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Pisano, Giovanni (um 1250)

Geboren
Pisa / Pistoia, (um) 1240/1250
Gestorben
Siena, 1315 / 1314/1319
Land
Italien
Geschlecht
männlich
GND-ID
Weitere Namen
Pisano, Giovanni (1245); Pisano, Giovanni; Giovanni di Niccola Pisano; Giovanni Pisano (1246)
Berufe
Bildhauer*in; Architekt*in
Wirkungsorte
Siena, Perugia, Pisa
Zur Karte
Von
Haug, Henrike
Zuletzt geändert
28.04.2017
Veröffentlicht in
AKL XCVI, 2017, 51

VITAZEILE

Pisano, Giovanni (Giovanni [di] Niccola), ital. Bildhauer, Architekt, *zw. 1240-50 Pisa oder Pistoia, †1315 oder zw. 1314-1319 Siena, Sohn und Schüler des Nicola P.

LEBEN UND WIRKEN

Das genaue Geburtsjahr von P. ist nicht zu ermitteln. Er wird als "Johannes filius ipsius magistri Nicholi" und damit als Sohn des Meisters Nicola in dem Vertrag gen., den sein Vater mit dem Dombaumeister Melano der Sieneser Dombauhütte am 29. Sept. 1265 vor der von ihm gefertigten Kanzel des Pisaner Baptisteriums abschließt. Darin verpflichtet sich Nicola, ab dem 1. März 1266 - zus. mit seiner Wkst., zu der auch Arnolfo di Cambio und Lapo zählt - in Siena die Kanzel für den dortigen Dom zu fertigen; ihm wird erlaubt, auch seinen Sohn P. an dem Werk zu beteiligen. Der geringe Lohn, den P. pro Arbeitstag vertraglich zugestanden bekommt ("quatuor denariorum Pisanorum minorum") lassen die Vermutung zu, dass er zu diesem Zeitpunkt (1265) noch ein Lehrling war. Dies macht ein Geburtsjahr um 1250 wahrsch., auch wenn ein früheres Datum (1240) in der Forsch. diskutiert wird. Zwei Inschr. auf Kanzeln (Pistoia, S. Andrea, ab 1301: "quem genuit Pisa"; Pisa, Dom, ab 1302: "est Pisis natus"), die ihn als gebürtigen Pisaner ausweisen, bezeugen, dass er nicht wie sein Vater aus dem süd-ital. Raum stammt, sondern nach dessen Wanderschaft und Ansiedlung in Pisa geb. wurde. Sein frühestes dok. Werk ist die Sieneser Domkanzel (voll. 1269). P.s künstlerischer Anteil daran ist allerdings nicht zu klären, da er in der Wkst. des Vaters arbeitet. Die Inschr. der Fontana Maggiore aus Perugia, eine berühmte Brunnenanlage mit einem komplexen kommunalen Bildprogramm, weist dieses Werk ebenfalls als gemeinsame Arbeit der beiden Steinbildhauer Nicola und P. aus, die hier aber nicht mehr in einem Lehrer-Schüler-Verhältnis stehen, sondern als gleichberechtigte Meister auftreten ("nomina sculptorum fontis sunt ista bonorum / arte celebratus Nicolaus admodum gratus / Est flos sculptorum gratissimus isque proborum / Est genitor primus genitus carissimus imus / Cui si non dampnes nomen dic esse Johannes / natu Pisani sint multo tempore sani."). Der Anteil beider Bildhauer ist erneut schwer zu bestimmen, das Adlerrelief am Brunnen jedoch ist von P. signiert. Ein Dok. vom 13. März 1284, das P. als Zeuge bei einem Rechtsakt in Pisa nennt, dokumentiert P. ebd. und überliefert zum einen, dass er Marmorarbeiten am Baptisterium ausführt, zum anderen, dass sein Vater Nicola zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben ist ("actum in Pisis in domo dicte Opere ubi marmora sculpebantur presentibus magistro Johanne quondam magistri Nicholi"). Der Bau der Taufkirche (M. des 12. Jh. begonnen, Erdgeschoss ab 1200, zweites Geschoss ab den 1250er Jahren) zeigt im ersten Geschoss noch das typische romanische Rundbogenmotiv, das sich auch an der Domfassade findet. Darüber werden gotische Wimperge und Filialen mit figuralem Schmuck gesetzt. Dafür liefert P. u.a. überlebensgroße Halbfiguren, von denen er eine Madonna mit Kind, einen Joh. Bapt. sowie Evangelisten und Propheten gefertigt haben soll. Zw. Okt. 1284 und Sept. 1285 bekommt P. die Sieneser Bürgerrechte verliehen und wird von Steuern, Abgaben und öff. Dienstleistungen befreit. Für den Mai 1284 berichtet eine anonyme Chronik (verfasst nach 1362) von der Grundsteinlegung der Domfassade ("En quello anno del mese di maggio si cominciò a fondare la faccia del Duomo dinanzi allo spedale Sante Marie"). Ein Dok. eines Rechtsakts vom 30.8.1287, in dem P. als Zeuge auftritt, verortet ihn zu diesem Zeitpunkt in Siena ("coram magistro Johanne q. magistri Nichole et magistro Orlando olim Orlandi testibus"). Gesichert hat P. das Amt des Dombaumeisters aber erst 1290 inne, wo er in einer Quelle vom 17. Juli 1290, in der eine gegen den Meister verhängte Strafe in eine Geldbuße umgewandelt wird, als "magister Operis beate Virginis Marie et caput magistrorum dicte opere" bezeichnet wird. Dies geschieht mit Hinweis auf die von ihm geleisteten wertvollen Dienste und dem Zusatz, dass ohne seine weitere Arbeit das Werk nicht vollendet werden könne ("sine quo magistro Johanne bene perfici non posset"). Die Forsch. zur Fassade des Doms von Siena (Haas/von Winterfeld, 2006) haben ergeben, dass das in diesem Jahr beg. Untergeschoss auf einem einheitlichen Entwurf des Capomaestro P. als leitendem Architekten basiert und dass auch der deutlich sichtbare Wechsel von "romanischen" zu "gotischen" Formen als eine künstlerische Idee