Pontormo, Jacopo (Jacopo [Carrucci] da; il Pontormo), ital. Maler, Zeichner, *24./25.5.1494 Pontormo/Empoli, †31.12.1556/1.1.1557 Florenz.
Pontormo, Jacopo
Abgesehen von einem Besuch in Rom arbeitet P. v.a. in und um Florenz, wo er sich seit 1503 aufhält und seit 1508 ausgebildet wird. Er verliert früh seine Eltern; der Vater, Bartolomeo di Jacopo di Martino, ist ebenfalls schon Maler, ausgebildet von Domenico Ghirlandaio. P. arbeitet Zeit seines Lebens für die führenden Fam. von Florenz, v.a. die Medici, und gilt zus. mit anderen zeitgen. Künstlern, z.B. Rosso Fiorentino, Francesco Salviati oder Giorgio Vasari, als bed. Vertreter des Florentiner Manierismus als einer Zeit des künstlerischen, soz. und polit. Umbruchs. Aus der Spätphase seines Lebens ist ein Tagebuch (heute Bibl. Naz. Centrale di Firenze) überliefert, in dem P. detaillierte Aufzeichnungen über seine Arbeit, Gesundheit und seine Nahrungsaufnahme auflistet. Er stirbt A. 1557 in Florenz und ist in SS. Annunziata beerdigt. - Der junge P. wird 1508 von der Großmutter dem magistrato dei pupilli anvertraut und erhält seine anfängliche künstlerische Ausb. vermutlich von Leonardo da Vinci, Piero di Cosimo und Mariotto di Biagio di Bindo Albertinelli. 1512 tritt er der Wkst. von Andrea del Sarto bei und führt noch während seiner Ausb.-Zeit mit Rosso die Predella für del Sartos Verkündigung in S. Gallo aus (Florenz, Gall. Palatina). Unter den ersten eigenständigen Aufträgen befinden sich 10 Karnevalswagen für die compagnia del Broncone und für die del Diamante sowie das Wappen von Papst Leo X. auf der Fassade von SS. Annunziata flankiert von einer Fides und Caritas mit putti, das laut Vasari den Neid del Sartos herausfordert und von Michelangelo sehr gelobt wird. Die frühen Werke zeigen dabei durchaus noch den Einfluss seiner Lehrmeister, doch entwickelt sich P.s Stil schnell in eine Richtung, die über expressive Farben, ungewöhnliche Posen und langgestreckte, fast schwerelose Körper für Aufsehen sorgt. Die ihm eigene künstlerische Eleganz geht dabei sowohl mit der all'antica Monumentalität Michelangelos als auch mit den Passionsszenen Albrecht Dürers bisweilen interessante Verbindungen ein und spiegelt, wenn viell. auch nicht unbedingt spezifische Ereignisse wie den Sacco di Roma (1527), die zerrissene intellektuelle, polit. und relig. Atmosphäre aus der 1. H. des 16. Jh. wider. Die nächste künstlerisch-freundschaftliche Beziehung verbindet P. mit dem fast gleichaltrigen Rosso und mit seinem Hauptschüler Agnolo Bronzino, während die Konkurrenz zu Vasari und dessen harsches Urteil in den Viten dazu führen, dass P.s Werke erst seit A. des 20. Jh. wieder mit Interesse wahrgenommen und diskutiert werden. Unter den frühen Hw. ist v.a. die Dekoration der Päpstlichen Kap. in S. Maria Novella zu nennen, deren Fresken für den Besuch von Leo X. am 30 Nov. 1515 ausgef. wurden. P. erhielt den Auftrag für eine Veronika in der Lünette über dem Altar und für neun Bilder von Gottvater mit Putti für die Decke der Kapelle. Zur selben Zeit arbeitete P. auch an einem Triumphbogen für den päpstlichen Einzug und in beiden Fällen bezeugt die angewandte Monumentalität die mögliche künstlerische Inspiration durch Michelangelo, evtl. zus. mit dem Wunsch und Einfluss des Auftraggebers. Als P. im Kreuzgang von SS. Annunziata von 1514 bis '16 an einer Heimsuchung arbeitet, kehrt er zwar z. T. zu den künstlerischen Vorbildern seiner Lehrer sowie zu Florentinischen Trad. zurück, doch umgibt er sie bereits mit einer unruhigen Aufbruchsstimmung, die bald zu seinem Markenzeichen werden soll. Auch das Pucci-Altarbild, das P. 1517/18 für die Florentiner Kirche S. Michele Visdomini anfertigt, weist bereits in diese Richtung und markiert einen wichtigen Abschnitt in P.s Schaffen. Vasari bezeichnet es als P.s Meisterwerk. P. fertigte Zeit seines Lebens Porträts an, die allerdings nicht immer eindeutig