Honthorst, Gerard (Gerrit; Gerrit Hermansz.) van, (in Italien auch: Gherardo delle Notti und [Gerardo] Fiammingo), niederl. Historien-, Genre- und Porträtmaler, Zeichner, *4.11.1592 Utrecht, †27.4.1656 ebd.
Honthorst, Gerard van
Judson und Ekkart (1999) bieten nur einen tabellarischen Lebenslauf. Noch immer die beste Übersicht über H.s Vita liefert Braun (1966), erg. durch M.J. Bok (1986). - H. wurde als Sohn des Dekorationsmalers Herman Gerritsz van H. und Maria Willemsdr van der Halm geboren. Seine Brüder Herman und Willem van H. wurden ebenfalls Künstler. H. ging bei Abraham Bloemaert in die Lehre, bevor er zw. 1610 und 1615 nach Italien reiste. Er arbeitete einige Jahre in Rom und and. Städten. Etliche Dok. bezeugen seinen Aufenthalt, darunter 1617 die Zahlungen für das Altarbild in Santa Maria della Scala in Rom, für das er etwa 80 scudi erhielt, und im selben Jahr der Auftrag für das 1993 zerst. Altarbild für die Guicciardini-Kap. in Santa Felicità in Florenz, das ihm die bed. Summe von 250 scudi einbrachte. Ein Brief des Gelehrten Johan de Wit berichtet von einem Ausflug nach der Via Appia zus. mit H. und Paul Bril. Die wesentliche biogr. Quelle ist Giulio Mancini, der ausführlich über den jungen Maler berichtet. H. spezialisierte sich in Italien auf Nachtdarstellungen mit künstlicher Beleuchtung, weshalb er unter dem Namen Gherardo delle Notti bek. war. H. war mit den wichtigsten Mäzenen in Rom verbunden, unter ihnen Vincenzo Giustiniani, Scipione Borghese und Kardinal Barberini, der spätere Papst Urban VIII. Mehrmals bekam er Aufträge für Altarbilder, doch verkaufte er seine Genrestücke lt. Mancini auch gern an Kunsthändler. Angesichts der großen Aufträge und seiner späteren Karriere ist Mancinis Einschätzung, H. sei ein zurückgezogener und melancholischer Mann, überraschend. Am 26.7.1620 feierte man in Utrecht in einem Kreis von Künstlern und Kennern H.s Rückkehr. Im Okt. 1620 heiratete er ebd. die weitläufig mit ihm verwandte Tochter eines Weinhändlers, Sophia Coopmans. Um 1622 wurde er Mitgl. der Utrechter Lukasgilde. Es ist kein Dok. bek., das dieses oft als Faktum angeführte Datum bezeugt, doch gibt es dat. Werke nach der Italienreise erst seit diesem Jahr. H. betrieb eine große Wkst. mit zahlr. Schülern, zu denen Joachim von Sandrart zählte, der berichtete, dass H. bis zu 100 Gulden Lehrgeld nahm, eine erstaunlich hohe Gebühr. Auch in Utrecht hatte H. bald Kontakt mit wichtigen Sammlern und Mäzenen v.a. auch am engl. Königshof, um die er sich möglicherweise schon von Rom aus bemüht hatte, darunter Dudley Carleton, der Herzog von Arundel, sowie der Herzog von Buckingham. Bereits am 22.6.1621 schreibt Carleton aus Den Haag an Lord Arundel von einem Probegemälde (Aeneas verlässt Troja, verschollen), das H. für ihn ausgef. habe und das er dem Lord schenke. Schon seit 1624 bekam H. Aufträge von Frederick Hendrick von Oranien, der im folgenden Jahr nach dem Tod seines Bruders Maurits Statthalter der Niederlande wurde. Im Jahr 1628 ging H. nach England und malte dort für König Karl I. ein großformatiges Gruppenporträt für das Banqueting House in Whitehall, in dem der Herzog von Buckingham als Merkur die Freien Künste vor den König und die Königin im Gewand von Apoll und Diana führt. H. wurde fürstlich entlohnt. Spätestens bei seiner Rückkehr im