P.s gedeutet werden muss und nicht, wie in der früheren Forsch. vorgeschlagen worden ist, als (möglicherweise auch personellen) Planwechsel zu sehen wäre. Von den für die Domfassade ausgef. Figuren werden ihm u.a. die 14 großen Figuren von Propheten, Sibyllen, Patriarchen und antiken Philosophen zugewiesen, wie auch die sechs Tierfiguren. In einem Nachtrag zum Stadtstatut von Mai 1296 wird noch einmal P. als Capomaestro der Sieneser Dombauhütte genannt, nach dessen Entwurf eine neue Kirche zu Ehren des hl. Johannes errichtet werden soll. Doch schon im Juli 1295 ist er urkdl. gesichert mit Arbeiten am Baptisterium von Pisa beschäftigt; bei der Vermessung des Neigungswinkels des Pisaner Campanile (sog. Schiefer Turm) am 15. März 1298 gehört P. zum Gutachtergremium. Die aus Buchsbaumholz geschnitzte Figur des Gekreuzigten aus dem Berliner Bode-Mus. (Skulpturen-Slg) bezeugt, dass P. auch als Holzbildhauer tätig war (was auch die Inschr. der Pisaner Kanzel aussagt, die zudem noch Arbeiten in Gold hinzufügt) - weitere Holzkruzifixe, die ihm zugeschr. werden, befinden sich heute in S. Andrea in Pistoia, im Dom von Massa Marittima (1287, dat.) sowie im Mus. dell'Opera del Duomo in Siena (insges. acht Werke); eine ziemlich große, aus Elfenbein geschnitzte, dem Schwung des Stoßzahns folgende Madonna mit Kind (53 cm hoch) wird im Pisaner Dom Mus. verwahrt und befand sich urspr. auf dem Hauptaltar des Doms (eine Urk. über eine Elfenbeinarbeit für den Dom ist für Juni 1298 erh.; Barsotti, 1957). Viele seiner Werke zeigen, dass P. auch zeitgen. frz. Arbeiten kannte - was aber nicht zwingend bedeuten muss, dass er tatsächliche Lehrjahre in Frankreich absolvierte, wie von einigen Forschern diskutiert wurde: Er kann auch in Italien (v.a. kleinere, tragbare, aus Holz und Elfenbein gefertigte) frz. Skulpturen gesehen haben. Die Pisani (P. und sein Vater Nicola) gestalten vier Kanzeln: Die erste stammt von P.s Vater Nicola im Baptisterium von Pisa, die zweite ist ein gemeinsames Werk der beiden im Dom zu Siena und die vierte schuf P. für den Pisaner Dom ab 1302. Die dritte der Kanzeln, eines der Hw. P.s, befindet sich in S. Andrea in Pistoia, die laut Inschr. in Hexametern im Jahr 1301 voll. wurde. Die Inschr. nennt P. als ausführenden Steinbildhauer, und bezeichnet ihn als Sohn von Nicola und aus Pisa gebürtig ("sculpsit Johannes, qui res non egit inanes, Nicoli natus sensia meliore beatus, quem genuit Pisa, doctum super omnia visa"). Wie bei allen vier Kanzeln der Pisani trägt ein unteres Geschoss (bestehend hier aus sechs plus einer mittleren Säule) den sechseckigen Kanzelkorb, der von vielfigurigen reliefierten Platten umschlossen ist, die Szenen aus dem Leben Christi (Verkündigung und Geburt, Anbetung der Könige, Bethlehemitischer Kindermord, die Kreuzigung und das Jüngste Gericht) zeigen. Im Anschluss fertige P. ab 1302 die Kanzel des Pisaner Doms, die die ältere Kanzel des Meisters Guglielmo (voll. 1162, heute im Dom von Cagliari) ersetzte. Die Inschr. am unteren Gesims der Kanzelbrüstung ist ein ausdrucksvolles Zeugnis für P.s künstlerische Selbstbewusstsein und den Quellenwert von Künstler-Inschr.: "+ LAUDO DEUM VERUM PER QUEM SUNT OPTIMA RERUM / QUI DEDIT HAS PURAS HOMINEM FORMARE FIGURAS / HOC OPUS HIC ANNIS D?OMI?NI SCULPSERE IOHANNIS / ARTE MANUS SOLE QUONDAM NATIQUE NICHOLE / CURSIS UNDENIS TERCENTUM MILLEQUE PLENIS / IAM DOMINANTE PISIS CONCORDIBUS, ATQUE DIVISIS / COMITE TUNC DICO MONTISFELTRI FREDERICO / HIC ASSISTENTE NELLO FALCONIS HABENTE / HOC OPUS IN CURA, NEC NON OPERE QUOQUE IURA / EST PISIS NATUS UT IOHANNES ISTE DOTATUS / ARTIS SCULPTURE PRE CUNCTIS ORDINE PURE / SCULPENS IN PETRA LIGNO AURO SPLENDIDA TETRA / SCULPSRE NESCISSET, VEL TURPIA SI VOLUISSET / PLURES SCULPTORES REMANENT SIBI LAUDIS HONORES / CLARAS SCULPTURAS FECIT VARIASQUE FIGURAS / QUIS QUIS MIRARIS TUNC RECTO IURE PROBARIS / CHRISTE MISERERE CUI TALIA DONA FUERE. AMEN." ("Ich lobe den wahren Gott, den Schöpfer aller guten Dinge, der einem Menschen verliehen hat, diese reinen Gestalten zu formen. Dieses Werk schufen hier im Jahr des Herrn 1311 mit ihrer Kunst allein die Hände des Johannes, des Sohnes des verstorbenen Nikolaus, als über die Pisaner, mochten sie einverstanden oder abgeneigt sein, der Graf, den ich jetzt nenne, Fredericus von Montefeltro, herrschte, indem ihm hier zur Seite stand Nellus Falconis, der dieses Werk und auch die rechtlichen Belange der Arbeit unter seiner Obhut hatte. Er ist zu Pisa geb. wie jener Johannes, der alle übertreffend nach den Regeln der Kunst rein in Stein, Holz und Gold Glänzendes schuf. Häßliches oder auch Garstiges hätte er nicht bilden können, auch wenn er gewollt hätte. Viele Bildhauer gibt es; ihm bleibt die Ehre des Ruhmes. Er schuf berühmte Skulpturen und mannigfaltige Figuren. Wer sie bewundert, der erweist sein Urteil als richtig. Christus erbarme Dich seiner, dem solche Gaben verliehen waren. Amen."). Nicht nur nennt sie Datum und ausführenden