zugeordnet werden können. Für die Dama con cestello di fusi (ca. 1518, Florenz, Uffizien, gelegentlich auch del Sarto zugeschr.) ist dabei interessanterweise Margherita Acciaioli Borgherini als Modell vorgeschlagen worden, an deren Hochzeitskammer im Pal. Borgherini in Florenz (Baccio d'Agnolo, Borgo Santi Apostoli) P. neben del Sarto, Francesco Ubertini und Francesco Granacci mitarbeitet. Die Dekoration bestehend aus 14 Gem. mit Szenen aus dem Leben Josephs (vier von P. sind in London, NG) zeigt bereits den großen Einfluss nord-europ. Mal- und Zeichenkunst auf die Florentiner Malerei. Nicht zuletzt über Zchngn und Drucke (Lukas van Leyden; Dürer) sind die führenden Florentiner Bankiers-Fam. durch ihre Geschäfte im Norden Europas und durch ihre polit. Beziehungen zum Hl. Röm. Reich in Berührung gekommen. Eine der Konstanten von P.s Schaffen ist die Patronage der Medici, v.a. durch Papst Leo X., aber auch von and. Mitgl. der Familie. Nachdem die Fam. mehrere Male vertrieben oder ins Exil geschickt worden ist, zuletzt 1527, kehrt sie 1530 nach Florenz zurück und herrscht dort (durch Heirat mit den Habsburgern verbunden) fortan in offizieller Rolle. Der neue Hof und seine sich entwickelnde Kultur werden durch die Künste und Wiss. unterstützt, die versuchen, die Machtansprüche der Medici zu untermauern. P. malt das posthume Porträt Cosimos d. Ä. (ca. 1519, Uffizien) mit zahlr. symbolischen Anspielungen zur unausweichlichen Herrschaft dieser Familie. Er bildet mehrfach Herzog Alessandro de' Medici (1534/35, Chicago, Art Inst.; Philadelphia, MoA; Florenz, Uffizien), Maria Salviati (ca. 1539, Baltimore, Walters AM; 1543-45 Florenz, Uffizien) und auch ihren Sohn Herzog, später Großherzog Cosimo I ab (1537, Florenz, Gall. Palatina). In etwa zur selben Zeit entsteht die Anbetung der Könige (1517-23, Florenz, Gall. Palatina), die P. laut Vasari für die anticamera von Giovanni Maria Benintendi nach dem Borgherini-Auftrag und vor den Fresken in Poggio a Caiano anfertigt. Auch hier arbeitet P. gemeinsam mit anderen Künstlern seiner Zeit, Ubertini, Franciabigio, an einer Ser. von Gem. zum Thema des Lebens von Joh.Bapt. Die längsrechteckige Komp. stellt die Ankunft der Könige und Verehrung des Christkinds in einer dichtgedrängten Gruppe vor einer Lsch. mit Archit. dar. Vorhandene Einflüsse Ghirlandaios, Lippis und v.a. Leonardos aus dem 15. Jh. sind vitalisiert und verändert durch nördliche Drucke. Die bukolische Lünette all'antica der Medici-Villa in Poggio a Caiano (ca. 1519-21) ist dagegen erstaunlich entspannt und natürlich. Normalerweise beschrieben als Vertumnus und Pomona, ist die Szene auch als Ill. einer Komödie von Jacopo Nardi betitelt als I due felici rivali interpretiert worden. Falls dem so ist, wäre es eine Anspielung auf den Auftraggeber Giuliano und seine Heiratsprojekte. Nach dem Tod Leos X. wird das Projekt des großen Saals der Villa unterbrochen, doch schon von Papst Clemens VII wiederaufgenommen. P. ist auch an der Ausgestaltung des restlichen Saals beteiligt. Während einer Pestepidemie verlässt P. Florenz in der Ges. seines Schülers Bronzino und arbeitet in der Certosa von Galluzzo (1523-25) an einer Reihe von Fresken mit Passionsszenen, die urspr. im Kreuzgang der Kartause ausgestellt werden, doch wegen ihres schlechten Erhaltungszustandes inzwischen von der Wand entfernt und innen in Sicherheit gebracht sind. Laut Vasari stehen auch diese Szenen in nördlicher künstlerischer Trad. verbunden mit reformatorischer Heterodoxie und bilden einen "point of no return" im Werk von P. Zu dieser Gruppe von Kunstwerken gehört auch das Gem. Christus und die Jünger in Emmaus (1525, Öl/Lw., Florenz, Uffizien) aus den Gastquartieren der Kartause, das zwar weniger als die and. Fresken des Kreuzgangs Dürer zum Vorbild nimmt, doch ebenfalls auf einem Druck aus dessen "Kleiner Passion" basiert. Die Komp. und der Gebrauch des