Dez. 1628 nahm er in Den Haag Kontakt auf mit dem Winterkönig Friedrich V. von der Pfalz und seiner Gemahlin Elisabeth, der Schwester des engl. Königs. In der Folge erhielt er v.a. Porträtaufträge der niederl. und engl. Fürstenhöfe und dekorierte für den Statthalter die Jagdschlösser in der Umgebung von Den Haag. Offenbar wurde H. dessen Hofmaler, obwohl auch dafür ein Dok. fehlt. Außerdem gab er Louise Hollandine, der künstlerisch begabten Tochter des Winterkönigs, Unterricht. Constantijn Huygens allerdings und Samuel van Hoogstraten übten später harsche Kritik an H.s Produktion und auch an seinem stolzen Auftreten, das sie nicht für gerechtfertigt hielten. Nach H.s Eintritt in die Malergilde in Den Haag 1637 reiste er zw. Den Haag und Utrecht hin und her und blieb erst in den letzten Lebensjahren in seiner Vaterstadt, wo er als wohlhabender und geehrter Mann 1656 starb und in der Catharijnekerk beigesetzt wurde. Die Grabinschrift feierte ihn als Apelles und Liebling der Könige. Die Forsch. hat H.s Porträtmalerei, die über die Hälfte seines Œuvres ausmacht, fast vollständig ignoriert. Noch der erste vollständige Porträt-Kat., den Ekkart 1999 zusammenstellte, wurde von seinem Ko-Autor Judson, der die übrigen Gem. behandelte, nicht zur Kenntnis genommen. Zu dieser ungewöhnlichen Trennung trug auch der harte Schnitt zw. der ital. Zeit, in der H. in erster Linie relig. Werke und Genrebilder schuf, und den höfischen Porträts der niederl. Zeit bei. Die bei höfischen Porträts üblichen endlosen Wiederholungen unterschiedlicher Qualität erschweren die Einschätzung dieses Anteils seines Schaffens bis heute. Als Schüler A. Bloemaerts hatte H. eine solide künstlerische Ausb. genossen, als er nach Italien aufbrach. Angesichts von Rubens' steigendem Ruhm und der Rezeption von dessen Kunst durch A. Bloemaert muss H. wohlvorbereitet gewesen sein auf das, was ihn in Italien erwartete. In Rom schloss er sich den Nachfolgern Caravaggios an, nicht ohne bisweilen kräftige Anleihen bei Annibale Carracci zu nehmen wie etwa für den Altar der Kapuzinerkirche in Albano von 1618, ein Auftrag der Prinzessin Colonna-Gonzaga, oder für die Vision des Paulus in Santa Maria della Vittoria in Rom. H. schuf mit der Enthauptung des Täufers, dem Altarbild in Santa Maria della Scala, um 1617-18 ein erstes Meisterwerk, das bereits zahlr. Merkmale seines Stils aufweist. Es zeigt eine Nachtszene mit künstlicher Beleuchtung durch ein Fackel. Die Gewalt der Handlung, bei der im nächsten Augenblick der Kopf des Hl. auf den Betrachter herunter zu fallen droht, steht in eigenartigem Kontrast zur Härte der Figurendarstellung, die durch präzise Durchführung der Konturlinien und eine gewisse Nüchternheit der Malweise entsteht. Nur in einzelnen Werken sind diese Elemente in glücklicherer Balance, so in Christus vor Kaiphas (London, NG) oder der Artemisia (Princeton). In Kab.