Künstler, sondern leitet das künstlerische Vermögen P.s direkt von Gott ab; sie lobt zudem die Kunstfertigkeit seiner Hände, die berühmte und vielfältige Figuren erschaffen konnten. Die zweite Inschr. am Sockel zeigt, wie der Künstler dieses Medium auch für seine Selbst-Darst. nutzbar machen konnte, berichtet sie doch von vielen Feindseligkeiten und Schaden, die der Künstler während der Ausf. des Werkes erdulden musste ("PLUS HOSTITA DAMNA PROBAVI"). Dies spielt auf Streitigkeiten an, die zw. dem Künstler und dem Leiter der Dombauhütte, Burgundio die Tado, der die Kanzel 1302 in Auftrag gegeben hat, ausgebrochen sind und die über Urk. nachvollziehbar sind. P. nutzt seine Kanzel, um durch sie den Betrachter direkt anzusprechen und um Anteilnahme zu bitten: "UT SIBI LIVOREM TOLLAM MITTIGEMQUE DOLOREM / ET DECUS IMPLOREM VERSIBUS ADDE ROREM". Die Kanzel befindet sich nicht mehr an ihrem urspr. Aufstellungsort; wahrsch. unter der Kuppel an der ersten östlichen Säule des südlichen Querschiffarms; nach dem Dombrand von 1595 wurde sie abgebaut und ist heute eine Rekonstr. von 1926 von Peleo Bacci. In diese Zeit, 1306, fällt auch die Ausf. der halbfigurigen Madonna für das Hauptportal des Pisaner Baptisteriums. Der Name des Künstlers ist in der Sockel-Inschr. überliefert, wohl die letzte Arbeit P.s für diese Taufkirche. P. war auch für Kaiser Heinrich VII. tätig, was durch zwei erh. Werke bezeugt ist. Zunächst schuf er das Grabmal seiner Ehefrau Margarethe von Brabant (Fragm. Genua, Mus. di S. Agostino), die am 14. Dez. 1311 in Genua an einer Seuche starb, die im Heer des zur Kaiserkrönung über Pisa nach Rom ziehenden Heinrich grassierte. Eine Quittung für eine Teilzahlung vom 25. Aug. 1312 an P. legt nahe, dass P. zu diesem Zeitpunkt an diesem ausdrucksvollen Werk arbeitete. Es zeigt die Königin in für die Zeit neuartiger Weise als sich aus dem Liegen aufrichtende Steinskulptur umgeben von zwei ebenfalls fragm. überlieferten Engelsfiguren, die die Königin stützen. Das ehemals sehr viel größere Wandgrabmal steht bis zum Abbruch der Kirche 1798 in S. Francesco di Castelletto in Genua; zum Grabmal gehören zudem die weiblichen Personifikationen der Gerechtigkeit, der Mäßigung und der Tapferkeit (die beiden Letzteren fragm. erh.), so dass eine Rekonstr. des Programms als vier Kardinaltugenden und somit die Ergänzung der Klugheit zur Vervollständigung wahrsch. ist. Die zweite Arbeit für Heinrich ist die 1312/13 geschaffene Figurengruppe einer thronenden Maria zw. der Personifikation der Stadt Pisa als Mutter mit zwei Kindern an den Brüsten und der knieenden, von einem Engel empfohlenen Stifterfigur des Kaisers und steht urspr. über der Porta di S. Ranieri des Pisaner Doms (Fragm. heute Pisa, Mus. dell'Opera). Auf der Maria findet sich erneut eine Künstler-Inschr., die die Ausf. durch P. und sein künstlerisches Selbstbewusstsein bezeugt ("Nobilis arte manus sculpsit Johannes Pisanus"). Ein Dok. vom 9. März 1314 nennt P. in Siena, er wird dort allerdings nicht mehr als Dombaumeister bezeichnet, danach fehlen weitere Nachr. von ihm. Die nördliche Seitenschiffwand des Doms von Siena trägt noch die Grab-Inschr. "HOC EST SEPULCRUM MAGISTRI IOANNIS QUONDAM MAGISTRI NICOLA ET DE EIUS EREDIBUS" und bez. wohl den ehemaligen Begräbnisort. Die in Berlin (Skulpt.-Slg und Mus. für Byz. Kunst.) aufbewahrte Statuette der Madonna mit Kind (Höhe 63 cm) gilt als letztes Werk P.s und wird von der Forsch. auf 1314/1315 datiert. - Die Bed. der Arbeiten von P. ist, wie auch bei seinem Vater Nicola, für die Entwicklung der Bildhauerkunst Italiens nicht zu unterschätzen. Ist das Werk von Nicola sehr deutlich durch die klassischen Impulse geprägt, die aus seiner Beschäftigung mit antiken Sarkophagreliefs herrühren, nimmt P. diese Formen zwar auf, stellt die Figuren aber mit einer stärkeren inneren Unruhe und ausgeprägten Emotionalität dar, die auch in den Beziehungen zw. seinen Figuren, bspw. bei der Madonna mit dem Kind, aufgegriffen werden. Ebenso ist eine deutliche Rezeption von mod., gotischen Formen aus dem frz. Raum in seinem Werk zu erkennen, so dass in der Forsch. immer wieder eine frühe Frankreichreise (nach der Arbeit an der Sieneser Kanzel, also ab 1269, und vor der Arbeit an der Fontana Maggiore in Perugia, die 1278 voll. wurde) und die Kenntnis der Dombauhütten von Reims und Paris diskutiert wurde. Wie so häufig, hat Vasaris Bericht über P. (der in der ersten Aufl. der Viten noch als Nachf. in die Lebens-Beschr. von Andrea P. integriert wurde und erst in der zweiten Aufl. von 1568 - zus. mit seinem Vater Nicola - eine eigene Vita erhielt) für viel Unklarheit gesorgt: So schreibt er P. u.a. eine "Porträtstatue" seines Vaters zu, die er für die Pisaner Kirche S. Maria della Spina geschaffen haben soll, und behauptet, dass P. nicht nur der Architekt des Campo Santo in Pisa war, sondern auch an vielen and. Orten ein, aus heutiger Sicht fiktives, umfassendes archit. Œuvre hinterlassen habe.

