Frei zugänglich

Merian, Maria Sibylla

Geboren
Frankfurt (Main), 2. April 1647
Gestorben
Amsterdam, 13. Januar 1717
Land
Deutschland, Niederlande, Dänemark
Geschlecht
weiblich
GND-ID
Weitere Namen
Merian-Graff, Maria Sibylla; Merian, Maria Sibylla; Merian, Sibylla Maria; Graff, Maria Sibylla
Berufe
Vogelmaler*in; Maler*in; Kupferstecher*in; Miniaturmaler*in; Blumenmaler*in; Radierer*in; Aquarellmaler*in
Wirkungsorte
Nürnberg, Suriname, Frankfurt (Main), (Schloss) Waltha-State (West-Friesland), Amsterdam
Zur Karte
Von
Wüthrich, Lucas Heinrich
Zuletzt geändert
25.08.2025
Veröffentlicht in
AKL LXXXIX, 2016, 145; Liebich; Grieb

VITAZEILE

Merian, Maria Sibylla, dt. Malerin, Radiererin, Entomologin schweiz. Abstammung, *2.4.1647 Frankfurt am Main, †13.1.1717 Amsterdam. Tochter aus 2.Ehe von Matthaeus M. d.Ä. und der Johanna Sibylla Heim, Halbschwester von Matthäus M. d.J. und Caspar M., Stieftocher von Jacob Marrel, verh. mit Johann Andreas Graff, Mutter von Johanna Helena, verh. Herolt, und Dorothea Maria Henrietta, verh. Gsell.

