini-Milanesi, Scrittura d. artisti I, 78; Carocci I. c.). Eine Zahlung vom 27. 11. 1500 für Arbeit an der Strozzikap. in S. Maria Novella läßt vermuten, daß L. sie begonnen hatte; das Datum 1502 mit voller Signatur auf dem Fresko der Auferweckung der Drusiana bezeichnet gewiß Vollendung des umfangreichen Zyklus. Dazwischen entsteht 1501 die Vermählung der hl. Katharina, San Domenico, Bologna, die mehrfach von Bologneser Künstlern benutzt ist (Boll. d'arte IV [1910] 189 [Colasanti]). 26. 1. 1502 (st. c.) Beschluß des Rats von Prato, L. ein Altarbild mit Madonna, Stefanus u. Johannes d. T. zu übertragen, das er in Florenz ausführt (Guasti, 118ff. - Stadtgal., Prato, dat. 1503, ib. 56ff., Restzahlg 28. 4.). 1503 ist Altarbild im Pal. Bianco, Genua - Sebastian zw. 2 Heiligen u. Lünette - datiert, aus S. Teodoro, Stiftung des Napol. Lomellini (cf. Labt), Rass. d'arte VI (1906] 61). Im selben Jahr Auftrag auf Bild für Hochaltar der Annunziata, Florenz (Vas. Mil. 475 Anm. 2); bei s. Tod in unvollendetem Zustand, wird es 1505 (Bombe, Gesch. d. Perug. Malerei, 1912, 376) Perugino zur Vollendung übergeben (Uffizien). L.s Komposition ist in 2 übereinstimmenden Skizzen bewahrt (New York, Metrop. Mus. [Bull. d. Mus. 1912, 216], u. ehem. Boehler, München; cf. Zeitschr. f. bild. Kst, LX [1926/27] 22). 25. 1. 1504 (st. c.) nimmt L. an der Beratung wegen Aufstellung von M. Angelos David teil. †18. 4. 1504 (nicht 1505, wie Vas. angibt); begraben 20. 4. in S. Michele Visdomini, der Kirche, in dessen Sprengel sein Wohnhaus lag (Vas. Mil. 476 Anm. u. 492). Er hinterließ 3 Söhne, von denen Gio. Francesco in Cellini's Vita (ed. Bacci, 1901, 27) als Goldschmied, Roberto bei Vasari (VI, 608/09) als Schüler des Rustici genannt wird. Hat der Unterricht durch Fra Filippo u. Don Diamante L. die wesentliche Grundlage gegeben, so wurde die weitere Ausbildung bei Botticelli für die erste selbständige Periode L.s entscheidend. Einige Bilder dieser Zeit stellten schon Cr. Cav. zusammen, die Berenson mit einer größeren Zahl verwandter Arbeiten einem "amico di Sandro" zugeschrieben hat (s. Study and criticism of Ital. art I, 1901, 46ff., Florent. painters 3, 100). Hauptwerke dieser Epoche: Anbetung der Könige, London, Nat. Gall. 1124 (früher Botticelli zugeschr.), die 3 Erzengel, Turin, Gal.; die Serie von Cassonetafeln aus Pal. Torrigiani, Florenz, mit Gesch. der Esther in Chantilly, Paris (Privatbes.), Wien (Gal. Liechtenstein) u. Florenz (Casa Horne) wohl die schönsten erhaltenen Cassonebilder; eng verwandt die Cassoni mit Lucretia, Pal. Pitti, und Virginia, Louvre, sowie mit allegor. Frauen, Florenz, Gal. Corsini; endlich die kleine Tafel mit Tobias u. Erzengel, früher Slg Benson, London (Catal. of pictures collected by R. and E. Benson, Lo. 1914, Nr 32). Dieser Gruppe stehen die Altarbilder in Lucca, S. Michele (4 Heilige), u. in d. Gal. in Neapel (Verkündigung u. Heilige) nahe, ebenso einzelnes in der Brancaccikap. (Befreiung Petri). - Ist in den Werken dieser Gruppe eine ausgesprochene Hinneigung zu anmutiger Form in Bewegung wie Farbengebung (vorwiegend helle Töne) zu bemerken, so gewinnt seine Kunst in den 80er Jahren an Kraft, ohne jene Eigenschaften zu verlieren. Hauptwerke: Altarbild der Badia, die an ausgezeichneten