WERKE

Empoli, Gall. del Collegiata: Madonnentondo (zugeschr.). London, V&A: Elfenbeinkruzifix (zugeschr.). New York, Metrop. Mus.: Lesepult in Form eines Adlers von der Pistoieser Kanzel (1301). Padua, Arena Kap.: Madonna und zwei Engel vom Grabmal Enrico Scrovegni (1305). Pisa, Mus. dell'Opera del Duomo: Camposanto Madonna (um 1275, zugeschr.); Fragm. der Gradule; Madonna del Colloquio (um 1285); Maria mit Kind zw. Joh. Ev. und Joh. Bapt. Prato, Dom, Capp. del Sacro Cingolo: Madonna della Cintola (um 1312). Siena, Mus. dell'Opera del Duomo: Holzkruzifix (zugeschr.)

AUSSTELLUNGEN

Einzelausstellungen:

1987 Genua, Mus. di S.Agostino (K). -

 

Gruppenausstellungen:

2008 Rimini, Castel Sismondo: La Rinascita dell'Antico nell'Arte Ital. (K)

 

QUELLEN

Thieme-Becker, Vollmer und AKL:

ThB27, 1933

 

Weitere Lexika:

EUA IV, 1958; EWA VI, 1972, 357 ss. (s.v. Giovanni da Pisano); G.Jászai, in: Enc. dell'arte medievale, VI, R. 1995; DA XXIV, 1996; DBI LVI, 2001 (s.v. Giovanni Pisano)

 

Gedruckte Nachweise:

I.B.Supino, Arch. storico dell'arte 5:1892, 65-94; A.Brach, Nicola und P. und die Plastik des XIV. Jh. in Siena, Straßburg 1904; M.Sauerlandt, Über die Bildwerke des P., Dd. 1904; V.Lusini, Rass. d'arte senese 1:1905, 31-34; R.Davidsohn, P. in Siena im Jahre 1314, RepertKw 30:1907, 193-194; P.Bacci, Il "Camposanto di Pisa" non è di Giovanni di N.P., Pisa 1918; id., La ricostruzione del pergamo di P. nel duomo di Pisa, Mi. 1926; A.Venturi, P.. Sein Leben und sein Werk, Fi. 1927; H.Keller, RömJb 1:1937, 139-221; E.Carli, Sculture del duomo di Siena (P., Tino di Camaino, Giovanni d'Agostino), T. 1941; H.Keller, P., W. 1942; W.Braunfels, Das Münster 2:1948/49, 321-349; G.Nicco Fasola, La fontana di Perugia, R. 1951; R.D. Wallace, L'influence de la France gothique sur deux des précureurs de la Renaiss. ital.: Nicola et P., Genève 1953; C.L. Ragghianti, Crd'A 4:1954, 385-396; R.Barsotti, Crd'A 19:1957, 47-56; P.Torriti, Commentari 11:1960, 231-243; H.von Einem, in: E.J. Beer (Ed.), Fs. Hans R. Hahnloser, Basel 1961; H.von Einem, Das Stützengeschoss der Pisaner Domkanzel. Gedanken zum Alterswerk des P., Köln 1962; E.Carli, Giovanni a Siena, Studies in Western art. Acts of the Twentieth Internat. Congress of the hist. of art, N.Y. 1961, I, Pr. 1963; M.Seidel, P. Il pulpito di Pistoia, Fi. 1965; E.Carli, P., Mi. 1966; A.Kosegarten, JbBerlMus 10:1968, 14-100; K.Hoffmann-Curtius, Das Programm der Fontana Maggiore in Perugia, Dd. 1968; A.Middeldorf Kosegarten, JbBerlMus 11:1969, 36-80; G.L. Mellini, Il pulpito di P. a Pistoia, Mi. 1969; M.Ayrton, P., sculptor, Lo. 1969; G.L. Mellini, P., Mi. 1970; J.Pope-Hennessy, An ivory by P., Lo. 1971; M.Seidel, La scultura lignea di P., Fi.1971; id., FlorMitt 16:1972, 1-50; C.Gnudi, Il pulpito di P. a Pistoia, Pistoia 1972; E.Carli, Il pergamo del duomo di Pisa, Pisa 1975; id., P., Pisa 1977; A.Middeldorf Kosegarten, Sienesische Bildhauer am Duomo Vecchio, M. 1984; M.Seidel, Pantheon 42:1984, 219-229; S.H. Ferber, ArtB 66:1984, 65-72; E.Carli, Il pulpito di Pistoia, Mi. 1986; E.Carli, P. e Tino di Camaino, Cinesello Balsamo 1986; M.Seidel (Ed.), P. a Genova (K), Ge. 1987; A.Middeldorf Kosegarten, FlorMitt 34:1990, 2-68; M.Seidel, in: A.M. Romanini/J.Garms (Ed.), Skulptur und Grabmal des Spät-MA in Rom und Italien, W. 1990; A.Ladis, Arte cristiana 82:1994, 177-184; J.Tripps, in: V.Pace/M.Bagnoli (Ed.), Il gotico europ. in Italia, N. 1994; R.P. Novello, in: A.Peroni (Ed.) Il duomo di Pisa, Md. 1995; C.Di Fabio, Rev. del'art 123:1999, 13-26; M.Seidel, in: id. (Ed.), Archit. and sculpture (= Ital. art of the Middle Ages and the Renaiss.), Ve. 2005; K.Kappel, in: Die Kirchen von Siena, III.1.1.1, M. 2006; W.Haas/D.v.Winterfeld, in: Die Kirchen von Siena, III.1.1.1, M. 2006; M.Seidel, FlorMitt 51:2007, 45-158; S.Spannocchi, P., seguaci e oppositori ..., Fi. 2008; A.Dietl, Die Sprache der Sign., B. 2009; F.Ames-Lewis, in: K.W. Christian (Ed.), Patronage and Ital. Renaiss. sculpture, Farnham 2010; M.Seidel, Father and Son. Nicola and P., M. 2012; G.Tigler, in: M.Collareta (Ed.), Visibile parlare. Le arti nella Toscana medievale, Fi. 2013; J.Wiener/W.Augustyn (Ed.), Dialog - Transfer - Konflikt. Künstlerische Wechselbeziehungen im MA und in der Frühen Neuzeit, Passau 2014; K.Hohenfeld, Die Madonnenskulpturen des P., Weimar 2014; G.Ameri, in: A.C. Quintavalle (Ed.), Medioevo, natura e figura, Mi. 2015; B.Fricke, in: ead./U.Krass, The public in the picture. Involving the beholder in Antique, Islamic, Byz. and Western Medieval and Renaiss. Art, Z. 2015.