LEBEN UND WIRKEN

Schon als Elfjährige begann M. Blumen zu malen, angeleitet von ihrem Stiefvater und bes. von dessen Schüler Abraham Mignon. Marrel brachte ihr auch das Radieren bei, und aus eig. Interesse lernte sie Latein, um sich mit Botanik und Zoologie wiss. befassen zu können. Nach der Heirat 1665 mit Marrels Mitarb. Graff in Frankfurt am Main übersiedelte sie mit diesem nach Nürnberg. Dort gab M. 1675 das erste ihrer Florum Fasciculi im Druck heraus, danach zwei weitere, alle verlegt von ihrem Mann. 1680 erschienen die drei Teile geschlossen mit insgesamt 36 Taf. u.d.T. Neües BlumenBuch, ebenfalls bei Graff. Die Bilder, bei denen sie sich an Vorbilder von Nicolas Robert (*1614) und Georg Flegel (*1563) hielt, waren zuerst als Vorlagen für Stickereien gedacht, die sie für Töchter wohlhabender Bürger zeichnete, denen sie Malunterricht erteilte. Auch mit ihren weiteren Publ. verfolgte sie einen didaktischen Zweck. In dieser Zeit begann M. sich für die Zoologie zu interessieren, im Besonderen für die Metamorphose der Insekten. Ihre praktischen Untersuchungen nutzte sie 1679 zur Veröff. von 50 selbst radierten und kol. Kupfern, die sie u.d.T. Der Raupen Wunderbare Verwandelung und Sonderbare Blumen-nahrung aufwendig in-folio auf Deutsch publizierte (ersch. in Nürnberg bei ihrem Mann und in Leipzig bei David Funk). 1683 folgte ein 2.Tl mit ebenfalls 50 Bll.; 1713/14 gab sie die zwei Tle auf Holländisch heraus, und 1717 ließ Dorothea Maria Henrietta posthum einen 3.Tl folgen. Die behandelten Raupen sind jeweils in ihrer Metamorphose und mit der Futterpflanze dargestellt. In den Raupenbüchern, wie auch später, gab sich M. gleichermaßen als Künstlerin und als Forscherin zu erkennen. Sie hielt die Verwandlung für einen göttlichen Vorgang, wie denn alle ihre Werke auch relig. zu verstehen sind. Die Klassifizierung der von ihr abgebildeten Arten war für sie kein Problem, sie benannte sie entweder nicht oder nach den ihr bek. landläufigen Namen. Die genaue zoologische Bestimmung wurde erst lange nach ihr vorgenommen. Viele der damals vorliegenden zoologischen Druckwerke dürften ihr bek. gewesen sein; ihre künstlerische Tätigkeit war stark von wiss. Motiven begleitet. 1681 kehrte M. nach Frankfurt am Main zurück, von ihrem Mann hatte sie sich bereits getrennt. 1685 zog sie mit Mutter und Töchtern zur Labadistengemeinde auf Schloss Walta-State b. Wieuwerd/Westfriesland. Die das Urchristentum praktizierende Sekte geht auf Jean de Labadie zurück, ein kalvinistischer Konvertit und Pietist. Der vor ihr zur Sekte gestoßene Caspar M. scheint ihr dazu den Weg bereitet zu haben. Innerhalb der strengen Gemeinschaft genoss M. gewisse Freiheiten, was ihr erlaubte, die Insekten-Forsch. intensiv weiter zu betreiben. Dass die Sekte durch die Besitzer des Schlosses, Cornelis van Sommelsdijk und seine Schwestern, enge Verbindungen nach Surinam (ehem. Niederländisch-Guayana) hatten, brachte sie auf den Gedanken, mit der tropischen Tierwelt selbst Bekanntschaft zu schließen. Nach dem Verlassen der Sekte zog sie 1691 nach Amsterdam, kündigte ihr Frankfurter Bürgerrecht auf und ließ sich scheiden. 1699 reiste sie nach langen Vorbereitungen in Begleitung von Dorothea Maria Henrietta in einer zweimonatigen strapaziösen Seefahrt nach Surinam zur dortigen Niederlassung der Labadistengemeinde. Auf der Suche nach den für ihre Forsch. wichtigen Insekten wagte sie sich auch in den tropischen Urwald, wo sie sich eine kräftezehrende Krankheit zuzog, die sie bereits 1701 zur frühzeitigen Rückkehr veranlasste. Sie nahm zus. mit ihren kol. Zchngn umfangreiches Forsch.-Mat. mit, so getrocknete Insekten und Reptilien, mit denen sie in Amsterdam einen einträglichen Handel betrieb, zudem eine ihrer Sklavinnen. Von den vielen in Südamerika aufgenommenen Bildvorlagen zeichnete sie 102 auf Pergament ins Reine, 60 davon ließ sie von den Kupferstechern Joseph Mulder und Pieter Sluiter radieren und kolorierte sie z.T. selbst. Unter die Zchngn von Larven, Raupen, Schmetterlingen und deren Futterpflanzen mischte sie auch solche von Fröschen, Schlangen, Spinnen und einer Eidechse. Das so entstandene Großfoliowerk publizierte sie 1705 im Selbstverlag in einer holl. und einer lat. Ausg. u.d.T. Metamorphosis Insectorum Surinamensium. Ofte Verandering der Surinaamsche Insecten. Erworben werden konnte der Bd sowohl mit schwarzweißen als auch mit von ihr kol. Tafeln. In den Text flocht sie Stellen ein, in denen sie sich zu den Verhältnissen in der niederl. Kolonie sowie zu persönlichen Erlebnissen äußerte. Das bibliophile Prachtwerk machte sie als Entomologin und Künstlerin weltbekannt. Eine zweite geplante Reise nach Surinam trat sie aus gesundheitlichen Gründen nicht an. Johanna Helena, die mit ihrem Ehemann ab 1702 in Surinam lebte, belieferte ihre Mutter von dort aus regelmäßig mit Naturalien. Dorothea Maria Henrietta, die mit ihrem 2.Mann, dem Maler und Zeichner Georg Gsell, nach M.s Tod nach St. Petersburg auswanderte, besorgte dort den 3.Tl des Raupenbuchs. Durch die Stellung ihres Mannes am Hof von Zar Peter I. kam ein wesentlicher Tl des zeichnerischen Nachlasses von M. an die Akad. der Wiss. von St. Petersburg. Im 18. Jh. wurden die Aqu. mit den surinamischen Insekten nach England verkauft, wo ein Tl nach London (BM), ein and. nach Windsor Castle (R. Libr.) gelangte. Ein Tl wurde in versch. Slgn Europas und in Priv.-Bes. verstreut; immer wieder werden einzelne der exakten und bemerkenswert kol. Zchngn in Aukt. angeboten. Die gedruckten Werke von M. sind heute gesuchte Raritäten, bes. begehrt sind kol. Exemplare ihres Opus magnum über die Metamorphose der Insekten Surinams. Es gibt nur ein authentisches Porträt von ihr, ein Stich von Jacobus Houbraken nach einem Gem. von Gsell. - M. erlangte schon zu Lebzeiten Berühmtheit als Künstlerin, v.a. durch ihre Forsch. zur Metamorphose der Insekten, aber auch weil sie als Frau auf eig. Initiative eine Reise nach Übersee unternommen hatte. Sie wird heute nicht nur als Künstlerin und Forscherin, sondern auch als frühe Vertreterin der Frauenemanzipation verehrt. - Faks.: Neues Blumenbuch (1680), Begleittext von H.Deckert, L. 1966; Leningrader Aqu. (1699-1702, St. Petersburg, Akad. der Wiss., Arch.), E.Ullmann (Ed.), 2 Bde, L./ Luzern 1974; Raupenbuch (1679-1717), 3 Tle, Dortmund 1982; Schmetterlinge, Käfer und and. Insekten, Leningrader Stud.-Buch (1703-04, St. Petersburg, Akad. der Wiss., Bibl.), W.-D. Beer (Ed.), 2 Bde, Luzern 1976; Metamophosis Insectorum Surinamensium (1705, nach den Orig.-Aqu. in London, R. Libr.), E.Rücker/W.T. Stearn (Ed.) , Lo. 1982; ibid. nach der holl. Orig.-Ausg. (1705), ed. H.Deckert, Ffm. 1991.