Bildnissen reichen Fresken der Carmine, denen die Freskenbildnisse in den Uffizien, in Berlin u. a. anzureihen sind; das Altarbild der Uffizien von 1486 und das besonders anmutige Tondo im Pal. Corsini, Florenz. - Mit dem römischen Aufenthalt, der durch die Fresken in S. Maria s. Minerva ausgefüllt ist, tritt ein neues Element in Erscheinung: Drang nach Bewegung und gesteigerter Charakteristik der Gestalten, Füllung der Kompositionen mit reichem Beiwerk. Dadurch kommt in seine Werke von jetzt ab eine immer größere, den Eindruck häufig schädigende Unruhe. Wo er, wie im Altarbild, zu strafferer Konzentration genötigt ist, leistet er noch jetzt Hervorragendes; die für Tanai de' Nerli gemalte Madonna mit Heiligen, noch an Ort u. Stelle in S. Spirito, Florenz, bedeutet vielleicht den Höhepunkt s. Schaffens überhaupt. Verwandt das Tondo, ehem. Warren, Lewes (Berenson, Study and criticism, 11 90ff.). Das Streben nach lauter Bewegung macht sich dagegen in der "Anbetung der Könige", Uffizien (voll. 1496), störend bemerkbar (die Madonna dieses Bildes mehrfach allein wiederholt, wie in der Madonna Davis, Newport; Rass. d'arte XI [1911] 115). Die von Knapp beobachtete Einwirkung des van der Goes (Mitt. d. Ksthist. Inst. II (1917) 207) ist hier neben dem Einfluß der Komposition Leonardos wirksam. - Die Übersteigerung seiner Ausdrucksmittel, die man mit Recht als "barock" bezeichnet hat (Berenson I. c), tritt peinlich in dem Freskenzyklus der Strozzikap. in S. Maria Novella hervor, wie in den Gestalten, so in der unruhigen Gewandbehandlung und in der überreichen Verwendung römischer Reminiszenzen im Ornament. Verwandt das Altarbild in Kopenhagen. Fast gleichzeitig aber schafft er das edle Fresko in Prato u. die feine kleine Doppeltafel im Seminario, Venedig. Selten bei L. Bilder profanen Inhalts: die Allegorie der Musik, Berlin, K.-Friedr.-Mus., Centaur, auf der Rückseite eine nur angelegte Allegorie, Oxford, Christ Church (Kat. Borenius 1916, T. XII u. XIII), ein nicht klar gedeutetes kleines Bild der Uffizien (Kat. 1926 Nr 8378, früher Pal. Pitti). - Die Frage, welche Einzelbildnisse L. zugeschrieben werden können, ist noch nicht genügend geklärt. Am ehesten kommt für L. das Jünglingsporträt, ehem. in Oldenburg, jetzt Reichsmus. Amsterdam, in Betracht, einzelnen Köpfen in der Carmine eng verwandt (vgl. Schmidt-Degener, Versl. omtr. 's Rijks Mus. Verzlgn, XLVIII: 1925, p. 11). - Die Zahl der von L. erhaltenen Zeichnungen ist sehr groß, größer als bei irgendeinem florent. Maler des Quattrocento; der (nicht vollständige) Katalog Berenson's (s. Lit. 5) verzeichnet über 100 Nummern, wozu noch die unter "amico di Sandro" aufgeführten Blätter kommen. Fast in allen Samml. ist L. vertreten, am reichsten in Florenz. Das meiste Einzelstudien, wenig Kompositionen, vorwiegend Silberstift mit Weißhöhung, seltener Feder, zeigen diese Blätter L.s Kunst oft von ihrer besten Seite. 