 


THIEME-BECKER

Pisano, Giovanni, Bild hauer u.Architekt, * Pisa (Kanzelinschr. Pistoja) um 1245/48, † wahrscheinlich Siena (wo ereine Grabstätte am Dom besaß) nach 1314, Sohn des Nicola P. Das Geburtsdatum P.s ist nur annäherungsweise daraus zu errechnen, daß er seit dem 29. 9. 1265 bzw. 1. 3. 1266 als Gehilfe des Vaters an der Kanzel des Doms zu Siena mitarbeitet (s. unter Nicola P.). Dort ist er bis 1269 tätig; 1278 verzeichnet ihn die Inschrift des Brunnens von Perugia neben dem Vater, also hier in selbständiger Stellung, als sculptor, und ein Adlerrelief dort ist ausdrücklich als sein Werk bezeichnet. Voir 30. B. 1287 bis zum 5. 12. 1295 (vgl. Frey, Vasari, p. 893) ist er mit Unterbrechungen in Siena nachweisbar, wo er Bürger wird und später Haus u. Land besitzt. Sehr schwierig ist die Beantwortung der Frage nach dem Datum seines ersten Auftretens in Siena u. semer Heranziehung zu den Domarbeiten. Milanesi (Doc. sen., I 162) hat die Urkunde seiner Einbürgerung auf das gleiche Jahr 1284 datiert, in dem der Bau der Domfassade beschlossen worden ist; dagegen hat Frey (Vasari, 752, Anm.) die Niederschrift dieser Urkunde auf die Zeit um 1287/88 festlegen wollen. In der Tat ist P. neuerdings am 13. 3. 1284 in Pisa nachgewiesen worden (Bacci, Marzocco, 4. 2. 1912, u. Dedalo, I 321); das von Venturi (Giov. Pis., 1928, p. 5) mit 3. 12. 1284 angegebene Datum der Sieneser Urkunde betr. Niederlegung eines Hauses "per † arvi legradinate della chiesa" inAnwesenheit von G. P. ist von Frey (Vasari, p. 846 Anm.) 3. 12. 1294 gelesen worden. In jener Einbürgerungs-Urkunde wird nun P. nicht als Dombaumeister bezeichnet, sondern nur als "magister Johannes filius quondam magistri Nichole." Noch am 25. 11. 1288 heißt er nicht Dombaumeister; und wenn damals Ramo di Paganello Arbeit am Dom nur unter der Bedingung bewilligt wird, daß er sich in P.s Arbeiten nicht einmische, außer wenn dieser es wünsche (Milanesi, Doc. sen., III 273), so könnte man gerade aus dieser aus. drücklichen Klausel schließen, daß P. noch nicht Dombaumeister war. Erst am 17. 7. 1290 heißt er "magister operffs beate Virginis Marie et Capus inagistrorum dicte opere" und erhält Straffreiheit, weil er bei einem "opus jam per eum inceptum" dringend benötigt wird (Milanesi, Doc. sen., I 161). Sieneser Urkunden von 1296 (wo er noch Capomaestro des Doms heißt, Rep. f. Kw., XXX 193) und 1298 (Hausbesitz) beweisen schon nichts mehr über seinen damaligen Aufenthaltsort (Frey, Vasari, p. 852 u. 845). Schon 1295 (Pecchiai nach Barsotti in Misc.d'erudizione, I [1905] 44ff., und Bacci in Dedalo, I 321) ist P. am Baptisteriurc zu Pisa beschäftigt, u. am 14. 12. 1297 ist er, wohl schon als Dombaumeister, dorthin übergesiedelt (Centofanti, Not. etc., p. 394). Am 15. 3. 1298 gibt er ein Gutachten über den Campanile ab (Pecchiai a. a. O. p. 101); im gleichen Jahre (Juni) arbeitet er Elfenbeinwerke f. den Dom(die Urkunden bei Supino, Arte Pisana, p. 136ff.). 1301 beendet er (laut Vasari nach 4jähriger Arbeit) die Kanzel in S. Andrea zu Pistoja (Inschrift); 1302/10 (Urkunden u. Inschriften) arbeitet er an der Kanzel des Pisaner Doms. Am 15. 2. 1303 übernimmt er die künstlerische Ausbildung des (neben vielen an der Kanzel mittätigen) Andrea (Andreuccio) di Simone (Barsotti a. a. O. p. 95ff.). Um 1312/13 muß die ursprünglich über der Porta Ranieri des Pisaner Doms aufgestellte, inschriftlich gesicherte Gruppe der Madonna zwischen "Pisa" u. Heinrich VII. entstanden sein, da dieser dort als Kaiser bezeichnet wird. \'om ^_5. B. 1312 ist P.s Quittung an den Kaiser über eine Zahlung betr. sein Grabmal der Königin Margarete datiert (Frey, Vasari, p. 747). Ans 9. 3. 