AUSSTELLUNGEN

Einzelausstellungen:

1967 Nürnberg, GNM (K: E.Rücker) / 1997-98 Frankfurt (Main), HM (K: K.Wettengl) / 2008 Amsterdam, Mus. Het Rembrandthuis; Los Angeles (Cal.), J.Paul Getty Mus. (K: E.Reitsma).

 

QUELLEN

Thieme-Becker, Vollmer und AKL:

ThB24, 1930; AKL60, 2009 (s.v. Graff, Johanna Helena); AKL64, 2009 (s.v.Gsell, Dorothea Maria Henrietta)

 

Weitere Lexika:

Nagler IX, 1840; ADB XXIX, 1889; Brun, SKL II, 1908; Frankfurter Biogr. XIX/2, 1966; NDB XVII, 1994; DA XXI, 1996; D.Gaze (Ed.), Dict. of Women Artists, I-II, Lo./Chicago 1997; BLSK II, 1998; Grieb II, 2007; Hist. Lex. der Schweiz, VIII, Basel 2009

 

Gedruckte Nachweise:

M.S. Bodenheimer, Mat. zur Gesch. der Entomologie bis Linné, II, B. 1929; M.A. Pfeiffer, Die Werke der M.M., Meißen 1931; Zülch, 1935; J.Stuldreher-Nienhuis, Verborgen Paradijzen, Arnhem 1944; G.Lendorff, M.M. 1647-1717, Basel 1955; H.Kaiser, M.M., eine Biogr., Dd./Z. 1997; M.M., Künstlerin und Naturforscherin zw. Frankfurt und Surinam (K HM, Frankfurt am Main), Ostfildern 1997; L.H. Wüthrich, Matthaeus M. d.Ä, eine Biogr., Ffm. 2007, 376-383; K.Schmidt-Loske, M.M., Insects of Surinam, Köln 2009 (darin: M.M.s "extremely costly" journey to nature’s treasure-house)

 

Onlinequellen:

RKDartists; Dict. universel des Créatrices, 2023

 