Lichts bestätigen dies, wenn auch Vasaris Urteil, das in diesen Werken einen anti-klassischen "deutschen" Stil im Kontrast mit Florentinischer Lieblichkeit sieht und dies dem Künstler vorwirft, nicht unbedingt nachzuvollziehen ist. Schon 1525 kauft Lodovico Capponi eine Kap. in S. Felicita in Florenz, um sie als Grabstätte für sich selbst und seine Fam. ausstatten zu lassen. Die Aufträge für die Wände, das Altarbild, die Kuppel und Zwickel gehen an P., während die Buntglasfenster von Guillaume de Marcillat übernommen werden. Zwar werden Gottvater und die Vier Patriarchen auf der Kuppel später bei Umbauarbeiten zerst., doch der Rest der Ausstattung (Fenster, Fresken, Altarbild und Tondi) erzählt in einer ungewöhnlichen Kombination nicht die einfache Gesch. von Kreuzabnahme und Beerdigung, sondern beziehen sich auf die Worte Jesu im Johannes-Evangelium (6, 51), wo er sich als lebendiges Brot des Himmels bezeichnet. Hier entfaltet sich zw. der Verkündigung und mithilfe von drei Szenen vom E. seines Lebens das Versprechen Jesu als Brot des Altars, der geistigen Nahrung für das ewige Leben. Im Altarbild schließt P. sein eigenes Porträt rechts oben mit ein. Mindestens einer der Evangelisten (Hl. Markus oder Hl. Lukas?) ist dabei wohl schon von einem jungen Bronzino ausgeführt. In der Pieve di Carmignano kehrt P. gegen E. der 1520er Jahre zu einem Thema vom A. seiner Ausb. bei del Sarto zurück, gibt ihm aber eine neue, ungewöhnliche Interpretation. Die Heimsuchung (Öl/Holz, ca. 1528/29, Carmignano, SS. Francesco e Michele) zeigt die Hl. Elisabeth in grüßender Umarmung mit der Madonna vor zwei weiteren Frauen, die aus dem Bild herausblicken, und dahinter eine tiefe Straßenschlucht mit Pal.-Archit. und blauem Himmel. Die beiden Frauen im Hintergrund (Gefährtinnen ähnlichen Alters) sind unterschiedlich interpretiert worden und die Gesamt-Komp. ist bisweilen mit Dürers Vier Hexen verglichen worden, obwohl es durchaus Ähnlichkeiten zu antiken Reliefs der drei Grazien (z.B. Louvre) und in ihrer fast tänzerischen Darst. auch mit P.s Zchng der Grazien (Florenz, Uffizien, GDS) gibt. Während die Carmignano-Heimsuchung gar nicht von Vasari erwähnt wird, ist P.s Gesch. der 10.000 Märtyrer (Öl/Holz, Gall. Palatina, 1529/30) dort beschrieben. Das Gem. erzählt die Legende der Taufe des Hl. Acacius und seiner Soldaten zu Zeiten Hadrians sowie von ihrer Rebellion und dem kaiserlichen Befehl, den neuen Glauben aufzugeben. Am E. steht im Hintergrund - gegenüber der Taufszene - die Massenkreuzigung der 10.000. Geschaffen zur Zeit der letzten Florentiner Republik, evtl. erst während der Belagerung von 1530, die die Medici mit kaiserlicher Unterstützung für die nächsten Jh. an die Regierung bringt, ist das Bild mit dem naheliegenden polit. Kontext verbunden worden. Allerdings werden solche Szenen nicht nur in Florenz um 1530 dargestellt, und P.s Gebrauch von Florentiner Bildquellen muss auch nicht unbedingt als anti-mediceisches statement verstanden werden. Das Gem. ist ein Auftrag der Schwestern des Hospitals der Innocenti. Zwei Projekte aus der Spätzeit von P.s künstlerischer Tätigkeit, ab den 1540er Jahren, zeigen ihn sowohlals Hofkünstler der Medici als auch im Spannungsfeld zw. einem erneuerten "Michelangelismus" sowie im steten Kontakt und Austausch mit nord-europ. Ideen und Techniken. Die seit dem 18. Jh. verlorenen Fresken im Chor der Medici-Hauskirche S. Lorenzo spielen eine bes. Rolle, da in ihrem Fall P. nicht nur künstlerische, sondern auch relig. Ketzerei vorgeworfen wird - mit negativen Implikationen für den Auftraggeber Cosimo I. Dagegen sind die Entwürfe für Wandteppiche für die Halle der 200 im Pal. Vecchio (nach 1545) ein Versuch, der kaiserlichen Hofkultur und der fläm. Tapisserie-Industrie nachzueifern. Dieses Unternehmen wird ebenso kontrovers beurteilt und in den Viten hauptsächlich als Misserfolg dargestellt. 