1314 ist P. noch einmal in Siena bezeugt, ohne als Dornbaumeister bezeichnet zu werden (Davidsohn, Rep. f. Kw. XXX 193); das ist das letzte, was wir von ihm wissen; daß in Pisa 1315 Tino di Camaino Dombaumeister wird u. Heinrichs VII. Grabmal arbeitet, muß nicht (vgl. Dedalo, I 318) auf P.s Tod deuten, da er anscheinend in Unfrieden von Pisa fortgegangen ist (s. u. bei Bespr. d. Pisaner Kanzel). In G. P. vollendet sich die vom Vater begründete u. weit geförderte Gotisierung der toskan. Plastik. In den Kanzeln von Pistoja u. Pisa setzt er Nicolas Kunst (Siena, Perugia) unmittelbar fort u. steigert sie im Geistigen zu freierer u. feurigerer dramatischer Wucht und psychologischer Konzentration, im Formalen zu einer an der französ. Hochgotik geschulten, doch gedrängteren u. kühneren Interpretation der Aktionseinheit in Einzelfigur u. Komposition, im Technischen zu größerer Geschmeidigkeit der Marmorbehandlung; daneben führt er zu gleicher Höhe die eigentliche Monumentalskulptur in den Figuren der Sieneser Domfassade u. den Madonnen(gruppen). Sein Weg führt hier - soviel kann man trotz aller Meinungsverschiedenheiten über die Chronologie (s. u.) sagen - von einer relativ bewegungsarmen, französ. Formen befangen folgenden Körperinterpretation (Campo Santo-Madonna) über spezifisch hochgotisch-vertikalisierende u. scharfkantige Formen (Elfenbein- u. Arenamadonna) zu einem sparsamen, massenbetonenden Spätstil von größter Wucht (Ranieritor-Madonna, Grabmal). Bei aller Verbindung mit französ. Form ist allenthalben eine ganz unfranzösische, an Hellenistisches erinnernde Leidenschaftlichkeit des Ausdrucks ein Charakteristikum seiner Kunst. Werke: A. Die Kanzeln. Die Kanzel in S. Andrea in Pistoja ist eine bescheidenere, aber sowohl in Architektur wie in Plastik systematischer gotisierte Fortbildung derjenigen von Siena, an der G. als Lehrling mitgearbeitet hatte (s. u. N. P.). Die Inschr. nennt ihn mit Ruhm als Schöpfer u. gibt das Datum 1301. 1837 nicht ganz richtig u. vollständig wieder zusammengesetzt. Hauptwerk des mittleren Stils, stärkste Annäherung an hochgotische Schlankheit, Kantigkeit u. Präzision des Details. Die Kanzel ins Dom zu Pisa ist die reichste, im Aufbau komplizierteste unter allen 4 von den P. geschaffenen, dabei eins der eindrucksvollsten Beispiele für die Einheit mittelalterl.-kirchlicher Gedankenwelt. Die nach Berichten des 17. Jh. rekonstruierbaren Inschriften nennen Meister u. Datum u. spielen auf urkundl. nachweisbare Unstimmigkeiten zwischen P. u. dem Operaio an, die zum baldigen Fortgang P.s von Pisa beigetragen haben mögen. Nach völliger Auflösung anläßl. des Dombrandes 1595 ist die Kanzel 1926 durch Pèleo Bacci (s. Lit.) in meisterhafter Weise rekonstruiert u. im Dom wiederaufgestellt worden; von wichtigen Teilen fehlen nur 3 Sibyllen (2 davon in Berlin, K. F. M.) und die 3-Evangelisten-Gruppe, während das Lesepult (Adler - 4. Evangelist) sich erhalten hat (das Fragment eines anderen im Domchor, das des K. F. M., Berlin, nicht zugehörig, wenn auch wohl von G. P.); 2 Engelgruppen vom Jüngsten Gericht (ursprüngl. zwischen Reliefs) im Metrop. Mus. New York (F. Fried, Strzygowski-Festschrift, 1932 p. 54ff.). Selbstbildnis des knieenden G. P. neben dem Joh. Ev. am Sockel. Gegenüber Pistoja in den Reliefs "malerischer", breit-abkürzender, in den Freifiguren massenbetonender, den weiteren Spätwerken sich nahernder Stil. An einigen Teilen Gehilfenarbeit. B. Die Madonnen. Über ihre Chronologie herrscht 99 7* Pisano große Unstimmigkeit selbst bei den kompetentesten Forschern. Als Frühwerk fast allgemein anerkannt ist die Halbfigur im Campo Santo in Pisa, die von einer kleinen Tür am Dorn (Westseite des Südquerschiffs, nicht Porta S. Ranieri, Weinberger p.171) stammt. Ihre Datierung schwankt zw. "um 1270" (Weinberger) u. "1285/90" (Justi, Swarzenski); nur Bacci (Dedalo, I 318) identifiziert sie - gewiß fälschlich - mit einer 1302 von einem Vannida Siena vergoldeten u. glaubt sie damals entstanden. Gerade diese Madonna zeigt engen Anschluß an Pariser Kunst (Grab der Constance d'Arles in St-Denis), so daß ein vorhergehender Aufenthalt P.s in Paris vorgeschlagen wurde (Weinberger: noch vor Perugia, doch kommt auch die Zeit nach 1278 bis ca. 1284 in Frage, da