THIEME-BECKER

Merian, Maria Sibylla, verehel. Graff, Malerin u. Kupferstecherin, *2. 4. 1647 Frankfurt a. M., †13. 1. 1717 Amsterdam. Tochter des folg., Schülerin ihres Stiefvaters Jacob Marrel u. Abr. Mignons. Malte (in Öl, Aquar. u. Gouache, auch in beständiger Farbe auf Seide) Blumen, Früchte u. Tiere. Heiratete 1668 den Maler Joh. Andr. Graff u. zog nach Nürnberg. Gab heraus: "Florum fasciculi tres" (36 Kupfertaf., 1679/83) u. "Der Raupen wunderbare Verwandlung u. sonderbare Blumennahrung" (1. Teil Nürnb. 1679, 2. T. Frankft 1683, 3. T. 1717; spätere holl. Ausg. in Amsterdam). 1685 wieder in Frankfurt. Zog sich um 1690 nach Schloß Bosch in Westfriesland zunick. 1699 Reise nach Surinam zwecks Tierstudien; deren Ergebnis: Metamorphosis Insectorum Surinamensium, A'dam 1705 u. ö. (mit 60 Kupfern [einige Exempl. handkoloriert]). Arbeiten i. d. Amalienstiftung Dessau (Ölbild), im Mus. Teyler, Haarlem (3 Aquar.), im Kunsthist. Mus. Wien (Ölbild) u. im Kunsthaus Zürich (Aquar. u. Zeichn.). - Ihre Töchter u. Mitarbeiterinnen: Johanna Helena Graff, *1668, begleitete sie nach Surinam u. heiratete später den Kaufmann Herold, und Maria Dorothea Henrica Graff, *1678, †174:5 St. Petersburg, heiratete 1715 den Maler G. Gsell (s. d.), mit dem sie später nach Rußland ging; gab 1717 den 3. Band des von der Mutter begonn. Raupenwerks heraus. Aquar. u. Zeichn. in d. Akad. d. Wissensch. Leningrad. Doppelmayr, Nachr. v. d. Nürnberg. Mathem. u. Kstlern, 1730 p. 268 ff. - Meusels Miscell. art. Inhalts, 11 (1782) 28. - Hüsgen, Artist. Magaz., 1790 p. 263/75. - Nag1er, Kstlerlex., 9 (1840). - Gwinner, Kunst u. Kstler in Frankf. a. M., 1862; Zusätze, 1867. - Bosherjanoff, Kst in Rußland unter Peter d. Gr. (russ.), 1872 p. 28. - Allg. Dtsche Biogr., 21. - Shaw-Sparrow, Women Painters, 1905. - D. Burckhardt in Brun's Schweiz. Kstlerlex., 2 (1908); der s., M.s Kinder u. Enkel, in: Berichterstattg d. Basler Kstver., 1908 p. 208124 (m.Abb.).-M.J.Friedländer, Die Zeichn. alt. Meister ins Kpferstichkab. [Berlin), I: E. Bock, D. dtschen Meister, 1921 p.253. W. K. Zülch.

 