1545 beschließt Herzog Cosimo, nach fläm. Regeln eine Tapisserie-Manufaktur in Florenz zu gründen, ähnlich wie sie von Karl V. in Brüssel betrieben wird. Dazu werden fläm. Weber, Jan Rost und Nicolas Karcher, nach Florenz geladen, um die Entwürfe von P., Ubertini, Bronzino und Salviati in dieses Luxusmedium umzusetzen. Der Majordomus und ehemalige Lehrer Cosimos, Pierfrancesco Ricci, scheint bei der Auftragserteilung eine entscheidende Rolle zu spielen. Obwohl die ersten Experimente mit einem neuen, fremden Medium nicht von Erfolg gekrönt sind, werden weiterhin ganze Ser. von Tapisserien in Auftrag gegeben und ab 1546 arbeitet P. zus. mit Bronzino und Salviati an den Entwürfen für Wandteppiche mit Szenen aus dem Leben Josefs (vgl. die frühere Behandlung des Themas durch P. in der Borgherini-Hochzeitskammer). Gewoben aus Seide und Gold und ausgestattet mit der Inschr. "Fatto in Fiorenza", sollten diese Tapisserien nicht nur Cosimos Weisheit und Großherzigkeit derer Josefs gegenüberstellen, sondern über ein urspr. burgundisches Luxusprodukt die Medici-Herrschaft über Florenz zu konsolidieren und legitimieren helfen. Von P. stammen drei der Entwürfe zu den Josef-Tapisserien, deren ausgef. Version seit dem 19. Jh. am röm. Quirinal bewahrt wird. Während der Herzog (reg. 1537-74) durchaus gelegentlich gegen auswärtige Bestimmungen rebelliert bzw. sie wenn nötig ignoriert, ist er seit der Ermordung seines Vorgängers Alessandro stetig darum bemüht, sowohl mit den jeweiligen Päpsten als auch mit Kaiser Karl V. soweit wie möglich zu einem positiven modus vivendi zu finden. Ziel ist die Konsolidierung der eigenen Herrschaft und der mögliche weitere Aufstieg der Medici innerhalb der europ. Aristokratie. V. a. seit den (späten) 1550er Jahren setzt er dabei zunehmend auf eine größere Nähe zum Papsttum, da er sich davon die Erfüllung seiner polit. Ambitionen verspricht, was zuletzt auch durch die Ernennung zum ersten Großherzog der Toskana erfolgt. Die mediceische Hofkultur passt sich deshalb immer stärker an die gegenreformatorische relig. Orthodoxie an. Dennoch geschieht der Auftrag an P. für die Ausgestaltung des Chores in S. Lorenzo mit Szenen aus dem AT und NT nicht ohne Wissen des Herzogs, der sich auch bei mehrfachen Besuchen in S. Lorenzo über den Fortschritt an den Fresken und deren Darst. informiert. Die Zerstörung der Fresken im 18. Jh. macht die genaue Rekonstr. von Themen, ihrer Verteilung und intendierter Aussage zumindest schwierig, obwohl Zchngn und auch Aufzeichnungen von P. erhalten sind. Problematisch ist dabei auch die negative Beurteilung von P.s künstlerischem Werk durch Vasari, der seit 1555 wieder in Florenz tätig ist und an eine prominente Stelle innerhalb des Hofes aufsteigt. Dies hat dazu geführt, dass P. zwar auf der einen Seite als Medici-Hofkünstler seit 1534 akzeptiert ist, auf der anderen jedoch oft als obsessiver Außenseiter und neurotischer Eigenbrötler gesehen wird. Seine Einschätzung ist bis heute ambivalent, da die bestehenden Quellen (v.a. Vasari) suggerieren, dass Cosimo P. höchstens anderen zu Gefallen beauftrage, was dann zumeist mit einem Misserfolg ende. In der kunsthist. Forsch. zeichnet sich seit dem A. des 20. Jh. eine Wende ab, die Hand in Hand mit der sich ändernden Einstellung zum Stil des Manierismus geht. Vor allem seit den 1960er Jahren und durch verstärkte Arch.-Forsch. erlebt P. zus. mit anderen Zeitgen. eine Rehabilitation, während Vasaris Zuverlässigkeit als Quelle zumindest hinterfragt wird. P.s Zchngn helfen bei der Neueinschätzung nicht nur der beschädigten und zerst. Werke, ebenso wie ein sich wandelnder Blick der Wiss., die immer mehr den künstlerischen Austausch zwischen Nord und Süd innerhalb eines internat. und kosmopolitischen "Age of Exploration" fokussiert, anstatt eine rein ital. Florentiner Renaiss. als Ursprung aller künstlerischen Innovation und Qualität zu akzeptieren.