P. mit dem Bau des Campo Santo nichts zu tun hat, s. u.; die Inschrift der Pisaner Kanzel nennt P. weitgereist). Die Datierung der bez. Arenamad. in Padua (zwischen 2 G. P. sehr nahen Engeln) schwankt meist nur zwischen 1303 u. 1308; A. E. Popps Ansetzung "um 1280" ist undenkbar angesichts der Erbauung u. Ausschmückung der Kap. i. d. Jahren 1300/03 (durch Enrico Scrovegni) u. des Stils, der die Statue aufs engste mit'den Kanzeln, bes. der "Chiesa" der Pisaner verbindet. Fest auf 1298 datiert (die Urkunden [s. o.] nicht darauf zu beziehen [Justi], ist nicht statthaft) ist die Elfenbeinstatuette im Dom zu Pisa, die - selbst auf die Mad. v. Nordquerhausportal von Notre-Daine in Paris zuruckgehend - stilistisch durchaus die Vorstufe zur Arenamad. bildet u. mit ihr u. der Pistojeser Kanzel den mittleren Stil repräsentiert. Fest auf 1312/13 datiert (s. o.) ist sodann der von Weinberger wiedergefundene Torso der sitzenden Mad. (nebst der vielleicht nicht eigenhändigen "Pisa"; der Kaiser verloren) von der Porta S. Ranieri des Pisaner Doms (jetzt im Campo Santo); hochbedeutend als Vertreterin des Spätstils neben den Grabmalfragmenten. Am meisten strittig bleibt trotz dieses stilist. Gerüsts die Datierung d. Mad. am Baptisterium in Pisa u. die der Alabastermad. im Dom zu Prato. Die erstere (Sauerlandt: 1278/83, Frey u. Weinberger: 1295 [Beurlaubung P.s von Siena an das Bapt.], Justi u. Swarzenski: um 1304, Popp: um 1310) stellt die Frage: noch "jugendliche" Breite oder schon "Alters-Breite", vor oder nach der Hochgotik des mittleren Stils, so daß die Daten 1295 u. 1304 (wofür der Stiftername "Petrus" spricht, vgl. Supino, Arte pisana, p. 142) in engerer Wahl bleiben. Die Alabastermad., in jeder Beziehung stilistisch exzeptionell (während die andere ein vielimitiertes Ideal des Trecento wird), wird ganz fruh (Justi, Swarzenski) u. ganz spät (Sauerlandt, Weinberger) angesetzt; die Daten des Prateser Dombaues u. stilist. Erwägungen lassen die späte Ansetzung nahezu gesichert erscheinen. Weitere Werke. Ober den Brunnen von Perugia s. u. N.P. Einige Figuren der Sieneser Domfassade (Siby;le, Propheten, Tiere) geben sich - abgesehen von der Architektenfrage, s. u. - stilistisch einwandfrei als Meisterwerke G. P.s zu erkennen. Ihre Datierung in die Dombaumeisterzeit, also um 1287 (1284?)-1295, ist ziemlich allgemein u. für das meiste einleuchtender als die "nach 1314" (Popp; gleiche stilist. Alternative wie bei der Baptistertunrsmadonna!). Hauptwerk der Spätzeit (1312) ist das fragmentarisch erhaltene Grabmal der Kaiserin M argare te (Auferstehung der Toten zwischen 2 stützenden Engeln), ehem. in S. Francesco di Castelletto in Genua, jetzt im Pal. Bianco dort. Werkstatt- u. Schulgut, Zweifelhaftes. Zu Siena (Kanzel), Perugia (Brunnen), Pistoja(Weihwasserbecken), s. u. N. P. Unter den Skulpturen an der Außenseite des Baptisteriums in Pisa (heute z. T. im Museum) befinden sich neben älteren der Nicola-Schule ri. späteren von Giovanni-Nachfolgern einige, die G. selbst sehr nahe stehen, aber keinesfalls so früh sind, wie sie Bacci u. Marangoni ansetzen (1277-84), sondern wohl aus der Pisaner Dombaumeisterzeit (1297ff.) stammen. G. nahe stehen auch die Atlanten des westl. Südportals v. S. Quirico d'Orcia (dies Portal ist nicht 1298 datiert, vgl. Miscellanea d'arte, 1903) u. eine Figur am Giebel des Doms zu Massa Marittima (s. unter E). Mindestens in die nächste Umgebung G. P.s gehören der Kruzifixtorso aus Buchsbaumholz u. der marmorne Engeltorso in Berlin, K. F. M. (I. Nr 3003 u. 2645). Werkstattgut sind die Begleitfiguren der Baptisteriurnsmadonna in Pisa. Im übrigen sind "Werkstatt" u. "Schule" im weiteren Sinne heute noch nicht eindeutig zu scheiden; G.s Kunst ist von weit stärkerer und breiterer Wirkung gewesen als die N.s, namentlich in Pisa u. Siena (wichtige Stilaufnahme u. -umbildung bes. durch Tino di Camaino), u. erst Andrea Pisanos Kunst wirkt wieder ähnlich stark stilbildend ein (vielfältige