LEXIKON DER KÜNSTLERINNEN

Merian, Maria Sybilla, verh. Graff, *2.4.1647, †13.1.1717 Amsterdam, Malerin, Zeichnerin, Kupferstecherin, Naturforscherin (Entomologin) und Editorin. Tochter des aus Basel gebürtigen und seit 1624 in Frankfurt/M. ansässigen bekannten Zeichners, Kupferstechers und Buchhändlers Matthäus M. d. Ä. und seiner zweite Frau Johanna Catharina Sibylla, geb. Heim. Schülerin ihres Stiefvaters (zweiter Mann ihrer Mutter), des an holländ. Meistern orientierten Blumen- und Stillebenmalers Jacob Marrel. "In seiner Werkstatt lernte sie zeichnen, die Zubereitung von Farben, die Aquarellmalerei, das Stechen von Kupferplatten und das Drucken." (Wettengl, in: Merkel/Wunder, S. 109). Als Marrel 1659 für längere Zeit wieder einmal nach Utrecht geht, übernehmen ihre weitere Ausbildung seine Kollegen und Mitarbeiter Abraham Mignon und Johann Andreas Graff, den sie am 16. 5. 1665 heiratet. 1670 Umzug nach Nürnberg, wo sie unverh. junge Frauen, ihre sog. "Jungfern-Companie", im Blumenmalen, Zeichnen und Kunststicken unterrichtet (u. a. Paul Fürsts Töchter Magdalena und Rosina Helena →F., Johann Paul Auers Töchter Dorothea Maria und Regina Catharina →A. sowie Clara Regina →Imhoff), mit Farben und Malutensilien handelt und Mitglied des, Pegnesischen Blumenordens' wird. Auch wenn Maria Sybilla erkennt, dass sie als reine Stilleben- und Blumenmalerin nicht das v. ihr selbst gewünschte Niveau z.B. eines A. Mignon erreichen würde, so werden ihre Fähigkeiten, auch im Aquarellieren auf Seide und Atlasgewebe, doch bereits 1675 v. dem bekannten Maler und Kunsthistoriker Joachim v. Sandrart l. in seiner 'Teutschen Academie' gelobt. 1675-80 erscheint ihr 3bändiges 'Neues Blumenbuch' (Florum fasciculi tres) mit je 12 Tafeln als Vorlagensammlung für Dilettantinnen d. Oberschicht. Nach dem Tode ihres Stiefvaters Marrel (11. 11. 1681) kehrt Maria Sibylla 1681 mit ihrer Familie nach Frankfurt zurück, wo sie ebenfalls unterrichtet und 1779 den 1. Teil (50 Tafeln mit, Verwandlungsreihen'), 1783 den 2. des, Raupenbuches' (auch Bienen und Wespen) herausgibt. - 1685 trennt sie sich v. ihrem Mann und zieht 1686 mit ihrer Mutter und den Töchtern Johanna Helena und Dorothea Maria Henrica →Graff zu ihrem Halbbruder Caspar M. in die Niederlande, in die pietistische Gemeinschaft des Jean de Labadie (,Labadisten') auf Schloss Waltha in Wieuwerd, Westfriesland. Nach deren Auflösung und dem Tod der Mutter lässt sie sich 1691 mit den Töchtern in Amsterdam nieder, wo sie mit naturhistorischen und exotischen Malereien und Zeichnungen, kolorierten Kopien und Illustrationen, z. B. für Agnes Blocks 'Großes Kunstbuch' und Georg Everhard Rumpfs (Rumpfius) 'Die Amboinische Raritätenkammer' (ihre letzte große Auftragsarbeit, 1705) ihren Unterhalt verdienen und mit der holländ. Blumen- und Insektenmalerei Bekanntschaft machen. - Maria Sybillas v. J. v. Sandrart erwähnten Ölgemälde sind verschollen. - Ihre Töchter Johanna Helena, verh. Herolt, und Dorothea Maria Henrica, verh. erstens Hendriks, zweitens Gsell, sind ihre Schülerinnen und Mitarbeiterinnen. Von ihren frühen Werken seien hier noch erwähnt: Neues Blumenbuch (32 Bll., 1680; Faksimile, 2 Bde., Dortmund 1982); Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung (3 Bde.: 1679, 1683, 1717/19; 50 Blätter mit Beschreibungen); Rosenborger Florilegium (50 Blumenminiaturen auf Pergament, Stift, Feder, Aquarell, Deckfarbe, Gummi Arabicum, 1670/75, De Dankse Kongers Kronologiske Samling Schloss Rosenborg Kopenhagen). - Für einen höheren Glanzeffekt verwendet Merian für manche Käfer und Raupen zusätzlich zur bevorzugten Aquarelltechnik auf sehr teurem Pergament (Carta non nata', d. h. Haut ungeborener Tiere) auch Silber od. Gold. "Die Farbe trug sie mit einem spitzen Pinsel auf, so daß bei den Umrissen und in den Binnenzeichnungen fein gezogene Linien erkennbar sind. Mit ihr modellierte sie und erreichte die dreidimensionale Bildwirkung, die sie durch die perspektivische Konstruktion nicht zu erzielen vermochte." (Wettengl, aaO., S. 118). Mit einem Stipendium der Stadt Amsterdam reist sie 1699-1701 mit Tochter Maria Dorothea Henriette in die holländ. Kolonie Surinam, wo sie für ihr Hauptwerk malt, zeichnet und sammelt: 'Metamorphosis Insectorum Surinamensium' ('Über Insektengenerationen und ihre Metamorphosen in Surinam). Nach 21 Monaten kehrt Maria Sibylla, nach einem Moskitostich noch eine Malaria befürchtend, mit der Tochter nach Europa zurück. Die Veröffentlichung des Hauptteils ihres Werkes 1705 in Amsterdam mit 62 wunderbaren