1. Quellen: F. Albertini, Memoriale di molle statue, Flz 1510 (Cr. Cav. d. Ausg. II, Anhang), passim. - Libro di A. Billi, ed. Frey, Berl. 1892, 49. - Il Cod. Magliab., XVII 17 ed. Frey, Berl. 1892, 116. - Vasari, Le vite, ed. Milanesi, III (1878) 461. ff. - 2. Dokumente: Guasti, I quadri d. Gall. di Prato, Prato 1888. - Weitere Dokum. im Text. - 3. Zusammenfassend: Crowe-Cavalcaselle, Gesch. d. ital. Mal., III 179; engl. Ausg. ed. L. Douglas, IV 273; ital. Ausg. (wichtig) VII (1896) 1. - I. B. Supino, Les deux Lippi, Flz 1904. - P. G Konody, Fil. L., Lo. 1908. - A. Venturi, Storia d. arte ital., VII, 1 (1911) 643. - 4. Würdigungen: Burckhardt, Cicerone, 1. Aufl. 802; 10. Aufl. II 3, 704. - J. Meyer in Jahrh. d: pr. Kstslgn, XI (1890) 16 ff. - H. Mackowsky, Das Museum (W. Spemann), IX 21. - 5. Zeichnungen: B. Berenson, Drawings of the Florent. painters, Lo. 1903, I 70 ff., 75 ff.; I 13 ff., 68 ff., Nachtrag 181. Seither publiz.: Disegni d. R. Gall. d. Uffizi, S. IV Fasc. I (15 Bl., Text von Ch. Loeser, wichtig). - Selected drawings ... Oxford, 1903 ff., T. III u. V. - Vasari Society, IV, Lo. 1908/09, T. 12/13 (2 Darstell. d. Pietà, Slg Loeser; vgl. Meder, Die Handzchg, 37). - Handzchngn alter Meister ... Frankfurt, 1908 ff., V 4; XV 5. - Zeichngn alt. Mstr. Berlin, I, 1910, T. 15121. - Ital. Handteekn.... Stockholm 1917, Nos. 38145. - Hdzchngn a. Meister in Privatslgn (hrsg. v. F. Becker), Lpzg 1922, T.31. - Hdzchngn a. d. Albertina, N. F. II (1925) T. 38. - H. S. Ede, Flor. drawings of the Quattrocento, Lo. 1926, 22. - Zchngn alter Meister ... Hamburg (Prestel Ges. XVII), 1927, T. 6. - L'Arte, VI (1903) 303 (Colasanti). - Dedalo, VII (1927) 777 (Giglioli). - Burl. Mag., XXX (1917) 244 (Karton f. Pietà, Slg Benson, Wilton House). - Zur Kritik der Zeichnungen : Morelli, Kstchronik, N. F. III (1892) u. 1V (1893), passim. - Becker in Rep. f. Kw. XXVIII (1905) 122. - 6. Einzelnes: Reinach, Rép. d. peintures, I/VI, passim. - Berenson, Flor. painters, 3 1909, 147 (Bilderliste, vgl. 100 "Amico di Sandro"). - Zu Amico di Sandro: B. Antoniewicz in Bull. Acad. Cracovie Jan. Febr. 1905 (vgl. Riv. d'arte, III [1905] 132) u. Bachstitz Bull., IXIX [1925] 103 (Gronau). - R. Vischer in Ztschr. f. b. Kst, X (1875) 306 (2 Tondi m. Verkündig. S. Gimignano, Auftrag d. Kommune 13. 1. 1483 [st. c.], ohne Nennung d. Künstlers, b. Pecori, Stor. d. S. Gimignano, Flz 1853. 572). - Supino in Vita d'arte, 1 (1908) 143 (Hieronymus, Flz Akad., aus d. Badia). - Schubring in Ztschr. f. christl. Kst, XVIII (1905) 97 (Madonna Strozzi, froher Slg Martius, Kiel, jetzt Amerika, Privat (?); vgl. Rass. d'arte, V [1905] 6). - Cagnola in Rass. d'arte, VI (1906) 41 (2 Tafeln Slg Samuelson; vgl. auch Burl. Mag., X X [1911] 171). - Bilder in russ. Privatbes.: Trésors d'art en Russie, 1165, 170; 1V Taf. 14 (männl. Bildnis, Smlg d. Herz. v. Leuchtenberg); Staryje Gody, April 1912, p. 41, Taf. gegen p. 36; Weiner u. a., Les anc. écoles de peint., 1910, 23; vgl. L. Venturi in L'Arte, XV (1912) 125. - Zuschreibungen: Belvedere, Forum VII, 1925, 119; Apollo 1 (1925) 67. - Die Cassoni: Schubring, Cassoni, Text-Bd 120, 122, 292ff. u. Apollo, V (1927) 105.
Amico di Sandro, Spitzname, unter dem B. Berenson in Gaz. d. b. arts 1899 I 459ff.; II 21ff., ferner in seinem Werke Drawings of the Florent. Painters (1903) und im Burlington Magazine 1903, I 20 das Werk eines Botticelli-Werkstattgenossen zusammenzufassen sucht, der wahrscheinlich (nach Herbert Horne, Burlington Magazine 1903, II 22ff.) mit einem Bartolommeo di Giovanni identisch ist. - Vgl. auch Botticelli. Warburg.