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Einzelausstellungen:
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Gruppenausstellungen:
2010-11 Zug, Kunsthaus: Linea - Vom Umriss zur Aktion / 2025-26 Freising, Diözesan-Mus.: Göttlich. Meisterwerke der ital. Renaiss..
Thieme-Becker, Vollmer und AKL:
ThB27, 1933
Weitere Lexika:
DEB IX, 1975; DBI XX, 1977; Bauer, GEM VII, 1978; PittItalCinquec II, 1987; DA XXV, 1996
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Onlinequellen:
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Pontormo, Jacopo, eigentl. Carucci (Carrucci), gen. Pontormo, florent. Maler, *24. 5. 1494 Pontormo b. Empoli, begr. 2. 1. 1557 Florenz, Sohn des Ghirlandaioschülers Bartolommeo di Jacopo di Martino C. (†1499; Werke unbekannt). Kam ca. 1507 nach Florenz, war laut Vasari zuerst Schüler Leonardo da Vincis, dann Albertinellis, bei dem er eine kleine Verkündigung (vgl. Vasari) ausführte, die von Raffael gelobt worden sein soll. Arbeitete auch kürzere Zeit bei Piero di Cosimo, dann, seit 1512, bei Andrea del Sarto, der ihn aufs nachdrücklichste beeinflußte u. zur Mitarbeit an seinen Werken heranzog. P.s erste größere selbständige Arbeit war das Wappen Leos X. mit 2 allegor. Figuren an der Fassade der SS. Annunziata (gemalt 1513/14, heute fast erloschen), das allgemein gefiel u. P. einen ähnlichen Auftrag in Pontormo verschaffte (nicht erhalten). Gleich darauf (nach Clapp [s. u.] kurz vorher) entstand eine S. Conversazione (al fresco) für S. Ruffillo (1813 in die Malerkap. der Annunziata übertragen),. 1.515 das pathetische Fresko der Veronika mit dem Schweißtuch in der Papstkap. von S. M. Novella (Lünette). Gleichzeitig war P. mit dekorativen Malereien für Karnevalswagen beschäftigt (ausführl. beschrieben von Vasari). Von Dez. 1514 bis Juni 1516 erhielt P. Zahlungen für sein erstes monumentales Hauptwerk, das Heimsuchungsfresko im Annunziata-Vorhof (80 Lire, nach Vasari 16 Scudi), das kompositionell wie malerisch eine Steigerung des sartesken Stiles zu größter Geschlossenheit u. Wucht bezeichnet. Von 1518 datiert die S. Conversazione für S. Michele Visdomini, nach Vasari P.s schönstes Tafelbild; ca. 1518/19 entstanden 3 Cassonebilder aus d. Leben des hl. Joseph (für Pierfranc. Borgherini), die früher A. del Sarto zugeschrieben wurden. Der gleichen Zeit gehören 2 Fresken der Kirche in Pontormo an, die HH. Michael u. Joh. Ev., ferner die Anbetung der Könige im Pal. Pitti (für G. M. Benintendi gemalt) und einige verlorene Gelegenheitsarbeiten. * Um 1520 tritt P.s Schaffen in eine durch unausgesetztes Ringen mit neuen Problemen u. Anregungen gekennzeichnete Phase, deren erstes Produkt das geistreiche Lünettenfresko in Poggio a Caiano (ca. 1519/21) ist, worin er nach einem Programm des Paolo Giovio Vertumnus u. Pomona, Diana sowie andere Naturgottheiten darstellte, eine Art Allegorie des Landlebens. 