Platten, die bislang noch nie Gesehenes aus der Pflanzen- und Insektenwelt zeigen, samt exakten Beschreibungen, wird zur Sensation. Um einen Vergleich nach heutigem Geld zu geben: Die unkolorierte Ausgabe kostet damals umgerechnet 380 Euro, die kolorierte 1100; ein kleiner Rembrandt (,Tobias und Anna mit Ziege') wird 1748 für 700 Euro versteigert (n. D. Kühn). - Die komplette Ausgabe mit einem Nachtrag ihrer 1702 nach Surinam gereisten Tochter Johanna Helena erscheint 1717/19 durch deren Schwester Dorothea Maria Henrica, mit einem Titelkupfer, das Maria Sibylla bei der Arbeit zeigt, mit einem Fensterdurchblick auf die Plantagen Guyanas. Von Maria Sibyllas geplanten Erweiterungen des Surinam-Buches mit Bildern v. Schlangen, Krokodilen und Leguanen, sind nur einzelne Vorstudien erhalten (Akademie d. Wiss. St. Petersburg). Arbeiten (Gemälde, Aquarelle, Gouachen, Stiche) der berühmten, bis heute durch zahlreiche Romane und Kunstbiographien gewürdigten, Raupenfrau', der wohl ersten emanzipierten dt. Künstlerin und ihrer Tochter J. H. Graff befinden sich u. a. im Kupferstichkab. Berlin, in der Staatsbibl. Berlin (u. a., Vanille' aus, Recueil de plantes des Indes', kolorierter Kupferstich, Raubdruck Paris um 1668), Blumenstück in chinoiser Vase mit Rosen, Windröschen, Tulpe, Granatapfelblüte, Hyazinthe, Insekten, Schnecke und Eidechse auf einem Holztisch', um 1670/75; 'Kirsche und Tagschmetterling Großer Argus', Kupferstich, 1705), in der Slg. Staatl. Porzellanmanufaktur KMP-Archiv Berlin, im HAUMBr ('Schmetterlinge, Raupen, Grille und Krebs', Gouache auf Pergament), im Städelschen Kunstinstitut Frankfurt/M., im Histor. Mus. Frankfurt/M. (Blumen in chines. Vase, Deckfarbe auf grundiertem Pergament, Leihgabe aus Privatbesitz; Banane mit Raupe und Schmetterling, 1705) sowie in der Senckenbergischen Bibl. Frankfurt/M. (,Der Raupen wunderbare Verwandlung, kolorierte Kupferstiche, 1683), in der Graph. Slg. der Kunstslgn. Weimar (,6 Anemonen', Stift, Aqu. und Deckfarbe auf Pergament, um 1675), in der Sächs. Landesbibl. Dresden (,Metamorphosis insectorum Surinamensium', in holländischer Sprache, Amsterdam 1705), in der Bayer. Staatsbibl. München (dass. in Lateinisch, Original Amsterdam 1705), im Kupferstichkab. des KM Basel (,Blüte einer Rosskastanie und Nachtfalter', Aqu.) sowie in der Universitätsbibl. Basel, in der Stadt- und Universitätsbibl. Bern, in der Graph. Slg. Albertina Wien, auf Schloss Rosenborg in Kopenhagen (,Drei Tulpen mit Raupe des Totenkopfschwärmers', um 1670/75), im British Mus. London, in der Royal Coll. Windsor Castle, im Fitzwilliam Mus. Cambridge (9 Arbeiten, meist Aquarelle, z. T. mit Gummi Arabicum, Tusche od. weiß gehöht od. mit Goldeinfassung, mehrfach auf Velin) und im Nat. Mus. of Women Arts Washington, D. C. (15 Tafeln aus, Der Raupen wunderbare Verwandlung' 1719) - Ihr entomologisches (Schmetterlings-)Studienbuch besitzt die Akademie d. Wiss. St. Petersburg. - In seiner Straßburger Fayence- und Porzellanmanufaktur bringt Paul Hannong um 1748-54 vier Teller heraus, auf deren Fahnen (erhöhten Rändern) n. ihren Stichvorlagen Fliegen und Falter gemalt sind (Slg. Irene und Peter Ludwig). - Das Katalogbuch zur großen Ausst. in Frankfurt/M. 1997/98 bringt den vollständigen Abdruck ihrer Briefe, zeigt unter den ca. 100 Aquarellmalereien auf Pergament und handkolorierten Kupferstichen 40 bis dato unveröffentlichte Aquarelle sowie das 'Stundenbuch' aus der St. Petersburger Akademie und macht damit den Weg frei für neue Forschungen und Werkinterpretationen. Das von Londa Schiebinger ihrem Aufsatz über M. S. M. (in: Schöne Geister. Frauen in den Anfängen der modernen Wissenschaft, Stuttgart 21993, S. 108-33) beigegebene Porträt stellt lt. AK Frankfurt 1997/98, S. 64, nicht sie dar, sondern Esther Barbara v. →Sandrart. - Gelegentlich tauchen Bll. im dt. und internationalen Kunsthandel auf, so am 23. /24. 3. 2000 ein Blumenstück in Öl (1709) für knapp 8200 Euro, etwas später eine, Jacruaru [Surinam-Eidechse] im Versteck (Aqu. und Gouache), am 15./16. 10. 04 im Heidelberger Kunsthaus A. Winterberg, Ananas mit Raupen, Fliegen und Schmetterlingen' aus, Metamorphosen insectorum Surinamensis' (kolorierter Kupferstich, 1705) für 600 Euro und am 10./13. 11. 04 im Berner Kunsthaus Dobiaschofsky für 400 SFr. ein, Orangenzweig mit Frucht und Blüten, Falter und Raupe' (dass.). Der 40 Pf. -Wert der Briefmarkenserie, Frauen der deutschen Geschichte' trägt ihr Gesicht (BRD und Berlin West, Ausgabe 17. 9. 1987), ebenso die 500 DM-Banknote der BRD.