Mischungen beider Einflüsse im ganzen Trecento). Manche typische Schulwerke gelten noch heute als Arbeiten G.s; mehrere Beispiele in Venturis Monographie (z. B. der hl. Andreas über dem Portal von S. Andrea in Pistoja - Weiterbildung eines Kanzelpropheten -, weitere Statuen an der Sieneser Domfassade, Köpfe am späteren Erweiterungsbau des Campo Santo in Pisa usw.). Auch die von Justi u. Swarzenski gegen Sauerlandt u. a. als Fruhwerk des G. P. verteidigte Mad. in Berlin (K. F. M.) ist als Werk eines Nachfolgers anzusehen (nicht von Tino di Camaino; verwandt eine Mad. im Mus. Guinigi in Lucca). Weitere falsche Zuschreibungen häufig von Vasari bis heute (z. B. Art in America, 9 [1921] 109ff.; Dedalo, 1 [1920/21] 361ff.; Riv. d'arte, 13 [1931] 215ff.). E. Als Architekt ist G. P. bestimmt tätig gewesen, wie seine Stellung als Dombaumeister in Siena u. Pisa beweist; doch ist es heute noch unmöglich, seinen Anteil genau zu bezeichnen. Trotz der Schwierigkeiten in der Interpretation der Urkunden über die Sieneser Domfassade (s. o.) kann ihm deren Entwurf u. Ausbau bis in die Höhe der Portalabschlüsse bzw. der besprochenen Figuren mit Sicherheit gegeben werden, nicht nur wegen der unzweifelhaften Eigenhändigkeit der Figuren, sondern auch wegen der unvergleichlichen plastischen Kraft der darin dokumentierten Architektenphantasie; dazu paßt gut die Erwähnung des "opus jam per eum inceptum" in der Urkunde von 1290 (s. o.). Was in Pisa am Dom u. Baptisterium auf ihn zurückgeht, ist noch nicht ermittelt. Völlig zu trennen ist sein Name - trotz hartnäckigster Einbürgerung in der Lit. - von dem laut Inschr. von einem Magister Johannes 1278 (neu-) erbauten Campo Santo in Pisa, als dessen Architekten Bacci (Dedalo, I [1920/21] 311 ff. m. d. älteren Lit.) überzeugend den von 1260 bis 1286 als Dombaumeister tätigen Giovanni di Simone nachgewiesen hat; dagegen werden soeben von W. Paatz (Aufsatz in Vorbereitung) Fassadenkrönung und Chor (dort die Inschr. J. ...s Pisanus u. das Datum 1287) des Doms von Massa Marittima mit gewichtigen Gründen als eine an Nicola P. (s. u.) sich anschließende Schöpfung G. P.s von beträchtlicher Tragweite für die toskan. Arch. des 14. Jahrh. in Anspruch genommen. Lit.: I. Urkunden, s. Text. II. Allgemeines: Gemeinsame Abhandlungen über Nicola und Giovanni P. s. u. Nicola P. - L. J usti, G. P. u. d. toskan. Skulpturen d. 14. J. im Berliner Mus., in Jahrb. d. preuß. Ksmlgn, 24 (1903) 247ff. - M. Sauerlandt, Ober die Bildwerke des G. P., Düsseld.-Lpzg 1904. - G. Swarzenski, Neuere Lit. über G. P., in Kstgesch. Anzeigen, 2 (1905) 33ff. - A. Venturi, Storia dell'arte ital., IV (1906); ders., G. P., s. Leben u. s. Werk, Münch. 1928. III.Einzelnes: Pèleo Bacci, La ricostruzione del pergamo di G. P. nel duomo di Pisa, Mail. 1926 (m. d. ges. ält. Lit. darüber). - Art in America, 15 (1926/7) 3ff. - E. YbI, Nuove ricerche intorno la madonna d'avorio di G. P., in: Corvina (Budapest), 1 (1921) 72ff. - M. Weinberger, Eine Mad. v. G. P., in Jahrb. d. preuß. Ksmlgn, 51 (1930) 165ff. - Monatsb. f. Kstwiss., 6 (1913) 402ff. - Boll. d'arte, 9 (1915) 175f., 214f., 264ff. - Salmi, L'Architettura romanica in Toscana, 1927. IV. Zweifelhaftes u. Schule (vgl. auch Text): Arte antica senese, 1 (1904) 398f. - Arch. stor. dell'arte, 6 (1893) 325f f. - L'Arte, 7 (1904) 4ff., 209ff.; 25 (1922) 207ff.;26(1923)187ff.; 34(1931)195ff.(Marangoni); 35 (1932) 257ff. (Marangoni; Mad. v. d. Porta Ranieri zu Unrecht bezweifelt; vgl. dazu Zeitschr. f. Kstgesch., 2 [1933] 51); 36 (1933) 83ff. (Valentiner). - Art in America, 11 (1922/23) 275ff. (Valentiner). - The Art Bull., 9 (1927) 177ff. (ders.). - Zeitschr. f. b. Kst, N. F. 31 (1919/20) 111ff. - Rass. d'arte, 11 (1911) 127ff.; 18 (1918) 144. - Mitt. d. Ksthist. Inst. Florenz, 3 (1919/32) 359. - [Bellini-Pietri,] Cat. d. Mus. civ. di Pisa, 1906, p. 5/21. - Jos. Breck, Cat. of rom., gothic a. Renaiss. Sculpt. Metrop. Mus. New York, 1913. Wolfgang Stechow.