1522/24 entstanden die 5 Passionsfresken im Großen Klosterhof der Certosa di Galluzzo, die einen starken Einfluß der Graphik Dürers verraten. P.s Stil nimmt eine Wendung ins Archaisierende, ja vielfach ins Bizarre; charakteristisch dafür sind die überlangen Proportionen der oft steif frontalen Figuren, der seltsam schleppende u. teilweise stark knitterige Gewandwurf, das weiche, helle Kolorit ohne plastische Tiefe. Diesen neuen Stil zeigen das Emmausbild für die Certosa (1528), das Kreuzigungsfresko mit den bil. Julian u. Augustin in Boldrone (1526/28), das Verkündigungsfresko u. das Grablegungs-Altarbild d. Capp. Capponi in S. Felicita (Hauptwerke dieser Phase, ca. 1526/28), die Hl. Anna selbdritt mit 4 Heil. im Louvre (ca. 1527/29), die Mad. mit Kind u. Johannesknaben in den Uffizien, das Martyrium des Hl. Mauritius (Pal. Pitti; kleinere, stark abweichende Variante in den Uffizien) u. die eindrucksvolle, immer noch Dürers Vorbild verratende Heimsuchung d. Pfarrkirche in Carmignano (1528/30). Seit den 1530er Jahren wird Michelangelos Eirrfluß in P.s Schaffen ausschlaggebend, äußerlich angeregt durch die Aufgabe, 2 Kartons des Meisters in Malerei umzusetzen ("Noli me tangere" u. "Venus u. Amor"), sowie durch eine Reise nach Rom (Ende der 30er Jahre). Für Alessandro u. Cosimo de' Medici entstehen Freskodekorationen in den Villen Careggi (1536) u. Castello (seit 1537, beide untergegangen), die nach Vasaris Beschreibung bereits voller michelangelesker Motive gewesen zu sein scheinen. 1546/47 ist die Entstehungszeit für 2 nach Kartons P.s ausgeführte Arazzi mit Darstell. aus d. Gesch. des hl. Joseph, charakteristische Produkte der seltsamen, verquälten letzten Manier P.s, die in den Fresken des Chors von S. Lorenzo (1548/57) ihren Höhepunkt erreicht. Diese Fresken (Szenen aus der Schöpfungsgesch. mit zahlreichen michelangelesken Bewegungsfiguren) sind nur noch aus den zahlreichen Entwürfen u. Studien (meist in d. Uffizien) bekannt, da sie 1742 zerstört wurden. P. ist nicht nur der eigenartigste u. begabteste Fortsetzèr A. del Sartos, sondern wohl auch der letzte hervorragende Vertreter d. florent. Renaiss. überhaupt, wenn auch keine geschlossene, selbstsichere Persönlichkeit, sondern eher ein Experimentierer u. von der Welt abgekehrter Sonderling, der seine schrullenhaften Junggesellengewohnheiten in einem (in d. Bibl. Naz. Florenz aufbewahrten) "Diaritt" Tag für Tag getreu verzeichnet hat. P. war vor allem ein eminenter Zeichner; er pflegte seine Werke in einer Fülle von Vorentwürfen u. geistreichen Einzelstudien sorgfältig vorzubereiten. Kompositionell ließ er sich anfänglich stark beeinflussen durch A. del Sarto, 250 Pontormo auch in der harmonischen Tiefe u. Pracht seines kolorist. Frühstils. Später drängten ihn die Eindrücke der Stiche Dürers u. der Werke Michelangelos aus dieser gesunden, eine ruhige. Entwicklung versprechenden Bahn. Als Porträtist hat er vielleicht das Bleibendste u. Epochalste geschaffen, psychologisch vertiefter als sein Lehrer u. an formaler Geschlossenheit vergleichbar seinem Schüler Broizino. Verz. der Werke (außer den oben gen.): Amsterdam, Reichsmus.: Damenbildnis (Hochoval), früher in d. Oldenburger Gal., uni 1535. - Bergamo, Gal.: Knabenkopf (uni 1530). - Berlin, K. F. M.: Kruzifix mit Maria u. Joh. (kl. Atelier-Wiederhol. d. Boldrone-Freskos). - Bonn, Provinzialmus.: Jünglingsbildnis. - Borgo S. Sepolcro, blnnctcpcn: Hl. Quintinus (von G. M. Pichi beg., aber von P. ganz übermalt, ca. 1520). - Cambridge (U. S. A.), Fogg Mus.: Bildnis d. Franc. Guardi als Hellebardier, um 1531 (von Vasari ere-.). - Ci0à di Castello, Pinak.: Thron. Mad. m. Fill. Sebastian u. Franz, um 1525 (stark ruinierte Werkstattarbeit). - Florenz, Akad.: Das Spital v. S. Matten (Grisaille-Fresko von ca. 1513); Pal. Capponi: Mad. m. Kind u. Johannesknaben, ca. 1518; Marchesi Tolomei 13aldovinetti: Brustbild e. jungen Mannes (ca. 1520); Pal. Corsini: Mad. (Halbfig.) mit Kind u. Johannesknaben, ca. 1528, gl. Sujet (in kleinen, ganzen Figuren); Pal. Davahzati: "Desto da parto" mit Geburt Joh. d. T., ca. 1530; Sig Conte Paolo Guicciardini: Doppelbildnis(ca.f52O), Lautenspieler)ca.1525); Pal. Pitti: Alännl. Profilkopf, ca. 1535; Pal. Vecchio: Fragmente des "Carro della Zecca", 1515, schlecht erhalten; Uffizien: Thronende Mad. mit Franz u. Hieronymus, "Desto da parto", wie im Pal. Davanzati (1526), Brustbild eines Mannes, ca. 1530, Hl. Antonius (40er Jahre), Vertreibung aus d. Paradies, Bildnis d. Franc. dell'Ajolle, Damenbildnis, Venus u. Amor, für Bart. Bettini nach Michelangelo gemalt (ca. 1535), Profilbildnis Cosimos des Alten, oft nachgeahmtes Hauptwerk d. Porträtkunst P.s, obgleich nach einer Medaille geschaffen; Pal. Riccardi (Mus. Mediceo) : Profilkopf Cosimos I. (ca. 1540). - Frankfurt, Städel: Frauenporträt, ca. 1533, ein Meisterwerk lebendigen Ausdrucks u. vornehmer Haltung. - Leningrad, Ermitage: Hl. Familie (als "Rosso fiorentino"), ca. 1530. - London, Nat. Gall.: Joseph in Ägypten (1518/19), Disput von Männern (als "Rosso"), kl. Bild von ca. 1528. - Lucca, Pinak.: Bildnis eines Jünglings in weitem Mantel, ca. 1525, früher Giuliano de' Medici benannt (ein Hauptwerk unter P.s Porträts). - Mailand, Principe Trivulzio: Halbfigur eines Knaben mit Buch, ca. 1522; Sig. Spinelli (1928 verst.): Maria u. Elisabeth, mit den Knaben Jesus u. Johannes, dem Altarbild in S. Michele Visdomini verwandt. - Panshanger, Lady Desborough: Joseph gibt sich den Brüdern zu erkennen, der Bäcker wird zur Hinrichtung geführt, Joseph wird dem Potiphar verkauft (1518/19, vgl. London), "I1 fattore di S. Marco" (? nach Gamba von Puligo, nach Clapp: P. um 1525/30). - Paris, Louvre: Brustbild eines Medailleurs (ca. 1516/18). - Philadelphia, Sig. Johnson: Halbfig. des Alessandro de' Medici, ca. 1535; Sig. Widener: Brustbild einer jungen Dame, ca. 1535. - Rom, Pal. Barberini: Pygmalion u. Galatea (Dekkel des Bildnisses v. Fr. Guardi, s. Cambridge, ca. 1530, nach Vasari von Bronzino ausgeführt); Pal. del Quirinale: Jakobs Klage, Joseph u. Potiphars Weib, Benjamin an Pharaos Hof (Bildteppiche der Florent. Manufaktur, deren Kartons seit 1545 entstanden). P.s Oeuvre ist durch manche irrige oder zweifelhafte Zuschreibungen, namentlich von Bildnissen, getrübt worden. Bei Berenson (s. Lit.) u. Clapp (s. u.) sind u. a. zu streichen: Berlin, frühere Sig Dirksen: Damenbildnis (von Pierfranc. di Jac. Toschi); Genua, Pal. Bianco: Halbfigur eines Jünglings (Vasari?); Paris, Mus. Jacquemart-André: Halbfig. einer Dame; Rom, Gal. Borghese: Bildnis des Kardinals Cervini degli Spannocchi, nachmals Papst Marcellus II. (Daniele da Volterra? Jacopino del Conte?); Wirn, Kunstü. Mus.: Sitzende ältere Dame; früher Sig Yerkes: Sitzende Dame mit Buch. Bei anderen Bildern der Berensonschen Liste aus Privatbesitz bleibe die Autorschaft mindestens dahingestellt. - Ein 1931 v. Th. Agnew in New York ausgestelltes