 

Bibliografie

Hüsgen; Nagler; Gwinner; ADB (Fam. -Art. M.); Brun; TB; LdF; NDB; DuMontL; Petteys; Heller 36f; NMWA Wash. /D. C.; Greer; M. S. M., AK GNMNü 1967; Elisabeth Rücker: M. S. M., in: Fränk. Lebensbilder N. F. 1 (1967), S. 221-254; Dies. und Wiliam T. Steam: M. S. M. in Surinam, London 1982; Bosl; Woods/Fürstenwald; Das verborgene Mus.; Charlotte Kerner: Seidenraupe, Dschungelblüte. Die Lebensgeschichte der M. S. M, Basel-Weinheim 1989; Sello I; LudwigsLust. Die Slg. Irene und Peter Ludwig, AK GNMNü 1993; Gaze; Helmut Kaiser: M. S. Merian. Eine Biographie, D'dorf-Zürich 1997; Kurt Wettengl (Hg.): M. S. M. (1647-1717). Künstlerin und Naturforscherin zw. Frankfurt und Surinam, AK Frankfurt/M. 1997/98; BLdSK; Nicoïdski; Ludwig; M. S. M., in: Dieter Wunderlich: Eigensinnige Frauen. Zehn Porträts, Regensburg 1999; Utta Kepler: Die Falterfrau. M. S. M. Biograph. Roman, München 1999 (dtv 20256); IuW; Es kreucht und fleucht. Lebendige Natur, AK KH Kiel 1999; Kurt Wettengl: M. S. M. 1647-1717, in: Kerstin Merkel, Heide Wunder (Hg.): Dt. Frauen d. Frühen Neuzeit. Dichterinnen. Malerinnen. Mäzeninnen, Darmstadt 2000, S. 107-123 und 260-63; Dieter Kühn: Frau Merian! - Eine Lebensgeschichte, Frankfurt/M. 2002; M. S. M. Zeichnungen v. Insekten und Pflanzen, Ausst. Städel Frankfurt/M. 2003; M. S. M. Die St. Petersburger Aquarelle [Blumen, Pflanzen, Raupen, Schmetterlinge, Mineralien, Fossilien, Schnecken, Krebse u. a.], hg. v. Eckhardt Hollmann, München 2003

 