-Bildern aber gelingt H. bisweilen eine zarte Einheitlichkeit von Ton, Farbe und Komp., die unübertroffen ist. Hierzu zählen der Hl. Sebastian (London), die Befreiung Petri (Berlin) oder manche Genrebilder. Mit fröhlichen Gesellschaften, Konzerten oder ähnlichen Themen hatte H. sich bereits in Rom beschäftigt. Nach der Rückkehr nach Utrecht reduzierte er die Anzahl der Figuren. Gemeinsam mit Hendrick ter Brugghen und Dirck van Baburen sorgte er für die Verbreitung des lebensgroßen, halbfigurigen Musikantenbildes, das für den Utrechter Caravaggismus char. wurde. Anders als seine Kollegen malte H., vermutlich der Vorliebe seiner Käufer folgend, in erster Linie weibliche Musikanten, auch als Pendants. Auch das Statthalterpaar, Frederik Hendrik und Amalia von Solms, nutzte H.s Dienste. Es entstanden lebensgroße ganzfigurige Doppelbildnisse des Fürstenpaares (Mauritshuis, ca. 1637/38), die ihr Bild für Jahrzehnte prägten. Neben der unübersehbaren Folge von Hofporträts kam es immer wieder, gerade bei den ganzfigurigen Gruppenbildnissen, zu bemerkenswerten Schöpfungen, die allerdings aufgrund ihres Verbleibs in adligem Besitz schwer zugänglich und daher bis heute kaum bek. sind. Die Reihe gipfelt in der über sieben Meter breiten Allegorie auf die Hochzeit des Statthalterpaares im Oranjezaal des Huis ten Bosch von 1650. Nicht selten gelangen H., namentlich im Sonderfach des portrait historié, ausgesprochen belebte Darstellungen. Gibt es aus der Zeit vor 1622 überhaupt keine Bildnisse, so konnte H. nach 1628 auf dieser Gattung eine große Wkst. und letztlich seinen wirtschaftlichen Erfolg aufbauen. - Die Beurteilung der künstlerischen Leistung H.s im Porträt wird erschwert durch die kaum aufzulösende Wkst.-Produktion, die stets eine Beteiligung des Meisters einschloss, welche aber mehr oder weniger groß war. Die Sign. war kein Ausweis der Eigenhändigkeit, sondern das Markenzeichen der Wkst., das sogar in dat. Bildern nach H.s Tod noch auftaucht. Die Einrichtung der Wkst. war für den Erfolg notwendig, da nur sie ihn in die Lage versetzte, die mit großer Unregelmäßigkeit eintreffenden Aufträge zu bewältigen. So malte H. für den Großen Kurfürsten im Sommer 1647 in wenigen Monaten ein Dutzend großformatige Doppelbildnisse des Fürsten und seiner Gemahlin sowie noch zahlr. kleinere Versionen davon. Ein solcher Umfang war nur mit einer großen Wkst. zu bewältigen. Außerdem war eine gewisse Schematisierung, v.a. die Betonung der Linie nötig, da sie eine Wiederholbarkeit garantierte, sodass die Wkst. in der Lage war, qualitativ gleichwertige Repliken und Kopien von H.s ursprünglichen Bildnissen herzustellen. Es zeigt sich, dass dieselben Merkmale, die seinen Nachtstücken Klarheit verliehen, etwa starke Lokalfarbigkeit, Betonung des Umrisses, Innehalten der Bewegung, bei den Bildnissen für eine gewisse Starre und Gestelltheit sorgten. Daher sind es eher die bürgerlichen Porträts, bei denen eine Wiederholbarkeit nicht notwendig war, die bis in die letzten Lebensjahre hinein häufig von großer Lebendigkeit und außerordentlicher Qualität sind (Amsterdam, RM, 1655). Im Gegensatz zu den meisten and. Caravaggisten sind von H. auch Zchngn bekannt.
Einzelausstellungen:
2026 Utrecht, Centraal Mus. -
Gruppenausstellungen:
2019 München, AP: Utrecht, Caravaggio und Europa (K).
Thieme-Becker, Vollmer und AKL:
ThB17, 1924
Weitere Lexika:
Immerzeel II, 1843; Wurzbach, NKL I, 1906; Waller, 1938; Kindler, ML III, 1966; EWA VII, 1971, 604 s; Foskett I, 1972; Bauer, GEM IV, 1977; Bernt IV, 1979; Bernt II, 1980; PittItalSeic II, 1988; Waterhouse, 1988; Dict. de la peint., P. 1991; Weilbach III, 1995; DA XIV, 1996; Stewart/Cutten, 1997; Bénézit VII, 2006
Gedruckte Nachweise:
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