Jünglingsporträt mit Kranz i. d. Händen (Abb. Internat. Studio, Apr. 1931, u. bei Borenius in Pantheon, 6 [1930] 521, vgl. p. 531) rührt von Pierfranc. di Jac. Toschi (vgl. oben) her. Außerordentlich groß ist die Anzahl der Zeichnungen P.s, deren größter Teil sich in d. Uffizien befindet, demnächst im Louvre, in d. Gal. Corsini in Rom, in Stockholm, Wien u. a. O. Vgl. den Kat. v. F. Mortimer Clapp (Les dessins de P., Paris 1914). Ein Verz. der verlorenen Werke P.s in der Monographie Clapps (Jac. Carrucci da P. His Life a. Works, New Haven 1916). Die kritischste Zusammenstellung von P.s Oeuvre in Abb. bei Carlo Gamba, Il Pontormo, Florenz 1921, nahezu frei von irrigen Zuschreibungen, aber nicht vollständig. Von P. angeregt zeigt sich Rosso fiorentino in seinen Frühwerken. Eigentliche Schüler hat er dagegen nur wenige gehabt; außer unbedeutenden Malern wie Lappoli u. Pichi ist Bronzi.o zu nennen, der als Porträtist von ihm stark angeregt wurde, sowie sein eigener Adoptivsohn Battista Naldini, der viel von seinen Zeichnungen lernte, später allerdings ganz unter Vasaris Einfluß kam. In der späteren Florent. Malerei des Cinquecento klingt P.s Stil nur selten nach, u. a. bei Boscoli, der viel nach ihm zeichnete, u. bei Jac. Chimenti da Empoli. Lit.: außer der im Text u. bei Venturi (s. u.) gen.: An t. Fr. Doni, Disegno etc. d. pittura, Venedig 1549. - [Dezallier d'Argenville,] Abrégé de la vie d. plus fameux peintres,1762, I 149/53. - D. Moreni, Delle tre sontuose Cappelle Medicee etc. di S. Lorenzo, Flor. 1813, p. 135. - G. Mancini, Instruz. stor. pitt. etc. di Città di Castello, Perugia 1832, I 142. - G. Campori, Racc. di catal. etc., 1870. - P. Man tzin: Gaz. d. B.-Arts, 1876I158/60. - J. P. Richter, P. picture from Hamilton Palace in the Nat. Gall., in The Academy, 1882 Nr. 541. - I. Lermolieff [G. Morelli], Kstkrit. Stud. üb. ital. Malerei. Die Gal. Borghese u. Doria Panfili in Rom, Lpzg 1890. - Handzeichn. d. ital. Mstr in phot. Aufn. v. Braun & Co. in Dornach i. E., kritisch gesichtet v. G. Morelli (Lermolieff), mitget. v. Habich in Kstchronik, N. F. 3 (1892) 291, 525; 4 (1893) 158, 209. - v. Schleinitz, Die Gem.-Gal. Doetsch in London, in Ztschr. f. bild. Kst, N.F. 9 (1895) 118. - O. Sirén, Dessins et tabl. de la Renaiss. ital. dans les coll. suèdes, Stockh. 1902, p. 46f., 83, 124, 142. - Brogi, Invent. etc. d. prov. di Siena, 1897. - v. Seidlitz, Leon. da Vinci, 1909, II. - Fritz Goldschmidt in Rep. f. Kstwiss., 35 (1912) 559/61 (Bespr. von Ciapp, On certain drawings of P.). - E. Waldmann in Mitt. d. Ges. f. vervielf. Kst, Beil. d. "Graph. Künste", Wien 1913, p. 24f. (Bespr. von Clapp, On certain draw. of P.). - A. Graves, A Cent. of Loan Exhib.,lI(1914). - P. NI uratoff, Die Jugend P.s (russ.), in russ. Ztschr. "Sophia", Moskau 1914, Mai, p. 49/66. - Frimmel, Lex. d. Wiener Gem.-Slgn, 2 (1914) 2, m. Lit. u. Taf. bei p. 8 (Hl. Familie, Slg Gaber, Wien, Zuschr.). - Fr. Goldschmidt, Zeichn. von J. C. d. P., in Amtl. Ber. aus d. preuß. Kstslgn, 36 (1914/15) Sp. 84/93. - L. Planiscig, Zeichn. alter Mstr aus d. Sig des Herrn Stadtrat Ludwig Zatzka, Wien, in: Der Cicerone, 8 (1916) 345f., 348, m. Abb. p. 343f. - H. Voss in: Jahrb. d. preuß. 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