NÜRNBERGER KÜNSTLERLEXIKON

Merian, Maria Sibylla,verh. Graff, Malerin, Kupferstecherin, Naturforscherin, * 2. get. 4. 4. 1647 Frankfurt/Main - † 13. 1. 1717 Tochter des >Matthäus d. Ä. ∞Frankfurt 16.5.1665 Johann Andreas >Graff, Maler aus Nürnberg. Schülerin ihres Stiefvaters Jacob Marrel und des Abraham Mignon. 1670 zog die Familie nach Nürnberg. Graff unterstützte die Arbeit seiner Frau, stach ihre Zeichnungen, verlegte ihre Stiche und half bei ihren Raupenzüchtungen. Zwischen 1675 und 1680 gab sie das "Neue Blumenbuch" in drei Faszikeln heraus, 1679 erschien in Nürnberg der erste Teil der "Der Raupen Wunderbare Verwandlung ..." mit Gedichten von Christoph >Arnold. Der zweite Teil erschien 1683 in Frankfurt. Außerdem malte sie Blumen und Insekten auf Pergament und Stoff und unterrichtete junge Damen in der Blumenmalerei. Wahrscheinlich wohnte die Familie im "Haus zur guldenen Sonne" am Oberen Milchmarkt (Bergstraße 10), das 1705 von Graffs zweiter Frau verkauft wurde. Am 11.11.1681 starb der Stiefvater Jacob Marrel, Anfang 1682 zog die Familie Graff wieder nach Frankfurt. 1685 trennte sich Maria Sibylla von Graff, der nach Nürnberg zurückkehrte. Auch in Frankfurt erteilte sie Unterricht im Blumenzeichnen, 1683 gab sie den zweiten Teil des "Raupenbuches" heraus. 1686 zog sie mit ihren beiden Töchtern und der Mutter zu ihrem Stiefbruder Caspar Merian, der in der Labadistengemeinde von Peter Avon auf Schloß Waltha (Wieuwerderbosch) bei Wieuward lebte. Graff reiste ihnen nach und versuchte vergeblich, seine Frau und seine beiden Töchter nach Nürnberg zurückzuholen. 1690 gab sie ihr Frankfurter Bürgerrecht auf. Als sich die labadistische Gemeinde 1691 auflöste, zog sie mit ihren beiden Töchtern nach Amsterdam, wo sie für Agnes Block malte. Im Juni 1699 reisten Maria Sybilla und ihre Tochter Dorothea Maria nach Surinam, wo sie Fauna, Flora und die Gebräuche der Einheimischen studierten und malten. Hier entstanden die Bilder für ihr berühmtestes Werk, die "Metamophosis insectorum surinamensium". Am (18.) 27. Juni 1701 verließen die beiden Frau Surinam und kamen am (15.) 23. August 1701 in Amsterdam an. Hier ließ sie die Surinambilder von Pieter Sluiter und Joseph Mulder stechen und bat Caspar Commelin um die Bestimmung der Tiere und Pflanzen. Die Kommentare zu den Tafeln verfaßte sie selbst und gab 1705 parallel eine lateinische und holländische Ausgabe heraus. In ihren letzten Jahren arbeitete sie am dritten Teil des Raupenbuches, von dem kurz nach ihrem Tod eine holländische Ausgabe in drei Teilen erschien. An Maria Sybillas Todestag verkaufte der Schweizer Maler Georg Gsell einen Großteil ihres künstlerischen Nachlasses an Robert Areskin, einen Agenten von Zar Peter dem Großen. Gsell heiratete die jüngste Tochter Dorothea Maria (†1743), das Ehepaar ging noch 1717 nach St. Petersburg, wo Gsell Hofmaler und Galeriedirektor wurde. Maria Sybilla Merian gilt als die bedeutendste Malerin der Barockzeit für Blumen, Früchte und Insekten. Panzer verzeichnete ihr Portrait in vielen Varianten. Eine Gedenktafel am Anwesen Bergstraße 10 in Nürnberg erinnert an ihr Wirken. Der Raupen wunderbare Verwandlung ..., 1669; Surinamische Insecten, 1705; Verz. s. Ludwig, 1998, S. 355-358.

 

Werke

BERLIN, Kpstkab. FRANKFURT/Main, Hist. Mus. NÜRNBERG, GNM; -, MStN: Zeichnungen, Kupferstiche; -, StadtB.

 

Ausstellungen

1959/4, -/6; 1967/11 EA; 1970/5; 1974/3; 1992/17; 1997/4 EA Historisches Museum Ffm; 2002/1 Nr. 131; 2003/3, Nr. 22-24.

 

Bibliografie

ADB; NDB; Thieme-Becker; Sikart; Will, GL II, S. 613; Doppelmayr, 1730; Winkelmann, 1842; Barock, 1962; E. Rücker, in: Fränkische Lebensbilder 1, 1967, mit Lit.-Verz.; Wolf-Dietrich Beer: Maria Sybilla Merian, Schmetterlinge, Käfer und andere Insekten, Leipzig 1976; H. Kaiser: Maria Sibylla Merian, Düsseldorf-Zürich 1997; AB 24, 1999, S. 27-56; Stadtlexikon 2000.